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Die Blinden

Paul Heyse: Die Blinden - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenovelette
authorPaul Heyse
titleDie Blinden
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
seriesGesammelte Werke von Paul Heyse
volumeBand 4-6
year
firstpub1852
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090216
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Erstes Kapitel.

Am offenen Fenster, das auf den kleinen Blumengarten hinausging, stand die blinde Tochter des Dorfküsters und erquickte sich am Winde, der über ihr heißes Gesicht flog. Die zarte halbwüchsige Gestalt zitterte, die kalten Händchen lagen in einander auf dem Fenstersims. Die Sonne war schon hinab und die Nachtblumen fingen an zu duften.

Tiefer im Zimmer saß ein blinder Knabe auf einem Schemelchen an dem alten Spinett und spielte unruhige Melodieen. Er mochte fünfzehn Jahr alt sein und nur etwa um ein Jahr älter als das Mädchen. Wer ihn gehört und gesehen hätte, wie er die großen offnen Augen bald emporwandte, bald das Haupt nach dem Fenster neigte, hätte sein Gebrechen wohl nicht geahnt. So viel Sicherheit, ja Ungestüm lag in seinen Bewegungen.

Plötzlich brach er ab, mitten in einem geistlichen Liede, das er nach eignem Sinne verwildert zu haben schien.

Du hast geseufzt, Marlene? fragte er mit umgewandtem Gesicht.

Ich nicht, Clemens. Warum sollt' ich seufzen? Ich schrak nur zusammen, wie der Wind auf einmal so heftig hereinfuhr.

Du hast doch geseufzt. Meinst du, ich hörte es nicht, wenn ich spiele? Und ich fühl' es auch bis hierher, wenn du zitterst.

Ja, es ist kalt geworden.

Du betrügst mich nicht. Wenn dir kalt wäre, stündest du nicht am Fenster. Ich weiß aber, warum du seufzest und zitterst. Weil der Arzt morgen kommt und uns mit Nadeln in die Augen stechen will, darum fürchtest du dich. Und er hat doch gesagt, wie bald Alles geschehen sei, und daß es nur thue wie ein Mückenstich. Warst du nicht sonst tapfer und geduldig, und wenn ich als Kind schrie, so oft mir was weh that, hat dich meine Mutter mir nicht immer zum Muster aufgestellt, obwohl du nur ein Mädchen bist? Und nun weißt du dich nicht auf deinen Muth zu besinnen, und denkst gar nicht an das Glück, das wir hernach zu hoffen haben?

Sie schüttelte daß Köpfchen und erwiederte: Wie du nur denken kannst, ich fürchtete mich vor dem kurzen Schmerz. Aber beklommen bin ich von dummen, kindischen Gedanken, aus denen ich mich nicht herausfinde. – Zeit dem Tage schon, wo der fremde Arzt, den der Herr Baron hat kommen lassen, vom Schloß herunter zu deinem Vater kam, und die Mutter uns dann aus dem Garten rief, seit der Stunde schon liegt was auf mir und will nicht weichen. Du warst so in Freuden, daß du nichts gewahr wurdest. Aber wie dein Vater damals zu beten anfing und Gott Dank sagte für diese Gnade, schwieg es ganz still in mir und betete nicht mit. Ich sann in mir herum, wofür ich danken sollte und begriff's nicht.

So sprach sie mit ruhiger, gefaßter Stimme. Der Knabe schlug wieder einige leise Accorde an. Zwischen den heiser schwirrenden Tönen, wie sie diesen alten Instrumenten eigen sind, klang ferner Gesang heimkehrender Feldarbeiter, ein Gegensatz wie der eines hellen, kräftig erfüllten Lebens zu dem Traumleben dieser blinden Kinder.

Der Knabe schien es zu empfinden. Er stand rasch auf, trat an das Fenster mit sicherem Schritt – denn er kannte dies Zimmer und jedes Geräth darin – und indem er die schönen blonden Locken zurückwarf, sagte er: Du bist wunderlich, Marlene! Die Eltern und Alle im Dorfe wünschen uns Glück. Sollt' es nun kein Glück sein? Bis mir's verheißen würde, hab' ich auch nicht viel danach gefragt. Wir sind blind, sagen sie. Ich verstand nie, was uns fehlen soll. Wenn Besuch zu den Eltern kam, und wir hörten, wie sie mitleidig sagten: Arme Kinder! ward ich zornig und dachte: Was haben sie uns zu bedauern? Aber daß wir anders sind als die Andern, das wußt' ich wohl. Sie sprachen oft Dinge, die ich nicht verstand, und die doch lieblich sein müssen. Nun wir's auch wissen sollen, läßt mich die Neugier nicht los Tag und Nacht.

Mir war's wohl, so wie es war, sagte Marlene traurig. Ich war so fröhlich und hätte all mein Lebtag so fröhlich sein mögen. Nun kommt es wohl anders. Hast du nicht die Leute klagen hören, die Welt sei voll Noth und Sorgen? Und kannten wir die Sorge?

Weil wir die Welt nicht kannten; und ich will sie kennen, auf alle Gefahr. Ich ließ mir das auch gefallen, so mit dir hinzudämmern und faul sein zu dürfen. Aber nicht immer; und ich will nichts voraus haben vor denen, die es sich sauer werden lassen. Manchesmal, wenn mein Vater uns Geschichte lehrte und von Helden und wackern Thaten erzählte, fragt' ich ihn, ob die großen Männer auch blind gewesen. Aber wer was Rechtes gethan hatte, der konnte sehen. Da hab' ich mich oft tagelang mit Gedanken geplagt. Dann, wenn ich wieder Musik machte und gar Orgel spielen durfte, an deines Vaters Stelle, vergaß ich meinen Unmuth. Wie oft aber dacht' ich auch: Sollst du immer Orgel spielen und die tausend Schritt weit im Dorf umher gehn, und außer dem Dorf kennt dich kein Mensch und nennt dich keiner, wenn du gestorben bist? Siehst du, seit nun der Arzt im Schlosse ist, hoffe ich, daß ich noch ein ganzer Mann werden kann! Und dann gehe ich in die Welt, und jede Straße, die mir ansteht, und habe Keinem was nachzufragen.

Auch mir nicht, Clemens!

Sie sagte das ohne Klage und Vorwurf. Aber der Knabe erwiederte heftig: Höre, Marlene! Sprich nicht so Zeugs, was ich nicht leiden kann. Meinst du, ich würde dich allein zu Hause lassen und mich so fortstehlen in die Fremde? Traust du mir's zu?

Ich weiß wohl, wie es geht. Wenn die Bursche im Dorf zur Stadt müssen oder auf Wanderschaft, da geht Keins mit, auch nicht die eigene Schwester. Und hier sogar, wenn sie noch unerwachsen sind, laufen die Knaben von den Mädchen weg, gehn in den Wald mit ihresgleichen und necken die Mädchen, wo sie ihnen begegnen. Bisher, da ließen sie dich mit mir zusammen, und wir spielten und lernten mit einander. Du warst blind wie ich; was wolltest du bei den andern Jungen? Aber wenn du sehen kannst und du wolltest bei mir im Haus sitzen, würden sie dir nachspotten, wie sie's Jedem thun, der's nicht mit ihnen hält. Und dann – dann gehst du gar fort auf lange Zeit, und ich hatte mich so ganz an dich gewöhnt!

Sie hatte die letzten Worte mit Mühe herausgebracht; da übermannte sie die Angst und sie schluchzte laut. Clemens zog sie fest an sich, streichelte ihr die Wangen und sagte dringend: Du sollst nicht weinen! Ich will nicht von dir gehen, nie, nie! und eh ich das thäte, will ich lieber blind sein und Alles vergessen. Ich will nicht von dir, wenn dich's weinen macht. Komm, sei ruhig, sei froh! Du darfst dich nicht erhitzen, hat der Arzt gesagt, weil es den Augen nicht gut ist. Liebe, liebe Marlene!

Er drückte sie fest in den Arm und küßte sie, was er nie zuvor gethan. Draußen rief seine Mutter vom nahen Pfarrhaus herüber. Er führte die fort und fort Weinende zu einem Lehnstuhle an der Wand, ließ sie darauf niedersitzen und ging eilig hinaus.

Kurz darauf schritt ein würdiges Paar den Schloßberg herab ins Dorf, der Pfarrer, eine hohe, gewaltige Gestalt in aller Kraft und Majestät eines Apostels, der Küster, ein schlichtgewachsener Mann von demütiger Haltung, dessen Haar schon weiß wurde. Sie waren beide vom Gutsherrn eingeladen worden, den Nachmittag mit ihm und dem Arzt zuzubringen, der auf die Einladung des Barons aus der Stadt herübergekommen war, die Augen der beiden Kinder zu prüfen und eine Operation zu versuchen. Nun hatte er den hocherfreuten Vätern wiederholt seine Hoffnung auf völlige Heilung versichert und gebeten, auf den kommenden Tag sich bereit zu halten. Den Müttern lag es ob, in der Pfarre das Nötige zuzurüsten; denn man wollte die Kinder an dem Tage nicht trennen, der beiden das so lange gemeinsam entbehrte Licht bringen sollte.

Als die beiden Väter vor ihren einander gegenüber gelegenen Häusern angekommen waren, drückte der Pfarrer seinem alten Freunde die Hand und sagte mit feuchtem Blick: Gott sei mit uns und ihnen! Dann schieden sie. Der Küster ging in sein Haus; da war Alles still, die Magd draußen im Garten. So trat er in sein Zimmer und war der Stille froh, die ihn mit seinem Gott allein sein ließ. Als er über die Schwelle geschritten, erschrak er. Sein Kind war vom Stuhle aufgefahren, drückte das Tuch hastig vor die Augen, die Brust flog ihr wie von Krämpfen, die Wangen und Lippen waren blaß. Er sprach ihr zu und bat sie, sich zu fassen und fragte ernstlich: Was ist dir geschehen? Sie antwortete nur mit Thränen, die sie selbst nicht verstand.

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