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Die Beweinte von Wish-Ton-Wish

James Fenimore Cooper: Die Beweinte von Wish-Ton-Wish - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
authorVon J. F. Cooper
publisherRob. Henrich's Verlagshandlung
addressBerlin
titleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
pages660
created20110829
modified20140825
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Sechstes Kapitel.

  »Doch mit Erlaubniß,
Ich bin ein Staatsbeamter, und gesandt
Zu sprechen mit - -«
Coriolan.        

Ungeachtet des scharfen Blickes, welchen der Bote der Regierung mit Ueberlegung und jetzt auch offen auf den Herrn von Wish-Ton-Wish heftete, während dieser die ihm überreichte Urkunde las, konnte man doch kein Zeichen von Unruhe in den veränderten Zügen dieses Letzteren entdecken. Marcus Heathcote hatte zu lange seine Leidenschaften beherrscht, um zuzugeben, daß eine unziemliche Aeußerung von Erstaunen ihm entfahre; und er war von Natur ein Mann von viel zu viel Nervenstärke, um Unruhe bei jedem geringen Zeichen von Gefahr zu verrathen. Indem er das Pergament dem Andern zurückgab, sagte er mit unerschütterlicher Gelassenheit zu seinem Sohne:

»Wir werden die Thüren von Wish-Ton-Wish weit aufthun müssen. Hier ist ein Mann, der mit Gewalt versehen worden, die Geheimnisse aller Wohnungen der Colonie zu erforschen.«

107 Dann mit Würde zu dem Bevollmächtigten der Krone gewandt, fügte er hinzu: »Du möchtest wohl daran thun mit Deinem Auftrage bei Zeit zu beginnen, denn unserer sind Viele und wir nehmen daher einen großen Raum ein.«

Das Antlitz des Fremden röthete sich ein wenig; vielleicht aus Scham über einen Auftrag, in welchem er so weit hierher gekommen, oder vielleicht auch aus Aerger über einen so deutlichen Wink, daß je eher dieses unangenehme Geschäft beendet wäre, desto lieber es seinem Wirthe sein würde. Doch verrieth er noch nicht die Absicht, von der Vollstreckung seines Befehls abzulassen; im Gegentheil, etwas von jener unterwürfigen Weise ablegend, welche anzunehmen er vielleicht für politisch gehalten hatte, so lange er die Ansichten eines so geraden Mannes sondiren wollte, brach er jetzt vielmehr in die Darlegung einer üblen Laune aus, die wohl besser dem Geschmack Dessen angemessen war, dem er diente.

»Kommt denn,« rief er und winkte seinen Genossen, »da die Thüren geöffnet sind, so würde es einen üblen Begriff von unserer Erziehung geben, wenn wir uns weigerten, einzutreten. Capitain Heathcote ist Soldat gewesen und weiß eines Wanderers Freiheit zu entschuldigen. Sicher muß ein Mann, der die Vergnügungen des Lagers geschmeckt, zu Zeiten dieses Waldlebens überdrüssig werden.«

»Die Standhaften im Glauben werden nicht überdrüssig und müde, wenn auch der Weg weit und die Reise lästig sein sollte.«

»Hm, es ist Schade, daß das Reisen zwischen dem lustigen England und diesen Colonien nicht schneller geht. Ich will mir nicht herausnehmen, einen Herrn zu belehren, der mir an Jahren und vielleicht auch an Kenntniß und Einsicht überlegen 108 ist; aber Gelegenheiten machen doch alles in dem Geschick eines Mannes aus. Es ist nicht mehr als Freundschaft, wenn ich Euch wissen lasse, würdiger Herr, daß sich die Ansichten zu Haus sehr geändert haben; es sind volle zwölf Monate, seit ich eine Zeile aus den Psalmen, oder einen Vers aus St. Paulus im Gespräch habe anführen hören, wenigstens nicht von Leuten, die überhaupt nur ihres Gefühls für Schicklichkeit wegen geachtet waren.«

»Diese Veränderung in der Redeweise mag besser Deinem weltlichen, als Deinem himmlischen Meister zusagen;« entgegnete Marcus Heathcote ernst.

»Schon gut, schon gut, damit Friede zwischen uns bestehe, so wollen wir nicht viele Worte um einen Text mehr oder weniger machen, wenn wir nur der Predigt selbst entgehen,« fuhr der Fremde fort, nicht länger irgend eine Zurückhaltung annehmend; ja er lachte mit ziemlicher Freimüthigkeit über seine eigene Verstellung, eine Lust, welche seine Gefährten mit großer Gutmüthigkeit theilten, und ohne viele Rücksicht und Ehrerbietung gegen die Begriffe Derer zu zeigen, unter deren Dach sie sich jetzt befanden. Ein kleiner glühender Fleck zeigte sich auf der blassen Wange des Puritaners, verschwand aber wieder, gleich einer vorübergehenden durch den Bruch der Lichtstrahlen hervorgebrachten, Täuschung. Selbst das sanfte Auge des Contentius leuchtete bei dieser Beleidigung, aber gleich seinem Vater sänftigte er durch lange Uebung in der Selbstverleugnung und ein nie schlummerndes Bewußtsein seiner eigenen Unvollkommenheiten den augenblicklichen Ausbruch seines Mißvergnügens.

»Wenn Du Vollmacht hast, die geheimsten Orte unserer Wohnung zu durchsuchen, so thue Deine Pflicht,« sagte er 109 mit einer gewissen Eigenthümlichkeit im Ausdruck, welche dazu diente, den Andern zu erinnern, daß, obwohl er in Auftrag des Stuarts kam, er sich doch an dem äußersten Ende seines Reichs befand, wo selbst das Ansehen eines Königs etwas von seiner Kraft verlor.

Seinem Vorgeben nach und vielleicht auch in Wahrheit seiner Unvorsichtigkeit sich bewußt, schickte sich der Fremde eiligst an, zur Ausführung seines Auftrags zu schreiten.

»Es würde eine große und mühesparende Vorkehrung sein,« sagte er, »wenn wir den ganzen Haushalt in einem und demselben Raum versammelten. Die Regierung daheim möchte gerne etwas von der Beschaffenheit ihrer Lehnsleute in jener fernen Gegend vernehmen. Du hast ohne Zweifel eine Glocke, die Leute zu bestimmten Zeiten zusammenzurufen.«

»Unsere Leute sind noch nahe an der Wohnung,« entgegnete Contentius, »wenn es Dir so gefällt, soll Niemand bei der Untersuchung fehlen.«

Da er in dem Auge des Andern las, daß er dies ernstlich wünschte, schritt der ruhige Ansiedler an das Thor und eine Muschel an den Mund haltend, blies er eines jener Zeichen, wie man sie so oft in den Wäldern die Familien nach Hause rufen hört, und wie sie gleichmäßig gebraucht werden zu Mitteln des friedlichen Heimrufs und der wilden Lärmbotschaft. Der Ton brachte bald Alle, die im Bereich seines Schalles sich befanden, in den Hof, wohin sich nun der Puritaner mit seinen unwillkommenen Gästen begab, da dies der am besten zu den Zwecken der Letzteren geeignete Ort war.

»Hallam,« sagte der Vornehmste von den Vieren, und wandte sich zu dem, der einstens, wenn er es nicht noch jetzt war, irgend ein Subalternoffizier in der Armee der Krone 110 gewesen sein mochte, da sein Anzug den Dragoner nur zur Hälfte verbarg. »Hallam,« sagte er, »ich überlasse es Dir, diese stattliche Versammlung zu unterhalten. Du magst die Zeit mit Gesprächen über die Eitelkeiten der Welt hinbringen, von welchen, wie ich glaube, Wenige besser geeignet sind, verständlich zu sprechen, als Du, oder auch einige Worte der Ermahnung, festzuhalten an dem Glauben, möchten mit dem gehörigen Gewicht von Deinen Lippen kommen. Aber sieh' zu, daß Niemand von Deiner Heerde wegstreicht, denn hier müssen alle diese Wesen zurückbleiben, stillstehend, wie das neugierige Weib Loth's, bis ich alle ihre schlauen Schlupfwinkel in Augenschein genommen habe. Nimm also die List zu Hülfe, und zeige Deine feine Erziehung als angenehmer Unterhalter!«

Nach diesem unehrerbietigen Auftrag an seinen Untergebenen kündigte der Beauftragende dem Contentius und seinem Vater an, er und seine noch übrigen Gefährten wollten jetzt zu einer mehr in's Einzelne gehenden Untersuchung der Außengebäude schreiten.

Als Marcus Heathcote sah, daß der Mann, der auf so rohe Weise in das friedliche Treiben seiner Familie eingedrungen war, sich anschickte, an's Werk zu gehen, trat er fest vor ihm her, ganz wie ein Mann, der eine strenge Untersuchung nicht scheut, und hieß ihn durch einen Wink ihm folgen. Der Fremde warf, vielleicht eben so sehr aus Gewohnheit, als absichtlich, zuerst einen leichtfertigen Blick auf die ringsum versammelten, davon erröthenden Mägde, schielte selbst nach der bescheidenen, sanftblickenden Ruth hin und nahm dann die Richtung, die ihm der Mann angedeutet hatte, 111 welcher so ganz ohne Zögern das Amt eines Führers übernommen.

Der Zweck dieser Untersuchung blieb noch immer Allen ein Geheimniß, außer Denjenigen, welche sie anstellten und dem Puritaner, welcher vermuthlich ihren Beweggrund in der geschriebenen Vollmacht gefunden, die seiner Einsicht vorgelegt worden. Daß sie von der gebührenden Behörde ausgegangen, daran konnte Niemand zweifeln, und daß sie gewissermaßen mit den Vorgängen zusammenhing, welche, wie man wußte, eine so plötzliche und große Veränderung in der Regierung des Mutterlandes hervorgebracht, das hielten Alle für wahrscheinlich. Trotz der scheinbaren Heimlichkeit dieses Vorgangs war die Untersuchung doch deswegen nicht weniger streng. Es wurden wenige Wohnungen von einiger Größe und einigen Ansprüchen in jenen Zeiten errichtet, die nicht gewisse geheime Orte enthielten, wo, wenn es Noth that, Kostbarkeiten und selbst Menschen versteckt werden konnten. Die Fremden zeigten große Vertrautheit mit der Art und Weise und der gewöhnlichen Lage dieser besondern verborgenen Schlupfwinkel. Kein Verschluß, keine Kiste, kein Schrank von einiger Größe entging ihrer Wachsamkeit, und gab eine Diele einen etwas hohlen Ton von sich, so mußte der Herr des Thals die Ursache davon erklären. In einem oder zwei Fällen wurden Bohlen mit Gewalt von ihrem Halt losgerissen und die Höhlungen darunter mit einer Aufmerksamkeit untersucht, die immer in dem Maße zunahm, als die fortgesetzte Haussuchung ohne Erfolg zu bleiben drohte.

Die Fremden schienen gereizt durch diese Vergeblichkeit ihres Forschens. Eine Stunde ward mit dem strengsten Nachforschen verbracht, und nichts hatte sich gezeigt, was sie ihrem 112 Ziele in Etwas näher gebracht hätte. Daß sie die Haussuchung mit mehr als gewöhnlich vertrauensvoller Voraussetzung eines günstigen Erfolgs begonnen, das konnte man an der Kühnheit abnehmen, an dem trotzigen Ton, in welchem ihr Häuptling sprach, und den spitzigen, persönlichen Anspielungen, denen er sich von Zeit zu Zeit, oft zu frei und immer auf Unkosten der Heathcote's, überließ, deren Unterwürfigkeit und Treue er verdächtig zu machen suchte. Als er nun aber die Gebäude alle durchsucht, als er alle ihre Theile vom Keller anfangend bis zu den Dachstübchen betreten und erforscht hatte, ward sein Aerger so heftig, daß er gewissermaßen die Oberhand über einen gewissen Anstrich von Bescheidenheit und Umsicht davontrug, welchen er bis jetzt bei all seiner Leichtfertigkeit beizubehalten sich bestrebt hatte.

»Hast Du nichts gesehen, Hallam?« fragte er den Mann, den er als Wache zurückgelassen, als sie auf ihrem Rückweg von dem letzten der Außengebäude über den Hof gingen, »oder haben die Spuren, die uns zu dieser fernen Ansiedelung geführt, sich als trüglich bewährt? Capitain Heathcote, Ihr habt gesehen, daß wir nicht ohne hinlängliche Vollmacht kommen, und ich bin auch berechtigt zu sagen, daß wir nicht ohne hinlängliche – –«

Sich selbst unterbrechend, als wenn er im Begriff wäre, mehr auszusprechen, als klug war, warf er plötzlich einen Blick auf das Blockhaus, und fragte nach dessen Bestimmung.

»Es ist, wie Du siehst, ein zu Zwecken der Vertheidigung aufgeführtes Gebäude,« entgegnete Marcus, »ein Gebäude, in welches im Fall eines Einbruchs der Wilden die Familie zu ihrer Sicherheit sich zurückziehen kann.«

»Ah, solche Citadellen sind mir nicht unbekannt; ich bin 113 schon auf andere während meiner Reise hierher getroffen, aber keine sah so furchtbar, so kriegerisch aus, als diese. Sie hat einen Soldaten zu ihrem Befehlshaber und könnte eine ziemliche Belagerung aushalten. Da dies ein Ort ist, welcher auf einige Wichtigkeit Ansprüche macht, so wollen wir etwas genauer seine Geheimnisse erforschen.«

Er gab alsdann seine Absicht zu erkennen, die Nachsuchung mit einer Durchforschung dieses Gebäudes zu beschließen. Contentius öffnete ohne Zögern die Thür und lud ihn ein, einzutreten.

»Auf mein Wort, der ich zu meiner Zeit manchen Feldzug mitgemacht habe, obwohl ich jetzt mit einem friedlicheren Auftrage beschäftigt bin, es möchte kein Kinderspiel sein, diesen Thurm ohne Geschütz wegzunehmen. Hätten Deine Kundschafter Dir Nachricht von unserer Annäherung gegeben, Capitain Heathcote, der Eingang hierher möchte uns schwieriger geworden sein, als wir ihn jetzt finden. Eine Leiter hier! Nun, wo die Mittel zum Aussteigen vorgefunden werden, muß auch Etwas sein, was uns veranlassen kann, aufzusteigen. Ich will Eure Waldluft von einem oberen Zimmer aus genießen.«

»Ihr werdet das Gemach oben wie das unten finden; nur zugerichtet zur Sicherheit der harmlosen Bewohner dieser Gebäude,« sagte Contentius, während er ruhig die Leiter vor die Fallthüre stellte, und dann selbst voran nach dem Stockwerk oben hinaufstieg.

»Hier haben wir Löcher für die Musketen,« rief der Fremde, mit Kennerblicken um sich schauend, »und stattlicher Schutz gegen Kugeln von Außen. Du hast Dein Gewerbe nicht vergessen, Capitain Heathcote, ich preise mich glücklich, Deine 114 Veste unversehens durch einen Ueberfall oder, vielmehr sollte ich sagen, in Freundschaft eingenommen zu haben, da der Friede zwischen uns noch nicht gebrochen ist. Aber warum haben wir hier so viel Hausgeräth an einem Ort, der offenbar nur zum Krieg ausgerüstet ist?«

»Du vergißt, daß Weiber und Kinder gezwungen werden können, in diesem Blockhause ihre Wohnung zu nehmen,« entgegnete Contentius. »Es würde wenig Umsicht verrathen, Dinge zu vergessen, die zu ihren Bedürfnissen nützlich und nöthig sein könnten.«

»Habt Ihr oft Unruhen mit den Wilden?« fragte der Fremde etwas hastig, »die Schwätzer in der Colonie haben uns doch gesagt, wir hätten von der Seite nichts zu fürchten.«

»Man kann nicht sagen, zu welcher Stunde Wesen ihrer wilden Gemüthsart es für dienlich erachten könnten, sich zu erheben. Die Grenzbewohner vernachlässigen daher nie eine gebührende Vorsicht.«

»Still!« unterbrach ihn der Fremde, »ich höre Fußtritte oben. Aha! so hat mich der Geruch doch nicht irre geführt! Halloh, Meister Hallam,« rief er aus einem der Schießlöcher, »laß Deine Salzsäulen zerschmelzen und komm hierher zu dem Thurm! Hier ist Arbeit für ein Regiment; denn wir kennen gar wohl den Charakter der Leute, mit welchen wir es zu thun haben.«

Die Wache im Hof rief ihren Gefährten in den Ställen zu, und dann offen und lärmend über die Aussicht auf einen endlichen Erfolg ihres Nachsuchens frohlockend, das ihnen bis jetzt manchen langen Tag hindurch vergebliche Beschäftigung und Anstrengung gemacht und zu manchem beschwerlichen, 115 anhaltenden Ritt sie gezwungen hatte, stürzten sie nach dem Blockhause zu.

»Nun, Ihr würdigen Lehnsmänner eines gnädigen Herrn,« sagte der Führer, als er sich durch sein ganzes bewaffnetes Gefolge den Rücken gedeckt sah, und nahm die Mienen und das Aeußere eines Mannes an, der sich seines Erfolges überhebt, »nun, bereitet mir jetzt schnell die Mittel, in das andere Stockwerk hinaufzusteigen. Ich habe dreimal den Fußtritt eines Menschen gehört, der über jenen Boden hinging. Ob er gleich leicht und vorsichtig war, so sind doch die Bohlen Plauderer und Ausschwätzer und haben nicht die gehörige Bildung und Schule.«

Contentius hörte das Verlangen, das so ziemlich in der Weise eines Befehles ausgesprochen wurde, ganz ruhig und gelassen an. Ohne weder Zögern oder Besorgniß zu verrathen, schickte er sich an, zu gehorchen. Er zog die leichte Leiter durch die Fallthüre unten, und stellte sie dann gegen eine über ihm; worauf er hinaufstieg und die Thüre aufhob. Er kehrte dann wieder auf den Boden unten zurück, und machte eine ruhige Geberde, welche andeuten sollte, wer wolle, könne hinaufsteigen. Aber die Fremden sahen einander mit sehr merklichen Zweifeln an. Keiner von den Geringeren schien geneigt, seinem Führer voran zu gehen, und dieser zögerte augenscheinlich und war noch über die Reihenfolge nicht im Klaren, in welcher es dienlich sein möchte, vorzuschreiten; denn vorschreiten mußte man.

»Gibt es keinen andern Weg hinaufzukommen, als durch diese enge Oeffnung?« fragte er.

»Nein. Du wirst die Leiter sicher und von nicht 116 schwieriger Höhe finden; sie ist zum Gebrauch von Weibern und Kindern bestimmt.«

»Ja,« murmelte der Offizier, »aber Eure Weiber und Kinder werden auch nicht aufgefordert, dem Teufel in menschlicher Gestalt entgegenzutreten. Burschen, sind Eure Waffen in dem dienstfähigen Stande? Hier möchte Muth von Nöthen sein, ehe wir an unsern – – Hst, bei dem göttlichen Recht unsers gnädigen Herrn und Königs, da geht sicher Jemand oben! Höre, mein Freund, Du kennst den Weg so gut, wir wollen vorziehen, Deiner Leitung zu folgen.«

Contentius, der nicht leicht durch gewöhnliche Begebenheiten den Gleichmuth seines Charakters stören ließ, willigte ruhig ein und stieg auf der Leiter voran, ganz so, als sähe er nicht den geringsten Grund zu Besorgnissen in der Unternehmung. Der Bevollmächtigte der Krone sprang nach ihm auf die Leiter, trug aber Sorge, sich so nah als möglich bei seinem Führer zu halten, und rief seinen Untergebenen zu, keine Zeit zu verlieren und ihm durch ihre Hülfe den Rücken frei zu halten. Der ganze Haufe stieg mit einem Eifer durch die Fallthüre, welcher nicht geringer war, als die Schnelligkeit, mit der sie durch eine gefährliche Bresche durchgedrungen sein würden, auch nahm sich keiner von den Vieren Zeit, das Gemach zu übersehen, welches sie eingenommen hatten, bis der ganze Haufe in Reih und Glied stand, die Hände theils an ihren Pistolen, theils instinctmäßig die Griffe ihrer Säbel suchend.

»Beim finstern Gesicht des Stuart!« rief die Hauptperson, nachdem sie sich durch ein langes, in seinen Hoffnungen betrogenes Hinstarren überzeugt hatte, daß, was sie sagte, wahr 117 sei, »hier befindet sich nichts als ein unbewaffneter indianischer Knabe!«

»Erwartetest Du sonst Etwas anzutreffen?« fragte der noch immer ganz ruhige Contentius.

»Hm, was wir anzutreffen erwarteten, ist hinlänglich jenem ruhigen alten Mann unten und unserem eigenen guten Verstand bekannt. Wenn Du daran zweifelst, daß wir ein Recht hatten, bis in Dein innerstes Herz hineinzusehen, so können wir Vollmacht für das, was wir thun, vorbringen. König Karl hatte eben nicht große Ursache, so verschwenderisch mit seinen Gnadenbezeugungen gegen die Bewohner der Colonieen zu sein, die nur ein zu williges Ohr dem Wimmern und Heucheln der Wölfe in Schafskleidern liehen, von denen sich Alt-England jetzt so glücklich befreit hat. Deine Gebäude sollen nochmals durchstöbert werden, von dem Mauerwerk des Schornsteins an bis zu dem Grundstein in Deinen Kellern, wenn Betrug und empörerische Hinterlist nicht aufgegeben und die Wahrheit nicht mit der Offenherzigkeit und der Würde eines kühnsprechenden Engländers eingestanden wird.«

»Ich weiß nicht, was Du die Würde eines kühnsprechenden Engländers nennst, da Würde der Rede nicht die Eigenschaft nur eines Volkes oder nur eines Landes ist; aber wohl weiß ich, daß Betrug sündlich ist, und wenig Betrug wird, wie ich demüthig vertraue, in dieser Ansiedelung ausgeübt. Ich weiß nicht, was Ihr sucht, und deswegen ist es unmöglich, daß ich Verrath im Sinne führe.«

»Du hörst es, Hallam! er bespricht noch eine Sache, die den Frieden und die Sicherheit des Königs angeht,« rief der Andere, während sein stolzes Benehmen immer wuchs, je mehr sich sein Aerger über die Täuschung seiner Erwartungen 118 vermehrte. »Aber warum ist dieser dunkelhäutige Knabe ein Gefangener? Wagst Du es, Dich zum Herrn über die Eingebornen dieses Continents zu erheben, und gibst Du Dir den Anschein, Handschellen und Kerker für Die in Bereitschaft zu haben, welche Deinen Unwillen auf sich ziehen?«

»Der Knabe ist in der That ein Gefangener, aber er ist eingekerkert worden zum Schutz für unser Leben, und hat sich über wenig mehr zu beklagen als über Verlust der Freiheit.«

»Ich werde diesen Vorfall genau untersuchen. Obgleich mit einem Geschäfte verschiedener Art beauftragt, nehme ich doch als ein Mann, dem eine wichtige Sache anvertraut worden, die Pflicht auf mich, jeden unterdrückten Unterthan der Krone zu schützen. Es können aus dieser Handlung Entdeckungen hervorgehen, Hallam, welche selbst geeignet sein möchten, vor den Rath gebracht zu werden.«

»Du wirst nur wenig hier finden, was der Zeit und Aufmerksamkeit von Männern würdig wäre, die mit der Sorge für ein ganzes Volk belastet sind,« entgegnete Contentius. »Der junge Heide wurde vergangene Nacht nahe bei unserer Wohnung im Hinterhalt gefunden, und wird hier, wo Du ihn siehst, festgehalten, damit er nicht Kunde von unserer Lage seinem Volke bringe, welches ohne Zweifel in dem Walde im Hinterhalt liegt, den günstigen Augenblick erwartend, seine bösen Pläne in Ausführung zu bringen.«

»Wie meinst Du das?« rief hastig der Andere; »in der Nähe, im Wald sagtest Du!«

»Man darf kaum daran zweifeln. Ein so junger Wilde wie dieser möchte kaum in bedeutender Entfernung von den Kriegern seines Stammes angetroffen werden; und dies um 119 so mehr, da er gerade in einem Hinterhalt aufgegriffen ward.«

»Ich hoffe, Deine Leute sind nicht ohne gute Vorräthe von Waffen und Kriegsbedarf und andern zureichenden Mitteln zum Widerstand. Die Pallisaden sind doch hoffentlich fest und die Pforten in gehörigem Vertheidigungszustande?«

»Wir haben ein eifriges Auge auf unsere Sicherheit; denn es ist uns Grenzbewohnern wohl bekannt, daß es ohne unablässige Wachsamkeit für uns wenig Sicherheit giebt. Die Leute waren an den Thoren bis zum Morgen, und wir hatten vor, einen genauen Streifzug in die Wälder zu veranstalten, sobald der Tag angebrochen sein würde, um nach den Zeichen zu spähen, die uns zu Schlüssen über die Anzahl und Zwecke jener Völker führen könnten, von denen wir umringt sind, doch Dein Besuch hat uns zu andern Pflichten gerufen.«

»Und warum sprecht Ihr so spät erst von diesem Vorhaben?« fragte der Bevollmächtigte des Königs, und begann mit argwöhnischer Eile die Leiter zuerst hinunterzusteigen. »Dies ist eine empfehlenswerthe Vorsicht und darf nicht aufgeschoben werden. Ich befehle auf meine eigene Verantwortlichkeit, daß man alle gehörige Sorgfalt trage, um die schwächeren Unterthanen der Krone, die hier sich zusammen gefunden haben, zu vertheidigen. Sind unsere Reitpferde tüchtig gefüttert; Hallam? – Die Pflicht ist, wie Du sagst, eine gebietende Herrscherin; sie ruft uns weiter in das Herz der Colonie. – Ich wünschte, sie möchte uns bald den Weg nach Europa zeigen!« murmelte er, als er den Boden erreichte. »Geht, Bursche, seht nach unseren Thieren und laßt sie eilig zum Aufbruch fertig machen!«

Das Gefolge, wenn sie auch sonst Leute von hinlänglichem 120 Muth im offenen Krieg waren, so lange dieser in einer Weise geführt ward, an die sie sich gewöhnt hatten, – dieses Gefolge verrieth doch, gleich andern Sterblichen, eine heilsame Ehrfurcht vor unbekannten und schrecklich aussehenden Gefahren. Es ist eine allgemein angenommene Wahrheit, eine Wahrheit, die durch die Erfahrung von zwei Jahrhunderten bewiesen worden, daß während der europäische Soldat immer sehr bereitwillig und schnell gewesen ist, seine Zuflucht zum Beistand der schrecklichen Krieger der amerikanischen Wälder zu nehmen, er doch in allen Fällen beinahe, wo Wiedervergeltung oder Zufall ihn aus einem Zuschauer zum Gegenstand der erbarmungslosen Weise ihres Kriegsführens machte, eine sehr heilsame und oft sehr unwürdige und lächerliche Furcht vor der Tapferkeit seines früheren Verbündeten verrathen hat. Während daher Contentius so standhaft und ruhig, wiewohl immer sehr ernsthaft, auf die besondere Gefahr sah, in welcher er sich befand, erblickten die vier Fremden, wie es schien, schon alle ihre Schrecken auf sich hereinbrechen, ohne irgend eine von den bekannten Vorsichtsmaßregeln auffinden zu können, um sie zu entfernen. Ihren Häuptling verließ schnell sein Amtsübermuth, und der mürrische Ton getäuschter Erwartung machte einer höflicheren Miene Platz; wie man oft Klugheit selbst die Gefühle weit höherer Personen umstimmen sieht, wenn ihre Lage einen andern Anstrich gewinnt, so nahm auch seine Sprache plötzlich einen Charakter der Versöhnung und Höflichkeit an.

Die Stubenmädchen wurden ferner nicht mehr beäugelt, die Frau vom Hause ward mit ausgezeichneter Ehrerbietung behandelt, und der Blick tiefer Ehrfurcht, womit selbst der Vornehmste des Haufens den bejahrten Puritaner anredete, 121 grenzte an eine Darlegung eines ganz besonders höflichen Benehmens. Man brachte einiges vor, gleichsam zur Entschuldigung der unangenehmen Anforderungen der Dienstpflicht, und sprach von dem Unterschied, der Statt fände zwischen einem Benehmen, das geheimer Zwecke wegen beobachtet werden müsse, und jenem, welches Natur und ein Sinn für Recht uns zu befolgen vorschrieben; aber weder Marcus noch sein Sohn schienen hinlänglichen Antheil an den Beweggründen ihres Besuchs zu nehmen, um sich Mühe zu geben, Erklärungen zu erwiedern, welche eben so unbehülflich von denen vorgebracht wurden, welche sie aussprachen, als sie unnöthig für Die waren, welche sie anhörten.

Weit entfernt, den Schritten der Familie von jetzt an noch mehr Hindernisse in den Weg zu legen, drängten sie vielmehr die Grenzbewohner nun ernstlich, ihre frühere Absicht, eine genaue Untersuchung der Waldungen ringsum vorzunehmen, jetzt in Ausführung zu bringen. Die Wohnung ward daher unter dem Oberbefehl des Puritaners der Obhut von ungefähr der Hälfte der Arbeiter anvertraut; diese sahen sich durch die Europäer unterstützt, welche, gleichsam einem instinctähnlichen Drange nachgebend, sich zur Besetzung des Blockhauses drängten; auch hatte ihr Anführer wiederholt und offen genug erklärt, daß, obwohl zu allen Zeiten bereit, sein Leben auf einer freien Ebene zu wagen, er doch einen unbezwingbaren Widerwillen in sich fühle, es in einem Dickicht der Gefahr auszusetzen.

Von Eben Dudley, Ruben Ring, und zwei andern stattlichen jungen Männern, wie alle wohl, obgleich leicht bewaffnet waren, begleitet, verließ hierauf Contentius die Pallisaden, und nahm seinen Weg nach dem Walde zu. Sie betraten 122 ihn am nächsten Punkte, immer mit der Vorsicht und Wachsamkeit vorschreitend, welche ein Bewußtsein der wahren Beschaffenheit der Gefahr giebt, der sie sich aussetzten, und welche Uebung allein gehörig zu modeln und anzuwenden lehren kann.

Die Methode bei diesem Auskundschaften war eben so einfach, als sie wahrscheinlich von Erfolg sein mußte. Die Kundschafter begannen mit einem Umgang um die Waldlichtung herum, und dehnten dann ihre Linie so weit aus, als dies geschehen durfte, ohne ihre Verbindung, sich wechselseitig Beistand zu leisten, aufzuheben. Jeder richtete seine Sinne aufmerksam auf die Zeichen von Fußtapfen oder von Lagerungen jener gefährlichen Feinde, von denen sie Grund zu fürchten hatten, sie lägen in der Nähe im Hinterhalt. Aber gleich dem eben vorgenommenen Suchen in den Gebäuden, war auch dies Auskundschaften eine lange Zeit hindurch von gar keinem Erfolg begleitet. Viele langwierige Meilen wurden langsam durchschritten, und mehr als die Hälfte ihrer Aufgabe war vollendet, und noch waren sie auf kein Zeichen von einem lebendigen Wesen getroffen, die sehr sichtbaren Spuren ihrer vier Gäste und die Tritte eines einzelnen Pferdes ausgenommen, welche längs eines Pfads hinliefen, die von jener Seite, von welcher, wie sie wußten, der Besuch der vorigen Nacht genaht war, zu den Ansiedelungen hinführte.

Keiner aus dem Haufen machte die geringste Bemerkung, als Jeder nach der Reihe fast in demselben Augenblick staunend an diesem Pfad stehen blieb und über ihn hinschritt, aber ein leiser Ruf von Ruben Ring, welcher bald nachher in ihr Ohr traf, machte, daß sie sich in einen Haufen auf der Stelle versammelten, von wo der Ruf hervorgedrungen war.

123 »Hier sind Spuren von Jemand, der zum Thal herausgeritten ist,« sagte der scharfsinnige Waldmann, »von Einem, der nicht zur Familie von Wish-Ton-Wish gehört, da sein Thier beschlagene Hufe hatte, ein Merkmal, das sich an keinem unserer Pferde findet.«

»Wir wollen folgen,« sagte Contentius, und schlug sogleich einen sich windenden Pfad ein, den, wie an vielen unzweideutigen Zeichen zu erkennen war, ein Pferd vor wenigen Stunden erst gebildet hatte. Ihr Suchen erreichte jedoch bald sein Ende. Ehe sie nur etwas weit gegangen waren, trafen sie auf den halbzerrissenen Körper eines todten Pferdes. Ueber den früheren Eigenthümer des armen Thieres konnte weiter kein Zweifel sein. Ein Raubthier, oder vielleicht mehrere hatten reichlich von dem frischen, fast noch blutenden Leichnam gezehrt, das verhinderte indeß nicht, an dem zerrissen umherliegenden Reitzeug sowohl, als an der Farbe und Größe des Thieres den Gaul wiederzuerkennen, den der unbekannte und geheimnißvolle Gast geritten, der, nachdem er an der Andacht und dem Abendessen der Familie von Wish-Ton-Wish Theil genommen, auf eine so seltsame und plötzliche Weise wieder verschwunden war.

Der lederne Mantelsack, die Waffen, die den Blick des alten Marcus so sehr gefesselt hatten, kurz Alles, nur der Körper und ein zerrissener Sattel ausgenommen, waren fort; aber, wie gesagt, was blieb, reichte hin, um über die Identität des Pferdes Gewißheit zu geben.

»Hier hat der Zahn des Wolfs gewirkt,« sagte Eben Dudley und blieb stehen, die Beschaffenheit einer weiten Wunde an dem Nacken zu untersuchen; »hier ist aber auch der Schnitt von einem Messer geschäftig gewesen; aber ob 124 dies von der Hand einer Rothhaut geschehen, das zu entscheiden, überschreitet die Kräfte meiner Kunst.«

Jeder Einzelne aus dem Haufen beugte sich jetzt neugierig über die Wunde hin, aber das Ergebniß ihrer Untersuchungen ging nicht weiter, als daß sie bestätigten, es sei dies unzweifelhaft das Pferd des Fremden, das sein Leben verloren. Zur Aufklärung über das Schicksal seines Herrn aber führte nicht die geringste Spur. Sie gaben daher die weitere Untersuchung auf, nachdem sie lange und erfolglos das todte Pferd betrachtet hatten, und schritten weiter, den Umgang um die Lichtung zu vollenden. Die Nacht war herangekommen, ehe das ermüdende Geschäft zu Ende gebracht worden.

Als Ruth an der Pforte, ängstlich ihrer Rückkehr harrend, dastand, konnte sie in der Miene ihres Mannes bemerken, daß, während Nichts sich gezeigt hatte, um einigen Grund zu weiteren Besorgnissen zu geben, doch auch kein genügendes Zeichen entdeckt worden, das die peinlichen Zweifel hätte aufhellen können, durch die sie als eine zärtliche und besorgte Mutter während des ganzen Tags beunruhigt worden war. 125

 

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