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Die Beweinte von Wish-Ton-Wish

James Fenimore Cooper: Die Beweinte von Wish-Ton-Wish - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
authorVon J. F. Cooper
publisherRob. Henrich's Verlagshandlung
addressBerlin
titleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
pages660
created20110829
modified20140825
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Erstes Kapitel.

»Wohl kann ich der Hand entsagen, doch nicht
den Glauben lassen!« –
Shakespeare.

Die Begebnisse in dieser Erzählung sind in einer längst vorübergegangenen Periode in den Annalen Amerika's zu suchen. Eine Colonie frommer, für die Religion alles aufopfernder Flüchtlinge, welche Verfolgungen entgehen wollten, war auf dem Felsen von Plymouth gelandet, nicht ganz ein halbes Jahrhundert vor der Zeit, in welcher die Erzählung beginnt, und sie und ihre Nachkommen hatten schon manche breite Strecke wüsten Landes in lachende Fluren, und anmuthige Dörfer umgewandelt. Die Arbeiten der Ausgewanderten waren hauptsächlich auf das Land von der Küste beschränkt gewesen, welches durch seine Nähe an den Wassern, die zwischen ihnen und Europa flutheten, die Wahrscheinlichkeit einer Verbindung mit dem Lande ihrer Vorväter und den fernen Wohnungen der Cultur darbot. Aber Unternehmungsgeist und ein Verlangen des Forschens nach noch fruchtbareren Besitzungen, vereint mit dem Reiz, den weitausgedehnte, unbekannte Gegenden längst ihrer westlichen und nördlichen Grenzen auf 6 sie ausübten, hatte viele kühne Abenteurer angelockt, tiefer in die Urwälder einzudringen. Gerade die Stelle, auf welche wir die Phantasie des Lesers zu versetzen wünschen, war eine jener Niederlassungen, die man nicht unschicklich, im Laufe der Civilisation durch das Land, »verlorene Hoffnung« nennen könnte.

So wenig war damals von den großen Umrissen des amerikanischen Festlandes bekannt, daß, als den Lords Say, Seal und Brooke, in Verbindung mit noch einigen Theilnehmern das Gebiet überlassen wurde, welches jetzt den Staat Connecticut ausmacht, der König von England seinen Namen unter eine Urkunde setzte, welches jene zu Eigenthümern einer Landesstrecke machte, die sich von den Küsten des atlantischen Meeres bis zu denen der Südsee erstrecken sollte. Trotz der anscheinenden Hoffnungslosigkeit, je ein Gebiet wie dieses urbar zu machen, oder auch nur auszufüllen, fanden sich doch viele Auswanderer aus der Stammcolonie Massachusetts bereit, die herkulische Arbeit zu beginnen, etwa fünfzehn Jahre von dem Tage an, wo sie zuerst ihren Fuß auf den wohlbekannten Felsen selbst gesetzt hatten. Bald waren das Fort Say-Brooke, die Städte Windsor, Hartford und New-Haven in's Dasein gerufen, und von jener Zeit an bis zum heutigen Tage ist die kleine Gemeinde, die damals entstanden war, standhaft, ruhig und glücklich auf ihrer Bahn fortgeschritten, ein Muster der Ordnung und Klugheit, ein Bienenkorb, aus welchem Schwärme arbeitsamer, emsiger, ausdauernder und aufgeklärter Landwirthe sich späterhin über eine so ungeheuere Oberfläche ausgebreitet haben, daß es fast den Anschein gewann, als hätten sie noch nach dem Besitz der unermeßlichen 7 Landschaften gestrebt, die in ihrem ursprünglichen Patent einbegriffen worden waren.

Unter den Religionsverwandten, die Unzufriedenheit oder Verfolgung frühzeitig in das freiwillige Exil der Colonien getrieben hatte, befand sich eine mehr als verhältnißmäßige Anzahl Leute vom Stande und Erziehung. Sorglose und lebenslustige Familiensöhne, Militairs außer Dienst, und junge Rechtsgelehrte. Die Unruhigen und Leichtsinnigen, nachgeborne Söhne, unbeschäftigte Soldaten und Rechtsbeflissene aus den Gerichtshöfen suchten bald Fortkommen und Abenteuer in den südlicheren Provinzen, wo das Dasein von Sklaven sie der Nothwendigkeit überhob, selbst zu arbeiten und wo Krieg und eine kühnere, regere, lebhaftere Politik ihren Fähigkeiten, Gewohnheiten und Neigungen zusagende Auftritte häufiger herbeiführten.

Die Ernsteren und religiös Gestimmten fanden Zuflucht in den Colonien Neu-Englands. Dorthin versetzten eine Menge von Privatedelleuten ihr Vermögen und ihre Familien, und theilten dem Lande einen Anstrich von Vernünftigkeit und moralischer Erhebung mit, den es rühmlichst bis auf die gegenwärtige Stunde behauptet hat.

Es lag in der Natur der Bürgerkriege in England, daß sich viele Männer von tiefer, aufrichtiger Frömmigkeit in den Kriegerstand aufnehmen ließen. Einige von ihnen hatten sich in die Colonien zurückgezogen, ehe noch die Unruhen im Mutterlande ihre Krisis erreicht, andere kamen während der ganzen Zeit ihrer Dauer bis zur Restauration immerwährend an, und auch nach dieser Zeit suchten Haufen von jenen, die dem Hause Stuart sich abgeneigt gezeigt hatten, die Sicherheit dieser abgelegenen Besitzungen auf.

8 Ein ernster, fanatischer Soldat, Namens Heathcote, war einer der ersten seines Standes gewesen, die das Schwert mit den dem Anbau einer jungen Ansiedelung eigenthümlichen Feldwerkzeuge vertauschten. In wie weit der Einfluß eines jungen schönen Weibes seinen Entschluß bestimmt haben mag, das zu betrachten, gehört nicht nothwendig zu unserm gegenwärtigen Zwecke, obgleich die Nachrichten, denen die Geschichte, die wir zu erzählen im Begriff sind, entnommen ist, Grund zu der Vermuthung geben, er habe geglaubt, sein Hausfriede würde nicht weniger sicher in den Wildnissen der neuen Welt, als unter den Gefährten sein, mit welchen sein früherer Stand und seine ehemaligen Verbindungen ihn auf ganz natürliche Weise würden zusammengebracht haben. Wie er selbst, so war auch seine Gemahlin einer jener Familien entsprossen, welche, in den Fehden zu den Zeiten der Edward's und Henry's emporgekommen, Besitzer von erblichem Landeigenthum geworden waren, das durch seinen allmälig steigenden Werth sie zu dem Rang von kleinen Landedelleuten erhoben hatte. Bei den meisten andern Völkern Europa's würden sie zur Klasse des niedern Adels gerechnet worden sein.

Das Familienglück des Capitain Heathcote sollte von einer Seite einen verderblichen Schlag erhalten, von der die Umstände ihm nur wenig Grund gegeben hatten, Gefahr zu fürchten. Noch an dem Tage, an dem er das langersehnte Asyl erreichte, machte ihn sein Weib zum Vater eines stattlichen Knabens, ein Geschenk, das sie ihm nur mit dem trauervollen Preis ihres eigenen Lebens erkaufte. Um zwanzig Jahre älter, als das Weib, das sein Loos zu theilen ihm in diese entfernte Küsten gefolgt war, hatte der abgedankte Krieger es immer für vollkommen gewiß, für ganz in der 9 Ordnung der Dinge gehalten, daß er zuerst die Schuld der Natur würde zu bezahlen haben.

Während die Beschauungen, die der Capitain Heathcote sich von einer künftigen Welt machte, hinlänglich lebendig und klar waren, ist es doch wahrscheinlich, daß er sie durch eine erträgliche lange Perspective von Ruhe und bequemem Genusse auf dieser Welt betrachtete. Wenn nun auch dieser Unglücksfall noch mehr Ernst über einen Charakter warf, der schon durch die Subtilitäten der Sektirerlehren mehr als nüchtern geworden, so war dieser doch noch nicht von einer Beschaffenheit, daß er sich durch irgend eine Veränderung der menschlichen Schicksale seine Männlichkeit hätte nehmen lassen. Unveränderlich in den einmal angenommenen Gewohnheiten lebte er nützlich und ungebeugt in seinen Verhältnissen, eine starke Säule des Rathes und des Muthes für die unmittelbare Nachbarschaft, unter welcher er wohnte, aber durch Charakter sowohl, als durch eine Neigung, die durch verblühtes Glück noch finstrer geworden, voll Widerstreben, jenen Theil an den öffentlichen Geschäften des kleinen Staats zu nehmen, wonach der im Vergleich bedeutende Reichthum und sein früherer Stand ihn wohl zu streben berechtigt haben möchte.

Seinem Sohne gab er eine Erziehung, wie sie seine eigene Bildungsstufe und die der jungen Colonie von Massachusetts möglich machte, und glaubte in einer Art frommer Täuschung, deren Verdienste wir weiter nicht beleuchten wollen, er habe auch einen löblichen Beweis von seiner eigenen verzweifelnden Ergebung in den Willen der Vorsehung an den Tag gelegt, indem er ihn unter den Namen Contentius öffentlich in die christliche Gesellschaft aufnehmen ließ. Sein eigner Taufname 10 war Marcus, wie auch der größte Theil seiner Vorfahren, zwei oder drei Jahrhunderte hindurch, geheißen hatte. Wenn die Welt in seinen Gedanken ein wenig vorherrschte, wie das denn wohl zuweilen auch den größten Selbstverleugnern begegnet, so erzählte er sogar von einem Sir Marcus Heathcote, der als Ritter sich im Gefolge eines der kriegerischen Könige seines Vaterlandes befunden.

Es ist einiger Grund da, zu glauben, der Erzvater alles Uebels habe frühzeitig auf das Beispiel von Friedfertigkeit und unbeugsamer Moralität, das die Pflanzer von Neu-England der übrigen Christenheit gaben, mit boshaftem Auge herabgesehen. Wenigstens erhoben sich, mögen sie nun gekommen sein, von welcher Seite sie wollen, Spaltungen und Lehrstreitigkeiten unter den Ausgewanderten selbst; und die, welche zusammen den Herd ihrer Vorfahren verlassen hatten, religiösen Frieden zu suchen, sah man bald nachher ihr gemeinsames Geschick trennen, damit ein jeder unbelästigt sich jener besondern Glaubensformen freuen möchte, die, wie alle die Anmaßung und Thorheit zu glauben hatten, unumgänglich nothwendig waren, um die Huld des allmächtigen und gnädigen Vaters des Weltalls zu gewinnen.

Wäre unsere Aufgabe eine theologische, wir könnten hier sehr vortheilhaft eine Moralpredigt über die Eitelkeit eben so sehr, als über die Thorheit des Menschengeschlechts einfügen.

Als Marcus Heathcote der Gemeinde, in welcher er jetzt länger als zwanzig Jahre gelebt hatte, ankündigte, er beabsichtige, zum zweiten Male seinen Familienaltar in der Wildniß aufzurichten, hoffend, er und sein Haus möchten dann Gott verehren, wie es ihnen am richtigsten dünkte, ward die Nachricht mit einem Gefühl aufgenommen, in das sich 11 Ehrfurcht mischte. Lehre und Religionseifer wurden für einen Augenblick über der Achtung und Zuneigung vergessen, die unmerklich durch den vereinten Einfluß der ernsten Strenge seines Wesens und der unleugbaren Tugenden, die er übte, in ihnen wach geworden waren. Die Aeltesten der Ansiedelung verhandelten mit ihm frei und liebevoll; aber die Stimme der Versöhnung und Eintracht kam jetzt zu spät. Er hörte auf die Beweise der Diener Gottes, die aus allen naheliegenden Sprengeln versammelt wurden, mit finsterer Ehrfurcht, und nahm an den Gebeten, um Licht und Unterricht, die bei dieser Gelegenheit dargebracht wurden, mit der tiefen Verehrung Theil, mit welcher er immer dem Stuhl des Allmächtigen nahte; aber er that beides mit einem Herzen, in welches sich zu viel Bestimmtheit des geistlichen Stolzes eingeschlichen, als daß es sich jenem Mitgefühl, jener Liebe hätte öffnen können, die, wie sie das Auszeichnende unserer milden und duldenden Lehren ist, so auch das Streben Derer sein sollte, die ihre Vorschriften zu befolgen vorgeben. Alles, was sich geziemte, Alles, was bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich war, geschah; aber der Entschluß des halsstarrigen Sectirers blieb unwandelbar. Sein Schlußbescheid ist würdig, hier angeführt zu werden.

»Meine Jugend,« sagte er, »wurde in Gottlosigkeit und Unwissenheit verbracht, aber im Mannesalter habe ich den Herrn erkannt. An zwanzig Jahren habe ich für die Wahrheit gearbeitet und jene ganze, schwere Zeit hingebracht, meine Leuchte zu bereiten, damit nicht, gleich den thörichten Jungfrauen, ich unvorbereitet getroffen werde, und jetzt, da meine Lenden gegürtet sind, da meine Laufbahn fast vollendet ist, soll ich noch ein Abtrünniger und Fälscher des Wortes werden? Viel 12 habe ich gelitten, Ihr wißt es, seit ich das irdische Haus meiner Väter verließ, und den Gefahren zur See und Lande für meinen Glauben trotzte, und ehe ihn ich lasse, will ich nochmals lieber freudig der heulenden Wildniß Ruhe, Nachkommenschaft und, wäre es der Wille der Vorsehung, das Leben selbst aufopfern!«

Der Tag der Abreise war ein Tag unverstellter, allgemeiner Betrübniß. Trotz des strengen Charakters des alten Mannes und des fast nicht zu verwischenden Ernstes seiner Stirn, hatte man doch oft den milden Thau menschenfreundlicher Güte von seinem finsteren Wesen in Handlungen herabträufeln sehen, die keine falsche Deutung zuließen. Kaum fand sich im Umkreis der Ansiedelung, die er bewohnte, und die zu keiner Zeit weder als einträglich, noch als fruchtbar angesehen werden konnte, ein junger Anfänger in dem mühsamen und schlechtlohnenden Anbau der Wüste, der sich nicht eine geheime, freundliche Unterstützung hätte in's Gedächtniß zurückrufen können, die von einer Hand gekommen, welche vor der Welt in vorsichtiger, rückhaltender Sparsamkeit krampfhaft geschlossen schien; auch vereinte kein gläubiges Paar in seiner Nachbarschaft sich für's Leben hindurch zu Freud' und Leid, ohne von ihm Beweise seiner Theilnahme an ihrem weltlichen Glück erhalten zu haben, Beweise, die weit stoffhaltiger waren, als bloße Worte.

Am Morgen, als man die unter den Geräthschaften Marcus Heathcote's stöhnenden Wagen seine Thür verlassen und den Weg, der zur Seeküste führte, einschlagen sah, fehlte kein menschliches Wesen von passendem Alter, viele Meilen im Umkreis, bei dem rührenden die Theilnahme erweckenden Schauspiele. Dem Abschied ging wie gewöhnlich bei allen ernsten 13 Gelegenheiten ein Gesang und Gebet voraus, und dann umarmte der ernste Abenteurer seine Nachbarn mit einer Miene, worin ein beherrschtes Aeußere heftig und seltsam mit Bewegungen rang, die mehr als einmal selbst die fruchtbaren Schranken seines angenommenen Wesens zu durchbrechen drohten. Die Bewohner jedes an der Straße belegenen Hauses waren im Freien, seinen Abschiedssegen zu empfangen und zu erwidern. Mehr als einmal erhielten die, welche seine Gespanne lenkten, Befehl, zu halten, und Alles in der Nähe, was menschliche Anforderungen und menschliche Verantwortlichkeit besaß, sammelte sich, Bitten vorzubringen für den, welcher fortzog, und für die, die zurückblieben. Die Forderungen für weltliche Bedürfnisse wurden leichthin und schnell ausgesprochen; aber die Gebete um Licht des Verstandes und Geistes waren lang, inbrünstig und wurden oft wiederholt. Auf diese bezeichnende Weise zog sich einer von den ersten Auswanderern nach der neuen Welt zum zweiten Mal auf einen Schauplatz zurück, wo ihn neue körperliche Leiden, Entbehrung und Gefahr erwarteten.

Um die Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts wurden weder Menschen noch ihre Habe in diesem Lande mit der Schnelligkeit und Leichtigkeit unserer Zeit von einer Stelle zur andern gebracht. Der Straßen waren nothwendiger Weise wenige, und diese nur auf kurze Strecken; die Verbindung zu Wasser aber war ungeregelt, langsam und weit von aller Bequemlichkeit fern. Da eine weite Schranke von Wald zwischen jenem Theil von Massachusettsbai, aus welchem Marcus Heathcote auswandern wollte, und zwischen dem Flecken nahe dem Connecticut-Strom lag, wohin er sich zu begeben beabsichtigte, so gab er dem Wasserweg den Vorzug. Aber ein 14 langer Zwischenraum lag zwischen der Zeit, wo er seine kurze Reise nach der Küste begann, und der Stunde, wo er endlich in den Stand gesetzt wurde, sich einzuschiffen. Während dieses Aufenthalts lebte er und sein Haus unter den Gottseligen der schmalen Halbinsel, hier, wo schon der Keim zu einer blühenden Stadt sich vorfand, und wo jetzt die Thürme einer hohen, malerischen Stadt sich über so viele tausend Dächer erheben.

Der Sohn verließ seine Geburtscolonie und den Schauplatz seiner Jugendspiele nicht mit dem unberechnenden Gehorsam gegen den Ruf der Pflicht, der seinen Vater auszeichnete. Es fand sich in der neubegründeten Stadt Boston ein reizendes, jugendliches, liebliches Wesen von einem Alter, einem Stand, von Begriffen, Verhältnissen und, was von weit größerer Wichtigkeit war, von Gefühlen, die ganz eigen mit den seinigen im Einklang standen. Ihre Gestalt hatte sich in seinem Geiste schon lange unter jene heiligen Bilder gemischt, die der ernste Unterricht, den er empfangen, ihn gelehrt hatte, beständig vor dem Spiegel seiner Seele zu halten, und sie sich vertraut zu machen. Es ist also gar nichts Erstaunendes, wenn der Jüngling den Aufschub, als seinen Wünschen günstig, segnete, und daß er ihn so benutzte, wie die Eingebungen einer reinen Leidenschaft es ihm ganz natürlich zuflüsterten. Er feierte seine Verbindung mit der sanften Ruth Harding nur eine Woche vorher, ehe sein Vater sich zu seiner zweiten Pilgerfahrt einschiffte.

Es liegt nicht in unserm Plan, uns bei den Vorfällen dieser Seereise aufzuhalten. Obgleich das Genie eines außerordentlichen Seemannes die Welt entdeckt hatte, welche sich jetzt mit gebildeten Menschen zu füllen begann, so hatte doch 15 die Seefahrerkunst jener Tage keine glänzende Ausbildung aufzuweisen. Die Sandbänke Nantucket's zu passiren, muß mit ganz besonderer Gefahr und nicht geringeren Schrecken verbunden gewesen sein; sodann war auch die Fahrt dem Connecticut selbst hinauf eine Unternehmung, die des Redens werth schien. Zu der gehörigen Zeit landeten die Abenteurer an dem englischen Fort Hartford, wo sie ein Jahr lang blieben, um Ruhe und geistlichen Trost zu genießen. Aber die Eigenthümlichkeit seiner Lehre, auf die Marcus Heathcote so großes Gewicht legte, ließ es ihm räthlich erscheinen, sich noch weiter zurückzuziehen von den Wohnsitzen der Menschen. Von einigen seiner Leute begleitet, trat er nun eine Entdeckungsreise an, und am Ende des Sommers sah er sich von Neuem auf einem Gute ansässig. das unter den einfachen, in den Colonien üblichen Formen sein Eigenthum geworden war, um den geringen Preis, womit damals ausgedehnte Länderstrecken als Privatgut erkauft werden konnten.

Liebe zu den Gütern dieser Welt war unserem Puritaner zwar kein fremdes Gefühl, allein es war nichts weniger als ein vorherrschendes in seinem Geiste. Er war sparsam, aber mehr aus Gewohnheit und Grundsatz, als aus unschicklichem Verlangen nach irdischen Schätzen. Er begnügte sich daher mit dem Erwerb eines Landguts, das mehr durch seine Beschaffenheit und Schönheit, als durch seine Ausdehnung Werth haben sollte. Viele solcher Stellen boten sich zwischen den Ansiedelungen von Weathersfield und Hartford und jener eingebildeten Linie dar, welche die Besitzungen der Colonie, die er verlassen, von denen der Ansiedelung trennte, wo er sich eben hinbegeben hatte. Er ließ sich nahe den nördlichern Grenzen dieser letztern nieder. Diese Stelle suchte der 16 Auswanderer vermittelst Ausgaben, die man für die damalige Zeit und Beschaffenheit des Landes für verschwenderisch hätte halten mögen, und mit Hülfe eines ihm noch verbliebenen Geschmacks, den sogar die Selbstverleugnung und die demüthigen Sitten seines spätern Lebens nicht ganz hatten unterdrücken können, – vermittelst alles dieses und durch die große natürliche Schönheit der Gegend und die vortheilhafte Vertheilung von Wasser, Land und Wald dabei unterstützt, suchte er diese Besitzungen in einen Aufenthalt umzuwandeln, der nicht weniger reizend wäre durch seine ländliche Lieblichkeit, als durch seine Abgeschiedenheit von den Lockungen der Welt.

Nach diesem merkwürdigen Act von gewissenhafter Selbstaufopferung gingen ihm in einer Art negativer Glückseligkeit viele Jahre voll Ruhe vorüber. Gerüchte aus der alten Welt erreichten das Ohr der Besitzer dieser abgeschlossenen Ansiedelung erst nach Monden, nachdem die Begebenheiten, worauf sie sich bezogen, anderswo vergessen waren, und Kunde von Unruhen und Kriegen in den Schwestercolonieen kam zu ihnen nur in fernen und säumenden Zwischenräumen. Mittlerweile dehnten sich die Grenzen der Colonieansiedelungen allmälig immer mehr aus, und Thäler begannen näher und näher an ihren eigenen Besitzungen urbar gemacht zu werden.

Das Alter begann nun auch sichtbare Spuren seiner Einwirkung an dem eisernen Bau des Capitains hervorzubringen, und die frische Farbe der Jugend und Gesundheit, mit der sein Sohn die Wälder betreten, wich dem braunen Anstrich, womit die schwere Arbeit, die ihn allen Jahreszeiten und jeder Witterung aussetzte, seine Züge bedeckte. Wir sagen schwere Arbeit, denn abgesehen von den Gewohnheiten und 17 Ansichten des Landes, welche selbst bei den vom Glück am besten Bedachten den Müßiggang streng tadelten und verwarfen, so kamen die täglichen Beschwerden ihrer Lage, die Jagd und die weiten und verwickelten Wege in die sie umgebenden Waldungen, welche die Aeltesten selbst oft zu betreten genöthigt waren, der Bedeutung des Wortes, das wir gebraucht haben, gar sehr nahe. Ruth blieb blühend und jugendlich, obgleich sich zu den anderen Sorgen noch die der Mutter bald gesellten. Doch fiel lange Zeit Nichts vor, was besondere Reue über den Schritt, den sie gethan, in ihnen hätte hervorbringen oder ungewöhnliche Unruhe wegen der Zukunft hätte erregen können. Die Grenzwohner, – denn das waren sie durch ihre Lage an der Grenze recht eigentlich geworden, – hörten die seltsame und erschreckende Kunde von der Entthronung eines Königs, von dem Zwischenreich, wie man eine Regierung von mehr als gewöhnlicher Kraft und seltenem Glück nannte, und von der Wiedereinsetzung des Sohnes Dessen, dem man sonderbar genug den Namen Märtyrer Karl I. wird in der englischen Liturgie, wo auf seinen Todestag ein besonderer Gottesdienst festgesetzt ist, mit diesem Namen beehrt. gab. Auf alle diese folgenreichen und ungewöhnlichen Veränderungen in dem Schicksal von Königen hörte Marcus Heathcote mit tiefer und ehrerbietiger Unterwerfung unter den Willen Dessen, in welches Augen Kronen und Scepter nur die etwas kostbareren Spielwerke der Welt sind. Wie die meisten seiner Zeitgenossen, die eine Zuflucht in dem westlichen Continent gesucht, hatten auch seine politischen Ansichten, wenn sie nicht republikanisch ganz waren, doch eine 18 Hinneigung zur Freiheit, die aber streng im Widerspruch mit der Lehre von den göttlichen Rechten des Monarchen stand, zu der er sich doch bekannte, da er zu weit von den aufgeregten Leidenschaften entfernt gewesen, welche allmälig die dem Throne näher Stehenden angelockt hatten, ihre Achtung vor seiner Heiligkeit zu mindern, und seinen Glanz mit Blut zu besudeln.

Wenn Besuch vorübergehend bei ihm einkehrte, und in langen Zwischenräumen seine Ansiedelung einmal einen Fremden sah, und dieser ihm dann von dem Protector Der von Cromwell angenommene Titel. erzählte, der so viele Jahre England mit eisernem Scepter beherrscht hatte, da leuchteten wohl die Augen des alten Mannes von einer plötzlichen und eigenen Theilnahme, und einstens, als nach dem Abendgebet er sich über die Eitelkeit und die Wechsel dieses Lebens ausließ, gestand er, daß der außerordentliche Mann, welcher jetzt dem Wesen, wenn auch nicht dem Namen nach, auf dem Thron der Plantagenet säße, der weltliche Gefährte und gottlose Genosse des größten Theils seiner Jugend gewesen. Dann folgte wohl eine lange, heilsame Homilie aus dem Stegreif über die Thorheit, sein Herz an die Dinge des Lebens zu hängen, und eine halbunterdrückte, aber doch verständliche Betrachtung des weiseren Wegs, der ihn dahin geführt, daß er sein eigenes Zelt in der Wildniß aufgerichtet, statt die Hoffnung auf die ewige Glorie dadurch zu schwächen, daß er zu sehr nach dem Besitz des trügerischen Tands der Welt getrachtet hätte.

Aber selbst der sanften, in der Regel wenig beobachtenden Ruth entging der funkelnde Blick nicht, die 19 zusammengezogenen Augenbrauen und das Erglühen seiner blassen, durchfurchten Wangen, wenn die mörderischen Kämpfe der Bürgerkriege der Gegenstand der Unterredung des alten Soldaten wurden. Es gab Augenblicke, wo religiöse Unterwerfung und wir hätten beinahe gesagt, religiöse Vorschriften theilweise vergessen waren, wenn er seinem aufmerksamen Sohn und seinem lauschenden Enkel die Weise des Angriffs oder die Eigenschaften und Würdigkeit des Rückzugs auseinandersetzte. In solchen Momenten schwang selbst wohl seine noch nervige Hand die Klinge, um den letztern in ihrer Führung zu unterrichten, und mancher lange Winterabend wurde mit dieser indirecten Unterweisung in einer Kunst hingebracht, die mit den Lehren seines göttlichen Meisters so sehr im Widerspruch war. Der fromme Soldat vergaß jedoch nie, seinen Unterricht mit einer besondern Bitte in seinem gewöhnlichen Gebet zu schließen, daß nämlich keiner seiner Nachkommen je das Leben von einem Wesen nehmen möchte, das nicht vorbereitet gewesen zu sterben, immer jedoch ausgenommen die rechtmäßige Vertheidigung seines Glaubens, seiner Person und seiner gesetzlichen Rechte. Man muß gestehen, daß eine etwas liberale Auslegung der vorbehaltenen Rechte noch genug übrig ließ, um die Spitzfindigkeit Dessen zu üben, der etwa mit einem ganz besondern Hang für die Waffen behaftet gewesen.

Aber es boten sich in ihrer abgeschiedenen Lage und bei ihren friedlichen Gewöhnungen nur wenige Gelegenheiten zur Uebung einer Lehre dar, die ihnen in so vielen Vorlesungen eingeschärft worden. Indianische Bewegungen, wie man sie nannte, waren nicht selten; aber bis jetzt hatten sie nie etwas weiter als Schrecken in der Brust der lieblichen Ruth und 20 ihrer jungen Nachkommenschaft erregt. Freilich hörte man von Zeit zu Zeit von ermordeten Reisenden und von Familien, die durch Gefangenschaft getrennt worden, war es nun aber das gute Glück, oder die mehr als gewöhnliche Vorsicht der Ansiedler, die längs jener unmittelbaren Grenze sich festgesetzt hatten, genug, in der Colonie von Connecticut hatte das Messer und der Tomahawk der Indianer nur noch wenig Beschäftigung gefunden. Ein bedrohlicher und gefährlicher Kampf mit den Holländern in der angrenzenden Provinz New-Netherlands war durch die Vorsicht und Mäßigung der Vorsteher der neuen Plantagen abgewandt worden; und wenn auch ein kriegerischer und mächtiger eingeborner Häuptling die nahen Colonieen von Massachusetts und Rhode-Island in einem Zustand beständiger Wachsamkeit erhielt, so wurde doch aus der eben erwähnten Ursache die Furcht vor Gefahr bei denen gemindert, die davon so entfernt wie die Personen waren, woraus die Familie unseres Auswanderers bestand.

Auf diese ruhige Weise eilten Jahre dahin; die umgebende Wildniß zog sich langsam von den Wohnungen der Heathcotes zurück, und diese sahen sich im Besitz von allen den Gemächlichkeiten des Lebens, die in ihrer gänzlichen Lossagung von der übrigen Welt sie sich zu verschaffen erwarten konnten.

Nach diesen oberflächlichen Erläuterungen erlauben wir uns den Leser wegen einer genauern und, wie wir hoffen, interessanteren Nachricht auf die folgende Erzählung zu verweisen, welche die Begebenheiten einer Sage umfaßt, die dem Geschmack Derer zu häuslich erscheinen mögen, die für ihre Phantasie die Aufregung von lebendigeren Auftritten oder einer weniger natürlichen Lebensart erheischen. 21

 

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