Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Die Beweinte von Wish-Ton-Wish

James Fenimore Cooper: Die Beweinte von Wish-Ton-Wish - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
authorVon J. F. Cooper
publisherRob. Henrich's Verlagshandlung
addressBerlin
titleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
pages660
created20110829
modified20140825
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel.

Hektor.   Ist dies Achilles?
Achilles. Ich bin's.
Hektor. O steh'! ich bitt' Dich, daß ich Dich betrachte!
Troilus und Cressida.          

Es möchte jetzt nöthig sein, einen schnellen Ueberblick des Schlachtfeldes und der verschiedenen Gefechte auf demselben zu geben. Der von Dudley angeführte und vom Pastor Sanftmuth durch Bibelsprüche und Gebete angefeuerte und ermuthigte Haufe hatte, als er die Wiesen hinter dem Fort erreicht, seine Reihen und Marschordnung aufgegeben, und hinter Baumstümpfe und Zäune, die ihm ihren Schutz darboten, gesichert, auf die ungeregelte Bande, die sich in die Felder drängte, sein Feuer mit gutem Erfolg begonnen. Diese Entschlossenheit brachte schnell eine Aenderung in der Weise des Vordringens hervor. Die Indianer suchten nun auch ihrerseits bedeckte, gesicherte Orte auf, und der Kampf nahm jenen vereinzelten, abgebrochenen aber gefährlichen Charakter an, wobei die Standhaftigkeit und die Hülfsquellen jedes Kriegers für sich auf die härtesten Proben gestellt werden. Der 140 Erfolg, das Kriegsglück schien ungewiß und schwankend, da die Weißen bald den Raum zwischen den Wilden und ihren Freunden in der Wohnung weiter machten, und dann wieder zurückgingen, als seien sie entschlossen, Schutz hinter den Pallisaden des Forts zu suchen. Die Indianer waren an Zahl weit überlegen, wogegen die Weißen den Vortheil der Waffen und der Kriegskunst hatten. Es war der offenbare Wunsch, das Hauptbestreben der ersteren, sich durch den kleinen Haufen, der ihnen entgegenstand, Bahn zu brechen, zumal da sie von Weitem Zeugen des im vorigen Kapitel beschriebenen Treibens mit Geräthschaften in und nach dem Fort gewesen waren, – ein Schauspiel, das nur wenig geeignet war, den wilden Eifer eines indianischen Ueberfalls abzukühlen und zu schwächen. Aber die vorsichtige Weise, in der Dudley seine Mannschaft anführte, machte dies zu einem Versuch von der äußersten Gefahr.

So schwerfällig von Verstand der Fähnrich auch bei andern Gelegenheiten sich zeigen mochte, der gegenwärtige Fall war eine in jeder Hinsicht sehr geeignete Begebenheit, um seine besten und männlichsten Eigenschaften in ihm aufzuregen und Allen vor Augen zu stellen. Von großer, kräftiger Gestalt, fühlte er in Augenblicken des Streits und Gefechts einen Grad von Vertrauen und Muth in sich, der der Größe der physischen Stärke, über die er zu gebieten hatte, ganz angemessen war. Dieser kühnen Sicherheit und Furchtlosigkeit mußte ein sehr bedeutender Theil jener Art von Schwärmerei und Erregung zugeschrieben werden, die in den stumpfsten Gemüthern erweckt werden mag, und welche gleich dem Zorne eines ruhigen, gleichmüthigen Mannes durch das gewöhnliche stille Verhalten der Person nur um so furchtbarer wird. Auch 141 war dies bei weitem nicht die erste von des Fähnrich Dudley's kriegerischen, männlichen Thaten. Wir haben ihn schon als muthigen Krieger bei dem früher geschilderten Ueberfall gesehen. Auch in verschiedenen andern feindlichen Kriegszügen gegen die Eingebornen hatte er sich ausgezeichnet und bei allen Gelegenheiten kaltes Blut und einen unternehmenden Geist gezeigt. Beide dieser wesentlichen Eigenschaften thaten jetzt in der Lage, worin sich der Fähnrich befand dringend Noth. Indem er seine kleine Streitmacht weislich ausdehnte, und sie doch zu gleicher Zeit vollkommen in einer Entfernung, einer von dem andern, hielt, so daß sie sich wechselseitig unterstützen und vertheidigen konnten; indem er die Vorsicht seiner Feinde nachahmte und die geschützten Stellen, das Gebüsch und die Zäune aufsuchte, und immer einen Theil seines Feuers auf seiner ganzen durchbrochenen, aber doch wohlgeordneten Linie für besondere Fälle aufbewahrte und zurückhielt, – durch Alles dieses gelang es ihm auch, die Wilden zurückzutreiben von Baumstumpf zu Baumstumpf, von Hügel zu Hügel, von Gehege zu Gehege, bis sie sich allmälig vorsichtiger Weise über den Rand des Waldes zurückzogen. Sie weiter zu verfolgen, ließ Klugheit und Erfahrung nicht zu. Er sah Viele seiner Leute bluten, sah ihre Wunden fließen, ihre Kräfte abnehmen. Der Schutz der Bäume gab dem Feinde einen zu großen Vortheil, es wäre tollkühn gewesen, sie in ihrer Stellung anzugreifen, und gänzliche Vernichtung und Untergang würde die unvermeidliche Folge des ungleichen Kampfes gewesen sein. In diesem Augenblick des Streites warf Dudley ängstliche und forschende Blicke hinter sich. Er sah, daß keine Verstärkung zu erwarten war, sah mit Kummer, daß Weiber und Kinder 142 noch geschäftig waren, die nothwendigsten Geräthe aus dem Dorfe in das Fort zu schaffen. Indem er sich daher auf eine bessere Schutz- und Vertheidigungslinie zurückzog, auf eine Entfernung, welche wesentlich die Gefahr vor den Pfeilen verringerte, – der Waffengattung des größten Theils der Feinde, – wartete er in finsterm, ernsterm Schweigen den geeigneten Augenblick ab, wo er seinen Rückzug noch weiter bewerkstelligen könnte.

Während Dudley's Haufen so in der besten Fassung und zu Allem bereit und gerüstet dastand, ertönte plötzlich ein wildes Geschrei in den Laubgängen des Waldes. Es war ein Ausruf der Freude, ausgestoßen in der rohen Weise dieser Völker, woraus man schließen konnte, daß irgend ein plötzlicher und allgemeiner Antrieb zur Lust die Bewohner der Waldungen angefeuert und erregt hatte. Die aneinander gedrängten Dorfbewohner sahen sich einander voll Unruhe an; aber da sie in der ernsten Miene ihres Führers nichts Schwankendes und Unsicheres gewahrten, hielt sich Jeder fest auf seiner Stelle und erwartete einige weitere Anzeichen und Darlegungen von den Planen ihrer Feinde. Vor Ablauf einer Minute zeigten sich zwei feindliche Krieger an dem Rande des Waldes, wo sie dem Anschein nach in Betrachtung der verschiedenen Auftritte stehen blieben, welche auf den einzelnen Seiten des Thales vorgingen. Mehr als eine Muskete wurde auf sie angelegt; aber ein von Dudley gegebenes Zeichen verhinderte Schritte und Bewegungen, die auch wohl sehr wahrscheinlich durch die nie schlummernde Wachsamkeit eines amerikanischen Wilden zu nichte gemacht worden und vergeblich gewesen wären.

Es lag aber auch etwas in dem Aeußeren und der 143 Haltung der Beiden, was offenbar dazu beitrug, diese Schonung und Rückhaltung in Dudley zu erregen. Es waren augenscheinlich zwei Häuptlinge, und zwar von weit größerer als gewöhnlicher Würde. Wie dies bei den Kriegsanführern der Indianer häufig der Fall war, zeigten sie sich auch als Männer von hoher, gebietender Gestalt. Von der Entfernung aus gesehen, erschien der Eine wie ein Krieger, der schon die Mittagslinie seines Lebens erreicht hatte, während der Andere den leichten Schritt und die biegsameren Bewegungen eines Mannes von geringerem Alter verrieth. Beide waren wohlbewaffnet, und wie dies bei Völkern ihrer Race im Krieg gewöhnlich war, nur in die gebräuchlichen, dürftigen Bedeckungen von Wämsern und Beingewändern eingehüllt. Die ersteren jedoch waren von Scharlach und die andern reichlich mit Franzen und all den glänzenden Farben geziert, wie sie die Indianer zum Schmuck sich auswählen. Der Aeltere von den Beiden trug eine Art von Turban um sein Haupt, des Jüngeren Scheitel war geschoren und mit der gewohnten ritterlichen Skalpirlocke versehen.

Die Berathung, sowie der größte Theil der Vorfälle, die wir eben jetzt erzählt haben, nahm nur sehr wenige Augenblicke weg. Der Aelteste der Häuptlinge schien dem Jüngeren einige Befehle und Anordnungen zu ertheilen, und Dudley's Gemüth war ängstlich damit beschäftigt, die Art ihres Inhalts zu entdecken, um der Ausführung, wo möglich, zuvorzukommen. Hierauf verschwanden Beide, und Dudley würde sich wahrscheinlich lange vergebens abgemüht haben, hätte ihm der Erfolg nicht bald Aufschluß gegeben. So aber erscholl ein lauter, allgemeiner Ruf ihm zur Rechten, und als er im Begriff stand, diesem Flügel mit drei 144 oder vier seiner besten Schützen zu verstärken, sah er schon den jüngeren Häuptling schnell über die Wiesen hineilen, und einen Haufen schreiender Wilden nach den Gebüschen zuführen, welche das entgegengesetzte Ende seiner Schlachtreihe beherrschten. Kurz, die Stellung Dudley's war vollkommen umgangen, und die Baumstümpfe und Winkel der Zäune, welche seine Leute trennten, mochten leicht fernerhin für ihn von keinem Nutzen mehr sein. Diese Lage erforderte eine schnelle entschlossene Entscheidung. Der Fähnrich sammelte seine Mannschaft, ehe der Feind noch Zeit gehabt, sich seines Vortheils zu bedienen, und eilte dem Fort zu. Bei dieser Bewegung wurde er durch die natürliche Beschaffenheit des Bodens begünstigt, was ein Umstand war, den man bei dem Vordringen wohl berücksichtigt und beachtet hatte. In sehr wenigen Augenblicken fand sich der Haufe sicher unter dem Schutz eines Kleingewehrfeuers von den Pallisaden aus aufgestellt, und dies zerstreute Schießen machte bald dem Verfolgen der schreienden, frohlockenden Feinde ein Ende und hielt sie in ziemlicher Entfernung. Die Verwundeten zogen sich, nachdem sie erst ernst oder vielmehr trotzig Halt gemacht, – wodurch sie beabsichtigten, den Feinden die unbeugsame, nicht zu brechende Entschlossenheit der Weißen kund zu thun, – nun in die Vertheidigungswerke zurück, um dort Hülfe und Beistand zu erhalten; so daß Dudley's Streitschaar fast um die Hälfte verringert wurde. Mit dieser verminderten Macht entschloß er sich schnell, Denen, welche am entgegengesetzten Ende des Dorfes im Gefecht begriffen waren, zu Hülfe zu eilen.

Wir haben schon erwähnt, daß im Anfang der Colonieenanlegung die Häuser einer neuen Ansiedelung eins an das 145 andere gebaut wurden. Zu dem gewöhnlichen Grunde, welche diese unzweckmäßige, unmalerische Bauart in neun Zehntel der Städte des Festlandes von Europa eingeführt hat, kam noch für die Colonisten von Wish-Ton-Wish ein zweiter, aus ihrer Religion entlehnter. In einer der puritanischen Verfügungen nämlich hieß es: »Niemand darf sein Wohnhaus weiter als eine halbe, höchstens eine ganze englische Meile von dem Versammlungsort der Gemeinde, wo die Kirche sich gewöhnlich zur Verehrung und Anbetung Gottes befindet, aufbauen.« Der »gemeinsame Gottesdienst« wurde als einziger Grund zu dem willkürlichen Gesetze angegeben, aber es ist auch ganz wahrscheinlich, daß gegenseitige Unterstützung gegen eine Gefahr von weit mehr weltlichem, irdischen Charakter noch ein zweiter Beweggrund war. Es fanden sich daher Viele innerhalb des Forts, welche die rauchenden Trümmerhaufen, die man hier und da auf den Waldlichtungen an den Hügeln gewahrte, als Bestrafungen ansahen; welche die Zerstörungen der Häuser einem Nichtachten jenes Schutzes zuschrieben, welcher, wie sie meinten, Denen zu Theil ward, die sich mit dem größesten Vertrauen, selbst in den Formen irdischer, weltlicher Vorkehrungen und Vorsichtsmaßregeln, auf die alles tragende, alles erhaltende Macht einer alles leitenden, allsehenden Vorsehung verließen und sich auf sie gleichsam stützten. Unter der Zahl dieser war auch Ruben Ring, der sich dem Verlust seiner Wohnung als einer verdienten Strafe seines Leichtsinns fügte, die ihn verführt und gereizt hatte, ein Wohnhaus gerade an der äußersten Grenze der vorgeschriebenen Entfernung aufzurichten.

Als Dudley's Häuflein sich zurückzog, stand Ruben am Fenster des Zimmers, in welches seine fruchtbare Ehegenossin 146 mit ihrem eben erst erhaltenen reichlichen Segen sicher und wohlverwahrt eingebracht worden war, denn in jenem Augenblick der Verwirrung sah sich der Gatte genöthigt, die doppelte Pflicht einer Schildwache und einer Wärterin zu versehen. Er hatte eben erst seine Büchse auf die andrängenden Indianer und, wie er mit Recht glaubte, nicht ohne Erfolg abgefeuert, und stand im Begriff, wieder zu laden, als er sein trauerndes, schmerzvolles Auge auf den Haufen rauchender Asche und Trümmer warf, welche jetzt da den Boden deckten, wo noch gestern sein bequemes Haus gestanden hatte.

»Ich fürchte sehr, Abundanz,« sagte er, und schüttelte das Haupt mit einem Seufzer, »ich fürchte sehr, es ist ein Irrthum in dem Abmessen der Entfernung zwischen dem Gotteshause und der Waldlichtung vorgefallen. Schon damals hatte ich einige Besorgnisse und üble Ahnungen wegen der Gesetzlichkeit und Rechtmäßigkeit, die Meßkette so über die Vertiefungen und Anhöhen hinzuziehen; aber die liebliche Erhöhung, worauf die Wohnung stand, war in meinen Augen so gesund. so bequem und so reizend, daß, wenn es eine Sünde gewesen, etwas über die Grenze hinausgegangen zu sein, ich hoffe und vertraue, es werde eine sein, die mir vergeben werden kann. Ach! dort ist auch kein Balken übrig, der nicht zu Asche heruntergebrannt wäre!«

»Richte mich auf, Mann,« entgegnete die schwache Wöchnerin, »nimm mich in Deinen Arm, damit ich die Stelle sehe, wo meine Kleinen das Licht der Welt erblickten.«

Es geschah, und einen Augenblick lang starrte die Frau 147 in tiefem Schmerz auf die rauchende Brandstätte. Dann aber als sich ein neues Geschrei aus der Mitte des Feindes erhob, und bis zu ihr hingetragen wurde, da erzitterte sie und wandte mit der Zärtlichkeit und ängstlichen Sorge einer Mutter sich nach den von diesem allem nichts wissenden, unbesorgten Wesen hin, die an ihrer Seite schlummerten.

»Dein Bruder ist von den Heiden bis an den Fuß der Pallisaden getrieben und zurückgedrängt worden, und hat seine Streitmacht durch viele, die verwundet wurden, bedeutend verringert gesehen,« bemerkte der Andere, nachdem er seine Ehefrau für einen Augenblick mit männlicher Güte und Freundlichkeit angesehen hatte.

Eine kurze aber beredte Pause erfolgte. Die Mutter wandte das thränenvolle Antlitz aufwärts und antwortete, indem sie eine schwache, alles Bluts ermangelnde Hand ausreckte:

»Ich weiß, was Du gern thun möchtest. Es geziemt sich nicht, daß Sergeant Ring eine Krankenwärterin sei, während der feindliche Indianer in seines Nachbars Feldern hauset. Geh', wohin die Pflicht Dich ruft, und vollbringe als Mann, was Dir zu thun obliegt. Doch möchte ich Dich erinnern und an's Herz legen, daß Du nicht vergäßest, wie viele jetzt sich vorfinden, welche auf Dein Leben vertrauen und von ihm Vaterssorge verlangen.«

Zuerst warf Ring einen vorsichtigen Blick um sich, wie es die sittsamen, ernsten Gebräuche der Puritaner erheischten; dann, als er sich überzeugt hatte, daß das Mädchen, welches zu Zeiten hereinkam, um die Wöchnerin zu pflegen, gegenwärtig gerade nicht da war, trat er näher, drückte seine Lippen auf die Wangen seiner Frau, warf einen 148 mitleidsvollen Blick auf seine kleine Nachkommenschaft, warf dann die Muskete über die Schulter und eilte in den Hof.

Als Ruben Ring sich Dudley und dessen Schaar anschloß, hatte dieser gerade den Befehl gegeben, sich in Marsch zu setzen, um zu Denen zu stoßen, welche immer noch standhaft und muthvoll den südlichen Eingang des Dorfes vertheidigten. Das Geschäft, die nothwendigsten Lebensbedürfnisse in Sicherheit zu bringen, war noch nicht beendet, und so erschien es denn in jeder Hinsicht als ein Gegenstand von der äußersten Wichtigkeit, das Dorf immer noch gegen den Feind zu vertheidigen. Indeß war die Aufgabe nicht so schwierig, als es die große Ueberzahl der Indianer hatte befürchten lassen. Der Kampf hatte um diese Zeit sich zu dem Streithaufen hingezogen, welcher von Contentius angeführt ward, und folglich sahen sich die Indianer genöthigt, ihre Macht zu theilen. Die Häuser selbst, mit den Zäunen und Außengebäuden waren eben so viele Schanzen und Bollwerke, und es war augenscheinlich, die Angreifenden verfuhren mit einer Umsicht und Uebereinstimmung, welche zeigte, daß sie von einem Geist angeführt wurden, der weit höhere Gaben von Feldherrntalent empfangen, als diese sonst einem gewöhnlichen Geiste eigen sind.

Dudley's Aufgabe war nicht mehr so schwierig als vorher, da der Feind ferner nicht mehr seinen Zug drängte, und vorzog, die Bewegungen Derer zu bewachen, welche das verschanzte Haus noch inne hatten, und deren Anzahl er nicht kannte, über deren Angriffe er indeß augenscheinlich besorgt und ängstlich war. Sobald als die Verstärkung den Lieutenant erreichte, welcher das Dorf vertheidigte, befahl er den Angriff, und seine Leute drangen muthig mit Kriegsgeschrei 149 vor; Einige sangen geistliche Lieder, Andere erhoben ihre Stimme im Gebet, wahrend einige Wenige furchtbare gräßliche Töne erhoben, wodurch sie den Zweck vielleicht nicht minder wirksam erreichten, dem Feinde Furcht einzujagen, und da das Ganze von einem kräftigen Flintenfeuer begleitet wurde, so war der endliche Ausgang auch von Erfolg und siegreich. Nach wenigen Augenblicken floh der Feind und ließ jenen Theil des Thales für einige Zeit frei von allen Besorgnissen und Gefahren.

Verfolgung wäre Thorheit gewesen. Nachdem an verborgenen sicheren Orten zwischen den Behausungen Vorposten aufgestellt worden, zog sich der ganze Haufe zurück, mit dem Plan, den Feind abzuschneiden, welcher immer noch die Wiesen in der Nähe des Forts inne hatte. Doch dieses gelang nicht, denn im Augenblick, wo die Indianer sich gedrängt sahen, eilten sie, den Schutz des Waldes zu erreichen, und als die Weißen zu ihren Vertheidigungswerken wieder zurückkehrten, wurden sie so verfolgt, daß man deutlich sehen konnte, sie würden keine weiteren Bewegungen machen können, ohne sich der Gefahr eines ernsthaften Angriffs auszusetzen. In dieser Lage mußten denn sowohl die Besatzung des Forts, als die Mannschaft, die sich davor gesammelt hatte, unthätige Zuschauer der Auftritte sein, welche bei »Heathcotehouse,« wie die Wohnung des alten Marcus gewöhnlich genannt wurde, stattfinden sollten.

Das befestigte Gebäude war zum Schutz des Dorfes und seiner Bewohner errichtet worden, ein Zweck, den seine Stellung erreichbar machte; aber es konnte Denen keinen Beistand leisten, die sich außerhalb der Schußweite von Musketen befanden, keine Unterstützung und Hülfe gewähren. 150 Das einzige Geschütz, das der Ansiedelung angehörte, war die Feldschlange, die von dem Puritaner losgebrannt worden, und für den Augenblick dazu gedient hatte, das Vordringen seiner Feinde aufzuhalten und unmöglich zu machen. Aber der Zuruf des Fremden an seine Mannschaft, womit das letzte Kapitel schloß, zeigte hinlänglich und ließ keinen Zweifel darüber, daß der Angriff von dem Hause weggelenkt worden und daß Arbeit sehr blutiger Art sich jetzt denen aufdrang und darbot, die er und sein Gefährte führten.

Der Boden um die Wohnung der Heathcote's ließ ein Handgemenge zu, und war zu einem tödtlicheren Kampf und Ringen geeigneter, als dies bei dem der Fall gewesen, auf welchem die andern Theile des Gefechts vorgegangen waren. Die Zeit hatte die Bäume in dem Obstgarten schon zu einer beträchtlicheren Höhe herangezogen, und der wachsende Wohlstand hatte Veranlassung gegeben, daß die Einschließungen und Zäune sich vermehrt, und daß auch die Außengebäude mehr gesichert und geschützt worden. In dem Obstgarten nun war es, wo die feindlichen Haufen aufeinander stießen, und wo es zu dem Ausgang kam, welchen der kriegserfahrene Fremde vorausgesehen hatte.

Contentius theilte wie Dudley seine Mannschaft, und so begannen sie mit ihrem Feuer mit derselben bewachten, vorsichtigen Rückhaltung, welche auch von den andern Haufen beobachtet und in Anwendung gebracht worden war. Der Erfolg krönte nochmals die Anstrengungen der geübteren Kriegszucht; die Weißen schlugen allmählig ihre Feinde zurück, bis sich sogar die Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit zeigte, sie gänzlich auf ihren Nachzug in das offene Feld zurückzudrängen, ein Erfolg, der mit einem Sieg ganz und 151 gar gleich bedeutend gewesen wäre. Aber eben in diesem, ihren Hoffnungen so sehr schmeichelnden Augenblick vernahm man einen Ausbruch von Geschrei, und zwischen Rauchsäulen stürzte, wie finstere, bösartige Gespenster, die verstärkte Bande von Neuem hervor. Voran zeigte sich, das Haupt turbanartig umwunden, der riesenhohe Häuptling mit seiner furchtbaren Stimme und gebietender, herrschender Gestalt an der Spitze, ihm folgten die vorher schwankenden Reihen festgedrängt vorwärts. Das Kriegsgeschrei verdoppelte sich; denn auf der Flanke rückte ein anderer Häuptling, den Tomahawk mit fester Hand schwenkend, vor. Beide Haufen flossen in einen gedrängten Phalanx zusammen und drohten die Weißen mit sich fortzureißen, gleich wie der hervorbrechende Bergstrom Verwüstung auf seinem Laufe mit sich führt.

»Bildet ein Viereck, Leute!« rief der Fremde des eigenen Schutzes und Lebens uneingedenk und nur die äußerste Noth beachtend; »in ein Viereck, Christen; und stehet fest wie die Säulen!«

Contentius wiederholte den Befehl, er lief von Mund zu Mund. Aber ehe noch die auf den Seiten den Mittelpunkt erreichen konnten, war der Stoß schon hereingebrochen. Da auf diese Weise alle Ordnung und Stellung verloren ging, kam es zu einem Kampf Mann gegen Mann, zu einem blutigen Handgemenge, da der eine Theil muthig und wild für den Sieg stritt, und der andere nur zu gut wußte, daß selbst ihr Leben in der äußersten Gefahr sich befände. Nach dem ersten Abfeuern der Musketen, nach dem ersten Anklang der Bogen und Abschnellen der Pfeile begann das mörderische Handgemenge. Messerstiche, Tomahawkhiebe wurden von den geschwenkten und zermalmenden Kolben oder von würgenden 152 Händen erwidert, die sich im Todeskrampf um die Kehlen der Wilden athemraubend schnürten. Die Krieger fielen auf einander zu Haufen, und wenn der Sieger sich erhob, um wegzuschütteln und wegzudrängen die Leichen derer, die zu seinen Füßen hingestreckt waren in dem weitaufgerissenen Starren des Todes, da ruhte sein stolzes, grimmiges Auge gleichmäßig auf Zügen von Freund und Feind. Der Obstgarten erscholl von dem Geschrei der Indianer, aber die Colonisten kämpften in stummer Verzweiflung. Der Widerstand wich nur mit dem Leben, und mehr als einmal ereignete es sich an jenem furchtbaren Tage, daß das gewohnte, bluttriefende Siegeszeichen indianischen Triumphs dem verletzten, geschundenen Opfer, von dessen Haupt es gelös't worden war, vor die ernsten, noch bewußtvollen Augen hin und her geschwungen ward.

Während der entsetzlichen Scene wilder Wuth und blutigen Gemetzels waren die Hauptpersonen unserer Erzählung nicht unthätig. Durch ein stillschweigendes aber weises Einverständniß hatte der Fremde mit dem Contentius und mit dessen Sohne sich Rücken an Rücken gestellt, dem Feinde und ihrem weichenden Glücksstern tapfern Widerstand zu leisten. Der Erstere zeigte sich nicht als ein Paradekrieger, denn da er die Nutzlosigkeit aller Befehle und Anordnungen da eingesehen hatte, wo jeder für sein eigenes Leben focht, so theilte er in aller Stille seine mächtigen, tödtlichen Streiche aus. Seinem Beispiele folgte Contentius im edlen Wetteifer, und der junge Marcus kämpfte in voller Muskel- und Gliederkraft, und mit der ganzen Aufregung seines jugendlichen Alters. So wurde ein erster Angriff des Feindes zurückgeschlagen, und für einen Augenblick zeigte sich die erfreuliche 153 Aussicht zu Rettung und Sicherheit. Auf des Fremden Vorschlag setzten sich die drei, immer ihre Stellung wahrend, nach der Wohnung zu in Bewegung, mit der Absicht, ihrer eigenen, persönlichen Tapferkeit und Behendigkeit allein Alles zu vertrauen, sobald sie sich aus dem Haufen herausgewunden. Aber in diesem furchtbaren Augenblick, als die Hoffnung eben erst begann, Wahrscheinlichkeit auf Erfolg darzubieten, stürzte ein Häuptling mitten aus dem dichten Haufen hervor, mit aufgehobener Streitaxt, von allen Seiten nach einem Opfer sich umschauend. Ihm folgte eine ansehnliche Schaar Indianer auf dem Fuße, und nun schien der letzte entscheidende Moment unvermeidlich.

Bei'm Anblick einer so großen Menge ihrer gehaßten Feinde, die alle noch lebten und fähig waren, Schmerz und Qualen zu erdulden, brach ein gemeinsames, triumphirendes Geschrei von den Lippen der Indianer. Ihr Anführer allein, gleichsam weit erhaben über die gemeineren Regungen und Gefühle seiner Begleiter, nahte sich allein schweigend, während seine Schaar einen Kreis bildete, um die dem Tode Geweihten zu umzingeln. Der Zufall führte ihn dem jungen Marcus gegenüber. Wie sein Feind war auch der indianische Krieger noch in der Frische und ersten Jugendkraft des männlichen Alters. An Größe, Jahren und Gewandtheit schienen sich die Gegner gleich; und da die Indianer, in der Ueberzeugung, ihr Häuptling bedürfe ihres Beistandes nicht, sich auf den Fremden und Contentius stürzten, so schien Alles erwarten zu lassen, daß ein wilder, zweifelhafter Zweikampf sich zwischen ihnen entspinnen würde. Indeß während keiner der beiden Kämpfer auch nur das geringste Verlangen verrieth, den Streit zu vermeiden, war auch keiner sehr eilig 154 und begierig, den ersten beginnenden Streich zu versetzen. Für einen Maler, oder noch mehr für einen Bildhauer, wären ihre Stellungen das reichste Model einer herrlichen Kunstdarstellung gewesen.

Marcus hatte wie die meisten seiner Freunde alle überflüssige Stücke seiner Bekleidung bei Seite geworfen, ehe er sich dem Schauplatz des Streites genähert. Der obere Theil seines Körpers war nackt bis auf's Hemd, und selbst dieses war in dem rohen, wilden Zusammentreffen, durch das er schon sich durchgewunden, zerrissen und zerfetzt worden. Das Ganze seiner vollen, schweraufathmenden Brust war blos, und zeigte die weiße Haut, die blauen Adern eines Jünglings, dessen Väter vom Aufgang der Sonne her gekommen waren. Seine muskelvolle Gestalt ruhte auf dem einen Bein, welches in den Boden eingewurzelt schien, während das andere vorgeschoben worden, einem Hebel ähnlich, die erwarteten Bewegungen zu unterstützen und zu beherrschen. Seine Arme waren nach hinten zu ausgereckt, die Hände hielten krampfhaft den Lauf einer Muskete, um mit einem Umschwung Alles niederzuschmettern, was sich in den Bereich derselben wagen würde. Das Haupt, mit dem kurzen, gelockten, blonden Haar, wie es die sächsische Abkunft andeutet, bedeckt, war ein wenig über die linke Schulter vorgebeugt und schien so gehalten, damit es das Gleichgewicht des ganzen kräftigen Bau's bewahre und behaupte. Die Stirn erhitzt, die Lippen fest zusammengepreßt, die Adern an den Schläfen und am Halse bis zum Zerspringen geschwollen. Die Augen zusammengezogen, schossen aber Blicke, die eben so sehr die Gefühle verzweifelter Entschlossenheit als starren Staunens und Verwunderns bezeugten.

155 Auf der andern Seite erregte der indianische Krieger noch mehr Aufmerksamkeit. Die Gebräuche seines Volkes hatten ihn, wie dies so Sitte war, halb nackt in's Feld geführt. Die Stellung seines mächtigen Körperbaus war die eines Mannes, der bereit ist, über seinen Feind herzustürzen; und es würde wohl eine Vergleichung gewesen sein, welche die dichterische Freiheit erlaubt und zugelassen hätte, wenn man seine gerade, behende Gestalt mit der eines sich duckenden, zum Sprung bereiten Panthers zusammengestellt und durch sie versinnlicht hätte. Das vorgeschobene Bein hielt den Körper aufrecht, beugte sich aber unter seiner Last mehr mit dem freien Spiel von Muskel und Sehne, als daß es von einem Gewicht niedergedrückt gewesen, während das leicht geneigte Haupt ein wenig über die senkrechte Lage hervorragte. Eine Hand hielt fest an dem Heft einer Streitaxt, die in derselben Linie mit dem rechten Schenkel herunterhing, während die andere mit festem Griff an dem Stiele von Bockshorn eines Messers lag, das noch ruhig in seinem Gürtel in der Scheide sich befand. Der Ausdruck des Gesichts war ernst, düster und vielleicht ein wenig wild und stolz, und doch war das Ganze durch die unbewegliche und würdige Ruhe eines Häuptlings von hohen Eigenschaften und Gaben gemildert und gesänftigt. Das Auge aber war hinstarrend und auf einen Punkt gerichtet, gleich dem des Jünglings, dessen Leben er bedrohte, dem Anschein nach seltsam erfüllt von staunender Verwunderung.

Die augenblickliche Pause, die auf die Bewegungen folgte, durch welche die beiden feindlichen Kämpfer sich in diese schönen Stellungen gesetzt hatten, war voll Ausdruck und Bedeutung. Keiner sprach, keiner erlaubte sich selbst nicht 156 das geringste Spiel seiner Muskeln, keiner schien selbst nicht einmal zu athmen. Der Verschub glich nicht dem der Vorkehrung und Rüstung, denn Jeder stand bereit zu seinen todtbringenden Anstrengungen; auch würde es gar nicht möglich gewesen sein, in der zusammengepreßten Kraft, die in Marcus Antlitz lag, oder in dem kühnen, mehr geübten Tragen der Stirn, in dem Auge des Indianers auch nur das Geringste zu entdecken, was auf schwankenden Vorsatz und Plan hätte schließen lassen mögen. Eine Erregung, die diesem Auftritt ganz fremd war, schien sie Beide besessen zu haben und zu erfüllen; jede thätige, kräftige Gestalt schien, sich selbst unbewußt, sich zu dem blutigen Geschäft der Stunde fertig zu machen, während die unerklärbare, unerforschliche Wirksamkeit des Geistes, während innere Gefühle sie noch Beide für kurze Zeit im Zaum und in Unthätigkeit erhielten.

Ein Schrei des Todes aus dem Munde eines Wilden, der von des Fremden Arm erschlagen, gerade vor den Füßen seines Häuptlings niederfiel, und ein ermuthigender Zuruf von den Lippen des Letztern brach den kurzen Zauber. Die Kniee des Häuptlings beugten sich noch tiefer, die Spitze des Tomahawks wurde ein wenig erhoben, die Klinge des Messers sah man etwas aus seiner Scheide hervorschimmern und der Gewehrkolben von Marcus Waffe hatte bis zu der äußersten Ausspannung der Sehnen Dessen, der ihn schwang, ausgeholt, als ein Ruf und ein Geschrei, ganz verschieden von allen denen, die man vorher an jenem Tage vernommen hatte, in der Nähe sich erhob und zu ihnen herübertönte.

In demselben Augenblick verschoben die beiden Kämpfer den Anfang des Streits; ihre Streiche wurden, wiewohl 157 durch sehr verschiedene Kraftäußerungen, durch Hindernisse, die in dem Grade ihrer Stärke außerordentlich von einander abwichen, aufgehalten und vereitelt. Marcus fühlte die Arme von Jemand um den Leib mit einer Kraft sich geschlungen, die hinreichend gewesen wäre, ihn zu belästigen und zu hindern, jedoch gewiß nicht ihn zu bändigen, während Whittal Ring's wohlbekannte Stimme ihm in die Ohren tönte:

»Schlagt sie todt, die lügenhaften, hungrigen Blaßgesichter! Sie lassen uns keine Speise als die Luft, kein Getränk als Wasser!«

Auf der andern Seite, als der Häuptling sich im Zorn umwandte, um den Kühnen zu erschlagen, der sich herausgenommen, ihm den Arm zu halten, sah er zu seinen Füßen die knieende Gestalt, die aufgehobenen Hände und die in äußerster Seelenangst ringenden Züge der Martha. Einen Streich auffangend, den einer seiner Begleiter schon gegen das Leben der Bittenden richtete, stieß er schnell einige Worte in seiner eigenen Sprache aus, und deutete auf den ringenden Marcus. Die nächsten von den umstehenden Indianern warfen sich auf den schon halb gefangenen Jüngling. Ein Kriegsruf brachte noch hundert Feinde mehr zur Stelle, und dann herrschte eine eben so plötzliche und fast eben so furchtbare Ruhe als der vorhergegangene Lärm und Aufruhr in dem Obstgarten. Ihr folgte das langgezogene, schreckhafte und doch bedeutungsvolle Geschrei, womit der amerikanische Krieger seinen Sieg ausruft und verkündet.

Mit dem Kampf im Obstgarten hörten alle Gefechte des heißen Tages auf. Durch die grellen Töne von dem Siege 158 ihrer Feinde unterrichtet, sah die Besatzung des Forts, wenn sie einen Ausfall wagte, ihr eigenes Verderben und zugleich den Untergang der Schwachen voraus, die sich in die Vertheidigungswerke geborgen hatten. Die Entfernung vom Heathcotehouse war zu groß, um den Ersatz versuchen zu können. Sie waren daher genöthigt, leidende, unthätige, gramerfüllte Zuschauer bei'm Hereinbruch eines Uebels zu bleiben, das abzuwenden sie die Mittel nicht hatten. 159

 

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.