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Die Beweinte von Wish-Ton-Wish

James Fenimore Cooper: Die Beweinte von Wish-Ton-Wish - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
authorVon J. F. Cooper
publisherRob. Henrich's Verlagshandlung
addressBerlin
titleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
pages660
created20110829
modified20140825
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Zweites Kapitel.

              Sir, ich kenn' Euch wohl;
Und darf, von meiner Kunst dazu ermächtigt,
Ein theures Ding Euch anempfehlen.
König Lear.        

Gerade zur Zeit, wo die Handlung unserer Erzählung beginnt, neigte sich ein anmuthiger, fruchtreicher Herbst seinem Ende zu. Die Heuernte war längst vorüber und die geringeren Getreidearten eingebracht, als der jüngere Heathcote mit seinen Arbeitern einen Tag damit hinbrachte, den üppig aufgeschossenen Mais seiner Krone zu berauben, um die nährenden Blätter zu Futter in Sicherheit zu bringen, und der Sonne und Luft Zugang zu verschaffen, ein Korn zu härten, das beinahe als Stapelproduct der Gegend angesehen wird, welche er bewohnte. Der ältere Marcus Heathcote war unter den Arbeitern während ihres leichten Tagewerks herumgeritten, eben so sehr, um sich eines Anblicks zu erfreuen, der seinen Schafen und Viehherden Ueberfluß versprach, als um bei Gelegenheit eine heilsame, geistliche Vorschrift einzuwerfen, worin Lehrspitzfindigkeit weit hervorstechender war, als die Regeln für's Handeln. Die Tagelöhner seines Sohnes, dem er schon längst die Bewirthschaftung seines Gutes 22 übertragen hatte, waren ohne Ausnahme junge, im Land geborne Leute, und langer Gebrauch und vieles Lehren und Unterweisen hatte sie an ein Anknüpfen von religiösen Uebungen an die meisten Beschäftigungen des Lebens gewöhnt. Sie hörten daher mit Ehrerbietung zu, und kein gottloses Lächeln, kein ungeduldiger Blick entfuhr während seiner Ermahnungen auch nur dem Leichtsinnigsten von ihnen, obgleich die Homilien des alten Mannes weder sehr kurz noch besonders originell waren. Allein die Andacht gegen den großen Urheber ihres Daseins, strenge Sitten und unermüdetes Bestreben, die Flamme des Eifers lebendig zu erhalten, die in der andern Halbkugel angefacht worden, um am längsten und glänzendsten in dieser zu brennen; – Alles dies hatte den erwähnten Gebrauch mit den meisten der Ansichten und Vergnügungen dieses geistlich grübelnden, wiewohl einfachen Volkes eng verwebt. Die Arbeit ging der ungewöhnlichen Begleitung wegen nicht weniger munter fort, und Contentius selbst gefiel sich, wie in einer Art in ihm aufglimmenden Aberglauben, der immer im Geleit übermäßigen religiösen Eifers zu sein scheint; – er gefiel sich in dem Gedanken, die Sonne leuchte glänzender auf ihre Arbeiten herab, und die Erde bringe mehr ihrer Früchte hervor, so lange diese heiligen Gefühle von den Lippen eines Vaters flossen, den er eben so innig liebte, als tief verehrte.

Als nun aber die Sonne, wie dies zu der Jahreszeit in dem Clima von Connecticut gewöhnlich ist, gleich einer glänzenden, unverschleierten Kugel nach den Baumwipfeln sich herabsenkte, welche den westlichen Horizont begrenzten, da begann der Greis müde zu werden in seinen frommen Anstrengungen. Er schloß daher seine Rede mit der heilsamen 23 Ermahnung an die Jünglinge, ihr Werk zu vollenden, ehe sie das Feld verließen, wandte dann den Kopf seines Pferdes, und ritt langsam und sinnend auf die Wohnungen zu. Höchst wahrscheinlich waren des Capitains Gedanken in den geistigen Dingen vertieft, die er während des Tages so kräftig behandelt hatte, doch wichen sie dem Eindrucke weltlicher und sinnlicherer Gegenstände, als sein kleines Reitpferd von selbst auf einer geringen Anhöhe stehen blieb, über die der windungsvolle Viehpfad, den er verfolgte, hinlief. Da der Schauplatz, der seine Betrachtungen von so vielen abstracten Lehren zu den Wirklichkeiten des Lebens abzog, dem Lande eigenthümlich war, und mehr oder weniger auf den Gegenstand unserer Erzählung Einfluß hat, so werden wir versuchen, ihn kurz zu beschreiben.

Ein kleiner, dem Connecticut seinen Tribut zuführender Fluß theilte die Aussicht in zwei beinahe gleiche Theile. Die fruchtbaren Flächen, die sich an seinen beiden Ufern mehr als eine Meile weit hindehnten, waren frühzeitig ihrer Waldlast entledigt worden, und lagen jetzt als ruhige Wiesen oder als Felder da, von welchen das Getreide dieses Jahres eben erst verschwunden war, und auf denen der Pflug schon die Spuren kürzlichen Anbaus zurückgelassen hatte. Das Ganze der Ebene, die sich gelinde von dem Bach aus nach dem Walde zu erhob, war durch zahllose Zäune, die in der rohen aber festen Manier des Landes gezimmert waren, in Gehöfte eingetheilt. Stämme, bei denen Leichtigkeit und Sparsamkeit im Holz nur wenig beobachtet worden, lagen in Zickzacklinien durcheinander, den schützenden Annäherungen vergleichbar, welche der Belagerer in seinem vorsichtigen Vorschreiten gegen die feindliche Feste anwendet, und waren auf einander gehäuft, 24 bis durch sie Schranken von sieben bis acht Fuß Höhe den Einbrüchen des verwüstenden Viehes sich entgegenstellten. An einer Stelle hatte man einen großen viereckigen Raum vom Wald gelichtet, und obgleich zahllose Baumstämme ihre Oberfläche, wie selbst viele der Felder auf der Ebene, bedeckten, schoß doch hohes, glänzend grünes Getreide üppig aus dem reichen, jungfräulichen Boden hervor. Hoch oben auf der Seite eines anliegenden Hügels, der auf die Benennung eines mittelmäßigen Felsenberges hätte Anspruch machen können, war ein ähnlicher Einbruch in die Herrschaft des Waldes versucht worden, aber Laune oder Umstände hatten zu einem Aufgeben der Lichtung geführt, nachdem sie die Mühe des Holzfällens durch eine einzige Ernte schlecht belohnt hatte. An dieser Stelle sah man zerstreute, entrindete und folglich abgestorbene Bäume, Haufen von Stämmen, und schwarze, verbrannte Stücke die Schönheit einer Flur entstellen, die ohne dies durch ihre tiefe Lage in den Wäldern etwas Ergreifendes gehabt haben würde. Auch war ein großer Theil der Fläche dieser Lichtung jetzt durch die Gebüsche des Nachwuchs, wie man es nannte, versteckt; wiewohl hier und da Plätze sich zeigten, wo der üppige, dem Lande eigenthümliche weiße Klee auf das den Boden entblößende Grasen der Schafheerden gefolgt war. Marcus Augen waren forschend auf diese Lichtung gerichtet, welche, wenn man eine gerade Linie durch die Luft sich dachte, etwa eine halbe Meile von dem Ort entfernt sein mochte, wo sein Pferd stehen geblieben war; denn aus den Gebüschen tönte das Geläute von einem Dutzend harmonisch gestimmter Kuhglocken, welche von der stillen Abendluft voll Wohllaut seinen Ohren zugetragen wurden.

25 Die Spuren der Civilisation waren jedoch auf einer natürlichen Anhöhe und in deren unmittelbaren Umgebung am meisten zu bemerken. Diese Anhöhe erhob sich so plötzlich an dem Ufer des Baches selbst, daß sie dadurch fast den Anschein eines Werks der Kunst erhielt. Ob diese Anhöhen einst überall auf der Fläche des Landes sich vorfanden, und vor langem Anbau und Urbarmachung verschwunden sind, wollen wir ununtersucht lassen, aber wir haben Ursache, zu glauben, daß sie weit häufiger in einigen Theilen unseres eignen Vaterlandes, als in jeder andern, den gewöhnlichen Reisenden etwas genauer bekannt gewordenen Gegend, sich vorfinden, wenn dies nicht etwa in einigen Schweizerthälern der Fall ist. Der erfahrene Veteran hatte den Gipfel dieses abgestumpften Kegels zur Errichtung jener Art von militairischer Vertheidigung sich gewählt, welche die Lage des Landes und der Charakter des Feindes, vor dem er auf seiner Huth sein mußte, eben so rathsam als gewöhnlich machte.

Das Wohnhaus bestand aus dem gewöhnlichen Fachwerk von Holz mit dünnen Brettern bedeckt. Es war lang, niedrig, unregelmäßig, und trug Zeichen seiner allmäligen Aufführung zu verschiedenen Zeiten an sich, je nachdem die Bedürfnisse einer wachsenden Familie hinzukommenden Gelaß nothwendig gemacht hatten. Es stand nahe am Rande eines natürlichen Abhangs, und auf jener Seite des Hügels, wo dessen Fuß vom Bache bespült wurde. Ein roh gezimmerter Balcon lief, über den Fluß hinüberragend, längs der ganzen Vorderseite des Gebäudes. Mehrere rohe, unregelmäßige unbehülfliche Schornsteine ragten an verschiedenen Theilen aus dem Dache hervor, ein fernerer Beweis, daß man bei Anlage der Gebäude mehr die Bequemlichkeit, als den 26 Geschmack zu Rathe gezogen hatte. Nahe an den Wohngebäuden, und ebenfalls auf dem Gipfel des Hügels, standen noch zwei oder drei Außengebäude. Sie waren nicht nur so vertheilt, daß sie ihren verschiedenen Zwecken am besten entsprachen, sondern bildeten auch, wie selbst ein Fremder gleich bemerken mußte, in ihrer Ausdehnung die verschiedenen Seiten eines länglichen Vierecks. Indessen hätte man doch, trotz der großen Länge des Hauptgebäudes und der Stellung der geringern und abgesonderten Theile, diese wünschenswerthe Form nicht erlangt, wäre es nicht der Fall gewesen, daß zwei Reihen von rohen Gebäuden aus Baumstämmen, von welchen nicht einmal die Rinde abgeschält worden, dazu gedient hätten, die Seiten auszufüllen, die noch mangelhaft waren. Die einfachen Gebäude dienten theils zur Aufbewahrung verschiedener Haushaltungsgeräthschaften und Vorräthe, theils zu Wohnungen für die zahlreichen Arbeiter und die Dienerschaft des Gutes. Diejenigen Theile der Gebäude, die mit dem ursprünglichen Bau nicht genau zusammenhingen, wurden durch mehrere feste und hohe Thore aus behauenem Bauholz hinlänglich verbunden, und boten nun eben so viele Schranken gegen den Einlaß in den innern Hof dar.

Aber das Gebäude, welches durch seine Stellung eben so sehr als durch die Seltsamkeit seiner Bauart am meisten in die Augen fiel, stand auf einem niedrigen, künstlichen Hügel in der Mitte des Vierecks. Es war hoch, sechseckig der Form nach, und mit einem Dache versehen, das in eine Spitze auslief, von dessen Gipfel eine hochaufstrebende Windfahne sich erhob. Das Fundament war von Stein, aber eine Mannshöhe über der Erde bestanden die Seiten aus massiven, viereckigen Balken, welche sowohl unter einander durch künstliche 27 Fugen, als durch senkrechte, genau anschließende Stützen fest zusammenhielten. In diesem Fort, oder Blockhause, wie es von dem Stoff, woraus es bestand, mit einem technischen Ausdrucke genannt wurde, waren zwei verschiedene Reihen langer, enger Luftlöcher, aber keine regelmäßige Fenster; doch glitzerten die Strahlen der untergehenden Sonne an einer oder zwei kleinen Oeffnungen in dem Dache, in welche man auch Glas eingesetzt hatte, ein Beweis, daß der oberste Theil des Gebäudes zuweilen auch noch zu andern Zwecken als denen der bloßen Vertheidigung gebraucht ward.

Etwa halbwegs von Seiten der Anhöhe hinauf, auf welcher das Wohnhaus errichtet war, lief eine unterbrochene Reihe von hohen Pallisaden, die aus den Stämmen junger Bäume zubereitet worden und durch Bandeisen und horizontal anliegende Holzstücke fest zusammengedrängt wurden. Man hielt sie augenscheinlich, sorgsam und argwöhnisch, beständig in gutem Zustande. Das Ganze dieser Grenzfeste war niedlich und einladend und auch, wenn man bedachte, daß der Gebrauch des Geschützes in diesen Wäldern unbekannt war, gar nicht unkriegerisch.

In nicht bedeutender Entfernung vom Fuße des Hügels standen die Scheunen und Ställe. Sie waren von einer Reihe roh anbelegter aber warmer Hürden umgeben, unter welchen Schafe und Hornvieh gewöhnlich von den Stürmen der rauhen Winter jenes Klima's geborgen wurden. Die Flächen der unmittelbar die Außengebäude umgebenden Wiesen waren von einem lieblicheren und reicheren Schmelz als die in einiger Entfernung, und selbst die Zäune auf eine weit künstlichere und vielleicht dauerhaftere, jedoch kaum dem Zweck entsprechendere Weise angelegt. Ein großer Obstgarten, 28 vor zehn bis fünfzehn Jahren angepflanzt, erhöhte noch das kultivirte Aussehen dieses lachenden Thales in auffallenden und angenehmen Gegensatz mit den endlosen und fast unbewohnten Wäldern, von denen es umgeben war.

Von diesem unendlichen Walde ist unnöthig zu sprechen. Mit der einzigen Ausnahme auf der Bergseite und einem Windstoße hier und da, längs dessen die Bäume durch das wilde Wehen jener Orkane entwurzelt worden, die oft in einem Augenblick viele Morgen Waldung zu Boden legen, konnte das Auge keinen andern Gegenstand der Betrachtung in der weiten Darlegung dieses stillen ländlichen Gemäldes auffinden, als eben diese scheinbar endlose Verschlungenheit der Wildniß. Die oft unterbrochene Oberfläche des Bodens beschränkte jedoch die Aussicht auf einen Horizont von nicht bedeutender Ausdehnung, aber keine menschliche Kunst könnte je so lebendige, so heitere Farben ersinnen, wie die waren, welche das glänzende Laub der Wälder zeigte. Der scharfe durchdringende Frost, wie man ihn am Ende des Herbstes in Neu-England fühlt, hatte schon die breiten, gezackten Blätter der Ahornbäume berührt, und der plötzliche aber geheimnißvolle Prozeß auf alle die übrigen Verschiedenheiten der Waldgewächse eingewirkt, und jene magische Wirkung hervorgebracht, die nirgends zu sehen ist als in Gegenden, wo die Natur so reichlich und üppig im Sommer sich zeigt, und so plötzlich und ernst in den Veränderungen der Jahreszeiten ist.

Ueber dies Gemälde des Gedeihens und des Friedens umschweifte das Auge des alten Marcus Heathcote mit einem scharfen Ausdruck von weltlicher Klugheit. Da die schwermüthigen Töne der verschiedenartig gestimmten Heerdeglocken dumpf und klagend unter den Wölbungen des Waldes 29 herüberklangen, so gab ihm dies zur Vermuthung Anlaß, die Heerden seiner Besitzungen kehrten von selbst von ihrer unbegrenzten Waldweide heim. Schon kam sein Enkel, ein scharfsinniger hübscher und muthiger Knabe von ungefähr vierzehn Jahren, durch die Felder heran, eine kleine Schafheerde vor sich hertreibend, welche die Familie wegen häuslicher Bedürfnisse halten mußte, und zwar mit großem, oft wiederkehrendem Verlust und mit schwerem Aufwand von Zeit und Mühe, wodurch allein die Schafe gegen die Verheerungen der Raubthiere geschützt werden konnten. Ein etwas blödsinniger Knabe, den der alte Heathcote aus christlicher Liebe unter sein Gesinde aufgenommen und ihm ein Obdach gegeben hatte, sah man fast in gerader Linie mit der aufgegebenen Lichtung auf der Bergseite aus den Wäldern heraustreten. Dieser trieb eine Rudel Füllen durch immerwährendes Schreien und Rufen vor sich her, die eben so struppig, wild und fast eben so ungezähmt waren, als er selbst.

»So, so, Du Schwachsinniger,« sagte der Puritaner mit einem strengen Blick, als die beiden Knaben mit ihren verschiedenen Heerden und fast in demselben Augenblick bei ihm angelangten, »wie Junge, plagst Du so das Vieh auf seinem Wege, wenn das Auge der Verständigen von Dir abgewandt ist? ›Thue Anderen, wie Du willst, daß Dir gethan werde,‹ ist eine gerechte und heilsame Lehre, welche die Weisen und die Einfältigen, die schwachen und die starken Geistes sind, gleich oft in ihre Gedanken und Handlungen zurückrufen sollten. Ich weiß nicht, daß ein gehetztes Füllen überhaupt nur geeigneter ist, mit der Zeit ein sanftes und nutzbares Thier abzugeben, als ein mit Güte und Sorgfalt behandeltes!«

»Ich glaube, der böse Feind ist in die Kühe und in die 30 Füllen nicht weniger gefahren,« entgegnete trotzig der Bursche; »ich habe ihnen im Grimm zugerufen und zu ihnen gesprochen, als ob sie meines Gleichen und von demselben Geschlecht mit mir wären, und doch können weder gute Worte noch wilde Reden sie dazu bringen, auf meine Stimme zu achten. Es ist etwas Furchtbares in den Wäldern, Herr, seit diesem Sonnenuntergang, sonst würden nicht Fohlen, die ich den ganzen Sommer über getrieben habe, es sich einfallen lassen, dieses ungehörige Betragen gegen Einen anzunehmen, von dem sie wissen müssen, daß er ihr bester Freund ist.«

»Deine Schafe sind doch gezählt, Marcus?« begann der Großvater wieder, indem er sich mit weniger strenger, aber immer gebietender Miene gegen seinen Nachkommen wandte; »Deine Mutter kann die Schur keines Schafes entbehren, wenn sie Dich und Deines Gleichen mit Kleidung versorgen soll; Du weißt, Kind, daß wir der Thiere nur wenige haben, und daß unsere Winter langwierig und kalt sind.«

»Meiner Mutter Rocken soll nie durch Nachlässigkeit von meiner Seite leer stehen,« entgegnete der sich vertrauende Knabe; »aber Zählen und Wünschen kann nicht siebenunddreißig Stück herbeischaffen, wo nur sechsunddreißig Fließe zum Treiben sich vorfinden. Ich habe eine Stunde lang unter den Brombeersträuchen und Gebüschen an dem Hügel herumgeforscht und nach dem verlornen Hammel gesucht, und doch ist weder Klaue, Flocke, Haut noch Horn zu finden, das etwa verrathen könnte, was aus dem Thier geworden.«

»So hast Du also ein Schaf verloren! – Diese Nachlässigkeit wird Deine Mutter sehr betrüben.«

»Großvater, ich bin nicht nachlässig gewesen. Seit der letzten Jagd hat man die Heerden überall in den Wäldern 31 herumweiden lassen, denn Niemand hat in der ganzen Woche einen Wolf, Panther oder Bären gesehen, obgleich das Land von dem großen Strom bis zu den äußern Ansiedelungen der Colonie auf den Beinen war. Das größte, vierfüßige Thier, das seinen Balg bei dem Streifjagen ließ, war ein dünnrippiges Reh und die heftigste Schlacht, die geliefert wurde, entspann sich zwischen dem Whittal Ring da und einer Auerhenne, die ihn den größten Theil des Nachmittags auf Armslänge von sich entfernt hielt.«

»Deine Erzählung mag wahr sein, aber sie hilft uns nicht finden was verloren ist, und macht die Zahl von der Heerde Deiner Mutter nicht vollzählig. Bist Du sorgsam durch die Waldlichtung geritten? Es ist noch nicht lange her, daß ich die Thiere in jener Richtung weiden sah. Was zerzaust Du da in Deinen Fingern auf so undankbare, zerstörende Weise, Whittal?«

»Was eine Winterdecke abgeben würde, wenn genug davon da wäre! Wolle! und zwar Wolle, die vom Schenkel des alten Straffhorns herrührt, oder ich müßte ein Schafbein nicht mehr kennen, das immer beim Scheeren die längste und krauseste Flocke gibt.«

»Das scheint in der That Wolle von dem Thier, welches uns fehlt,« rief der andere Knabe. »Es findet sich kein zweites Schaf in der ganzen Heerde, das ein so krauses und langes Fließ hat. Wo fandest Du die Handvoll, Whittal Ring?«

»Auf dem Zweige eines Dornbusches wachsen. Kuriose Frucht ist's, Herr, an einem Ort, wo junge Beeren reifen sollten.«

»Geh, geh,« unterbrach ihn der Alte, »Du säumst 32 und verbringst die Zeit mit eitlem Gerede. Geh, bringe Deine Heerde in die Hürde, Marcus; und Du, Schwachsinniger, treibe Deine Schutzbefohlenen mit weniger Lärm ein, als Du pflegst. Wir sollten uns erinnern, daß die Stimme dem Menschen gegeben ist: erstlich, damit er den Segen des Dankens und Flehens empfinde; zweitens, daß er die Gaben, die ihm etwa verliehen worden, Andern mittheile, wie denn dies zu versuchen seine vornehmste Pflicht ist; und dann auch drittens: um seine Bedürfnisse und Wünsche zu äußern und an den Tag zu legen.«

Mit dieser Ermahnung, die wahrscheinlich aus dem geheimen Bewußtsein des Puritaners floß, er habe eine vorübergehende Wolke des Eigennutzes den Glanz seines Glaubens trüben lassen, trennten sich die drei. Der Enkel und der Dienstbursche nahmen jeder seinen Weg nach den Hürden, während der alte Marcus selbst langsam seinen Ritt nach dem Wohnhause fortsetzte. Es war nahe genug der Dämmerung, um die Vorkehrungen nöthig zu machen, die wir eben erwähnt haben; doch machte nichts Drängendes dem alten Marcus besondere Eile nöthig, unter das Obdach und den Schutz seiner bequemen und sichern Wohnung zurückzukommen. Er zögerte daher auf seinem Pfad und hielt gelegentlich stille, um sich an der Aussicht auf die neue Ernte zu erfreuen, die schon mit großer Schnelligkeit für das kommende Jahr hervorzuschießen begann. Zu Zeiten richtete er seinen Blick auf den ganzen beschränkten Horizont um ihn her, ganz wie Jemand, dem übermäßige und unablässige Wachsamkeit zur Gewohnheit geworden.

Einer dieser zahlreichen, sinnenden Blicke versprach weit länger dauern zu wollen, als gewöhnlich. Statt sein 33 verständiges Auge auf das Getreide zu heften, schien der Blick des alten Mannes, wie durch einen Zauber, auf einen fernen, dunkeln Gegenstand gerichtet. Zweifel und Ungewißheit mischten sich mehrere Minuten lang in seinen Mienen. Aber alles Zögern war augenscheinlich gewichen, als seine Lippen sich trennten, und er, vielleicht ohne es zu wissen, laut mit sich sprach:

»Es ist keine Täuschung,« waren die leisen Worte; »sondern ein lebendiges und der Verantwortung fähiges Geschöpf des Herrn. Viele Tage sind vorübergegangen, seit solch ein Anblick sich diesem Thale darbot; aber mein Auge müßte mich sehr betrügen, oder dort kömmt Jemand, der im Begriff ist, um Gastfreundschaft und vielleicht um christliche, brüderliche Verbindung zu flehen.«

Das Auge hatte den bejahrten Ausgewanderten nicht getäuscht. Es kam allerdings ein Reisender, abgematteten und müden Aussehens, zum Walde herausgeritten, an einem Punkte, wo ein Pfad, der leichter an den verkohlten Bäumen, die an seinen Seiten lagen, als durch sonst eine Bezeichnung auf der Erde selbst, erkannt werden konnte, in das urbar gemachte Land hinauslief. Das Fortschreiten des Fremden war zuerst so vorsichtig und langsam gewesen, daß daran ein Anstrich übermäßiger und geheimnißvoller Besorgniß nicht zu verkennen war. Der breite Weg, auf dem er lange und scharf geritten sein mußt, wenn die Nacht ihn nicht im Gehölze überfallen sollte, führte nach einer der fernen Ansiedelungen, welche nahe den Ufern des Connecticut lagen. Nur selten folgte Jemand ihren Windungen, es sei denn, daß ganz besondere Geschäfte oder sonst eine ungewöhnliche Zusammenkunft, vermöge inniger Freundschaft, ihn zu den Eigenthümern von 34 Wish-Ton-Wish zu kommen nöthigten, – so nannte man zum Andenken an den ersten Vogel, der den Auswanderern zu Gesicht gekommen, das Thal der Heathcote's.

Sobald er einmal vollkommen bemerkt worden, verschwand auch dem Fremdling jeder Zweifel, jede Besorgniß, die er anfangs gehegt haben mochte. Er ritt kühn und standhaft vorwärts, bis er den Zügel, welchem sein abgemattetes, müdes Thier gern gehorchte, einige Schritte von dem Eigenthümer des Thals anzog. Dieser hatte beständig mit aufmerksamem Spähen alle seine Bewegungen von dem Augenblick an, wo er ihm zuerst zu Gesicht gekommen, bewacht.

Ohne nur ein Wort zu sprechen, stieg der Fremde, ein Mann, dessen Haupt, dem Anschein nach, eben so sehr durch Mühen und Unglück, als durch die Zeit grau geworden, und dessen schweres Gewicht bei einem langen Ritt selbst für ein besser beschaffenes Thier, als die wenig begabte Provinzmähre, auf der er saß, eine beschwerliche Last gewesen, von seinem Pferde ab, und warf die Zügel lose auf den gebeugten Nacken des Thieres. Dieses benutzte, ohne einen Augenblick Aufschub und mit Gier, welche lange Enthaltung verrieth, seine Freiheit, und graste an der Stelle selbst, wo es stand.

»Ich kann mich nicht irren, wenn ich voraussetze, daß ich endlich das Thal von Wish-Ton-Wish erreicht habe,« sagte der Reisende, indem er einen beschmutzten, breiträndigen Biberhut, der sein Gesicht über die Hälfte bedeckte, grüßend mit der Hand berührte. Die Frage geschah in einem Englisch, das eine Abkunft von den Bewohnern der inneren Provinzen des Mutterlandes bezeichnete und nicht in dem, welches man noch jetzt eben im westlichen Theile Englands, dessen Spuren sich in den östlichen Theilen der Vereinigten Staaten 35 wiederfinden, spricht. Aber ungeachtet der Reinheit seiner Aussprache war doch die Form, in die er seine Rede einkleidete, hinreichend, um zu erkennen, daß er der Weise der Religionssecten jener Zeiten aufs Strengste zugethan war. Er hatte jenen abgemessenen, methodistischen Ton an sich, von welchem man, sonderbar genug, glaubte, er bezeichne eine völlige Abwesenheit von aller Affectation in der Sprache.

»Du hast die Wohnung dessen, den Du suchest, erreicht; die Wohnung eines Mannes, der ein demüthiger Knecht ist in der Abgeschiedenheit von der Welt, und ein einfacher Diener in den Außenhallen des Tempels.«

»Ihr seid dann Marcus Heathcote!« rief der Fremde mehrere Male angelegentlich, und betrachtete den Andern mit einem Blick langer und vielleicht verdachtvoller Forschung.

»Das ist der Name, den ich führe. Ein gebührendes Vertrauen auf Den, der so wohl weiß, die Wildnisse in Wohnungen der Menschen umzuwandeln, und viele Leiden und Arbeit haben mich zum Herrn Dessen, was Du siehst, gemacht. Ob Du nun kommst, eine Nacht, eine Woche, einen Monat, oder selbst noch längere Zeit zu verweilen, als einen Bruder für's Heil besorgt, als einen Kämpfer, der, ich zweifle nicht, nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit strebt, heiß ich Dich willkommen.«

Der Fremde dankte seinem Wirth mit einer leichten Verbeugung; aber das Anstarren, in das sich jetzt etwas von dem Blick des Wiedererkennens zu mischen begann, war noch zu ernst und immer zunehmend, um eine Entgegnung in Worten zuzulassen. Andererseits, obgleich der Alte den breiten, alten Biberhut, die grobe und abgetragene Jacke, die schweren Stiefel, kurz den ganzen Anzug seines Gastes musterte, worin 36 er kein eitles Nachgeben gegen die thörichte Tracht der Welt zu tadeln fand, war es doch klar, daß von seiner Seite persönliches Wiedererkennen nicht den geringsten Einfluß auf Belebung seiner Gastfreundschaft hatte.

»Du bist zur rechten Zeit angekommen,« fuhr der Puritaner fort; »hätte die Nacht Dich in dem Walde überfallen, so würden, wenn Du in den Künsten unserer jungen Waldleute nicht besonders erfahren bist, Hunger, Frost, ein Bett von Reisig und Mangel an Nahrung Dir Veranlassung gegeben haben, mehr an den Leib zu denken, als weder heilsam noch geziemend ist.«

Der Fremde mußte wohl das Unbequeme dieser verschiedenen Unannehmlichkeiten schon erfahren haben, denn der schnelle, sich selber unbewußte Blick, den er auf seinen abgetragenen Anzug warf, hätte schon einige Vertrautheit mit den Entbehrungen verrathen mögen, auf welche sein Wirth hindeutete. Da doch keiner von Beiden geneigt schien, ferner noch die Zeit mit dem Besprechen von Dingen von so geringer Wichtigkeit zu verlieren, so steckte der Reisende seinen Arm durch die Zügel seines Pferdes, und schlug, einer Einladung von Seiten des Eigenthümers der Wohnung folgend, mit diesem den Weg nach dem befestigten Gebäude auf dem natürlichen Hügel ein.

Whittal Ring besorgte Streu und Futter für das abgemattete Thier, unter der Aufsicht und manchmal auch unter der Anleitung seines Besitzers und seines Wirthes, denn Beide trugen eine gütige und lobenswerthe Sorge für das Wohlbefinden des treuen Thieres, welches augenscheinlich in dem Dienst seines Herrn lang und viel gelitten hatte. Als sie dieser Pflicht nachgekommen, traten der Alte und sein 37 unbekannter Gast in das Haus ein, da die freimüthige, anspruchlose Gastfreundschaft eines Landes, wie das, worin sie sich befanden, Verdacht oder Zögerung als Dinge hinstellte, die einem Manne von weißer Abkunft unbekannt waren, besonders, wenn er der Sprache jener Insel sich bediente, welche damals zuerst ihre Schwärme aussandte, um einen so großen Theil jenes Continents sich zu unterwerfen und in Besitz zu nehmen, welcher fast die eine Hälfte unserer Erde ausmacht. 38

 

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