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Die Beweinte von Wish-Ton-Wish

James Fenimore Cooper: Die Beweinte von Wish-Ton-Wish - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
authorVon J. F. Cooper
publisherRob. Henrich's Verlagshandlung
addressBerlin
titleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
pages660
created20110829
modified20140825
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Sechszehntes Kapitel.

Wo Schweigen herrscht, da stirbst Du nicht,
Da fließt der Thräne Zoll herab;
Geliebt, bis reizlos wird das Licht;
Betrau'rt bis Mitleid sinkt in's Grab.
Collins.          

Eine Stunde später, und die Hauptpersonen in dem vorhergehenden Auftritte waren verschwunden. Es blieben nur des Häuptlings Wittwe, Dudley, der Geistliche und Whittal Ring.

Conanchets Leichnam blieb noch, wo er entseelt hingefallen, in der sitzenden Stellung eines Häuptlings im Rathe. Die Tochter von Contentius und Ruth hatte sich an seine Seite geschlichen und ihren Sitz in jener Art dumpfer Trauer eingenommen, welche so häufig die ersten Augenblicke jeder unerwarteten, betäubenden Betrübniß begleitet. Sie sprach nicht, schluchzte nicht, zeigte ihre Betrübniß auf keine der Weisen, wie sonst wohl der Gram den menschlichen Leib zu ergreifen pflegt. Die Seele schien gelähmt, doch zeigte sich eine zerstörende, alles zerschlagende Spur, von dem Streich des Unglücks mächtig eingegraben, in jedem Zug ihres sprechenden Antlitzes. Die Farbe war von ihren Wangen 330 gewichen; die Lippen waren bleich, während sie zu Zeiten krampfhaft zuckten, ganz wie die zitternden Bewegungen des schlummernden Kindes, und in langen Zwischenräumen erhob sich ihr Busen, als wenn der Geist innen mächtig ränge, seinem irdischen Kerker zu entfliehen. Das Kind lag unbemerkt an ihrer Seite, und Whittal Ring hatte sich ihr gegenüber an die Leiche hingestellt.

Die beiden von der Colonie ernannten Bevollmächtigten, die bei Conanchet's Hinrichtung zugegen sein sollten, standen in der Nähe und starrten trauernd auf das rührendste Schauspiel hin. Sobald der Geist des Verurtheilten entflohen, hatten die Gebete des Geistlichen aufgehört; denn er glaubte, daß alsdann die Seele in's Gericht gegangen. Indeß zeigte sich mehr Menschenliebe und weniger von jener übertriebenen Strenge, als dies sonst gewöhnlich war, in seinem Aeußern; Mitgefühl schien eingegraben in tiefen Furchen seines sonst so kalternsten Angesichtes. Jetzt, da die That geschehen, und die Erregung seiner überspannten Lehrmeinungen nachgelassen, und den positiveren Eindrücken des Erfolgs Platz gemacht, mochte er selbst Augenblicke peinigender Zweifel in Hinsicht der Rechtmäßigkeit einer Handlung haben, welche er bis jetzt unter die Formen einer gesetzlichen, nothwendigen Ausübung der Gerechtigkeit verschleiert hatte. Eben Dudley's Gemüth wurde durch nichts von jenen Spitzfindigkeiten der Lehre und des Gesetzes schwankend und zweifelhaft gemacht. Da weit weniger Ueberspannung in seinen ursprünglichen Ansichten über die Nothwendigkeit des Schrittes sich vorgefunden, so zeigte er dagegen jetzt, als er die Ausführung und den Erfolg vor sich sah, mehr Beständigkeit und Fassung. Gefühle, ja man konnte sagen Empfindungen, von 331 ganz verschiedener Art, beunruhigten die Brust dieses entschlossenen aber rechtlich gesinnten Grenzmannes.

»Das ist eine traurige Heimsuchung der Nothwendigkeit gewesen, eine strenge Offenbarung des vorherbestimmenden Willen Gottes,« sagte der Fähnrich, während er auf das traurige Schauspiel vor ihm hinstarrte. »Vater und Sohn sind beide, so zu sagen, in meiner Gegenwart gestorben; und beide sind abgeschieden in jene Welt der Geister auf eine Weise, woran man die Unerforschlichkeit der Rathschläge der Vorsehung zu erkennen vermag. Aber gewahrst Du nicht hier in dem Antlitz jener, die gleich einer Gestalt von Stein sieht, Spuren eines Antlitzes, das Dir vertraut und bekannt ist?«

»Du willst auf eine Aehnlichkeit mit der Gattin des Capitains Contentius Heathcote hinweisen?«

»Sicher, und darauf allein. Ihr seid nicht, ehrwürdiger Herr, lange genug in Wish-Ton-Wish, um Euch jener Frau in ihrer Jugend zu erinnern. Aber mir scheint die Stunde, wo der Capitain seine Leute in die Wildniß führte, nur gleich einem Morgen des vergangenen Jahres. Ich war damals stark und behend auf den Beinen und etwas eitelsüchtig in Gedanken und Reden. Auf jener Reise war's, wo die Frau, welche jetzt die Mutter meiner Kinder ist, und ich, zuerst mit einander bekannt wurden. Ich habe viele niedliche Frauen meiner Zeit gesehen, aber nie schaute ich auf eine, die so anmuthig gewesen für's Auge, als die Gattin des Capitains bis zu jener Nacht war, wo der Brand vorfiel. Du hast oft von dem Verlust reden hören, der sie damals traf; und von jener Stunde an ist ihre Schönheit die des Herbstblattes, und nicht mehr die der Frühlingsblume. Sieh jetzt auf das 332 Antlitz jener Trauernden, und sag mir, ob Du dort nicht ein Bild findest, ganz so wiedergegeben und ausgedrückt, wie etwa der überhangende Busch im Wasser sich abspiegelt. In der That, ich konnte mir fast einbilden, es sei dies das trauernde Auge, der beraubte, trostlose Blick der Mutter selbst.«

»Der Gram hat seine Streiche schwer auf dieses unschuldige, arglose Opfer hereinbrechen lassen,« sprach Meek mit großer, beherrschter Milde in seinem Aeußern. »Die Stimme des Gebets und der Fürbitte müssen wir für sie erheben, sonst – –«

»Pst, – es ist Jemand in der Nähe, ich höre das Rascheln der Blätter!«

»Die Stimme Dessen, der die Welt gemacht, flüstert im Winde; sein Athem gibt der Natur Bewegung!«

»Nein, es sind lebendige, menschliche Wesen! – Aber zum Glück ist ihr Nahen friedlich; und ferner werden wir des Kampfes nicht nöthig haben. Das Herz eines Vaters ist so sicher und leitet so verlässig als ein schneller Fuß und ein scharfes Auge!«

Dudley ließ seine Muskete neben sich zu Boden fallen, und beide, er und sein Gefährte, nahmen eine Stellung geziemender Haltung an, und erwarteten so die Ankunft derer, welche sich näherten. Der Haufen, welcher herankam, nahte von der dem Baum, an welchem Conanchet's Tod sich ereignet hatte, entgegengesetzten Seite. Der ungewöhnlich dicke Stamm und die hohen Wurzeln der Tanne verbargen die Gruppe an dem Boden desselben, aber Sanftmuth's und des Fähnrichs Gestalt wurden bald bemerkt. Sobald man 333 sie ansichtig geworden, lenkte der, welcher den Ankommenden als Führer diente, seine Schritte jener Richtung zu.

»Wenn, wie Du angenommen, der Narragansett sie, die Du so lange betrauert hast, nochmals in den Wald führte,« sagte Traugott, der die Andern leitete, »so sind wir hier in nicht bedeutender Entfernung von der Stelle seines Aufenthalts. Nahe an diesem Felsen traf er mit dem blutgierigen Philipp zusammen, und die Stelle, wo er ein nutzloses, gramerfülltes Leben mir rettete, liegt innerhalb jenes Dickichts, welches den Bach einsäumt. Dieser Diener des Herrn und unser wackerer Freund, der Fähnrich, könnten uns vielleicht noch etwas Weiteres von seinen Bewegungen sagen.«

Der Sprechende war in einer geringen Entfernung von den beiden Genannten, stehen geblieben, aber es geschah dies immer noch auf der Seite des Baumes, die der, wo der Leichnam lag, entgegengesetzt war. Er hatte diese Worte an Contentius gerichtet, der auch stehen geblieben, die Ankunft der Ruth zu erwarten, welche hinter ihnen kam. Sie stützte sich auf ihren Sohn und war von Fidel und dem Arzt begleitet, die mitgekommen waren, um die Wiederverlorne zu suchen. Das Mutterherz hatte die schwache Frau manche lange Meile hindurch aufrecht erhalten, aber ihre Schritte waren kurz vorher, ehe sie so glücklicher Weise auf Spuren von menschlichen Wesen getroffen, nahe der Stelle, wo sie jetzt die beiden Bevollmächtigten der Colonie erblickten, allmälich schleppend, strauchelnd und wankend geworden.

Trotz des hohen Antheils, den alle an den verschiedenen Schritten und Bemühungen jedes Einzelnen nehmen mußten, aus welchen die beiden Haufen bestanden, fand doch das Zusammentreffen ohne alle lebhafteren Aeußerungen von 334 Gefühl und Theilnahme auf beiden Seiten Statt. Für sie hatte ein Zug in dem Walde nichts Neues mehr, und nachdem einen ganzen Tag lang alle Windungen und Irrgänge der Baumverschlingungen von ihnen durchwandert worden, traten doch die Neuangekommenen zu ihren Freunden, ganz wie Leute in weit mehr begangenen Strichen in Ländern auf einander zu treffen pflegen, wo Straßen ganz unvermeidlich die Einzelnen zusammenführen und sie gleichsam zwingen, eines des andern Weg zu durchkreuzen. Selbst Traugott's Erscheinen, der an der Spitze der Reisenden einherzog, entlockte den unbewegten Zügen derer, welche seine Annäherung mit ansahen, keine Zeichen des Erstaunens. In der That, die gegenseitige unbewegte Haltung eines Mannes, der so lange sich versteckt gehalten, und derer, welche mehr als einmal in gefährlichen, geheimnißvollen Vorfällen ihn plötzlich wieder gesehen hatten, hätte die Vermuthung rechtfertigen können, das Geheimniß seiner Gegenwart in der Nähe des Thals sei nicht auf die Familie der Heathcote beschränkt gewesen. Diese Ansicht wird um so wahrscheinlicher, wenn man sich an Dudley's ehrliche Gemüthsart und den Amtscharakter der beiden Andern erinnert.

»Wir verfolgen die Spur eines Wesens, das uns entflohen, wie das halb zahme Reh dem Schutz seiner Wälder wieder zueilt,« sagte Contentius. »Unsere Jagd ging in's Unbestimmte hin; und könnte leicht als eitel und vergebens sich erwiesen haben, da so viele Spuren und Tritte kürzlich erst den Wald durchkreuzten, wenn nicht die Vorsehung unsern Weg mit dem unseres Freundes hier zusammengeführt, der Grund zu glauben hat, er kenne die vermuthliche Stelle des indianischen Lagers. Hast Du etwas von dem Sachem 335 der Narragansett gesehen, Dudley? und wo sind die, welche Du gegen den arglistigen, gewandten Philipp geführt? Daß Du mit seinem Haufen zusammengetroffen, haben wir schon gehört; indeß haben wir alles Weitere als Deinen Erfolg im Allgemeinen von Dir noch zu vernehmen. Der Wampanoag ist Dir also entwischt?«

»Die höllischen, verruchten Mächte, die ihn in seinen Plänen unterstützen, halfen dem Wilden in seiner Noth. Sonst würde sein Loos das gewesen sein, welches, fürchte ich, ein weit Würdigerer vom Schicksal zu erdulden bestimmt war.«

»Von wem sprichst Du? Aber was liegt daran; – wir suchen unser Kind; sie, die Du gekannt hast, die Du vor Kurzem erst gesehen, sie hat uns nochmals verlassen. Wir suchen sie in dem Lager dessen, der ihr – – Dudley hast Du etwas von dem Narragansett-Sachem gesehen?«

Der Fähnrich blickte auf Ruth, wie man ihn sonst vorher auf die gramerfüllten Züge der trauernden Frau hatte hinstarren sehen, aber er antwortete nicht. Meek faltete die Hände auf seiner Brust und schien im Stillen zu beten. Doch fand sich einer, der das Schweigen brach, obwohl seine Worte dumpf und drohend waren.

»Es war eine blutige That!« murmelte der Blödsinnige. »Der lügenhafte Mohikaner hat einen großen Häuptling hinterlistig erschlagen. Er mag die Tritte seines Mokasins mit den Nägeln gleich einem sich vergrabenden Fuchse von dem Boden wegkratzen, denn Einer wird auf seiner Spur sein, ehe er sein Haupt verstecken kann. Nipset wird mit dem nächsten Schnee ein Krieger werden!«

»Da spricht mein übelberathener Bruder!« rief Fidel 336 und sprang vor – – sie bebte zurück, verhüllte mit den Händen ihr Antlitz und sank auf den Boden, von der Macht des Entsetzens überwältigt, welches jetzt ihren Augen sich darstellte.

Ob auch die Zeit in ihrem gewohnten Schritt sich fortbewegte, es schien denen, welche von dem nun erfolgenden Auftritt Zeugen waren, als wenn die Erregungen, das Bangen vieler Tage in den engen Kreis weniger Augenblicke aufgehäuft und zusammengedrängt worden. Wir verweilen nicht bei den ersten zerreißenden, betäubenden Momenten der schreckhaften Entdeckung.

Eine kurze halbe Stunde reichte hin, jeden Einzelnen mit allem dem bekannt zu machen, was ihm zu erfahren Noth that; wir wollen daher unsere Erzählung an das Ende dieses Zeitraums versetzen.

Conanchet's Leichnam lehnte noch an dem Baume. Die Augen waren offen, und obwohl starrend im Tode, blieb doch noch auf der Stirn, an den zusammengepreßten Lippen und den weitgeöffneten Nasenlöchern viel von jener hohen Festigkeit übrig, die ihn aufrecht erhalten in der letzten Erprobung und Heimsuchung seines Lebens. Die Arme fielen unthätig an seiner Seite herab, aber eine Hand war krampfhaft in der Weise zusammengepreßt, wie sie oft den Tomahawk ergriffen hatte; während die andere in einem eiteln Versuch, die Stelle des Gürtels zu finden, wo das scharfe Messer hätte sein sollen, ihre ganze Kraft verloren hatte. Diese beiden Bewegungen waren sehr wahrscheinlich unwillkürlich gewesen, denn in jeder andern Hinsicht drückte die Gestalt Würde und Ruhe aus. An ihrer Seite behauptete der phantastische Nipset immer noch seine Stelle, 337 und drohender Unwille leuchtete aus der gewöhnlich so stumpfsinnigen Einfalt seines Gesichtes.

Die andern Gegenwärtigen waren um die Mutter und ihre vom Schmerz gebeugte Tochter versammelt. Es wollte scheinen, als ob für jetzt alle anderen Gefühle in Besorgnisse für die Letztere sich verloren. Man hatte große Ursache, zu befürchten, es möge der eben erst sie getroffene Schlag plötzlich eins jener zarten, gefährlichen Organe verrückt haben, welche die Seele an den Leib binden. Diese gefürchtete Wirkung war jedoch mehr wegen einer allgemeinen Gefühllosigkeit und eines gänzlichen Zerschlagenseins ihres Körperbaus, als wegen sonst eines heftigen, bemerkbaren Anzeichens zu besorgen.

Die Pulse schlugen noch, aber nur schwach, und den ungeregelten schwankenden Drehungen einer Mühle vergleichbar, welche der hinsterbende Wind ferner nicht mehr umfächelt. Das blasse Antlitz war fest und ständig in seinem Ausdruck von Schmerz und Gram. Farbe fand sich nicht; selbst die Lippen hatten das, wodurch Wachsbilder einen so unnatürlichen Eindruck machen. Ihre Glieder, wie ihre Gesichtszüge waren unbeweglich; und doch zeigte sich auf Augenblicke ein Arbeiten und Ringen in den letztern, welches nicht allein Bewußtsein, sondern auch ein lebendiges, schmerzliches Bewußtsein von der Wirklichkeit ihrer Lage besitze.

»Das überschreitet alle meine Kunst!« sagte Doktor Ergot, und erhob sich von einer langen, schweigenden Erforschung des Pulses in die Höhe; »es liegt ein Geheimniß in dem Bau des Leibes, das menschliches Wissen bis jetzt noch nicht entschleiert und enthüllt hat. Die Canäle des Lebens sind manchmal auf eine unbegreifliche Weise erfroren, und das 338 sehe ich als einen Fall an, der selbst in den ältesten Ländern der Erde die Gelehrtesten in unserer Kunst in Verlegenheit setzen möchte. Es ist mein Geschick so gewesen, daß ich Viele in dieser geschäftigen, unruhigen Welt habe ankommen und nur Wenige aus ihr scheiden gesehen, und doch nehme ich mir heraus, zu behaupten, daß wir hier eine vor uns sehen, die das Leben verlassen wird, ehe die natürliche Zahl ihrer Tage erfüllt worden!«

»Laßt uns zu Gunsten dessen, was nie sterben wird, uns an Den wenden, der die Begebenheiten ordnet von Anbeginn aller Zeit an!« sagte Meek und bedeutete die um ihn, sich mit ihm im Gebet zu vereinen.

Der Geistliche erhob dann unter den Säulenwölbungen des Waldes seine Stimme in einem frommen, inbrünstigen und beredten Gebet. Als dieser feierlichen Pflicht Genüge geschehen, lenkte sich Aller Aufmerksamkeit abermals auf die Dulderin. Zu allgemeinem Erstaunen fand man, daß das Blut ihr Antlitz wieder durchdrungen, und ihre strahlenden Augen wieder leuchteten von einem Glanze und hohem Ausdrucke des Friedens und der Ruhe. Sie machte sogar eine Geberde, daß man sie mehr empor richte, damit sie die Umstehenden besser sehen könne.

»Erkennst Du uns?« fragte die zitternde Mutter. »Sieh' auf Deine Freunde, mein langbetrauertes, unglückliches Kind! Es ist die, die sich abhärmte über die Leiden Deiner Kindheit, die sich freute Deines kindlichen Glücks, die so bitter beweinte Deinen Verlust; sie, sie fordert Dich jetzt auf! In diesem feierlichen, furchtbaren Augenblick rufe Dir die Lehren Deiner Jugend zurück! Gewiß, der Gott, der Dich uns in Gnaden wieder geschenkt, hat er Dich auch auf wunderbarem, 339 unerforschlichem Pfade geführt, wird Dich zuletzt nicht verlassen. Denke an Deinen früheren Unterricht, Kind meiner Liebe; richte Deinen ermatteten Geist auf, der Saame kann immer noch aufkommen, ist er auch an einem Orte ausgestreut worden, wo die Glorie der Verheißung lang verborgen gewesen und umdüstert!«

»Mutter!« rief eine leise, ringende Stimme als Antwort. Der Ruf erreichte jedes Ohr, und bewirkte ein allgemeines, athemloses Aufhorchen. Der Ton war sanft und leise, vielleicht kindlich, aber er ward ausgestoßen klar und ohne Betonung. »Mutter – warum sind wir in dem Walde?« fuhr die Redende fort; »hat Jemand uns unserer Heimath beraubt, daß unter den Bäumen wir wohnen?«

Ruth erhob eine Hand, flehend, daß Niemand die Täuschung unterbreche. »Die Natur hat die Rückerinnerungen ihrer Jugend in ihr wieder belebt,« flüsterte sie; »möge der Geist, wenn dies des Heiligen Wille ist, in dem Segen der kindlichen Unschuld hinüberscheiden!«

»Warum weilen Marcus und Martha noch hier?« fuhr die Andere fort. »Du weißt, Mutter, es ist unsicher, weit in die Wälder zu wandeln; die Heiden könnten aus ihren Dörfern sein, und wer vermag zu sagen, welches Unglück über die Unvorsichtigen hereinbrechen kann?«

Ein Stöhnen rang sich aus Contentius Brust, und die nervige Hand Dudley's drückte sich auf der Schulter seines Weibes krampfhaft zusammen, bis die regungslos aufmerksame Frau, sich selbst unbewußt, voll Schmerz und Gram sich zurückzog.

»Ich habe es dem Marcus schon gesagt, denn er erinnert sich nicht immer Deiner Warnungen, Mutter, und diese 340 Beiden lieben so sehr, mit einander zu gehen. Doch Marcus ist in der Regel gut; schilt nicht, wenn er zu weit sich entfernt, – Du wirst nicht zanken, Mutter!«

Der junge Mann wandte sich um, denn selbst in jenem Augenblick reizte der Stolz junger Männlichkeit ihn, seine Schwächen vor Allen zu verbergen.

»Hast Du auch heute schon gebetet, meine Tochter?« sagte Ruth, Fassung erzwingend. »Du solltest nie Deine Verpflichtung gegen seinen heiligen Namen vergessen, selbst wenn wir auch in den Wäldern und ohne Obdach sind.«

»Ich will jetzt beten, Mutter,« sagte die in den unbegreiflichen Wahn Versunkene, und bemühte sich, ihr Antlitz in Ruth's Schooß zu verhüllen. Man kam ihrem Wunsche nach, und einen Augenblick lang vernahm man dieselbe leise, kindliche Stimme, die deutlich die Worte eines Gebetes wiederholte, wie es der frühesten Zeit der Jugend angemessen ist. Schwach, wie die Töne auch waren, keiner entging den Hörern, bis nahe am Ende des Gebets, wo die Aussprache immer leiser wurde, und endlich in eine hehre Stille überging. Ruth hob ihre Tochter empor, und sah, daß die Züge den ruhigfriedlichen Blick eines schlafenden Kindes trugen. Das Leben spielte noch auf ihnen, ganz wie das blinkende Licht auf der verlöschenden Kerze noch zögert. Ihr taubengleicher Blick sah auf in Ruth's Antlitz, und die Angst der Mutter ward erleichtert und gemindert durch ein Lächeln des Verständnisses und der Liebe. Die vollen, sanften Augen bewegten sich dann von Antlitz zu Antlitz, und Wiedererkennen und Lust begleiteten jede ihrer Bewegungen. Auf Whittal richteten sie sich verwirrt und zweifelnd, aber als sie auf das feste, zürnende und noch gebietende Antlitz des todten Häuptlings fielen, – da hörte ihre Bewegung für immer auf. Es trat ein Augenblick ein, während dessen Furcht Zweifel, Wildheit und frühe Rückerinnerungen in ihr um die Oberherrschaft rangen. Ihre Hände zitterten, und krampfhaft umklammerte sie Ruth's Gewand.

»Mutter! – Mutter! –« lispelte das von so vielen 341 streitenden Erregungen geängstete Opfer, »ich will nochmals beten; – ein böser Geist überfällt mich!«

Ruth fühlte die Stärke, das Krampfhafte ihres Haltens und hörte das Hinhauchen einiger wenigen Gebetsworte; alsdann verstummte die Stimme und ihre Hände erschlafften. – Als die halb ohnmächtige Mutter weggebracht war, schienen die Todten mit einem geheimnißvollen, gespenstigen, gegenseitigen Verständniß einander anzuschauen. Des Narragansett's Auge war noch, wie in der Stunde seines Stolzes und seiner Herrschaft, hochfahrend, unnachgebend und mit Trotz und Herausforderung erfüllt; während der Blick des Wesens, das so lange in ferner Liebe gelebt, Verwirrung und Furcht, aber auch Hoffnung ausdrückte. Eine feierliche Stille erfolgte; und als Meek nochmals seine Stimme im Walde erhob, geschah dies, um den allmächtigen Lenker Himmels und der Erden anzuflehen, daß er seine Gnade und Huld den Ueberlebenden angedeihen lassen möchte.

Die Veränderungen, welche in anderthalb Jahrhunderten mit jenem Continent vorgegangen, sind sehr wunderbar und merkwürdig. Städte sind emporgestiegen, wo Wildniß damals den Boden bedeckte; und auf oder nahe der Stelle, wo Conanchet seinen Tod fand, steht jetzt, man hat guten Grund, es zu glauben, eine blühende Stadt. Aber ob auch so große Thätigkeit und Verbesserung im Lande vorgeherrscht, das Thal dieser Erzählung ist jetzt noch wenig verändert. Der Weiler hat sich zu einem Dorfe vergrößert; die Meierhöfe tragen mehr von dem Anstrich der Cultur und Verfeinerung an sich; die Wohnhäuser sind geräumiger und etwas bequemer; die Zahl der Kirchen ist auf drei gestiegen; längst verschwunden sind die befestigten Gebäude nebst allen andern Zeichen der Furcht vor Ueberfällen; aber noch immer ist der Ort abgelegen, wenig bekannt und trägt noch das deutliche Gepräge seines ursprünglichen Waldcharakters.

Ein Abkömmling des Marcus und der Martha ist bis auf diesen Tag der Eigenthümer des Landsitzes, auf dem so viele der rührenden, erschütternden Vorfälle unserer einfachen 342 Erzählung sich ereigneten. Selbst das Gebäude, das die zweite Wohnung seines Vorfahren war, steht noch zum Theil, obgleich durch Anbauten und Verbesserungen bedeutend verändert. Die Obstgärten, welche im Jahre 1675 jung und blühend waren, sind jetzt alt und hinfällig. Die Bäume überhaupt haben ihren sie so sehr auszeichnenden Charakter des kräftigen Wuchses um jene Mannigfaltigkeit in Obstarten umgetauscht, mit welchen der Boden und das Clima die Einwohner bekannt gemacht. Aber ihren Platz behaupten sie noch, weil man weiß, daß furchtbare Auftritte in ihrem Schatten vorgefallen, und an ihre Fortdauer knüpft sich hohes moralisches Interesse.

Die Trümmer des Blockhauses, obgleich verfallen oder dem Einsturz drohend, sind auch noch sichtbar. Dicht an ihnen findet sich der letzte Ruheort aller Heathcote, die fast zwei Jahrhunderte dort gelebt und starben. Die Gräber derer aus späterer Zeit sind an Marmortafeln zu erkennen; aber näher den Trümmern sind Viele, deren Denkmale, halb im Grase versteckt, in den gemeinen, rohen Quader des Landes eingehauen sind.

Jemand, der Antheil nimmt an Rückerinnerungen längst vergangener Tage, hatte vor einigen Jahren Gelegenheit, die Stelle zu besuchen. Es war leicht, die Geburts- und Sterbetage von ganzen Geschlechtern an den mehr leserlichen Inschriften auf den prächtigern Denkmälern derer, welche seit hundert Jahren beerdigt worden, aufzufinden und zu verstehen; über jenen Zeitraum hinaus ward das Forschen schwierig und mühevoll, indeß sein Eifer war nicht leicht zu besiegen und zu ermüden.

Auf jedem kleinen Hügel, einen nur ausgenommen, fand sich ein Stein, und auf jedem Stein, unlesbar, wie sie sein mochte, eine Inschrift. Das auszeichnungslose Grab, so vermuthete man aus seiner Größe und Lage, war das, welches die Gebeine jener enthielt, die in der Nacht des Brandes fielen; ein anderes fand sich, welches in tiefen Lettern den Namen des Puritaners trug. Sein Tod fiel in's Jahr 1680. An seiner Seite stand ein niedriger Stein, auf welchem, mit 343 großer Schwierigkeit, das einzige Wort »Traugott« zu lesen war. Es zeigte sich unmöglich, gewiß zu sagen, ob das Datum 1680 oder 1690 hieß. Dasselbe geheimnißvolle Dunkel, das einen so großen Theil seines Lebens umhüllt, ruhte auch auf dem Tode dieses Mannes. Sein eigentlicher Name, sein Geschlecht und seine Würde wurden nie weiter bekannt, als sie auf diesen Seiten enthüllt worden. Doch bleibt jetzt noch der Familie der Heathcote ein Ordrebuch über eine Reiterabtheilung, das, wie die Ueberlieferung sagt, einigen Zusammenhang mit seinen Schicksalen hatte. Angehängt an dies verwischte unvollkommene Document ist das Bruchstück eines Tagebuchs, welches auf Karl's I. Verurtheilung zum Schaffot Beziehung hatte.

Contentius Ueberreste ruhen neben denen seiner früh gestorbenen Kinder, und es scheint fast, als wenn er noch in dem ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts gelebt. Vor kurzer Zeit noch lebte dort ein hochbejahrter Mann, der sich erinnerte, ihn als weißgelockten Patriarchen gesehen zu haben, verehrungswürdig durch seine Jahre und geachtet wegen seiner Milde und Gerechtigkeit. Er hatte beinahe, wo nicht völlig ein halbes Jahrhundert als Wittwer gehabt. Dieser traurige Umstand ging hinlänglich deutlich aus einer Jahreszahl auf dem Stein des nächsten Grabhügels hervor. Die Inschrift darauf bezeichnete ihn als das Grab der Ruth, der Tochter Georg Harding's aus der Colonie Massachussetsbai, und Ehefrau des Capitain Contentius Heathcote's. Sie starb im Herbst des Jahres 1675, und zwar, wie der Stein weiter berichtet: »an einem gebrochenen Herzen, wegen irdischer Angelegenheiten, durch große Familienleiden, jedoch mit Hoffnung auf das Evangelium und im Glauben an den Herrn.«

Der Geistliche, welcher vor einigen Jahren, wenn nicht vielleicht jetzt noch, in der Hauptkirche des Dorfes den Dienst des Herrn versah, nennt sich Meek Lamb. Obgleich eine Abstammung von dem in Anspruch nehmend, welcher dem Tempel zur Zeit unserer Erzählung diente, haben doch Zeit und Zwischenheirathen diese Aenderung seines Namens, und zum 344 Glück auch einige andere Abänderungen in den doctrinellen Erklärungen seines Dienstes hervorgebracht. Als dieser würdige Diener des Herrn von der Absicht hörte, die Jemanden, der in einem andern Staate geboren worden, und von einer Religionsgesellschaft abstammte, die das gemeinsame Vaterland verlassen, um noch auf andere Weise Gott zu verehren, – als der Geistliche vernahm, dieser weitgereis'te Mann nehme Antheil an den Schicksalen derer, die zuerst das Thal bewohnt, fand er Vergnügen daran, die Nachforschungen desselben zu günstigen und zu unterstützen. Die Familien der Dudley's und der Ring's waren zahlreich in dem Dorfe und seinen Umgebungen. Der Pfarrer zeigte einen Stein, der von vielen andern, mit diesen Namen beschriebenen, umgeben war, und worauf roh eingehauen die Worte standen: »Ich bin Nipset, ein Narragansett; mit dem nächsten Schnee werde ich ein Krieger sein.« Es geht ein Gerücht, daß der unglückliche Bruder der Fidel nach und nach zu den Sitten des civilisirten Lebens zurückkehrte, doch häufige Augenblicke voll jener verführerischen Belustigungen hatte, denen er sich einst in der Freiheit der Wälder hingegeben.

Während sie so unter diesen trauervollen Ueberresten früherer Auftritte hinschritten, war dem Geistlichen eine Frage über die Stelle vorgelegt, wo Conanchet beerdigt worden. Er erbot sich bereitwillig, sie zu zeigen. Das Grab befand sich auf demselben Hügel, und war nur durch einen Quaderstein ausgezeichnet, den der Fremde bei seiner ersten Nachsuchung, wegen des üppigen Grases, übersehen hatte. Er trug nur die Inschrift: »Der Narragansett.«

»Und dieser an seiner Seite?« fragte der Forscher. »Hier ist noch einer, den ich vorher nicht bemerkte.«

Der Geistliche beugte sich dem Grase zu, und reinigte das einfache Denkmal von dem darauf wuchernden Moose. Dann deutete er auf eine Zeile hin, die mit mehr als gewöhnlicher Sorgfalt eingegraben worden. Die Inschrift lautete ganz einfach:

»Die Beweinte des Thales von Wish-Ton-Wish.«

 

Ende.

 

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