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Die Beweinte von Wish-Ton-Wish

James Fenimore Cooper: Die Beweinte von Wish-Ton-Wish - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
authorVon J. F. Cooper
publisherRob. Henrich's Verlagshandlung
addressBerlin
titleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
pages660
created20110829
modified20140825
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Vierzehntes Kapitel.

        »Doch Friede sei mit ihm!
Ist's besser doch, der Furcht vor'm Tode ledig
Zu leben, als zu leben, um zu fürchten!«
Maß für Maß          

Der Muth ist eine Tugend, Werth und Ausbildung durch die Verhältnisse bedingt. Ist die Furcht vor dem Tode eine dem ganzen Menschengeschlecht angeborne Schwäche, so ist sie offenbar eine solche, die durch häufiges Ausgesetztsein gegen Gefahren vermindert und selbst durch Nachdenken gänzlich ausgerottet werden kann. So geschah es denn auch, daß die beiden Männer. die nach Philipp's Rückzug allein zurückgeblieben, mit gänzlich von ihrer früheren Beschaffenheit verschiedenen Empfindungen die Art und Annäherung der Gefahr ansahen, welche sie jetzt überfiel. Ihre Stellung in der Nähe des Baches hatte sie vor den Kugeln der Angreifer bisher geschützt, aber es war Beiden gleichmäßig einleuchtend, daß in einigen Augenblicken die Ansiedler in das Lager eindringen würden, welches jetzt schon verlassen war. Jeder traf daher Vorkehrungen, wie sie jenen Ansichten angemessen waren, 295 welche durch die Gewohnheiten ihrer beiderseitigen Lebensweise ihnen eingepflanzt worden.

Da Conanchet keinen Akt der Rache, wie ihn Metacom gerade vor seinen Augen verübt, zu verrichten hatte, lenkte er gleich bei der ersten Unruhe alle seine Gedanken auf die Beschaffenheit des Angriffs. Der erste Augenblick war für ihn hinreichend, um den Charakter desselben einzusehen, und der zweite setzte ihn in den Stand, sich zu entscheiden.

»Komm,« sagte er hastig, aber mit vollkommener Selbstbeherrschung, und deutete auf den schnell hinfließenden Strom zu ihren Füßen; »wir wollen mit dem Wasser gehen, die Zeichen unserer Spur mögen dann vor uns hineilen und hinter uns verschwinden.«

Traugott zögerte. Es lag etwas von hoher, stolzer, militärischer Herrlichkeit in der ernsten Entschlossenheit seines Auges, welchem es zu widerstreben schien, die Schande einer so unzweideutigen Flucht auf sich zu laden, einer Flucht, die, wie er denken mochte, seines Charakters so unwürdig sei.

»Nein, Narragansett,« antwortete er, »fliehe Du, Dein Leben zu retten, aber laß mich hier, die Saat meiner Thaten einzuerndten. Sie können nur meine Gebeine neben die dieses Verräthers zu meinen Füßen hier hinwerfen.«

Conanchet's Miene war weder gereizt noch unwillig. Er warf ruhig den Zipfel seines leichten Gewandes über eine Schulter und war im Begriff, seinen Sitz auf dem Stein, von wo er erst vor einem Augenblick sich erhoben hatte, wieder einzunehmen, als sein Gefährte nochmals in ihn drang zu fliehen.

»Die Feinde eines Häuptlings sollen nicht sagen, daß er seinen Freund in eine Falle geführt, und er, nachdem des 296 Andern Bein fest darin war, selbst weggelaufen sei, gleich einem arglistigen Fuchse. Wenn mein Bruder bleibt, sich tödten zu lassen, wird Conanchet neben ihm gefunden werden.«

»Heide! Heide!« entgegnete der Andere, fast bis zu Thränen durch die Treue und Großmuth seines Führers gerührt; »mancher Christ könnte sich ein Beispiel nehmen von Deiner Wahrheit und Deinem Hochsinne. Geh' voran; ich folge Dir, so schnell mich meine Füße nur tragen.«

Der Narragansett sprang in den Bach und folgte dessen Lauf abwärts; eine Richtung, die der von Philipp eingeschlagenen gerade entgegengesetzt war. Es lag große Weisheit in diesem Rettungsmittel; denn obwohl ihre Verfolger sehen mochten, daß das Wasser getrübt war, so bot dieses ihnen doch kein sicheres Merkmal über die Richtung der Flüchtlinge dar. Conanchet hatte diesen geringen Vortheil vorausgesehen, und mit der instinctähnlichen Schnelligkeit seines Volkes ermangelte er nicht, sich ihn zu Nutze zu machen. Metacom war durch die von seinen Kriegern eingeschlagene Richtung bestimmt worden; diese hatten sich unter die Felsen geflüchtet und zurückgezogen.

Ehe die beiden Flüchtlinge sich noch auf eine bedeutende Strecke entfernt hatten, hörten sie das Geschrei ihrer Feinde in dem Lager, und bald nachher verkündeten einzelne Schüsse, daß Philipp sein Volk schon zum Widerstand gesammelt hatte. Es lag in dem letztern Umstand eine Versicherung ihrer Rettung, wodurch sie veranlaßt wurden in ihrer Eile etwas nachzulassen.

»Mein Fuß ist nicht so behend und thätig als in Tagen, die längst vergangen sind,« sagte Traugott; »wir wollen daher neue Kräfte sammeln, so lang dies uns noch vergönnt 297 ist, damit wir nicht noch unterliegen. Narragansett, Du hast Treue und Glauben gegen mich gehalten, und magst Du nun von was immer für einem Geschlecht abstammen, und anbeten, wie Du immer willst, – Einer ist, der es Dir gedenken wird!«

»Mein Vater sah mit dem Auge eines Freundes auf den Indianerknaben, der gefangen gehalten ward gleich einem jungen Bären in seinem Käfig. Er lehrte ihn mit der Zunge eines Yengih's sprechen.«

»Wir verbrachten lange, traurige Monden in unserm Gefängniß, Häuptling, und Appollyon hätte sehr mächtig in einem Herzen sein müssen wenn es widerstehen könnte einer solchen Gelegenheit zum Freundschaftsbande in solch einer Lage; und selbst dort ward mein Vertrauen, meine Sorgfalt belohnt, denn ohne Deine geheimnißvollen Winke, die Du durch Anzeichen während der Jagd selbst aufgefunden, wäre es nicht in meiner Macht gewesen, meine Freunde zu warnen, daß Dein Volk einen Einfall in der unglückseligen Nacht des Brandes beabsichtige. Narragansett, wir haben uns, Jeder in seiner Art, viele Freundschaft und Güte erzeigt, und ich muß gestehen, dieser letzte war nicht der geringste Deiner Freundschaftsdienste. Obgleich von weißem Blut und christlichem Ursprung, kann ich doch fast behaupten, daß mein Herz indianisch ist.«

»Dann stirb den Tod eines Indianers!« schrie eine Stimme etwa zwanzig Schritte von der Stelle, wo sie im Strom wateten.

Die drohenden Worte wurden von einem Schuß mehr begleitet als ergänzt, und Traugott fiel. Conanchet warf seine Muskete in's Wasser, und wandte sich um, seinen Gefährten vom Boden aufzurichten.

298 »Es war nur Schuld des Alters, das mich auf den schlüpfrigen Steinen des Baches hingleiten ließ,« sagte dieser, als er wieder auf seinen Beinen stand. »Das wäre beinahe eine verderbliche Ladung gewesen! Aber Gott in seiner Weisheit hat den Streich noch abgewandt.«

Conanchet sprach nicht. Er ergriff seine Muskete, welche auf dem Boden des Baches lag, und zog seinen Freund an das Ufer hin; dann versteckten sie sich in das Dickicht, welches den Bach einfaßte. Hier waren sie für den Augenblick gegen die Geschosse geschützt. Aber das Geschrei, das auf die Entladung der Muskete folgte, wurde von Tönen begleitet, die, wie er wußte, von den Pequod's und Mohikanern herrührten, zweier Stämme, die in tödtlicher Feindschaft mit seinem eigenen Volke lebten. Der Hoffnung, ihre Spur solchen Verfolgern zu verbergen, durfte man sich nicht hingeben, und für seinen Gefährten, wußte er, war Rettung durch Flucht unmöglich. Es war keine Zeit zu verlieren; in solchen Fällen nimmt bei einem Indianer der Gedanke den Anschein von Instinct an. Die Flüchtlinge standen an dem Fuß eines jungen Baumes, dessen Gipfel durch dichte Blättermassen vollständig verhüllt war, diese gehörten dem unteren Zweigausschlag an, welcher sich um den Stamm in dichten Gruppen gesammelt hatte. Auf diesen Baum stieg mit seiner Hülfe Traugott, und dann, ohne seine weiteren Absichten kund zu geben, verließ er alsbald die Stelle, und machte seine eigene Spur, indem er die Büsche, wie er durchging, zu beiden Seiten niederschlug, so breit und in die Augen fallend, als nur immer möglich.

Dieses Rettungsmittel des treuen Narragansetts war vom besten Erfolg. Ehe er noch einige hundert Ruthen von dem 299 Orte weggekommen war, sah er die vordersten Indianer gleich Bluthunden auf seiner Spur hinjagen; dieser war in seinen Bewegungen langsam und lässig, bis er bemerkte, daß, da sie seine Person ansichtig geworden, alle Verfolger an dem Baum vorüber waren. Dann war der Pfeil, nachdem ihn die Sehne weggeschnellt, kaum schneller als er in seiner Flucht.

Die Verfolgung zeigte jetzt alle die erregenden Umstände und scharfsinnigen Hülfsmittel einer indianischen Jagd. Conanchet war bald aus seinem Dickicht vertrieben und genöthigt, seine Person den offeneren Stellen des Waldes anzuvertrauen. Meilen von Hügeln und Schluchten, von Ebenen und Felsen, von Morästen und Bächen wurden überschritten, und immer noch setzte der geübte, abgehärtete Krieger seine Flucht fort, ungebrochenen Geistes, kaum ermüdeten Körpers.

Das Verdienst eines Wilden in dergleichen Fällen beruht mehr auf seiner Ausdauer, als auf seiner Eile. Die drei oder vier Colonisten, die mit dem Haufen befreundeter Indianer abgeschickt worden, um Denen den Weg abzuschneiden, die versuchen sollten, stromabwärts zu entkommen, waren bald zur Seite gelassen, und das Ringen und Jagen fand jetzt ganz allein nur noch zwischen dem Flüchtling und den Leuten statt, die eben so sehr geübt waren im Gebrauch ihrer Glieder, und gleich erfinderisch sich zeigten in ihren Hülfsmitteln.

Die Pequod hatten durch ihre größere Anzahl vielen Vortheil. Die häufigen Wendungen und Kreisbogen des Flüchtlings beschränkten die Jagd auf den Umfang einer Meile, und so oft einer seiner Verfolger müde geworden, 300 fanden sich immer neue Feinde, an dessen Stelle zu treten. Bei so ungleichen Kräften konnte der Ausgang nicht lange zweifelhaft sein; nach mehr als zwei Stunden mächtiger Anstrengung begann Conanchet's Fuß zu ermatten und zu straucheln, und seine Schnelligkeit nahm merklich ab; bis er endlich, erschöpft durch die fast übernatürlichen Kraftanstrengungen, sich flach auf den Boden warf und mehrere Minuten wie todt da lag.

Diese Zeit reichte aber auch hin, seine pochenden Pulse wurden ruhiger, sein Herz schlug weniger heftig, und der Blutumlauf gewann die im Zustande der Ruhe natürliche Regelmäßigkeit wieder. Kaum fühlte er aber seine Kräfte zunehmen, so hörte der Häuptling den Tritt von Mokasins hinter sich. Aufspringend und die Strecke anschauend, die er eben mit so vieler Noth zurückgelegt, war das Werk einer Secunde. Nur ein einziger Krieger war zu sehen, Hoffnung gewann für einen Augenblick wieder das Uebergewicht, und er erhob die Muskete, den nahenden Feind zu Boden zu strecken. Kalt und langsam zielte er, und wehe dem Andern, wenn das Pulver auf der Pfanne in so gutem Stande gewesen wäre, als das Ziel richtig war. Conanchet entsann sich erst jetzt, daß die Waffe im Wasser gelegen hatte, warf sie als nutzlos von sich und ergriff seinen Tomahawk, aber eine Bande Pequods stürzte zur Unterstützung des Herangekommenen herbei, und machte allen Widerstand unnütz und zum Wahnsinn. Der Sachem der Narragansett sah jetzt die Hoffnungslosigkeit seiner Lage ein; sein Tomahawk fiel herab, er löste seinen Gürtel auf, und schritt unbewaffnet mit edler Ergebung in sein Schicksal seinen Feinden entgegen. Im nächsten Augenblick war er ihr Gefangener.

301 »Bringt mich vor Euren Häuptling,« sagte der Gefangene stolz, als die gemeine Horde, in deren Hände er gefallen, ihn hatte fragen wollen über seine Gefährten und sein eignes Schicksal. »Meine Zunge ist gewohnt, nur mit Sachems zu sprechen!«

Man willfahrte ihm und ehe noch eine Stunde vorübergegangen, stand der berühmte, verherrlichte Conanchet seinem Todfeinde gegenüber.

Der Ort der Zusammenkunft war das verlassene Lager von Philipp's Bande. Hier hatten sich die meisten von dem verfolgenden Haufen schon gesammelt, und sämmtliche Ansiedler, die zu dem Zuge beordert waren. Diese Letztern bestanden aus Meek Wolfe, Fähnrich Dudley, Sergeant Ring und einem Dutzend Gemeinen aus dem Dorfe.

Der Erfolg der Unternehmung wurde um diese Zeit allgemein bekannt. Obgleich Metacom, die Hauptperson, entronnen war, so fand sich doch, als man vernahm, der Sachem der Narragansett sei in ihre Hände gefallen, nicht ein Einziger in dem Haufen, der nicht die Gefahr, der er sich ausgesetzt, mehr als hinreichend belohnt und vergolten glaubte. Obgleich die Mohikaner und Pequod's ihr Frohlocken zurückhielten und unterdrückten, damit nicht dem Stolz ihres Gefangenen durch solch einen Beweis von seiner Wichtigkeit geschmeichelt werde, so stellten sich doch die weißen Leute um den Häuptling mit einer Theilnahme, und äußerten eine Freude, die zu verhehlen sie gar nicht Sorge trugen. Indeß da er sich einem Indianer ergeben, so gab man sich den Anschein, ihn der Gnade der Sieger überlassen zu wollen. Vielleicht hatten einige genau überdachte und erwogene Plane der 3020 Staatsklugheit in diesem Akt eines scheinbaren Rechtsinns ihren Antheil und tiefen Einfluß.

Als Conanchet in den Mittelpunkt des neugierigen Kreises gestellt ward, fand er sich selbst unmittelbar dem vornehmsten Häuptling des Stammes der Mohikaner gegenüber. Es war Unkas, der Sohn jenes Unkas, dessen Geschick ebenfalls mit Hülfe der Weißen in dem Streit mit seinem Vater, dem unglücklichen, aber hochherzigen Miantonimoh, den Sieg davon getragen hatte. Das Schicksal wollte, daß der nämliche böse Stern, welcher das Geschick des Vorfahren geleitet hatte, auch dem Nachkommen verderbenbringend werden sollte.

Das Geschlecht der Unkas, obgleich geschwächt in seiner Kraft und des größten Theils seiner eigenthümlichen Größe beraubt, behielt dennoch durch eine verderbliche Verbindung mit den Engländern viel von jenen verfeinerten Eigenschaften des Heldenthums und des Hochsinns bei. Der, welcher jetzt in die Mitte des Kreises vor seinen Gefangenen trat, war ein Krieger mittleren Alters von vielem körperlichen Ebenmaaß, einem ernsten, wiewohl stolzen Blick, und einem Auge und Antlitz, das alle die widersprechenden Züge des Charakters ausdrückte, welche den wilden Krieger fast eben so bewunderungswürdig als entsetzlich machen. Bis auf diesen Augenblick waren die nebenbuhlerischen Häuptlinge nie zusammengetroffen, ausgenommen etwa in der Verwirrung des Kampfs und Streits. Einige Minuten lang sprach keiner von Beiden. Jeder stand da und betrachtete die feinen Umrisse, das Adlerauge, die stolze Haltung und den strengen Ernst des Andern mit schweigender Bewunderung; aber mit einer so unbeweglichen Ruhe, daß dadurch gänzlich die Regungen und 303 das Wirken seiner Gedanken verborgen blieben. Endlich begannen sie eine Miene anzunehmen, wie sie der Rolle angemessen war, die Jeder in dem nun folgenden Auftritt zu spielen gedachte. Unkas' Antlitz ward höhnisch und frohlockend, während das des Andern ungerührter, kälter und unbekümmerter sich zeigte.

»Meine jungen Krieger,« sagte der Erstere, »haben einen Fuchs gefangen, der im Gebüsche lauerte. Seine Beine waren sehr lang, aber er hatte das Herz nicht, sie zu gebrauchen.«

Conanchet faltete seine Arme auf seiner Brust, und der Blick aus seinem ruhig-heitern Auge schien seinem Feinde zu sagen, daß Reden, so gemein wie diese, ihrer Beiden unwürdig seien. Der Andere verstand entweder diesen Ausdruck, oder höhere Gefühle trugen in seinem Innern den Sieg davon; denn er fügte in besserem Tone hinzu:

»Ist Conanchet seines Lebens überdrüssig, daß er in die Nähe meiner jungen Krieger kommt?«

»Mohikaner,« sagte der Narragansett-Häuptling, »er ist schon früher in solcher Nähe gewesen! Wenn Unkas seine Krieger zählen will, so wird er einige vermissen.«

»Unter den Indianern auf den Inseln gibt es keine Sagen!« erwiderte der Andere mit einem ironischen Blick auf die Häuptlinge in seiner Nähe. »Sie haben nie von Miantonimoh gehört; ihnen ist ein solches Feld, wie die »Sachems-Ebene« ganz unbekannt.«

Das Antlitz des Gefangenen veränderte sich, ein dunkler Schatten schien über sein Antlitz zu ziehen; im nächsten Augenblick jedoch war solcher verschwunden, und würdevolle Ruhe beherrschte wieder jede Gesichtsmuskel. Sein Besieger 304 bewachte das Spiel seiner Gesichtszüge, und als er dachte, die Natur gewinne allmälig die Oberhand, glühte Frohlocken in seinem eignen, wilden, stolzen Auge; aber da die Selbstbeherrschung des Narragansetts zurückkehrte, gab er sich das Ansehen, als ob er ferner nicht an einen Versuch dächte, der fruchtlos gewesen.

»Wenn die Leute auf den Inseln nicht mehr viel wissen,« fuhr er fort, »so ist dies nicht so mit den Mohikanern. Einst hatten die Narragansetts einen großen Sachem, er war weiser und klüger als der Biber, schneller als das Moosthier, und listiger als der rothe Fuchs. Allein er konnte nicht in die Zukunft schauen. Thörichte Rathgeber sagten ihm, er solle auf den Kriegspfad gegen die Pequods und die Mohikaner ziehen: da verlor er seine Schädelhaut; sie hängt in dem Rauch meines eigenen Wigwams, und wir wollen nun sehen, ob sie das Haar ihres Sohnes erkennen wird. Narragansett, hier sind weise Männer von den Blaßgesichtern; sie werden zu Dir sprechen. Wenn sie Dir eine Pfeife bieten, rauche, denn Tabak findet sich nicht im Ueberfluß bei Deinem Stamme.«

Unkas wandte sich dann weg, und überließ seinen Gefangenen dem Verhör seiner weißen Verbündeten.

»Hier finden wir Miantonimoh's Blick, Sergeant Ring,« bemerkte Fähnrich Dudley zu seines Weibes Bruder, nachdem er eine beträchtliche Zeit lang die Züge des Gefangenen betrachtet hatte. »Ich sehe das Auge und den Tritt des Vaters in diesem jungen Sachem. Und mehr noch, Sergeant Ring, den größten Theil der herrlichen Eigenschaften jenes Knaben, welchen wir vor einigen Dutzend Jahren in den Feldern auffingen und in dem Blockhause verwahrten, viele Monden lang, eingekerkert gleich einem jungen Panther. Hast Du jene 305 Nacht vergessen, Ruben, und den Burschen und das Blockhaus? Ein feuriger Ofen ist nicht heißer, denn der Thurm schon war, ehe wir uns in die Erde vergruben. Ich verfehle nie, daran zu denken, so oft unser guter Pfarrer sich mächtig herausläßt über die Bestrafung der Verruchten und den brennenden Feuerofen von Tophet.«

Der schweigende Milizmann begriff die unzusammenhängenden Anspielungen seines Verwandten; auch dauerte es gar nicht lange, ehe er die in die Augen fallende Aehnlichkeit zwischen ihrem Gefangenen und dem indianischen Knaben wahrnahm, dessen Gestalt seinem Auge einst so vertraut und bekannt gewesen. Bewunderung und Staunen mischte sich in seinem ehrlichen Gesichte mit einem Ausdruck, der tiefen Gram zu verrathen schien. Da jedoch keiner von diesen Beiden die Hauptperson ihres Haufens war, so zeigte sich Jeder geneigt, ein aufmerksamer und theilnehmender Beobachter dessen zu bleiben, was folgte.

»Verehrer von Baal!« begann nun die wie aus dem Grabe tönende Stimme des Geistlichen; »es hat dem König des Himmels und der Erde gefallen, sein Volk zu beschützen! Der Triumph Deiner bösartigen Natur ist kurz nur gewesen: jetzt kommt das Gericht!«

Der Angeredete stellte sich, als wenn er das Gesagte nicht verstände. In Gegenwart seines Todfeindes und als Gefangener war Conanchet der Mann nicht, der seine Entschlossenheit hätte wankend machen lassen. Er sah kalt und ausdruckslos auf den Sprechenden hin, und selbst die argwöhnischsten, geübtesten Augen hätten in seiner Miene nicht entdecken können, daß er das Englische verstanden. Getäuscht durch den Stoicismus des Gefangenen, brach der Geistliche 306 seine Rede ab, und murmelte an deren Statt ein kurzes Gebet, in welchem sich, der Bizarrerie und Ueberspanntheit des Zeitalters gemäß, Anschuldigung und Flehen um Gnade auf seltsamste Weise aneinander reiheten.

Nach Beendigung dieses Aktes trat Meek zurück, um diejenigen, welche mit dem Urtheil über den Indianer beauftragt waren, gewähren zu lassen.

Eben Dudley führte zwar in diesem kleinen kriegerischen Ausfluge den militairischen Oberbefehl, hatte aber keine entscheidende Stimme in Dingen, welche nicht eng mit dem ausübenderen Theile des Dienstes zusammenhingen. Bevollmächtigte, von der Regierung der Colonie ernannt, waren mit dem Zuge gekommen und mit voller Gewalt bekleidet worden, über Philipp zu verfügen, wenn jener gefürchtete Häuptling, wie man erwartete, in die Hände der Engländer fallen sollte. Diesen Leuten wurde Conanchet's Schicksal jetzt zu bestimmen überlassen.

Wir wollen den Lauf der Erzählung nicht aufhalten, um bei den Einzelnheiten der Rathsversammlung uns zu verweilen. Die Frage über Conanchet's Schicksal wurde ernst in Betracht gezogen, und entschieden mit einem tiefen, gewissenhaften Gefühl für die Verantwortlichkeit derer, die als Richter handelten. Mehrere Stunden waren mit Berathungen hingegangen, welche Meek durch feierliche Gebete eröffnet und geschlossen hatte. Der Urtheilsspruch wurde dann von dem Geistlichen selbst Unkas mitgetheilt.

»Die Weisen meines Volks haben in Sachen dieses Narragansett's sich berathen,« sagte er, »und ihre Geister haben mächtig mit dem Gegenstand gerungen und gekämpft. Wenn ihr Beschluß in etwas den Anschein trägt, daß sie der Zeit 307 nachgegeben und gedient, so mögen Alle sich erinnern, daß die himmlische Vorsehung die weltlichen Interessen des Menschen so sehr mit ihren eignen heiligen Zwecken und Rathschlüssen verbunden und verwoben hat, daß dem fleischlichen Auge äußerlich sie untrennbar erscheinen. Aber was hier geschehen, ist mit treuer, reiner Rücksicht auf die uns beherrschenden Grundsätze geschehen, mit Treue und Anhänglichkeit nämlich gegen Dich, Unkas, und all die Andern, welche in dieser Wildniß den Altar schützen und aufrecht erhalten. Und dies ist nun unsere Entscheidung. Wir überlassen den Narragansett Deiner Gerechtigkeit, da es offenbar und augenscheinlich ist, daß, so lange er frei bleibt, weder Du, der eine schwache Stütze der Kirche ist, noch wir, die ihre demüthigen, unwürdigen Diener sind, je sicher und ruhig sein können. Nimm ihn denn, verfahre mit ihm nach Deiner Weisheit. Wir beschränken Deine Gewalt nur in zwei Punkten. Es geziemt sich nicht, daß, was von Menschen geboren ward und menschliche Gefühle und Empfindungen besitzt, mehr im Fleische leide, als nöthig sein mag, um den Forderungen der Pflicht zu genügen; wir bestimmen daher, daß Dein Gefangener nicht unter Martern sterben soll, und zu besserer Sicherung dieses unseres menschenfreundlichen Bescheids sollen zwei aus unserer Mitte Dich und ihn zum Orte der Hinrichtung begleiten; es ist nämlich immer vorausgesetzt, daß es Deine Absicht ist, ihm den Tod zuzuerkennen. Eine zweite Bedingung dieses Nachgebens gegen eine vorausbestimmte Nothwendigkeit ist, daß ein christlicher Diener zur Hand sei, auf daß der Leidende hinfahren möge unter den Gebeten eines Mannes, der gewohnt ist, seine Stimme und Bitten zu dem Schemel des Allmächtigen zu erheben.«

308 Der Mohikan-Häuptling hörte diesen Urtheilsspruch mit tiefer Aufmerksamkeit an. Als er erfuhr, man werde ihm die Lust verweigern, die Entschlossenheit seines Feindes zu erproben und vielleicht zu besiegen, zog sich eine Wolke des Unmuths über sein finsteres Gesicht. Aber die Macht seines Stammes war längst gebrochen, und Widerstand wäre eben so nutzlos gewesen, als Murren erniedrigend. Die Bedingungen wurden daher angenommen, und Vorkehrungen unter den Indianern demgemäß getroffen, zur Vollziehung des Urtheils zu schreiten.

Diese Völker hatten wenig widerstreitende Grundsätze auszusöhnen, wußten von Spitzfindigkeiten nichts, die ihren Entschluß hätten verzögern können. Gerade, furchtlos und einfach in allen ihren Verrichtungen, hatten sie wenig mehr zu thun, als die Stimmen der verschiedenen Häuptlinge zu sammeln, und ihren Gefangenen mit dem Ergebniß bekannt zu machen. Sie wußten, das Geschick hatte einen unversöhnlichen Feind in ihre Hand gegeben, und glaubten, ihre eigene Selbsterhaltung fordere seinen Tod. Ihnen that's wenig, ob er Pfeile in der Hand gehabt, oder sich als unbewaffneter Gefangener ihnen ergeben. Er kannte die Gefahr, die er lief bei seiner Uebergabe, und hatte wahrscheinlich mehr seinen eigenen Charakter zu Rathe gezogen, als ihr Wohl, indem er die Waffen wegwarf. So sprachen sie denn das Todesurtheil gegen ihren Gefangenen aus, und achteten nur den Beschluß lhrer weißen Verbündeten, welche ihnen geboten, sich der Qualen zu enthalten.

Sobald als dieser Beschluß bekannt war, eilten die Bevollmächtigten der Colonie, den Ort zu verlassen; und ihr Gewissen mochte wohl einiger Hülfe von dem großen Antrieb 309 ihrer spitzfindigen Lehrsatzungen bedürfen, um zur Ruhe gebracht zu werden. Indeß, sie waren scharfsinnige Casuisten, und als sie auf ihrem Heimweg hineilten, war schon der größte Theil der edeln Gesellschaft vollkommen mit sich zufrieden, daß sie eher eine erbarmungsvolle Vermittelung zu Stande gebracht, als selbst einen Act offener, unverschleierter Grausamkeit begangen.

Während der zwei oder drei Stunden, welche mit diesen feierlichen, gewohnten Vorkehrungen hingingen, saß Conanchet auf einem Felsen, ein aufmerksamer, aber, wie's schien, ungerührter Beobachter alles dessen, was vorging. Sein Auge war sanft und mild, und zu Zeiten voll Trauer, aber sein Glanz, seine Festigkeit blieb unerschüttert. Als der Urtheilsspruch ihm verkündet ward, brachte dies keine Veränderung hervor, und er sah all die Blaßgesichter abziehen, mit der Ruhe, die er die ganze Zeit über behauptet. Erst als Unkas, von seinem Haufen begleitet, und die beiden weißen Bevollmächtigten, die zurückgeblieben, sich näherten, schien er zu erwachen. »Mein Volk hat gesagt, es soll keine Wölfe mehr in den Wäldern geben,« sagte Unkas; »und haben unsern jungen Kriegern befohlen, den hungrigsten aller Wölfe zu tödten.«

»Gut,« entgegnete kalt der Andere.

Ein Aufglühen der Bewunderung, und vielleicht der Menschlichkeit überflog das grimmige Gesicht des Unkas, als er auf die Ruhe hinstaunte, die in den festen Mienen seines Opfers herrschte. Für einen Augenblick schwankte sein Entschluß.

»Die Mohikaner sind ein großer Stamm,« fuhr er fort, »und das Geschlecht der Unkas nimmt ab. Wir wollen unsern Bruder so bemalen, daß die lügenhaften Narragansetts 310 ihn nicht wieder erkennen werden, und dann soll er ein Krieger sein auf dem Festland.«

Dieses Weichwerden seines Feindes hatte eine entsprechende Wirkung auf Conanchet's hochherziges Gemüth. Der unbeugsame Stolz verließ sein Auge, und sein Blick ward milder und menschlicher. Einen Augenblick lang hing tiefes Nachdenken auf seiner Stirn. Die starken Muskeln seines Mundes bewegten sich ein wenig, jedoch kaum genug, um gesehen zu werden, und dann sprach er:

»Mohikaner, warum sollten Deine jungen Leute in solcher Eile sein; meine Schädelhaut wird auch morgen noch die Haut eines großen Häuptlings sein. Ihr werdet deßwegen nicht zwei bekommen, wenn Ihr jetzt gleich Euren Gefangenen erschlagt!«

»Hat Conanchet etwas vergessen, daß er nicht bereit ist?«

»Sachem, er ist immer bereit! Aber –« er schwieg, und sprach in stockenden Tönen: »lebt ein Mohikaner unbeweibt?«

»Wie viele Sonnen verlangt der Narragansett?«

»Eine; wenn der Schatten jener Tanne dort mit der Spitze ihres Schattens den Bach berührt, wird Conanchet bereit sein; er wird dann in ihrem Schatten stehen mit nackten Händen.«

»Geh,« sagte Unkas mit Würde. »Ich habe die Worte eines Sagamore vernommen!«

Conanchet wandte sich, ging schnell durch den schweigenden Haufen, und dann verlor sich seine Gestalt in dem umliegenden Wald. 311

 

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