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Die Beweinte von Wish-Ton-Wish

James Fenimore Cooper: Die Beweinte von Wish-Ton-Wish - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
authorVon J. F. Cooper
publisherRob. Henrich's Verlagshandlung
addressBerlin
titleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
pages660
created20110829
modified20140825
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Siebentes Kapitel.

  »Habt Ihr nicht Zeit, wenn es zum Melken geht,
Zu Bette, oder zu dem Brennofen,
Um diese Geheimnisse auszuplaudern,
Im Beisein aller Gäste?«
Wintermärchen.            

Lange Erfahrung hat gezeigt, daß, wenn ein Weißer in die Lage gesetzt wird, welche der Erlangung der dem nordamerikanischen Indianer so eigenthümlichen Gewandtheit günstig ist, er diese leicht erlernt, und sich unter Anderem die Fähigkeit aneignet, die Kennzeichen einer Waldspur mit einer fast an Instinkt grenzenden Schnelligkeit und Genauigkeit aufzufinden. Die Befürchtungen der Familie wurden daher durch die Erzählungen der Auskundschafter fast gehoben, welche alle in der Ansicht mit einander übereinkamen, daß keine Streifpartie von Wilden, die überhaupt nur einer Streitmacht, wie ihre eigene, gefährlich werden könnte, in der Nähe des Thals im Hinterhalt läge. Einige von ihnen – und der lauteste darunter war der kräftige Eben Dudley – gingen sogar so weit, daß sie sich erboten, mit ihrem Leben für die Sicherheit der ihrer Wachsamkeit anvertrauten Personen zu haften. Diese Versicherungen hatten ohne allen Zweifel einen besänftigenden 126 Einfluß auf die Befürchtungen der Ruth und ihrer weiblichen Dienstboten, aber sie verfehlten in etwas ihre Wirkung bei jenem unwillkommenen Besuch, der immer noch durch seine Gegenwart Wish-Ton-Wish belästigte. Obgleich sie augenscheinlich alle Gedanken aufgegeben hatten, welche mit dem eigentlichen Zweck ihrer Herkunft zusammenhingen, so sprachen sie doch nicht von Abreise. Im Gegentheil, als die Nacht hereinbrach, berieth sich ihr Anführer mit dem alten Marcus Heathcote und machte gewisse Vorschläge zur Sicherung seiner Wohnungen, welchen sich zu widersetzen der Puritaner keinen Grund sah.

Demgemäß wurde ein regelmäßiger Wachtposten an den Pallisaden aufgestellt und bis zum Morgen unterhalten. Die verschiedenen Glieder der Familie begaben sich an ihre gewöhnlichen Ruheplätze, dem Anschein nach ohne Furcht, wenn sie auch nicht vollständiges Vertrauen in den Frieden hatten, und die kriegerischen Boten nahmen ihre Stellung in dem untern der beiden Kriegsgemächer der Citadelle. Bei dieser einfachen und den Fremden ganz besonders wohlgefälligen Anordnung gingen die Stunden der Nacht ruhig vorüber, und der Morgen kehrte in das abgeschlossene Thal, wie dies so oft vorher geschehen war, mit seiner Lieblichkeit zurück, die weder durch Gewaltthätigkeit noch Lärm gestört wurde.

Auf dieselbe friedliche Weise sank die Sonne nach einander zu drei verschiedenen Malen hinab, und eben so oft erhob sie sich wieder über die Wohnung der Heathcote, ohne ein ferneres Zeichen von Gefahr oder einen Beweggrund zu Lärm und Unruhe. Mit dem Verlauf der Zeit gewannen die Bevollmächtigten des Stuart's ihre Zuversicht allmälig wieder. Doch unterließen sie nie, innerhalb des Schutzes des 127 Blockhauses mit der untergehenden Sonne sich zurückzuziehen, da dies ein Posten war, den, wie der untergeordnete Krieger, Namens Hallam, versicherte, sie sich wegen ihrer disciplinirten und kriegerischen Haltung ganz besonders geeignet glaubten, zu behaupten. Den Puritaner verdroß innerlich dieser sich in die Länge ziehende Aufenthalt; doch setzte ihn die zur Gewohnheit gewordene Selbstverleugnung und ein so lang beherrschter Charakter in den Stand, sein Mißvergnügen zu verbergen. Die zwei ersten Tage nach dem stattgehabten Schrecken war das Benehmen seiner Gäste untadelhaft. Alle ihre Geisteskräfte schienen mit strenger, ängstlicher Bewachung des Waldes beschäftigt und darin ganz verloren; es wollte fast scheinen, als erwarteten sie jenen Augenblick, wo eine Bande wilder, erbarmungsloser Wilden aus diesem Walde hervorbreche; aber Zeichen von wiederkehrender Leichtfertigkeit begannen bald wieder sichtbar zu werden, als mit dem ruhigen Verlauf der Stunden Vertrauen und ein Gefühl der Sicherheit wuchs.

Am Abende des dritten Tages nach ihrer ersten Erscheinung in der Ansiedelung sah man, wie Hallam zum ersten Male durch die so oft genannte Pforte hinausschlenderte, und eine Richtung einschlagen, welche nach den Außengebäuden führte. Seit mancher Stunde war sein Aussehen nicht so kühn gewesen; verhältnißmäßig stolz und anmaßend war denn auch jetzt sein Einhertreten. Statt, wie er gewohnt war, ein Paar schwere Reiterpistolen in seinem Gürtel zu tragen, hatte er sogar auch seinen Säbel abgelegt, und erschien mehr in der Weise eines Mannes, der seine eigene persönliche Bequemlichkeit im Auge hat, als in jenem lästigen, kriegerischen Aufzug, welchen Alle aus dem Haufen bis jetzt beizubehalten für 128 klug erachtet hatten. Er warf seine Blicke neugierig über die Felder Heathcote's hin, die in dem sanften Lichte der untergehenden Sonne erglühten; auch versäumte sein Auge nicht, längs der Schranke jenes Waldes flüchtig hinzuschweifen, den seine Einbildungskraft vor so kurzer Zeit noch mit Wesen eines wilden, erbarmungslosen Charakters bevölkert hatte.

Die Stunde war eine von denen, wo die ländliche Hausführung die Arbeiten des Tages zum Schlusse bringt, und daher ein regeres Treiben unter den Arbeitern und Mägden zu bemerken. Emsiger als Andere, war in dieser Stunde eine Dienstmagd der Ruth beschäftigt. In einer der Einhegungen entzog sie einer Lieblingskuh reiche Menge des abendlichen Tributs zum Besten der Milchkammer ihrer Hausfrau, und sang dazu mit angenehmer Stimme ein geistliches Lied, dessen Melodie bald zu den hellsten Tönen stieg, bald in ein fast unhörbares Summen niedersank. Mit einer Miene, als geschehe es ganz unwillkürlich, schlenderte Hallam, gleichgültig thuend, auf die Einhegung zu, dem Anscheine nach eben so sehr aus Bewunderung für die stattliche Heerde, als für irgend ein anderes liebliches Wesen, das der Ort in sich schloß.

»Bei welcher Drossel hast Du Unterricht genommen, mein schönes Kind, daß ich Deine Töne für die des lieblichsten Sängers Deiner Wälder hielt?« fragte er, und indem er sich nachlässig und vornehm gegen den Pfeiler am Eingange des Geheges lehnte. »Man sollte meinen, es sei ein Rothkehlchen oder ein Zaunkönig, der seinen Abendgesang hervorsprudelt, und nicht eine menschliche Stimme, die in einer alltäglichen Psalmmelodie sich hebt und senkt.«

»Die Vögel unseres Waldes lassen sich selten vernehmen,« entgegnete das Mädchen, »und der eine von ihnen, der am 129 meisten zu schwatzen weiß, thut dieses gleich den Vögeln, welche man seine Herren nennt, wenn sie ihren Witz aufbieten, das Ohr eines einfachen Landmädchens zu bethören.«

»Und wie macht es denn der?«

»Er schwatzt spottend.«

»Ah, ich habe von des Burschen Geschicklichkeit gehört. Man sagt, sein Gesang sei aus der Harmonie aller andern Waldsänger zusammengesetzt; aber dennoch sehe ich in seiner Weise zu singen wenig Aehnliches mit der ehrlichen Sprache eines Soldaten.«

»Er spricht, ohne sich viel dabei zu denken, und öfter, um das Ohr zu betrügen, als zu ehrlichem Zwecke.«

»Du vergißt, Kind, was ich Dir diesen Morgen sagte. Es möchte scheinen, daß Die, welche Dir Deinen Namen Fidelia gaben, nicht sehr große Ursache hätten, sich ihrer Menschenkenntniß zu rühmen. Dein Gemüth ist von der Art, daß Unglaube weit besser Deinen Charakter bezeichnen würde, als Glauben.«

»Es mag sein, daß Die, welche mich benannten, nicht sehr genau wußten, wie groß die Leichtgläubigkeit sein müßte, um auf Alles zu hören, was von mir schon zu glauben verlangt wurde.«

»Es kann Dir doch nicht schwer fallen, zuzugeben, daß Du hübsch bist, da Dein Auge selbst Dich in diesem Glauben bestärken wird; auch kann Jemand, der so schnell im Antworten ist, nicht anders, er muß glauben, daß sein Witz schärfer ist als gewöhnlich. In so weit gebe ich zu, Dein Name wird sicherlich nicht Deinen Charakter Lügen strafen.«

»Wenn Eben Dudley Dich solche eitelmachende Sprache 130 führen hörte,« entgegnete das halbgeschmeichelte Mädchen, »er möchte Dir weniger Witz und Verstand zutrauen, als Du Andern zukommen zu lassen Willens scheinst. Ich höre seinen schweren Schritt unter dem Vieh, und es wird nicht lange anstehen, so können wir sicher sein, ein Gesicht zu erblicken, das sich eben keiner besondern Freundlichkeit mehr zu rühmen hat.«

»Dieser Eben Dudley ist, wie ich finde, eine Person von nicht geringem Gewicht und Ansehen,« brummte Hallam vor sich hin, und setzte seinen Spaziergang mürrisch fort, als der genannte Grenzbewohner an dem andern Eingang des Geheges erschien. Die zwischen ihnen gewechselten Blicke waren weit entfernt, freundlich zu sein, obgleich der Waldmann den Fremden ohne einen hörbaren Ausdruck seines Mißfallens an sich vorübergehen ließ.

»Die scheue Kuh fängt endlich an zahm zu werden, Fidel Ring,« sagte der Grenzbewohner, und stieß den Kolben seiner Muskete mit einer Gewalt auf den Boden, die eine tiefe Spur auf dem zerstoßenen Rasen zu seinen Füßen zurückließ. »Jener buntfarbige Ochs aber, der alte Tölpel, zeigt eben so wenig Lust, in's Joch zu kommen, als die vierjährige Kuh, ihre Milch herzugeben.«

»Die ist etwas zahmer geworden, seit Ihr mich die Art und Weise gelehrt habt, ihre Störrigkeit zu bändigen,« entgegnete das melkende Mädchen mit einer Stimme, welche trotz aller Bemühung ihres jungfräulichen Stolzes etwas von der Heftigkeit ihres Charakters verrieth, während sie immer ihre leichte Arbeit mit ungestümer Hitze beeilte.

»Hm, ich hoffe, Du wirst Dich auch noch einiger anderer meiner Lehren erinnern; aber Du bist schnell und pfiffig im Lernen, Fidel, das sieht man an der Leichtigkeit, mit der Du 131 Dir in so kurzer Zeit die Weise der Unterhaltung mit einem so feinzüngelnden Manne angeeignet, wie jener dort über den See gekommene Verworfene ist.«

»Ich hoffe, Eben Dudley, durch höfliches Redestehen gebe ich, die ich an Züchtigkeit der Sprache von Jugend auf gewöhnt bin, kein Beispiel ungeziemender Unterhaltung. Du hast oft gesagt, es sei von Seiten Derjenigen, zu der man spräche, eine unerläßliche Pflicht zuzuhören, weil man sonst sagen könnte, sie sei übermüthigen Herzens, und verdiene weit eher einen Namen ihres Stolzes als ihrer Gutmüthigkeit wegen.«

»Ich sehe, daß von meinen Lehren noch mehr in Deiner Erinnerung zurückgeblieben, als ich gehofft hatte. So hörtest Du denn so gern zu, Fidel, blos weil es sich geziemt, daß ein Mädchen nicht übermüthig sei?«

»So ist's. Welchen bösen Namen ich immer verdienen möge, Du hast keinen Grund, Uebermuth und Verachtung unter meine Fehler zu zählen.«

»Wenn ich das thue, so will ich – –« Eben Dudley biß sich in die Lippen und unterdrückte einen Ausdruck, der einer Person großen Anstoß gegeben haben würde, deren Begriffe von Wohlstand eben so streng waren, als die ihres Gefährten. »Du mußt heute Vieles gehört haben, Fidel Ring, was von Nutzen sein konnte,« fuhr er fort, »besonders da Dein Ohr so offen ist, und Deine Gelegenheiten dazu so groß gewesen sind.«

»Ich weiß nicht, was Du damit sagen willst, indem Du von meinen Gelegenheiten sprichst,« entgegnete das Mädchen und beugte sich noch tiefer auf den Gegenstand ihrer Beschäftigung hin, offenbar in der Absicht, die Röthe zu 132 verbergen, welche, wie ihr eigenes schnelles Bewußtsein ihr sagte, auf ihrer Wange brannte.

»Ich will damit sagen, daß es eine lange Erzählung sein muß, die vier verschiedene Versuche von geheimer Unterredung braucht, um zu Ende gebracht zu werden.«

»Vier! So gewiß ich hoffe, daß man mir als einem Mädchen von Wahrhaftigkeit in Rede und That glaube, dies ist erst das dritte Mal, daß der Fremde mich seit Sonnenaufgang allein gesprochen hat.«

»Wenn ich die Finger an meiner Hand noch zählen kann, so ist es das vierte Mal!«

»Ja aber, Eben Dudley, wie kannst Du, der Du seit dem ersten Hahnenruf auf dem Felde gewesen bist, wissen, was hier in der Nähe der Wohnungen vorgegangen. Es ist offenbar der Neid oder sonst eine andere böse Leidenschaft, daß Du so ärgerlich sprichst.«

»Wie das kommt, daß ich es weiß? Vielleicht glaubst Du, Fidel, nur Dein Bruder Ruben allein besitze die Gabe, scharf zu sehen.«

»Die Arbeit muß zu großem Vortheil des Capitains vor sich gegangen sein, da Eure Augen auf andere Gegenstände hinschweiften. Aber vielleicht hat man die Leute kräftigen Armes zu Spähern gebraucht und die Schwachen an die Arbeit gestellt!«

»Ich bin nicht so unbesorgt um Dein Leben gewesen, daß ich vergessen, auf Augenblicke ein Auge um mich herumschweifen zu lassen, Du Aberwitzige. Was Du auch immer von der Nothwendigkeit dieser Vorsicht halten magst, so möchte man doch schönes Geschrei in den Butter- und Milchkammern 133 vernehmen, wenn die Wampanoag in die Ansiedelung eindrängen, und Niemand da wäre, zur rechten Zeit Lärm zu machen.«

»In der That, Eben, Deine Furcht vor dem Kinde in dem Blockhause muß für Einen von Deiner männlichen Stärke doch gar zu beunruhigend sein, sonst würdest Du die Gebäude nicht so scharf bewachen,« erwiderte Fidel lachend, denn die Schlauheit, die ihrem Geschlechte so eigen ist, ließ sie bald die Ueberlegenheit merken, die sie allmälig im Gespräche über ihren Gegner gewann. »Du erinnerst Dich nicht, daß wir kräftige Soldaten von Alt-England haben, die den jungen Mann schon verhindern werden Schaden zu thun. Aber da kommt der tapfere Krieger selbst; es wird dienlich sein, ihn zur Wachsamkeit aufzumuntern, sonst dürften wir diese Nacht im Schlafe mit dem Tomahawk Bekanntschaft machen.«

»Du sprichst da von den Waffen der Wilden,« sagte der Bote, der sich wieder mit dem offenbaren Verlangen genähert hatte, an einer Unterredung Theil zu nehmen, welche, während er ihren Fortgang in einiger Entfernung beobachtet, interessant werden zu wollen geschienen hatte. »Hoffentlich ist doch aller Grund, von dem Viertel her Etwas zu befürchten, verschwunden.«

»Wie Ihr bemerkt, für dieses Viertel,« entgegnete Eben und spitzte die Lippen zu einem leisen Pfeifen, während er zu gleicher Zeit ruhig aufsah und den Himmelskörper untersuchte, dem seine Anspielung galt. »Das nächste Viertel könnte wohl uns ein hübsches Pröbchen von einem Indianerscharmützel bringen.«

»Und was hat denn der Mond mit einem Einfall der Wilden zu schaffen? Gibt es etwa Leute unter ihnen, die die Geheimnisse der Sterne erforschen?«

134 »Sie forschen nach Teufeleien und anderer Gottlosigkeit, mehr als nach irgend sonst Etwas. Es ist nicht leicht für den Verstand eines Menschen, sich Schrecken zu denken, wie sie sie ersinnen, wenn die Vorsehung ihnen Glück und Erfolg bei einem Ueberfall gegeben.«

»Aber Du sprachst von dem Monde! Auf welche Weise ist der Mond mit ihren blutigen Planen verbündet?«

»Wir haben jetzt Vollmond, und nur ein kleiner Theil der Nacht ist so, daß das Auge eines Wächters nicht eine Rothhaut in der Waldlichtung bemerken könnte; aber wir werden etwas ganz Anderes hören, wenn erst ein oder zwei Stunden Dunkelheit wieder über diese Wälder hereinbrechen. Dann wird bald eine Veränderung eintreten; es geziemt uns daher, auf unserer Hut zu sein.«

»Du glaubst denn also wirklich, daß ein Hinterhalt vorhanden ist, und man nur den rechten Augenblick abwartet?« sagte der Soldat mit einem so offenbaren Interesse und so ängstlichem Antheil, daß selbst die nur halb beruhigte Fidel dadurch veranlaßt ward, einen verschmitzten Blick auf ihren Gefährten zu werfen, obgleich dieser immer noch Grund hatte, einem listigen Ausdruck zu mißtrauen, der in dem Winkel ihrer Augen sich versteckte, und jeden Augenblick drohte, seinem Bericht über die Unglück verkündenden Zeichen zu widersprechen.

»Es mögen Wilde auf eine Tagreise entfernt im Walde auf den Hügeln im Hinterhalte liegen, aber sie kennen die Schußweite des Gewehrs eines Weißen viel zu gut, um innerhalb ihres Bereichs Rast zu halten. Es liegt in der Natur eines Indianers, zu essen und zu schlafen, so lange er Zeit zur 135 Ruhe hat, und zu fasten und zu morden, wenn die Stunde zum Blutvergießen gekommen ist.«

»Und wie weit rechnet Ihr die Entfernung bis zur nächsten Niederlassung am Connecticut?« fragte der Andere, mit einer so gezwungenen gleichgültigen Miene, daß er dadurch leicht Spuren und Mittel an die Hand gab, die inneren Bewegungen seines Gemüths zu errathen.

»Einige zwanzig Stunden würden einen sehr flüchtigen Renner bis an die äußeren Colonien bringen, dabei aber nur wenig Zeit zur Fütterung und Ruhe lassen. Wer indessen klug ist, wird sich nur wenig von der letztern gönnen, bevor sein Haupt nicht in einem Gebäude sicher aufgehoben ist, das einige Aehnlichkeit mit jenem Blockhause hat, oder bevor zwischen ihm und dem Wald wenigstens eine feste Reihe eichener Pfähle steht!«

»Es giebt wohl keinen Reitpfad, auf dem Reisende während der Dunkelheit den Wald umgehen könnten?«

»Ich weiß von keinem. Wer Wish-Ton-Wish verläßt, um sich nach den Stätten in den Niederungen zu begeben, muß entweder die Erde zu seinem Kissen machen, oder bereit sein zu reiten, so lang sein Thier ihn zu tragen vermag.«

»Wir haben in der That diese Nothwendigkeit schon erfahren, als wir hierherzogen. Du glaubst also, Freund, die Wilden hielten jetzt ihre Rastzeit, und erwarteten das folgende Viertel des Mondes?«

»Nach meiner Ansicht werden wir sie nicht früher zu sehen bekommen;« entgegnete Eben Dudley, und trug Sorge, jeden näheren Zweck seiner Meinung zu verstecken, wenn er anders einen solchen hatte, und das, wo sie eigentlich hinauslief, 136 gleichsam durch geistigen Vorbehalt den Blicken des Andern zu entziehen.

»Und welche Zeit wählt man gewöhnlich, um in den Sattel zu kommen, wenn man von Geschäften in die Ansiedelungen unten gerufen wird?«

»Wir verfehlen nie, unsere Abreise auf die Zeit festzusetzen, wo die Sonne jene schlanke Fichte berührt, die auf jener Berghöhe steht. Lange Erfahrung hat uns gelehrt, daß dies die sicherste Stunde ist; der Zeiger einer Uhr bietet nicht größere Gewißheit dar, als jener Baum.«

»Mir gefällt die Nacht,« sagte der Andere, und sah sich mit einer Miene um, als werde er plötzlich des vielversprechenden Anscheins des Wetters sich bewußt. »Die schwarzen Wolken hängen nicht mehr über dem Wald und es scheint ein passender Augenblick, die Angelegenheit, zu deren Betreibung wir ausgesandt worden, ihrer Ausführung näher zu bringen.«

Mit diesen Worten, und vielleicht in der Meinung, er habe den Beweggrund seines Entschlusses hinlänglich versteckt, schritt der beunruhigte Dragoner mit einem Anschein von soldatischer Kälte und Gleichmuth nach den Wohnungen zu, während er zu gleicher Zeit einem seiner Gefährten, der ihn aus einiger Entfernung betrachtete, winkte, sich zu nähern.

»Nun, glaubst Du denn, thörichter Dudley, daß vier Finger Deiner unbehülflichen Hand genau die volle Anzahl aller meiner Zuhörungen, wie Du es nennst, angegeben haben?« sagte Fidel, als sie glaubte, kein anderes Ohr, als das, zu dem sie sprach, werde ihre Worte aufhaschen können, und lachte dabei herzlich unter ihrer jungen Milchkuh, 137 obgleich im Ton ihrer Worte noch einiger Verdruß lag, den sie nicht gänzlich unterdrücken konnte.

»Hab' ich ihm etwas Anderes als Wahrheit gesagt? Leute, wie ich, sind nicht geeignet, Unterricht im Reisen einem Manne zu geben, der das ehrliche Handwerk eines Menschenjägers treibt. Ich habe nichts gesagt, als was Alle, die in diesen Gegenden wohnen, für vernünftig erklären werden.«

»Ganz gewiß nichts weiter. Aber die Wahrheit wird in Deinen Händen so gewichtvoll und schreckhaft, daß man sie nothwendig, gleich einem bittern Heiltrank, mit geschlossenen Augen und nicht auf einen Schluck einnehmen muß. Jemand, der sie zu hastig und in vollen Zügen trinkt, könnte gar leicht daran ersticken. Ich wundere mich aber, daß Der, der so wachsam ist, und wenn es gilt, mit so großer Sorgfalt für die Bedürfnisse der Andern sorgt, so wenig Aufmerksamkeit Denen schenkt, über die er zu wachen beauftragt worden.«

»Ich begreife nicht, was Du meinst, Fidel. Wann war je Gefahr in der Nähe des Thales, und meine Muskete hätte gefehlt?«

»Dies gute Gewehr ist seiner Pflicht treuer, als sein Herr. Du magst vielleicht die gehörige Erlaubniß haben, auf Deinem Posten zu schlafen; denn wir Mädchen kennen in diesem Stücke die Befehle und den Willen des Capitains nicht, aber es wäre doch gewiß eben so geziemend, wenn nicht eben so kriegerisch, die Waffen auf den Posten und Dich in die Schlafstube zu schicken, wenn es das nächste Mal wieder Dir gefällt, in derselben Stunde zu wachen und zu schlafen.«

Dudley sah ganz verwirrt und betroffen aus, als es nur ein Mann von seinem Wesen, und seiner unbeugsamen Gemüthsart sein konnte; jedoch weigerte er sich immer noch 138 hartnäckig, die Anspielungen seiner beleidigten Gefährtin verstehen zu wollen.

»Du hast Dich, sagte er, nicht vergebens mit dem Soldaten von jenseits der See unterhalten; da Du so gelehrt von Wachen und Waffen sprichst.«

»Ganz recht, er hat mich viel in dem Gegenstande unterwiesen.«

»So, und was hast Du denn durch seinen Unterricht gelernt?«

»Daß Der, welcher an einer Pforte schläft, weder zu kühn von dem Feinde sprechen, noch erwarten darf, daß Mädchen ein zu großes Vertrauen setzen in –«

»Worin, Fidel?«

»Nun, Du verstehst wohl, was ich sagen will – in seine Wachsamkeit. Ich setze mein Leben daran, wäre Jemand zu einer etwas spätern Stunde, als gewöhnlich, an den Nachtposten jenes manierlichen Soldaten vorübergegangen, man ihn nicht gefunden hätte, wie dies bei einem Posten unseres Hauses um die zweite Nachtwache in der vorigen Nacht geschehen ist, schlafend und träumend von den Leckerbissen aus der Butterkammer der Madame.«

»Dann kamst Du wirklich zu jener Zeit, Mädchen?« sagte Eben, mit gedämpfter, halb Freude, halb Scham verrathender Stimme. »Aber Du weißt, Fidel, daß die Arbeit des Auskundschaftens noch vor uns lag, und daß die Anstrengung des gestrigen Tages unsere gewöhnliche Tageslast übertraf. Aber dessenungeachtet, heute Abend von acht bis zwölf stehe ich wieder Schildwacht an der Pforte und – –«

»Werde mir diese Zeit zu einer bequemen Nachtruhe machen, – daran zweifle ich nicht. Ja wohl, Jener der den 139 ganzen Tag über so wachsam gewesen ist, muß nothwendig seines Amtes überdrüssig werden, wenn die Nacht herankommt. Lebewohl, wachsamer Dudley; wenn Deine Augen sich morgen früh öffnen sollten, dann zeige Dich dankbar, daß die Mädchen Deinen Rock nicht an die Pallisaden genäht haben!«

Ungeachtet der Bemühungen des jungen Mannes, sie noch zurückzuhalten, entging doch das leichtfüßige Mädchen seinen Händen, und trug ihre Last nach der Milchkammer zu. Sie trippelte auf dem Pfade mit halbabgewandtem Gesichte hin, in welchem sich Triumph und Reue schon um den alleinigen Besitz stritten.

Mittlerweile hatte der Anführer der königlichen Boten und sein kriegerischer Untergebener eine lange und für sie sehr wichtige und angelegentliche Unterredung. Als diese beendet war, nahm der Erstere seinen Weg nach dem Zimmer, in welchem Marcus Heathcote den Theil seiner Zeit zuzubringen pflegte, welcher nicht ausgefüllt wurde von seinem geheimnißvollen Ringen nach Glauben, oder von Bewegungen im Freien, wobei er die Aufsicht über die Arbeiter im Felde führte. Nach einer kurzen Einleitung, die dazu dienen sollte, seine eigentlichen Beweggründe zu verdecken, kündigte der Bevollmächtigte des Königs seine Absicht an, noch in dieser Nacht seinen endlichen Abschied zu nehmen und abzureisen.

»Ich hielt es als ein Mann, der einige Erfahrung in den Waffen durch längeren Dienst in den Kriegen in Europa erlangt hat, für meine Pflicht,« sagte er, »in Deiner Wohnung so lange zu bleiben, als Dir noch von den spähenden Wilden Gefahr drohte. Es würde sich schlecht für Soldaten schicken, von ihren Absichten viel Redens zu machen, aber hätte es in der That Lärm gegeben, Du wirst uns Glauben 140 beimessen, wenn ich sage, daß alsdann das Blockhaus nicht feige und ohne Kampf übergeben worden. Ich werde Denen, die mich schickten, Rechenschaft von meinem Zuge ablegen und Ihnen versichern, daß in Capitain Marcus Heathcote, Karl einen treuen Unterthan und die Constitution einen standhaften Anhänger hat. Die Gerüchte, die, wie es scheint, aus Mißverstand und Irrthum entstanden waren, und welche uns hierher gebracht, diese sollen widerlegt werden, und ohne Zweifel wird es sich finden, daß irgend ein zufälliges Ereigniß zu dieser Täuschung Veranlassung gegeben. Sollte sich eine Gelegenheit zeigen, auf die einzelnen Vorfälle des kürzlichen Lärms zurückzukommen, so vertraue ich, die Bereitwilligkeit meines Gefolges, ihre Dienste anzubieten, und einem getreuen Unterthan des Königs in der Noth Beistand zu leisten, werde nicht übersehen werden.«

»Es ist dies das Streben eines demüthigen Gemüths, nichts Uebles von seinen Nebenmenschen zu sprechen, und nichts Gutes zu verhehlen,« entgegnete der zurückhaltende Puritaner. »Wenn Dir der Aufenthalt in meiner Wohnung gefällt, so bleibe, so lange es Dir gutdünkt, und wenn Pflicht oder eigener Wille Dich ruft, sie zu verlassen, dann möge Friede Dich geleiten. Es wird heilsam sein, daß Du Dich mit uns in Gebet und Flehen vereinigst, daß Dein Weg durch die Wildniß ungestört und ungefährdet bleibe, daß er, der über die geringsten seiner Geschöpfe wacht, Dich in seine besondere Obhut nehme, und daß der heidnische Wilde – –«

»Haben die Wilden ihre Dörfer verlassen?« fragte der Bote mit ungeziemender Hast, welche die Aufzählung der besonderen Segnungen und Gefahren unterbrach, die sein Wirth für gut befunden, in das Abschiedsgebet einzuschließen.

141 »Du wenigstens bist nicht bei uns geblieben, um uns in der Vertheidigung beizustehen, und dennoch zweifle ich, ob uns Dein Dienst von Nutzen sein würde!« bemerkte Marcus Heathcote trocken.

»Ich wollte, der Fürst der Finsterniß hätte Dich und alle andere diabolische Wesen dieser Wälder in seiner festen Faust,« murmelte der Bote zwischen den Zähnen, und dann, als wenn er von einem Geiste geleitet würde, der nicht lange beherrscht werden konnte, nahm er wieder etwas mehr von seinem ungezügelten, ihm eigenthümlichen Wesen an, und war selbst kühn genug, trotzig sich zu weigern, an dem Gebet Theil zu nehmen, die Eile und Nothwendigkeit, in eigener Person auf die Zurüstungen seines Gefolges Acht zu haben, als Hinderungsgrund vorschützend.

»Aber dies darf Dich nicht abhalten, würdiger Capitain, Gebete und Bitten für uns auszusprechen, während wir schon im Sattel sind,« schloß er; »was uns betrifft, uns bleibt noch vieles von der kürzlich erst uns mitgetheilten frommen Seelenspeise übrig, die wir erst noch verdauen müssen, obwohl wir nicht zweifeln, daß wenn Deine Stimme zu unserem Besten sich erhebt, während wir die ersten Meilen der Waldreise zurücklegen, der Tritt unserer Pferde dadurch nicht schwer werden würde; ja, es ist gewiß, daß wir selbst durch diese Gunstbezeugung uns eben nicht schlechter befinden werden.«

Dann einen Blick schlecht verhehlten Leichtsinns auf Einen aus seinem Gefolge werfend, der gekommen war, anzukündigen, ihre Pferde warteten, machte er die Abschiedsverbeugung mit einem Wesen und einer Miene, worin die Achtung, die ein Mann, wie der Puritaner, kaum einzuflößen verfehlen 142 konnte, mit seiner gewohnten Verachtung gegen Dinge eines ernsthaften Charakters um den Sieg stritt.

Die Familie des Marcus Heathcote, selbst die geringsten Untergebenen mit eingeschlossen, sahen diese Fremden mit großer innerer Zufriedenheit abziehen. Selbst die Mägde, deren natürlicher Leichtsinn in schwächeren Augenblicken sie den Worten der Fremden ein williges Ohr leihen ließ, waren froh, Verehrer los zu werden, die keine Schmeichelei sagen konnten, ohne sie durch leichtfertige und gottlose Anspielungen zu begleiten, auf Dinge, an welche sie nur mit der gebührenden Ehrfurcht zu denken gewohnt waren und dadurch ihren strengeren Grundsätzen häufig großes Aergerniß gaben. Eben Dudley konnte kaum ein Lachen unterdrücken, als er den Haufen sich mit solcher Aengstlichkeit in dem Wald verlieren sah, da weder er selbst, noch sonst Jemand von den in solchen Dingen Erfahrenern glaubte, sie liefen bei ihrem plötzlichen Abzug irgend ernstliche Gefahr.

Die Meinung der Kundschafter bewährte sich. Diese und manche folgende Nacht ging ohne Beunruhigung als eine wohlbegründete vorüber. Die Jahreszeit rückte immer weiter vor, und die Landbauer setzten ihre Arbeiten bis zum Ende des Herbstes fort, ohne daß ihr Muth ferner in Anspruch genommen worden, oder sonst Gründe zu verstärkter, sorgfältigerer Wachsamkeit hinzugekommen. Whittal Ring folgte ungestraft seinen Fohlen in die abgelegensten Theile der nahegelegenen Wälder, und die Heerden der Familie zogen aus und kamen heim, so lange das Wetter ihnen die freie Waide im Gehölz gestattete, ohne die mindeste Unterbrechung oder Beunruhigung. Mit der Zeit war der erlebte Schreck, sowie der Besuch der Bevollmächtigten der Krone zum Stoff der 143 Erzählung zur Erheiterung bei den sprühenden Feuern, die in jenem Lande und in der Jahreszeit so nothwendig waren, geworden.

Doch blieb der Familie ein lebendiges Andenken an die ungewöhnlichen Vorfälle jener Nacht. Der Gefangene befand sich lange, nachdem die Begebenheiten, die ihn in die Gewalt der Heathcote's gebracht hatten, schon vergessen zu werden begannen, in ihrer Mitte.

Das Verlangen, den Samen der geistigen Wiedergeburt zu wecken und zu beleben, der, wenn auch schlafend, doch nach des alten Marcus Heathcote Meinung in dem ganzen Menschengeschlecht, und folglich auch in dem jungen Heiden eben so gut, als in allen andern sich vorfand, – diesen Samen zum Aufgehen hervorzurufen, war, so zu sagen, eine Art vorherrschender Leidenschaft in dem Puritaner geworden. Die Gebräuche und die Denkweise der damaligen Zeiten hatten eine starke Hinneigung zum Aberglauben; und so war es denn gar nicht schwer für einen Mann von seinem ascetischen Leben und seinen überspannten Religionsbegriffen, sich dem Glauben hinzugeben, eine ganz besondere Lenkung der Vorsehung habe den Knaben in seine Hände gebracht, damit irgend ein verborgener aber wichtiger, hoher Zweck erreicht werde, den die Umstände zur rechten Zeit schon zu enthüllen nicht ermangeln würden.

Aber ungeachtet des starken Anfluges von Schwärmerei, welcher den Charakter der Pietisten jener Tage trübte, fehlte ihnen doch selten weltliche Umsicht. Die Mittel, die sie anzuwenden für die dienlichsten hielten, um die verborgenen Zwecke der Vorsehung zu begünstigen und in Ausführung zu bringen, waren in der Regel passend und sehr vernünftig. 144 So zum Beispiel vergaß der Capitain zwar nie, den Jüngling zur Stunde des Gebets aus seinem Gefängniß herbeiholen zu lassen, oder wenn er ein außerordentliches Gebet für die Erleuchtung der Heiden und namentlich dieses auserwählten Knaben darbringen wollte, allein deshalb nahm er doch Bedenken, zu glauben, zu seinen Gunsten würde ein offenbares Wunder bewirkt werden.

Damit kein Tadel den Theil des Auftrages treffe, der menschlichen Mitteln anvertraut worden, nahm er seine Zuflucht zu dem leisen, geheimnißvollen Wirken der Güte und unablässigen Sorgfalt. Aber alle Versuche, den Jüngling in die Gebräuche und Gewohnheiten des civilisirten Menschen hereinzulocken, waren vollkommen erfolglos. Als die strenge Witterung zunahm, bemühte sich die mitleidsvolle, für Alles sorgende Ruth ihn zu bewegen, die Kleidungsstücke anzunehmen, welche man zum Wohlsein von Männern so nothwendig fand, die doch bei Weitem ihm überlegen waren an Stärke und Abhärtung. Mit gutem Vorbedacht vergaß man an den ihm angebotenen Kleidern die dem Geschmack eines Indianers zusagenden Zierrathen nicht, und wendete vieles Bitten, ja manche Drohung an, um ihn zu bewegen, daß er sie trage. Bei einer Gelegenheit wurde er sogar mit Gewalt von Eben Dudley mit ihnen bekleidet, und als er in dieser ungewohnten Tracht vor den alten Marcus Heathcote gebracht worden, brachte dieser ein Gebet dar, worin die besondere Bitte sich fand, daß dem Jüngling fühlbar und einleuchtend gemacht werden möchte, von welcher Wichtigkeit dieses Nachgeben gegen die Grundsätze des gebildeten und unterrichteten Menschen für ihn sein könnte. Aber nach einer Stunde verkündigte der kräftige Waldmann, der bei dieser Gelegenheit ein so 145 thätiges Werkzeug der Bildung gewesen, der verwunderten Fidel, daß der Versuch gänzlich ohne Erfolg geblieben, oder, wie Eben Dudley etwas unehrerbietig die außerordentlichen Anstrengungen des Puritaners bezeichnete, »der Heide hat schon wieder seine eigene Haut als Strümpfe, und seine tätowirte Brust als Jacke angelegt, obgleich der Capitain sich bemüht hat, ihm bessere Kleidung umzuhängen und zwar in einem Gebet, das der Blöße eines ganzen Stammes gesteuert haben würde.« Kurz, das Ergebniß in dem Fall mit diesem Jüngling zeigte sich als ganz dasselbe, welches ähnliche Versuche bei so vielen andern Gelegenheiten späterhin gehabt haben; es ging daraus die Schwierigkeit hervor, einen in der Freiheit und Unbeschränktheit der Wälder emporgewachsenen Wilden dazu zu vermögen, die Einengungen einer Lage, des Zustandes von Wesen sich gefallen zu lassen, welche in der Regel für so weit vorzüglicher und so sehr überlegen gehalten werden. Bei jeder Veranlassung, wo der jugendliche Gefangene freie Wahl hatte, wies er mit Unwillen und Abscheu die Gewohnheiten der Weißen zurück und hing mit seltsamer, fast heldenmüthiger Hartnäckigkeit an den Gebräuchen seines Volkes und seines wilden Zustandes fest.

Der Knabe wurde in seiner Gefangenschaft nicht ohne ganz besondere Aufsicht und Wachsamkeit erhalten. Einst, als man ihn in die Felder gelassen, hatte er offen einen Versuch zum Entwischen gemacht, auch konnte man sich nicht wieder in seinen Besitz setzen, ohne die Eile und Behendigkeit Eben Dudley's und Ruben Ring's auf eine strengere Probe zu stellen, als, nach dem eigenen Geständniß der athletischen jungen Grenzbewohner selbst, sie je vorher sich unterzogen hatten. Von jenem Augenblicke an erlaubte man ihm nicht 146 mehr, die Pallisaden zu überschreiten. Wenn die Landleute ihre Arbeit in's Feld rief, ward der Gefangene regelmäßig in sein Gefängniß in Sicherheit gebracht, wo, gleichsam zur Entschädigung für seine Einkerkerung er, wie man vermuthete, die wohlthätige Begünstigung genoß, daß Marcus Heathcote ihn einer langen, vertraulichen Unterredung würdigte; denn dieser hatte die Gewohnheit, viele Stunden täglich und gar nicht selten auch einen großen Theil der Nacht in der Abgeschiedenheit des Blockhauses zuzubringen. Nur während der Zeit, wo die Thore geschlossen waren, oder wenn sich Jemand von hinreichender Stärke und Behendigkeit zugegen fand, der im Stande war, seine Bewegungen zu beherrschen und einzuschränken, nur dann ward dem Jüngling vergönnt, in den Gebäuden der Grenzfeste nach freiem Willen herumzuschlendern. Dieser Freiheit verfehlte er nie sich zu bedienen; ja, er that dies oft auf eine Weise, die die theilnehmende Ruth mit peinlichen, übermäßigen Besorgnissen und Schrecken erfüllte.

Statt an dem Spiel der anderen Kinder Theil zu nehmen, stand der junge Gefangene in der Ferne und betrachtete ihre Belustigungen mit starrem, ausdruckslosem Auge; oder er brachte, den Pallisaden sich nähernd, Stunden oft damit hin, gedankenvoll auf jene endlosen Wälder hinzustarren, in denen er zuerst das Licht der Welt erblickt, und die wahrscheinlich Alles enthielten, was sein einfältig Urtheil als das Theuerste schätzte. Bis in die innerste Seele durch die schweigende aber ausdrucksvolle Darlegung seiner Leiden gerührt, bemühte sich Ruth vergebens, sein Vertrauen zu gewinnen, um ihn dann in Beschäftigungen zu verflechten, die dazu beitragen könnten, seine Sorgen von ihrem Gegenstand abzuziehen und 147 zu erleichtern. Der entschlossene, aber dennoch ruhige Knabe wollte sich in ein Vergessen seines Ursprungs nicht verlocken lassen. Er schien die gütigen Zwecke seiner freundlichen Herrin zu begreifen, und häufig ließ er sich sogar von der Mutter in den Kreis ihrer freudigen, fröhlichen Nachkommenschaft führen, aber er that dies nur, um mit seinem früheren, kalten, ungerührten Wesen ihren Vergnügungen mit zuzusehen, und dann bei der ersten Gelegenheit an seine geliebte Stätte, an die Pallisaden, wieder zurückzukehren. Bei dem Allen aber fehlte es nicht an seltsamen und fast geheimnißvollen Beweisen, daß er ein immer stärker werdendes Bewußtsein von dem Inhalte eines Gesprächs bekam, dem er dann und wann beiwohnte, was zu der Voraussetzung führen konnte, daß er doch vertrauter mit der Sprache und den Ansichten der Bewohner des Thales sein müsse, als seine bekannte Herkunft und seine gänzliche Abgeschiedenheit von aller Mittheilung zu erwarten berechtigten. Diese wichtige, unerklärbare Thatsache wurde durch die häufigen, ausdrucksvollen Blicke seines dunkeln Auges bewiesen, welche man alsbald wahrnehmen konnte, wenn etwas in dem Bereich seines Gehörs ausgesprochen wurde, was, wenn auch noch so entfernt, seine eigene Lage betraf, und ein- oder zweimal sah man es an dem stolzen Glühen von Wildheit, das ihm entwischte, als man Eben Dudley die Tapferkeit der Weißen in ihren Kämpfen mit den Ureigenthümern des Landes preisen hörte. Dem Puritaner entgingen diese Symptome eines wachsendes Verstandes nicht, und er betrachtete sie als die Boten einer Frucht, die seine frommen Arbeiten mehr als belohnen würde, und sie dienten dazu, ihm bei einem gelegentlichen Widerwillen und Verdruß, den all sein Eifer nicht gänzlich 148 unterdrücken und verhindern konnte, wieder neuen Trost zu geben; denn es kränkte ihn oft sehr, daß er das Werkzeug sein sollte, das so viele Leiden einem Knaben verursachte, welcher bei allem dem ihm selbst doch kein eigentliches Leid zugefügt hatte.

Zu der Zeit, von welcher wir schreiben, war das Klima dieser Staaten wesentlich von dem verschieden, welches jetzt ihre Bewohner erfahren. Ein Winter in der Provinz Connecticut war von vielen auf einander folgenden Schneegestöbern begleitet, bis die Erde völlig mit fest zusammengedrängten Massen dieses gefrornen Elements bedeckt worden. Gelegentliches Thauwetter und vorübergehende Regenstürme, welche durch die Rückkehr der hellen, schneidenden Kälte der Nordwestwinde vertrieben wurden, pflegten zu Zeiten eine Decke über den Boden hinzubreiten, die zusammenfror bis zur Dichte und Festigkeit von Eis, wo man denn Menschen und nicht selten auch Thiere und manchmal auch Schlitten sich auf ihrer Oberfläche, wie auf dem Bette eines zugefrornen See's, sich hinbewegen sah. Während der höchsten Kälte einer Jahreszeit, wie diese, pflegten die muthigen Grenzleute, die nicht ihre gewöhnlichen Geschäfte verfolgen konnten, die Wälder zu durchstreichen, um Wild aufzusuchen, welches, von Hunger an bekannte Sammelplätze in den Wäldern getrieben, dann am leichtesten als Opfer der Klugheit und Geschicklichkeit von Männern fiel, wie Eben Dudley und Ruben Ring waren.

Diese jungen Männer verließen nie die Wohnungen, um sich auf solche Jagdpartieen zu begeben, ohne die rührendste Theilnahme an ihren Schritten in dem gefangenen Indianerjüngling zu erregen. Bei allen solchen Gelegenheiten brachte 149 er wohl den ganzen Tag an den Luftlöchern seines Gefängnisses zu, aufmerksam auf den fernen Knall der Gewehre, wiedergegeben von dem vieltönigen Echo des Waldes, zu lauschen. Während einer Gefangenschaft von so vielen Monaten sah man ihn nie lächeln, außer einem einzigen Male, und das war, als er den grimmigen Blick und die musculösen Tatzen eines todten Panthers untersuchte, der als Dudley's Ziel in einem dieser Streifzüge auf den Gebirgen herum gefallen war. Das Mitleid aller Grenzleute wurde mächtig zu Gunsten des ruhigen, mit so vieler Würde ausharrenden, jungen Dulders erregt, und gerne würden sie ihrem Gefangenen das Vergnügen gegönnt haben, an der Jagd Theil zu nehmen, wäre dieses nicht eine Unternehmung gewesen, die gar nicht leicht auszuführen war. Der erstere von den Waldleuten, die wir eben erwähnt haben, hatte sich selbst erboten, ihn wie einen Jagdhund an einem Bande mit sich zu führen; aber dies war eine Art von Herabwürdigung, gegen welche man sicher sein konnte, daß ein junger Indianer, ehrgeizigen Charakters, der besonders seine Würde als Krieger so eifersüchtig zu wahren suchte, sich offen empört haben würde.

Die scharfsichtige Theilnahme der beobachtenden Ruth hatte, wie wir gesehen haben, bald einen wachsenden Verstand und ein größeres Verständniß in dem Jüngling entdeckt. Die Mittel jedoch, durch welche es ein Mensch, der nie Theil an den Beschäftigungen der Familie nahm und selten auf ihre Gespräche zu hören schien, dahin bringen konnte, eine Sprache zu verstehen, die selbst Unterrichtete ziemlich schwierig finden, diese blieben ihr eben so sehr ein Geheimniß, als ihrer Umgebung. Doch versicherte sie sich mit Hülfe jenes instinktähnlichen Taktes, der so oft den Verstand der Frauen 150 erhellt und erleuchtet, daß die Sache selbst sicher und gewiß war. Sie machte sich nun diese Kenntniß zu Nutze, und übernahm es, so zu sagen, eine Ehrenverpfändung von ihrem Schützling zu erlangen, daß er, wenn man ihm erlaubte, mit auf die Jagd zu gehen, in das Thal am Abend zurückkehren wollte. Sanft wie ihr wohlwollendes Gemüth, waren ihre Worte, angelegentlich und wiederholt ihr Bitten, daß er doch irgend ein Zeichen von sich geben wolle, ihren Sinn begriffen zu haben: Allein es gelang ihr diesmal nicht, ihrem Zögling auch nur das leiseste Symptom des Verstehens abzugewinnen. In ihren Hoffnungen getäuscht und nicht ohne Kummer hatte Ruth den theilnahmsvollen Plan in Verzweiflung aufgegeben, als plötzlich der alte Puritaner, der ein schweigender Zuschauer ihrer fruchtlosen Bemühungen gewesen, mit einem Male sein Vertrauen in die Ehrlichkeit des Jünglings aussprach, und seine Absicht ankündigte, ihm zu vergönnen, an der nächst vorzunehmenden Jagdpartie Theil zu nehmen.

Die Ursache dieser plötzlichen Willenänderung in dem bisher so ernst wachsamen Marcus Heathcote blieb, wie so viele andere seiner Beweggründe, ein Geheimniß seiner eigenen Brust. Wir haben eben gesagt, daß während Ruth mit ihrem freundlichen, aber fruchtlosen Versuch, irgend ein Zeichen von Verständniß dem Jüngling zu entlocken, beschäftigt war, der Puritaner ein genauer und theilnehmender Beobachter ihrer Bemühungen gewesen. Er schien bei der Täuschung ihrer Erwartungen mitzuleiden, aber das Wohl und Heil jener unbekehrten Stämme, welche vermittelst dieses Jünglings von der Finsterniß ihrer Wege abgelenkt werden sollten, war viel zu wichtig, um den Gedanken in ihm zuzulassen, den Vortheil wieder zu schnell aufzugeben, den er für die allmälige Weckung 151 von Verstand und Einsicht in dem Knaben gewonnen zu haben glaubte, und sich der Gefahr auszusetzen, daß der Gegenstand seiner Anstrengungen ihm auf immer entrönne. Allem Anschein nach war man daher von der Absicht, ihm zu vergönnen, die Vertheidigungswerke zu verlassen, gänzlich zurückgekommen, als der alte Marcus so unversehens eine Veränderung in seinem Entschluß ankündigte. Die Vermuthungen über die Ursachen dieser unerwarteten Entschließungen waren außerordentlich mannichfaltig und von einander abweichend. Einige glaubten, der Puritaner sei mit einer geheimnißvollen Kundgebung ihres Willens von der Vorsehung in dieser Sache begünstigt worden, und Andere meinten, er wolle, indem er an allem Erfolg in seinem Versuch zweifelte, eine sichtbare Offenbarung ihrer Zwecke zu erlangen suchen, dadurch nämlich, daß er den Versuch wagte, den Jüngling der Richtung seiner eigenen Antriebe zu überlassen und anzuvertrauen. Alle schienen der Meinung, daß wenn der Jüngling wieder zurückkäme, dieser Umstand nur der Dazwischenkunft eines Wunders zugeschrieben werden müsse. Doch blieb, nachdem er diesen Entschluß einmal gefaßt, Marcus Heathcote in seinem Plane unwandelbar. Er hatte diese unerwartete Entschließung nach einer seiner langen, einsamen Betrachtungen im Blockhause angekündigt, und dort wohl einen mächtigen, geistlichen Kampf bei dieser Gelegenheit bestanden. Da das Wetter außerordentlich günstig zu einem Jagdzug sich zeigte, hieß er seine Untergebenen sich für den folgenden Morgen bereit halten, in den Wald auszuziehen.

Ein plötzlicher, nicht zu beherrschender Strahl des Entzückens erglänzte auf den dunkeln Zügen des Gefangenen, als Ruth sich anschickte, den Bogen ihres eigenen Sohnes in seine 152 Hände zu legen, und durch Zeichen und Worte ihm zu verstehen gab, daß man ihm erlauben wolle, ihn in der freien Luft des Waldes zu gebrauchen. Aber die Zeichen seiner Lust und Freude verschwanden eben so schnell wieder, als sie in seinem Gesicht sich gezeigt hatten. Als der Jüngling die Waffen empfing, geschah dies mehr mit der Weise eines Jägers, der an ihren Gebrauch gewöhnt ist, als mit der Unbehülflichkeit eines Mannes, dessen Händen sie seit so langer Zeit entfremdet worden waren. Als er die Thore von Wish-Ton-Wish verließ, drängten sich die Dienstmägde der Ruth mit verwunderter Theilnahme um ihn, denn es war ein eigener Anblick, einen Jüngling, den man so lange mit eifersüchtiger Sorgfalt bewacht hatte, wieder frei und unbeschränkt zu sehen. Ungeachtet ihrer gewöhnlichen Ehrfurcht und Unterwürfigkeit gegen die geheimnißvollen Offenbarungen und große Weisheit, die sie dem Puritaner beilegen zu müssen glaubten, brachte doch seine jetzige Verfahrungsweise sehr allgemein den Eindruck und die Ansicht hervor, sie sähen den Jüngling, über dessen Gegenwart bei ihnen so Vieles lag, was geheimnißvoll und von Interesse für ihre eigene Sicherheit war, für jetzt zum letzten Male. Der Knabe selbst blieb bis auf den letzten Augenblick unbewegt und ungerührt. Doch weilte er mit einem Fuß auf der Schwelle der Wohnung und schien Ruth und ihre junge Nachkommenschaft für einen Augenblick mit Schmerz und Trauer zu betrachten. Dann das ruhige Wesen eines indianischen Kriegers wieder annehmend, ließ er in sein Auge wieder all seine frühere Kälte und Gleichgültigkeit eintreten, und folgte mit schnellem Schritt den Jägern, die schon außerhalb der Pallisaden seiner harrten. 153

 

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