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Gutenberg > Charles Baudelaire >

Die Blumen des Bösen

Charles Baudelaire: Die Blumen des Bösen - Kapitel 139
Quellenangabe
typepoem
titleDie Blumen des Bösen
authorCharles Baudelaire
translatorTherese Robinson
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
year1925
senderreuters@abc.de
created20040730
pfad/baudelai/blumen/book.xml
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Eine Märtyrin

Zeichnung eines unbekannten Meisters

Inmitten von Flakons, matthellen Seidenbändern
           Und üppigem Gerät,
Marmorner Bilder Pracht und duftenden Gewändern
           Voll schwerer Majestät,

Im engen Zimmer, drin wie zwischen Treibhauswänden
           Bedrückend schwül die Luft,
Wo in kristallnem Sarg sterbende Blumen spenden
           Den schalen Moderduft,

Da lässt auf seidnen Pfühl sein rotes Blut entfliessen
           Ein Leichnam ohne Haupt;
Das Kissen saugt den Strom voll Gier wie trockne Wiesen,
           Die durstig und verstaubt.

Und bleichem Spukbild gleich, das ich voll Grauen wähne
           Dem Schattenreich entrückt,
Seh1 ich ein düstres Haupt mit wirrer, dunkler Mähne
           gold- und juwelgeschmückt

Starr auf dem Nachttisch ruhn, –fast gleicht es der Ranunkel.
           Gedankenlos und leer
Stiehlt sich ein bleicher Blick, dämmernd aus fahlem Dunkel,
           Unsicher zu mir her.

Der Rumpf ruht auf dem Bett. Nackt, sorglos hingegeben
           Enthüllt er ohne Acht
Den unheilvollen Reiz, den ihm Natur gegeben,
           Unseliger Schönheit Macht.

Ein rosafarbner Strumpf, umsäumt von goldnen Spitzen,
           Blieb noch am Fuss zurück,
Das Strumpfband leuchtet auf wie eines Auges Blitzen
           Und schiesst demant'nen Blick.

Der Anblick seltsam fremd, des schwülen Bildes Flimmer
           In dem verlassenen Raum,
Die lockende Gestalt, der Augen blasser Schimmer
           Weckt düstern Liebestraum.

Weckt schuldbeladnes Glück und toller Feste Rauschen
           Voll Küssen wild und matt
Und böser Engel Lust, die in dem Vorhang lauschen
           Rings um die Lagerstatt.

Noch jung ist dieser Leib, die Linie schlank gezogen,
           Ein wenig mager schier,
Die Hüfte spitz, der Leib erregt zurückgebogen,
           Wie ein gereiztes Tier.

Ward einst dies bittre Herz des Überdrusses Beute?
           Gab sich der heisse Sinn
Der Träume wirrem Schwarm, der hungrig wilden Meute
           Verworfner Wünsche hin?

Hat der rachsüchtige Mann, des nimmersatte Triebe
           Du lebend nicht gestillt,
Auf deinen toten Leib das Übermass der Liebe
           Gehäuft und angefüllt?

Unkeuscher Leichnam sprich! Rieht, auf die starre Mähne
           Mit fieberschwerer Hand,
Hat er, sprich furchtbar Haupt, auf deine kalten Zähne
           Den letzten Kuss gebrannt?

Ruh' aus, der Welt entrückt, fern ihrem Spott und Grolle
           Und strengem Richterstab,
In Frieden ruhe aus, du fremd Geheimnisvolle
           Im wunderlichen Grab.

Dein Mann durchirrt die Welt, und dein unsterblich Wesen
           Folgt ihm in Nacht und Not,
Und er bleibt stark und fest, so wie du es gewesen,
           Und treu bis in den Tod.

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