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Die Blüchertrompete

Ludwig Salomon: Die Blüchertrompete - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorLudwig Salomon
titleDie Blüchertrompete
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
year1908
firstpub1871
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070901
projectid1513c29e
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Ich fühlte mich sehr ermattet, ich konnte die Füße kaum heben, aber ich gönnte mir keine Rast, bis ich das ersehnte Ziel erreicht hatte. Ich wußte mir Gelegenheit zu verschaffen, einzutreten; doch war mir zaghaft und beklommen zumute; nicht daß mich der Glanz und das vornehme Treiben im Hause eingeschüchtert hätte; das Gewagte meines Beginnens stand mir vor der Seele. Die nächsten Minuten sollten nur die Gewißheit bringen, ob ich meinem langersehnten Glück fröhlich zujauchzen konnte, oder – ich durfte nicht weiter denken, wollte ich mir nicht den Mut benehmen. Als ich in das Vorzimmer des Saales trat, hatte man sich eben zu Tische gesetzt. Ich bat daher einen Diener, das Fräulein von Kaminski zu ersuchen, einen Augenblick herauszutreten.

Der Diener ging und ich stand in peinvoller Erwartung. Bald darauf rückte ein Stuhl, nicht weit von der Saaltüre, und jemand stand auf.

In demselben Augenblicke vernahm ich auch ihre Stimme zum ersten Male wieder. Eine namenlose Angst befiel mich.

»Verzeihen Sie,« hörte ich sie sagen, »ich ließ mein Flacon drüben in dem Saale, wo das Karussell geritten wurde, liegen, vorhin schickte ich nun nach ihm, und jetzt wird man mir wahrscheinlich berichten, daß man es nicht gefunden hat.«

Ein Kleid rauschte, die Portiere ward zurückgeschlagen und sie stand vor mir. Als sie mich aber erblickte, wurde sie blaß wie eine Leiche. Die weißen Lippen preßte sie fest aufeinander und die schlanken Finger gruben sich krampfhaft in die Serviette, die sie noch in der Hand hielt.

Ich trat dicht an sie heran.

»Nun ein Wort, nur ein einziges Wort will ich hören,« flüsterte ich ihr ins Ohr, »nur ein heiliges Wort, damit ich die Schändlichen Lügen strafen kann, die den Ruf des Fräuleins von Kaminski gewissenlos verlästern!«

Sie zuckte zusammen und griff nach der Lehne eines Stuhles, der in ihrer Nähe stand. Die weiße Serviette fiel auf den Boden.

»Und wäre mir wirklich echtes Gift in die Seele geträufelt!« brachte ich hervor.

Regungslos blieb sie stehen, glanzlos starrte das schöne große Auge zu Boden.

Eine unsägliche Bitterkeit kam über mich und die Zähne knirschten mir zusammen.

Ich tat einen Schritt zurück.

»Abermals scheint die Vaterlandsliebe zwischen uns zu treten. – Wahrlich, es ist ein eigen Ding um den Patriotismus, der für das teure Heimatland selbst den Schmutz nicht scheut!«

In demselben Momente flammte es aber auf in ihren dunklen Augen, und die zarten blassen Lippen bewegten sich. Bevor sie jedoch den feinen Mund geöffnet hatte, ward die Portiere vom Speisesaale her zur Seite geschoben und Genz trat herzu. Sein schlaffes Gesicht zog sich in freundliche Falten und lächelnd rief er:

»Meine schöne Nachbarin, der Kapaun wird kalt, wenn Sie –« hier brach er ab, er hatte in das veränderte Gesicht geschaut.

»Aber was ist Ihnen, verehrteste Freundin?« fragte er erstaunt.

Sie zog die Augenbrauen zusammen.

»Ein Bettler belästigt mich,« versetzte sie, indem sie sich zu ihm wandte. »Darf ich Sie bitten, mich zur Tafel zu führen?«

Dabei nahm sie seinen Arm und war gleich darauf hinter der Portiere verschwunden.

Ich sah ihr nach, aber ich empfand nichts dabei. Wie bei Theaterstücken wunderte ich mich über die Schlagfertigkeit – dann schritt ich langsam zur Türe hinaus.

Auf der Schwelle begegnete ich einem Bedienten, der offenbar gelauscht hatte. Er blickte mich mitleidig an.

»'s ist halt Kongreß!« sagte er, wie um mich zu trösten ...

Als ich aus dem Palais auf die Straße trat, mußte ich erst lange nachsinnen, wo ich denn eigentlich wohnte. Erst verwechselte ich Wien mit Prag, dann warf ich die Straßennamen durcheinander und dabei vergaß ich immer und immer wieder den Namen der Straße, in welcher ich mich befand. Endlich schritt ich vorwärts, aber bald wußte ich wieder nicht, wo ich war. Nun fragte ich Vorübergehende, konnte sie jedoch nicht recht verstehen, so unklar, meinte ich, drückten sie sich aus.

Jetzt setzte ich meinen Weg nach eigenem Ermessen fort, allein ich merkte bald, daß ich ganz falsch gegangen sein mußte. Nun wunderte ich mich, daß ich so ruhig darüber blieb und nicht besorgt wurde, mich in so später Abendstunde in dem Häusermeer zu verirren.

Während ich so suchend weitertappte, bemerkte ich, daß ich immer matter wurde. Ich wollte mich einige Minuten ausruhen und setzte mich auf die Haustürschwelle eines großen, dunklen Gebäudes nieder. –

Ich schloß die Augen und legte die Stirne an den kalten steinernen Türpfosten. Als ich aber so saß, fing ich an zu schwanken, und mir war, als stünden viele Menschen um mich herum – ich hörte allerlei reden, aber ich wußte nicht, was man sagte – es wurde mir heiß, zum Ersticken heiß und die Gedanken vergingen mir. Bald aber fühlte ich mich wieder wohl, ich mußte geträumt haben, das wunderlichste Zeug mußte ich geträumt haben, als hätte ich geblasen »Feldeinwärts flog ein Vögelein« und als hätte ich dann singen hören, entzückend schön, so voll und so lieblich zugleich. Ich hätte mich gern genauer besonnen, wie der Traum gewesen war, aber je mehr ich sann, desto mehr zerrann er mir wieder im Gedächtnis, alles um mich her war still – an nichts konnte sich meine Erinnerung anklammern.

Und indem ich mich so suchend umsah, bemerkte ich erst verwundert, daß ich ja oben auf einem kahlen Berge stand. Den Berg hinab aber liefen eine Menge blauer Streifen, als hätte man zu Tal gepflügt und blauen Samen dick in die Furchen gesäet.

Wie mein Blick aber die Furchen genauer hinabgleitet, da erkenne ich nun, daß es ja blaue Wasserfäden sind, die schnell und ohne Ende den Abhang hinabschießen. Unten aber stürzen sie in ein großes Meer, das weit hin bis an den Horizont meinen Berg umgibt.

Ich schaue nach allen Seiten, aber überall nur das unermeßliche Meer. Und während ich noch so staunend stehe, gewahre ich auch noch, daß durch die unerschöpflichen Quellen meiner Insel das Meer immer größer und größer wird, wie es wächst und anschwillt, wie es immer höher zu mir emporsteigt, bis an den Rand der Scholle, auf der ich stehe. Ich sehe mich angstvoll nach allen Seiten nach Rettung um, aber ich erblicke nichts, als Himmel und Wasser. Ich schreie um Hilfe, aber mein Ruf verhallt über der weiten Fläche, von keinem menschlichen Wesen gehört ... Schon spülen die kalten Wellen mir über die Füße, gleich darauf schlägt mir der eisige Schaum an die Brust, die gierigen Wogen erfassen mich, sie reißen mich um – und brausend schlagen die Fluten über mir zusammen. – –

Viele Tage mochte ich besinnungslos gelegen haben; als ich eines Morgens erwachte, fand ich mich im Krankenhause. Ein nervöses Fieber hatte mich erfaßt, hatte mir alle Kräfte ausgesogen, mich gebrochen und dann wie eine Satire auf die Jugend liegen lassen. Wenn ich mich bewegte, so taten mir alle Muskeln weh, und schaute ich einmal nach dem verhangenen Fenster, durch das sich die helle Frühlingssonne vergebens durchzudringen bemühte, so schmerzten mich meine Augen.

Als ich so müde vor mich hinsah, gewahrte ich auch die blauen Streifen in dem Überzuge meiner Bettdecke, die ich im Fieberwahnsinn für hinabströmende Bäche gehalten und in deren Fluten ich dann zu ertrinken gemeint hatte. Ich mußte lächeln über die Phantasie, und doch hätte ich nichts dagegen gehabt, wäre sie wahr gewesen.

Mein Körper aber erholte sich, die Jugend übte ihre zauberische Macht, schon nach etwa 14 Tagen konnte ich auf einige Stunden das Bett verlassen. Nun erzählte mir auch ein Krankenwärter, wie sich mittlerweile die Lage der Welt so schnell und so bedeutend geändert habe. Napoleon sei von Elba nach Frankreich zurückgekehrt, der ganze Kongreß sei auseinandergestoben und ein neuer Feldzug gegen Frankreich entwickle sich bereits – schon seien die Heere aufgebrochen. Wien sei infolgedessen sehr verödet; allerlei schlimme Geschichten in der hohen Aristokratie seien zutage gekommen und ein Fräulein von Kaminski habe sich sogar in der Donau ertränkt ...

Ich hörte das alles mit an und verstand es auch, aber mir war, als brauchte ich es nicht zu glauben, als sei es doch eigentlich auch nur ein Traum, den ich erzählt bekäme. Erst nach und nach empfand ich die gewaltigen Tatsachen in ihrer ganzen Größe, und das jähe Ende Valeskas grub mehr und mehr einen tiefen Ernst in meine Seele, der mich dann die ganze übrige lange Zeit meines Lebens nicht wieder verlassen hat.

Noch verschiedene Wochen vergingen, ehe ich wieder ganz hergestellt war. Ich benutzte diese Zeit der Genesung, um über mein ferneres Leben nachzudenken und mir Pläne zu machen. Ich beschloß, auch an der ferneren Entwicklung meines Vaterlandes, das sich, so hoffte ich, nach diesem zweiten napoleonischen Überfall nur gesunder neugestalten werde, kräftig mitzuarbeiten. Doch vorher wollte ich noch etwas Tüchtiges lernen und darum wanderte ich an einem herrlichen Sommermorgen dem Norden zu, zog durch Schlesien und Sachsen und stellte endlich den Stab in dem trauten Jena, das mich ehedem so liebevoll und gastfreundlich aufgenommen hatte, in den Winkel.

Zu meiner Überraschung traf ich dort bereits eine größere Anzahl Gesinnungsgenossen. Aus unseren Ideen und Wünschen heraus erwuchs die Burschenschaft, welche am 12. Juni 1815 feierlich gegründet wurde. Begabte junge Männer, wie Riemann, Scheidler, Maßmann, Follenius, Binzer, Sartorius, traten ein und nährten goldene Träume für die Zukunft, für ein einiges, deutsches Kaiserreich ...

Aber die Zeit ward immer trauriger. Es zeigte sich immer erschreckender, wie man wohl Alles durch, aber nichts für das Volk tun wollte, wie Eigennutz, Mißtrauen, Unredlichkeit der Fürsten und Diplomaten das arme Deutschland um die sauer verdienten Früchte schändlich betrog. Würdige Männer, wie Arndt, Schleiermacher, Jahn und Andere, wurden verdächtigt, ja wie Verbrecher in die Verbannung geschickt. Widersacher, wie Kamptz, Schmalz, Haller, Kotzebue, traten wie schleichendes Gift den Einheitsbestrebungen entgegen. Unser Groll wuchs immer mehr, einer der Unsrigen, Ludwig Sand, ließ sich zur Ermordung Kotzebues hinreißen – und nun trat man uns, die man Volksverführer, Wühler, Demagogen nannte, mit entsetzlicher Grausamkeit entgegen.

Sand ward enthauptet; den armen Sartorius, der dem Freunde vor seiner Reise nach Mannheim das reiche blonde Haar im Bickebacher Walde abgeschnitten hatte, führte man gefesselt nach Wetzlar – und dann ging es immer bunter zu. Überall verhaftete man die Mitglieder der Burschenschaft, die Blüte der deutschen Jugend; in der Nacht selbst holte man sie aus den Betten und schleppte sie auf die Festungen. Die Demagogenriecherei wucherte in üppigster Fülle.

Jammer und Schande über die Zeit, in der man Denen, die den preußischen Thron mit hatten retten helfen, die in den Tagen der Knechtschaft das Feuer der Begeisterung in das bekümmerte und hoffnungslose Volk geschleudert hatten, die jetzt für die vielen kraft- und saftlosen Souveränchen ein einheitliches, mächtiges deutsches Reich verlangten, in der man Denen, sage ich, die Aufopferung und hochherzige Gesinnung mit Undank, Wortbruch, gemeiner Verfolgung und sogar mit Kerker vergalt! –

Ich mußte es mit bitterem Grimme sehen, wie meine besten Freunde über Nacht verschwanden – und als ich eines Nachmittags nach einem Kolleg in meinem Studirstübchen stand, kam ein Bekannter atemlos zu mir hereingestürzt und rief:

»Eilen Sie, eilen Sie, Ihr Verhaftbefehl ist schon unterzeichnet!«

Nur die schleunigste Flucht konnte mich retten. –

So verließ ich also Jena, das ich mit so viel Hoffnungen betreten hatte. Aber nun stand ich vogelfrei in der Welt, stets in Gefahr, eingefangen zu werden – wie ein Geächteter.

Erst verbarg ich mich bei Verwandten; das konnte aber nicht lange so fortgehen; dann wollte ich nach Amerika auswandern, aber ich vermochte es nicht übers Herz zu bringen, meine deutsche Heimat zu verlassen – da kam mir ein glücklicher Gedanke; ich konnte auf deutschem Boden bleiben und mich trotzdem abschließen von der Welt, mit der ich ja doch nicht leben durfte und wollte – wenn ich in die Einöde zog und mich jener Beschäftigung widmete, für die ich vom alten Melchior her noch eine warme Vorliebe hegte, wenn ich in die Lüneburger Heide zog und Bienenvater wurde. Bei unvernünftigen Tieren konnte ich dort ein geregeltes Staatsleben mit gerechten Gesetzen unterstützen und fördern, was mir ja bei den Menschen nicht vergönnt war ...

Mit einigen Talern, die mir ein alter Vetter mit auf die Reise gab, stahl ich mich über die preußische Grenze, nur begleitet von Homer und Tacitus, meinem Säbel, der mich auf meinen Feldzügen begleitet und der mir lieb und wert geworden, meiner zerknitterten Blüchertrompete und meinem Waldhorn – alles Plunderkram für einen Menschen, der nichts zu beißen hat, über den man hätte lachen können, und doch Trostmittel, wie sie mir niemand hätte besser gewähren können!

Wohl fraß mir in den ersten Jahren der bittere Groll heftig am Herzen, aber nach und nach, als ich mich so von Jahr zu Jahr mehr und mehr in das Einsiedlerleben hineinfand, als ich über meinem kleinen Volke mit immer größerer Liebe und Sorgfalt wachte, da lernte ich auch mit mehr Ruhe auf die traurigen Tage meiner Jugend und das Unglück meines Vaterlandes zurückblicken.

So wäre es sicher auch geblieben bis an das Ende meiner Tage, und mir wäre ein nochmaliges schmerzhaftes Aufzucken erspart geblieben – wäre ich klüger gewesen! ..

Aber eines Tages, ich schnitt gerade meinen Bienenstöcken den Honig aus, es war im Anfang April, kam ein Schneider aus Ülzen, der mir wohl dann und wann ein neues Kleidungsstück machte, atemlos zugelaufen und berichtete mir, daß sich ganz Deutschland in der größten Aufregung befinde. Arndt, Jahn, Uhland, alle die bedeutenden Männer von ehedem, seien in Frankfurt zu einem deutschen Parlament zusammengetreten, ein neues deutsches Reich werde gegründet und jetzt sei eine Deputation auf dem Wege nach Berlin, um dem Könige von Preußen, Friedrich Wilhelm dem vierten, die deutsche Kaiserkrone zu überbringen. Das ganze Land sei voll Jubel und Alles jauchze dem neuen Kaiser entgegen.

Da wischte ich mein Honigmesser ab, hing es an die Wand, befahl meine Bienen und meine Tauben im Giebel dem lieben Gott, und steckte meinen alten grauen Kopf nach fast dreißig Jahren wieder in die Welt.

Ich mußte schwer dafür büßen, denn ich mußte sehen, wie die ganzen Bestrebungen, der ganze Jubel ein schreckliches Ende nahm.

Der König von Preußen schlug die Kaiserkrone aus, alle Unternehmungen zerfielen, Sonderinteressen und Parteileidenschaften entfesselten sich, die Empörung loderte auf, die Bayonette fuhren zwischen das aufgeregte Volk, die Kanonen schlugen in die Reihen der Bürger, alle die Männer, die es gut meinten mit der deutschen Sache, mußten flüchten, wollten sie nicht in die Staatsgefängnisse wandern; eine entsetzliche Verwirrung, eine jämmerliche Enttäuschung entstand, und die Willkürherrschaft lagerte schlimmer denn je auf dem beklagenswerten Vaterlande! ...

Mit blutendem Herzen kehrte ich in die Heide zurück und beklagte die Stunde, in der ich töricht genug gewesen war, an ein Auferstehen des deutschen Reiches zu glauben!

Nun aber habe ich den wenigen, die mit mir von Zeit zu Zeit verkehren, streng verboten, mir auch nur ein Wort von dem zu sagen, was da draußen vorgeht, es kann ja doch nur Trauriges und Schlechtes sein. Über zwanzig Jahre sind nun abermals vergangen, die Zeiten müssen schlimmer als je geworden sein, denn selbst die Wachshändler, die mich sonst regelmäßig jedes Jahr besuchten und mir meinen kleinen Wachsertrag abkauften, sind weder im vorigen, noch in diesem Sommer gekommen – aber ich will nichts hören, denn es ist mir entsetzlich, ohnmächtig dazustehen und nichts tun zu können, um den Untergang des teuren Vaterlandes abzuwenden!«

Der Alte schwieg, die Stimme hatte ihm vor Erregung bei den letzten Worten gezittert, nun wischte er sich eine Träne aus dem Auge.

Ich aber stand mit klopfendem Herzen auf, schritt in die Stube, holte die Nummer einer illustrierten Zeitung, die ich mir zur Erinnerung an den großartigen Einzug der siegreichen deutschen Truppen in Berlin, mit dem deutschen Kaiser an der Spitze, noch auf dem Bahnhofe in Göttingen gekauft hatte und die noch zufällig in der Tasche meines Sommerüberziehers stecken geblieben war, dann nahm ich einen brennenden Kienspan aus dem Kamin und schritt mit dem flackernden Lichte vor die Türe zum Alten, der noch still in seinen Schmerz versunken auf der Bank saß. Hierauf breitete ich das Bild schweigend vor ihm aus und beleuchtete es. Er wußte erst nicht, was das alles bedeuten solle; als er aber genauer auf das Blatt gesehen und die Unterschrift gelesen hatte, fuhr er zusammen. Dann blickte er fast ängstlich zu mir auf.

»Heiliger Gott!« rief er mit bebender Stimme aus, »wie soll ich das verstehen!«

»Wenn ich sprechen darf!« versetzte ich freudig, warf den Kienspan weg und ergriff seine zitternden Hände.

Und nun berichtete ich mit jubelndem Herzen von der Wiedererwerbung der Elbherzogtümer, dann von dem Sturmjahr 1866 und dem kühnen Vorgehen Preußens, welches das deutsche Volk, wenn auch nicht auf dem geträumten Wege des Friedens und der freundlichen Verständigung, sondern auf dem rauhen, aber auch nur einzig möglichen Pfade der Gewalt zu dem ersehnten Ziele der Einheit und Macht geführt hatte. Hierauf schilderte ich den großen kernigen Kanzler, der die Zügel des neuen deutschen Reiches fest in den geschickten Händen hält, malte den Neid, den die Franzosen über das Wachsen der deutschen Macht empfanden, pries die Einigkeit der deutschen Völker beim Auflodern des frech heraufbeschworenen Kampfes von 1870 und rief dann schließlich:

»Niedergeworfen ist also der letzte Feind unseres Vaterlandes, das mißgünstige Frankreich; ein würdiger Kaiser, Wilhelm der Siegreiche, steht an der Spitze unserer Fürsten und Stämme und über alle Lande hin strahlt die Herrlichkeit und Majestät des neuen deutschen Kaiserreiches!«

Staunend hatte mir der Alte zugehört, bei meinen letzten Worten stand er auf, erfaßte zitternd meine Hand und sagte ernst:

»Der Himmel lohne Ihnen die Botschaft tausendfältig!« dabei brachen ihm die Tränen aus den Augen, er wandte sich ab und ging in das Haus hinein.

Freudig und doch auch wehmütig bewegt blickte ich dem weinenden Greise nach, dann suchte auch ich mein Lager auf, denn es war schon spät in der Nacht und morgen in der Frühe wollte ich aufbrechen und Abschied von dem mir so lieb gewordenen Heide-Hause nehmen.

Lange konnte ich nicht einschlafen, bis mir endlich Erinnerungen an die holde Gesellschaft auftauchten, die ich damals auf dem Brocken verlassen hatte. Schöne, sanfte Augen sah ich mir freudig entgegenglänzen, rosige Lippen lächelten mir zu – alle die prächtigen erbeuteten Käfer umsurrten und umsummten mich – ich lag in süßen Träumen.

Ein leises Hämmern erweckte mich, erschrocken sah ich, daß der Morgen bereits weit hereingebrochen; schnell sprang ich auf und kleidete mich an. Zugleich bemerkte ich verwundert, daß die zerknickte Blüchertrompete über dem Blücherbilde verschwunden war.

Eben wollte ich zu dem Alten, den ich draußen vor dem Hause bemerkte, hinaustreten, um ihn über das vermißte Instrument zu befragen, als mir, indem ich über die Schwelle schritt, helle, frische Töne entgegenklangen. Erstaunt blieb ich stehen: mir gegenüber an der Seite der Türe erblickte ich den Alten, hoch aufgerichtet, die im Morgensonnenscheine blitzende Blüchertrompete unter den weißen Schnurrbart gesetzt. Und glockenrein und feierlich schallte der Schlußvers des berühmten Arndtschen Liedes in den stillen Wald hinein:

»Das ganze Deutschland soll es sein!
O Gott vom Himmel sieh darein!
Und gib uns echten deutschen Mut,
Daß wir es lieben treu und gut.
Das soll es sein, das soll es sein!
Das ganze Deutschland soll es sein!«

Nun setzte er die Trompete ab und indem er mir die Hand reichte, sagte er:

»Heute im Morgengrauen habe ich sie von ihrem Nagel, der sie fünfzig Jahre lang getragen, herabgeholt und habe ihr die Scharten ausgeschlagen, die sie in Wien erhielt, denn ihre Trauerzeit ist um.«

Nach dem Morgenimbiß packte ich meine Siebensachen zusammen und fühlte dabei, wie schwer mir der Abschied wurde. Bald darauf schritten wir beide aus dem Gehölz in die offene Landschaft hinaus.

Er begleitete mich so weit, bis ich die Turmspitze von Ülzen sehen konnte; über vieles fragte er mich noch unterwegs; über eine große Menge von hervorragenden Persönlichkeiten mußte ich ihm noch Auskunft geben – bis er mir endlich die Hand zum Abschied reichte.

»Nun will ich in Frieden sterben,« sagte er, »denn der Traum meiner Jugend ist erfüllt. Nehmen Sie den schlichten, aber heißen Dank für Ihre Botschaft mit in das aufblühende Leben des neuen Reiches hinein.«

Noch ein herzlicher Druck und wir schieden tief bewegt. Während ich aber frisch auf den Kirchturm von Ülzen losmarschierte, stand er noch lange, hatte die Blüchertrompete angesetzt und blies die feierlich-kräftige Melodie des Arndtschen Liedes.

»Das soll es sein, das soll es sein!
Das ganze Deutschland soll es sein!«

hallte es noch lange weithin über die stille Heide ...

* * *

Ein Jahr war seitdem vergangen, meine Insektenjagd in der Lüneburger Heide hatte mir köstliche Früchte getragen. In Folge meines Werkes über die Dipteren, das vermöge meiner reichen Beute in der Heide sehr wertvolle Bereicherungen erfahren hatte, flog mir eine Professur ins Haus und bald darauf küßten mich voll Seligkeit dieselben Lippen, die damals auf dem Brocken mir bitter geschmollt hatten. Ein alter Onkel aber nickte vergnügt dazu und machte lächelnd die nicht mehr ganz neue Bemerkung:

»Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, besonders wenn er ein gelehrter Professor ist!«

In diesem Herbste machten wir unsere Hochzeitsreise, einen lieben Freund in England wollten wir besuchen. Ich hatte meiner jungen Frau jedoch so viel von dem Alten in der Heide erzählt, daß wir zu einem Besuch für ihn einen kleinen Umweg machten.

Sicher fand ich den Weg wieder, es war noch alles ganz wie damals. Als wir in den kleinen Wald eintraten, überkam uns plötzlich eine sonderbare Wehmut; langsamer und langsamer schritten wir dem kleinen Hause zu. Als wir auf den freien Rasenplatz traten, blieben wir betroffen stehen. Einen Grabhügel erblickten wir mitten auf der kleinen Wiese; ein hölzernes Kreuz stand zu Häupten; in der Mitte desselben war eine Nische eingemeißelt, und in dieser stand, leicht vergittert, damit sie wahrscheinlich nicht der Wind oder ein Tier herausreißen sollte, die Blüchertrompete. Um die Nische herum aber war in großer Schrift geschrieben: »Hier ruht in Frieden ein alter Blücherscher Trompeter, der noch den Glanz des neuen Reiches sah.«

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