Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Die Beweinte von Wish-Ton-Wish

James Fenimore Cooper: Die Beweinte von Wish-Ton-Wish - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
authorVon J. F. Cooper
publisherRob. Henrich's Verlagshandlung
addressBerlin
titleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
pages660
created20110829
modified20140825
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Dreizehntes Kapitel.

»Verweil' ein wenig; von was Anderem noch!«
Der Kaufmann von Venedig.          

Wir wechseln den Schauplatz. Der Leser versetze sich durch seine Einbildungskraft aus dem Thal von Wish-Ton-Wish in den Schooß eines tiefen, dunkeln Waldes.

Man könnte denken, solche Schauplätze seien schon zu oft beschrieben worden, als daß es jetzt hier noch einer Wiederholung desselben Versuchs bedürfte. Indeß da es möglich ist, daß diese Blätter in die Hände solcher Leser fallen, welche nie die älteren Bestandtheile der Union verlassen haben, so wollen wir uns doch bemühen, ihnen ein schwaches Bild von einem Orte zu geben, wohin es unsere Pflicht geworden ist, die Handlung der Erzählung zu verlegen.

Wenn gleich es keinem Zweifel unterliegen kann, daß die unbelebte Natur nicht weniger ihr bestimmtes Zeitmaaß habe, als die belebte, so kann man doch nicht behaupten, daß dem Leben des Baumes eine bestimmte, allen gemeinsame Schranke gesetzt worden. Die Eiche, Ulme und Linde, die schnell wachsende Sycamore und die schlanke Tanne haben, jeder Baum hat seine eignen Gesetze, in Hinsicht der 276 Bestimmung seines Wachsthums. seiner Größe und seiner Dauer. Durch diese Vorsicht der Natur wird die Wildniß mitten in dem verschiedenartigsten Wechsel und den aufeinanderfolgenden Wandlungen immer auf einem Punkte erhalten, der der Vollkommenheit am nächsten steht, da der Nachwuchs gerade mäßig und allmählig genug ist, um in dessen Charakter eine Aenderung hervorzubringen.

Der amerikanische Wald stellt im höchsten Grade die Größe und feierliche Würde der Stille und Ruhe dar. Da die Natur nie ihren eigenen Gesetzen Gewalt anthut, so schießt dem Boden die Pflanze empor, welche am besten geeignet ist, von ihm unterhalten zu werden; und das Auge wird hier nicht oft durch kränkelnde Vegetation beleidigt und getäuscht. Hier erscheint immer ein edler Wettstreit unter den Bäumen, wie man ihn nicht unter andern von verschiedenen Familien antrifft, wenn man es ihnen überläßt, in der Einsamkeit der Felder ihr ruhiges Dasein zu verfolgen. Hier strebt, ringt sich jeder nach dem Lichte empor, und dadurch entsteht eine Gleichheit in dem Umfang, und eine Aehnlichkeit in der Gestalt, welche kaum ursprünglich ihrer verschiedenen Natur zuzukommen scheint. Die Wirkung, die daraus entspringt, kann man sich leicht denken. Die gewölbten Bogengänge unten sind erfüllt von Tausenden hoher, ungebrochener Säulen, die aufrecht halten einen weiten, zitternden Thronhimmel von Laubwerk und Blättern. Ein gefälliges Dunkel, ein Ehrfurcht gebietendes Schweigen haben ihre unbegrenzte Herrschaft unten, während eine äußere und ganz verschiedene Atmosphäre auf der Wolke von Blätterwerk zu ruhen scheint.

Während das Licht auf der wechselnden Oberfläche der 277 Baumwipfel spielt, färbt ein dunkler und wenig mannigfaltiger Schein unten den Boden. Abgestorbene, moosbedeckte Stämme; Hügel mit zersetzten vegetabilischen Substanzen bestreut, gleichsam die Gräber längst vorübergegangener Baumgenerationen; Höhlungen, gebildet und zurückgelassen durch den Fall entwurzelter Stämme; dunkle Schwämme, die um die faulenden, zerfallenen Wurzeln derer erblüht sind, welche im Begriff scheinen, ihren Halt aufzugeben; dann noch einige wenige kleinere, zartere Pflanzen von geringerem Wachsthum, die am besten im Schatten fortkommen – alles dies bildet die Zugabe und Bekleidung gleichsam des Schauplatzes unten am Boden. Das Ganze wird im Sommer durch eine Frische gemäßigt und angenehm gemacht, welche der der unterirdischen Wölbungen gleichkommt, ohne auch nur das Geringste von ihrer erkältenden Dumpfheit an sich zu tragen. Mitten in dieser schattigen Einsamkeit wird der Fußtritt des Menschen selten vernommen. Gelegentlich ein Blick auf das springende Wild oder trottende Moosthier ist fast die einzige Unterbrechung auf der Erde selbst; während der schwerfällige Bär oder der springende Panther in langen Zwischenräumen hier und da auf den Aesten einer ehrwürdigen Eiche sitzend getroffen wird. Es gibt auch Augenblicke, wo Heerden hungriger Wölfe auf der Spur irgend eines Wildes jagen gesehen werden; aber diese gewahrt man mehr als Ausnahmen von der Stille und Ruhe der Gegend, denn als begleitende Umstände von ihr, wie man sie eigentlich in ein Gemälde aufnehmen dürfte. Selbst die Vögel sind in der Regel stumm, oder wenn sie das Schweigen unterbrechen, geschieht dies in einem Mißton, der dem Charakter ihres wilden Wohnorts angemessen ist.

278 Durch solch eine Gegend setzten zwei Männer an dem Tage, welcher auf den zuletzt beschriebenen Einfall folgte, eifrig ihre Reise fort. Sie gingen, wie dies gewöhnlich war, Einer hinter dem Andern, der Jüngere und Behendere voran, und so immer durch die Eintönigkeit der Wälder durch, eben so sicher und gerade aus und eben so ohne alles Zögern, wie etwa der Seemann seinen Lauf mit Hülfe der Magnetnadel über die grenzenlose Wüste der Wasser hinlenkt. Der Vorderste war leichtfüßig, behend und dem Anschein nach unermüdet, während der Andere, welcher folgte, ein Mann von schwerem Körperbau war, dessen Schritt weit weniger Uebung in dem Durchwandern der Wälder verrieth, und der auch, wohl möglich, seine natürlichen Kräfte schon abnehmen fühlen mochte.

»Dein Auge, Narragansett, ist ein untrüglicher Compaß, nach dem man getrost steuern kann; Dein Fuß aber ein nie ermüdendes Roß,« sagte der Letztere, und stieß den Kolben seiner Muskete auf ein Stück faulendes Holz, während er sich selbst, um zu ruhen und sich zu stützen, auf den Lauf hinlehnte. »Wenn auf dem Kriegspfad Du Dich mit derselben Behendigkeit hinbewegst, als Du jetzt verräthst, da wir uns auf einer so friedlichen Botschaft befinden, dann mögen mit Recht die Ansiedler Deine Feindschaft fürchten und vermeiden.«

Der Andere wandte sich um, und ohne Hülfe und Unterstützung bei dem Schießgewehr zu suchen, welches an seiner Schulter liegen blieb, deutete er auf die verschiedenen Gegenstände hin, die er nannte, während er antwortete:

»Mein Vater, Du bist dieser gealterte Feigenbaum; er lehnt sich an die junge Eiche; – Conanchet ist eine gerade schlanke Tanne. – Indeß ist große List und Klugheit bei 279 grauen Haaren,« fuhr der Häuptling fort, und trat näher auf Traugott hinzu, indem er einen Finger auf seinen Arm legte; »können diese weißen Locken die Zeit verkünden, wo wir wie ein todter Schierling unter dem Moose liegen werden?«

»Das überschreitet menschliche Weisheit. Es ist genug, Sachem, daß, wenn wir fallen, wir mit Wahrheit sagen können, das Land, das wir beschatteten, sei durch unser Wachsthum nicht ärmer geworden. Deine Gebeine werden in der Erde ruhen, die Deine Väter betraten, aber die meinigen bleichen vielleicht unter der Baumwölbung irgend eines düstern Waldes!«

Die Ruhe in des Indianers Gesicht ward gestört und getrübt. Die Pupille seiner dunkeln Augen zog sich zusammen, seine Nasenlöcher thaten sich weit auf, und seine volle Brust athmete schwer; dann ruhte wieder Alles, gleich dem unthätigen, trägen Ocean, nachdem er einen eiteln Versuch gemacht, seine Wasser zu einer anschwellenden Woge während einer allgemeinen Windstille zu erheben.

»Feuer hat die Fußtapfen von meiner Väter Mokasins von der Erde gesengt,« sagte er mit einem Lächeln, das ruhig war, obwohl bitter, »und so können meine Augen sie nicht finden. Ich werde unter diesem Schutzdache hier sterben,« fuhr er fort und deutete durch eine Oeffnung in dem Laubwerk nach dem blauen offenen Raume hin; »die fallenden Blätter werden meine Gebeine bedecken.«

»Dann hat der Herr uns ein neues Freundschaftsband verliehen. Es ist ein Eibenbaum und ein ruhiger Kirchhof dort weit in einem Lande, wo Generationen meines Geschlechts 280 schlafen in ihren Gräbern. Der Ort ist weiß von den Denksteinen, die den Namen tragen von – –«

Traugott hörte plötzlich auf zu sprechen, und als sein Auge sich wieder nach dem seines Gefährten erhob, geschah dies gerade zu einer Zeit, wo er noch die Weise entdecken konnte, wie die neugierige Theilnahme des letztern sich plötzlich in kalte Rückhaltung verwandelte, und wie das außerordentlich höfliche Benehmen des Indianers gewandt und geschickt den Gegenstand ihrer Unterredung zu verändern wußte.

»Dort hinter diesem kleinen Hügel ist Wasser,« sagte er. »Möge mein Vater trinken und stärker werden, damit er lebe, und noch lange wohne in den Baumlichtungen.«

Der Andere verbeugte sich, und schweigend gingen sie auf die Stelle zu. Es mochte nach der Länge der Zeit, die man jetzt mit dem Einnehmen dieser nothwendigen Erfrischung verlor, scheinen, als wenn die Reisenden einen langen, weiten Weg zurückgelegt. Doch aß der Narragansett weit spärlicher, als sein Reisegefährte; sein Gemüth schien unter einer Last zu erliegen, die weit peinlicher und beschwerlicher war, als alle Ermüdung, die der Körper ertragen. Indeß war seine Haltung äußerlich wenig getrübt, denn während des stillen Mahls behauptete er die Miene eines hohen, würdevollen Kriegers weit eher, als die eines Mannes, dessen Aeußeres durch innern Kummer sehr verändert werden könnte. Als den natürlichen Bedürfnissen Genüge geschehen, erhoben sich beide und setzten ihren Weg durch den pfadlosen Wald weiter fort.

Eine ganze Stunde, nachdem sie die Quelle verlassen hatten, entfiel während ihres schnellen Fortschreitens den beiden Abenteurern nicht die flüchtigste Bemerkung, noch machten sie einen 281 Augenblick Halt. Nach Ablauf derselben aber nahm Conanchet einen minder raschen Schritt an, und sein Auge, statt seine beständige Richtung vorwärts beizubehalten, irrte etwas herum, gleichsam wie unentschlossen.

»Du hast die geheimen Kennzeichen verloren, vermittelst deren wir so weit den Wald durchschritten haben,« bemerkte sein Gefährte; »ein Baum ist wie der andere, und ich, ich sehe keinen Unterschied in dieser Wildniß der Natur; aber wenn Du Dich geirrt, so müssen wir in der That an der Erreichung unsers Ziels verzweifeln.«

»Hier ist der Horst des Adlers,« entgegnete Conanchet, und deutete auf den genannten Gegenstand hin, wie er an den obern weiß gewordenen Aesten einer abgestorbenen Tanne hing; »auch mag mein Vater hier den Berathungsbaum in dieser Eiche sehen,– aber ich finde die Wampanoags nicht!«

»Es sind aber viele Adler in diesem Walde, auch ist diese Eiche gar nicht von der Art, daß sie ihres Gleichen nicht haben könnte. Dein Auge hat sich getäuscht, Sachem, und irgend ein falsches Zeichen hat uns irre geführt.«

Conanchet sah aufmerksam auf seinen Gefährten hin. Nach einem Augenblick fragte er ruhig:

»Verfehlte mein Vater jemals den Pfad, wenn er seinen Wigwam verließ, um nach dem Orte zu gehen, wo er das Haus seines großen Geistes sehen konnte?«

»Dieser von mir so betretene Pfad, Narragansett, hat nichts Aehnliches mit unserm Fall. Mein Fuß hatte den Felsen ausgetreten mit manchem Hin- und Hergehen, und die Entfernung war nur eine Spanne. Aber wir sind durch Meilen von Waldland hingezogen, und unser Weg ist über Fluß und Hügel gegangen, durch Gesträuch und Morast, wo 282 ein menschliches Auge nicht im Stande gewesen ist, das geringste Zeichen von der Gegenwart eines vernünftigen Wesens zu entdecken.«

»Mein Vater ist alt,« sagte der Indianer ehrerbietig. »Sein Auge ist nicht so scharf und schnell als damals, wo er die Schädelhaut von dem großen Häuptling nahm, sonst würde er die Spur von dem Mokasin erkennen; – sieh!« rief er, und machte, daß sein Genosse die Spur von einem Menschentritt bemerkte, der nur durch die Weise zu erkennen war, wie die trocknen Blätter ihrer Stelle entrückt worden; »sein Fels ist ausgetreten, aber der ist ja härter als der Boden. Er kann an den Spuren daran nicht sagen, wer über den Stein hingegangen und wann!«

»Ich sehe freilich etwas, was sich die Einbildungskraft als den Druck eines menschlichen Fußes vorstellen kann, aber es ist nur einzelner und könnte irgend eine zufällige Wirkung des Windes sein.«

»Mein Vater schaue etwas mehr um sich, er wird sehen, daß ein ganzer Stamm hier vorübergeschritten ist.«

»Das mag wahr sein, obwohl mein Gesicht nicht stark genug ist, sich von dem, worauf Du es hinleitest, zu überzeugen. Hat aber ein Stamm diesen Weg genommen, so laß ihm uns folgen.«

Conanchet schüttelte den Kopf und spreizte die Finger seiner beiden Hände auf eine Weise aus, daß er dadurch gleichsam die Radien eines Kreises beschrieb.

»Hugh!« rief er und stutzte, während er doch selbst so bezeichnend durch Geberden das nun Geschehene ausdrückte; »ein Mokasin kommt!«

Traugott, der so oft und so ganz kürzlich erst gegen die 283 Wilden in Schlachtordnung gestanden, untersuchte unwillkürlich das Schloß seines Karabiners. Sein Blick und seine ganze Bewegung war drohend, obgleich sein herumstreifendes Auge keinen Gegenstand gewahren konnte, der Schrecken und Besorgnisse erregen mochte.

Nicht so Conanchet. Sein schnelleres und mehr geübteres Gesicht haschte bald einen Blick von dem Krieger auf, der herankam und zu Zeiten von den Baumstämmen verdeckt wurde, dessen Tritt aber auf den trocknen Blättern zuerst seine Annäherung verrathen hatte. Indem er seine Arme auf seiner nackten Brust verschränkte, erwartete der Häuptling der Narragansetts des Andern Ankunft in einer Stellung voll Ruhe und Würde. Weder sprach er, noch ließ er sonst eine Muskel sich bewegen, bis eine Hand auf einen seiner Arme gelegt ward, und der, welcher herangekommen, in Tönen voll Freundschaft und Hochachtung sagte – –

»Der junge Sachem ist gekommen, nach seinem Bruder sich umzusehen?«

»Wampanoag, ich bin Eurer Spur gefolgt, damit Eure Ohren lauschen mögen auf die Rede eines Blaßgesichts.«

Die dritte Person bei dieser Unterredung war Metacom. Er schoß einen hochmüthigen, stolzen Blick auf den Unbekannten; und dann wandte er sich wieder zu seinem Waffengefährten mit voller Ruhe und erwiderte ihm:

»Hat Conanchet seine jungen Leuten gezählt, seit sie den Schlachtruf erhoben?« fragte er in der Sprache der Urbewohner des Landes. »Ich sah Viele in's Feld schreiten, die nie wieder zurückkamen. Laß den Weißen da sterben!«

»Wampanoag! er hat das Geleit eines Sachems. Ich habe meine jungen Leute nicht gezählt; aber ich weiß, sie sind stark 284 genug, zu sagen, daß, was ihr Häuptling versprochen, gehalten werden muß.«

»Wenn der Yengihs ein Freund meines Bruders ist, so ist er willkommen. Der Wigwam Metacom's steht offen; er mag eintreten!«

Philipp gab den Andern ein Zeichen ihm zu folgen, und ging selbst voran nach der Stelle zu, die er genannt hatte.

Der von Philipp zu seiner einstweiligen Lagerung ausersehene Ort war zu einem solchen Zweck sehr passend. Es fand sich ein Dickicht, dichter als gewöhnlich, auf einer seiner Seiten; ein steiler und hoher Felsen schützte und deckte den Rücken; ein schneller, breiter Bach sprudelte über Steinblöcke hin, die von oben herab gefallen; die Zeit hatte sie von dem Abhange abgelöst, und gegen Untergang der Sonne war durch den Sturmwind eine lange traurige Oeffnung in dem Wald gemacht worden. Einige Hütten von Stroh lehnten an dem Fuß des Hügels, und die ärmlichen Geräthschaften ihres Haushalts lagen unter den Wohnungen der Wilden zerstreut. Der ganze Haufen zählte nicht zwanzig, denn, wie schon gesagt, die Wampanoag hatten in neuerer Zeit mehr durch die Wirksamkeit ihrer Verbündeten, als durch ihre eigenen materiellen Kräfte gehandelt.

Die Drei hatten sich bald auf einen Felsen niedergelassen, dessen Fuß von dem schnellen Lauf des tosenden Wassers bespült ward. Einige wenige, finsterblickende, stolze Indianer bewachten in dem Hintergrund die Zusammenkunft.

»Mein Bruder ist meiner Spur gefolgt, damit meine Ohren die Worte eines Yengihs vernehmen möchten,« begann Philipp wieder, nachdem er eine hinlänglich bedeutende 285 Zwischenzeit hatte vorübergehen lassen, um dadurch dem Vorwurf der Neugier und Zudringlichkeit zu entgehen. »Möge er sprechen!«

»Ich bin allein und schutzlos einem Löwen in den Rachen gegangen, ruheloser, strenger, unbarmherziger Anführer der Wilden,« entgegnete der kühne Verbannte; »auf daß Du hören möchtest auf die Worte des Friedens. Warum hat der Sohn die Schritte und Thaten der Engländer so verschieden von seinem Vater angesehen? Massassoit war ein Freund der verfolgten, duldenden Pilgrimme, die Ruhe und Zuflucht gesucht in diesem Bethel der Gläubigen; aber Du hast Dein Herz gegen ihre Bitten verschlossen und verhärtet, und strebst nach dem Blute derer, die Dir kein Leid zuzufügen gedachten. Ganz gewiß hast Du ein Naturell voller Stolz und irrender Eitelkeit, wie Deine ganze Nation; und der kleinlichen Sucht, Deinen Namen und den Deines Volkes in Ruf zu bringen ist es Bedürfniß geworden, gegen ein Geschlecht von verschiedener Abkunft zu streiten und zu kämpfen. Aber wisse, es lebt einer, der Herr ist von Allem hier auf Erden, wie er Herr und König ist dort im Himmel! Es war sein Wille, daß der liebliche Geruch des Weihrauchs seiner Anbetung aus der Wildniß selbst zu ihm sich erhebe; er will sein Gesetz, und die sich ihm widersetzen, wollen nur gegen seinen Stachel lecken. So gib denn friedlichen Rathschlägen Gehör, damit das Land gerecht und nach Billigkeit so vertheilt werde, daß Aller Bedürfnisse befriedigt und das Land vorbereitet zum Dienste des Altars.«

Diese Ermahnung ward in einem tiefen und fast überirdischen Tone ausgesprochen, mit einer Größe der Erregung, die vielleicht noch durch die eifrige Beschauung erhöht ward, mit der der Einsame kürzlich noch über seinen besondern 286 Ansichten gebrütet, so wie auch durch die furchtbaren Auftritte, in denen er noch vor Kurzem eine der ersten handelnden Personen gewesen.

Philipp hörte mit der hohen, ausgezeichneten Höflichkeit eines indianischen Fürsten zu. So unverständlich auch immer Sinn und Bedeutung des Gesagten ihm erscheinen mochte, sein Antlitz verrieth dennoch keinen Anstrich von Ungeduld; seine Lippen keinen Zug eines höhnischen Lächelns. Im Gegentheil, ein edler, hoher Ernst thronte in jedem seiner Züge, und so unbekannt er auch immer mit dem blieb, was der andere zu sagen wünschte, sein aufmerksames Auge, sein gebeugtes Haupt drückte deutlich und bestimmt den Wunsch aus, ihn zu verstehen und zu begreifen.

»Mein blasser Freund hat sehr weise gesprochen,« sagte er, als der Andere aufhörte zu reden. »Aber er sieht nicht klar in diesen Wäldern; er sitzt zu sehr in dem Schatten. Sein Auge ist besser in einer Waldlichtung. Metacom ist kein wildes Thier. Seine Klauen sind abgegriffen, seine Beine ermüdet vom Wandern. Er kann nicht weit springen. Mein blasser Freund möchte gerne das Land theilen. Warum den großen Geist belästigen, sein Werk zweimal zu thun? Er gab den Wampanoag's ihre Jagdgründe, und Plätze an den Salzsee'n, ihre Fische zu fangen, und er vergaß auch nicht seine Kinder, die Narragansets. Er setzte sie in die Mitte der Wasser, denn er sah, daß sie schwimmen konnten. Vergaß er die Yengih's? Oder setzte er sie in einen Sumpf, damit dort sie sich verwandeln in Frösche und Eidechsen?«

»Heide, meine Stimme soll nie die Güte und die Wohlthaten meines Gottes verleugnen. Seine Hand hat meine Väter in ein fruchtbares Land gesetzt, reich an den guten 287 Dingen dieser Welt, glücklich in seiner Lage, von der See umgürtet und uneinnehmbar. Glücklich, wenn sein Gewissen erlaubt, in dessen Grenzen wohnen zu bleiben.«

Ein hohler Kürbis lag an dem Felsen an Metacom's Seite. Er beugte sich über den Strom und füllte ihn mit Wasser bis an den Rand, dann hielt er das Gefäß vor die Augen seiner Gefährten hin.

»Schau,« sagte er und deutete auf die ebene Fläche des Wassers; »so viel hat der große Geist gesagt soll das Gefäß enthalten. Nun,« fuhr er fort, und füllte die Höhlung seiner andern Hand mit Wasser, worauf er den Inhalt dann in den vollen Kürbis goß, »kann mein Bruder sehen, daß welches abfließen muß. So ist es auch mit seinem Land. Es hat keinen Raum mehr für meinen blassen Freund.«

»Wenn ich versuchte, Deine Ohren durch diese Erzählung zu täuschen, würde Falschheit ich auf meine Seele laden. Es sind unserer Viele, und ich sage es mit Trauer im Herzen, es sind Einige unter ihnen, welche nicht unähnlich sind denen, welche einst »Legion« im heiligen Buche genannt wurden. Aber zu sagen, es sei ferner kein Ruhm mehr für Alle da zu sterben, wo sie geboren wurden, das hieße eine verdammungswürdige Lüge aussprechen.«

»Das Land der Yengih's ist also ein gutes – ein sehr gutes,« entgegnete Philipp; »aber ihre jungen Leute wünschen ein besseres.«

»Dein Geist, Wampanoag, ist nicht fähig, die Beweggründe zu begreifen, die uns hierher gebracht, und unsere Unterredung fängt an, sich bei Dingen aufzuhalten, die zu Nichts führen.«

»Mein Bruder Conanchet ist ein Sachem. Die Blätter, 288 welche von den Bäumen seines Landes zur Zeit der Fröste herabfallen, weht der Wind in meine Jagdgehege. Wir sind Nachbarn und Freund,« fuhr er fort und verneigte sich leichthin gegen den Narragansett. »Wenn ein verruchter Indianer von den Eilanden zu den Wigwam meines Volkes läuft, dann wird er ausgepeitscht und zurückgejagt. Wir halten den Pfad zwischen uns nur für ehrliche rothe Männer offen.«

Philipp sprach mit einem Hohn, den seine stolze, ihm zur Gewohnheit gewordene Haltung vor seinem verbündeten Mithäuptling gar nicht zu verhehlen suchte, jedoch war dieser Spott so leicht und unmerklich, daß er der Beobachtung dessen, welcher der Gegenstand seines Sarkasmus war, gänzlich entging. Doch Conanchet selbst ward darüber entrüstet, und zum ersten Mal während der ganzen Unterredung brach er sein Schweigen.

»Mein blasser Vater ist ein tapferer Krieger,« sagte der junge Sachem der Narragansett's. »Seine Hand hat die Schädelhaut des großen Sagamore, dem Haupte seines Volkes genommen.«

Augenblicklich wechselte der Ausdruck in Metacom's Antlitz. An die Stelle des ironischen Hohnes, der um seine Lippe spielte, trat ein Ausdruck des Ernstes und der Ehrfurcht. Er starrte fest auf die harten, vom Wetter gebräunten Züge seines Gastes hin, und es ist sehr wahrscheinlich, daß Worte von größerer Höflichkeit, als er bisher je gebraucht, von seinen Lippen gekommen sein würden, wäre nicht in diesem Augenblick von einem Indianer ein Zeichen gegeben worden, daß Jemand herankomme. Man hatte ihn 289 zu diesem Zweck als Wache auf die Spitze des Felsens gestellt.

Beide, Metacom und Conanchet, schienen diesen Ruf mit einiger Unruhe zu vernehmen. Doch stand keiner auf, auch verrieth keiner solche Zeichen von Besorgnissen, wie sie etwa angedeutet hätten, daß sie einen tiefern Antheil an der Unterbrechung nähmen, als die Umstände natürlicher Weise hätten mit sich bringen mögen. Bald darauf sah man einen Krieger von der Seite des Waldes, der, wie man wußte, nach der Richtung von Wish-Ton-Wish sich erstreckte, in die Lagerung eintreten.

Sobald Conanchet die Gestalt des ankommenden Mannes gewahrte, nahm sein Auge und seine Stellung die frühere Ruhe wieder an, aber Metacom's Blick blieb immer noch düster und mißtrauisch. Doch war die Verschiedenheit in dem Benehmen der Häuptlinge nicht markirt genug, um von Traugott bemerkt zu werden, der im Begriff war, seine Ruhe wieder aufzunehmen, als der Neuangekommene hinter der Gruppe der Krieger in der Lagerung sich hinbewegte, und seinen Sitz in ihrer Nähe auf einem so niedrigen Steine einnahm, daß das Wasser seine Füße benetzte. Wie dies gewöhnlich ist, fanden für die ersten Augenblicke keine Grüße zwischen den Indianern Statt; die drei schienen die Ankunft des Andern, als etwas, was ganz natürlich und sich von selbst verstehe, zu betrachten. Aber Metacom's Unruhe brachte es schneller zu einer Unterredung als dies sonst gewöhnlich war.

»Mohtuket,« sagte er in der Sprache ihres Stammes, »hat die Spur seiner Freunde verloren. Wir dachten, die Krähen der blassen Leute pickten an seinem Gebein!«

290 »Es hing keine Schädelhaut an seinem Gürtel und es schämte sich Mohtuket mit leeren Händen unter den jungen Leuten sich sehen zu lassen.«

»Er erinnerte sich, daß er zu oft zurückgekommen ohne einen Feind erschlagen zu haben,« entgegnete Metacom, um dessen feste Lippen ein Ausdruck übelverhehlter Verachtung spielte. »Hat er jetzt einen Krieger berührt?«

Der Indianer, der nur ein Mann aus der niedern Classe war, hielt die Trophäe, welche an seinem Gürtel hing, der Beschauung seines Häuptlings vor. Metacom sah auf den schreckhaften Gegenstand mit der Ruhe und fast mit der Theilnahme, womit ein Kenner auf ein altes Denkmal eines Triumphs früherer Zeiten schauen würde. Sein Finger bog sich durch eine Oeffnung in die Haut hinein, und dann bemerkte er trocken, während er seine frühere Stellung wieder einnahm:

»Eine Kugel hat das Haupt getroffen. Mohtuket's Pfeil thut nicht leicht Schaden.«

»Metacom hat nie wie ein Freund auf seinen Streiter herabgesehen, seit Mohtuket's Bruder getödtet ward.«

Der Blick, den Philipp auf seinen Untergebenen warf, war, wenn auch nicht unvermischt mit Argwohn und Verdacht, doch der Blick fürstlicher, wilder Verachtung. Ihr weißer Zuhörer war nicht im Stande gewesen, die Unterredung zu verstehen; aber die Unzufriedenheit und Unruhe, die in den Augen beider lag, war zu offenbar und deutlich, um nicht zu verrathen, daß die Unterredung nichts weniger als freundschaftlich war.

»Der Sachem ist unzufrieden mit seinem Krieger,« bemerkte er, »und eben daran kann er die eigentliche Ursache 291 einsehen, warum sich Viele bewogen gefunden, das Land ihrer Väter unter dem Sonnenaufgang zu verlassen, um in diese Wildniß des Westen zu kommen. Wenn er jetzt hören will, will ich weitläuftiger den Gegenstand meiner Botschaft berühren, und mehr umständlich mich über die Sachen auslassen, die wir nur so leichthin besprochen haben.«

Philipp zeigte Aufmerksamkeit. Er lächelte gegen seinen Gast hin, und gab selbst seine Zustimmung durch eine Verbeugung zu erkennen; doch schien noch sein scharfes Auge in der Seele seines Untergebenen durch den Schleier seiner dunkeln Züge lesen zu wollen. Es war eine Bewegung in den Fingern seiner rechten Hand, als sein Arm von seiner Lage auf der Brust bis zu dem Schenkel herabfiel, als wenn sie ihn juckten, und das Messer zu ergreifen suchten, dessen Heft von Bockshorn nur auf wenige Zoll von seinem Griff entfernt lag. Doch war sein Benehmen gegen den Weißen gemäßigt und würdevoll. Dieser schickte sich eben wieder an zu sprechen, als die Wölbungen des Waldes plötzlich von dem Getöse von Feuerwaffen ertönten. Alle innerhalb des Lagers und in dessen Nähe befindlichen Wilden sprangen bei den wohlbekannten Tönen auf, und doch blieben alle so regungslos, als wenn eben so viele dunkle, aber athmende Bildsäulen dort aufgestellt worden. Das Rascheln in den Blättern ward gehört; und dann rollte der Leichnam des jungen Indianers, der auf dem Felsen aufgestellt worden, zu dem Rande des Abhangs hin, von wo er, gleich einem Klotze, auf die nachgebenden Zweige und Reiser des Daches einer der Hütten unten herabfiel. Ein Geschrei drang aus dem Walde hinten hervor, eine Ladung brüllte unter den Bäumen her, und glänzendes Blei pfiff durch die Luft, und zerschlug die Aeste 292 an dem Untergehölz auf allen Seiten. Noch zwei andere Wampanoag's sah man im Todeskampfe auf dem Boden hinrollen.

Annawons Stimme vernahm man im Lager, und im nächsten Augenblicke war der Ort verlassen.

Während dieses erstaunenden und furchtbaren Momentes blieben die vier Männer nahe am Strome ruhig und unthätig. Conanchet und sein Freund, der Christ, hielten sich schlagfertig; aber es geschah dies mehr so, wie überhaupt Männer nach den Mitteln der Vertheidigung in Augenblicken großer Gefahr zu haschen pflegen, als aus irgend einer Absicht offensiver Feindseligkeiten. Metacom schien unentschlossen. Gewohnt, wie er war, Ueberfälle zu erleiden und selbst zu veranstalten, konnte ein so erfahrener, erprobter Krieger eben nicht wirr gemacht werden; doch zögerte er noch, unschlüssig, was zu thun sei.

Indeß als Annawon, der dem Auftritte näher war, das Zeichen zum Rückzug ertönen ließ, sprang er auf den zurückgekehrten Herumstreicher hin, und spaltete mit einem einzigen Streich seines Tomahawk's dem Verräther das Haupt. Blicke wilder Rachgier und unauslöschlichen, wiewohl verhinderten Hasses wurden zwischen dem Opfer und seinem Häuptlinge gewechselt, während der Erschlagene auf dem Felsen ausgestreckt lag und nach Luft schnappte. Hieraus wandte sich Metacom um, kam zurück und schwang die triefende Waffe hoch über das Haupt des Weißen.

»Nicht also, Wampanoag!« donnerte ihm Conanchet entgegen, »unser Beider Leben ist Eines!«

Philipp zögerte, wilde, gefahrbringende Leidenschaften rangen in seiner Brust; aber die gewohnte Selbstbeherrschung, 293 die den arglistigen Staatsklugen dieser Wälder auszeichnete, trug den Sieg davon. Selbst in diesem blutigen Auftritte, wo Lärmrufen von allen Seiten erscholl, vermochte er es über sich, seinen mächtigen, furchtlosen jungen Bundesgenossen anzulächeln, und mit ausgestrecktem Arme seine Richtung angebend, setzte er, gleich dem schnellfüßigen Hirsch, dem dunkelsten Schatten des Waldes entgegen. 294

 

 << Kapitel 30  Kapitel 32 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.