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Die blutige Arena

Vincente Blasco Ibañez: Die blutige Arena - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorVicente Blasco Ibañez
titleDie blutige Arena
publisherEuropäischer Phönix-Verlag
printrunDritte Auflage
translatorStefan Hofer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071206
projectidb4111919
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Die Begleiter des Toreros waren in die Arena geeilt, als harte Schläge an der Puerta de Caballerizos hörbar wurden. Ein Diener näherte sich scheltend. Hier war kein Eingang, die Leute sollten zur anderen Pforte gehen. Doch eine Stimme verlangte draußen dringend den Eintritt und er schloß auf.

Ein Mann und eine Frau traten ein. Es waren Carmen und der Schwager Gallardos. Sie war nach Madrid gekommen, sie konnte es in Sevilla nicht mehr aushalten. Eine schlaflose Woche lag hinter ihr, ihre gequälte Phantasie ließ sie furchtbare Szenen sehen. Ihr frauenhafter Instinkt zeigte ihr eine große Gefahr, die ihre Gegenwart notwendig machte. Sie wußte nicht, mit welchem Vorwande sie ihre Reise begründen sollte oder was sie damit erreichen wollte, aber sie mußte Gallardo sehen, es war jenes zärtliche Verlangen, welches die Gefahr zu verringern glaubt, wenn man in der Nähe der geliebten Person ist.

Das war kein Leben mehr. Sie hatte alle Zeitungen nach dem Mißerfolg Juans am vorigen Sonntag verschlungen. Sie kannte den Berufsstolz des Torero. Sie ahnte, daß er sein Mißgeschick nicht mit Ergebenheit tragen würde, er versuchte sicherlich einige Tollkühnheiten, um den Beifall des Publikums wieder zu erringen. Der letzte Brief, den sie erhalten hatte, machte diesbezüglich einige vage Andeutungen.

»Nein,« sagte sie entschlossen zu ihrem Schwager, »ich fahre noch heute nach Madrid. Wenn du willst, kannst Du mich begleiten, wenn nicht, fahre ich allein.«

Der Riemer nahm die Einladung an. Als sie in Madrid ankamen, mußte er Carmen durch alle Mittel davon abhalten, ins Hotel zu ihrem Manne zu eilen. Sie würde ihn nur in üble Laune versetzen und so vielleicht die Schuld tragen, wenn ihm etwas zustoßen sollte.

Diese Erwägung machte Carmen den Vorschlägen ihres Schwagers gefügig. Sie ließ sich in ein Hotel führen und blieb dort den Vormittag weinend auf dem Sofa, als würde sie das Unglück schon sicher wissen. Doch nachmittags begann ihre Resignation zu schwinden. Das Hotel lag in der Nähe der Puerta del Sol und der Lärm und die Bewegung all der Zuschauer, die zum Stierkampf eilten, drang bis zu ihr. Nein, sie konnte hier nicht bleiben, während ihr Mann sein Leben aufs Spiel setzte. Sie mußte ihn sehen. Es fehlte ihr der Mut, dem Stierkampfe beizuwohnen, doch wollte sie in seiner Nähe sein. Sie hatte den Wunsch, in den Zirkus zu gehen. Sollte man sie nicht einlassen, würde sie draußen warten. Ihr war es nur darum zu tun, in der Nähe zu sein, als ob sie schon dadurch das Los Gallardos beeinflussen könnte.

Der Schwager protestierte. Er wollte dem Stierkampfe beiwohnen und nun kam Carmen mit ihrem Wunsche, aber er mußte schließlich nachgeben und sie fuhren zum Zirkus, an den sich der Riemer gut erinnern konnte, da er Gallardo auf einer seiner Reisen nach Madrid begleitet hatte.

Er und der Diener standen unentschlossen und verdrossen vor der Frau, die mit geröteten Augen und feuchten Wangen im Hofe blieb, ohne zu wissen, was sie tun sollte ... Die zwei Männer fühlten sich nach der Seite hingezogen, von wo man den Lärm der Zuschauer und die Klänge der Musik hörte. Sollten sie die ganze Zeit hier stehen, ohne den Stierkampf zu sehen?

Der Diener hatte einen guten Einfall:

»Wenn die Señora in die Kapelle gehen wollte?«

Der Aufmarsch der Toreros war vorüber und durch die Pforte, die in die Arena führte, sah man ein paar Reiter, die sich entfernten. Es waren die Picadors, die jetzt nichts zu tun hatten und sich nun zurückzogen. Sechs Pferde, die ersten Opfer des Tages, standen in einer Reihe, während hinter ihnen die Lanzenreiter das Warten sich dadurch verkürzten, daß sie ihre Klepper herumjagten.

Die Tiere schlugen, da sie von den Fliegen gemartert wurden, aus und zogen an den Ringen, an denen sie mit den Zügeln festgebunden waren, als würden sie die nahe Gefahr wittern. Die anderen Pferde versuchten, angetrieben durch die Sporen ihrer Reiter, einen kurzen Galopp.

Carmen und ihr Schwager mußten sich unter die Arkaden flüchten und schließlich entschloß sich die Frau des Toreros, in der Kapelle zu bleiben. Es war ein sicherer und ruhiger Ort und dort konnte sie auch etwas für ihren Gatten tun. Als sie sich auf dem heiligen Orte befand, in dem noch der Dunst der Menge, welche dem Gebete der Stierfechter beigewohnt hatte, zu spüren war, heftete Carmen ihre Augen auf den ärmlichen Altar. Vier Lichter brannten vor dem Bilde der Virgen de la Paloma, doch ihr schien dieser Tribut der Verehrung zu gering.

Carmen zitterte vor Schreck und hob ihre vor Angst irren Augen zum Gnadenbilde empor. Sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe und fürchtete unter dem Eindruck des Gehörten auf den Boden zu stürzen. Sie wollte sich wieder ins Gebet versenken, um den Lärm und das Geschrei von draußen nicht zu hören. Doch trotz ihres Vorsatzes vernahm sie das Plätschern von Wasser und die Stimmen von Männern, welche Ärzte oder Wärter sein mußten und die dem Picador Mut zusprachen.

Der Verletzte klagte in seiner derben Art, wobei er aber gleichzeitig bemüht war, den Schmerz mannhaft zu verbeißen.

Carmen erhob sich, Sie konnte nicht mehr länger an diesem dunklen Orte bleiben, wo sie das Echo der Seufzer dem Wahnsinn nahe brachte. Es trieb sie ins Freie. Sie glaubte in ihren Knochen den Schmerz zu verspüren, der dem Verletzten die Klagen erpreßte.

Der Hof lag vor ihr mit seinen blutigen Lachen, die überall den Boden bedeckten.

Die Lanzenreiter kehrten aus der Arena zurück. Sie hatten den Banderillos das Zeichen gegeben und kamen nun auf ihren blutbespritzten Pferden, deren Körper klaffende Wunden aufwiesen, aus denen nicht selten der Knäuel der Gedärme herausquoll. Carmen flüchtete sich unter die Arkaden in der Absicht, ihre Augen vor dem gräßlichen Anblick im Hofe abzuwenden, doch gleichzeitig fühlte sie sich von dem roten Strom unwiderstehlich festgehalten.

Stallburschen führten verwundete Pferde herein, welche ihre Gedärme über den Boden nachschleiften, während ihre Exkremente zu Boden fielen.

Einer der Stallwärter, begann plötzlich, wie von einer fieberhaften Tätigkeit erfaßt, mit Händen und Füßen Bewegungen auszuführen.

»Vorwärts,« rief er den Stallburschen zu, »angepackt, hierher!«

Einer der Männer näherte sich vorsichtig dem vor Schmerz ausschlagenden Pferde, nahm ihm den Sattel ab und schlang einen Lasso um die Füße. Als der Riemen angezogen wurde, fiel das Tier zu Boden.

»Vorwärts, schnell,« rief der Mann den anderen zu, wobei er weiter mit Händen und Füßen aneifernde Bewegungen machte.

Die Stallburschen beugten sich über den offenen Bauch des Pferdes und stopften die blutigen Eingeweide, welche aus der Wunde herausgequollen waren, hinein. Ein anderer hielt die Zügel und drückte mit dem Knie den Kopf des Pferdes zu Boden. Das Tier krümmte sich schmerzhaft zusammen, die Zähne schlugen, vor Schmerz aneinandergepreßt, laut an einander, während das Wiehern im Sande erstickte, in den das Gewicht des Mannes den Kopf drückte. Die blutigen Hände dieser Samaritaner bemühten sich, die schleimigen Klumpen der Gedärme in die Bauchhöhle zurückzubringen, doch die keuchenden Atemstöße des Pferdes trieben sie immer wieder heraus. Endlich gelang es den flinken Griffen der an solche Arbeit gewöhnten Männer, ihre Arbeit zu vollenden und die Wunde zu vernähen.

Als das Pferd so »eingerichtet« war, schütteten sie ihm einen Kübel Wasser über den Kopf, befreiten seine Füße von dem Riemen und gaben ihm einige Peitschenschläge, um es auf die Füße zu bringen. Einige der so behandelten Tiere fielen nach zwei Schritten tot zusammen und ein Blutstrom ergoß sich aus der genähten Wunde. Andere hielten sich aufrecht und die Stallburschen begannen nun, sie »aufzuputzen«, indem sie Bauch und Füße mit Wasser abwuschen. Das weiße oder braune Fell der Tiere erglänzte wie in jugendlicher Frische, doch das Wasser tropfte in rötlicher Farbe vom Körper auf die Erde herab. Man flickte die Pferde wie altes Schuhzeug zusammen, man nützte sie bis zum letzten Atemzug aus. Auf dem Platze blieben Stücke von Eingeweiden liegen, die man abgeschnitten hatte, um die Operation zu beschleunigen. Andere Teile ihrer Gedärme lagen in der Arena. Man hatte sie mit Sand verdeckt, um sie nach dem Fall des Stieres zusammen mit diesem hinauszuschaffen. Oft ersetzte man die fehlenden Teile, indem man mit roher Hand Wergballen in den Bauch stopfte.

Denn das Wichtigste war, die Tiere noch einige Minuten länger auf den Füßen zu halten, bis die Picadores wieder in die Arena gingen. Der Stier würde sein Werk schon vollenden ... Und die sterbenden Pferde ertrugen diese Verlängerung ihrer Qualen, ohne sich zu wehren. Man hatte sie mit Peitschenhieben auf die Füße gebracht und nun standen sie, am ganzen Körper zitternd, da. Eines dieser Opfer wollte in seiner Qual einen der Stallburschen beißen. Zwischen seinen Zähnen sah man noch Hautstücke und Haare stecken. Als es den zerfetzenden Stoß der Hörner in seinem Leib spürte, hatte das unglückliche Tier mit der Wut eines toll gewordenen Schafes in den Hals des Stieres gebissen.

Die verwundeten Pferde ließen ein klagendes Wiehern hören, wenn die Wundgase nach außen drangen. Der üble Geruch von Blut und Exkrementen verbreitete sich im Hofe. Das Blut lief zwischen den Steinen ab und bildete beim Eintrocknen schwarze Krusten.

Das Gebrüll der unsichtbaren Zuschauer drang bis hierher. Es waren Ausrufe der Unruhe, welche die gefährliche Lage eines Banderillo erkennen ließen. Dann trat lautlose Stille ein. Der Mann hatte sich gegen den Stier gekehrt und lärmender Applaus begleitete einige gut angebrachte Lanzenwürfe. Dann ertönten Trompetenstöße, die den Fall des Stieres verkündeten und der Beifall brach von neuem aus.

Carmen konnte es hier nicht mehr länger aushalten. Was zögerte sie noch? Sie kannte die Reihenfolge nicht, in der die Toreros auftraten. Vielleicht stand gerade in diesem Augenblicke ihr Mann dem Stier gegenüber. Und sie war hier, nur einige Schritte von ihm entfernt, ohne ihn zu sehen.

Außerdem ängstigte sie das Blut, welches überall im Hofe rann. Dazu sah sie die Qualen der armen Tiere und ihr weibliches Empfinden empörte sich gegen diese Marterung. Sie preßte ihr Taschentuch gegen die Nase, um sich gegen den Geruch dieses Schlachthofes zu schützen.

Lärmender Beifall brach innerhalb der Arena los. Der erste Stier war gefallen und Carmen sah ihren Schwager unter den Arkaden herankommen. Er glühte noch vor Begeisterung über das, was er gesehen hatte.

»Juan ist großartig, wie niemals zuvor. Nur keine Angst.«

Dann blickte er sie voll Unruhe an, als fürchtete er, sie könnte ihm einen so interessanten Nachmittag verderben. Was beabsichtigte sie?

»Gehen wir weg«, sagte sie mit angstvoller Stimme. »Führe mich weg von hier. Ich werde noch ohnmächtig. Lasse mich in der ersten Kirche, welche wir finden.«

Der Schwager machte eine Bewegung. Beim Himmel, eine so prächtige Veranstaltung zu verlassen. Und während sie zur Türe schritten, überlegte er, wo er Carmen lassen sollte, um so schnell als möglich wieder zurück zu können.

Als der zweite Stier in die Arena sprang, empfing Gallardo, der noch immer an der Barriere stand, die Glückwünsche seiner Bewunderer. Was war das doch nur für ein Kerl, wenn er wollte. Der ganze Zirkus hatte ihm beim ersten Stier Beifall geklatscht, ohne an die Mißstimmung der letzten Tage zu denken. Als ein Picador stürzte und infolge des schrecklichen Falles leblos liegen blieb, war Gallardo mit seinem Mantel herbeigesprungen und hatte das Tier auf sich gezogen. In der Mitte der Arena hielt der Stier unbeweglich und müde an. Der Torero, der diese augenblickliche Gefühllosigkeit bemerkte, blieb einige Schritte vor seiner Schnauze stehen und stieß ihn, als ob er ihn herausfordern wollte, in den Bauch. Er fühlte die Sicherheit seiner früheren Tage. Er mußte das Publikum mit irgendeinem tollkühnen Streich wieder für sich gewinnen und so kniete er sich vor die Hörner, bereit, bei der geringsten Bewegung aufzuspringen.

Der Stier blieb ruhig. Nun streckte er eine Hand aus, um das geifernde Maul zu berühren, ohne daß das Tier eine Bewegung machte. Dann wurde er kühner, während das Publikum in atemloser Spannung verharrte. Er legte sich langsam auf den Sand und blieb so vor den Nüstern des Tieres, das ihn mit einer gewissen Bestürzung anschaute, als fürchtete es eine Gefahr von diesem Körper, der sich so furchtlos vor seinen Hörnern hinstreckte.

Als der Stier endlich zum Angriff überging und die Hörner senkte, rollte sich der Torero vor seine Füße und der Stier sprang über ihn hinweg, als er in seiner blinden Wut nach der Gestalt stieß, die er vor sich sah.

Gallardo stand auf und schüttelte sich den Staub ab, während ihm das Publikum mit der Begeisterung der früheren Tage zujubelte. Es feierte nicht nur seine Kühnheit, es applaudierte sich selbst und seiner eigenen Macht, da es fühlte, daß der Torero seine Unerschrockenheit nur deshalb wieder bewiesen hatte, um die Sympathie der Zuschauer aufs neue zu gewinnen und sich mit ihnen zu versöhnen.

Doch diese günstige Stimmung des Publikums schlug plötzlich um, als der zweite Stier in die Arena kam. Es war ein großes, prächtiges Tier, doch blieb es, verdutzt und eingeschüchtert von dem Lärm der Menge in dem Zirkus, inmitten der Arena stehen, wo es sogar vor dem eigenen Schatten in Unruhe geriet. Einige Stallburschen streckten ihm den roten Mantel entgegen, der Bulle machte einige Sprünge, hielt aber gleich inne und kehrte wieder um. Seine Furchtsamkeit erregte den Zorn des Publikums und plötzlich begannen einige Zuschauer laut zu rufen:

»Die Brandpfeile.«

Der Präsident, der anfangs gezögert hatte, schwenkte endlich ein rotes Tuch und lauter Beifall begrüßte diese Bewegung.

Diese Brandpfeile waren ein selten gebrauchtes Mittel und erhöhten das Interesse an der Veranstaltung.

Der Nacional trat vor. Er trug zwei dicke Wurflanzen, welche mit schwarzem Papier umwunden zu sein schienen. Er näherte sich dem Tier und schleuderte sie unter dem Beifall der Menge in den Hals.

Man hörte ein Knistern, als würde etwas zerbrechen und zwei Rauchschwaden stiegen aus dem Halse des Tieres auf. Das helle Sonnenlicht dämpfte die Flammen, doch bemerkte man, wie sich die Haare sengten und ein schwarzer Fleck über dem Genick sichtbar wurde. Erschreckt über diesen Angriff, begann der Stier immer schneller zu laufen, als könnte er sich dadurch dieser Quälerei entziehen, bis unvermittelt auf seinem Halse scharfe Detonationen ertönten und die brennenden Papierfetzen um seine Augen flogen. Mit der Schnelligkeit des Schreckens sprang das Tier mit allen Vieren gleichzeitig in die Luft und drehte vergeblich das gehörnte Haupt nach rückwärts, um mit dem Maule diese Teufel, die in seinem Felle steckten, abzustreifen. Die Zuschauer, welche diese Sprünge und Verrenkungen spaßhaft fanden, lachten und applaudierten. Es schien, als ob das Tier trotz der Unförmigkeit seines Körpers einen Tanz aufführte. Die Explosionen hörten auf, das verbrannte Fleisch bedeckte sich mit fettigen Blasen, der Stier blieb nun, da er das Feuer nicht mehr spürte, ruhig stehen und ließ die Zunge aus dem Maule heraushängen.

Ein anderer Banderillo wiederholte den Wurf mit einem zweiten Paar. Wieder sprang der Rauch über dem Hals des Stieres auf, krachten die Detonationen und begann der rasende Lauf des Stieres mit all seinen Verrenkungen und Drehungen. Doch diesmal waren die Bewegungen weniger heftig, als würde er sich bereits an diese Marter gewöhnen.

Beim dritten Male verbreitete sich in der Arena der stechende Geruch verbrannten Felles und versengter Haare. Doch die Zuschauer lachten über das an allen Gliedern zitternde Tier, dessen Flanken bebten, während es kläglich aufbrüllte und seine nach Wasser lechzende Zunge weit aus dem Maule hängen ließ.

Gallardo wartete in der Nähe der Präsidentenloge auf das Zeichen anzugreifen. Garabato stand mit Degen und Muleta hinter der Barriere. Der Torero blickte auf die Loge, wo Doña Sol saß. Sie hatte ihm, als er seine tollkühne Tat ausgeführt hatte, begeistert Beifall geklatscht. Als sie sah, daß Gallardo sie betrachtete, grüßte sie ihn mit freundlicher Gebärde und auch ihr Gefährte schloß sich mit einer eckigen Bewegung seines Körpers diesem Gruße an. Dann hatte er bemerkt, wie sie ihn durch ein Glas beobachtet hatte. Diese Teufelin. So fühlte sie sich doch wieder durch die Beweise seines Mutes angezogen. Gallardo wollte sie am nächsten Tage besuchen, um zu sehen, ob sie ihre Meinung geändert hatte.

Das Zeichen zum Angriff kam und der Torero schritt nach einem kurzen Gruß dem Stiere entgegen. Er streckte seine Muleta vor und der Stier machte einige Schritte nach vorne, als hätte der Schmerz seine Angriffslust geweckt. Dieser Mann war der erste, der ihm nach seinen Martern vor die Hörner kam. Doch bald blieb er wieder mit gesenktem Haupte und heraushängender Zunge stehen. Im Publikum war lautlose Stille eingetreten: eine Stille, die beklemmender war, als die der absoluten Einsamkeit, ein Schweigen, das durch das angehaltene Atmen der Zuschauer zu einem lautlosen wurde, so daß das kleinste Geräusch in der Arena bis in die letzten Reihen des Zirkus drang. Alle hörten ein leichtes Krachen von Holzstäben, die aneinanderschlugen. Gallardo bog mit dem Degen die Wurflanzen, welche über den Hals herabhingen, zurück. Nach dieser Vorbereitung zum Todesstoß streckten nun alle Zuschauer den Kopf vor: »Jetzt«, sagten sie sich alle, jetzt würde er den Stier mit einem meisterhaften Stoß erledigen.

Gallardo sprang auf den Stier los und alle Zuschauer atmeten nach dieser bangen Erwartung tief auf. Das Tier lief brüllend weg, während die Zuschauer Protestrufe und Pfiffe ausstießen. Es war wie immer. Gallardo hatte im Augenblicke des Stoßes den Kopf abgewendet und den Arm zurückgezogen. Der Degen stak in dem Halse des Stieres, der die zitternde Klinge mit einigen Bewegungen in den Sand schleuderte.

Ein Teil des Publikums beschimpfte Gallardo. Die Sympathie, die sich der Spada am Beginn erworben hatte, war verschwunden und das alte Mißtrauen wieder hervorgetreten. Alle schienen ihre frühere Begeisterung vergessen zu haben.

Gallardo hob den Degen auf und ging gesenkten Hauptes dem Stiere nach, ohne den Versuch zu machen, gegen diese Stimmung des Publikums, das für andere nachsichtig war, ihm aber rücksichtslos alle Schwächen nachtrug, protestieren zu wollen. In seiner Verwirrung glaubte er einen Torero neben sich zu sehen. Es mußte der Nacional sein.

»Ruhe Juan, nur nicht den Kopf verlieren.«

Zum Teufel mit all dem. Mußte ihm immer dasselbe passieren? Konnte er nicht mehr, wie er es früher tat, den Arm um ein Horn legen und den Degen bis in das Kreuz hineinbohren? Sollte er für den Rest des Lebens dem Publikum zum Spotte dienen?

Er stellte sich vor den Stier hin, der ihn ruhig erwartete, als wollte er selbst sein Martyrium so schnell als möglich beenden. Er wollte dieses Mal ohne die Muleta zu Ende kommen. Man sah, wie er das rote Tuch fallen ließ und den Degen horizontal in Augenhöhe brachte.

Die Zuschauer sprangen, wie von einem Impulse getrieben, alle auf. Während einiger Sekunden bildeten Mensch und Tier nur eine einzige Masse und bewegten sich so ein paar Schritte. Doch plötzlich flog der Torero, durch einen fürchterlichen Stoß des Stierkopfes getroffen, weit in die Arena hinaus. Der Stier senkte die Hörner und umfaßte damit den unbeweglichen Körper, den er aufhob und gleich darauf fallen ließ, um seinen Lauf fortzusetzen, während ihm der Griff des Degens, der bis ins Kreuz gedrungen war, aus dem Halse hervorstand.

Gallardo erhob sich mühsam und der ganze Platz ertönte vom Beifall, der das frühere Unrecht gut machen sollte. Hoch, Gallardo, er war »gut« gewesen.

Doch der Torero ließ alle diese Äußerungen der Begeisterung unbeachtet. Er hielt die Hände an den Bauch gedrückt und ging, schmerzhaft zusammengekrümmt, schwankenden Schrittes und gesenkten Hauptes weiter. Zweimal richtete er sich auf, um nach dem Ausgang zu blicken, als fürchtete er, ihn in seinem Hin- und Herschwanken nicht zu finden.

Plötzlich fiel er wie eine große Puppe aus Gold und Silber in den Sand. Bedienstete des Zirkus hoben ihn mit Mühe auf ihre Schultern. Der Nacional gesellte sich zu ihnen und hielt das bleiche Haupt des Toreros, dessen Augen glasig unter den Lidern hervorstarrten.

Die Zuschauer hielten überrascht in ihrem Applaus inne, da sie nicht wußten, was geschehen war. Doch bald verbreiteten sich günstige Nachrichten, ohne daß man wußte woher. Die Leute setzten sich beruhigt nieder und wandten ihre Aufmerksamkeit dem Stiere zu, der sich trotz des Todeskampfes auf den Füßen hielt.

Der Nacional half den anderen, seinen Herrn auf ein Bett zu legen, in das der Verwundete wie ein Sack fiel.

Sebastian, der seinen Herrn schon oft blutig und verletzt gesehen hatte, ohne deswegen seine Ruhe zu verlieren, fühlte jetzt den Schauer der Furcht, als er ihn so leblos, wie tot, liegen sah.

Zwei Ärzte kamen. Nachdem sie die Türe verschlossen hatten, um ungestört zu bleiben, standen sie unschlüssig vor dem leblosen Körper des Torero. Er mußte entkleidet werden. Beim Lichte, welches durch eine Lücke im Dache hereinfiel, begann Garabato die Kleider und Leibwäsche des Torero zu öffnen.

Der Nacional konnte den Körper kaum sehen, da die Ärzte davorstanden und sich gegenseitig fragend anschauten. Es mußte ein Kollaps sein, der ihn auf der Stelle getötet hatte. Man sah kein Blut. Die Risse in seiner Kleidung waren ohne Zweifel durch den Stoß entstanden, den ihm der Stier gegeben hatte.

Die Türe öffnete sich und Dr. Ruiz trat ein. Seine Kollegen überließen ihm die Untersuchung. Er fluchte in seiner nervösen Art, während er Garabato half, die Kleider des Torero zu öffnen. Eine Bewegung des Entsetzens, der schmerzlichsten Überraschung ging durch das Zimmer. Der Banderillo wagte nicht, zu fragen. Er sah den Unterleib des Toreros durch einen klaffenden Riß, dessen blutige Ränder eine bläuliche Farbe zeigten, in seiner ganzen Weite geöffnet. Dr. Ruiz schüttelte traurig den Kopf. Außer dieser entsetzlichen, tötlichen Wunde hatte der Torero noch einen furchtbaren Schlag durch den Schädel des Tieres erhalten. Der Atem hatte bereits ausgesetzt.

»Doktor, Doktor«, seufzte der Banderillo, um die Wahrheit zu erfahren.

»Er hat ausgelitten, Sebastian, du kannst dir einen anderen Torero suchen.«

Der Nacional hob die Augen in die Höhe. So starb ein Mann wie Gallardo, ohne die Hand seiner Freunde drücken zu können, ohne ein Wort zu sprechen, wie ein armes Kaninchen, dem man das Genick abschlägt.

Die Verzweiflung trieb ihn hinaus. Er konnte das blasse Gesicht nicht mehr ansehen. Er war nicht wie Potaje, der vor dem Bette stand und den Leichnam betrachtete, als sähe er ihn nicht, während er seine Kappe in den Händen herumdrehte. Sebastian weinte wie ein Kind, seine Brust wollte vor Herzleid zerspringen, während sich seine Augen mit Tränen füllten.

Die Schreckensnachricht verbreitete sich schnell im Zirkus: Gallardo war tot. Einige bezweifelten die Wahrheit der Kunde, andere hielten sie für richtig, doch niemand verließ den Platz. Der dritte Stier sollte an die Reihe kommen. Die Veranstaltung war noch in der ersten Hälfte und es lag kein Grund vor, auf sie zu verzichten.

Der Lärm der Menge und die Klänge der Musik drangen an das Ohr des Nacional, der in seinem Innern plötzlich einen wilden Haß gegen all das aufsteigen fühlte, was ihn umgab – einen Widerwillen gegen seinen Beruf und das Publikum, welches ihm diesen ermöglichte. In seinem Ohre ertönten alle jene stolzen Worte, mit denen er die Leute zum Lachen gebracht hatte, und sie gewannen nun eine neue Berechtigung für ihn.

Er dachte an den Stier, den man jetzt aus der Arena schleppte, während seine verglasten Augen in den Himmel starrten. Dann sah er den Freund, der nur einige Schritte von ihm an der anderen Seite der Wand unbeweglich und starr mit zerfleischtem Unterleib und einem glanzlosen, geheimnisvollen Ausdruck um die gebrochenen Augen dalag.

Armer Stier, armer Torero ... Von neuem drang freudiger Lärm, der die Fortsetzung des Stiergefechtes verkündete, an sein Ohr. Der Nacional schloß die Augen und ballte die Fäuste.

Und draußen brüllte der Stier, der Besieger Juans und aller seiner Gefährten.

Ende

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