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Johann Gabriel Seidl: Die Blaue - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleAusgewählte Werke in vier Bänden - Vierter Band
authorJohann Gabriel Seidl
editorDr. Wolfgang von Wurzbach
firstpub1842
yearca. 1905
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleDie Blaue
pages115-121
created20070104
sendergerd.bouillon
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Johann Gabriel Seidl

Die Blaue

Wieder blickten zwei feurige Schwarzaugen durch das blecherne Siebfensterchen an der Türe, als ich kaum vor meines Freundes, des jungen Doktors J., Wohnung die Klingel gezogen, und wieder fragte mich ein helles Stimmchen: »Wer wünscht Einlaß?« – Und wieder ging, als ich meinen Namen nannte, die Türe auf, und ein niedliches Wesen äußerte mit Bedauern: »Ach! lieber Herr, heute haben Sie sich leider umsonst bemüht; der Doktor sind in der Stadt zu Gaste.«

Wie verschieden ist eine solche Abfertigung von dem dummdreisten Begegnen übermütiger Kammerdiener, von den groben nichtssagenden Antworten achselzuckender Türsteher, welchen man sich an dem Grenzzollamte mancher Antichambre auszusetzen hat. Nicht selten, ich muß es gestehen, war ich sogar mit jener höflichen Abweisung nicht begnügt, sondern ich fragte um das Detail der Einladung, um den Ort, um die Stunde der Rückkehr, um dieses und jenes, was eben interessant genug war, um keine uninteressante Antwort zu veranlassen. Mir kam es dann immer vor, als ob ich nicht vor einer Magd, sondern vor einem Fräulein stände; mit leiser Scheu betrachtete ich das liebe, blasse Gesicht mit dem leidenden Zug über dem Auge; bemerkte mit schonender Neugier, wie sie meinen Fragen um ihr früheres Schicksal auswich, und konnt' es nicht über das Herz bringen, den Hut auf den Kopf zu setzen, so lange ich auf der Türschwelle mit der angenehmen Pförtnerin zaudernd sprach und sprechend zauderte.

Längst schon hatte ich den Doktor selbst über dieses Mädchen aus der Fremde (denn dafür bürgten Tracht und Mundart) fragen wollen; aber trotz des Vertrauens, das ich sowohl auf ihn, als auf das liebe Kind setzte, wagte ich es doch nicht; denn es gibt gewisse Verhältnisse, die erst dann verletzend werden, wenn man auf sie anspielt, und als eine solche Anspielung wollte ich meine Frage um das Mädchen durchaus nicht gedeutet wissen. Endlich in einer Stunde froheren Beisammenseins, wo ich über die Langweiligkeit und Unbestimmtheit des Junggesellenlebens, das ich damals noch führte, mich ausließ, gab sich die Gelegenheit von selbst.

»Was mein Garçonleben betrifft,« meinte der Doktor, »so bin ich recht gut daran: ich fühle alle Bequemlichkeiten desselben, und vor dem Unbequemen, worin man als ein Ungeübter, Eckiger, Ungefügiger, kurz als ein Mann oft gerät, bewahrt mich meine – Jette!«

»Ihre Jette?« begann ich, »das feine sittige Wesen, das mir immer öffnet? Es mag wohl ein recht gutmütiges, häusliches Geschöpf sein: man merkt es ihr in allem an.«

»Und für mich ginge sie denn gar durchs Feuer,« erwiderte der Doktor; »ich sollte es nicht sagen, aber ich verdanke die aufrichtige Zuneigung des Mädchens meiner Gutmütigkeit und meinen unbefangenen Ansichten über gewisse Gegenstände des gewöhnlichen Vorurteiles. Sie ist eine Rheinländerin – der Zufall führte sie mir auf meiner letzten Reise durch Deutschland entgegen.«

»Das dacht' ich mir wohl gleich, daß sie jener Gegend angehöre. Sie ist wohl eine Waise? – Ich merkte längst, daß es mit ihr ganz besondere Bewandtnis haben möge, und ihre ganze Erscheinung spricht mich seltsam an.«

»Ich will Ihnen die Geschichte des armen Kindes erzählen unter der Bedingung, daß sie meinen redlichen Absichten keine unlauteren Motive unterschieben. Hören Sie denn:

Auf meiner Reise kam ich in ein Dorf am Rhein, welches von drei Seiten Berge, von der vierten den majestätischen Strom zu natürlichen Grenzen hat. Es war eben Sonntag; die Glocken leierten in lieblicher Harmonie das Landvolk aus allen Richtungen zusammen. Bursche und Dirnen wandelten in ihren Festtagskleidern der Kirche zu. Recht anmutige Gesichter sahen mir entgegen und nickten mir freundliche Grüße. Wohlhabenheit und besonders Reinlichkeit spiegelte sich in Tracht und Haltung. Auffallend waren mir die blendend weißen Schürzen der Dirnen, auf welche sie sich nicht wenig einzubilden schienen, wiewohl sie nur eine geringe Zugabe zu dem einfachen, geschmackvollen Staate bildeten, welcher ihre schlanken Gestalten umschloß. Um so befremdender war es daher für mich, als ich eben um die Kirchenecke bog, ein hübsches, blasses Mädchen – es war Jette – ganz allein mit einer blauen Schürze zu bemerken. Mit frohem Gruße eilte sie auf die übrigen zu, aber, als ob eine Verpestete unter sie träte, wichen alle zurück und ließen sie mit dem verächtlichen Rufe: »Eine Blaue« seitwärts stehen. Weinend wankte sie zurück, lehnte sich an die Dorflinde – hinter welche ich mich stellte, um sie näher zu beobachten – und rang laut schluchzend die Hände. Die Unglückliche flößte mir Teilnahme ein. Ich sah, wie die Mädchen flüsternd und spöttelnd im Vorübergehen sich von ihr abwendeten, wie sie wohlgefällig und stolz an ihren weißen Schürzen tändelten und zupften, während auf Jettes blaue Schürze die Tränen trostloser Verzweiflung niederrollten. Daß die Farbe der Schürze etwas zu bedeuten habe, vermutete ich nun wohl, ohne jedoch den Zusammenhang derselben mit der öffentlichen Meinung einzusehen. Einer der Bursche, welche sie im Vorbeischlendern mit frechen Witzreden neckten, ließ mich beiläufig den Grund ahnen. Das arme Mädchen ertrug allen Hohn gelassen und starrte lange regungslos vor sich hin. Plötzlich, wie von einem raschen Entschlusse durchzuckt, wankte sie, fast versagenden Fußes, durch ein Seitengäßchen fort. Ich ihr nach. Am Ufer des Rheins hielt sie an. Ich hinter ihr; sie sah mich nicht. Jetzt faltete sie die Hände, betete stumm und inbrünstig, riß sich dann die blaue Schürze vom Leibe, erhob sich zum Sprung in die Wellen – und erwachte von einer langen todähnlichen Ohnmacht erst auf meinem Zimmer, auf welches ich sie bringen ließ, unbekümmert um die Bemerkungen des Dorfvolkes, welche mir gleichgültig sein konnten. Als sie zu sich gekommen, entdeckte ich ihr meinen Stand, und bat sie ruhig und unbesorgt zu sein, und in mir einstweilen nichts als den Arzt zu sehen.

Sie fügte sich meinen Bitten willenlos, als ob sie Befehle wären, und versank zu meiner großen Freude in einen erquickenden Schlummer, während dessen ich Zeit fand, mich von ihrem Schicksal näher zu unterrichten. Mein Gastwirt, zu dessen Hausleuten Jette bis heute gehört hatte, ermangelte nicht, mir ihre Leidensgeschichte ausführlich, mit manchen unliebsamen Glossen und spöttischen Derbheiten entstellt, mitzuteilen. Es war eben keine Kunst, das Wahre von der Zutat gemeinen Vorurteils zu unterscheiden, und so gestaltete sich denn folgende Erzählung als treuer Bericht über Jettes Schicksal.

Das Dorf, in welchem ich ihr Lebensretter geworden, war ihr Geburtsort, ein Ort, welcher wegen seiner Abgeschiedenheit auch in den Sitten der Einwohner etwas Abgegrenztes, Eigentümliches hatte, so zwar, daß – wie es leicht geschieht, gewisse Sprichwörter, Gewohnheiten und Witze nur innerhalb des Kesseltales, in welchem das nette Dörfchen lag, gangbare Münze waren. Ihrer Eltern, armer Pächtersleute, frühzeitig beraubt, wurde sie von der Besitzerin eines benachbarten Schlosses, einer alten, lesesüchtigen, aber guten und herzlichen Dame, aufgenommen und wie eine Tochter des Hauses gehalten. Die Geistesrichtung ihrer Erzieherin blieb nicht ohne Nachwirkung. Auch Jette hatte bald aus bunter, ungewählter und tendenzloser Lektüre, in romantischer Einsamkeit, das Gift der Überspanntheit und Schwärmerei eingesogen. Strenge Abgeschiedenheit, gänzliche Unbekanntschaft mit der Welt und Mangel an einer festeren und geistigen Stütze zogen diesen Auswuchs einer lebhaften Phantasie groß. Da starb plötzlich ihre Wohltäterin eher, als sie für Jettens Los noch gesetzliche Fürsorge getroffen hatte. Jette war zum zweitenmal verwaist, im Augenblicke der tätigsten Entwicklung ihres Innern. Ihrem Schicksale nunmehr allein überlassen, an eine zartere Behandlung gewöhnt, als man bei einer ungebildeten Dorfbewohnerin erwarten kann, verdung sie sich in dem kleinen, aber wohlbestellten Gasthofe des Dorfes, wo ich eingekehrt war, als Aufwärterin. Hier, wo Reisende, welche längs dem alten Rhein hinabziehen, häufig einsprechen, fand sie Gelegenheit genug, sich durch ihre ungewöhnliche Bildung bei den Reisenden und dadurch auch anfänglich bei ihren Wirtsleuten beliebt zu machen.

Einmal kam – so gestand sie mir in der Folge auch selbst, als ihr meine Versicherung, daß ich von ihrem Schicksale bereits genau unterrichtet sei, den Mund geöffnet hatte – ein reisender Maler an, ein junger Mann, braungelockt, mit Spitz- und Kinnbart, feurigen Augen, hoher Stirne, in welche der breite Hut, mit vorquellenden Locken, tief hinabgedrückt war; lebhaft in seinen Wendungen, treuherzig in seinen Reden – ein Wiener. Jette machte nicht minderen Eindruck auf ihn, als er auf sie. Als Gesellschafter eines reichen Kavaliers konnte er sich die Zeit seines Bleibens nicht selbst bemessen. Übrigens war sie lang genug, um zwei Porträts zu malen, zwei Ringe zu wechseln, und voreilig ein süßes Band zu knüpfen, dessen bittere Frucht Jettens Lebensglück vergiftete. Der Maler reiste ab – ungern, mit gebrochenem Herzen, wie er vorgab – aber er reiste ab – und war schon fern, weithin über alle Berge, als das Gerücht die Schuld der armen, betrogenen Jette der Welt kund gab. Bald begannen nun die wahren Foltern ihrer Seele. Nachdem sie schwächlich längere Zeit im Hause umhergeschlichen, manchen schmerzenden Seitenblick der Hausleute, manches harte Wort der Nachbarn geduldig hinabgedrückt hatte, sollte sie – es war am Sonntage, wo ich ankam – zum ersten Male ins Freie. Schon rief aus der nahen Kirche die Orgel. Ein süßer Drang, alle Sündenlast abzuwälzen von ihrem Herzen, trieb sie an, ihren ersten Schritt auf geweihten Boden zu tun, um zu bereuen, zu büßen. Sie bat um ihren Sonntagsstaat. Schweigend schob ihr die zweite Magd des Hauses ihn auf den Stuhl hin. Schon schloß sich das faltige Röckchen um die schlanken Hüften; schon saß das nette Häubchen auf dem schön gescheitelten Haare; schon wollte sie die blanke Schürze umbinden – da bemerkte sie – und fuhr entsetzt zurück – daß man ihr statt der weißen Schürze eine blaue hingelegt hatte. Jetzt erst sah sie die Bedeutung eines Ausdruckes ein, dessen sie wohl öfter schon als eines argen Schimpfes erwähnen gehört hatte, ohne jedoch seinen Sinn zu ahnen.

In ihrem Geburtsorte nämlich, sowie auch in Bayern und anderen deutschen Provinzen, herrscht seit alter Zeit die Gewohnheit, daß Mädchen, welche sich einen gleichen Fehltritt wie Jette hatten zuschulden kommen lassen, keine weiße Schürze mehr, sondern nur eine blaue tragen dürfen. Es wird ihnen dadurch ihr Vergehen sozusagen immer unter die Augen gehalten; in der Kirche läßt sie niemand in den Stuhl; bei feierlichen Aufzügen finden sie keine Begleiterin; auf Kirchweihfesten keinen Tänzer; jeden freieren Scherz müssen sie sich gefallen lassen, und wagen sie irgendwo über ihr trauriges Los eine Klage anzubringen, so heißt es nur: ›Laßt sie, 's ist eine Blaue!

Nur zu schmerzlich erfuhr auch Jette, wie schrecklich ein Fehltritt durch die sonst gleichgültige Farbe eines wertlosen Kleidungsstückes werden könne; wie der Vergeltung nichts zu unbedeutend sei, um ihr Opfer damit zu züchtigen. Notgedrungen, ja fast unwillkürlich (denn ihrem Bitten und Flehen um die älteste, abgetragenste Schürze, wenn sie nur weiß wäre, gab niemand Gehör) band sie den blauen Laken um; nahm sich ein Herz, trat ins Freie, mitten unter die Dirnen, die zur Kirche schritten, um sich gleichsam unter den Reinen zur Stätte der Buße einzuschwärzen. Schön geschmückt mit schneeweißen Schürzen zogen die Dorfmädchen einher, großenteils ihre Gespielinnen in frühester Jugend, zu fröhlichen Paaren, traulich geschlossen, feiertäglich erbaut. Sie konnte dem Drange ihres Herzens nicht länger widerstehen; das Bewußtsein der Genesung nach schmerzlichem Ringen mit dem Tode; die Hoffnung, des Wiedersehens Freude werde keinem Vorwurfe Raum geben, ließen für einen Augenblick auf ihr schimpfliches Wahrzeichen vergessen. Wie schmerzlich sie daran erinnert wurde – davon war ich selbst Zeuge.

Noch kämpfte die Arme im Wachen und in Fieberträumen mit den qualvollen Nachwehen ihrer zwar verdienten, aber harten Züchtigung, als ich ihr entdeckte, daß ich im Begriffe stehe, nach Wien zurückzukehren, daß ich sie mitnehmen, und ihr in allen Ehren die Führung meines Hauswesens überlassen wolle.

Mein schlichtes Wesen, mein unbefangenes Mitleid, mein rascher Antrag, – kurz, alles bestimmte sie, mir zu folgen. Ich hielt ihr redlich Wort, das muß ich mir selbst nachrühmen; sie vermißt nichts bei mir – nichts – als –«

»Vielleicht die Möglichkeit, den zu sehen,« fiel ich ein, »der ihres Leidens Urheber war –?«

»Diese Möglichkeit ist ja hier in größerem Grade als irgendwo vorhanden,« versetzte der Doktor. »Der Maler war ein Wiener, und sein Herz, sie schwört darauf noch jetzt, nicht schlecht. Wenn mir mehr gelingen sollte, Freund, als ich im ersten Augenblicke beabsichtigte! Was sagen Sie dazu –?«

»Daß dies eine Ihrer herrlichsten Kuren wäre. – Ein gebrochenes Herz heilen, Doktor, welch schöner Triumph! – Ich habe mich zwar nie mit Steckbriefen befaßt, aber wenn ich den jungen, braungelockten Maler mit dem Spitz- und Kinnbarte und den feurigen Augen wo fände, ich würde seine Freundschaft suchen, in einer Stunde gemütlichen Beisammenseins sein Herz ausholen und die weichste Seite seines Innern berühren, um die Schuld der Vergangenheit in sein Gedächtnis zurückzurufen. Wenn er sich dann wünschte, seinen Fehler gut machen zu können, wie wollt' ich ihn freundlich am Arme fassen und ihn zu Ihnen führen, lieber Doktor! Solch ein Ausgleich des Schicksals mag eine himmlische Stunde geben!«

Der Doktor schüttelte mir die Hand; Jette trat eben ein. Sie mochte wohl bemerken, daß uns die Augen naß wurden, als wir sie ansahen.








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