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Die Blechschmiede

Arno Holz: Die Blechschmiede - Kapitel 1
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typedrama
authorArno Holz
titleDie Blechschmiede
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Arno Holz

Die Blechschmiede

Erschienen im Insel-Verlage Leipzig 1902

Seinen Freunden Rolf Martens, Robert Reß und Georg Stolzenberg

der Herr Mitte Dreißig

Buchschmuck: Julius Diez
Abb. 01, Musenentempel mit Narrenkappe

Prolog:

Seit der alte Papa Wieland

seine liederlichen Musen

abenteuerlich ersuchte,

ihm den Hippogryph zu satteln,

hat schon mancher deutsche Dichter

diesen Trick ihm nachgeäfft.

In das süße blaue Wunder

unsrer Jungfrau Poesie

stippte altklug Mutter Prosa

die didaktisch lange Nase,

und die Töchter des Olympiers

degradiert nun frech zu Jockeys

jeder Schlingel, dem erbärmlich

auf der schlecht geleimten Leyer

nur ein dünnes Därmchen schnurrt.

Leider bin ich auch blos Mensch.

Dumpf in meine Wiegenlieder

brandete von fern die Ostsee,

und wir Deutschen sind entweder

Dichter, oder Philosophen.

Ich bin Dichter. Versefex.

Versefex und degradier drum

jene schlanken Marmorschönen

mit dem weltverliebten Herzen

heute selbst zum Stallknechtsdienst.

He, Euterpe, raus den Schinder!

Wiehernd bäumt er sich ins Licht.

Zieh, Urania, erst mal, bitte,

dort den Strohhalm aus dem Schwanz.

Klio und Kalliope,

putzt ihm spiegelblank die Hufe,

knüpft ihm Blumen in die Mähne,

hängt ihm Rauschgold an die Flügel,

mutig blähn sich seine Nüstern,

wohlig zuckt sein Seidenfell.

Schlottert hier nicht noch ein Riemen?

Mensch, Melpomene, du stellst dich

ja noch dümmer, als du bist!

Fester, Erato, den Sattel,

oder denkst du dir, ich wollte,

rhythmisch über Wolken stolpernd,

einen Kopfsprung inscenieren?

Kind, Thalia, willst du wohl?

Händchen weg, das Luder beißt!

Recht so, Polyhymnia,

reich ihm den krystallnen Eimer,

roten, funkelnden Falerner

zulpt der alte Schwede gern.

Hm; die Bügel federn gut.

Auch die Peitsche zieht brillant.

So. Und jetzt, Terpsichore,

heb dein Tunicachen, tanz

ihm eins rittlings vor dem Hintern,

unterm Schlage seiner Schwingen

stäuben Blüten aus den Wipfeln,

und verdutzt vom Kirchturm kräht schon

hinter uns der goldne Gockel.

Chor:

Denn die Wolken, die Wolken sind ewig schön,

ob sie nun über Aeppel- oder über Birnbäume gehn!

Vorhang

Eine weiße Seidendraperie mit gelben Japandrachen. Sie teilt sich und die Bühne stellt die Zirbeldrüse des Dichters dar. Eine Unmasse Hirnsand. Im Vordergrund links eine birmanische Pagode, rechts ein griechischer Tempel, im Hintergrund eine Kathedrale. Die Kathedrale ein Ausschank von Aschinger, der Tempel ein Warenhaus von Wertheim, die Pagode eine Filiale vom Berliner Lokalanzeiger. In der Ferne unterscheidet man deutlich das Altertum, das Mittelalter und die Neuzeit. Apollonius Golgatha, auf einem Postament in der Mitte. Glockenrock à la Thomas Theodor Heine, aus seinen Rockschößen die "Blätter für die Kunst", als Pegasus ein Schaukelpferd. Das Postament ein parischer Marmorblock mit einem Sims aus purpurnen Eselsohren. Rundherum, außer verschiedenen Zeitgenossen, mehrere Herren aus gewesenen Jahrhunderten: Hiob, Dafnis, Pickelhering u. s. w. Auf den Stufen des Unterbaus, die gedankenschwere Hirnterrine in die Linke gestützt, der Herr Mitte Dreißig; das ganze Individuum um seinen Kneifer konzentriert.

Der Herr Mitte Dreißig:

O Haupt voll Blut und Wunden,

o deutsche Poesie,

wie hat man dir geschunden

dein Tüpferl auf dem i!

Durch Mond und Sterngeflimmer

welteinwärts glänzt ein Steg –

das Maultier sucht noch immer

im Nebel seinen Weg!

Apollonius Golgatha:

Andre singen andre Lieder.

Mein Gefieder

flieht den Tag und sein Gefunkel,

feuerfarben suchts das Dunkel.

Andre lieben andre Leiber.

Meine Weiber

schmachten, schimmernd wie Narzissen,

schwül aus schwarzen Finsternissen.

Andre haben andre Hirne.

Meine Birne

liegt im Streit mit meinem Nabel,

sozusagen: Kain und Abel!

Chor der Jünglinge, rechts; rote Glacees, umgekrämpelte Hosen, Monokles, Schnabelschuhe; aus der Lokalanzeigerpagode:

Wir sind keine Sittenprediger und lieben nur die Schönheit. Mehr als das schwarze Leder der Bücher behagt uns die weiße Haut, die über die quellende Brust des Weibes gespannt liegt, oder ein blondes Bein, das seiden aus einem geschlitzten Sternkleid schimmert!

Chor der Jungfrauen, links; aus dem Wertheimtempel:

Unsere Haare zum Fest sind köstlich aufgebunden, Purpurbänder schlingen sich durch unsre Zehen, wir suchen die zuckende Schönheit des Moments!

Beide:

Wir haben an denselben Brüsten getrunken, unsre Augen haben sich an denselben Zieraten geweidet, wir tragen dieselben Wunden und Geschwüre!

Apollonius Golgatha:

Schrill aus blutenden Karbunkeln

unerhörte Blumen funkeln:

die blauen Blumen meiner Brust,

die um die verschütteten Brunnen gewußt!

Der Herr Mitte Dreißig:

Gackre, gackre, dumme Gosch!

Grün wird mir und blau!

Aufgeblasen wie ein Frosch!

Eitel wie ein Pfau!

Impresario, Ziegenbart, Zeigestock:

Dichter mit assyrischen Bärten, die steifen Locken wunderlich verschnörkelt, präraphaelitisch bleiche Maler, matte und wie Lilien fällige Komtessen, nach den Paradiesen unbekannter Schönheit lüstern, und zwischen den scheuen und wie verschmachtenden Farben ihrer weiten und welken Gewänder glänzt silenisch und wüst der Schädel des Verlaine!

Der Herr Mitte Dreißig:

Man ist kein Schnorch wie früh’r der Schniller,

man ißt bei Dreßel und bei Hiller;

man ist besorgt ach, um sein Rühmchen –

jede Zeile ein Gänseblümchen!

Apollonius Golgatha:

Gehüllt in meines Liedes blauen Mantel

zertritt mein Fuß die giftige Tarantel.

Was speist du hier dein belferndes Geschwehle?

Wo kommt es her? Mit nichten aus der Seele!

Dafnis, ein Schäffer:

Wie sie sich kniffen, wie sie sich knuffen,

wie mihr für Freuden die Aedergen buffen!

In Rom, Korinth, Athen

kann man nichts Schönres sehn.

Auff, nuhn laßt die Stimmlein schallen,

ihr gelehrten Nachtigallen!

Autor:

Von Tromsö bis Malta:

Hic Rhodus, hic salta!

Chor der Greise, in langem Zuge aus der Aschingerkathedrale. Goldne Brillen, weiße Westen, Bierbäuche; Harfen:

Um die Fliederzeit,

wenn der Kukuk schreit,

wird das Herz uns immer wieder jung.

Uns zur Seite geht,

wenn der Lenzwind weht,

leisen Schrittes die Erinnerung!

Die Grünen:

Dann setzten sie ins Gras sich nieder

und quäkten ihre alten Lieder:

Die Liebe ist der Liebe Preis

und auf dem Dache sitzt ein Greis!

Erster Greis, Verfasser von "Veilchen und Meerrettich":

O, daß ich dein auf ewig bliebe,

du meiner Seele Harmonie,

denn du, nur du bist meine Liebe,

du hocherhabne Poesie!

Mein krankes Herz fühlt sich genesen,

wenn mich dein Flügelschlag umkreist;

denn was ich fühle, ist dein Wesen,

und was ich denke, ist dein Geist!

Zweiter Greis, Verfasser von "Edelrost und Grünspan":

Ob du, ein Blitz aus düstrer Wolke,

als Schicksal durch die Lande rast,

ob du als Freiheit dich dem Volke,

als Liebe dich dem Herzen nahst:

in dieser Welt geweihtem Ringe

von allen Wundern gleicht dir keins;

du bist die Mutter aller Dinge,

du bist die Seele allen Seins!

Die Grünen:

Lirum, larum, Löffelstiel,

alte Männer dichten viel.

Dichten viel und dichten sehr,

lang, lang ists her!

Dritter Greis, Verfasser von "Vom Tintenfaß ins Weltall, oder Plomben für den kranken Zahn der Zeit":

Wieder lag ich still im Nachen,

abendluftumweht,

hörte, wie die Fischlein sprachen

sacht ihr Nachtgebet.

Schaute, wie die Blümlein schlossen

ihre Aeugelein,

ach, und meine Thränen flossen

unaufhaltsam drein!

Und als süß dann durch die Eiche

noch das Mondlicht quoll,

schwammen Mummeln auf dem Teiche,

bleich und stimmungsvoll.

Sag, was giebt es Angenehmres,

als im Teich ein Bad?

Giebt es manchmal was Bequemres,

als ein Mummelblatt?

Der Herr Mitte Dreißig:

Festgeleimt durch sein Gestänklein,

hockt das auf dem Dichterbänklein.

Hinter Bergen

von Latwergen,

die Pupillen

schützen Brillen.

Und so knickt das seine Läuschen,

Habakuk im Wetterhäuschen!

Chor:

Jene süßliche Welt blonder Empfindsamkeit,

deren Doppelsymbol Lehnstuhl und Ofenbank,

wo die Jünglinge seufzten

und empfanden wie Hagedorn!

Ach, schon hieß Papa Gleim Deutschlands Anakreon,

und die Sprache, die einst Luther aus Holz geschnitzt,

lernte zierlich zu tänzeln

wie ein fränkisches Menuett!

Fashionable war nun Dörfchen und Abendstern,

Tau und Rosengebüsch, Bächlein und Nachtigall,

und die zärtliche Flöte

schluchzte nächtlich den Vollmond an!

Lang ists her, schon manches Jährchen,

Vieles ist seitdem geschehn –

müssen noch immer um eure Pärchen

mondversilberte Pappeln wehn?

Apollonius Golgatha:

Märchenselig wob ein Baum

pfauenfarbne Schwingen,

leise Glocken ließ mein Traum

über mir erklingen.

Meiner Liebe schwarze Qual

schlief vergessen,

lieblich stand das ganze Thal

voll Cypressen.

Und des Friedens weiße Täubchen,

keusch im Bogen,

zitternd ein demantnes Stäubchen,

kam geflogen.

Zart und zierlich wie aus Glas

klang sein Stimmlein:

sieh dies Blümlein, sieh dies Gras,

sieh dies Immlein!

Und dazwischen, blau und seiden,

sang der Bach:

Willst du nicht das Lämmlein weiden?

Weinend ward ich wach!

Der Herr Mitte Dreißig:

Privatim sei stupide,

doch bist dus auch im Liede

und quälst du mir mein Ohr,

vergleich ich dein Gesinge

dem Messer ohne Klinge,

das seinen Griff verlor!

Apollonius Golgatha:

Die hohe Harfe ist mein Amt,

ich singe, weil ich leide;

die Nachtigall schluchzt schwarzen Sammt,

der Flieger aus Kanarien gelbe Seide.

Platschneese, ein Herr mit ausgefranzten Hosen und Ballonmütze:

Aujust, hast wol n kleenen Pick?

Ziehrt sich wie ne Zicke am Strick!

Macht hier Stoob un nich zu knapp –

stoß dir man keene Zierraten ab!

Apollonius Golgatha:

In die süße Himmelsschüssel

Taucht das Untier seinen Rüssel!

Zurück, zurück zu deiner Hölle Kesseln,

trägbeinger Molch, von unsern sammtnen Sesseln!

Der Herr Mitte Dreißig:

Noch niemals fühlte sich das wohl

bei Pökelkamm und Sauerkohl.

Das lutscht nur Nürenberger Leckerl,

o Jeckerl!

Apollonius Golgatha:

Johlend über meine Diamanten

taumeln trunkne Korybanten!

Euch tönte nie, beglänzt vom heilgen Graal,

das bunte Lied vom singenden Opal!

Platschneese:

Immer durch denselben Schemel

dreht und druxt det seinen Drehmel.

Jott, wenn ick schon sowat seh –

dhut Ihn denn det janich weh?

Apollonius Golgatha:

Fahl um meiner Seele Säulen

scheucht die Schwermut ihre Eulen.

Fern versprühend blaue Wetter,

schwere, schwarze Lorbeerblätter!

Aus meinen Reimen stöhnt ihr Ach

die dumpfe Sucht am lichten Silberbach,

aus meinen Liedern schluchzt ein Weh,

süß wie Oboen, grün wie Aloe!

Alle:

Die Gedanken,

die da stanken

aus den Blanken

eines Kranken!

Der Herr Mitte Dreißig:

Auf Reime sind wir wie versessen,

was sich nicht reimt, wird hier gefressen.

O lieblich parfümierte Musen,

o Schnürkorsett, o Gummibusen!

Die einen Biester sind lahm und hinken,

die andern nach Lack und Firnis stinken;

kokett behangen den Popo

mit bunten Lappen aus dem Rokoko!

Großstadt-Lyriker, in Frack und weißer Binde vor die Souffliermuschel:

Hurrah Sylvester! Heut giebts Krapfen

und roten Punsch statt grünen Thee!

Von allen Dächern hängt in Zapfen

gefroren der Dezemberschnee.

Die Großstadt, eine Weltkokette,

streut Reif als Puder sich ins Haar –

in pelzverbrämter Toilette

erwartet sie das neue Jahr.

Schau, in den Straßen, welch ein Treiben!

Laternen blitzen durch die Nacht,

und hinter gasdurchhellten Scheiben

winkt Schehresadens Märchenpracht.

Aus Glas und Stein gebaute Hallen,

ein nie erschautes Paradies,

bunt vollgepfropft mit Warenballen

aus Peking, Kairo und Paris!

Das ist ein Funkeln und ein Blitzen,

hier Pfefferkuchen, Marzipan,

hier Goldbrokat und Brüssler Spitzen,

und dort gar Sèvreporzellan!

Verwehte Südfruchtdüfte fächeln

die Leute, die vorübergehn,

und gnädig, mit gelauntem Lächeln,

bleibt oft der Reichtum davor stehn....

Ein Budoir ists, schwer verhangen

mit Goldbrokat und Musselin;

wie ein Gewühl von blauen Schlangen,

aufzischt das Feuer im Kamin.

Der Teppich träumt in seiner Weise

von einem türkischen Bazar,

und auf dem Theetisch brodelt leise

der silberschwere Samovar.

Bunt deckt die Wand Correggios Leda,

und weich umflattert die Kopie

ein Duft von Veilchen und Reseda,

wie eine Frühlingsphantasie!

In kleinen, himmelblauen Wölkchen

umstäubt der modische Parfüm

ein marmorweißes Göttervölkchen

in mythologischem Kostüm.

Von rosa Zwielicht überflossen,

im weißen Nanonnegligee,

lehnt dort aufs Sopha hingegossen

die junge Gattin des Rouee.

Sieh, die noch jüngst als schöne Lola

die goldne Jugend enchantiert,

liest nun als Gräfin Emil Zola

und fühlt sich fürchterlich chociert.

Der Vorstadt niedrige Baracken

ihr wüst Asyl, dem sie entwich,

drin teilen in zerlumpten Jacken

der Hunger und die Kälte sich.

Und mitten unter all den Schuppen

am zugefrorenen Kanal

erheben sich zwei düstre Gruppen:

das Irrenhaus und das Spital.

Um sie härmt sich in seiner Kammer

das Elend, wie um ein Idol –

für diese Welt und ihren Jammer

ein wahrhaft köstliches Symbol!

Der Herr Mitte Dreißig:

Von außen morsch und innen hohl,

du selber bist mir ein Symbol!

In allen Fingern fühl ichs jucken,

auf andrer Kosten läßt ers drucken!

Der Herr mit der Halsbinde wird abgeführt.

Apollonius Golgatha, ihm nach, schmerzlich:

Was bleibt nun noch auf diesem runden Ball?

Seht, auch die Kunst – man stößt sie vom Kothurne.

Einst schlug sein Herz wie eine Nachtigall,

doch ach, nun gleicht es einer Thränenurne!

Symbolist, Ersatzmann:

Ein fernes, seltsam fremdes Land,

kein Gras, kein Kraut, nur fahler Sand,

aus schwarzen Himmeln weiße Sonnen...

Der Herr Mitte Dreißig:

Pardon, ich kenn auch diesen Ton.

Beim Freiherrn Detlev Liliencron

empfand mein Herz schon gleiche Wonne!

Auch dieser Mann wird abgeführt.

Apollonius Golgatha:

Da zieht er hin mit länglichem Gesichte.

O, sehr mit Recht hab ich mal sagen dürfen:

Wir Dichter sind die Thränen der Geschichte,

die heiße Zeiten mit Begierde schlürfen!

Butzenscheibler:

Zur Pfingstenzeit am Schenkenthor,

da geht es lustig zu;

da spielt das Musikantenkorps,

da klappt der rote Schuh.

Da wogt manch enges Mieder,

da springt manch festes Glas,

da klingen Schelmenlieder

zur Fiedel und zum Baß.

Abb. 02, Pegasus u. Stier am Brunnnen

Der Herr Mitte Dreißig:

Nächstens wird mir die Sache zu bunt!

Man kommt sich ja vor, wie ein räudiger Hund!

Schon klingt sie wieder laut und leis,

die abgeschlachte Vielfraßweis!

Zur Pfingstenzeit am Schenkentisch,

da bin ich gern dabei;

doch kommt mir solche ein Flederwisch

und reimt drauf Tanderadei:

dann, schwapp, und Gott befohlen

den Takt ihm hinters Ohr –

der Teufel soll dich holen

auf deinem Haberrohr!

Apollonius Golgatha:

Vergeblich schwingst du deine Keule

um seiner Rhythmen weiße Porphyrsäule!

Schon grollt in deinen zügellosen Tanz

der Göttin Bild in veilchenfinstren Glanz!

Erster Jüngling, Verfasser von "Lichte Momente", "Gesalbte Scheitel", "Gipfelgesänge":

Hoher Sterne steile Dolden

pflücke ich im Traum der Holden;

rings die Wälder tief verschneit.

Einsamkeit...

Hoher Sterne steile Dolden!

Der Herr Mitte Dreißig:

Das dichtert wieder netten Mist,

das macht, der Kerl ist "Oh du"-ist.

Sein X sehnt sich nach ihrem U,

"Oh du!"

Zweiter Jüngling, Verfasser von "Rote Reime", "Granitne Stirnen" u. s. w.:

Durch China wanderte einst solo

der weltberühmte Marco Polo.

An einem Wintertag strich Pan

durch einen Wald aus weißem Filigran.

Der Herr Mitte Dreißig, noch "röter" und noch "granitner":

Entschleiert wie das Bild von Sais,

entstieg dem Meer die schöne Lais.

Und gar, gefolgt von seinem Puma,

entstieg dem Goldthron Montezuma.

O du so ganz verrücktes Huhn,

du Jüngling mit den Schnabelschuhn!

Dritter Jüngling, Verfasser von "Nackte Nächte", "Belauschte Bäder" u. s. w.:

Ich lag in einem Lupanar

und sah im Traum mein Mädchen baden;

von ihren Schultern wie Kaskaden

melodisch troff das schwarze Haar!

Süße, unerhörte Lüste,

die mein Herz genießt,

wenn das Mondlicht deine Brüste

flimmernd übergießt!

In deines Leibes weiße Prächte

verschwelg ich selig meine Nächte,

verträumen will ich Raum und Zeit

in deines Busens blasser Ueppigkeit!

Apollonius Golgatha:

So baut er träumerisch aus Worten

sich einen Turm mit sieben Pforten

in jener blauen, unerschlossnen Welt,

in die sein Singen lichte Throne stellt!

Der Herr Mitte Dreißig:

Himmel, sakra, meine Leier

stipp ich jetzt in Dracheneier!

Hört auf, mir wird ganz krank.

Nur Zuckerwasser trinkt das

und nach Vanille stinkt das

sein ganzes Leben lang!

Mutter Natur hat nächtlich orakelt,

ihr aber habt wie die Hühner gekakelt!

Und wenn ihr euch in Verse schneuzt,

dann ist es die Kritik, die keuzt!

Mathias Weber, Reformdichter. An einer langen Leine von Oben her. Purpurne Toga, Goldkranz, Leier:

Welle, Welle, Welle, du,

Kobold auf der Wasserflut,

wirst du meine Heimat streichen,

o, so biet ihr meinen Gruß,

weil ich doch in weiter Ferne

von der Heimat weilen muß!

Alle:

Wir haben nur einen Dichter

auf unserm Erdenrund:

er hat uns die Welle geschrieben,

sie geht von Mund zu Mund!

Stimme, hohl vom Schnürboden:

Vielleicht

alle fünfhundert Jahre

einen schaffen, der ihm gleicht.

Jäher Gedanke! Versuchung, sonderbare!

Der Gefeierte:

Daß mein Geist sich nie verliere,

ruf ich dieses Eine nur:

Heil, Germania! Triumphiere!

Flügeladjutantin der Natur!

Apollonius Golgatha:

Die Schätze längst verschütteter Palmyren,

hörst du sie triefen nun aus seinen Lyren?

Das klingt so voll, das klingt so rund.

Nun folg ich blindlings deinen Bahnen,

durch meine Seele zieht ein Ahnen

von Paphos und von Amathunt!

Publikum, zum Autor:

Das flammt und funkelt, blinkt und blitzt,

ich glaube gar, hier wird stibitzt.

Dein Wachslicht scheint mir nur aus Talg,

kein Köder brüllt hier, nur sein Balg.

Ein Esel, der sich kühn verkroch –

mein Gott, die Beene kenn ick doch?

Die Verse:

Mang uns mang is manches mang.

Gewiß, mein Herz. Ganz recht. Doch sang

schon Einer auf dem Helicon:

"Und das ist der Humor davon!"

Autor:

So leimt sich mir dies Stück – aus Stücken.

Man knobelt: wird das Monstrum glücken?

Ich schmunzle, bastle und kalfatre,

c’est du plaisir, c’est du théatre!

Chor der Greise:

Das ist doch unerhört frivol!

Auf Veilchen gießt er Vitriol.

Die sieben Farben und die sieben Töne,

der Welt Gestaltung und der Menschheit Treiben,

das ewig Wahre und das ewig Schöne

wird ewig wahr und ewig schön verbleiben.

Die Grünen:

So klangs schon unter Karl dem Kahlen,

nu aber raus und, Schani, zahlen!

Die Grauen:

Bezaubert hielt uns eine Rose,

sie fiel verfault vor uns ins Moos,

uns ward das dunkelste der Lose,

das Dichterlos!

Da blieben die Augen uns nicht trocken,

wir wußten selbst nicht, wies geschah,

und blutend wand sich uns um die Locken

die Dornenkrone von Golgatha.

Die Grünen:

Ein schöner Schmuck. Doch unbequem:

Er drückt. Wie jedes Diadem.

Wir tragen unsre Schädel geschoren;

man sieht so besser unsre Ohren.

Die Grauen:

Eure sogenannte Muse,

diese Fratze, die Fladuse!

Nackt auf einem Tigerfell

räkelt sie sich im Bordell!

Die Grünen:

Wir lieben sie in allen Posen,

mit Hosen und mit ohne Hosen.

Denn sagt nicht Shakespeare schon, das Schwein:

Laßt nackte Mädchen um mich sein?

Die Grauen:

Die Liebe, die Petrarca einst gebucht,

nicht jene, die man auf der Straße sucht!

Die Grünen, angefaßt, Schunkelwalzer:

Schön wie Hebe, so standst du vor mir,

längst schnarchte die olle Wolfen,

schön wie Hebe, eh Herkules ihr

zum Schlotterbusen verholfen!

Weiß und selig, süßes Tier,

o du liebe Kleine,

weiß und selig über mir

küßten sich deine Beine!

Ach, wenn es doch immer so bliebe,

mehr Akrobatie, als Liebe!

Die Grauen:

Fade Krüppel fin de siècle,

zwanzigste Jahrhundertsekel!

Kaum ist das aus dem Ei gekrochen,

so hat das auch schon der Haber gestochen!

Die Grünen:

Fade Wortwurstfabrikanten,

Thränendrüsenspekulanten!

Kerls, die schon die Luft verstänkern,

wenn sie die dicken Bäuche schlenkern!

Die Grauen:

Euch hat das Leben "keinen Zweck".

Reicht man euch Gold, ihr macht draus Dreck!

Das setzt auf Alles seinen Trumpf

und füllt sein Tintenfaß aus dem nächsten Sumpf!

Die Grünen:

Kerls, die sich ihr Hirn verjauchen

und ihre Reversseite als Fernrohr mißbrauchen!

Richtig, so heißt es:

Proleten des Geistes!

Pickelhering:

Dieser da mit dem Monocle

steht sogar auf einem Sockel.

Kritiker der Tante Voß,

zubenannt Kallipygos!

Der EWIGE aus Weimar:

Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent.

Alles starr.

Regisseur, erschreckt nach der Versenkung hin:

Wie meinen?

Die Versenkung schweigt.

Ein Herr Anfang Zwanzig, Garibaldibluse, Heckerhut, riesige bespornte Kanonenstiefel, aus jeder Tasche eine Blutwurst:

Ich kann und mag ihn nicht mehr dämpfen,

mir aus dem Herzen bricht der Schrei:

Auf Tod und Leben laß uns kämpfen,

du legitime Tyrannei!

An deine windigen Tiraden

häng ich dies bleierne Gewicht:

Das Volk nur ist von Gottes Gnaden,

sein König aber ist es nicht!

Mir preßts das Herz, mir schnürts die Kehle

und krampfhaft ballt sich mir die Faust,

wenn du im Schmuck der Kronjuwele

nur Kirchen und Kasernen baust.

Der Freiheit giebst du Bastonaden,

der Wahrheit speist du ins Gesicht:

Das Volk nur ist von Gottes Gnaden,

sein König aber ist es nicht!

Doch knechte, knete nur nach Lüsten,

die Zeit, schon gräbt sie dir dein Grab;

nicht ewig wird dein Stolz sich brüsten,

einst rinnt auch deine Sanduhr ab!

Dann naht der Tag der Barrikaden,

dann wird zur Wahrheit mein Gedicht:

Das Volk nur ist von Gottes Gnaden,

sein König aber ist es nicht!

Doch du, mein Volk, um das ich weine,

dein Sklaventum sei dir nicht leid;

nie stirbt die Freiheit, die ich meine,

und jedes Ding hat seine Zeit.

Doch stets sei dir dies Wort der Faden,

der rot sich durch dein Leben flicht:

Das Volk nur ist von Gottes Gnaden,

sein König aber ist es nicht!

Der Herr Mitte Dreißig:

Hilfe, mir platzt das Trommelfell!

Was hat den Kerl gestochen?

Um Gottes Willen, schnell, nur schnell!

Er kommt sonst in die Wochen.

Ihn ärgerts, daß die Welt sich dreht;

schimpft drauf, druckts und nennt sich Poet!

Der Herr Anfang Zwanzig:

Noch hockt das deutsche Aschenbrödel

am Herd und backt Kartoffelknödel.

Noch schwelgt in Schnaps und Zuckerkant

der Unterthanenunverstand.

Bald naht die Zeit, mein Herz, dann gilts

den Rothschilds und den Vanderbilts.

Und die Herren von Gottes Gnaden?

Fort mit Schaden!

Drum lobt nur, lobt nur den heiligen Geist,

bis die Trommel das Trommelfell zerreißt.

Schon rufts von England bis nach China:

Quousque tandem, Catilina!

Der Herr Mitte Dreißig:

Zum Wohle der Menschheit — lächerlichste Phrase,

die mich einst eingelullt als Kind!

Weit lieber les ich heut Zwerg Nase,

mein weißes Kätzchen schnurrt und spinnt.

Pickelhering:

Es fällt der Schnee in dicken Flocken,

die Menschheit kann ich nicht mehr locken;

idyllisch lauscht er auf die Chöre

der Aepfel in der Ofenröhre!

Der Herr Mitte Dreißig:

Hast recht, mein Herz. Besehn bei Lichte —

ich mach mir nicht viel aus der Weltgeschichte.

Die Leute, von denen die Chroniken melden,

gewiß, das waren alles Helden.

Vor Ilium gab es ein Gebrabbel,

und einer hieß Robert gar, Le Diable!

Man pries sie mit Cymbeln, Schalmein und Theorben,

Gott hab sie selig, sie sind gestorben.

Lebendiger sticht mich heut ein Floh,

als alle Reden des Cicero.

Und schon ganz und garnicht find ich dumm

eine blühende Linde voll Bienengesumm.

Auch gäb ich das ganze ägäische Meer

mit Vergnügen für eine Bratwurscht her.

Mit andern Worten, in Sachen Geschmäcker

ist jeder sein eigener Zuckerbäcker!

Abb. 03, Flötenspieler

Dafnis:

Unter Blüten, tieff im Graaß,

sizz ich hir auff dem Parnaß.

Febus und die drey mal drey

dantzen üm mich mit Geschrey.

Bachus, der mir vohr behagt,

Bachus hab ich abgesagt,

seit ich auf der Liebsten Mund

Honig fund.

Disputax:

Der seine Zeit einst so bewundert,

taucht jetzt ins siebzehnte Jahrhundert;

ein Quetschtenor wird niemals Baß.

Mußt du dich nun schon mal verstellen,

so miß doch mit präzisern Ellen

und komm uns gleich mit Ulfilas!

Der Herr Mitte Dreißig:

Ich komme, mein Verehrtester,

mit wems mir grade Spaß macht;

wenn nur sein Allerwertester

sein vollgerüttelt Maß macht.

Dr. Richard M. Meyer, zu einem neben ihm stehenden Makulaturprofessor:

Dieser Knote und Banause!

Finden sie nicht auch, Herr Krause?

Sowas klext nun "Poesie" —

Alles graue Theorie!

Der Herr Mitte Dreißig:

Doktor Richard Moses Meyer,

spuck mir nicht in meine Leyer.

Was? Du spuckst? Bei meinem Gaul!

Ritschratsch rum und dir ins Maul!

Chor der Makulaturbrüder, entsetzt:

Plattgedrückt wie eine Laus,

Gott, wie sieht der Mann nu aus!

Farben wie aus Neu-Ruppin,

Wai geschrien, wai geschrien!

Pickelhering:

Arion ist der Töne Meister —

Hand vom Dudelsack, sonst beißt er!

Arion, um Arme, Beine, Rumpf und Schädel ein ganzes Orchester geschnallt; seine Verse mit diesen abwechselnd begleitend:

Entsteig ich morgens meinem Bette,

mißbrauch ich schon die Klarinette.

Doch oft, daß mich mein Spleen nicht töte,

pust ich ihn auch in eine Flöte.

All meinen Kummer, meinen Haß

grollt, gurgelt, grunzt und brummt mein Baß.

Sehnsüchtig seufzt mein Englisch Horn,

wie weiche Butter schmilzt mein Zorn.

Schmachtlappen säuselt mein Kornett,

mir wird bald grün, bald violett.

Zum Lämmchen macht mich die Schalmei,

zum Prachtstück einer Schäferei.

Laut quäkt und wimmert die Obo,

ein Säugling kriegt auf den Popo.

Es ist nicht immer mein Geschmack,

oft freut mich auch mein Dudelsack.

Auch denk ich manchmal, wen ergreifen

nicht Zinken, Cymbeln, Trommeln, Pfeifen?

Triangel, Bombardon und Becken,

durch Alles weiß ich zu erschrecken.

Ich locke Lieder aus der Geige

und zieh sie lang wie Kuchenteige,

und spiel ich con sordino, nein,

das ist zu schön, man schläft fast ein.

Ein Schlag. Dumpf donnernd dröhnt mein Gong;

du saust vom Stuhl und stammelst Bon!

Zu gern vergieß ich als Prolete

das rote Tonblut der Trompete.

Wie das Klystier in die Kaldaune,

bohrt sich ins Ohr dir die Posaune.

Und wie wird dir erst gar zu Mute,

wenn ich auf der Tuba tute!

Nun näselt die geschabte Bratsche,

nun zieh das Taschentuch und naatsche.

Schon blökt und meckert mein Fagott

den Trauermarsch zum Hirnbankrott.

Süß summt wie eine goldne Biene

im Mondschein meine Mandoline.

Nach zarter Liebe girrt mein Cello,

halb Romeo und halb Othello.

Wie ein Huhn aus Cochinchina

gluckt meine Okarina.

Quetsch ich die Harmonika,

so denk ich an Veronika.

Den Zeigefinger, der sie kraute,

wie innig liebt ihn meine Laute.

Die fettgen Saiten der Guitarre

zupf ich, wenn ich Romanzen schnarre.

Und kiekst dann meine Stimme —

der Herr schuf sie im Grimme.

So rühr ich wechselnd nach Bedarfe

die Schellentrommel und die Harfe

und fühl mich eins mit meinem Volke,

sobald ich meine Zither polke.

Bald phantasier ich mich marode

auf meiner alten Drahtkommode,

bald streichle ich das Wundertier,

das Mosersche Reformklavier.

Von Thränen naß bis in die Gorgel,

erbarme ich mich dann der Orgel,

und sinkt die Hand mir von den Tasten,

so melk ich noch den Leierkasten.

Doch nun genug von der Klamauke,

sonst fall ich rückwärts in die Pauke

und stoß ins Waldhorn, daß es kracht:

Blau verdämmernd liegt die Nacht!

Das Publikum ist unterdessen seine sämtlichen faulen Aeppel an ihn losgeworden, der Entseelte wird aus der Rennbahn geschleift.

Apollonius Golgatha, um sein fehlendes Hirn einen Trauerflor:

Rund entrollten seiner Leier

Verse bunt wie Ostereier.

Gelegt von einem Aar.

Er ist nicht mehr. Er war!

Platschneese, eine Zwiebel zerdrückend:

Nee, wie mir det bewecht,

der hat nu ooch den Löffel wechjelecht.

Der Herr Mitte Dreißig, nachdem sich das Publikum wieder beruhigt hat:

Strahlender als Zinn und Zink

strahlt der deutsche Dichterling!

Sitzen zwei Liebende bei einander,

duftet gleich der Oleander.

Duftet schwül der blaue Flieder,

schwillt dem Mädchen meist das Mieder.

Duftet später der Hollunder,

wird das Mädchen merklich runder.

Zittert dann zum Schluß die Espe,

ist sie wieder eine Wespe.

Pickelhering:

Wiegt ihr grünes Haar die Birke,

wiegt sies zaubersüß wie Kirke.

Spiegelt sich im Bach die Erle,

sonnt sich schwänzelnd eine Schmerle.

Regelmäßig wehn Cypressen,

wenn zwei "Herzen" sich "vergessen".

Rauschen im Sonnenschein Platanen,

muß die "Seele" etwas "ahnen".

Sind es dagegen nur Akazien,

fühlt sie klassisch und träumt von Thrazien.

Sonntags unter einer Linde

tanzt er sicher mit Jorinde.

Schnitzt er sich in eine Buche,

droht die Waldfrau mit dem Fluche.

Piekt er sich an junge Lärchen,

schmollt er: Ach, ihr kleinen Närrchen!

Thränen netzen sein Gesicht:

Ahorn, pfui, du reimst dich nicht!

Königlichste aller Tannen,

als Mastbaum schwimmst du bald von dannen!

Erst die hohe Wodansesche

braust in seinen Kummer Bresche.

Publikum, wie hypnotisiert; mit Schirmen, Stöcken und Bierseideln; im selben Tonfall:

Grollt er unter Deutschlands Eiche,

ist der Erbfeind eine Leiche.

Weint er unterm Baume Bo,

haha, hehe, hihi, hoho!

Pickelhering, weiter:

Träumt er abends untere Rüstern,

fühlt er, wie sie ihn umdüstern.

Streckt sich die Chaussee mit Pappeln,

fängts ihn schließlich an zu rappeln.

Knüpft er sich an eine Weide,

singt er schluchzend noch: Ich scheide!

Alle, wie vorhin:

Sechs Bretter, fein gefugt aus Fichten,

endlich hört er auf zu dichten!

Schuh- und Versfaiseur Hans Sachs —

Horribiliscribifax!

Das böse Gewissen, unsichtbar:

Was ist ein Dichter ohne Reim?

Ein toter Tischler ohne Leim.

Schon klingt es mir im Ohre:

Anch’ io son pittore!

Autor:

Beut die Muse sich zum Kusse

bloß Herrn Salus und Herrn Busse?

Die Ambrosius und die Ritter,

die Hermine — auch nicht bitter!

Powrer noch als Zink und Zinn

ist die deutsche Dichterin!

Vor der ersten gelben Priemel

leiert sie ihr Lenzgeschwiemel.

Lilien, Heliotropen, Rosen

tauchen sie in Duftnarkosen.

Hyazinthen und Azalien

frißt ihr Vers wie Viktualien.

Zwischen Rittersporn und Malven

knallt sie ihre Liedersalven.

In Salbei und Türkenbund

weint sie sich die Aeuglein wund.

Hinter ihr mit ernster Miene

runzelt sich die Georgine.

Erst die herbstlich blaue Aster

klebt auf ihre Wunde Pflaster.

Der Herr Mitte Dreißig:

Träumt sie nächtens von Melissen,

klammert sie sich um die Kissen.

Centifolien, Mohn und Nelken,

einsam muß ich hier verwelken.

Tuberosen, Nachtviolen,

und sie wälzt sich, wie auf Kohlen.

Da, auf einem Besenstiel,

naht ein Marschall namens Niel.

Naht sich Bakkios mit dem Eppich,

krümmt sich ihres Leibes Teppich.

Naht sich Gabriel, der Engel,

greift sie nach dem Tulpenstengel.

Küßt das Morgenrot Verbenen,

"sehrt" sie immer noch ihr "Sehnen".

Kaiserkronen und Jasmin,

endlich, endlich hat sie ihn!

Frau Friederike Kempner, strickend:

Raden, Wegerich und Raps,

ach, er ist ein zweiter Abs.

Hühnerfuß und Hahnenkamm,

endlich nennt man sie Madamm.

Durch Kamelien und Kakteen

hat sie ihn zuerst gesehen.

Bienen summten um des Stock,

blaugrün war sein Havelock.

Klang sein Lied ihr "Still im Stillen"

und sie glitt in die Kamillen.

Schämig hauchten die Skabiosen:

kuck, das Kind hat keine Hosen!

Zärtlich seufzte das Reseda:

ach, sie ist so lieb wie Leda!

Pickelhering:

Keusch am Busen blaue Veilchen,

kocht sie ihm jetzt Käsekeilchen.

Meyran, Dill und Krauseminze,

alle Mittwoch bäckt sie Plinze.

Bohnen, Erbsen, Weißkohl, Wruken

stopft sie ihm in alle Luken.

Und welch eigne Poesie

schafft ihm erst ihr Sellerie!

Chor:

Schon fragt sie ein Tausendschönchen:

wirds ein Töchterchen, ein Söhnchen?

Rosmarin und Amaranth,

schließlich siegt das Wickelband!

Die Alten:

Drum lausch, wies im Winde weht,

der Blumen Blühn ist ihr Gebet;

du hörst nur, wie das Herz dir klopft

und wie der Tau von den Rosen tropft.

Der Herr Mitte Dreißig:

Hört auf, hört auf mit eurem Reim!

Um alles schmiert ihr ihn wie Schleim.

Verkrüppelt seid ihr und verkrummt.

Metrum verdummt!

Sonderling, aus der Luke der Kathedrale; für die Galerie nicht mehr sichtbar:

Nur selten komm ich aus dem Haus,

die Welt sieht so japanisch aus.

Die Fichten knarren melancholisch,

die Eulen schreien so symbolisch,

in grauen Strähnen hängt mein Haar.

Alles ist so sonderbar.

O wär ich noch das junge Lumen,

das räkelte sich in die Blumen.

Das war so unverschämt gesund,

das litt noch nicht an Flügelschwund!

Ueber die Wiese, grasend, ein Schimmel,

mattblau der Septemberhimmel.

Plätschernde Enten in einem Tümpel,

barfüßige Jöhren ein ganzer Hümpel;

seinen rostigen Säbel unterm Arm,

marschiert vorüber der Herr Gensdarm.

Fern ein Waldrand, grüne Hecken,

violette Heidestrecken,

von der Sonne beschienen

blühen Lupinen.

Das brauchte kaum noch eine Hand,

wie schlicht sich das zusammenfand!

Heute bin ich eine alte Kruke

und nörgle bloß aus meiner Luke.

Dieser gottverfluchter Kerl,

täglich Neues bringt der Scherl!

Stündlich pfeift aus neuem Loche

die Epoche!

Vom Kongo bis an den Skamander,

das kribbelt, wibbelt durcheinander.

Ohm Krüger und den Prinzen Tuan,

man redet sie schon fast mit Du an.

Häuser baut man aus Asbest,

sie brennen ab, es bleibt kein Rest.

Ein nacktes Südseeweib kreischt Oa,

man trat ihm auf die Federboa.

Wilhelmintje

kriegt e Kindje.

Das Ding an sich durch alle Schalen

beleuchtet man mit Röntgenstrahlen.

Dein Jüngster schon verbricht bei Tische

eine Abhandlung über Knorpelfische;

und nächstens brät die Frau dir Bars,

du selber fingst ihn auf dem Mars.

In Formen, Farben, Tönen, Bildern,

wer soll das fassen, soll das schildern?

Ich thu nicht mehr mit, ich habe genug —

Jung sein heißt dumm sein und alt nicht klug!

Der Herr Mitte Dreißig:

Wie dein Herz auch schlägt und schwillt,

Kunst ist Sehnsucht, nie gestillt.

Rätselhaft wie die steinerne Sphinx,

bunt wie die Flügel des Schmetterlings!

Musa musarum:

Versteh die Welt, auf daß sie dich versteht.

Laß alles Zeter schrein. Versuchs, Poet!

Autor:

Pinsel, Meißel, Hammer, Stift,

über alles siegt die Schrift.

Idol, vor dem die übrigen verblassen,

die Welt in Worte fassen!

Impresario:

Die Irisflagge der Romantik in zusammenschauernden Seelen aufpflanzen, epidermale Eindrücke in visionäre Ekstasen wandeln, auf den G-Saiten von Herzen mit Paganinibögen geigen!

Alle Chöre sind auf die Kniee gesunken, im Parkett, aus dem es nach Apfelsinen riecht, schneuzt man sich.

Krause, Makulaturprofessor:

Man nennt es Kunst, wenn Dissonanzen

harmonisch mit einander tanzen.

Drum denk ich immer bloß mit Neid

der alten Kummetkragenzeit.

Man ging an Baches Rand

und lächelte und pfiff:

Des Lebens Unverstand

ist Tugend und Begriff!

Piccolo:

Das pafft noch immer Oldenkott,

das balzt noch immer Flöte,

und wie an seinen Liebengott

glaubt das an WOLFGANG GOETHE!

Autor, erschreckt:

Donnerwetter, halt den Rand,

verflixte kleine Kröte!

Von Kapstadt bis Samarkand,

an jede Mauer, jede Wand,

aus Porphyr, Pappe oder Sand,

geschrieben steh mit Flammenhand:

Gepriesen sei durchs ganze Land,

gepriesen und zwar wutentbrannt,

gepriesen sei der GOETHE!

Apollonius Golgatha, der Brenzlichkeit wegen auf ein anderes Thema springend:

Ueber dem schwarzen Schornsteingewimmel

grellgelb blitzt der Abendhimmel.

Wolkenschäfchen ziehn zur Schur,

o Silhouettenschneiderin Natur!

Die Alten:

Die Sonne sank, ein roter Ball,

weit offen steht die Pforte,

und tief im Busch die Nachtigall

singt Lieder ohne Worte.

Die Jungen:

O Gottogott, o Gottogott,

so ähnlich klang mal Geibel!

War das ein Trott, ein Hüh und Hott,

pfui Deibel!

Apollonius Golgatha:

Längst liegst du unter Friedhofsblumen,

und dich betrauern die Posthumen.

Des Abends Schwefelrot zerlischt und schreit

Vergänglichkeit!

Platschneese:

Da haa ik ooch ma Eeen jekannt,

mit sone Viehwatstolle.

Keen Oogenblick hielt der n Rand —

nu bejießt n seine Olle!

Chor:

Hoch auf blendend weißer Klippe

dunkelblau ein Pinienwald

und durch seine jähe Wildnis,

blutend, Flöten. Wars der Tod?

Fern am fernen Horizont,

dunkel durch die dunkle Flut,

trieb er aufgereckt sein Fahrzeug

mitten in die rote Sonne,

und die Abendwinde blähten

seinen hänfnen Büßermantel

halbrund wie ein Segel auf.

Mitten in die rote Sonne fuhr er,

mitten in die rote Sonne.

Strophe:

Fahl am Himmel ein letztes Rot,

hinter den Wolken lauert der Tod.

Hinter den Wolken lauert und lacht

seine alte Hure, das Scheusal Nacht,

das wird mich bald verschlucken.

Ein Käuzchen schreit Kiwitt, Kiwitt,

mein Herz schlägt mit, schlägt mit, schlägt mit,

meine Pulse fiebern und zucken!

Gegenstrophe:

Finster eine Pappel steht,

durch den sterbenden Abend ihr Rauschen geht,

das klingt so seltsam schaurig.

Der letzte Streif am Himmel schwand,

immer dunkler schweigt das Land,

mein Herz ist traurig, traurig.

Apollonius Golgatha:

Zu solcher Säule ward einst Loth,

so stürzt ein Strom ins ferne Abendrot,

wenn der Sehnsucht Katarakt

jach ihn packt!

Chor der Jungfrauen:

Das ist die Stunde der purpurblauen Fenster unsrer Abende in den erlöschenden Sälen des Herbstes, die voller Rauschen sind. Das ist die Stunde der matten Blumen unsrer Seele!

Chor der Jünglinge:

Das ist die Stunde der schreienden Rabenschwärme, der fern geläuteten Glocken, die Stunde der Verzweiflung!

Impresario:

Schwarze, schwere Gesänge, traurig auf eine Note gestützt!

Apollonius Golgatha:

Ein grauer Strom liegt still und fahl,

darüber starren Weiden,

ein ferner Ruf aus fernem Thal,

gilt er uns Beiden?

Will er uns auf schwarzen Sohlen

zu sich in die Tiefe holen?

Unsrer Brünste

sündge Künste,

haben wir sie nur geträumt?

Da: ein lodernd Rot dein Antlitz dein Antlitz säumt!

Wie Vipern ringelt sichs durchs Gras,

vier hohle Augen, grün vor Haß,

zehn Krallen, nah schon deiner Kehle,

zum Sprung geduckt der Tiger Mord.

Fort!

Und du gehst. Du gehst und meine Seele

stiert dir nach.

Wars mein Herz, mein Herz, das eben brach?

Aus des Westens weißen Wogen,

wie verbogen,

blaß und fern,

blinkt ein Stern.

Große, grenzenlose Stille,

stumm verblutend stirbt mein Wille.

Chor der Jungfrauen:

Bald, o bald werden wir zu den Harfen der Nacht gehn, die noch schlafen! Bald, o bald werden wir zu den grünen Bäumen der Stille gehn, die noch schweigen!

Chor der Jünglinge:

Nach euern Brüsten sehnen wir uns nicht mehr und nicht nach euern Hüften. Aber nach dem Geheimnis eurer Mundwinkel und eurer Augenbrauen.

Chor der Jungfrauen:

Faune, betäubt vom Dufte reiner Lilien!

Alle:

So wollen wir sterben: Sonnengold im Haar und auf den Lippen — ein müdes Lächeln.

Apollonius Golgatha:

Er dreht sich nicht, er wird sich nie mehr wenden,

der Tanz der Mädchen mit den schmalen Lenden!

Schon schwimmt die Wiese blau in Blau,

melodisch tropft der Sternentau.

Johanniswürmchen:

Ich flirre durch die Sommernacht,

ein irrer Silberfunken,

und hab nicht auf die Wege acht,

vom eignen Schimmer trunken.

Katerlieschen:

Aus weißen Nebeln fahl ein Weg,

dran ferne Birken blaß verschwimmen;

zitternd tret ich auf den Steg,

dunkel raunts wie Stimmen.

Ein Männchen:

Ach, ich kleines Rumpelstilzchen,

ganz durchtanzt sind meine Filzchen,

traurig dreh ich meine Kunkel,

riekerunkel, wiekewunkel!

Zwischen Sternen Schwäne schwimmen,

meine Scheitchen kaum noch glimmen,

kiekekunkel, piekepunkel,

meine Worte trinkt das Dunkel!

Dafnis:

Du kohl-pech-schwartzes Loch,

das Herz birst mir für Schrekken;

was wird der Himmel noch

for Schwantz-Gestirne hekken!

Apollonius Golgatha:

Nun schweigt die Nacht, ein schwarzer Saal,

wo ist jetzt vorn, wo ist jetzt hinten?

Nun taucht aus violetten Tinten

der Mond, ein riesiger Opal.

Der Herr Mitte Dreißig:

Langsam über den Bergrand steigt

der Mond, der seine Glatze zeigt.

Im Rohr die Dommel

schlägt dumpf die Trommel!

Apollonius Golgatha:

An deine Seele rührt ein Hauch,

zitternd entsandt vom weißen Fliederstrauch;

teils von hinten, teils von vorn

bläst der Mond sein Silberhorn.

Dichter:

Des Mondes Duftlied leuchtet durch die Nacht!

Der Vers ist glücklich zu Papier gebracht.

Wie? oder sag ich lieber diesen Stoffeln:

Der Mond schleicht meuchlings wie auf Filzpantoffeln?

Apollonius Golgatha:

Hoch am Himmel, unbewohnt,

hängt der Mond,

eine rote Feuerlilie,

mitten in die Weltvigilie!

In seinen Seeen seh ich baden

auf Pantern rücklings brünstige Mänaden,

um seine Teiche seh ich trauernd blühn

schluchzender Weiden melancholisch Silbergrün.

So steh ich da, ein lässiger Titane

gehüllt in meiner Träume Purpurfahne,

und meine Seele fühlt verschwistert

die Sehnsucht, die die Seide knistert!

Ein Mann im Schlafrock, Maske Kunstgreis:

Und so will der Mond mir scheinen

eine Spinne, ganz aus Gold,

die mit eingezognen Beinen

durch den Weltraum rollt.

Regisseur:

Schmakaduhtzgen, Schilf und Rohr

schwanken um das Unkenmoor.

Apollonius Golgatha:

Lächelnd badet drin die süße

Luna ihre Silberfüße!

Regisseur:

Steil am Wegrand starrt die Pappel,

leise macht sie Tippeltappel,

leise, wo die Frösche quaken,

spannt der Mond sein weißes Laken.

Der Herr Mitte Dreißig:

Wo die Nebelfrauen spinnen,

spannt er blos sein weißes Linnen.

Durch die Nacht hin, weich und mailich,

spreitet er sogar sein Lailich!

Regisseur:

Die Hexe kuckt aus ihrem Haus,

ein ungemaltes Bild von Knaus.

Die Alte winkt und lächelt arg,

der Mond schwimmt wie ein Silbersarg.

Der Herr Mitte Dreißig:

Denkst du dir statt Hexe Frau,

ists ein Bild von Gerhard Dow;

zauberst du statt Haus Spelunke,

schwimmt der Halbmond eine Dschunke.

Apollonius Golgatha:

Aus schwarzen Wäldern, die gestorben,

schluchzen heimliche Theorben.

Die Berge violette Träume hauchend,

aus allen Tiefen Mondlichtsilber rauchend!

Der Herr Mitte Dreißig:

Aus deinem Hirn ein Riesenurtier krauchend,

dein Denkbrei grünblau in sich selbst verjauchend!

Akademiedirektor:

Hei, das giebt ein Stimmungsbild,

wenn ich nicht Farben schone!

Begeisterung durchrast mich wild —

her mit der Schablone!

Regisseur:

Hoch vom Berg ins Thal hinein

kommt der Quell gegangen

und plaudert, was im Vollmondschein

die Wasserfrauen sangen.

Nixenreigen:

Ellerkonges Töchterlein

muß immerwährend tanzen,

denn an jedem Fingerlein

zappeln ihm drei Schranzen!

Mühlbach:

Leise murmelnd zieh ich hin

zum alten Zauberbühle.

Der Müller und die Müllerin

schlummern in der Mühle.

Autor:

In weißen Wassern baden Fraun,

nackten Bauches naht ein Faun —

schon erröten sie und lachen

in Erwartung teurer Sachen.

Der Herr Mitte Dreißig:

Ihre Bäuche feist in Falten,

rüpeln sich im Tanz die Alten.

Von Blumenketten bunt umschlungen,

strampeln die Jungen.

Autor:

Jedes Ding in meiner Welt

hängt an einem Härchen.

Plastisch wird es hingestellt,

farbig wie ein Märchen.

Romantiker:

Mein Haupt schmückt heimlich eine Krone,

ich weiß, was sein wird und was war;

mich liebt die schöne Magelone,

die Schöne mit dem goldnen Haar!

Phantasie:

Ich komme als Glück, wenn niemand wacht,

die Sterne funkeln und prangen,

auf weißen Füßen durch die Nacht

und halten dich schluchzend umfangen!

Autor:

Tags bin ich ein Kind der Zeit,

rauchend drehn sich ihre Achsen;

nachts, in meiner Einsamkeit,

fühl ich, wie die Sterne wachsen.

Disputax:

Mit der Romantik ists vorbei;

verzeih, wenn ich die Nase rümpfe.

Heut bläst kein "Hirt" mehr die "Schalmei",

heut stopfen sich die Kerls blos Strümpfe.

Refrain:

Grau die Wolke, grau die Welt

und kein Stern, der sie erhellt!

Schlafe, schlafe, schlafe, Kind,

in den Weiden wühlt der Wind.

Phantasus:

Zwei alte Weiden, die gekrümmt wie Drachen

im Vollmondlicht ein Gitterthor bewachen.

Aus seinen Eisen recken schwarz verschlungen

zwei große Schlangen ihre goldnen Zungen.

Dahinter, wunderbar in ihrem Schweigen,

Cypressenwälder, die aus Nebeln steigen.

Und durch das Riesenthor von ihm geschieden,

steh ich und starr in ihren weißen Frieden...

Der getreue Eckart:

Es saust der Wind, es braust das Rohr,

in die Hölle führt dies Thor;

drüber ludern ihre Leiber

dicke, weiße Rubensweiber!

Regisseur:

Jetzt stirbt der dreißigste April,

jetzt dröhnt die Uhr zwölf Schläge;

am Kreuzweg hockt Frau Ilsebill

und schnarcht wie eine Säge.

Der Herr Mitte Dreißig:

Ein alter Tannenwald steht schwarz,

der Mond gießt seinen Silberquarz.

Gräßlich schnarcht der Melibokus,

Hokuspokus!

Apollonius Golgatha:

Nun taucht die Mitternacht aus ihrem Teich,

schwarz, schwer, verhängnisvoll und schreckensreich.

Die Sterne zittern, und du fühlst sie kommen,

durch Riesenfarren ein Reptil geschwommen!

Regisseur:

Grau am Weiher hockt die Nacht,

wie ihr das Vergnügen macht!

Sie schüttelt wild ihr schwarzes Haar,

rauh ruft im Sturm ein Rabenpaar!

Der Herr Mitte Dreißig:

Die Wolken dräuen und grollen,

geballt aus Schwefel und Schnee,

weißblitzende Kämme rollen

phantastisch über den See!

Apollonius Golgatha:

Auf blauen Wassern grün ein Schein,

ein Blitz streckt sein Flamingobein!

Der Herr Mitte Dreißig:

Mein Herz schlägt laut und lacht,

nun tobt die Wolkenschlacht:

Bathseba in höchster Not,

Perseus schlägt den Lindwurm tot,

Andromeda von ihm erlöst,

ein Schwertfisch, der den Mond durchstößt.

Langsam, langsam taucht eine Krake

aus irisierender Heringslake!

Abb. 04, Apollonius mit Weihrauch

Apollonius Golgatha:

Auch das, auch das ist Poesie!

In solchen Nächten ahnt sich das Genie.

Mein Hirn, ein Sternenkrater, speit:

Ich und die Ewigkeit!

Der Herr Mitte Dreißig:

He, Wächter! Schutzmann! Polizei!

Da soll man sich nun nicht erboßen

und solchem Lümmel eins, zwei, drei

die Klinge in den Wurschtbauch stoßen!

Der Mann im Schlafrock, Maske Kunstgreis:

Heimlich steh ich auf der Wacht

und mache meine Glossen;

wieder hat Walpurgisnacht

die Geisterwelt erschlossen.

Der Herr Mitte Dreißig:

Modern, daß Alles nur so kracht,

modern sei die Parole,

modern sei die Walpurgisnacht

vom Scheitel bis zur Sohle!

Puck:

Ich fuhr ins Elfenreich hinaus

zu unsern lieben Kleinen.

Sie waren alle hübsch zu Haus

und werden gleich erscheinen.

Waldgeister:

An den Baum und an den Busch

hat es sacht getippelt,

und wir kommen husch, husch, husch

flink heran getrippelt!

Kropzeug:

Durch die Haide, durch den Wald

kommen wir gelaufen.

Fünf Minuten Aufen[t]halt,

wir wollen uns verschnaufen.

Regisseur:

Dort treten aus dem Waldbereich

Zwei Deutsche und ein Eichenzweig.

Des Vollmonds goldne Tinten

beleuchten sie von hinten.

Chor:

Um den Bauch den Heilgenschein

naht der Hungerpaster.

Wir lassen ihn zu uns nicht ein,

er raucht zu schlechten Knaster.

Subjekt mit Zipfelmütze:

Gott sei Dank, man ist ihn gewohnt.

Ich bin der deutsche Michel;

über dem Städtchen hängt der Mond,

eine silberne Sichel.

Der Herr Mitte Dreißig:

Er braucht ein Minimum an Seife

und kann gewöhnlich nichts dafür;

mit Regenschirm und langer Pfeife

sitzt er im Mondschein vor der Thür.

Laßt Alles um ihn rundrum purzeln,

ihn packts an keiner seiner Wurzeln;

dagegen greift ihn sicher an

ein Bergrutsch in Beludschistan.

Zweites Subjekt mit Zipfelmütze:

Wer trumpft da auf so frech und frank?

Tobt hier die rote Rotte?

Noch giebts in Deutschland, Gott sei Dank,

Zuchthäuser und Schaffotte!

Alle:

Fehlt der dritte Mann zum Scat?

Kommt ihr ihn hier borgen?

Den Kantschu her aus Stacheldraht!

Euch wollen wirs besorgen!

Beide:

Gott Vater, Sohn und heiliger Geist,

hilf uns doch entrinnen,

das kribbelt, krabbelt, klemmt und beißt,

hunderttausend Spinnen!

Autor:

Platz, verehrte spiriti,

stille das Geflüster!

Seht, da kommt die Kopanie

der Kuckuck und sein Küster.

Regisseur:

Traumtrunken, fernher kräht ein Hahn,

blast ihr Musikanten!

Dort kommt Meister Urian

mit Großmama und Tanten.

Samiel:

Ich jage, bis der Morgen graut,

quer über den Parnaß als wilder Jäger;

schon ducken ängstlich sich ins Kraut

die Lyra- und die Lautenschläger.

Chor:

Unaufhaltsam vor und vorn,

wie die blinden Hessen!

Gras und Kraut und Klee und Korn,

alles wird gefressen!

Regisseur:

Kobold hockt am Aschenheerd,

lauscht dem Ruf der Grüfte,

die Feuerzange wird zum Pferd

und trägt ihn durch die Lüfte.

Der Herr Mitte Dreißig:

Sophokles, Shakespeare und Li-tai-pe

galoppiren zu dritt auf einem Bidet.

Hafis, noch immer der alte Zecher,

reitet auf einem Champagnerbrecher.

Ueber ein Flügelschwein baumeln sechs Beine:

Boccaccio, Voltaire und Heinrich Heine.

Gottsched, vor dem ich mich übrigens bücke,

kommt ankutschirt in seiner Perrücke.

Goethe, verfolgt von einem Geist —

der totgenörgelte Heinrich von Kleist.

Hinter ihm Schiller, der edle Würger,

die Faust um die Gurgel von August Bürger.

Gluck mit gänzlich kahlem Kopf

klammert sich um seinen Zopf.

Paderewski mit fliegender Polkatolle

balancirt auf einer Notenrolle.

Auf einem Riesenpinsel Goya,

aus seinem Hirn der Brand von Troja.

Auf einem sich bäumenden Leoparden

Lassalle mit Maximilian Harden.

Rechts, auf einem schwarzen Schwan,

Timur der Mongolenchan.

Links auf einem weißen Lama

Vasco de Gama.

Auf einem feurigen Rappen

blendend ein Weib!

keinen schändenden Lappen

um ihren Leib!

Semiramis probirt ihre Knute

auf das Hintergestell ihrer Drachenstute!

Apollonius Golgatha:

Himmel, hilf! Wo war ich?

Eines Weibes Duft!

Jach aus Träumen fahr ich

in die graue Luft!

Ihre Brüste

Amethyste,

drum das Mondlicht unverlangt

marmorn seine Lilien rankt!

Sie schimmern wie ovale

Opale!

Regisseur:

Dort wandelt, die ihr alle kennt,

die Jungfrau mit der Lilie:

sie schielt dem Faun aufs Instrument

und sehnt sich nach Familie.

Pickelhering:

Auf dem Haupte die Tiara

Mudrarakschara.

Sieh, schon tanzen nach seiner Pfeife

goldblaue Greife!

Publikum:

Mein Gott, ist das ein Rendezvous,

halb Pasewalk, halb Theben;

Fürst Pückler und am Strom das Gnu,

von Allem bleibt was kleben!

Schließlich meldet noch das Schwein

Prinz Schlackwurscht und Jraf Jänseklein!

Apollonius Golgatha:

Sterne, die heimlich sich paaren,

über den Wäldern ihr Glanz,

Mädchen in mondroten Haaren

üben den nächtlichen Tanz!

Maitre de plaisir:

Quellenfräulein, Grubenzwerg

und Feuersalamander,

scheert euch auf den Galgenberg,

tanzt dorten mit einander!

Kulissenschieber:

Kuck, dort flinkert kreuz und krumm

Irrlicht, das nervöse,

und mischt sich unters Publikum

als erste Balleteuse.

Regisseur:

Coeur Aß, damit Ihrs alle wißt,

sticht heute alle Trümpfe.

Ein dünnes Hemdchen aus Batist

und rosaseidne Strümpfe!

Huckepuck:

Huckepuck ist Platzmajor.

Er zählt zu den Galanten

und zieht die fremden Damen vor

den männlichen Verwandten.

Papageno:

Das kleine Hexchen that so fremd,

dann löste sie das Mieder

und streifte die Schuh ab, den Rock, das Hemd

und dehnte die seidenen Glieder.

Apollonius Golgatha:

Ihrer Seidenglieder Glänzen

ausgestreut in trunknen Tänzen!

Auf ihrem rosenroten Rund

brennt mein Mund!

Don Juan Tenorio:

Mit nackten Brüsten über mir,

Himmel, welche Wade!

Schrei ich, brüll ich, beiß ich hier?

Oder ruf ich Gnade!

Stimme von unten:

Gerne wär auch ich dabei,

doch wer kommt mir zu Hilfe?

Ach, ich liege schwer wie Blei

mitten in dem Schilfe!

Die Stimme vom Schnürboden:

Laßt mich aus den Donnerkrallen,

Laßt mich zwischen die Eichen fallen!

Chor:

Bautz, da plautzt ein neuer Wicht

in unsre Maskeraden,

mit frisch geweißtem Angesicht

und nagelneuen Waden!

Regisseur:

Der nackte Mond verfiel in Traum,

er fiel durch den Machandelbaum;

schon drückt er wie der Hindukusch

die Heilige im Myrthenbusch.

Apollonius Golgatha:

Und sie that, als ob sie schliefe!

Knieend über sie geschoben,

hat er ihr aus grüner Tiefe

einen schönen Stern gehoben.

Pickelhering:

Knieend über sie gekrochen,

nahm er sie in seine Knochen;

hat kein Wort dabei gesprochen,

verschwand wie auf dem Eise durchgebrochen.

Apollonius Golgatha:

Denk dir Diana, die auf weißen Schenkeln,

die Brüste flatternd, durch die Wälder rast,

wie du auf Vasen sie mit erznen Henkeln

aus Gold getrieben oft in Purpur sahst —

so lag sie da, die Nacht, die Poesie:

in seinen Armen schlief ihr seidnes Knie!

Sieben silbergrüne Schlangen

dienten ihr als Gürtelspangen;

um ihre Schultern rann, um ihren Schooß

der kühle Silberton Tiepolos.

Auf ihren Wimpern schlief, auf ihren Brauen

das müde Lächeln lustgeküßter Frauen;

aus ihren Augen troff, aus ihren Händen

die Süßigkeit vergessenen Legenden.

Die Sterne sprühten lautlos ihren Reigen

und sie genossen sich in keuschem Schweigen.

Mardochai, der letzte der kleinen Propheten; der Mann mit der Stimme vom Schnürboden:

Andre wiegen sich im Tanz;

lieben, trinken, scherzen, lachen,

treiben lauter tolle Sachen,

winden sich zum Kranz.

Ich? sehe zu,

ein Marabu.

Tief verzückt in meinem Glanz!

Unverrückbar, fest und ganz,

wie das Vorgebirge Athos,

steht mein Pathos.

Regisseur:

Verzeiht, ihr Herrn, er redet Stuß.

Doch kommt er, wie gerufen.

Von Leder ist sein Pegasus,

mit blechbeschlagnen Hufen!

Mardochai:

Wer steht dort drüben rot beleuchtet an der Kalkwand?

Sein planetarischer Glanz

fordert mich zum Tanz.

Durch Weltgedonner und Sterngestiebe,

ich grüße dich in beschatteter Liebe!

Apollonius Golgatha:

Unter dem Krondach einer ungeheuren Palme

singen wir an demselben Psalme.

In einem roten Schaukelstuhl ins Meer geschoben,

sitzen wir auf unsern Hemigloben!

Beide:

Eine schwere Woge schlägt uns aufs Gehirn,

sie dreht uns um, wir stehen auf der Stirn.

Mardochai:

Mir zum Fluch

stehe ich nun in diesem Buch.

Könnt ichs heimlich in die Tiefe fallen lassen!

Doch es würde nirgends Halt fassen,

geriethe in den gräßlichsten Fall

und es entstünde der fürchterlichste Knall.

Ich muß ein Wesen mir erdenken,

dem ichs kann schenken.

Der Herr Mitte Dreißig:

Das malträtirt, beschmiert mit Ethik,

die Blechposaune der Pathetik.

Schon blinkt, mit jedem Vers bewußter,

sein Hirn mir wie ein Zwiebelmuster!

Einer im Parkett:

Was? auch den bepißt der Strolch?

Das wird ja immer besser.

So stößt kein Damascenerdolch,

so bohrt ein Käsemesser!

Der Herr Mitte Dreißig:

Ein Käsemesser, lieber Sohn,

ist gar nicht zu verachten;

in mancher Hand genügt es schon,

um Götter abzuschlachten.

Apollonius Golgatha:

Nimm die Vergänglichkeit; sie ist

ein schwarzes Thier, das Sterne frißt.

Längst liegen sie im grünen Rasen,

die Ewigen mit abgeschlagnen Nasen!

Schinderhannes, Revolutionär der Lyrik:

Auf Katzenpfoten schleicht die Nacht,

schon manchen hab ich umgebracht.

Und wenn der Jüngling schrie —

Que veux-tu? C’est la vie!

Stadtsoldat:

Endlich habe ich dich doch!

Verfluchter Teufelsbraten!

Vierundzwanzig, marsch ins Loch!

Bomben und Granaten!

Apollonius Golgatha:

Und so berühr ich dich mit diesem Stabe,

zu feierlichem Amt geweihter Knabe.

Durch alle Himmel wird dein Ruhm nun schreiten,

ums Haupt den stolzen Kranz der Möglichkeiten!

Chor, plötzlich, erschreckt:

Still mal! Wer ist jener dort,

der aus dunkler Magierbinde

um sich blickt wie auf Gesinde?

Schaudernd schleichen wir uns fort.

Erste Stimme:

Er kennt die Schlangen und er kennt den Drachen,

die sich am Weg der Liebe bewachen;

er sucht nach üppigem Geruch

in Schuhen blau aus Segeltuch!

Zweite Stimme:

Neben ihm die braune Frau,

fast so groß, nicht ganz genau.

Myrrhenruch und Mandelduft

haucht sie in die schwüle Luft.

Dritte Stimme:

Weiß verschleiert Haar und Wange,

um die Stirn die Isisspange —

wie sie sich die Brüste preßt,

starr gewickelt in Asbest!

Der Herr Mitte Dreißig:

Hilf, Himmel, Zacherlin!

Das sind ja die "Zwei Menschen!"

Der eine aus Ruppin,

die andre mehr aus Bentschen!

Regisseur:

Zwei Menschen stehn auf vier Sandalen

und staunen in acht Nordlichtstrahlen.

In bunten Zacken schießt das Licht,

die Stimme eines Mannes spricht.

Lukas:

Ich bin arm wie Ali Baba,

du die Königin von Saba;

als Lohnknecht bin ich dir genaht,

Fürstin, dein Pelz ist von Silberbrokat!

Auf einem Goldstuhl sitzt du nachts im Dunkeln —

was buhlst du mit Topasen und Karfunkeln?

Der Herr Mitte Dreißig:

Auf der lyrischen Oase

wiegt als Palmbaum sich die Phrase.

Sucht noch immer deine Seele

den Ring mit dem erblindeten Juwele?

Regisseur:

Er schweigt. Der Horizont gähnt Strahlen,

es ist nicht nöthig, sie zu malen;

zwei Menschen sehn sich ins Gesicht,

die Stimme eines Weibes spricht:

Lea:

O Lux, was bist du für ein Schaf,

du dichtest wieder wie im Schlaf.

Du hast sehr himmelblaue Schuhe,

du kommst wohl aus einer Wolkentruhe?

Der Herr Mitte Dreißig:

Was, auch die will Verse machen?

Kümmre dich um andre Sachen!

Greif zu Nadel und zu Zwirn,

Mädchen mit dem Hühnerhirn!

Pickelhering:

Ich bitte dich, wo denkst du hin —

du irrst dich, liebes Leachin!

Er kommt aus keinem Pott voll Schmeer,

aus dem Mustopp kommt er her!

Regisseur:

Sie schweigt. Vier Tacte währt die Pause,

Dann gehts ans neue Wortgebrause.

Wolken wühlen um den Mond,

ein Mann entgegnet sehr betont.

Lukas:

Lea, du sollst dich nit verstecken!

Ich seh an deinem tiefen Schrecken,

ich seh es ganz und sehs entzückt,

wie dich ein leerer Raum bedrückt.

Platschneese, gutmütig, langt in die Ewigkeit und zieht eine Gilkapulle raus; trinkt erst und reicht sie dann Lukas:

Da! hier haste wat fürn Durscht.

Mensch, mach keene Zungenwurscht!

Hat die Pauke auch ein Loch,

bumms, wir amüsiern uns doch!

Regisseur:

Zwei Brüste haben Schönheitsflecken,

ein Mann vergaß sie zu entdecken.

Ein Weib fühlt sich beinah durchspalten,

er sagt verhalten!

Lea:

Bei deinem alten Heidengott Perkuhn,

laut lacht mein Herz, daß es nicht weine,

du gehst in meinen, ich in deinen Schuhn,

da meine Hand, groß wie die deine!

Platschneese:

Jott, riskiert det Mensch ne Lippe!

Zieht ihn an die Quasselstrippe.

Immer noch ne Nummer —

det macht Kummer!

Der Herr Mitte Dreißig:

Am winterlich durchnäßten Zaune

naht ein Weib sich einem Faune,

damit im glitzernden Gehölze

sein Schwarzes in ihr Weißes schölze.

Lukas:

Vieles kann ich zwar vertragen,

doch dies eine muß ich sagen:

Zeige dich nicht nackt vor mir,

denn du bist ein Säugetier.

Der Herr Mitte Dreißig:

Dies Gehabe! Dies Gethu!

Drückt ihn schon wieder sein blauer Schuh?

Ihr Haupt ist ganz von Glanz umgossen,

er kneipt sie in die Sommersprossen.

Publikum:

Magier, Magier, werd freier,

lüfte ihr den Gäaschleier;

schon brennt ihr Blut, ihr braust vor Hitze —

Du, heb mal deine Kinnbartspitze!

Regisseur:

Ein Weib spricht wie aus weiter Ferne:

Ein dritter trinkt jetzt Haut-Sauternes!

Soll ich mit Augen der Schlange mein Nest behüten?

Soll ich den Drachen bitten, es zu bebrüten?

Ein Mann spricht mit gestrafftem Leib:

Im Dunst schläft jetzt mein Eheweib!

Du sollst dein Nest nicht länger behüten,

bitte den Drachen, es zu bebrüten!

Zwei Menschen stehn sich ziemlich nah,

ein Mann mahnt: Du — ein Weib haucht: ja!

Publikum, entzückt:

Seine Radfahrjacke von graugrünem Loden,

ihr Goldbrokatschuh schleift am Boden;

er packt sie lechzend um die Rippen,

zwei dunkle Lebensbäume schwippen.

Der Herr Mitte Dreißig:

O Lea! Lukas! Traumprinz! Lux!

Zwei Menschen machen wieder Jux.

Zwei Menschen werfen einen Schatten,

zwei Menschen fühlen sich als Gatten.

Puffschnute:

Zwei Knaben ritten Hottehü,

von einem sah man nur das Küh,

der andre mits Jesichte

machte druf Jedichte!

Chor:

Weg, du Epopö in Stanzen,

abgestanden schmeckt dein Bräu.

Heil, Roman dir in Romanzen,

du bist funkelnagelneu!

Schielewippe:

Wat? Roman un denn Romanzen?

Son Jeschmatze und Jeschmuhß!

Danach konnte man ja danzen,

schon als Karl durcht Posthorn bluhs!

Chor:

Ausgeseufzt hat die Romanze,

die Ballade hat gebumst.

Ach, die schöne Pommeranze

ist ins Wasserloch geplumst!

Doch das "Herz" kanns nicht "verwinden",

süße "Thränen" sind "erglommen";

und das alte Waschweib kann nun

nie damit zu Ende kommen!

Der Herr Mitte Dreißig:

Das pluhstert sich und macht sich breit,

mit Harfen aus der Tombakzeit.

Aus dem Schwulst, aus dem Schwalm

immer nur den einen Salm:

Ich bin begierig deines Specks,

suprema lex!

Autor:

Mein Kasten quäkt bald Rubinstein,

bald Guido von Arezzo;

hier schnappt ein andrer Haken ein,

nun kommt ein Intermezzo.

Regisseur:

Dies Ding spielt sich wie Blindekuh,

ein Drama, das nicht handelt,

die Scenerie, in einem Nu,

bumms, ist sie verwandelt!

Abb. 05, Geierschnabel, Horn und Hängebacken

Apollonius Golgatha:

Die Nacht verblich, die goldne Flügel bläht

der Hahn, der purpurn durch die Frühe kräht,

die blassen Nebel schimmern wie aus Seide.

Schon glänzt durch Blumen, Laub und Gras

der See wie grüngeschmolznes Glas,

bunt liegt die Welt, ein blitzendes Geschmeide.

Bergsee:

Ich zittre wie ein Herz, das klopft.

Mir träumt von alten schönen Zeiten;

das Frührot, das von den Tannen tropft,

läßt seine Lichter über mich gleiten.

Chor:

Inder, Griechen, Römer, Kelten,

Urbreinebel, Würmer, Welten,

doch mit jeder neuen Sonne

neues Weh und neue Wonne!

Der Herr Mitte Dreißig:

Im Sonnenschein, vom Wind umweht,

mit blanken Blättern ein Birnbaum steht;

und unter ihm, ins Gras das Gesicht,

liegt Einer und rüppelt und rührt sich nicht.

Bunt von Blumen blüht rings der Rasen,

fern am Waldrand Kühe grasen,

und wie ein Märchen von Papa Tiek,

hängt der ganze Himmel voll Lerchenmusik.

Hä? Und du? Willst hier liegen und maulen,

dich mal wieder so recht an dir selbst vergraulen?

Unsinn! Dummheit! Rum auf den Rücken!

Ist nicht die Welt heut zum Entzücken?

Schlägt nicht der See in blauen Wellen,

zittert das Schilf nicht voller Libellen?

Esel! Und schon halb in Ekstase,

schnaub ich mir erstlich mal die Nase.

Das erleichtert. Ach, Gott, ja!

Grad wie son alter Taperpapa!

Sonst vielleicht noch etwas genehm?

Und ich mach es mir wieder bequem.

So. Und nun, du alter Krakehler,

wenn ich dich bitten darf, etwas fideler!

Apollonius Golgatha:

Am Erlenbache treibt er hold sein Wesen,

nun ist sein Herz von jedem Zweck genesen,

entfernte Dommeln rufen übers Ried,

der Himmel singst sein schönstes Farbenlied!

Der Herr Mitte Dreißig:

Endlich allein! Endlich allein!

Fliegensummen und Sonnenschein.

Schimmernd den Weg hin steht das Gras,

zart und zierlich, zitterndes Glas.

Zwischen Butterblumen und Ranunkeln

die unglaublichsten Blumen funkeln!

Und über die niedlichen Dingerchen brummeln

große Hummeln, große Hummeln!

Apollonius Golgatha:

Auf neue Lieder sinnt der alte Pan,

die schwarzen Flügel spannt sein Purpurschwan,

schon hört mans achtlos und krystallen

wie Träume tropfend aus der Flöte fallen.

Die Sonne flimmert und der Sommer flirrt,

zum Weidenweiher winkt dem Faun die Nymphe,

der Mittag, blau gewandet wie ein Hirt,

sitzt unterm Apfelbaume und strickt Strümpfe.

Der Herr Mitte Dreißig:

Ich schlage die Leyer, wo bleibt Apoll?

Uralter Weisheit fühl ich mich voll.

Um mich, auf marmornen Stümpfen,

harfen schon die neuen Nymphen.

Wie Sterne, wandelnd ihren Lauf,

uralte Rhythmen steigen auf.

Ich bin der Herrgott, du die Welt —

dein Bauch ist wie ein Weizenfeld!

Apollonius Golgatha:

Dein Bauch ein Spiegel aus Metall!

An deinen Brüsten hängt das All!

Pickelhering:

Und wär sein Reim drauf "gilb und gilber" —

sein Bauch auf Beinen wie aus Silber!

Der Herr Mitte Dreißig:

Hohes, junges, lichtes Gras,

zwei nackte Brüste, elfenbeinblaß,

und drüber der blaue Himmel.

So lob ich mir unsre liebe Frau,

da liegt sie mitten auf grüner Au,

dort frißt sie kein Rost und kein Schimmel.

Flördeliese:

Nackt vom Wirbel bis zum Zeh,

lieg ich hier im Blütenschnee.

Kuck, ich bin so süß und klein,

wie gedreht aus Elfenbein!

Diese Schultern, diese Waden

sind das Entzücken seiner Gnaden;

diese Hüften, junge Frau,

kennt der Ruppsack ganz genau.

Ists nicht zum Lachen? Der Schlingel, der Dieb!

Ach, ich hab ihn so lieb!

Ueber seinen Goldhelm, husch,

wölbt sich ein riesiger Flederbusch.

Er ist ein Kerl wie eine Eiche

und erbt mal sieben Königreiche.

Sein bloßer Säbel, der niemals rostet,

hat hunderttausend Dukaten gekostet.

Und läßt er sich lachend mal wo sehn,

alle Jungfern nach ihm ihre Köpfe drehn.

Alle Thüren gehn auf, alle Fenster stehn offen,

die ältesten Schachteln kommen geloffen.

Die Röcke flattern, die Schürzen fliegen,

alle Weiber lassen ihre Kochlöffel liegen.

Nu, denkt er, wenn euch das Spaß macht? Mir kanns nischt schaden!

Geht in den nächsten Konditorladen,

zieht dort einfach sein Portemonnaie

und kauft mir für tausend Mark Prallinee!

Perlen hab ich und Diamanten

schon genug von meinen Tanten.

Die eine, eine Geborene von Meier,

hat welche so groß wie Taubeneier.

Ich bitte, was soll ich mit Rubinen?

Ich esse lieber Traubrosinen!

Steh ich lachend vor meinem Spiegel,

hat meine Thür kein Schloß, hat meine Thür keinen Riegel.

Ach, ’s ist zum Lachen! Der Schlingel, der Dieb!

Ich hab ihn so lieb!

Der Herr Mitte Dreißig, aus seiner Rocktasche drei goldne Bälle ziehend und diese abwechselnd in die Luft werfend:

Unter Blumen auf der Wiese,

ei, wie schlägt mein Herz den Takt,

unter Blumen auf der Wiese

liegt die schöne Flördeliese,

auf der Wiese,

splitternackt.

Ueber den Bachrand zwischen den Weiden

hängen die abgestreiften Seiden

und, wie ein Veilchen, aus ihrem Haar

blinkt hier ein blaues Pantöffelchen gar.

Scheint die Sonne, weht der Wind,

lauter Dummheit träumt das Kind:

"Gott, wo ist er nur geblieben,

Gummibusen Nummro Sieben?

Seh ich wirklich? seh ich recht?

Alles echt!

Diese Schultern, zart und rund,

liebt der Prinz von Trapezunt;

diese Arme, weiß und fein,

sind aus purstem Elfenbein.

Merkt er drunter die beiden Mäuschen,

Gleich ist der Schlingel wie aus dem Häuschen;

stupst mich, packt mich, kriegt mich her,

als ob ich aus lauter Gußeisen wär.

Darf mich wirklich kaum noch recken,

muß die Kleinchen ganz verstecken,

wenn ich Abends vorm Spiegel steh,

oder mein Haar zum Knoten dreh.

Willst du wohl? Wirst du? Nicht so dicht ran!

Und ich wehr mich, so gut ich kann.

Na? Wirds nu? Nicht doch? Ich beiß sonst zu!

Siehst du, du oller Ruppsack du?

Doch das Entzückendste für mein Schätzchen

ist dieses Kätzchen!

Ach, mein ganzes Herz geht auf,

scheint die liebe Sonne drauf!

Kuck, was hat bloß das Gesellchen

für ein süßes blondes Fellchen,

ohne Höschen, ohne Röckchen,

nein, wie lieb sind seine Löckchen,

eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben,

wie sie zierlich sich verschieben,

flimmernde, goldigste Dingelchen,

lauter kleine Kringelchen!

Laß ich Dummchen sie mal sehn,

Gott, das kann ja mal geschehn,

bloß, ich schäm mich, es zu sagen,

gehts mir gleich an Kopf und Kragen,

huh, der Tollpatsch, huh, der Bär,

hilft kein Schrein, kein Zappeln mehr!

Und wie verliebt ist erst das Bübchen

in dieses Grübchen...

Ach, er ist so ein herziger Bengel!

Ich bin sein Pläsirfisch, ich bin sein Engel.

Ich bin sein Goldkäferchen, sein grüner Schuh,

sein kleines Täubchen Turlutu.

Ueber meine Brust kein Aederchen rennt,

das er nicht hundertmal, tausendmal kennt,

das kleinste Härchen auf meinem Leib

ist ihm der himmlischste Zeitvertreib.

Gestern hat er wie verrückt

mir einen Kuß aufs Knie gedrückt,

warf sich dann über mich zwischen die Kissen,

Himmel, Hilfe, und hat mich gebissen!

Stöhnend wand ich mich — o du Mann —

durch mein Blut ein Feuer rann.

Ueber diese runden, runden Dinger

zitterten selig seine Finger,

über diesen weißen, weißen Sammt

haben seine stammelnden Lippen geflammt.

Ich war so erschreckt, ich war so froh,

seine langen, blonden Schnurrbarthaare kitzelten so.

Jubelnd spürt ich seine Zunge,

Junge!!

Nein. Was doch so ein Tollkopf nicht Alles macht!

Herr, Gott, hab ich dann gelacht!

Ob ich ihm böse war? Hm, ja Kuchen.

So ein Mädel kann er suchen.

So ein Mädel, so wie mich,

so ein Mädel findt er nich!

Wiegt mich erst in den Armen wer,

kennt mein Herz kein Erbarmen mehr.

Um den Zitternden, um den Bangen

ringelt es selig seine Schlangen,

ringt ihn sich, zwingt ihn sich in den Schoß,

zittert und zuckt und läßt nicht mehr los,

und nicht eher bin ich besiegt,

als bis er tot und auf mir liegt.

Dort der Himmel, hier das Moos,

ach, ich wollt, ich hätt ihn bloß!"

Scheint die Sonne, weht der Wind,

lauter Dummheit träumt das Kind.

Drückt die Augen zu, kichert, wenn er das wüßte,

und bewirft sich mit Schlüsselblumen die Brüste:

"Ohne Hemd und ohne Strümpfe,

ei, wie schlägt mein Herz den Takt,

ohne Hemd und ohne Strümpfe,

bin ich nicht die schönste Nymphe,

ohne Strümpfe,

splitternackt?"

Englische Gouvernante, schockiert:

Abälard und Heloise

liebten sich auf keiner Wiese;

alles, was der Herr hier nennt,

find ich äußerst indezent!

Autor:

Ich komm dir gleich mit meinem Besen!

Die Jungfrau soll den Heyse lesen!

Dafnis, empört:

Das Küssen auf den Mund, das Spielen auf den Wangen,

die Kurtzweil auf der Brust, das Kneipen mit den langen,

besüßten Zucker-Zangen,

die ihr als Arme prangen,

darf man doch wohl verlangen!

Die Grünen:

Wer weise, wählt nicht Wolle bloß,

nein, auch im andern sei er groß!

Denn es ist Faktum, daß Nationen

und Individuen versiegen,

wenn die geschlechtlichen Funktionen

darniederliegen!

Impresario:

Die Wellenlinie der Schönheit, objektiviert in der Gestalt des Weibes. Alkohol bist du uns, Sulfunal, Morphium, Chloralhydrat, Datura stramonium, Mohnabsud der Seele!

Der Herr Mitte Dreißig, die Bälle wieder eingesteckt:

Zuerst, ist man ein grüner Bengel,

sind Weiber selbstverständlich Engel.

Dann, fatalistisch wie ein Fellah,

nennt man das Weib meist Satanella.

Und schließlich wird es mit den Jahren

ein weißes Tier, behaart mit Haaren.

Pickelhering:

Herr Assessor Müller, Fräulein Kloth,

der Mensch wird vorgestellet und rot.

Dann weiße Handschuh, Chapeauclaque,

neuaufgebügelt glänzt der Frack.

Und ist die Sache so weit gediehn,

dann kommt die Tante aus Polzin;

bringt von Großmutter einen Gruß,

eine Klystierspritze macht den Beschluß.

Der Herr Mitte Dreißig:

In der Jungfrau zarten Formen

ahnt der Jüngling seine Normen.

Mit lionardisch lächelnder Lippe

knüpft sie ihn an ihre Strippe.

Von weichen Armen fühlt er sich umfangen —

o, sieh mein röchelndes Verlangen!

Apollonius Golgatha:

Mein Herz schlug lauter und mein Auge sah

die nackte Schönheit einer Helena,

die sich vor Gott und Teufel nicht geniert

und mit Champagnerdunst ihr Hirn möbliert.

Der Herr Mitte Dreißig:

Durch ihrer Augen fahle Leere

seh ich irisfarbne Meere,

entrockt und ohne Krinoline

das Weib als Amüsirmaschine!

Wie die Sünde häßlich, sagt ihr und wißt,

daß die Sünde schön wie Bathseba ist!

Um eins nur thuts mir höchstens weh:

um meine Nerven und mein Portemonnaie.

Chor:

Das irdisch Weibliche

ist unser Grab.

Das ewig Leibliche

zieht uns hinab!

Chor der Jungfrauen:

Sieben Monde sehen mystisch in unsre Kammer! Sieben Monde! Sie weben Schleier, die erhabne Gärten auf unsre Linnen sticken, auf unsre weißen Linnen! Sieben Monde sehen mystisch in unsre Kammer!

Chor der Jünglinge:

Sieben Absynthe, feierlich aufgereiht, wie zu Tänzen an einer Gebetschnur! Sieben Absynthe! Erhabne Schnäpse voll kaiserlicher Trauer mit purpurnen Dämpfen, welche kirchlich flattern! Sieben Absynthe!

Chor der Pilger:

Wer nie mit ihr allein soupiert,

wer nie die langen Nächte

auf ihrem Bett sich abstrapziert,

der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!

Ihr stoßt ins Leben sie hinein

und führt die Unschuld ins Orpheum,

und fällt der Junge schließlich rein,

dann singt der Dalles sein Tedeum!

Impresario:

Aber siehe: sie haben lächeln gelernt. Und sie lächeln, wie Jünglinge lächeln, welche wissend geworden sind. Die eine zersprungene Seele haben und deren Stirn nicht mehr glatt ist. Unsere liebe Frau mit den sieben Schwertern, Notre Dame des Tristesses!

Der Herr Mitte Dreißig:

Drum, mag auch dreist vor meinem Lachen

die Welt aus ihren Fugen krachen,

hol mich der Henker, mich packt die Galle:

hemd- und herzlos sind sie alle!

Chor:

Der Wahn ist lang, die Reue kurz,

nicht länger als ein Kinderschurz.

Apollonius Golgatha:

Nicht mit Rosen

noch mit Myrthen

mag ich kosen

wie die Hirten.

Mir vom Söller

krachen Böller

und zu höchst auf meinem Turm

weht ein Wurm:

eine flammende Standarte,

dir, Astarte!

In dein süßes, weißes Leder

krallt sich jeder.

Blutig zucken meine Hände,

nah ich brünstig deiner Lende,

röchelnd vor Gier,

die Zähne stier.

Schlag mir stöhnend deine Pranken

in die Flanken.

Heil mir, heil, du bist mir nah,

Venus Aphrodisiaka!

Abb. 06, Stielauge

Publikum:

Ein Herold! Ein Trompetenstoß!

Ein neues Intermezzo! Los!

Regisseur:

Entblüht den Träumen einer frevlen Nacht,

ist hier ein kleines Kuckloch angebracht.

Das langt, sobald ich es dir richte,

quer durch die ganze Weltgeschichte.

Autor:

Paradiese sind in mir,

phantastisch grün besonnte,

ein Meer aus lauter Malvasier

blitzt auf am Horizonte!

Regisseur:

Aus blauem Meer siehst du sich dehnen

die grüne Insel der Sirenen.

Drüber stäubt aus ihrem Pinsel

die Sonne warm ihr Goldgerinsel.

Trauben wachsen hier ins Maul,

sie zu essen ist man zu faul.

Apollonius Golgatha:

Im Traum entrückt auf eine Wiese,

find ich mich im Paradiese.

Löwen, Affen, Hirsche, Tiger,

links der Niger.

In den Himmel weben Pinien

zart verdämmernd ihre Linien.

Durch die Stille, schrill und blau,

schreit ein Pfau.

Die Tulpen rot ihr Blut versprühend,

die Luft wie heißes Eisen glühend.

Seh ich recht? Beim Rhadamanthis!

Die versunkene Atlantis.

Der Herr Mitte Dreißig:

Hier siehst du alle großen Männer,

sie waren ausnahmslose Kenner.

Im Eisenharnisch Karl, der Kühne,

auf seinen Knieen, nackend, Phryne.

Dafnis:

Frau Gloria im rothen Rokk,

hinter ihr ein gantzes Schokk:

Flakkus, Maro, Alexander,

Cäsar, Scipio und Lysander,

Hannibal und Abdul-Bey,

kurtz die gantze Kumpaney!

Publikum:

Lukas Kranach, Lukas Bolz,

Schinderhannes, Arno Holz,

Janosch, Mikosch, Epikur,

Bierbaum und die Pompadour!

Chor:

Esther, Esra, Sappho, Sem,

Poppäa und Methusalem;

verwickelt in ihr langes Haar,

Joseph mit Frau Potiphar!

Der Herr Mitte Dreißig:

Auf Purpurpolstern liegen da

David mit der Bathseba,

Salomo mit Sulamith,

sie sind nicht mehr beim ersten Lied.

Apollonius Golgatha:

Fackeln haben sie und Flöten

und auf Polstern Blumen, Frauen;

Pagen knieen mit Erröten...

Der Herr Mitte Dreißig:

... plötzlich hört man wen verdauen.

Apollonius Golgatha:

Vergeblich drückst du deine Lauge

mir ins geschmolzne Sonnenauge!

Pack dich an die eigne Gurke,

Schurke!

Der Herr Mitte Dreißig:

Hier sitzt die biblische Susanne

und schwitz in ihrer Marmorwanne;

der alte Blum, der alte Bloch

kucken durch das Schlüsselloch.

Der alte Blum kann kaum noch stehn,

er glaubt ins Himmelreich zu sehn;

der alte Bloch verlor den Kneifer,

in langen Fäden rinnt der Geifer.

Regisseur:

Ohne Frack und weiße Binde

liebt hier Sigmund die Siglinde.

Und dort drückt auf das Kanapee

Herkules die Omphale!

Der Herr Mitte Dreißig:

Dort der Dunkle ist Homer;

er ist noch jung, das freut ihn sehr.

Er küßt die schöne Schehresade,

sie stieg erst eben aus dem Bade.

Apollonius Golgatha:

Wahnverzückt, mit goldnen Augen,

sieh ihn ihre Schönheit saugen!

Sie giebt sich lachend seinen Lüsten,

beseeligt hängt er über ihren Brüsten!

Regisseur:

Ein See blaut zwischen Wiesen

mit badenden Marquisen.

Durch einen Busch belauscht sie Clauren,

ihn reiten nieder zwei Centauren.

Chor:

Ein Mädchen ohne Strumpfband

watet in den See,

der Reif, der ihr den Rumpf band,

glitzert aus dem Klee!

Dafnis:

Ihr Leib ist wie poliert, die prallen Brüste blizzen,

zwey Augen, welche nichts alß göldne Flammen sprizzen!

Bald taucht sie aus dem Saltz, bald dukkt sie wihder unter,

bald kom ich auß mir selbst, bald werd ich wihder munter.

Apollonius Golgatha:

Was seh ich? Einer Marmorgöttin Knie,

ein Bein, ein Busen, eine — flieh, Herz, flieh!

Autor:

Nanu, das wird ja immer bunter:

Ninon! Mütterchen! Noch munter?

Der Herr Mitte Dreißig:

Blond der Busen, blond das Bein,

wer will Liebesbote sein?

Das Kind ist nah an Achtzig,

ich glaub, die Sache macht sich.

Apollonius Golgatha:

Schwül um ihr Fleisch zerschellt und rollt

der Sonne siedendes Posaunengold;

und unterdessen überblitzt ihr Knie

der Säulen Erz und Lapislazuli!

Don Juan:

Reich mir die Hand aus Alabaster,

du langes Laster.

Regisseur:

Hinter roten Rotdornhecken

eilen sie, sich zu verstecken.

Sein grünweißes Wunder

wiegt der Hollunder.

Dafnis:

Dort, kukk, die dikke Frau,

Juno mit ihrem Pfau.

Sein vielberühmbter Schwantz

höht ihren Pärlen-Glantz!

Der Herr Mitte Dreißig:

Du bist mir lieb, du bist mir wert,

o du Achtzigthalerpferd!

Chor:

An den Bauch aus Porzellan

drückt hier Leda ihren Schwan,

Io, mehr wie eine Kuh,

buh!

Regisseur:

Hier siehst du einen Stier voll Tücken,

Europa sitzt ihm auf dem Rücken.

Dahinter reitet hopßaßa

Antonius auf Kleopatra.

Stimme:

Mein Bildnis stand im Kapitol,

mir war einst ganz unglaublich wohl,

wie fünfmalhunderttausend Säuen,

in Bajäs blauen Luftgebäuen.

Als Oechslein hab ich mit Behagen

Europam übers Meer getragen.

Zu Leda noch galanter

kam ich gehuppt als Ganter.

Auch Alkmene

war mir bene.

Signor mio,

schluchzte Io,

und der schönen Danae

that ich was ins Portemonnaie.

Dafnis:

Die Sternburg machte ihm dem Teuffel ein Vergnügen,

kunt er nicht ab und zu sein Eheweib betrügen!

Stimmen:

Ich war der King, sie war die Queen,

alles versunken wie Julin!

Mein letzter Priester hieß Properz,

jetzt bin ich Stein, jetzt bin ich Erz.

Apollonius Golgatha:

Eine Landschaft, herrlich wie von Klinger,

Pinien, purpurn, um ein altes Grab,

eines weißen Knaben schlanker Finger

bricht sie zärtlich Blumen ab.

Steil dahinter aus Basalt

eine weibliche Gestalt.

Durch des Abends Terebinthen

tauchen Tinten.

Eine Harfe schlägt die Frau,

dämmerndes Violenblau!

Musa musarum:

Ich hieß Ovid, ich hieß Catull,

ich hieß Properz, ich hieß Tibull,

ein süßer Schauder war mein Lied,

ein Mädchen, das sich nackt im Spiegel sieht.

Ich lehrte den groben deutschen Flegeln

der Liebe goldne Genusregeln.

Chor:

Aus einem abendroten Wald

der Göttin schimmernde Gestalt.

Zu ihren Füßen hingeschmiegt

ein schlafend Einhorn liegt.

Dafnis:

Zwei Brüste blaß und bloß,

gemänckt aus süssem Teige;

Poppäens nakkter Schooß

ligt gantz voll Lorbeer-Zweige.

Apollonius Golgatha:

Ueber Busen ihr und Lenden

fließts wie von beseelten Händen,

und balsamisch haucht die Luft

ihres Fleisches Rosenduft.

Und sie naht sich — wie auf keuscher Sohle

das süße Blau der ersten!

Chor:

Umglänzt von lauter kleinen Wölkchen,

umschwänzt von einem Zephyrvölkchen

naht die Herrliche, die Schöne —

langgezogne Tubatöne!

Der Herr Mitte Dreißig:

Vor der Stirn den Kohinor,

durch nichts zu überbieten,

blendend durch den blauen Flor

zwei zitternde Meriten!

Publikum:

Ai, kiek! Ist das ein lieber Bengel

und drall wie ein Posaunenengel!

Zwischen zwei weißen, wonnigen Hügeln,

seht ihr? da sitzt er und schlägt mit den Flügeln!

Amor, der Lausbub!

Apollonius Golgatha:

Der Lilie Licht mit sieggewohnter Pranke

umschlingt die Schlanke.

Selig breit ich meine Lüste

über Schultern ihr und Brüste!

Der Herr Mitte Dreißig:

Nur Eins, Kind, ärgert mich vertrakt,

dieser ganze Krimskrams, der dich mir verpackt,

dieser, diese Perlen, diese Seide!

Runter! Weiber, wie du, sind nackt!

Apollonius Golgatha:

Eine himmlisch hohe Frau,

ihr Gewand erstrahlt in Blau;

zu Boden sinkt es Stück für Stück,

lotoslächelnd winkt mein Glück!

Der Herr Mitte Dreißig:

Pardon, wenn ich den Schleier lüfte

von deiner mädchenzarten Hüfte:

zwei rosige Pilaster,

gedreht aus Alabaster!

Puffschnute:

Krichste Motten? Krichste Maden?

Deibel, hat det Meechen Waden!

Det sind Aerme! Dets ne Weste!

Schielewippe, halt mir feste!

Schielewippe:

Nu, die könnt mir schon jefallen.

Soll ik ihr mal eenen knallen?

Ik finde det janz munter —

klar driber und nischt drunter.

Apollonius Golgatha:

Die blanken Brüste unbewehrt,

so steht sie, nackter als ein Schwert!

Auf Beinen wie aus Marmorquadern,

mit Diamanten drin und goldnen Adern.

Poëta laureatus:

Ich seh dich schwinden, seh dich schweben,

fern, silbern noch ein letzter Schein,

nach dir wirds jetzt mein Leben

eine einzige Sehnsucht sein!

Apollonius Golgatha:

O weh, o weh, du liebe Tulipane!

Regisseur:

Laut wimmert Werther dort um Lotten,

sie kocht für Alberten Karotten.

Ein Gockel ist er, brav und bieder,

in jedem Frühling kommt sie nieder.

Schon sind es sieben Orgelpfeifen,

Ihr Rock hat wieder weite Reifen.

Ein Stubsen ist das, ein Gestürze,

sie klammern sich an ihre Schürze,

mit Pflaumenmus beschmiert die Schnuten,

auf einem Trichter hört man tuten.

Sie drückt an ihren Taillenkloth

inbrünstig das Fünfgroschenbrot.

Werther:

Dich zu fliehen, dich zu meiden,

längst bin ichs gewohnt!

Blutrot über graue Weiden

schwimmt der Mond.

Die Grünen:

Nachts, wenn die Akazien wehn,

laß deine Seele schlafen gehn.

Was kann dir die für Weh bereiten?

Ein Kind mit schönen Einzelheiten!

Der Herr Mitte Dreißig:

Zu viel Schmerzen

laß dich nicht zwicken.

Flöhe und Herzen

kann man — knicken.

Regisseur:

Dante taucht, der große Dichter,

knirschend aus dem Höllentrichter.

Seine keusche Beatrietzsche

küßt jetzt Nietzsche.

Chor:

Er schauft, er reckt sich wie ein Riese

auf nie betretner Asphodeloswiese!

Apollonius Golgatha:

Aus ihren Augen sprach ein Gram:

sieh hier ein Weib, dem man die Keuschheit nahm.

An jeder ihrer Wimpern hing

der Schmerz, ein schwarzer Schmetterling!

Einer von der Galerie:

Dort, die Dicke, Donner Schock!

Mit Rosen überstreut den Rock.

Die Schultern weiß, den Busen weißer,

das ist doch Dorchen Lakenreißer?

Platschneese:

Wat saachst, Quatschkopp? Lakenreißer?

Du Scheißer!

Det Luder kenn ik janz jenau —

Kahline Köppke heeßt die Sau!

Kahline Köppke:

Jotte doch, ick weeß nich,

watte immer hast?

Klapperst mit die Oogen,

rotzt mir annen Bast!

Kaum det noch hinieden

Eenen wat erfrischt —

laß mir doch zufrieden,

ick dhue dir ja nischt!

Dafnis:

Fürtrefflig war der Wind, der mich hihrher getriben,

wo man nuhr Martzipahn auß lautter Sylben bäkkt:

Dihß Buch hat Venus selbst mit ihrer Faust geschriben,

da fast ein jedes Wort nach ihrem Balsam schmäkkt.

Der alten Buhler Schaar, hihr ißt sie gantz zu finden,

hihr schaut der Grosse Carl den Kleynen Pipin an;

wie jeder heysst, verräht ein Täfelgen auß Rinden,

der achte Heinrich steht beim Brittischen Johann.

Hihr hütet mit Bedacht Printz Paris seine Zigen,

er möchte gern die Nacht bei seiner Venus ligen.

Hier bohrt sich Pyramus ein Loch zu seiner Thispe

und Syphax, auch nicht faul, schleicht sich zu Sophonisbe.

Schon naht mit Donner-Groll Neptun, man hört ein Schreyn,

der blanken Thetis stösst er seinen Drey-Zakk eyn.

Wie ihre Marmol-Brust sich mit Rubinen spizzt,

wie ihr gewölbter Schooß wohlriechend Amber schwizzt!

Pickelhering:

Quatsch, quaddel nich, halts Mül!

Jetzt kommt wat fürs Jefühl!

Jetzt kommt mit Elegangß

die Pjähß de Resistangß!

Apollonius Golgatha:

Jach an die Stirn mir schmettr ich: Ha!

Im Sonnenschein Egbatana!

Der Frühlingsvögel silberhelles Schlagen

durchglänzt das Zauberland der Lothophagen,

aus tausend Sonnen strahlt sein Glanz!

nun steh ich in geweihten Räumen,

mein Herz mit seinen Lilienbäumen

gleicht einer schimmernden Monstranz!

Regisseur:

Braun wie aus Bronze, stark wie ein Stier,

sieh Holofernes mit Judith hier.

Im Hintergrund, blitzend, Jerusalems Zinnen,

das alte Stück wird gleich beginnen.

Der Herr Mitte Dreißig:

Ihrer schwimmenden Mandelaugen Assyrisch

lacht so lieblich, lockt so lyrisch;

jeder Blick ist ein Lasso

a porto basso!

Apollonius Golgatha:

Ums Haupt geknüpft wie eine Schnur

der siebenfarbige Azur!

Aus Sonnenstrahlen das Gewand,

ein Traumweib aus dem Morgenland!

Ueber Busen ihr und Beine

blitzen Perlen und Gesteine,

zwei Rosen duften schwül und schwer,

keusch wie Beethoven und das Meer!

Noch hat sich lechzend seine Hand

in ihre Schätze nicht vergraben;

noch lächelt sie ihn unverwandt

mit Augen an, wie sie Madonnen haben.

Ihrer Augen schwarze Kerzen

spiegeln sich in seinem Herzen.

O keuscher Stille wollustvolles Lied,

er sieht sie an, wie man in Lilien sieht!

Publikum:

Ha! Endlich reckt er seine Glieder!

Errötend sieht sie sich ins Mieder:

zwei weiße, wütende Lawinen,

die sich verbluten aus Rubinen!

Dafnis:

Hilf, Himmel, was ich seh!

Ein Wibbeln, Wabbeln, Wühlen.

Nein, diesen nackten Schnee

soll keine Faust befühlen!

Der Herr Mitte Dreißig:

Da, seht nur, wie dem Lümmel jetzt wird!

Sein funkelnder Kettenpanzer klirrt,

ihr kleines Taubenherz zittert und klopft,

sein schwarzer Bart von Balsam tropft!

Er ist der Wolf, sie ist das Lamm,

bitte, geniere dich nicht, Madam —

ich bin ein böser Heide!

Zupft sich nicht an seinem Gilet,

thut nicht erst, höflich s’il vous plait,

ist forsch und frech für Beide!

Packt sie, zwackt sie, zwingt sie nieder,

stinkt nach Achselschweiß und Cider,

reißt ihr runter das Korsett.

Auf Löwenklauen ächzt das Bett,

mit Troddeln behängt und güldenen Quasten.

Seine Finger gierig über ihre Schönheit tasten.

Schon liegt sie aufgeschürzten Knies

mit den beliebten Diddlitzkendies.

Wo blieb das Hemd? Wo blieb der Schuh?

Du liebes, dickes Mädchen du!

Apollonius Golgatha:

Uebers Bett hin warf das Weib

lechzend seinen Lotosleib!

Ein Weib? Sie ist kein Weib!

Sie ist nur eine Dirne,

der schwarz auf ihren Leib,

der schwarz auf ihre Stirne

sein Lorbeerschatten fällt!

Dafnis:

Mein Gott, sie wälzzen sich; wie sie die Purpurhillen,

wie sie das ganze Bett verrangeln und verknillen!

Apollonius Golgatha:

Da wuchs ich auf, ein lechzender Gigant,

der seine Träume um die Sterne spannt.

Um meinen Nabel, unsichtbar dem Volke,

verlor die Welt sich wie in einer Wolke,

und mir zu Füßen lagen platt

der Gaurisankar und der Arrarat.

Tief erschrocken,

klangen Glocken.

Eine Sehnsucht in mir rief

fern und hyazintentief.

Eine schleierlose Nonne

nackt am Himmel stand die Sonne.

Frech um ihren Leib gewunden

sieben brünstige Sekunden,

von hundert Himmeln übergnadet

in ihren Gliedern hab ich taumelnd mich gebadet!

in ihres Busens zitternde Melissen

hab ich gebissen!

Der Herr Mitte Dreißig:

Sie talpsackt "Nit?", er stöhnt: "Oh du!"

Schon wieder drückt hier ein blauer Schuh.

Um die vollendet edlen Beine

schlingt er seine.

Lukas:

Ihr schwarzes Haar erschauert ganz,

zwei Menschen fanden sich zum Tanz.

Ein Weib stöhnt aus verzücktem Hasse,

zwei Menschen bilden eine Masse.

Autor:

Seine Zähne knirschen, ihre Augen brechen,

weiter verbietet mir leider zu sprechen

die noch immer drohende Heinzesche Lex,

drum Gedankenstrich und Klex.

Regisseur:

Klex, und schnell die Klappe zu,

beide deckt jetzt süße Ruh.

Er atmet tief, er atmet schwer,

das Mädchen funktioniert nicht mehr!

Der Herr Mitte Dreißig:

Dort der Mann in großer Gala,

alle Götter in Walhalla,

Phantasus als Niepepiep!

Nein, ist mir der Kerl blos lieb!

Puffschnute:

Lieb? Det kann’k nu jrad nich sagen.

Wie Seefe liecht er mir im Magen.

Er thut mir zu bescheiden.

Ik kann den Kerl nich leiden!

Abb. 07, Niepepiep mit Krebszangen

Niepepiep:

Aus Anlaß Meiner glücklichen Wiederkehr nach Timbuctu

verleihe Ich dem Oberpriester Müller

das Großkreuz Meines blauen Elephantenordens mit Palmwedeln und Schwertern.

Er hat es an einen goldnen Ring zu hängen

und Ich gestatte ihm huldvollst, daß er sich diesen durch die Nase zieht.

Seine Gattin,

geborne v. Brocktisch, verwitwete Kretschmer,

erhält eine neue Klapperschlangenboa,

drei Kilo Leberthran,

sowie die silberne Verdienstbroche.

Ich befehle!

Festlich entkleidete Amazonenregimenter

erwarten Mich auf bronzierten Krokodilen am Niger.

Der Weg durch die Wüste wird noch einmal mit Sand bestreut.

In genau einzuhaltenden Pausen, beziehungsweise Zwischenräumen von je fünf Minuten

befahren ihn grüne Sprengwagen mit Terebinthenwasser.

Die Meridiane werden entfernt, die Parallelkreise mit Oelfarbe bestrichen.

Die Glocken sämtlicher Konfessionen haben zu läuten.

Kalmus, Ansichtspostkarten, Wallnußstangen,

Extrablätter, mit Moskitoschnaps gefüllte Straußeneier und Porträts von Mir

in großer, gestickter Admiralsuniform, behängt mit den Ketten Meiner sämtlichen Orden,

mit und ohne Bartbinde,

verteilt Mein Balletkorps.

Jeder noch unbescholtene Bürger der staatserhaltenden Parteien

erhält gegen Vorzeigen seiner Steuerquittung eine Blechmarke und darf zugreifen.

Desgleichen steht die ganze Zeit über

der Besuch der öffentlichen Rotunden

GRATIS

frei.

Die Kosten

bestreitet aus ihrem letzten Ueberschuß von achtundachtzig Millionen

Meine Privatschatulle.

Im Paletot mit Pelzkragen,

gefolgt von Meiner gesamten maison militaire,

links von Prittzewitz, rechts von Zittzewitz,

passire Ich dann pünktlich Schlag Zwölf Uhr

das Nilpferdthor.

Ich werde sehr ernst aussehn!

In Kameelshaarmänteln,

die Schädel geschoren, um die Gurgel den Strick,

mit Kettenkugeln an den Arc de triomphe geschweißt,

erwarten Mich knieend die Väter der Stadt.

Der Kadi redet.

Ich höre aufmerksam zu und mit sichtlichem Wohlwollen.

Nachdem Ich indessen allergnädigst geruht haben werde,

nicht zu antworten,

wird Omar-Ibn-Ibraim Pascha,

der alte, silberbärtige Aga Meiner Janitscharenorta,

den Yatagan ziehn,

in demselben Augenblick,

über die bunte, gedrehte Mittelkuppel Meiner Mondmoschee,

flitzt Meine große, getigerte Standarte hoch,

und unter den flutenden Wellen des Präsentiermarsches,

unter den begeisterten Zurufen des Publikums,

werde Ich lächelnd,

zwischen jedem Kandelaberpaar mit dem Zeigefinger an den Turban greifend,

rechts von Zittzewitz, links von Prittzewitz,

schneidig,

bis vor die weißen, weit geöffneten Elfenbeinflügel Meines Kremls

durch Meine Hauptstadt reiten.

Ferner!

Den Abend vorher,

in der mit vergoldeten Drachenlichtern zu erhellenden Aula der Universität,

wird Yorimaschighe Sebulon Freudenthal,

der neuernannte Professor der Beredsamkeit,

über die Autointoxikation bei Tieren,

insbesondere Plumpfischen, Pfeffervögeln und Meerschweinchen,

unter dem Gesichtspunkt

ihrer spezielleren Beziehung zu Unserem Erhabenen Herrscherhause,

einen auf purpurnes Eselsleder mit Diamantstaub kalligraphierten Vortrag ablesen.

Dieses Pergament

wird noch in derselben Nacht

durch eine eigens hierzu gebildete Deputation,

bestehend aus Feuerwerkern Meiner Artillerieschießschule mit Unteroffiziersrang,

bei Magnesiumlicht,

der Sesostriskammer Meines Museums einverleibt.

Die Sonne,

eingeholt von den mit grünem Seidentafft zu überziehenden Ballons Meiner Luftschifferabteilung,

begrüßt von sämtlichen silbernen Kesselpauken Meiner sämtlichen Armeekorps,

wird an dem festlichen Morgen selbst

sieben Sekunden früher aufgehn.

Das Betreffende,

nach erledigtem Uebereinkommen mit Konsistorium und Sternwarte,

veranlaßt Mein Hofmarschallamt.

Alles Sterben an diesem Tage ist zu unterlassen, alles Gebären einzustellen.

Ferner!

Die von vierundzwanzig Giraffen gezogene Pfauenkutsche,

in der in blaßblauer, mit violetten Löwenäffchen bordierter Seidenrobe, in reizendem Capothütchen,

Meine HOHE GEMAHLIN sitzen wird,

wird von zwölf berittenen Leibkutschern in weißen Allongeperrücken

unter der Führung von sechs Stallmeistern aus dem Sattel gelenkt werden.

Ferner!

In allen öffentlichen Vergnügungslokalen,

von acht Uhr abends ab,

nach Schluß des Zapfenstreichs,

findet

BAUCHTANZ

statt.

Die Polizeiorgane sind angewiesen, nicht zu intervenieren.

Sollten nichtsdestoweniger Unruhen vorkommen,

so ist angeordnet worden, nur auf die Füße zu schießen.

Ferner!

Die Feier hat einen durchaus patriotischen Verlauf zu nehmen!

Alle, Ringelreih:

Kleines Fischchen Brididi,

nimm ihn mit nach Bimini.

Kleines Täubchen Kukruku —

o Ferdinand, wie schön bist du!

Regisseur:

Genug, genug des Tanzgeschlings,

dort kommt noch wer geritten.

Pistole rechts, Pistole links,

ein Dolchmetz in der Mitten!

Der Herr Mitte Zwanzig, so lange mit Privatangelegenheiten in der Garderobe beschäftigt gewesen:

Ich bin ein roter Demokrat,

und zwar ein ganz vermaledeiter,

mein Aermel streift an Hochverrat,

an Richtschwert, Fallbeil und so weiter.

Doch pst, sie ist ja längst vorbei,

die goldne Zeit der Barrikaden,

denn heuer herrscht mit Blut und Blei

Das *** von Gottes Gnaden!

O, oft noch überläufts mich heiß,

denk ich an Herwegh und an Hecker,

denn wieder bläht sich das Geschmeiß

der Teller- und der Speichellecker.

In "H"och- und "A"llerhöchster Gunst

stehn Leutnants nur und Wachparaden,

denn was darüber ist, ist Dunst

dem *** von Gottes Gnaden!

Bezahlt wird jeder, was er gilt,

der eine ist des andern Henker,

und zur Maschine wird gedrillt

das Volk der Dichter und der Denker.

Zwar öfter murrt es, doch was thuts?

Wenn die Gewehre nur geladen!

So hielts von je schon kalten Bluts

das *** von Gottes Gnaden!

Doch still, o still, mein wildes Lied,

auch dein Traum wird sich einst erfüllen,

auch du eilst einst in Reih und Glied,

wenn lautauf die Kanonen brüllen.

O, dann wird strahlenden Gesichts

die Freiheit sich im Frührot baden,

dann sinkt für immer in sein Nichts

das *** von Gottes Gnaden!

* * *

Der Herr Anfang Zwanzig erlaubt sich an dieser Stelle eine Vokabel von einer Kräftigkeit, die der Herr Mitte Dreißig, als bereits gesetzteren Alters, trotz aller Liberalität denn doch nicht glaubt dulden zu dürfen. [Das unterdrückte Wort – "Gaunertum" – ist ab der Ausgabe von 1917 ausgeschrieben. M. H.]

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Chor der Ballonmützen:

O, daß sie endlich mal erst knarrte,

die blutbesudelte Standarte!

Schon stößt erbittert in sein Horn

der Proletar von Gottes Zorn!

Der Herr Mitte Dreißig:

Jeder Atemzug ein Knall.

Das prustet, faucht und zischt.

Das singt, wie jene Nachtigall,

die dem Bauern die Schafe frißt.

Alle:

Er fühlt sich so edel,

er fühlt sich so gut,

er trug so hoch den Wedel,

bumms, haut ihn auf den Zuckerhut!

Der Herr Anfang Zwanzig wird unter großem Gejohl definitiv rausgeschmissen. Krachend, für immer, schließen sich hinter ihm die ehernen Thüren der Zirbeldrüse.

Apollonius Golgatha, noch ganz aus allen Fugen, ihm nach:

Erloschne Sterne zitterten und sangen,

ha, was gebarst du nicht ein Nest voll Schlangen?

Noch immer klingt es in mir fort,

sein rotes Orchideenwort!

Der Herr Mitte Dreißig:

Alte Blechbüchsen warf ich und Kiesel mit Kanten

in diese Müllgrube voll Diamanten.

Kein "Kunst" gewordnes Philosophem,

ein tanzender Galgenberg ist dies Poem.

Impresario:

Psychologien mit künstlerischer Vehemenz ausgespieen auf ein indifferentes Lokal! Feierliche und wie schwere Sonnenblumen grelle Sätze; bunte Reime, üppige Adjektive und die Lust metaphorischer Reize!

Makulaturprofessor:

Wohin auch meine Zehen treten —

disjekte Membra des Poeten.

Dies Kunstwerk thut mir wirklich weh,

das macht, ihm fehlt die Grundidee.

Der Herr Mitte Dreißig:

Was der und jener von mir "hält",

salzt mir noch nicht die Suppe;

die "Anerkennung" eurer "Welt"

ist mir totaliter schnuppe.

Autor:

Weit streckt der Kunstbaum seine Wurzeln,

die Kritiker darüber purzeln.

Bunt durch meine Seele zieht

dies allerletzte Schwanenlied.

Der Herr Mitte Dreißig:

Dies Biest ist wie die Arche Noä.

Du findest Alles, o my dear,

vom Nilpferd bis zum Metazoä,

vom Jüngling bis zum Trampeltier.

Publikum:

Malaga, Cocktail und Münchner Kindl,

Himmel, ist das ein Gesindl,

an mein armes Nervensystem bimmern und bummern

alle Farben und alle Nummern!

Monstrum:

Ich komme mir wie ein Regenschirm vor,

als Stiel aus der Mitte hängt mein Magenrohr.

Mir ist so süß, mir ist so minnig,

nur weiß ich wirklich nicht, was bin ich?

Urwesen:

Von hinten bin ich, wie von vorn,

ein kleines, kugeliges Plasmakorn.

Mir ist so wohl, mir ist so mollig,

nur weiß ich wirklich nicht, was soll ich?

Doktor Allwissend:

In dir schlummert schon das Tier.

Zwei mal zwei und du bist vier.

Einstweilen, mit Bezug aufs Ganze,

wirst du erst Pflanze.

Phantasus:

Nebelfleck, Urzelle, Wurm und Fisch,

Alles war ich — verschwenderisch.

Alles bin ich: Hottentott,

Goethe, Gorilla und Griechengott.

Ich bin die Rose, die der Lenzwind wiegt,

ich bin der Wurm, der ihr im Schoße liegt.

ich bin ein Stäubchen nur im Wind,

ich bin, was meine Zellen sind.

Pickelhering:

Auch du, auch du warst einst mein Süßchen,

ein kleines Protoplasmamüschen

in einem alten, verschollenen Meer.

Aber das ist schon lange her!

Der Herr Mitte Dreißig:

Kaum ein zerflatternder Schemen,

ein blinkendes Tröpfchen kaum,

durchsaust von Milliarden Systemen

dies Pünktchen Raum!

Doktor Allwissend:

Kritisch mit mikroskopischen Ellen

messen es meine Ganglienzellen.

Das alte "Cogito" — Gott, wie dumm!

Ich forme es: Coeo, ergo sum!

Oberhofprediger:

Was ist diesem Lümmel die "Welt"? Ein Bordell.

Er erzeugt die Liebe "experimentell".

Schon bei seinem "Urtier" schweinigelt der Flegel

vom "Empfängnisfleck" und "Befruchtungskegel".

Pickelhering:

Und so tanz ich Arm in Arm

mit dem Leonidenschwarm.

Wer war mein Ahne?

Ein Quadrumane.

Disputax:

Und solches Zeug, sich zur Erbauung,

nennt nun die Menschheit "Weltanschauung"!

Da fühlt man sich bedeutend keck

und nennt es selber — Katzendreck.

Pickelhering:

Stolz kräht der Hahn auf seinem Mist.

Entwickle dich nur munter.

Wenn du glücklich oben bist,

fällst du wieder runter.

Autor:

Früher war die Sache zum Beispiel famos.

Da war der Mensch ein Erdenklos.

Dann aber kam Ibsen und Pastor Manders

und heute ist er ganz etwas anders:

Ein Viertel Gold, drei Viertel Tier —

ein Sahnenbaiser in Klosettpapier.

Der Herr Mitte Dreißig:

Das alles, Kinder, sind Hyperbeln,

die schnell zerbrechen und zerscherbeln.

Die Weise schweigt, wozu die Worte,

die Wahrheit qualmt, der Irrtum brennt;

bei Licht besehn ist eine Apfeltorte

ein unverdautes Excrement.

Ein Kleinod, wunderbar getrieben,

hab ich nun extra mir verschrieben.

Dies Kleinod heißt in unsrer Zeit

die allgemeine Wurschtigkeit!

Chor:

Im Winter, wie im Lenz,

von Peking bis Berlin,

die letzte Konsequenz

des Wissens heißt Strychnin!

Pickelhering:

Die Welt ist krumm, die Welt ist schief,

stürz dich in dein Käseknief!

Chorus mysticus:

Recht, auch du bist nicht gewitzt,

Recht hat nur der Glaube,

durch den blauen Himmel blitzt

schneeweiß seine Taube!

Fidele Bande:

Puh, dies Erdlein stinkt nach Mist,

und die Füchse bellen,

wenns im Himmel Festtag ist,

essen wir Forellen.

Barthel schleckert, ob der Most

heuer gut geraten,

Lorenz muß auf seinem Rost

Leberwürste braten.

Margarethe kocht den Brei,

Küchlein bäckt Sabine,

Salomo spielt die Schalmei,

David Violine.

Joseph legt den Braten vor,

Petrus muß tranchieren,

und der Englein schnippisch Chor

thut uns invitieren.

Lustig sitzen wir dann da,

mampfen wie die Mäuschen,

unser alter Großpapa

lacht wie aus dem Häuschen.

Ausgeleckt sind Napf und Topf,

schmunzelnd spült sie Liese,

satt bis an den Kragenknopf

geht es auf die Wiese.

Alte, Junge, groß und klein,

tanzen, singen pfeifen,

und mit unserm Heilgenschein

spielen wir dann Reifen!

Der Herr Mitte Dreißig:

Die Ewigkeit ist eine schönen Stadt,

drin jeder Ofen Aeppel in der Röhre hat.

Das hofft noch immer, daß es auferstände,

an jedem Grabkreuz wärmt sich das die Hände!

Chor:

Unkenkönigin im Sumpf

will die Menschen locken.

Das klingt so hell und klagt so dumpf —

ferne Klosterglocken!

Prozession:

Von Surinam bis Kiautschau,

nun laßt uns gehn und treten,

die Welt ist eine alte Frau

und will nur knien und beten.

Chor:

Ach, euer Gott ist blind und taub

und ihn und uns begräbt die Zeit

und bläst ins Meer der Ewigkeit

dies kleine Körnchen Weltenstaub!

Der Herr Mitte Dreißig:

Wann weicht die Nacht? wann blüht das Licht?

Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht!

Apollonius Golgatha:

Hoch am Himmel unbewohnt,

kuck, noch immer hängt der Mond

wüst in diese Nacht des Spottes,

eine blutige Thräne Gottes!

Pickelhering:

Seht, wie vergnüglich seine Bahn

er dort am Himmel zieht —

du Lump, du Protz, du Ludrian,

du Bimssteinsphäroid!

Mittelachsler, als Hirn eine Himmelskugel, als Bauch einen Globus:

Wie,

wenn wir in unserm Hirn statt Blut

geschmolznes Eisen mit Platinzellen führten,

und statt Phosphor Silicium von dreitausend Grad Hitze?

Wie,

wenn unser gesamtes Planetensystem

nur ein xbeliebiges Stäubchen in irgend einer riesenhaft fühlenden Zirbeldrüse wäre,

dessen Jahrbillionen dauernde Bewegung von Empfindungen begleitet wäre,

wie etwa in unserm linken Ohrläppchen die Bewegung eines verbrennenden Fettmoleküls,

die doch nicht den tausendsten Teil einer Sekunde erfordert?

Wie,

wenn selbst diese ganzen sogenannten Verse hier,

sämtliche Werke meiner sämtlichen Vorfahren, Nachfahren und Mitfahren nicht ausgeschlossen,

nur der transcendentalste Bockmist wären?

Alles entsetzt.

Mardochai:

O weih! O weih!

Er schlägt die Weltenglocke entzwei!

Apollonius Golgatha:

Schrill stiert mich an aus blauem Strauch

sein grüner Papageienbauch!

Schon hat der Wahnsinn ihn befallen,

ein unsichtbares Tier mit schwarzen Krallen!

Der Herr Mitte Dreißig:

Ob eine Wurst, die nachts im Rauchfang hängt,

sich noch Gedanken über einen Stern macht,

der golden über ihrem Zipfel brennt?

In dies Problem sich wie ein Maulwurf grübelnd,

bepinselt er seine Nase sich

vor seinem Spiegel kunstvoll mit Zinober,

schrie Kikriki, fraß siebzehn saure Gurken,

soff dann diverse Kübel Buttermilch

und starb zuletzt als Sultan von Marokko.

Ein alter Herr Ende Sechzig:

Wem ward die Welt je kund?

Ein Wappen seh ich bleichen:

Drauf taucht aus goldnem Grund

ein schwarzes Fragezeichen!

Der Herr Mitte Dreißig:

Ist das Symbolum der Menschheit

nur ein neugebornes Kind,

das am Herzen seiner Mutter

zukunftsrosig in die Welt lacht?

Oder ist es, schuldverflucht,

Jener Jude Ahasver?

Flammend über ihren Scheitel

peitschten seine Flügelräder

ein Jahrtausend um das andre;

doch noch heute durch ihr Herz

zuckt das alte Weltschmerzmärchen

von dem Mann im Lande Uz:

Wie das Adlerweib zum Flug,

ist der Mensch zum Leid geboren.

Und sein Leben saust dahin,

rastlos wie die Weberspule!

Warum hast du mich, o Herr, nicht

schon im Mutterleib erwürgt?

Warum läßt du deine Sonne

auch den dunklen Herzen scheinen?

Wurmig ist mein Fleisch und kotig,

wenn ich esse, muß ich weinen,

und das Heulen meiner Därme

fährt aus mir heraus wie Wasser!

Aß ich je mit diesen Zähnen

von dem Thränenbrot der Witwen?

Hab ich jemals meine Mutter

angespieen wie ein Bube?

Weh mir, daß ich Dich, Du Bluthund,

thöricht, nicht schon längst erkannt:

Die Gewalt ist deine Stärke

und das Unrecht ist dein Recht!

Apollonius Golgatha:

Der Sinn der Welt? Der Sinn der Welt bin Ich!

Impresario:

Feuerrote Wiesen, japanische Disteln, unzüchtige Weiber, wollüstig zerknittert von zärtlichen Uebungen, mit Bäuchen, die aus Gold sind! Tasten, tasten, mit pochendem Geistesfinger, tasten an die Pforte des Alls! Den Reflexen ihre Geheimnisse ablocken, die Geheimnisse um ihre Rätsel betrügen!

Abb. 08, Lassowerfer mit Einhorn

Autor:

Mein armer Schädel, ich armes Wurm,

kommt mir vor, wie ein alter Glockenturm.

Seine Mauern sind morsch, sein Gebälk zerbrechlich,

und Biester hängen drin — unaussprechlich!

Bebeult, begrünspant, zerbolzt, zerbissen,

mit Dohlen- und Eulendreck dick beschmissen,

und alle baumeln unisono:

Cui bono! Cui bono!

Der Herr Ende Sechzig:

Und unterdessen sitzt und lohnt

das Nichts, das über den Wolken thront.

Nur eins blüht ewig und versteht:

Das Gras, das über den Gräbern weht.

Stimme:

Möchtest gern das Ding verstehn,

dem Weltwitz hinter den Spiegel sehn.

Doch hast Du leider noch nie besessen

einen Bauch, der zuviel Trüffel gefressen.

Noch niemals lud sich bei dir ein

das Glück, das dicke Eichelschwein.

Der Herr Mitte Dreißig:

Ach, und aus dieser dumpfen Misere

sehnt sich mein Herz auf jubelnde Meere,

jubelnde Meere im Sonnenschein —

o, wär ein Zaubermantel mein!

Autor:

Aus fernem Nord blau rollt die See,

der Bernstein blitzt im Sand.

Dort hinter den weißen Dünen,

dort liegt und lacht im Grünen

mein Heimatland, mein Heimatland!

Apollonius Golgatha:

Mit roten Dächern lag die kleine Stadt,

mit roten Dächern über gelben Giebeln,

von fern her donnert das Kattegat,

auch blühten Blumen dort aus seltenen Zwiebeln.

Die goldne Streitaxt hob der König Gunter,

auf Delfter Ziegeln gingen Schiffe unter!

Autor:

Ueber den Kopf der versunkenen Stadt

tanzen die Wellen wie Feuerfunken,

und die Sonne, die alte Säuferin, hat

sich über und über rot getrunken!

Der Herr Mitte Dreißig:

Schöne Jugend, längst liegst du tot,

über dir lodert das Abendrot!

Schöne Jugend, längst liegst du ferne, —

schwarze Bäume, Schnee und Sterne!

Autor:

Noch heute, alles ist längst aus,

sieht oft mein Herz im Traum

die alte Stadt, das kleine Haus

und drin den Weihnachtsbaum.

Chor der Greise:

Stunden giebt es, Stunden, die durch unser Leben

sich schwarz und tot wie Trauerflöre weben,

und die uns predigen wie der Chronist,

daß leider Gottes alles eitel ist!

Apollonius Golgatha:

Die Welt zerbarst, der Sonnenvorhang riß,

es war der Tag, der großen Bitternis.

Wie schrille Knochenweiber tanzen

Dissonanzen!

Der Herr Mitte Dreißig:

Phantasus! Noch immer seh ich

ihn vor seiner Kiste kauern,

die er nächtlich sich als Schreibpult

zitternd an sein Bett gerückt!

Durch das wolkennahe Dach

tröpfelt der Novemberregen,

und im spindeldürren Rauchfang

tanzen Kontre die vier Winde.

Neben ihm im faulen Stroh

knuspert ohne Furcht ein Mäuschen,

und um seine blasse Stirn

webt ein Talglicht seine Glorie.

Autor:

In seinem Herzen sang und klang

die Schönheit, die den Stein bezwang.

Doch ihn zertrat, es war zum Weinen,

die Welt mit ihren Elephantenbeinen.

Heut klappern seine Knochen ihr Tedeum

im anantomischen Museum!

Der Herr Mitte Dreißig:

Auch ich blies einst verliebt die Flöte

im wunderschönen Monat Mai

und trug mich wie der junge Goethe,

halb Schmetterling und halb Lakai.

Zwischen Birken, zwischen Buchen,

ging mein Herz den Frühling suchen;

längst nahm das Abschied und verschwand

ins bunte Butterblumenland!

Stimme:

Wann wie ehmals wirst du wieder

golden deine Pfeile schärfen

und die Perlen deiner Lieder

lachend vor die Säue werfen?

Ein Herr Ende Sechzig:

Mein Herz ist krank, mein Hirn ist tot,

nie wieder grüßt es das Morgenrot.

Auch lastet schwer auf mir wie Blei

das ewig gestrige Einerlei.

Die Waffen ruhn, die Waffen rosten,

ich bin ein längst verlorner Posten.

Schon blüht die Welt in meinen Farben —

ich war das Korn, ihr seid die Garben!

Stimme:

Wonach Millionen hungern und dürsten,

du warst einer von den Fürsten.

Dir ward das Herrlichste, die Kunst,

und das Süßeste, Frauengunst!

Ein Herr Ende Sechzig:

Irgendwie und irgendwo,

irgendwo und wann,

auf dem Schlosse Monpopo

war einmal ein Mann.

Auf dem Schlosse Monpopo

war auch eine Frau,

irgendwie und irgendwo,

und ihr Schuh war blau.

Blau wie Schuhe es so sind,

doch ihr Herz war rot —

Ach, ich fühls, das süße Kind

ist schon lange tot!

Auf mein braunes Haar fiel Schnee,

meine Sonne sank...

spiegelt sich im kleinen See

immer noch die Bank?

Irgendwie und irgendwo,

irgendwo und wann,

auf dem Schlosse Monpopo

war einmal ein Mann!

Der Herr Mitte Dreißig:

Jugend, Fröhlichkeit und Wein,

Alles war mein.

Ich preise mein Glück

und wünsche mir nichts zurück.

Stimme:

Du fühlst, dein Blut fließt immer kälter

durch deinen Leib, der sein Behälter.

Bald meckerst du, ach, ohne Haare,

flüchtig verrinnen die Jahre!

Der Herr Mitte Dreißig:

Stuß! Laß sie rinnen, wie sie rannen.

Noch immer reißt mich in sein Fest

der Mai, der seine jungen Tannen

grün auf die Berge klettern läßt!

Stimme:

Das macht den Kohl nicht fetter.

Der Tod kennt keine Faxen.

Dein Baum für die sechs Bretter

ist sicher schon gewachsen!

Der Herr Mitte Dreißig:

Hör auf, Herz, zu salbadern

von Jungfernschaft und Tugend;

noch rollt durch meine Adern

das rote Blut der Jugend!

Chor:

Fahl flimmern die Sterne, schwarz steht der Tann,

trage deinen Brüdern die Fackel voran,

denk nicht zurück!

Denk an die Bestien, die vor dir im Dunkeln

aus tausend Katzenaugen funkeln,

nicht an dein Glück.

Denk nicht zurück!

Denk an dein Schwert und wie das saust,

und dein Herz laß dir nicht klopfen,

wenn auf deine nackte Faust

dir die roten Funken tropfen!

Dafnis:

Karthaunen

rasaunen,

das knattert und kracht,

Trummen

brummen,

Gott Mavors lacht.

Haubitzen

blitzen,

die Querpfeiffe gellt,

ade, du mein Glükke,

itzt geht in Stükke

die gantze Welt!

Der Herr Mitte Dreißig:

Wie der Harnisch der Templeisen,

blinkt mein Kleid aus schwarzem Eisen.

Aus meiner Klinge, aus meiner Zither

zucken Gewitter.

Von Buxtehude bis Brabant,

ich reite alle in den Sand!

Apollonius Golgatha:

Der Mensch wird wirklich ennuyant.

So halt doch endlich deinen Rand!

Rück her auf meine Purpurlanze,

du Wanze!

Der Herr Mitte Dreißig zieht aus seiner Brusttasche eine Virginia, aus dieser den Strohhalm, klettert auf das Postament, bugsiert ihn hinten in das Schaukelpferd und pustet: Roß und Reiter blähn sich regenbogenfarbenschillernd auf und verschwinden langsam in die Soffiten. Das Orchester setzt ein: Chopin, Trauermarsch aus der B-Moll-Sonate.

Impresario, statt des majestätischen Davonsegelnden jetzt selbst auf dem Postament; der Herr Mitte Dreißig raucht seine Virginia; der Regisseur hat dreimal auf die Souffliermuschel geklopft, es herrscht allgemeine Stille:

Es war sein Wesen, Vehemenz und Grazie zu vereinen. Mit einem Zuge von Goya, mit einem Zuge von Watteau, romantisch und rokkoko zugleich, ungestüm und süß, den wüsten Dampf von Blut vermischten seine Verse mit dem innigen Dufte japanischer Magnolen. Alte, blasse, schwanke Webereien, gotische Möbel und danteske Trachten, Lilien, Wappen und die laute Pracht der Pfauen — so verhängte er die Täglichkeit der Dinge und mit stillen Gesten feierlicher Demut, in Gewändern von Mantegna, botticellisch ernst und milde lauschen seine Frauen, wie in weißlich-grüner Seide, unter Kränzen bleicher Rosen, Pagen aus der Vita Nuova lesen. Aus breiter, goldener Schale wollte er den edlen Wein großer Gedichte trinken, die der Menge fremd waren. Andre sollte der dienstwillige Becher tränken, der von Lippe zu Lippe ging. Gedränge atmender Menschen meidend, wollte er wie reiche Herrscher Festen lauschen, die der Geist ihm feierte, ihm, dem Einzigen. Was war ihm heulender Beifall? Häßlicher Tagestribut! Wenige nur und gleiche sollten gern ihn grüßen. So wollte er dastehn: kaum gestattend, daß ihm die Schaar an seines Gitters goldne Stäbe die Finger legte! Stendhal hätte für hundert geschrieben, er: nur noch für Einen. Und das war er selbst. Hätte ein Geist, wie der seine, sich je entschließen können, etwas drucken zu lassen, es vor das Gewieher der Uebertiere zu werfen, so wäre dies höchstens in dreizehn Exemplaren geschehn — zwölf für die Freunde und eins für die Menge; jene auf Japanleder, dieses auf Löschpapier. Er verachtete die Pose und war für den Sauerteig der Gedanken. Er plante eine große prosa-epische Trilogie, deren erster Teil "Ans Kreuz genagelt" heißen sollte. Der zweite sollte dann "Das dritte Testament" lauten, während der dritte "Sein letztes Idol" betitelt war. Möglich, daß er auch noch einen Epilog "Verblutet" dazugeschrieben hätte. Das heißt — vielleicht! Das Ganze wäre dann "Asche" betitelt worden. Gedanken, die vor ihm niemand zu denken auch nur gewagt! Ist es ausgeschlossen, daß er der tiefste Philosoph seines Zeitalters gewesen? Er dürstete nach Katastrophen, Höhepunkten, Arraratspitzen! Der Adler umarmte in ihm die Schlange, das Eichhörnchen den Polarstern. Seine Gedankenstriche verschwiegen Odysseen, seine Punkte offenbarten Bibeln! Leidend lernte er viel von GOETHE, die Natur war ihm die große Japanerin. Die sanfthäutige Traube, der grübchenvolle, wollig frische Pfirsich, die porig ausgreifende Apfelsine — er wußte alle Nuancen zu deuten. Die Uhr war ihm eine Rädertruhe mit silberner Bewandnis und der Mond eine halbe Citrone, die durch die Luftlimonade des Weltalls schwamm. Er reflektierte damit im Sinne verwässerter Ueberverständlichkeit auf keine Durchschnittsmenschen. Popularität? Pfui! Er redete seine eigne Sprache, nicht die abgeplattete des Pöbelwahns. Angesichts der elephantenhäutigen Position des Philisterdaseins donnerte er Nein, daß der ganze Kosmos dröhnte. Jede Gebärde sang von dem Allerheiligsten in seiner Seele. Laßt uns von Rom nach Gethsemane pilgern, die Kluft zwischen ihm und uns war zu groß!

Die Bühne hat sich verdunkelt, Jünglinge, Greise und Jungfrauen, alles liegt auf den Knieen und schluchzt.

Impresario, nachdem er sich in sein rotseidnes Schnupftuch geschneuzt, mit thränenerstickter Stimme weiter:

Wer war er? Dem logischen Entwicklungsgange in jenem seltsamen Uebergangsstadium entrissen, wo die Vollmondkraft einer fremdintellektuellen Einflußmacht bei ihm erregt war, im beängstigend eruptiven Moment schöpferischer Gefühlssteigerung, schied er. Der Flutausdruck geistigen Uebermenschentums über sich selbst hinaus war bei ihm vollendet, das Tellurische reagierte gegen das Lemure, seelische Parallelmomente schlugen receptive Ahnungsbrücken und jener ergiebige Ebbezustand begann, welcher Muscheln und seltene Perlen zu fördern pflegt; veilchenfarbne Aeolsharfen, fabelhafte Wunderbäume der Sehnsucht, in denen Sterne aufgehangen waren, wie Goldäpfel um die Adventzeit! Da schied er. Schied und schwand in die Einsamkeit, wo das Ich wohnt... Er war keine heitre Schalmei, keine kichernde Klarinette. Er war ein assyrischer König mit himmelstürmender Tiara und grellen, lichtgewobenen Brokatkleidern; auf dem Sensenwagen schwebte er daher über der europäischen Misere mit einer Macht und grandiosen Herrlichkeit, die die sklavische Menschheit vor ihm in den Koth warf. Sein Gehirn umspannte die gewaltigen Formen der Tempel von Lahore, kombinierte die ägyptische Sphinx mit dem chinesischen Drachen, schrieb mit den furchtbaren Maßen, aus denen die Pyramiden entstanden, und fühlte in dem vollen, majestätischen Sanskrit, wo jedes Wort ein lebendiger Organismus ist, der durch einen mystischen pangenetischen Vorgang zu einem Wesen geworden, zu einem unermeßlichen Geschlechtsorgan mit unermeßlicher Zeugungskraft, das alle Sprachen, alle Gedanken geschaffen hat: eine Synthese von Logos und Karma. Sein Gehirn war eine kosmische Encyklopädie. Er fühlte sich selbst als sein Gott, in den er freudegeblendet hineinstarrte!

Zu den Jünglingen:

Die ihr auf einsamen Höhen wandelt, starke, in sich gegründete Individuen, mit einer Neigung zum Heraldischen, zu Tapeten und Fliesen, unter Bäumen mit kranken, tuberkulösen Aesten eurem Rückenmark lauschend, verzweifelnd über die brutale Sinnlosigkeit des Lebens, die dem Dasein immanente Tragik, während leise Goldharfen zart eure Schultern küssen, eure vor Verwundrung bleichen Stirnen — klagt, Brüder, klagt! Eigenhändig hat er sich von der Gebärmutter losgerissen, die Aorta unterbunden, der Kompaß seines Ichs schoß fanatisch aufs Jenseits!

Zu den Jungfrauen:

Und ihr, die ihr die Hüterinnen verlorener Wege seid in weichen, verhüllten Gärten voll schmerzlicher Gesänge vergessener Wohlgerüche, mit inniger Bewunderung über eure Seelen gebeugt, wie über bodenlose, verzauberte Wasser, das Heilige in euch zu betrachten nicht ermüdend und sehr glücklich , daß ihr das Wunder des Lebens schauen dürft, die Glockenblume, die dem Pisanello so lieb war, aber von einem Glück, welches selber fühlt, daß es nicht dauern kann — weint, Schwestern, weint! Alles hatte er für euch geopfert, alle Schranken niedergetreten; durch einen Wald von menschlichen Leibern hatte er sich mit der Axt den Weg zu euch gebahnt. Was wollt ihr noch? Wie Felicien Rops betrachtete er das Leben aus der Geschlechtsperspektive. Er wies ihm das Amt zu, Sensationen zu geben, und lernte in Nüancen zu schwelgen. Er kitzelte Eure Nerven wie mit Pfauenfedern und predigte das Hohelied der schönen Nacktheit!

Zu beiden:

Ja, er liebte die große, heilige Funktion, in der sich sein Geschlecht verflüchtigte. Es war ein markiges, saftgeschwollenes Stück seines intimsten Seelenlebens! Er träumte die zitternde Brunst perverser Orchideen, feierte die roten Blumen lechzender Ekstasen, knieend vor den uterinen Instinkten des Weibes vergötterte er den Fünfsekundengenuß. Einseitig trotz aller Vielseitigkeit, vielseitig trotz aller Einseitigkeit. Heiliges Schweigen mag über diesen geheiligten Gegenständen nachsinnen.

Seine Stimme stirbt, man hört nur noch Geschluchze. Es ist ganz dunkel geworden.

Der Herr Mitte Dreißig:

Braun beschnupft die blaue Bluse,

sitzt die alt gewordne Muse;

würdig, mit diskretem Air,

steht ihr Flötensekretair.

Hinter ihrer Bettgardine

strullt sie in die Punschterrine;

doch der hohe Stuhl bleibt leer,

schießt nur blind, sie kann nicht mehr!

Mümmelnd schluckt sie eine Pille,

schneuzt sich, seufzt und sucht die Brille,

nimmt ein Buch von Paul de Kock,

hebt empor den Wattenrock.

Weicht die Beine in der Wanne,

neben sich die Kaffeekanne,

um die Warze vorn am Kinn,

setzen sich die Fliegen hin.

Durch das Fenster um ihr Häubchen

zittern bunte Sonnenstäubchen,

goldgrün rankt sich wilder Wein,

langsam, langsam nickt sie ein...

Kamillenthee und Kreosot,

im Uhrgehäuse hockt der Tod.

Er steigt heraus, verhängt den Spiegel

und drückt ihr schwarz aufs Herz sein Siegel.

Schinderhannes, noch immer Revolutionär der Lyrik:

Vier Männer trugen einen schweren Sarg,

der eine tote Leiche barg.

Der Mond erschrak, das Käuzchen schrie,

es war die deutsche Poesie!

Die Vier:

Weh, der Tod, der bleiche Bube,

stieß sie in die gelbe Grube,

klackte ihr grinsend seine Plombe

auf die Knochenhekatombe.

In die Nase, in die Lippe

hieb er ihr mit seiner Hippe.

Ohne Lippen, ohne Nase

ist jetzt ihre letzte Phase.

Setzt ihr auf ihr kalt Gebein

einen warmen Leichenstein!

Der Herr Mitte Dreißig:

Armes, liebes, altes Mühmchen,

längst verwelkt sind deine Blümchen.

Strahlend steigt mein höchster Ruhm:

splitternacktes Heidentum!

Chor:

Schrieb ein Parter,

schrieb ein Perse,

je vernarrter

solche Verse?

Nein, kein Inder

war je blinder.

kein Germane

so im Thrane.

Kein Aegypter

that betippter,

kein Beschwippter

je bewippter.

Auf, ihr Meder,

spitzt die Feder,

solches Leder,

das kann jeder!

Drückt ihm statt den Lorbeerkranz,

in die Faust den Kälberschwanz!

Der Herr Mitte Dreißig:

Erst thut sich Das und blökt expreß

nach einem "Aristophanes".

Und trittst du ihm dann auf den Zeh —

oh je!

Alle:

Er hielt für Hämmel uns, für Schafe,

jetzt kommt die Strafe!

Mardochai, aus dem Hinterhalt:

Meinen Dolch

ohn Erbarm

diesem Strolch

in den Darm!

Lukas:

Drei Kröten her, geschwind!

Stopft sie ihm in den Rachen!

Wurschtsuppe, liebes Kind,

laß ich aus mir nicht machen!

Stimme des Apollonius Golgatha:

Stopft ihm das Maul mit seinem Frack

und bindet ihn in einen Sack,

in dem mit dem bekannten Kringeln

sich sieben grüne Nattern ringeln!

Dafnis:

Schnallt auf die Fleisch-Banck ihn,

braucht Messer, Pech und Kertzen,

tropfft Wachs und Schwefel ihm ins Ohr!

Begießt ihn mit geschmoltznen Ertzen,

er hat beliebt mit uns zu schertzen,

auff, werfft ihn Stükk für Stükk den schwartzen Hunden vor!

Stimme des Apollonius Golgatha:

Die Wippe wipp ihn und so weiter,

die Schraube quetsch ihm Arm und Bein,

in seine Haut sät Dracheneier,

die Brunst von Molchen träuft ihm ein!

Mardochai, Lukas, Lea, Trio:

Stoßt ihm die Augen aus mit Nadeln,

kein Mensch kann uns deswegen tadeln,

näht seine Lippen zu mit Zwirn.

Schnürt ihn aufs Blut mit einer Sehne,

pfropft Pfeffer ihm in jede Vene

und Vipern stopft ihm ins Gehirn!

Stimme des Apollonius Golgatha:

Gekrönt mit einem Helm aus glühend heißem Eisen

setzt ihn auf einen Stuhl von Stahl;

und sein Gedärm, um das die Geier kreisen,

wickle man um einen Pfahl.

Zwölf Tage laßt den Henker mit ihm spielen,

er schrieb mit fremden Federkielen!

Stimme:

Und seine gottverfluchten Strophen?

Alle:

In den Ofen!

Pickelhering:

Und ist der Hundsfott endlich tot,

dann mengt ihn mir mit Mäusekot.

So geht es jedem Klexer,

pro Pfund n Sechser!

Stimme des Apollonius Golgatha:

Du trankst mein Blut, du warst mein Alb,

an meinem Gürtel schlappt dein Skalp!

Epitaph, errichtet von einer dankbaren Nachwelt:

In des Teufels Paradies

brät er jetzt an einem Spieß,

schlägt rund rum die Riesenwelle,

hier liegt die Pelle!

Die Koulissen, die sich die ganze Zeit über verwandelt haben, verflüchtigen sich, der Hirnsand ist ins Rutschen gerathen, das Altertum schiebt sich ins Mittelalter, dieses wieder in die Neuzeit, und der Raum, der nun völlig dunkel geworden ist, stellt nur noch die Zirbeldrüse an sich dar.

Ausklang, der Herr Mitte Dreißig an sich selbst:

Für dein Geleier

in Poesie

hier diesen Dreier —

aus Ironie.

Abb. 09, Musentempel mit Affe







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