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Gutenberg > Charles Baudelaire >

Die Blumen des Bösen

Charles Baudelaire: Die Blumen des Bösen - Kapitel 93
Quellenangabe
typepoem
titleDie Blumen des Bösen
authorCharles Baudelaire
translatorTherese Robinson
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
year1925
senderreuters@abc.de
created20040730
pfad/baudelai/blumen/book.xml
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Mitternächtige Selbstprüfung

Die Uhr verkündet uns die Mitternacht,
Und spöttisch klingt aus ihrem Schlage
An unser Herz die leise Frage,
Wie wir den Tag genutzt, die Zeit verbracht.
Den dreizehnten und Freitag, Tag der Leiden,
Drin Schuld und Qualen festgebannt,
Den Schicksalstag, der uns bekannt,
Verlebten wir wie Ketzer oder Heiden.

Wir haben frech geschmäht und prahlerisch
Christum, den göttlichsten der Götter,
Wie die Schmarotzer und die Spötter
An eines ekelhaften Krösus Tisch.
Wir haben um des Haufens Gunst und Gnaden,
Des Bösen Knechte, voller List
Umschmeichelt, was uns feindlich ist
Und was uns lieb, verleugnet und verraten.

Wir haben, Henkersknechten gleich, verhöhnt
Die Schwachen, frech vom Volk Bedrohten,
Der Dummheit lächelnd Gruss geboten,
Die blöder Tiere Stirnen ehern krönt.
Dem Irdischen unsre Huldigung erwiesen,
Den Staub geküsst, das Nichts verklärt,
Die Stumpfheit andachtsvoll verehrt,
Der Fäulnis Glanz verherrlicht und gepriesen.

Und endlich, wir erstickten die Begier,
Die Tollheit mit des Rausches Schleier,
Wir, Priester unsrer stolzen Leier,
Wir, deren hohes Amt auf Erden hier
Mit Schimmer zu umkleiden Nacht und Schrecken,
Wir labten ohne Hunger uns am Schmaus! –
Rasch, löschen wir die Lampe aus!
Lasst unsre Scham im Dunkel sich verstecken.

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