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Die Beweinte von Wish-Ton-Wish

James Fenimore Cooper: Die Beweinte von Wish-Ton-Wish - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
authorVon J. F. Cooper
publisherRob. Henrich's Verlagshandlung
addressBerlin
titleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
pages660
created20110829
modified20140825
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Zwölftes Kapitel.

  »Es schreit nach Blut; die Menschen sagen: Blut
Verlange wieder Blut.«
Macbeth.          

Die Wartenden waren Doktor Ergot, der ehrwürdige Meek Wolfe, der Fähnrich Dudley und Ruben Ring. Contentius fand diese vier in einem Vorzimmer in ernster beherrschter Haltung dasitzen; ihr Aeußeres hätte der Selbstüberwindung und Ruhe einer indianischen Rathsversammlung keine Schande gemacht. Er ward mit jenem abgemessenen, ernsten Gruße empfangen, wie er noch jetzt in dem Verkehr unter dem Volke der östlicheren Staaten dieser Republik so sehr gewöhnlich ist, und der sie da, wo sie nur wenig bekannt sind, in den Ruf gebracht hat, es fehle ihnen an lebendiger Herzlichkeit, welche in unserer Natur liegt. Indeß hier befinden wir uns ja noch ganz besonders in dem Zeitalter überspannter Religionsbegriffe, hoher Selbstverleugnung und strenger moralischer Beherrschung, so daß die Meisten es sogar für ein Verdienst hielten, bei allen Gelegenheiten die Herrschaft des Geistes über die mehr thierischen, körperlichen Antriebe und Erregungen zu bewahren, und zur Schau zu stellen. Dieser 258 Gebrauch, der seine Entstehung in überspannten Ideen von geistiger Vollkommheit hatte, ist späterhin zu einer Gewohnheit geworden, welche, wenn auch durch den Einfluß der Zeit geschwächt, doch immer noch in einem Grade sich vorfindet, der oft zu einer irrigen Beurtheilung des Charakters verleitet.

Bei'm Eintritt des Herrn vom Hause herrschte etwas von jenem höflichen, schicklichen Schweigen, wie es bekanntlich immer den Unterredungen der Eingebornen voranzugehen pflegt. Endlich begann Fähnrich Dudley, bei dem das Materielle, wahrscheinlich in Folge seiner größeren Körpermasse mit seinen weniger sinnlichen, in die Augen fallenden Theilen in mehr als gewöhnlichem Verhältniß und Gleichgewicht stand, einige Zeichen von Ungeduld und dem Verlangen zu verrathen, der Geistliche möge nun einmal endlich zu dem eigentlichen Zweck ihres Erscheinens, zur Erwähnung ihres Geschäfts selbst übergehen. So erinnert, und vielleicht auch selbst fühlend, man habe hinlänglich den Begriffen von der Würde der menschlichen Natur genügt, öffnete Meek den Mund und sprach:

»Capitain Contentius Heathcote,« begann er mit jener mystischen, geheimnißvollen Verhüllung seines Gegenstands, wie dies damals durch den Gebrauch fast ganz unvermeidlich bei allen Mittheilungen geworden war; »Capitain Contentius Heathcote, dies ist ein Tag voll furchtbarer Heimsuchung und gnädiger zeitlicher Gaben und Geschenke gewesen. Der Heide ist schwer geschlagen worden von der Hand der Gläubigen, und die Gläubigen wurden ausersehen, unter der Einwirkung einer wilden heidnischen Macht, schwere Buße zu bezahlen für ihren Mangel an Glauben. Azaziel ward losgelassen in unserm Dorfe, den Legionen der bösen Geister wurde 259 vergönnt, frei und weithin herumzustreichen in unsern Feldern; und doch hat der Herr seines Volkes gedacht, und sie getragen durch eine Prüfung voll Blut, so gefahrvoll und schwer als der Durchgang jenes andern erwählten Volkes durch die Fluthen des rothen Meeres. Ursache haben wir zur Trauer und Klage, und Ursache zur Freude bei dieser Offenbarung seines hohen Willens; Ursache zum Grame, daß seinen Zorn wir verdient, und zum Jauchzen und Frohlocken, daß noch genug von seiner erlösenden Gnade vorgefunden wird, zu retten das Gomorrha unserer Herzen. Doch ich spreche zu einem, der erzogen ward in geistlicher Zucht, der seine Schule machte in den Wandelungen der wechselvollen Welt, und weitere Worte sind nicht nöthig, seine Besorgnisse für das Heil seiner Seele zu erhöhen und zu schärfen. Wir wollen uns deßwegen zu drängenderen, zeitlichen Sorgen und Anstrengungen wenden. Sind alle Deines Hauses unverletzt dem Ringen und Kämpfen dieses blutigen Tages entkommen?«

»Wir preisen den Herrn, daß dies so sein Wille gewesen,« entgegnete Contentius; »abgesehen davon, daß die Trauer von Freunden unsere Herzen betrübt hat, habe ich und die Meinigen den fallenden Schlag nur leicht gefühlt.«

»Auch Du hast Deine Zeit gehabt; der Vater züchtigt länger nicht, wenn die früheren Bestrafungen erkannt, und sich ihrer erinnert worden. Aber hier steht Sergeant Ring, und hat Dinge Dir mitzutheilen, die vielleicht Deinen Muth und Deine Weisheit noch ferner in Anspruch nehmen dürften.«

Contentius warf einen ruhigen Blick auf den Miliz-Offizier und schien seine Mittheilung zu erwarten. Ruben Ring, der ein Mann von vielen wesentlichen, schätzbaren 260 Eigenschaften war, würde sehr wahrscheinlich gerade in diesem Augenblicke die militärischen Funktionen seines Schwagers verwaltet haben, wäre er eben so sehr auch mit einer geläufigen Zunge und fließenden Rede begabt gewesen; aber seine Vorzüge bestanden mehr im Handeln als im Reden, und die Fluth der Popularität hatte sich folglich weniger streng zu seinen Gunsten ausgesprochen, als es vielleicht geschehen, wäre das Gegentheil bei ihm der Fall gewesen. Der gegenwärtige Augenblick indeß war eine Gelegenheit, wo es für ihn nöthig wurde, seinen natürlichen Widerwillen gegen alles Sprechen zu besiegen, und so dauerte es nicht lange, ehe er auf den fragenden, forschenden Blick von seines Befehlshabers Auge vernehmlich und in Worten antwortete:

»Der Capitain weiß, wie wir die Wilden an dem südlicheren Ende des Thals schlugen und zurücktrieben,« begann der derbe schlichte Milizsoldat; »und so ist es weiter nicht nöthig, die Einzelnheiten in voller Länge und Ausdehnung zu erwähnen und zu erzählen. Es wurden sechsundzwanzig Rothhäute in den Wiesen erschlagen, und fast eben so viele verließen das Feld, weggetragen in den Armen ihrer Freunde. Was aber unsere eigene Mannschaft betrifft, so erhielten wir wohl einige Verletzungen, aber Jeder kam zurück auf seinen eigenen Beinen.«

»Das ist so ziemlich dasselbe, was mir schon berichtet wurde.«

»Sodann ward eine Abtheilung ausgesandt, die Wälder auf der Spur der Indianer hin zu durchstreichen,« begann Ruben wieder, ohne der Unterbrechung auch nur die geringste Aufmerksamkeit schenken zu wollen; »die Kundschafter brachen zu Paaren auf, ihre Pflicht zu erfüllen; und endlich begannen 261 die Leute selbst einzeln, jeder für sich zu suchen, unter welchen auch ich mich befand. Die zwei Leute nun, von denen hier die Rede ist – –«

»Von welchen Leuten redest Du?« fragte Contentius.

»Die zwei Leute nun, von denen hier die Rede ist,« begann der Andere wieder und fuhr in dem geraden Lauf der Erzählung nach seiner eigenen Weise, die Vorfälle darzustellen, fort, ohne nur im geringsten die Nothwendigkeit einzusehn, die einzelnen Fäden seiner Mittheilung etwas zusammenzuknüpfen; »die zwei Leute, von denen ich schon zu dem Herrn Pfarrer und dem Fähnrich gesprochen habe – –«

»Fahr nur fort,« sagte Contentius, welcher schon seinen Mann kannte.

»Nachdem einer dieser Leute umgekommen war, sah ich keinen Grund vorhanden, warum ich den Tag blutiger machen sollte, als er schon war; um so mehr und besonders, da der Herr ihn so huldvoll für mich hatte beginnen lassen, indem er mit gnadenreicher Hand eine solche Fülle über mein Haus ausgoß. In solch einer Meinung meine Pflicht zu thun, ward der Andere gebunden und nach den Waldlichtungen gebracht.«

»Du hast also einen Gefangenen gemacht?«

Rubens Lippen öffneten sich kaum, als er leise eine Bejahung aussprach; indeß übernahm jetzt der Fähnrich Dudley die Pflicht, mehr in die genaueren Erläuterungen des Vorfalls einzugehen, was er auch von dem Punkte an, wo sein Verwandter die Erzählung beendet hatte, mit hinlänglicher Genauigkeit und Kenntniß zu thun vermochte.

»Wie der Sergeant schon erzählt hat,« sagte er, »fiel 262 einer der Heiden und der andere steht jetzt draußen, von Eurem Richterspruch sein Urtheil zu erwarten.«

»Ich hoffe, Niemand wünscht und gedenkt sein Leben zu gefährden,« sagte Contentius und warf unruhig einen Blick um sich auf seine Gefährten; »des Streits und Mords ist genug heute gewesen in unserer Ansiedelung. Der Sergeant hat ein Recht, die Belohnung für den erschlagenen Wilden in Anspruch zu nehmen; aber was den betrifft, der noch am Leben ist, dem laßt Gnade widerfahren.«

»Gnade ist eine Gabe himmlischen Ursprungs,« entgegnete Meek Wolfe; »und sollte nicht mißbraucht und dazu angewandt werden, die Rathschlüsse der himmlischen Weisheit zu nichte zu machen und zu hindern. Azaziel darf nicht triumphiren, und wenn der ganze Stamm der Narragansetts mit dem Besen der Vernichtung von der Erde weggekehrt werden sollte. Freilich, Capitain Heathcote, wir sind ein irrendes, fehlendes Geschlecht; aber um so größer wird deßwegen die Nothwendigkeit, daß wir uns, ohne Empörung den innern Warnern unterwerfen, die durch seine Gnade uns eingepflanzt sind, damit sie uns den Pfad unserer Pflicht lehren.«

»Ich kann meine Beistimmung zu fernerem Blutvergießen nicht geben, jetzt, da der Streit und Kampf beendet ist« fiel hastig Contentius ein; »gepriesen sei die Vorsehung, wir sind Sieger und es ist nun Zeit auf Rathschläge der christlichen Liebe in Demuth zu hören.«

»Dies sind die Täuschungen einer kurzsichtigen Weisheit,« entgegnete der Geistliche, und sein trübes, niedergeschlagenes Auge strahlte von dem Glanze eines überspannten, sophistischen Geistes. »Alles wendet sich zum Besten, und wir 263 dürfen uns nicht, ohne uns tödtlicher Gefahr auszusetzen, herausnehmen, die Hingebungen des Himmels zu bezweifeln und zu verdrehen. Aber hier ist ja auch gar nicht die Rede davon, den Gefangenen hinzurichten; da er uns selbst anbietet, uns in weit wichtigeren Dingen, als wir etwa durch sein Leben oder seinen Tod erreichen konnten, Hülfe und Beistand zu leisten. Der Heide gab nach geringem Kampfe seine Freiheit hin, und hat Vorschläge, die uns zu einem vortheilhaften Schlusse der Prüfungen dieses Tages führen mögen.«

»Wenn er uns in etwas unterstützen kann, was die Gefahren und Uebel dieses Kriegs abkürzen und vermindern mag, soll er gewiß Niemand finden, der mehr geneigt wäre auf ihn zu hören, als mich.«

»Er versicherte uns seiner Geschicklichkeit, diesen Dienst zu verrichten.«

»Dann um's Himmels willen laßt ihn herbeibringen, damit wir über seine Vorschläge uns berathen.«

Meek gab dem Sergeant Ring ein Zeichen; worauf dieser für einen Augenblick das Zimmer verließ und kurz darauf wieder, von dem Gefangenen begleitet, zurückkehrte. Der Indianer war einer jener schwarzen, finster und boshaft blickenden Wilden, welche fast alle traurigen Neigungen der Fehler der Leute jenes Zustands haben, ohne viele oder vielleicht keine von den Eigenschaften zu besitzen, die diese Mängel wieder vergüten und vergessen machen. Sein Auge war zu Boden geschlagen und mißtrauenvoll, und verrieth eben so sehr Besorgniß als Gier nach Rache; seine Gestalt war von der Mittelgröße und ganz gewöhnlichen Beschaffenheit, die eben so wenig zu bewundern als zu tadeln und zu verachten darbietet, und der Anzug bezeichnete einen Krieger 264 der untergeordneten Klasse. Doch lag etwas in der ruhigen Haltung seiner Miene, der Festigkeit seines Tritts und der Beherrschung aller seiner Bewegungen, was jenes hohe Wesen bekundete, das sein Volk selten darzulegen verfehlt, so lange als zu großer Umgang mit den Weißen ihr sie so sehr auszeichnendes Benehmen nicht zu verwischen und zu zerstören beginnt.

»Hier ist der Narragansett,« sagte Ruben Ring, und ließ seinen Gefangenen vortreten und sich in der Mitte des Zimmers Allen zur Schau stellen; »er ist kein Häuptling, wie aus seinem unsichern Blick man abzunehmen vermag.«

»Wenn er bewirkt und ausführt, wovon eben die Rede war, so thut sein Rang wenig zur Sache. Wir suchen, die Ströme Bluts zu hemmen und zu verstopfen, welche gleich lebendigen Wasserbächen in diesen dem Unglück geweihten Ansiedelungen fließen.«

»Dies wird er vollbringen,« entgegnete der Geistliche, »oder wir werden ihn für seinen Treuebruch und Nichtachtung seiner Versprechen verantwortlich machen.«

»Und auf welche Weise meint er behülflich sein zu können, und dem Werke des Todes ein Ziel und Maß zu setzen?«

»Indem er den stolzen Philipp und seinen wilden Verbündeten, den herumstreichenden Conanchet, dem Gericht und der Strafe überliefert. Sind erst diese Häuptlinge vernichtet und aus dem Wege geräumt, dann können wir in Frieden unsern Tempel betreten, und die Stimme des Preises und Dankes kann wieder in unserm Bethel sich erheben, ohne daß das entheiligende Geschrei der Wilden sich darunter mischt.«

Contentius staunte und schreckte selbst einen Schritt zurück, 265 als er die Art der vorgeschlagenen friedlichen Unterhaltung, und das Anerbieten des Gefangenen vernahm.

»Und haben wir eine Veranlassung zu solch einem Schritte, wenn anders dieser Mann als treu und wahr sich erweisen sollte?« fragte er in einer Stimme, welche hinlänglich seine eigenen Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Vorhabens ausdrückte.

»Wir haben das Gesetz, die Anforderungen und Bedürfnisse der leidenden menschlichen Natur und Gottes Ruhm zu unserer Rechtfertigung,« entgegnete trocken der Geistliche.

»Dies überschreitet indeß die umsichtige Uebung einer nur übertragenen Macht und Bevollmächtigung; ich wünsche nicht, mir ohne schriftlichen Befehl zu ihrer Anwendung so große Gewalt herauszunehmen.«

»Dieser Einwurf hat selbst in mir einiges Zögern veranlaßt, und bei Ergreifung eines Entschlusses mir Schwierigkeit gemacht,« bemerkte Fähnrich Dudley; »da es mich auf diese Weise auf mancherlei Gedanken gebracht, so könnte es selbst sein, daß das, was ich ihm vorzustellen habe, des Capitains Billigung erlangen möchte.«

Contentius kannte seinen ehemaligen Diener als einen Mann, der zwar eine rauhe Außenseite, aber im Grunde ein menschlichfühlendes Herz hatte. Dagegen hatte er andererseits, während er sich kaum selbst die Wahrheit eingestehen wollte, eine geheime Furcht und Besorgniß vor den überspannten, schwärmerischen Ideen und Gefühlen seines geistlichen Führers und Seelsorgers: und so hörte er denn auf Dudley's Unterbrechung mit einer Zuneigung, einem Wohlgefallen, die er kaum zu verhehlen wünschte.

266 »Sprich offen,« sagte er; »wenn Leute über eine Sache von solcher Wichtigkeit sich berathschlagen, mag Jeder auf die Zuverlässigkeit und Lauterheit seiner eigenen Geistesgaben sicher vertrauen.«

»Alsdann mögen wir diese Sache ohne die Schwierigkeiten und Hindernisse vollbringen, welche der Capitain zu fürchten scheint. Wir haben hier den Indianer, der sich erbietet, einen Streithaufen durch die Wälder nach den Sumpfwinkeln der blutgierigen Häuptlinge hin zu leiten, und dann die Sache auf eine männliche, umsichtige Weise zu einem Ausgang zu bringen.«

»Aber was liegt denn in diesem Eurem Vorschlag, was irgend abwiche von dem, was schon die Andern eben hier vorgebracht und zur Ausführung haben bringen wollen?«

Fähnrich Dudley hatte sich nicht bis zu seinem gegenwärtigen Rang emporgeschwungen, ohne einen angemessenen, gebührenden Theil von jener Rückhaltung und Verschlossenheit gewonnen zu haben, welche man so oft bei Staatsämtern antrifft, und womit die Beamten gewissermaßen ihren Dienstpflichten und Ansichten eine gewisse Würde, ein Ansehn, sich zu geben bemühen. Nachdem er die schon angeführte Ansicht, wenn auch nur oberflächlich und unbestimmt, vor den Gegenwärtigen auszusprechen gewagt, wartete er geduldig die Wirkung seiner Worte auf das Gemüth seines Vorgesetzten ab, welcher aber durch sein ernstes, nichts begreifendes, nichts argwöhnendes Antlitz eben so sehr, als durch seine eben gethane Frage deutlich zeigte, daß er noch völlig im Dunkeln über das Mittel sei, welches der Untergebene anzuführen wünschte.

267 »Ich denke, es wird gar nicht nöthig sein, noch mehr Gefangene zu machen,« begann Eben wieder; »da der eine, den wir haben, schon genug Schwierigkeiten und Hindernisse unsern Berathungen in den Weg legt. Wenn irgend ein Gesetz in der Colonie sich vorfindet, welches sagt, die Streiter sollten im offnen Gefecht mit leiser, vorsichtiger Hand dreinschlagen, so ist dies wenigstens ein Gesetz, von welchem im gewöhnlichen Umgang eben nicht viel gesprochen wird, und wenn ich auch gerade keine großen Ansprüche auf die Weisheit der Gesetzgeber mache, so bin ich doch kühn genug, auch zu behaupten, daß man dies Gesetz füglich einstweilen vergessen könnte, bis diese Einbrüche und Unruhen der Wilden gedämpft und erstickt worden.«

»Wir haben mit einem Feinde zu thun, der nie seinen Arm beim Geschrei um Gnade aufhält und ruhen läßt,« bemerkte Meek Wolfe; »und obwohl Liebe und Schonung Frucht der christlichen Tugenden ist, so gibt es doch eine Pflicht, größer und wichtiger als alle andern, welche nur diese Erde betreffen. Wir sind nichts mehr als schwache unkräftige Werkzeuge in den Händen der Vorsehung, und als solche sollten wir unsere Gemüther nicht verhärten und verstocken gegen die innern Antriebe. Wenn Beweise von bessern Gefühlen und Gesinnungen in den Handlungen und Schritten der Heiden bemerkt werden könnten, dann möchten wir unsere Hoffnungen bis zur Vollendung aller Dinge steigern und erheben; aber die Gewalten der Finsterniß wüthen noch in ihrem Herzen, und wir sind gelehrt worden, daß der Baum an seinen Früchten erkannt wird.«

Contentius bedeutete Alle, seine Rückkehr zu erwarten, und verließ das Zimmer. Im nächsten Augenblick sah man 268 ihn seine Tochter in die Mitte des Kreises führen. Die halb erschreckte, fürchtende junge Frau drückte ihren eingewickelten Knaben an ihre Brust, als sie sorgenvoll auf die ernsten, strengen Züge der Grenzbewohner hinstarrte, und ihr Auge bebte in Furcht zurück, als sein schneller unsicherer Blick auf die zur Erde gerichteten, starrenden, aufgeregten und doch zweideutigschauenden Augen des ehrwürdigen Pastor Wolfe trafen.

»Du sagtest eben, der Wilde höre nie auf das Geschrei um Gnade und Schonung,« begann Contentius wieder, »hier ist ein lebendiger Beweis, daß in Irrthum und Unwissenheit Du gesprochen. Das Unglück, das früh meine Familie befiel, ist Niemanden unbekannt in dieser Ansiedelung; Du siehst in diesem zitternden, angstblickenden Wesen die Tochter unserer Liebe; sie, die so lange wir betrauerten. Die Beweinte unseres Hauses ist wieder unter uns; unsere Herzen waren niedergeschlagen und gedrückt; sie sind jetzt erfreut und voll Frohlockens! Gott hat uns unser Kind wiedergegeben.«

Es lag eine hohe, reiche Begeisterung und Wärme in den Worten des Vaters, welche den größten Theil seiner Zuhörer rührte, obgleich Jeder seine Empfindungen auf eine Weise verrieth, wie sie seiner besondern Gemüthsbeschaffenheit und Denkweise angemessen war. Das Innerste des Geistlichen ward aufgeregt, und alle Kraft seiner strengeren Grundsätze reichten kaum zu, ihn vor der Darlegung einer Schwäche zu bewahren, die er für die geistige Erhabenheit seines Charakters nachtheilig und herabwürdigend hätte halten mögen. Deßwegen saß er stumm da; die Hände auf seinem Knie gefaltet, und den Kampf eines erwachten 269 Mitgefühls nur durch ein festeres Zusammendrücken der in einander verschränkten Finger verrathend; dazu kam noch dann und wann ein unwillkührliches Bewegen der markirteren Muskeln seines Antlitzes. Dudley ließ ein ähnliches Wohlgefallen und Gefühl sich die breiten, offenen Gesichtszüge erhellen, und der Naturforscher, der bis jetzt bloßer Zuhörer gewesen, stieß einige leise Silben der Bewunderung über die physischen Vollkommenheiten des Wesens aus, welches ihm so vorgehalten wurde; mit diesen Ausdrücken aber mischten sich mehrere Anzeichen und Beweise von seinem natürlichen, wachen Mitgefühl.

Ruben Ring war der Einzige, der offen und unverstellt die ganze Größe seiner Theilnahme an den Tag legte; womit er das Wiederauffinden des verlornen Mädchens vernahm. Der stattliche, feste Milizmann erhob sich, und trat zu der erstaunten, wie verzauberten Narra-Mattah hin. Er nahm das Kind in seine eignen breiten Hände, und starrte für einen Augenblick auf den Knaben mit ruhigem, sanften Auge. Dann erhob er das kleine Gesicht des Kindes gegen seine eigenen breiten, kühnen Züge, berührte seine Wange mit seinen Lippen und gab den Knaben der Mutter zurück, die den ganzen Vorgang mit einer ähnlichen Unruhe und Besorgniß mit ansah, wie etwa der Zaunkönig verräth, wenn er vor Furcht und Entsetzen starr den Fuß des losen Knaben dem Neste seiner Jungen sich nähern sieht.

»Du hast hier einen Beweis, daß die Hand des Narragansetts sich schon zurückgehalten und gemäßigt hat,« entgegnete Contentius, als ein tiefes Schweigen auf diese kurze Bewegung gefolgt war, und sprach die Worte in einem Ton 270 aus, welcher den Sieg über die wilden Leidenschaften seiner Gefährten verrieth.

»Die Wege der Vorsehung sind geheimnißvoll und dunkel!« entgegnete Meek: »wo sie dem Herzen Trost bringen, gebührt es sich, daß wir unsere Dankbarkeit beweisen, und wo sie mit Bedrängniß und Noth kurze Zeit hin erfüllt sind, schickt es sich, daß wir mit demüthigem Geiste uns seinen Rathschlüssen fügen. Aber die Heimsuchungen, die Familien betreffen, sind nur – –«

Er schwieg, denn in diesem Augenblick öffnete sich eine Thür und mehrere Männer traten ein, die eine Last trugen, welches sie mit gebührender, ernster Ehrfurcht auf den Boden gerade in der Mitte des Zimmers niedersetzten. Die unvorbereitete, unerwartete Weise ihres Benehmens zeigte deutlich, daß die Dorfbewohner fühlten, ihre Botschaft und ihr Zweck sei eine hinlängliche Entschuldigung für dieses ihr unhöfliches Eindringen. Hätten nicht die Geschäfte des vergangenen ganzen Tags sehr natürlich zu solch einem Glauben geführt, so mochte schon das Benehmen und das Aeußere derer, welche die Last herbeigebracht hatten, hinlänglich kund geben, daß es ein menschlicher Leichnam sei.

»Ich hatte geglaubt, Niemand sei in dem gestrigen Kampfe gefallen, als die, welche ihr Ende nahe an meiner eigenen Thür fanden,« sagte Contentius nach einer langen, ehrerbietigen, gramvollen Pause. »Wendet das Kopftuch weg, damit wir schauen, wen der tödtliche Streich ereilt hat.«

Einer der jungen Leute that es. Es war bei den Verstümmelungen, wie sie wilde Barbarerei vollführt, nicht leicht die Züge des Unglücklichen zu erkennen. Aber ein zweiter, genauerer Blick zeigte das blutige und noch im Todeskampf 271 verzogene Antlitz des Mannes, welcher an jenem Morgen auf einer Botschaft von Seiten der Colonieobrigkeit Wish-Ton-Wish verlassen hatte. Selbst Leute, die an die schreckhaften Erfindungen und Gräuel indianischer Grausamkeit so gewöhnt waren wie die gegenwärtigen, wandten sich voll Abscheu und Ekel von einem Anblick weg, der das Blut Aller, die nicht unempfindlich gegen menschliche Noth und Leiden geworden, zum Erstarren zu bringen geeignet war. Contentius gab einen Wink, die unglücklichen Reste menschlicher Sterblichkeit wieder zu bedecken, und verhüllte schaudernd und klagend sein Antlitz.

Es ist unnöthig, uns bei dem Auftritt aufzuhalten, der jetzt erfolgte. Meek Wolfe benutzte diesen unerwarteten Auftritt, um seinen Plan der Aufmerksamkeit des befehlenden Offiziers der Ansiedelung noch mehr aufzudrängen, der auch ohne dies offenbar weit mehr geneigt war, auf seine Vorschläge zu achten, als dies, ehe jener neue, in die Augen fallende Beweis von dem erbarmungslosen Charakter ihrer Feinde ihnen vorgelegt worden, vielleicht der Fall gewesen. Doch noch immer hörte sie Contentius nur mit Widerstreben an; auch geschah es gar nicht, ohne im Geheim noch die Absicht zu hegen, fernere Einreden in die Unternehmung zu machen, als er endlich seine Beistimmung gab, und Befehle zum Abmarsch eines Haufens Streiter erließ, sobald das Licht des anbrechenden Tages sich zeigte. Da ein großer Theil der Unterredung in jenen halb verständlichen Anspielungen vor sich ging, welche Leute ihrer Art so sehr charakterisirten, so ist es sehr wahrscheinlich, daß jeder einzelne Gegenwärtige seine eignen persönlichen Ansichten von dem Gegenstand der Unterredung hatte, wiewohl es auch sicher ist, daß alle zusammen 272 treu glaubten, sie würden nur durch sehr zu rechtfertigende Rücksichten auf ihre zeitlichen Interessen angetrieben, was gewissermaßen noch um so rühmlicher durch eine Rücksicht auf den Dienst ihres göttlichen Herrn und Meisters gemacht wurde.

Als die Gesellschaft wieder wegging, zögerte Dudley noch einen Augenblick allein bei seinem früheren Herrn. Das Antlitz des redlichen Fähnrichs war mit mehr als gewöhnlicher Bedeutsamkeit umdüstert, und er wartete selbst noch ein wenig, bis alle außer dem Bereich des Hörens waren, gleichsam als müsse er erst alle seine Entschlossenheit sammeln, um das vorbringen zu können, was ihn so sehr beschäftigte.

»Capitain Contentius Heathcote,« begann er endlich, »Freud und Leid kommen in diesem Leben selten allein. Du hast Diejenige gefunden, die wir mit so viel Noth und Gefahr suchten; aber Du hast mit ihr mehr gefunden, als ein Christ verlangen kann. Ich bin ein Mann niederen Standes, aber ich möchte mir doch herausnehmen, zu verstehen und einzusehen, von welcher Art die Gefühle eines Vaters sein müssen, dessen Kind ihm wiedergegeben wird, ausgerüstet und überhäuft mit solch überreichlichen, überfließenden Gaben.«

»Sprich deutlicher,« sagte Contentius fest und bestimmt.

»Nun, ich wollte sagen, daß es einem Manne, der seine Stelle unter den ersten in dieser Colonie einnimmt, nicht angenehm sein könne, einen Nachkommen zu haben, in dessen Adern eine Beimischung indianischen Blutes fließt und dessen Geburt die Weihe einer christlichen Trauung nicht vorangegangen ist. Da ist Rubens Weib Abundanz, eine Frau von außerordentlicher Nützlichkeit, von großem Verdienst in einer neuen Ansiedelung, die hat Ruben drei tüchtige Knaben heute 273 Morgen erst geschenkt, dieser neue Anwuchs ward wenig bekannt, und man sprach nicht viel davon, eben weil man von der tüchtigen Frau schon solche Freigebigkeit gewohnt ist, und dieser Tag weit größere, wichtigere Ereignisse gegeben hat. Nun kann aber solch einer Frau ein Kind weniger oder mehr kein besonderes Aufsehen bei ihren Nachbaren erregen, oder sonst einen großen Unterschied in ihrem Haushalt hervorbringen. Mein Schwager Ring würde sich daher glücklich fühlen, den Knaben zu seinem übrigen Reichthum hinzuzufügen, und sollte sich etwa künftighin der junge Bursche in Betreff seiner Hautfarbe auszeichnen und bemerkbar machen, so hätte dies wohl so viel nicht auf sich; ja man könnte sich kaum wundern, wenn alle vier Knaben, die am Tag eines solchen Ueberfalls der Wilden geboren wurden, roth auf die Welt gekommen wären, roth wie Metacom selbst.«

Contentius hörte seinen Gefährten, ohne ihn zu unterbrechen, bis zu Ende ruhig an. Sein Antlitz röthete sich für einen Augenblick, als der Sinn der Rede des Fähnrichs deutlicher ward; es röthete sich von einem Gefühl, das ihm lange fremd und unbekannt gewesen; aber dieser peinliche Ausdruck verschwand eben so schnell wieder, und an seine Stelle trat die sanfte Unterwerfung unter den Willen der Vorsehung, sie beherrschte mit jener unbeschränkten Vollständigkeit seine Züge, wie sie gewöhnlich sein Aeußeres auszeichnete und charakterisirte.

»Daß ich durch diesen eitlen Gedanken beunruhigt und gequält worden bin, will ich nicht leugnen,« antwortete er, »aber der Herr hat mir Kraft und Stärke 274 verliehen, zu widerstehen. Es ist sein Wille, daß einer, aus heidnischem Geschlecht entsprossen, unter meinem Dach leben, zu meiner Familie gehören sollte; sein Wille geschehe! Mein Kind und Alle, die ihr angehören, sind mir lieb und gern gesehen in meinem Hause.«

Fähnrich Dudley bestand nun nicht länger auf seinem Vorschlag, und so gingen sie auseinander. 275

 

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