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Die Beweinte von Wish-Ton-Wish

James Fenimore Cooper: Die Beweinte von Wish-Ton-Wish - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
authorVon J. F. Cooper
publisherRob. Henrich's Verlagshandlung
addressBerlin
titleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
pages660
created20110829
modified20140825
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Fünftes Kapitel.

    »Ueberlegt wohl, was Ihr thut, Herr,
Damit Ihr nicht Gewalt übt, statt Gerechtigkeit.«
Winter-Märchen.          

Die Pläne des berühmten Metacom waren durch die Verrätherei eines untergeordneten Kriegers, Namens Sausaman, den Colonisten verrathen worden. Die Bestrafung dieses Verraths führte zur Untersuchung, welche mit einer schweren Anklage gegen den großen Sachem der Wampanoag's endete. Zu Stolz, sich vor verhaßten Feinden zu rechtfertigen, und vielleicht ihrer Gnade mißtrauend, bemühte sich Metacom nicht länger, seine Anschläge zu verschleiern, sondern warf die Maske des Friedens ab und erschien öffentlich mit bewaffneten Banden.

Dieses Drama hatte etwa ein Jahr vor der Zeit begonnen, bis zu welcher die Erzählung jetzt gelangt ist. Ein Auftritt, dem nicht unähnlich, welchen wir auf den frühern Blättern dargelegt haben, fand Statt. Brand, Messer und Tomahawk begannen nochmals ihr Werk der Zerstörung, ohne Mitleid, ohne Schonung, ohne Gewissenszweifel. Aber verschieden von dem Einfall in Wish-Ton-Wish folgten dieser Unternehmung unmittelbar viele Andere, bis das Ganze von 85 New-England in den berühmten Krieg verwickelt war, auf den wir schon weiter oben hingedeutet haben.

Die Gesammt-Bevölkerung der Weißen in den Colonien von New-England war kurz vorher auf hundertundzwanzigtausend Seelen geschätzt worden. Von diesen hielt man sechszehntausend für waffenfähig. Hätte man den Plänen Metacom's Zeit gelassen, gehörig zur Reife zu kommen, unschwer würden Kriegerhaufen von ihm gesammelt worden sein, welche von ihrer Vertrautheit mit den Wäldern unterstützt und an die Entbehrungen eines solchen Kriegszuges gewöhnt, vielleicht die wachsende Macht der Weißen mit ernsthafter Gefahr bedroht hätten. Aber die gewöhnlichen selbstischen Gefühle und Leidenschaften des Menschen sind unter diesen wilden Stämmen ebenso thätig und mächtig, als dies bekanntlich in den mehr gekünstelten Staatsvereinen der Fall ist. Der unermüdliche Metacom hatte, wie jener indianische Held unserer eigenen Zeiten, Tecumthe, Jahre mit Bemühungen zugebracht, die alten Feindseligkeiten zu dämpfen, und alle Eifersucht der Stämme einzuschläfern, auf daß das Ganze des rothen Geschlechts sich vereine, um einen Feind zu zerschmettern, der bald, wenn man ihn länger seine Laufbahn zu Macht und Ansehen ungestört fortsetzen ließ, zu furchtbar zu werden versprach, um durch ihre vereinten Anstrengungen unterworfen werden zu können. Der allzufrühe Ausbruch wandte gewissermaßen die Gefahr ab. Er verschaffte den Engländern Zeit, mehrere herbe Niederlagen dem Stamm ihres Hauptfeindes beizubringen, ehe seine Verbündeten sich entschlossen hatten, gemeinsame Sache mit ihm zu einem gemeinschaftlichen Plane zu machen. Der Sommer und Herbst des Jahrs 1675 war in thätigen Feindseligkeiten zwischen 86 den englischen Colonisten und den Wampanoag's vorübergegangen, ohne daß dadurch öffentlich andere Stämme der Wilden mit in den Streit hineingezogen worden wären. Ein Theil der Pequod's, nebst einigen ihnen unterworfenen Stämmen, ergriffen selbst Partei für die Weißen und die geschichtliche Ueberlieferung erzählt, daß die Mohikaner mit Vortheil benutzt wurden, den Sachem auf seinem wohlbekannten Rückzug von jener Landspitze her zu beunruhigen, wo er von den Engländern in der Erwartung eingeschlossen worden, man werde ihn durch Hunger zur Unterwerfung zwingen können.

Der Krieg des ersten Sommers war, wie man voraussehen konnte, in seinen Erfolgen sehr schwankend, da das Kriegsglück ganz eben so oft die rothen Leute in ihren plötzlichen, unterbrochenen Angriffen und Versuchen, Schaden zuzufügen, begünstigte, als ihre bei weitem mehr disciplinirten Feinde. Statt seine Kriegszüge auf sein eigenes beschränktes und leicht umzingeltes Gebiet einzuengen, hatte Metacom seine Krieger gegen die fernen Ansiedelungen am Connecticut geführt, und während der Züge dieser Jahreszeit wurden mehrere Städte an jenem Ufer zum ersten Mal angegriffen und in Asche gelegt. Mit der kälteren Witterung trat eine Art von Waffenstillstand zwischen den Wampanoag's und Engländern ein, da der größte Theil der Colonie-Truppen sich in die Heimath zurückzog, während die Indianer dem Anschein nach ruhten, um zu ihrer letzten Anstrengung Athem zu schöpfen.

Noch vor dieser Einstellung der thätigen Feindseligkeiten jedoch hatten die sogenannten Bevollmächtigten der vereinigten Colonieen eine Zusammenkunft, um die Mittel zu einem geordneten Widerstand zu berathen. Die Thatsache, daß sich 87 ein feindseliges Gefühl an allen Grenzen zu verbreiten begann, ließ sie einsehen, daß sie es nicht wie früher mit vereinzelten Feinden zu thun hätten, indem ein Anführergeist so viele Einheit des Planes in die Bewegungen des Feindes brachte, als nur immer unter einem Volke hervorzubringen möglich war, das durch Entfernung so sehr getrennt und in so viele einzelne Stämme zersplittert war. Die Colonisten entschieden, – ob mit Recht oder mit Unrecht, lassen wir dahin gestellt, daß der Krieg von ihrer Seite ein gerechter sei. Große Vorkehrungen wurden daher getroffen, ihn im folgenden Sommer auf eine Weise zu führen, die ihren Mitteln mehr angemessen wäre, und der drängenden Noth ihrer Lage mehr entspräche. In Folge der Anordnungen, die man traf, um einen Theil der Bewohner der Colonie Connecticut in's Feld zu bringen, geschah es auch, daß wir hier in unserer Erzählung die Hauptcharaktere in jenem kriegerischen Aufzuge, in jenen Soldatenwürden antreffen, in welchen wir sie eben erst unsern Lesern wieder vorgeführt haben.

Obgleich die Narragansett zuerst nicht öffentlich an den Angriffen auf die Colonisten Theil genommen, kamen diesen doch bald Thatsachen zur Kenntniß, welche keinen Zweifel über die Gesinnungen jener Nation ihnen übrig ließen. Viele ihrer jungen Krieger wurden unter dem Gefolge Metacom's entdeckt, auch sah man in ihren Dörfern erbeutete Waffen der Weißen, die in den verschiedenen Treffen erschlagen worden waren. Eine der ersten Maßregeln der Bevollmächtigten war daher, einem ernstlicheren Angriffe durch einen kräftigen Streich gegen die Nation zuvorzukommen. Der bei dieser Gelegenheit gesammelte Streithaufen war wohl die stärkste 88 Kriegsmacht, welche die Engländer je in dieser frühen Zeit in ihren Colonieen zusammengebracht hatten. Sie bestand aus tausend Mann, von denen kein unbeträchtlicher Theil Reiterei war, eine Truppengattung, welche, wie spätere Erfahrung gezeigt hat, bei Kriegen gegen einen so thätigen und gewandten Feind sich als ganz vorzüglich brauchbar bewies.

Die Ueberrumpelung geschah im tiefsten Winter, und war entsetzlich verheerend für die Angegriffenen. Die Vertheidigung Conanchet's, des jungen Sachems der Narragansett, war in jeder Hinsicht des hohen Rufes seines Muthes und seiner Geisteskräfte würdig; auch war der Sieg nicht ohne schweren Verlust für die Colonisten erkauft worden. Der eingeborne Häuptling hatte den streitbaren Theil seines Volks um sich her versammelt und mit demselben auf einem Stücke festen Bodens eine Stellung eingenommen; dieses Wahlfeld lag in der Mitte eines dicht mit Gebüsch bewachsenen Sumpfs, und die Vorkehrungen zur Vertheidigung und zum Widerstande verriethen eine ganz besonders vertraute Bekanntschaft mit den militairischen Hülfsmitteln eines Weißen. Das Dorf war befestigt, und die Colonisten sahen sich in die unerwartete Nothwendigkeit versetzt, eine mit Pallisaden versehene Brustwehr, eine Art von Redoute, und ein regelmäßiges Blockhaus einzunehmen, ehe sie in das Dorf selbst eindringen konnten. Der erste Sturm wurde mit Verlust für die Europäer von den Indianern abgeschlagen.

Aber bessere Waffen und größere Uebereinstimmungen im Angriff trugen endlich den Sieg davon, obgleich nicht ohne einen mehrstündigen Kampf und nachdem die Wilden fast gänzlich umzingelt waren.

89 Die Begebenheiten jenes denkwürdigen Tages machten einen tiefen Eindruck auf die Gemüther von Leuten, welche selten durch Vorfälle von irgend großem, aufregenden Charakter bewegt wurden. Sie wurden noch oft der Gegenstand ernster und nicht selten trauererfüllter Unterhaltung, wenn sie gemächlich am häuslichen Heerde saßen; auch ward der Sieg nicht ohne Nebenvorfälle davongetragen, welche obwohl sie vielleicht unvermeidlich gewesen sein mochten, dennoch gar leicht Zweifel in den Gemüthern der gewissenhaften Religionsbekenner erregten, ob auch ihre Sache die gerechte gewesen. Wenn die Ueberlieferung Wahrheit spricht, so wurde bei jenem Ueberfall ein Dorf von nicht weniger denn sechshundert Hütten eingeäschert, und Hunderte von Todten und Verwundeten vom schrecklichen Feuer verzehrt. Man schätzte die Zahl der gebliebenen Indianer auf Tausend, und da diese gerade den Kern der Nation ausmachten, so hat sie sich von diesem Schlage nie wieder erholt. Inzwischen waren auch der Gefallenen von Seiten der Colonisten nicht wenig, und mit der Siegesnachricht drang auch Trauer und Schmerz über eine große Menge von Familien herein. In diesem Feldzug hatten viele Männer aus Wish-Ton-Wish unter den Befehlen des Contentius eifrig mitgewirkt. Sie waren nicht alle unversehrt davongekommen; aber man hoffte vertrauensvoll, ihr Muth werde in einem lange dauernden Genuß des Friedens seine Belohnung finden; denn Friede war bei ihrer entfernten, ausgesetzten Lage nur um so wünschenswerther und ersprießlicher.

Die Narragansett waren aber nichts weniger als gänzlich unterworfen und unterdrückt. Während der ganzen Fortdauer der ungestümen Jahreszeit setzten sie bald diese, bald 90 jene Grenzgegend in Schrecken, und in einem oder zwei Fällen fand ihr gepriesener Sachem, Conanchet, Gelegenheit, sich für die seinem Volke so verhängnißvolle Niederlage auf eine ausgezeichnete Weise zu rächen. Mit dem Eintritt des Frühlings wurden auch die Ueberfälle häufiger, und die Vorzeichen der Gefahr so zahlreich, daß man sich zu einem neuen Aufruf an die Colonisten, die Waffen zu ergreifen, genöthigt sah.

Der in dem letzten Kapitel in unsere Erzählung eingeführte Bote war mit einem Auftrag gekommen, welcher Beziehung auf die Ereignisse dieses Kriegs hatte, und für eine ganz besondere Mittheilung von drängender Wichtigkeit hatte er jetzt diese geheime Unterredung mit dem Haupt der Kriegsmacht des Thales verlangt.

»Ihr habt, Capitain Heathcote, Geschäfte von der höchsten Wichtigkeit vor Euch,« sagte der eilige Courier, als er sich mit Contentius allein befand. »Die Befehle Sr. Herrlichkeit lauten: weder Peitsche noch Sporn zu schonen, bis die Hauptleute der Grenzen in Kenntniß gesetzt sind, wie gefährlich es um die Lage der Colonisten stehe.«

»Ist etwas von Wichtigkeit, von aufregender Besorgniß vorgefallen, daß Se. Herrlichkeit der Gouverneur, eine mehr als gewöhnliche Wachsamkeit für nöthig erachtet? Wir hatten gehofft, die Gebete der Frommen wären nicht vergebens gewesen, und daß eine Zeit der Ruhe auf jene Greuelscenen folgen würde, denen wir unglücklicher Weise, durch unsere gesellschaftlichen Verträge gebunden, beiwohnen mußten. Der blutige Sturm des Dorfes Pettyquamscott hat unsere Herzen mächtig ergriffen, ja er hat selbst Zweifel über die Rechtmäßigkeit einiger unserer Thaten in uns erregt.«

91 »Ihr habt einen sehr ehrenwerthen, verzeihungsvollen Sinn, Capitain Heathcote, sonst würde sich Euer Gedächtniß andern Auftritten, als jenen zuwenden, welche mit der Bestrafung eines so erbarmungslosen, gewissenlosen Feindes zusammenhängen. Man erzählt sich an dem Fluß, daß das Thal von Wish-Ton-Wish auch seiner Zeit von den Wilden heimgesucht worden, und die Leute sprechen viel und umständlich von den Leiden, welche die Eigenthümer hier bei diesem grausamen Vorfall erduldeten.«

»Wir dürfen die Wahrheit nicht verleugnen, selbst nicht damit Gutes daraus entstehe. Es ist wahr und gewiß, daß viel Böses mir und den Meinen durch eben den Einfall, von dem Ihr sprecht, zugefügt worden; nichtsdestoweniger haben wir nie Anstand genommen, Alles dies als eine gnadenvolle Strafe anzusehen, die uns für mannichfaltige Sünden zuerkannt worden, nicht als einen Gegenstand, dessen wir uns später noch erinnern möchten, um Leidenschaften zu reizen und anzuspornen, die allen Eingebungen der Vernunft und christlichen Liebe gemäß, wenigstens so weit schlafen und ruhen sollten, als es unsere schwache Natur nur immer zugeben und erlauben mag.«

»Das ist ganz gut, Capitain Heathcote, und steht ganz außerordentlich im Einklang mit den am meisten angenommenen, und allgemein anerkannten Lehren,« entgegnete der Fremde, und gähnte unmerklich, entweder aus Mangel an Ruhe in der vorigen Nacht, oder aus Gleichgültigkeit und Mißbehagen bei einem so ernsten Gegenstand; »indeß hat dies wenig Zusammenhang und Bezug mit unsern gegenwärtigen Pflichten. Mein Auftrag geht ganz besonders auf die weitere Vernichtung und Schwächung der Indianer hin, und 92 hat gar nichts mit den innern, religiösen Untersuchungen über unsere eigenen geistlichen Verirrungen und Fehlschlüsse zu thun, denen wir uns etwa aussetzen möchten, indem wir uns eines Rechts bedienen, das vielleicht noch in Zweifel gezogen werden kann, das aber Beziehung auf die Pflicht der Selbsterhaltung hat. Es giebt keinen Einwohner in der Connecticut-Colonie, Sir, der sich mehr bestrebt hätte, ein zartes Gewissen zu bewahren und es mehr und mehr auszubilden, als der schuldbeladene Sünder, welcher hier vor Euch steht; denn ich habe das ausnehmende Glück, unter den religiösen Ausströmungen eines Geistes zu sitzen, der wenige Meister, wenige seines Bessern hier auf dieser Welt in den köstlichen Gaben der Rede anzutreffen zu fürchten braucht. Ich spreche nämlich von Dr. Calvin Poppe, einem höchst würdigen, seelenberuhigenden Geistlichen, Einem, der des Stachels nicht vergißt, wenn das Gewissen eines Reizes bedarf, der auch nicht zögert, Trost dem zu ertheilen, der seinen gefallenen Zustand einsieht; Einem, der nie verfehlt, mit christlicher Liebe und Demuth des Geistes und mit Geduld mit den Fehlern der Freunde und Nachsicht und Verzeihung gegen seine Feinde zu verfahren, als welches die Hauptzeichen eines wiedergebornen, erneuerten moralischen Daseins sind; und so könnt Ihr denn wenig Grund haben, Mißtrauen gegen die geistige Gerechtigkeit Derer zu hegen, die seinem reich dahinströmenden Worte zuhören. – Aber wenn die Rede von Leben und Tod ist, wenn es eine Sache gilt, welche die Herrschaft und den Besitz dieser schönen Länder betrifft, welche der Herr gegeben hat, – ja, dann, Sir, dann behaupte ich, daß gleich den Israeliten, welche mit den sündhaften Besitzern Canaan's zu thun hatten, es uns zukommt, treu gegen einander zu 93 sein und auf die Heiden mit mißtrauischem Auge zu blicken.«

»Es mag etwas Wahres in dem, was Ihr sagt, liegen,« bemerkte Contentius mit Niedergeschlagenheit. »Doch ist es immer noch erlaubt, selbst diese Nothwendigkeit zu betrauern, welche zu allen jenen Streitigkeiten führt. Ich hatte gehofft, daß Diejenigen, welche an der Spitze unserer Angelegenheiten stehen, vielleicht zu weniger strengen Ueberredungsmitteln ihre Zuflucht nehmen könnten, ohne sogleich zu den Waffen zu greifen. Welches ist nun der nähere Inhalt Eures Auftrags?«

»Seine Ausführung verlangt dringende Eile, Sir, wie Ihr aus einer näheren Auseinandersetzung sehen werdet,« entgegnete der Andere und dämpfte seine Stimme, wie Jemand, der gewöhnlich bei diplomatischen Verhandlungen gebraucht wird, so unwissend er auch sonst in ihren mehr geistigen Verrichtungen sein mochte. »Ihr waret Zeuge der Züchtigung von Pettiquamscott, und Ihr bedürfet daher keiner Schilderung der Art, wie der Herr mit unsern Feinden verfuhr an jenem gnadenreichen Tage; aber Ihr, die Ihr so weit von den täglich vorfallenden Unruhen in der Christenheit entfernt lebt, könntet vielleicht mit der Art unbekannt sein, wie die Wilden jene Züchtigung aufgenommen haben. Der unruhige und immer noch unbezwungene Conanchet hat seine Dörfer verlassen, und seine Zuflucht in die offenen Wälder genommen, er haust in den Wäldern, wo er alle Geschicklichkeit und Kriegsübung unserer disciplinirteren Krieger in Anspruch nimmt, welche zu allen Zeiten ausspähen müssen, wo sich die Stellung und Hauptstreitmacht ihrer Feinde gerade befindet. Die Folgen hiervon lassen sich leicht 94 errathen. Der Wilde ist immer plötzlich hervorgebrochen und hat ganz oder nur zum Theil erstlich: Lancaster am zehnten vergangenen Monats verwüstet, wobei Viele gefangen wurden; dann zweitens: am zwölften Marlborough; am dreizehnten Groton; Warwick am siebenzehnten und Rehoboth, Chlemsford, Andover, Weymouth, nebst verschiedenen anderen Orten, welche alle seit den letzteren Zeiten bis zu dem Tage, wo ich die Residenz Sr. Herrlichkeit verließ, sehr viel gelitten haben. Pierce von Scituate, ein stattlicher Kriegsmann und zwar von großer Erfahrung in der indianischen Kriegsführung, ist mit seiner ganzen Compagnie zusammengehauen worden, und Wadsworth und Brocklebank, Männer, ihres Muths und ihrer Geschicklichkeit wegen bekannt und geachtet, haben ihre Gebeine in den Wäldern zurückgelassen, und schlafen mit ihren unglücklichen Gefährten auf gemeinsamer Stätte.«

»Das sind in der That Nachrichten, die uns zur Trauer über die verlassene, verworfene Natur unsers Geschlechts nöthigen können,« sagte Contentius, dessen sanftes Gemüth eine solche Unglücksnachricht allerdings in die aufrichtigste Trauer versetzen mußte. »Es ist nicht leicht einzusehen und ein Mittel zu finden, wie dies Uebel anders gesteuert werden könne, als durch einen Kampf.«

»Dies ist auch die Meinung Sr. Herrlichkeit, sowie seiner Räthe; denn wir haben hinlängliche Kenntniß von den Schritten des Feindes, um sicher sein zu können, daß der oberste Geist der Bosheit und Verderbniß, in der Gestalt Metacom's, den sie Priester nennen, an der ganzen Ausdehnung der Grenzen hin und her wüthet, und die Stämme zu dem aufreizt, was er die Nothwendigkeit nennt, fernerem 95 Andringen zu begegnen, und daß er durch verschiedene fein ersonnene Ränke boshafter Arglist ihre Rache entflammt und anfacht.«

»Und welche Verfahrungsweise ist in einer so drängenden Verlegenheit von der weisen Einsicht unserer Regierung angeordnet worden?«

»Erstens: ist ein Fasten geboten, damit wir als durch geistigen Kampf und tiefe Selbsterforschung gereinigte Männer zur Erfüllung unserer Pflicht schreiten mögen; zweitens: wird anempfohlen, daß die Religionsgesellschaften mit mehr als gewöhnlicher Strenge gegen alle Abtrünnigen und Bösewichter verfahren sollen, damit die Ansiedelungen nicht unter den göttlichen Zorn fallen, wie dies mit denen geschehen ist, welche die verruchten, von Gott verworfenen Städte Canaan's bewohnten; drittens: hat man beschlossen, unsere schwache Hülfe und Kraft den Befehlen der Vorsehung zu leihen, indem wir die bestimmte Zahl geübter Truppen aufrufen, und viertens: hat man im Sinne, der Brut der Rache entgegenzuarbeiten, indem man einen Preis der Belohnung auf die Häupter unserer Feinde setzt.«

»Ich gebe den drei ersten dieser Hülfsmittel, als den gewöhnlichen und rechtmäßigen Vertheidigungsquellen christlicher Männer meine volle Beistimmung,« sagte Contentius. »Aber das Letztere scheint eine Maßregel, die man nur mit großer Vorsicht und einigem Mißtrauen in die Rechtmäßigkeit des Zwecks anwenden darf.«

»Fürchtet nichts; alle gebührende, ökonomische Rücksicht hat in den Gemüthern unserer Oberen ihre Stelle gefunden und ist thätig gewesen, als sie scharfsinnig und mit Eifer eine so ernste, folgenreiche Politik in Betrachtung zogen. 96 Man ist nicht Willens, mehr als die Hälfte jener Belohnung anzubieten, welche unsere reichere und ältere Schwester-Colonie an der Bai ausgesetzt hat, ja man hat selbst die scharfsinnige Frage aufgeworfen, ob es nur überhaupt nöthig und zu verlangen sei, daß eine Ansiedelung von ihrem zarten Alter eine Geldsumme biete. Und nun, Capitain Heathcote, will ich mit Eurer Erlaubniß, mit der Erlaubniß eines so treuen, verehrungswürdigen Unterthans, weiter gehen, und Euch die Einzelnheiten über die Anzahl und Beschaffenheit der Streitmacht vorlegen, welche Ihr, wie man hofft, in eigener Person in dem nun folgenden Feldzuge anführen werdet.«

Da man das Ergebniß und den Inhalt dessen, was jetzt folgt, aus dem Verlauf unserer Erzählung ersehen wird, so ist es unnöthig, den Boten weiter in seinen Mittheilungen zu begleiten. Wir werden ihn daher mit Contentius allein lassen; sie mögen sich mit dem Gegenstand ihrer Zusammenkunft befassen und beschäftigen, während wir weiter gehen und einige Nachricht über die mit unserer Erzählung verknüpften übrigen Personen geben wollen.

Als Fidel, wie schon erzählt worden, durch die Ankunft des Fremden unterbrochen worden war, versuchte sie, durch ein neues Hülfsmittel einige Beweise von noch deutlicherer Rückerinnerung dem stumpfen Geiste ihres Bruders zu entlocken. Begleitet von dem größten Theile der zur Familie Gehörigen, hatte sie ihn auf den Gipfel jenes Hügels geführt, der jetzt mit dem Laub eines jungen, treibenden Obstgartens bekränzt war, und indem sie ihn an den Fuß der Trümmer stellte, versuchte sie, eine Reihe von Rückerinnerungen in ihm zu erregen, welche zu noch tieferen Eindrücken führen 97 sollten, ja sie hoffte, vielleicht gar durch ihre Hülfe zu der Entdeckung jenes wichtigen Umstands zu gelangen, dessen Aufhellung Alle so sehr wünschten und erstrebten.

Der Versuch gab kein glückliches Resultat. Der Ort und eigentlich das ganze Thal hatten eine so große Veränderung erlitten, daß selbst Jemand, der von der Natur reichlicher begabt worden, hätte zögern mögen, ehe er die Gegenden für dieselben gehalten, die wir auf unsern ersten Seiten beschrieben haben. Diese plötzliche Umwälzung in Gegenständen, welche wo anders so wenig Veränderung kennen, selbst nach einem Verlauf von langen Jahren, ist eine Thatsache, die Allen bekannt und vertraut ist, welche in den neueren Distrikten der Union sich aufhalten. Sie rührt von den schnell fortschreitenden Verbesserungen her, welche auf den ersten Stufen der Bildung in einer Ansiedelung gemacht werden. Schon das Fällen des Waldes allein giebt der Aussicht einen ganz neuen Anstrich, und es ist gar nicht leicht, in einem Dorfe oder in angebauten Feldern, so neu auch immer das Bestehen des einen und so unvollkommen der Anbau der andern sein mag, Spuren von einer Stelle zu entdecken, die noch kurze Zeit vorher als der Schlupfwinkel des Wolfs oder die Zuflucht des Wildes bekannt war.

Die Züge und mehr noch das Auge seiner Schwester hatten in Whittal Ring's stumpfsinnigem Geiste langschlafende Rückerinnerungen aufgeregt, und wenn auch diese Blicke in die Vergangenheit abgerissen und undeutlich waren, hatten sie doch hingereicht, jenes alte Vertrauen zu beleben, was sich ganz besonders im Anfang ihrer Unterredung zeigte. Aber das überschritt seine schwachen Geisteskräfte, sich Dinge 98 in's Gedächtniß zurückzurufen, die seine Theilnahme nicht besonders lebhaft auf sich zogen, und die auch selbst so wesentliche Veränderungen erlitten hatten. Indeß sah doch der blödsinnige Jüngling nicht auf die Trümmer, ohne daß sich auch gar nichts in seinem Innersten geregt hätte. Obgleich der Rasen rings um den Fuß des Hügels herum im vollen Schmelz und Glanz des Frühsommers stand, und der köstliche Geruch des wilden Klees Whittal's Sinne begrüßte, lag doch immer noch etwas in den geschwärzten, zerrissenen Mauern des Blockhauses, in der Stellung des kleinen Thurms und der Aussicht auf die umliegenden Hügel, so leer und baumlos auch die meisten von ihnen jetzt waren, was offenbar zu seinen frühsten Eindrücken sprach. Er sah auf die Stelle, wie ein Jagdhund auf einen Herrn blickt, den er so lange aus den Augen verloren, daß dies selbst seinen Instinkt ertödtete und betäubte, und zu Zeiten, wenn seine Gefährten sich bemühten, den undeutlichen Bildern seiner Seele zu Hülfe zu kommen, wollte es scheinen, als wenn die Rückerinnerung vielleicht noch triumphiren würde, und alle jene täuschenden Meinungen und Ansichten, welche Gewohnheit und indianische List über sein stumpfsinniges Gemüth gezogen, im Begriff wären, vor dem Licht der Wirklichkeit zu verschwinden. Aber die Lockungen eines Lebens, worin so viel von der natürlichen Freiheit lag, die sich mit den bezaubernden Vergnügungen der Jagd und des Herumstreichens in den Wäldern mischten, konnten so leicht nicht verwischt und aus ihrer Herrschaft verdrängt werden.

Als Fidel ihn listig zu den körperlichen Genüssen zurückführte, die er in seiner Kindheit so geliebt hatte, schien die Phantasie ihres Bruders mehr nach der Seite der Wahrheit 99 sich hinzuneigen, aber sobald es ihm deutlich ward, daß er die Würde eines Kriegers und alle die neuerlicheren und weit mehr lockenden Ergötzungen seines spätern Lebens aufgeben müsse, ehe er zu seiner ersteren Lebensweise zurückkehren könnte, da weigerten sich hartnäckig seine stumpfen Geisteskräfte, sich einer Veränderung hinzugeben, die, in seiner Lage, einer wahren Seelenwanderung gleich gekommen wäre.

Nach einer Stunde ängstlicher und von Fidel's Seite zornerfüllter Bemühungen, einige Zeichen seiner Rückerinnerung an die Lage seines Lebens, in der er sich einstens befunden, dem Blödsinnigen zu entlocken, ward der Versuch für den Augenblick aufgegeben. Zu Zeiten schien es, als wenn die Schwester nahe daran wäre, die Oberhand zu gewinnen. Er nannte sich selbst oft Whittal, aber immer bestand er darauf, daß er auch Nipset sei, ein Mann von den Narragansett, der eine Mutter in seinem Wigwam hätte, und zu glauben berechtigt wäre, daß er unter die Krieger seines Stamms gezählt werden würde, noch vor dem nächsten Schneefall.

Zu derselben Zeit fand an der Stelle, wo die Untersuchung zuerst gehalten worden, und die bei der plötzlichen Ankunft des Boten die meisten von den Gegenwärtigen verlassen hatten, ein Auftritt von ganz verschiedener Art Statt. Nur eine einzige Person blieb an dem langen Tisch sitzen, auf dem das Morgenessen aufgetragen war, sowohl für die Herrschaft als die Arbeiter. Dieser Einzelne, der zurückblieb, hatte sich in einen Stuhl geworfen, weniger mit der Miene eines Mannes, der den Forderungen des Appetits genügen will, als eines, dessen Gedanken so mächtig in ihm waren, daß sie ihn gleichgültig gegen die Lage und Beschäftigung seiner mehr 100 leiblichen Theile machten. Sein Haupt ruhte auf den Armen, so daß diese in der That sein Gesicht verhüllten, während sie selbst über die einfache aber außerordentlich reinliche Tafel von Kirschbaumholz hinlagen, welche durch ihre Stellung an der Seite von einer andern von minder kostbarem Stoffe dazu diente, die einzige Unterscheidung zwischen Herrschaft und Gesinde zu machen, so wie etwa in älteren Zeiten und in andern Ländern das Salz bekanntlich zu demselben Zwecke diente, nämlich die Verschiedenheit im Rang unter Denen zu bezeichnen, welche an demselben Mahle Theil nahmen.

»Marcus,« sagte eine furchtsame Stimme dicht an seiner Seite, »Du bist noch von der heutigen Nachtwache müde und schläfrig, Du fühlst noch die Nachwirkungen von dem Herumstreichen auf den Hügeln. Willst Du nicht etwas Speise zu Dir nehmen, ehe Du Dich zur Ruhe begibst?«

»Ich schlafe nicht,« entgegnete der Jüngling, erhob das Haupt und rückte langsam die Schüssel mit der einfach ländlichen Speise zur Seite, die ihm von Jemand dargereicht ward, deren Auge voll Gefühl auf seine aufgeregten Züge sah, und deren erröthende Wange vielleicht verrieth, daß sie sich im Geheimen bewußt war, ihr Blick sei freundlicher und liebreicher gewesen, als sich mit jungfräulicher Zurückhaltung vertrage. »Ich schlafe nicht, Martha, und glaube, ich werde nie wieder schlafen.«

»Du erschreckst mich mit diesen wilden, kummervollen Augen. Ist Dir etwas auf Deinem Zug in die Gebirge begegnet?«

»Glaubst Du, Jemand von meinen Jahren und meiner Stärke sei nicht im Stande, die Ermüdung und Anstrengungen von einigen wenigen Stunden Wachsamkeit in dem Walde 101 zu ertragen? Der Leib ist wohl, aber der Geist leidet außerordentlich.«

»Und willst Du mir nicht sagen, was Dir diese Unruhe, diese Betrübniß verursacht? Du weißt, Marcus, daß Niemand in diesem Hause, ja, ich darf gewiß hinzufügen, Niemand in diesem Thale ist, der nicht Dein Glück wünscht.«

»Es ist wohlthuend, das zu hören, gute Martha, doch – Du hast nie eine Schwester gehabt!«

»Das ist wahr; ich bin die einzige von meinem Geschlecht, und doch scheint's mir, daß keine Bande des Blutes näher gewesen sein könnten, als die Liebe, die ich gegen die hegte, welche wir verloren haben.«

»Auch keine Mutter! Du hast nie erfahren, was kindliche Ehrfurcht heißt.«

»Ist Deine Mutter nicht auch die meinige?« antwortete sie so bewegt und doch so weich, daß es dem jungen Mann auffiel, und er einen langen rührenden Blick auf sie heftete, ehe er begütigend und mit Hast erwiderte:

»Sehr wahr, sehr wahr, Du liebst und mußt die lieben, die Deine Kindheit ernährt und nothwendig versorgt, und Dich durch Sorgfalt und Zärtlichkeit zu einer so schönen und glücklichen Jungfrau herangebildet hat.«

Martha's Auge erglänzte, die gesunde Farbe ihrer Wangen überzog sich mit höherem Roth, als Marcus, sich selbst unbewußt, dieses Lob ihres Aeußeren aussprach; aber da sie mit jungfräulichem Zartgefühl über seine Bemerkung wegglitt, blieb diese Veränderung in ihrem Antlitz unbemerkt und der Andere fuhr fort:

»Du siehst, daß meine Mutter stündlich mehr ihres Grames wegen unserer kleinen Ruth erliegt, und wer kann sagen, was 102 ein so lange anhaltender Kummer für ein Ende nehmen werde?«

»Es ist wahr; es ist Grund genug vorhanden gewesen, um viel für sie zu fürchten, aber seit kurzem hat die Hoffnung den Sieg über ihre Befürchtungen davongetragen. Du thust nicht wohl daran, ja ich bin selbst nicht ganz gewiß, ob Du nicht sogar Unrecht thust, daß Du Dir diese Unzufriedenheit gegen die Vorsehung erlaubst, weil die Mutter, vielleicht etwas mehr als gewöhnlich, sich ihrer Trauer gerade zu einer Zeit hingibt, wo so unerwartet ein Mann zurückgekehrt ist, der so sehr mit Derjenigen in Berührung stand, welche wir verloren haben.«

»Es ist nicht das, Mädchen, – es ist nicht das!«

»Wenn Du mir die Quelle Deines Schmerzes nicht anvertrauen willst, so kann ich wenig mehr thun, als Dich bedauern.«

»So höre, ich will es Dir sagen. Es sind jetzt viele Jahre her, wie Du weißt, seit die Wilden, ich weiß nicht, ob Mohawks, Narragansetts, Pequods oder Wampanoags, in unsere Ansiedelung einbrachen und ihre Rache an uns ausübten. Wir waren damals Kinder, Martha, und mit Gedanken eines Kindes habe ich immer an diesen erbarmungslosen Brand gedacht. Unsere kleine Ruth war ganz wie Du, ein blühendes Kind von etwa sieben oder acht Jahren, und ich weiß nicht, wie es kommt, aber meiner Einbildungskraft schwebt meine Schwester seitdem nur so vor, wie sie geraubt wurde, nämlich als ein unschuldsvolles Kind.«

»Aber Du weißt ja, daß die Zeit nicht stehen bleibt; um so mehr müssen wir also darauf bedacht sein, besser zu . . .«

»So lehrt uns die Pflicht. Ich versichere Dir, Martha, 103 daß zur Nachtzeit, wenn Träume über mich kommen, wie dies manchmal geschieht, und ich unsere Ruth im Walde herumwandern sehe, diese immer als ein spielendes, lachendes Kind, so wie wir sie kannten, mir vorkommt; und selbst wachend denke ich mir meine Schwester an meinem Knie, so wie sie oft zu stehen pflegte, wenn sie auf jene eitelen Erzählungen lauschte, womit wir unsere Kindheit erheiterten.«

»Aber wir wurden ja in demselben Jahr und Monat geboren, – denkst Du denn an mich auch nur wie an ein Wesen im Kindesalter, Marcus?«

»An Dich! das ist nicht leicht möglich. Sehe ich denn nicht, daß Du zu einer Jungfrau herangewachsen bist, daß Deine kleinen braunen Locken sich in ein rabenschwarzes Haar, wie es Deinen Jahren zukommt, umgewandelt haben, und ich sage es nicht in eitler, schmeichelnder Rede, Martha, denn Du weißt, daß meine Zunge nicht täuschen kann; aber sehe ich denn nicht, daß Du mit dem Wuchse auch alle übrigen Vortrefflichkeiten einer schönen Jungfrau besitzest? Aber so ist es nicht mit der, oder vielmehr so war es nicht mit der, welche wir betrauern; denn bis auf diese Stunde habe ich mir immer meine Schwester als das kleine unschuldige Wesen vorgestellt, mit dem wir scherzten und spielten, bis zu der furchtbaren Nacht, wo sie aus unsern Armen gerissen wurde, und die Wilden in ihrer Grausamkeit sie mit fortschleppten.«

»Und was hat dies liebliche Bild von unserer Ruth in Dir verwischt und verändert?« fragte die Andere, und bedeckte halb ihr Antlitz, um das noch höhere Erröthen ihrer mädchenhaften Zufriedenheit zu verbergen, das durch die eben vernommenen Worte in ihr aufgeregt worden war. »Auch mir schwebt sie in der eben geschilderten Gestalt vor, und 104 warum sollten wir nicht noch immer glauben, daß sie jetzt noch, wenn sie lebt, so sei, wie wir wünschen würden, sie wiederzusehen.«

»Das kann nicht sein, – die Täuschung ist vorüber, und an ihrer Stelle hat eine schreckliche Wahrheit mein Herz erfüllt. Da ist Whittal Ring, den wir als Knaben verloren; Du siehst, er ist als Mann und Wilder zurückgekommen! Nein, nein, meine Schwester ist ferner das Kind nicht mehr, als welches ich sie mir so gern dachte, sondern sie hat das Alter und die Gestalt eines erwachsenen Weibes erlangt!«

»Du denkst von ihr mit wenig Güte, während Du andere weit weniger von der Natur Begabte mit zu viel Nachsicht beurtheiltest; denn Du wirst Dich erinnern, Marcus, sie war immer von lieblicherem Anblick als irgend Jemand anders, den wir kannten.«

»Das wüßte ich nicht – das will ich nicht behaupten, ich bin nicht dieser Meinung. Aber mag sie immer sein, wozu Mühen und Entbehrungen sie nothwendig machen mußten, doch muß Ruth Heathcote als viel zu gut für einen indianischen Wigwam erklärt werden. O es ist schrecklich, wenn man sie als die Sclavin, die Dienerin, als das Weib eines Wilden sich denken muß!«

Martha bebte zurück, und eine ganze Minute ging vorüber, ehe sie wieder Fassung genug gewann, um zu antworten. Es war offenbar, dieser empörende Gedanke durchkreuzte jetzt zum ersten Mal ihre Seele, und alle die natürlichen Gefühle befriedigten mädchenhaften Stolzes verschwanden vor jenem reinen Gefühl der Weiblichkeit, vor der innigen Theilnahme.

»Das kann nicht sein,« murmelte sie endlich; »das kann nimmer geschehen! Unsere Ruth muß sich noch der Lehren 105 erinnern, die ihr in der Kindheit eingeprägt worden. Sie weiß, daß sie von christlichen Eltern abstammt; daß ihr ein geachteter Name, herrliche Hoffnungen, glorreiche Verheißungen zu Theil wurden!«

»Whittal war älter, als er gefangen ward, dennoch lehrt sein Beispiel, daß die in der Jugend erhaltenen Lehren den Kunstgriffen der Wilden weichen.«

»Aber Whittal fehlt es auch an natürlichen Gaben, er stand immer auf der niedrigsten Stufe des menschlichen Verstandes.«

»Und doch, welchen Grad indianischer List und Verschlagenheit hat er nicht schon erreicht?«

»Aber, Marcus,« entgegnete seine Gefährtin furchtsam, als wenn, während sie alle Kraft seiner Beweisgründe fühlte, sie sich nur aus Zärtlichkeit gegen die unruhigen Gefühle des Bruders herausnähme, ihr Gewicht zu bestreiten; »wir sind von gleichen Jahren, was mir zugestoßen ist, kann gar leicht auch Ruth geglückt sein.«

»Meinst Du damit, daß, weil Du selbst noch unvermählt bist, und bis jetzt ein freies Herz behalten hast, auch meine Schwester dem bittern Fluche entgangen sein könne, das Weib eines Indianers, oder was nicht weniger entsetzlich ist, die Sclavin seiner Launen zu werden?«

»In der That, ich meine eigentlich nichts weiter als das Erstere.«

»Und nicht das Letztere?« fuhr der junge Mann mit einer Schnelligkeit fort, die eine plötzliche Umwälzung in seinen Gedanken verrieth. »Aber wenn Du auch mit Ansichten und Entschlüssen, die feststehen mit einer freundlichen Zuneigung, die zu Gunsten eines in Dir erregt worden, den Du allen 106 Andern vorziehst, – wenn Du bei dem Allem dennoch zögerst, Martha, so folgt daraus noch nicht, ja, wird dadurch noch nicht einmal wahrscheinlich, daß ein in den Banden des heidnischen Lebens sich selbst überlassenes Mädchen auch so lange warten würde, um erst nachzudenken. Selbst hier in den Ansiedelungen machen nicht alle so viel Schwierigkeiten mit ihrem Entschließen als Du!«

Die langen, seidenen Wimpern bewegten sich über den dunkeln Augen des Mädchens, und für einen Augenblick schien es, als wenn sie gar nicht die Absicht hätte, etwas zu erwidern. Aber indem sie furchtsam zur Seite blickte, antwortete sie doch endlich in so leisem Tone, daß Marcus kaum den Inhalt ihrer Worte vernehmen konnte.

»Ich weiß nicht, wie ich zu dieser falschen Ansicht von meinem Charakter bei meinen Freunden habe kommen können, mir kommt es immer vor, als wenn das, was ich fühle und denke, nur zu leicht errathen werden könnte.«

»Nun denn, so ist der lebhafte, hübsche junge Mann aus Hartford, der so oft den Weg zwischen dieser fernen Ansiedelung und seines Vaters Hause hin und her macht, seines Erfolges und Glückes sicherer, als ich es mir dachte. Er wird nun wohl nicht lange mehr diese weite Reise so ganz allein zurücklegen dürfen!«

»Du bist böse auf mich, Marcus, sonst würdest Du nicht mit so kaltem Blicke mich ansehen, die immer mit Dir in Freundschaft und Güte gelebt hat.«

»Ich spreche nicht im Zorne, denn es würde eben so unvernünftig als unmännlich sein, auch nur im Geringsten dem Rechte Deines Geschlechtes, frei zu wählen, zu nahe treten zu wollen; aber dennoch scheint es auch billig, daß 107 wenn einmal der Geschmack befriedigt und der Verstand mit seinen Anforderungen beschwichtigt ist, dann sich wenig Grund mehr finden sollte, sich immer noch des Redens zu enthalten.«

»Und wolltest Du, daß ein Mädchen in meinen Jahren eilig glauben sollte, man suche sie, wenn es vielleicht sein könnte, daß Derjenige, von welchem Du sprichst, weit mehr Deine Gesellschaft und Freundschaft sucht, als meine Liebe und Gunst?«

»In diesem Falle könnte er sich viele Mühe und manche körperlichen Anstrengungen und Entbehrungen ersparen, es müßte denn sein, daß er großes Vergnügen im Sattel findet; denn ich meines Theils kenne keinen jungen Mann in der Connecticut-Colonie, für den ich weniger Achtung und Zuneigung hätte. Andere mögen Vieles in ihm finden, was sie billigen und loben, aber für mich ist er zu kühn und vorlaut in seinen Reden, hat etwas Widerwärtiges in seinem Aeußeren und viel Unangenehmes in seiner ganzen Unterhaltung.«

»Ich fühle mich glücklich, daß wir uns zuletzt noch einig in unsern Ansichten finden; denn was Du eben von dem jungen Manne gesagt hast, habe ich schon selbst lange an ihm gefunden, und immer so von ihm geurtheilt.«

»Du? Du denkst so von diesem Unverschämten! Aber, warum hörst Du auf seine Bewerbung? Ich hatte Dich für ein viel zu ehrliches, schlichtes Mädchen gehalten, Martha, als daß ich gedacht hätte, Du könntest solche Feinheiten von Täuschung annehmen. Warum bei dieser Ansicht von seinem Charakter seinen Umgang und seine Gesellschaft nicht gänzlich aufgeben und vermeiden?«

108 »Darf denn ein Mädchen zu schnell ihren Gedanken Worte geben?«

»Und wenn er hier wäre und bereit, Dich um Deine Gunst und Zuneigung zu bitten, Deine Antwort würde sein –«

»Nein!« sagte die Jungfrau, erhob für einen Augenblick die Augen und begegnete beschämt den begierigen Blicken des Andern, obgleich sie das einsilbige Wörtchen fest und bestimmt aussprach.

Marcus schien verwirrt. Ein gänzlich neuer und nie vorher empfundener Gedanke nahm von seinem Kopfe Besitz. Diese Veränderung wurde augenscheinlich durch seine ausdrucksvollen Züge und eine Wange, die wie Feuer glühte. Was er nun gesagt haben würde, können die meisten unserer Leser, die das achtzehnte Jahr zurückgelegt haben, allenfalls errathen, allein gerade in diesem Moment hörte man die Leute, welche nach der Ruine gegangen waren, um der Untersuchung des Whittal beizuwohnen, zurückkommen. Martha glitt so schweigend und sachte hinweg, daß sie selbst den, mit welchem sie gesprochen, für einige Augenblicke ihre Abwesenheit nicht bemerken ließ. 109

 

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