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Die Beweinte von Wish-Ton-Wish

James Fenimore Cooper: Die Beweinte von Wish-Ton-Wish - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
authorVon J. F. Cooper
publisherRob. Henrich's Verlagshandlung
addressBerlin
titleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
pages660
created20110829
modified20140825
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Drittes Kapitel.

»Ich weine nicht so leicht, wie mein Geschlecht
wohl pflegt; – – –
                              Doch ruht
In meiner Brust ein nagender Schmerz,
Der heißer brennt denn Thränenfluthen.«
Winters Erzählung.          

Besäße die Feder eines zusammentragenden Annalisten die mechanische Kraft der Bühne, dann würde es etwas Leichtes sein, die Scenen dieser Sage so schnell und wirksam aufeinander folgen zu lassen und zu verändern, als es zu ihrem richtigen Verständniß und zu dem gehörigen Aufrechterhalten des Interesses daran erforderlich ist. Was durch die magische Hülfe der Maschinerie nicht geschehen kann, muß daher durch weniger hohe und, wie wir fürchten, durch weit weniger wirksame Mittel versucht werden.

Zu derselben frühen Tagesstunde und in nicht bedeutender Entfernung von der Stelle, wo Dudley seinen Schwager Ring mit so angenehmer Nachricht überraschte, fand auch in einer andern Colonistenfamilie eine anziehende Morgenzusammenkunft statt. Kaum war das Dämmerlicht, welches dem 40 hellen Morgen vorangeht, am Himmel erschienen, so sah man schon, wie in dem ansehnlichen Gebäude auf der entgegengesetzten Seite des Thales alle Fensterladen und Thüren geöffnet wurden. Die Sonne hatte den östlichen Himmel noch nicht mit Purpur gesäumt, so gaben alle Dorf- und Hügelbewohner ein gleiches Beispiel häuslicher Industrie und Betriebsamkeit und als der Feuerball über den Bäumen sichtbar ward, befand sich kein menschliches Wesen in der ganzen Ansiedelung, das das gehörige Alter hatte und einer gänzlichen Gesundheit genoß, welches nicht wirklich auf den Beinen gewesen.

Es ist unnöthig, erst zu sagen, daß das eben besonders hervorgehobene Gebäude die jetzige Wohnung der Familie des Marcus Heathcote war. Wenn auch das Alter die Grundfesten seiner Stärke untergraben hatte, und die Canäle seines Lebens fast versiegt waren, lebte doch der ehrwürdige Greis noch. Während seine physischen Vollkommenheiten allmälig dem gewöhnlichen Verfall und Abnehmen der Natur gewichen, hatte sich doch der geistige Mensch nur wenig verändert. Es ist selbst wahrscheinlich, daß sein Schauen der Zukunft durch die Nebel irdischer Vortheile weniger verdunkelt wurde, als damals, wo wir ihn zuletzt gesehen, und daß der Geist einen Theil jener Kraft gewonnen, welche sicher den körperlicheren Theilen seines Daseins entzogen worden. Zu der schon erwähnten Stunde saß der Puritaner auf dem freien Vorplatz, welcher sich längs der ganzen Fronte einer Wohnung hindehnte, die, wenn sie auch in architektonischen Verhältnissen fehlerhaft sein mochte, doch nicht jener wesentlicheren Vorzüge und Bequemlichkeiten entbehrte, die eine geräumige, behagliche Grenzbehausung gewöhnlich darbot. 41 Um ein getreues Bild von einem Manne zu erhalten, der so innig mit unserer Erzählung verflochten ist, wird der Leser sich ihn als einen Greis vorstellen, der schon seine neunzig Jahre gezählt, mit einem Antlitz, welchem angestrengtes, beständiges Ringen des Geistes um den Segen des Himmels viele und tiefe Furchen eingegraben hatte, – mit einer Gestalt, die zitterte, während sie noch die Trümmer eines mächtigen Gliederbaues und biegsamer Muskeln verrieth, – mit einem Aeußern, in welches ascetische Uebungen und Betrachtungen eine Strenge eingeprägt, die nur leichthin durch ein Glimmen seiner natürlichen Güte gemildert ward, einer Güte, die keine angenommene Gewohnheiten, keine Spuren metaphysischen Hinbrütens und Grübelns je ganz zu verbannen vermocht hatten. Auf dieses Bild ehrwürdigen, selbstverläugnenden Alters, warf jetzt die Sonne ihre ersten Strahlen, und auf dem matten Auge und durchfurchten Antlitz ruhten Glanz und Friede. Vielleicht gehörte die sanfte Ruhe des Ausdrucks seines Gesichts eben so sehr der Jahreszeit und Morgenstunde, als dem gewöhnlichen Charakter des Mannes an. Diese Güte des Blickes, der blos seiner Stärke und seines deutlichen Ausdrucks wegen ungewöhnlich war, mochte noch durch den Umstand erhöht worden sein, daß sein Geist, wie dies gewöhnlich war, eben erst im Gebet in der Mitte seiner Kinder und Untergebenen sich erhoben hatte; denn dies pflegte er immer zu thun, ehe seine Kinder jene abgeschiedeneren Stellen des Gebäudes verließen, wo sie Ruhe und Sicherheit während der Nacht gefunden. Keines von den eigentlichen, dem Leser schon bekannten, Mitgliedern der Familie fehlte, und auch die Zahl der Arbeiter war wieder eben so stark, als vor der Zerstörung des Hauses durch die 42 Wilden, was die reichlichen Zubereitungen zum Morgenimbiß, welche eben im Gange waren, anschaulich genug bewiesen.

Die Zeit hatte keine sehr auffallende Veränderung in dem Aeußern von Contentius hervorgebracht. Freilich hatte sich die braune Farbe seines Antlitzes erhöht, und sein Körperbau begann auch wohl etwas von seiner Elasticität und Leichtigkeit in den Bewegungen zu verlieren, und dafür das Abgemessenere des mittleren Alters anzunehmen. Aber dies trat deshalb so wenig hervor, weil Contentius von jeher in seinem äußern Thun und Lassen eine würdevolle Gelassenheit zeigte, die man mehr zu den Eigenschaften des Alters als der Jugend zu rechnen gewöhnt ist. Selbst seine jüngeren Jahre hatten mehr die gewöhnlichen jugendlichen Kraftäußerungen versprochen und verheißen, als daß sie die Erwartung durch die wirkliche Darlegung derselben erfüllt. Geistliche Strenge und Ernst hatten lange vorher eine entsprechende körperliche Wirkung hervorgebracht. Die Zeit hatte, um uns der Sprache der Maler zu bedienen, nichts an der Gestalt und den Verhältnissen berührt, nur dem Ganzen eine weichere Färbung gegeben. Wenn sich ja einiges Grau hier und da in seinem Haar blicken ließ, so erinnerte es mehr an bewährte Festigkeit, als an Symptome des Verfalls, wie fest eingewurzelte Steine sich am ersten mit Moos bedecken.

Nicht so verhielt es sich mit seiner lieblichen, sich hingebenden Lebensgefährtin. Jene Sanftheit und Milde des Aeußern, welche zuerst das Herz des Contentius gerührt hatte, war noch zu gewahren, obwohl es unter Spuren eines beständigen und zehrenden Grams fortbestand. Die Frische der Jugend war verschwunden, und an ihre Stelle trat die dauernde und in diesem Falle rührendere Schönheit des 43 Ausdrucks hervor. Ruth's Auge hatte nichts von seiner Lieblichkeit verloren, und ihr Lächeln blieb immer noch bezaubernd und reizend; aber das erstere war oft peinvoll leer, und schien nach innen zu auf jene geheimen und zerstörenden Quellen des Grams zu schauen, die tief und fast geheimnißvoll in ihrem Herzen sich vorfanden, während das letztere dem kalten Glanze jenes Gestirns glich, das die Gegenstände erleuchtet, indem es die erborgten Strahlen auf sich selbst zurückwirft. Ihre Matronengestalt, ihre weibliche Freundlichkeit, ihre melodische Stimme waren noch da, doch die erste war bis zum Rande frühzeitigen Dahinwelkens erschüttert, die zweite zeigte sich, selbst bei Regungen der höchsten Theilnahme, nie ohne eine Beimischung verborgenen Grams; und die letzte ertönte selten, ohne daß man jenes wehmüthige Beben zwischen durch hörte, welches darum so ergreift, indem es dem Verstand eine den ausgesprochenen Worten so verschiedenartige, widerstrebende Bedeutung und Gefühlsdarlegung beibringt. Alle diese Spuren aber waren nur leise angedeutet; theilnahmlose oder oberflächliche Beobachtung würde in der verwelkten Schönheit, in der abgeblühten Reife der Matrone nur das Alltägliche, die Ebbe menschlichen Daseins erblickt haben. Die Farbe des Kummers, wie dies auch bei einer solchen Frau ganz passend war, war mit zu zarter Hand aufgetragen worden, als daß sie jedem profanen Auge sichtbare Striche hinterlassen. Sowie die höchsten Leistungen der Kunst für diejenigen nicht vorhanden sind, denen es an dem Sinn für das Vortreffliche gebricht, so konnten Menschen, deren Gefühle durch die sinnliche Gegenwart bedingt sind, für ihren Schmerz keine Theilnahme empfinden, ihn nicht fassen, nicht errathen. Man glaube aber nicht, daß Ruth's 44 Mitgefühl für die Freuden und Leiden Anderer abgestumpft war. Wenn Gram an einem Herzen nagt, welches wirkliche Zärtlichkeit besitzt, so offenbart er sich nur durch Zerstörung der eigenen Genüsse, vermag aber nicht, das Herz gegen die Anderer zu erkälten, und wie stark auch die Selbstsucht sei, wahre Menschenfreundlichkeit ist stärker. Wem dürfen wir noch sagen, daß die Trauer der unglücklichen Frau ihrem verlornen Kinde galt. Hätte sie mit Bestimmtheit gewußt, daß ihre Tochter aufgehört habe, zu leben, so würde es wohl eine Frau von ihrem festen Glauben nicht schwierig gefunden haben, ihre Trauer in's Grab der Unschuldigen niederzulegen, und an der Seite der Hoffnungen zu versenken, zu denen ihre Religion sie so sehr berechtigte. Aber was immer ihren Gedanken vorschwebte, war der lebendige Tod, zu welchem ihr Kind vielleicht verurtheilt worden sein mochte, sein Leben unter den Heiden hinzubringen. Wenn die Lippen dessen, der sie liebte, von der Pflicht der Ergebung sprachen, so hörte sie zu mit der Zärtlichkeit eines Weibes, mit der Geduld einer christlichen Frau, und dann, selbst während die heiligen Ermahnungen noch in ihr aufmerksames Ohr schallten, führte die unbesiegbare Natur sie unversehens zum Schmerz der Mutter zurück.

Die Einbildungskraft dieses sich aufopfernden weiblichen Wesens hatte nie eine ungebührliche Oberherrschaft über ihre Vernunft besessen. Ihre Träume von Glück an der Seite eines Mannes, den ihr Urtheil eben so sehr, als ihre Zuneigung schätzte und verehrte, waren so gewesen, wie die Erfahrung und Religion sie rechtfertigen mochten. Aber sie sollte nun, so hatte es das Schicksal bestimmt, erfahren, daß eine furchtbare Poesie in dem Grame liegt, welcher die Dinge 45 mit einer Anmuth und einer Macht der Phantasie uns vor die Sinne bringen und gleichsam ihre Umrisse zu entwerfen vermag, denen keine schwächere Anstrengungen einer erhitzten Einbildungskraft je gleichkommen können. In der Sommerlüfte Geflüster hörte sie das sanfte Athmen ihres schlummernden Kindes, im Windessausen seine weinende Klage, im alltäglichen Umgang mit den Ihrigen seine kindischen Fragen, seine naiven Antworten. Wenn Abends bei stiller Luft das fröhliche Gelärme und Gelächter der Dorfjugend zu ihr herüberschallte, so ertönte ihr das Lachen kindlicher Glückseligkeit, gleich der Stimme des Trauerns, und kaum begegneten die Scherze und Spiele der Kinder ihrem Auge, ohne mit sich das Bangen der Angst zu bringen, und ihrem Mutterherzen Qualen einzuflößen. Zweimal war sie Mutter geworden seit den Begebenheiten jenes gräßlichen Ueberfalls der Wilden, allein, gleichsam als wenn ein giftiger Hauch alle ihre Hoffnungen zerstören sollte, – die kleinen Wesen, die sie geboren, schliefen Seite an Seite unweit der Thurmruine. Dorthin wandte sie oft ihre Schritte, nicht aber in der Absicht an der Ruhestätte über die Entschlafenen zu trauern, sondern um dem süßen Bilde ihrer Einbildungskraft nachzuhängen und die ganze Macht des Schmerzes in ihrer Brust walten zu lassen. Die Bilder, die sie von den Todten sich machte, waren voll Ruhe und selbst voll Trost für sie; aber so oft immer ihre Gedanken bis zu den Wohnungen des ewigen Friedens sich erstiegen, so oft ihre schwache Phantasie die Erscheinungen der Seligen in Körper einzuschließen versuchte, immer forschte dann ihr geistiges Auge nach Der, die sich dort noch gar nicht befand, suchte sie eher auf als Jene, von denen man glaubte, daß sie sicher gebettet seien 46 im Schooße des ewigen Glücks. So vorübergehend und täuschend auch immer diese Geistesblicke waren, es fanden sich noch andere, die weit zerstörender auf sie einwirkten, da sie sich mehr mit den rauhen, sichern Umrissen, wie sie die irdische Welt giebt, darstellen. Es war die allgemeine und vielleicht die bessere Ansicht der Einwohner des Thales, der Tod habe alsbald das Schicksal aller derjenigen besiegelt, die bei dem Ueberfall in die Hände der Wilden gefallen waren. Ein solcher Ausgang stand wenigstens im Einklang mit den bekannten Gebräuchen und mitleidslosen Leidenschaften der Sieger, die selten das Leben schenkten, es sei denn, um eine ausgedachtere Rache zu nehmen, oder irgend einer kinderlosen Mutter des Stammes Trost zu bringen, indem man ihr in der Person des Gefangenen einen Ersatz für die Gestorbenen vorstellte. Nun fand die trauernde Mutter wohl Linderung ihres Schmerzes, wenn sie sich das Antlitz des lachenden Cherubs in die Wolken malte, oder sich einbildete, auf seinen leichten Fußtritt zu lauschen, wie er in den leeren Hallen der Wohnung zu ihr hindrang; in diesen täuschenden Bildern des kummerbeladenen Hauptes war doch der Schmerz ihrem Busen noch erträglicher, aber wenn die ernste Wirklichkeit die Stelle der Phantasie einnahm, wenn sie ihre lebende Tochter sich dachte, wie sie erzitterte in den winterlichen Stürmen, wie sie der wilden Hitze des Klima's erlag, wie sie freudenlos hinwanderte in der Verzweiflung weiblicher Gefangenschaft und Sclaverei, und mit Geduld das Loos ihrer körperlichen Schwäche unter einem grausamen, wilden Herrn ertrug, – dann zerrte der Schmerz in fürchterlichem Maße an ihren Lebensgeistern und erschöpfte die Quelle ihres gequälten Daseins.

47 Wenn auch der Vater nicht gänzlich frei von ähnlichem Kummer war, so überfiel dieser ihn doch weniger unablässig. Er wußte mit den Regungen seines Gemüths zu ringen, wie es einem Manne am besten ansteht. Obgleich sehr von dem Glauben erfüllt, die Gefangenen seien schnell dem Bereich jedes Leidens durch den Tod enthoben worden, hatte er doch keine Maßregel versäumt, die ihm die Pflicht eingab, keine Anstrengungen gescheut, welche Zärtlichkeit gegen seine trauernde Gattin, väterliche Liebe und Christenthum von ihm fordern konnten.

Die Indianer hatten sich über die Schneekruste hin entfernt und mit dem Thauwetter war jede Spur ihrer Schritte, jedes Zeichen, woran man die Richtung so vorsichtiger Feinde hätte verfolgen können, verschwunden. Es blieb selbst zweifelhaft, zu welchem Stamm, ja sogar zu welchem Volke die Streifzügler gehört hatten. Der Friede der Colonie war noch nicht offen gebrochen worden, und jener Einfall war mehr ein gewaltthätiges, wildes Vorzeichen der Uebel gewesen, die man noch beabsichtigte, als der wirkliche Anfang jener erbarmungslosen Feindseligkeiten, welche späterhin die Grenze verheert hatten. Aber während die Klugheit die Colonisten ruhig gehalten, versäumte Familienliebe keine vernünftige Mittel, um die Dulder auszulösen, im Fall man ihrer geschont hatte.

Kundschafter hatten sich unter die verschwörenden und nur halb friedlich gesinnten Stämme in der Nähe der Ansiedelung begeben, und Belohnung und Drohung, beides hatte man reichlich angewandt, um die Wilden, welche das Thal verwüstet hatten, auszumitteln so wie auch um Nachrichten über das, allen weit wichtigere Schicksal der hülflosen, unglücklichen 48 Opfer einzuziehn. Jeder Versuch, die Wahrheit zu entdecken, war fehlgeschlagen. Die Narragansett versicherten, ihre beständigen Feinde, die Mohikaner, hätten, nach ihrer gewohnten verrätherischen Weise, ihre englischen Freunde überfallen und geplündert, während die Mohikaner mit aller Macht die Beschuldigung zurück auf die Narragansett warfen. Dann stellten sich wieder einige Indianer, als wollten sie geheimnißvolle, dunkle Winke über die feindlichen Gesinnungen gewisser wilder Krieger geben, von denen man wußte, daß sie unter dem Namen der fünf Nationen innerhalb des Gebiets der holländischen Colonie New-Niederland wohnten, und ließen sich viel über den Neid der Blaßgesichter aus, welche eine von der der Yengihs verschiedene Sprachen redeten. Kurz, Nachforschungen hatten keinen Erfolg gehabt, und auch Contentius, wenn er seiner Einbildungskraft sich überließ und sich seine Tochter noch lebend dachte, sah sich genöthigt anzunehmen, daß aller Wahrscheinlichkeit nach sie in diesem Falle weit im Ocean der Wildniß vergraben sei, die damals den größten Theil der Oberfläche dieses Continents bedeckte.

Eines Tages indessen kam der Familie ein Gerücht zu Ohren, das Hoffnung zu erregen geeignet war. Ein wandernder Handelsmann, der aus den Wildnissen des Binnenlandes her auf einem Markt an der Seeküste sich begab, war in das Dorf gekommen. Er brachte eine Nachricht mit, daß ein Kind, das in gewisser Hinsicht dem Aeußeren entsprach, welches, wie man annehmen mußte, jetzt wohl jener zukommen mochte, die man verloren hatte, – ein solches Kind, sagte er, lebe unter den Wilden an dem Ufer der kleineren Seen in der anliegenden Colonie. Die Entfernung bis zu dieser Stelle war groß, der Weg mit tausend Fährlichkeiten 49 besetzt und der Erfolg aller Bemühung nichts weniger als gewiß. Doch wurden Hoffnungen neu belebt, die lange geschlafen hatten. Ruth bestand nie auf eine Forderung, die ernstlicher Gefahr ihren Gatten aussetzen konnte, und seit vielen Monden hatte dieser selbst nicht mehr von der ganzen Sache gesprochen. Indeß arbeiteten mächtig die natürlichen Gefühle eines Vaters in ihm; seine Augen, zu allen Zeiten nachdenkend und ruhig, wurden sorgenvoller, tiefere Furchen sammelten sich auf seiner Stirn, und endlich nahm Trauer gänzlich Besitz von einem Antlitze, das gewöhnlich so heiter und ruhig war.

Gerade diese Zeit hatte Eben Dudley für passend erachtet, seine Bewerbung um Fidel, die er immer nach seiner unbeständigen, abbrechenden Weise fortgesetzt hatte, jetzt ernstlicher zu betreiben, und das Mädchen nun endlich zu einer Entscheidung zu drängen. Einer jener wohl angelegten Zufälle, die von Zeit zu Zeit das Mädchen und den jungen Grenzmann zu besonderer Unterredung zusammengebracht, setzte ihn in den Stand, seinen Vorsatz mit der hinlänglichen Klarheit auszuführen. Fidel hörte ihn an, ohne irgend etwas von ihrem gewöhnlichen Leichtsinn zu verrathen, und antwortete mit so weniger Neckerei, als nur immer der Gegenstand zu verlangen schien.

»Gut, Eben Dudley,« sagte sie, »und es ist dies nicht mehr, als ein ehrliches Mädchen ein Recht hat von dem anzuhören, der so viele Mittel und Wege eingeschlagen, wie Du, sich seine Gunst zu erwerben. Doch Derjenige, welcher sein Leben lang von mir gequält sein möchte, hat eine feierliche Pflicht zu erfüllen, ehe ich auf seine Wünsche höre.«

Der Bewerber glaubte, es sei nun an ihm, seine 50 männlichen Eigenschaften und Handlungen herauszustreichen, damit das Mädchen sehe, er sei zu einem so bedenklichen Unternehmen, wie die Ehe ist, wohl ausgerüstet.

»Ich bin,« sagte er, »in den unteren Städten gewesen, und habe mich mit ihrer Art zu leben bekannt gemacht; auch haben meine Dienste als Kundschafter in der Colonie dazu beigetragen, die Indianer in ihren Schlupfwinkeln zu halten. Der Handel mit dem Capitain um das Hügelland und um eine Wohnung im Dorfe nähert sich seinem Schlusse, und da die Nachbaren mir ihre Hülfe bei der Grundlegung und bei dem Aufsetzen des Dachstuhls gewiß nicht versagen werden, so sehe ich in der That nicht, was – –«

»Du täuschest Dich, wohlbedächtiger Dudley,« unterbrach ihn das Mädchen, »wenn Du glaubst, Dein Auge würde je das sehen, Dein Verstand würde je das ausfinden, was erst erstrebt werden muß, ehe ich mein Loos und Geschick an das Deine knüpfe. Hast Du nicht bemerkt, Eben, wie die Wange unserer Gebieterin blasser geworden, wie ihr Auge eingefallen ist, seit der Pelzhändler in der Woche, wo der große Sturm wüthete, bei uns zubrachte?«

»Ich könnte nicht sagen, daß das Aussehen der Madame Heathcote, so lange ich mich zu entsinnen vermag, sich sonderlich verändert hätte,« antwortete Dudley, der nie dafür bekannt gewesen, daß er zu genauen Characterbeobachtungen tauglich sei, obwohl er sonst in Dingen, die mehr mit seinen täglichen Verrichtungen und Arbeiten zusammenhingen, sich hinlänglich scharfsinnig erwies. »Sie ist nicht jung und blühend wie Du, Fidel, auch geschieht's nicht oft, daß wir sehen – –«

»Ich sage dir, Eben, Kummer und Gram zehrt an ihrer 51 Gestalt, und sie lebt nur noch im Hinbrüten und Andenken an ihr verlorenes Kind!«

»Das heißt aber die Trauer über die vernünftigen Grenzen hinaustreiben. Das Kind genießt, das ist über allen Zweifel gewiß, des seligen Friedens, wie Dein Bruder Whittal. Daß wir seine Gebeine nicht entdeckten, davon liegt die Schuld am Feuer, das uns nur wenig übrig ließ, um uns anzudeuten – –«

»Dein Kopf, trübseliger Dudley, ist selbst ein Beinhaus, aber diese Deine Schilderung, ein treues Abbild Deines Kopfes, soll nicht im Stande sein, mich zu beruhigen. Der Mann, der mein Gatte werden soll, muß Gefühl für den Schmerz einer Mutter haben!«

»Was kommt Dir denn nun wieder für eine Grille in den Kopf, Fidel! Vermag ich die Todten wieder in's Leben zu bringen, oder ein Kind, das seit so langen Jahren verloren worden, nochmals seinen Eltern in die Hände zu legen?«

»Ja, das vermagst Du! – Nun, reiß nur nicht die Augen auf, als wenn jetzt zum ersten Mal Licht in die Finsterniß Deines umnebelten Hirnschädels hereinbräche. Ich sage es noch einmal, das vermagst Du!« –

»Nun denn, so bin ich froh, daß Du Dich endlich einmal deutlich erklärst, und daß ich weiß, woran ich bin, ich habe ohne dies schon zu viel von meinem Leben mit dieser ungewissen Bewerbung verschwendet, während mich doch gesunde Vernunft und das Beispiel Aller in meiner Nähe hätte lehren können, daß, um Vater einer Familie zu werden und für einen tüchtigen Ansiedler zu gelten, ich schon vor mehreren Jahren ein Weib und ein Stück Land mir hätte 52 aussuchen sollen. Ich wünsche Jedem Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und da ich Dir einmal Veranlassung gegeben, zu glauben, es könne der Tag kommen, wo wir zusammen leben würden, wie es sich für Leute in unserer Lage schickt, so hielt ich es für meine Pflicht, Dich zu bitten, mein Loos mit mir zu theilen. Aber jetzt, da Du mir Unmöglichkeiten auflegst, sehe ich mich genöthigt, wo anders anzuklopfen.«

»Das ist immer so Deine Sitte gewesen, wenn wir nahe daran waren, uns mit einander zu verständigen. Du bist immer geneigt, Dich irgend einem Unwillen zu überlassen, und dann wirfst Du Deinen Verdruß und Tadel auf mich, die doch selten etwas thut, was vernünftiger Weise Dich beleidigen könnte. Welche Tollheit gibt Dir den Wahn, daß ich Unmöglichkeiten verlange! Nein, Dudley, Du kannst nicht bemerkt haben, wie die Gesundheit der Madame Heathcote von dem verzehrenden Feuer ihres Kummers und Grams aufgerieben wird; Du kannst nicht in den tiefen Schmerz einer Mutter, die ihr Kind verloren, schauen, sonst würdest Du nicht so ungeduldig werden, wenn man Dir zumuthet, auf eine kurze Zeit eine Wanderung in die Wälder zu unternehmen, um zu erforschen, ob das Mädchen, von welchem der Rauchwaarenhändler erzählte, die Beweinte von Wish-Ton-Wish sei, oder das Kind eines Fremden.«

Wenn auch Fidel mit einer gewissen Neckerei sprach, vorherrschend war jedoch das Gefühl. Ihr schwarzes Auge schwamm in Thränen und immer glühender ward die Farbe ihrer gebräunten Wange, so daß ihr Liebhaber endlich, ergriffen von einer Rührung, deren er keineswegs unfähig war, allen Unwillen vergaß.

»Wenn eine Reise von einigen hundert Meilen Alles ist, 53 was Du verlangst, Mädchen, warum so in Räthseln sprechen?« entgegnete er gutmüthig. »Es konnte Dir gewiß nicht an dem geeigneten, freundlichen Worte fehlen, um mich auf die Spur Deines Vorhabens zu bringen. Wir wollen uns nächsten Sonntag vereinigen lassen, und dann soll, so Gott will, der Mittwoch oder höchstens der Sonnabend mich auf den Weg, von woher der Handelsmann aus dem Westen gekommen war, treffen.«

»Kein Aufschub! Du mußt mit Sonnenaufgang Abschied nehmen. Je schneller und gewandter Du Dich auf der Reise zeigst, desto eher wirst du Macht haben, mich eine thörichte That bereuen zu lassen.«

Aber Fidel war bewogen worden, etwas von ihrer Strenge nachzulassen. Sie wurden am Sonntage vermählt und den folgenden Tag verließen Contentius und Dudley das Thal, um den fernen Stamm aufzusuchen, auf den ein Sprößling von einem fremden Boden so gewaltsamer Weise eingepfropft sein sollte.

Es ist unnöthig, bei den Gefahren und Entbehrungen einer solchen Unternehmung zu verweilen. Der Hudson, der Delaware und der Susquehannah, Flüsse, welche damals den Fabeln bekannter waren, als den Einwohnern von New-England, – alle diese Flüsse wurden überschritten, und nach einer mühevollen, gefährlichen Reise erreichten die Abenteuerer den ersten von jener Gruppe kleiner Binnenseen, deren Ufer jetzt so reizend mit Dörfern und Meierhöfen geschmückt sind. Hier, mitten unter wilden Heerden, jeder Gefahr zu Wasser und Land ausgesetzt und nur von seinen Hoffnungen und der Gegenwart eines stattlichen Gefährten, den Mühen und 54 Gefahren nicht leicht überwältigen konnten, aufrecht erhalten, suchte der Vater eifrig nach seinem Kinde.

Endlich ermittelten sie einen Stamm, der eine Gefangene bei sich hielt, welche der Beschreibung des Pelzhändlers entsprach. Wir wollen uns nicht über die Gefühle auslassen, mit denen Contentius sich dem Dorfe näherte, das diesen kleinen Abkömmling einer weißen Menschenraçe enthalten sollte. Er hatte seinen Zweck, mit dem er kam, nicht verhehlt, und der heilige Charakter, die fromme Absicht, die ihn zu ihnen führte, fand selbst Mitleid und Ehrfurcht unter jenen rohen Bewohnern der Wildniß. Eine Gesandtschaft der Häuptlinge empfing ihn an der Grenze ihres Gebiets; er wurde zu einer Hütte geführt, wo ein Berathungsfeuer angezündet ward. Ein Dollmetscher eröffnete die Verhandlungen, indem er den Betrag des angebotenen Lösegeldes und die Friedensbetheuerungen der Fremden seinen Zuhörern im günstigsten Lichte vortrug.

Es ist bei den amerikanischen Wilden nicht gewöhnlich, daß sie leicht ihre Ansprüche auf einen in ihren Stamm aufgenommenen und adoptirten Fremden aufgeben. Aber das sanfte Aeußere und edle Vertrauen des Contentius rührte die verborgen liegenden Tugenden dieser edelmüthigen, wiewohl stolzen Kinder der Wälder. Es ward nach dem Mädchen geschickt, sie wurde aufgefordert, zu erscheinen vor den Aeltesten des Volkes.

Keine Sprache kann die Empfindung schildern, mit welcher Contentius den ersten Blick auf diese Adoptivtochter der Wilden warf. Jahre und Geschlecht stimmte freilich mit seinen Wünschen überein, aber statt des goldgelben Haares und der azurblauen Augen des Engels, den er verloren, 55 zeigte sich ihm ein Mädchen, dessen rabenschwarze Locken, und fast eben so dunkle Augäpfel, eher auf eine Abstammung von den in den Canada's wohnenden Franzosen zu schließen berechtigte, als von dem angelsächsischen Geschlechte der Heathcote's. Der Vater war in den gewöhnlichen Geschäften des Lebens nicht sehr schnellen Geistes, aber die Natur und ihre Gefühl erfüllten ihn jetzt ganz. Es brauchte keinen zweiten Blick, um zu sagen, wie grausam seine Hoffnungen getäuscht worden. Ein unterdrückter Seufzer rang sich aus seiner Brust hervor und dann kehrte seine Selbstbeherrschung mit der ehrfurchtgebietenden Größe christlicher Entsagung zurück. Er erhob sich, dankte den Häuptern für ihre Güte und hielt weiter seinen Irrthum nicht geheim, durch den er so weit auf eine fruchtlose Fahrt geführt worden. Während er noch sprach, gaben die Zeichen und Geberden Dudley's ihm Veranlassung zu glauben, sein Gefährte habe ihm noch etwas von Wichtigkeit mitzutheilen. Er trat zu ihm auf die Seite und in einer geheimen Unterredung stellte es ihm dieser als rathsam vor, die Wahrheit zu verheimlichen, und dadurch das Kind, das sie wirklich aufgefunden, den Händen seiner rohen Gebieter zu entziehen. Es war jetzt zu spät, eine List zu benutzen, die vielleicht ihren Zweck bei den Wilden erreicht hätte, wenn diese sich mit Contentius strengen Grundsätzen vertragen hätte. Aber indem er einen Theil des Interesses, das er an dem Geschick seiner eigenen Tochter nahm, auf das der unbekannten Eltern übertrug, welche wohl, wie er selbst, sehr wahrscheinlich das unbekannte Schicksal des Mädchens vor ihm betrauerten, bot er das für Ruth bestimmte Lösegeld für die Gefangene an. Es ward zurückgewiesen. In ihren beiden Plänen getäuscht, sahen sich so die beiden Abenteurer genöthigt, 56 mit schweren Schritten und noch schwereren Herzen das Dorf zu verlassen.

Diejenigen unserer Leserinnen, welche jemals die Angst der Ungewißheit über eine Angelegenheit empfunden haben, wobei die innigste der menschlichen Regungen betheiligt ist, können allein sich einen Begriff von dem machen, was die Mutter während des langen Monats, den ihr Gatte auf der frommen Botschaft aus war, gelitten. Zu Zeiten glänzte Hoffnung in ihrem Herzen auf, so daß das Glühen der Freude und Lust nochmals die blasse Wange umhüllte, und in ihrem Auge spielte. So war die erste Woche der Abwesenheit ihres Gatten fast voll von ungetrübter Glückseligkeit. Die Gefahren der Reise wurden fast in dem erwarteten Erfolg vergessen, und obwohl gelegentliche Beklemmung und Beängstigungen die Pulse einer Frau erhöhten und beschleunigten, deren ganzer Bau so furchtbar allen Bewegungen ihres Geistes entsprach und sie andeutete, so war doch Hoffnung in allen ihren Erwartungen das vorherrschende Gefühl. Sie trat wieder unter ihre Mägde mit einer Miene, worin Freude mit der Sanftmuth ihrer beherrschten Sitten rang, und ihr Lächeln begann nochmals mit erneuertem Glücke zu strahlen. Bis an seinen Todestag konnte immer der alte Marcus nicht vergessen, welche plötzliche Erregung durch das sanfte Lachen in ihm hervorgebracht worden, das bei einer unerwarteten Gelegenheit von den Lippen seiner Schwiegertochter in sein Ohr drang. Obgleich Jahre seit dem Augenblick vergangen, wo er diesen ungewohnten Ton vernommen, und somit lange Zeit zwischen diesem Augenblick und dem Punkte lag, bis zu welchem wir jetzt in der Geschichte unserer Erzählung gekommen, so hatte er doch nie dieses Lächeln wiederholen hören. 57 Um noch die Gefühle zu erhöhen, welche jetzt in Ruth's Gemüth die Oberhand hatten, mußte sogar der Zufall dem Contentius, als er nur noch eine Tagereise von dem Dorfe entfernt war, wohin seine Reise ging, Mittel verschaffen, wodurch er Nachricht von seinen Aussichten auf Erfolg seiner Gattin geben konnte. Ueber alle diese stets erneuerten Wünsche sollte nun getäuschte Erwartung ihren eisigen Hauch ausgießen, und alle diese wiederauflebende Liebe welken unter dem giftigsten aller Hauche, dem der getäuschten Hoffnung.

Die Stunde des Sonnenunterganges war nicht mehr fern, als Contentius und Dudley auf ihrem Heimwege bei der Stelle eintrafen, wo einst die Wohngebäude gestanden. Ihr Pfad führte durch diese Oeffnung an der Bergseite und es fand sich dort ein Punkt unter den Gebüschen, von welchem aus man die Gebäude, die aus der Asche des Brandes sich wieder erhoben hatten, deutlich sehen konnte. Bis jetzt hatte der Gatte und Vater sich jeder Anstrengung gewachsen geglaubt, welche die Pflicht bei dem Fortgang dieses trauervollen Unternehmens von ihm verlangen mochte. Aber hier angelangt, konnte er nicht weiter, und äußerte gegen seinen Begleiter den Wunsch, er möge vorangehen und die Täuschung aufheben, die sie so weit auf eine fruchtlose Sendung geführt. Vielleicht wußte Contentius selbst nicht genau, was er damit zu bezwecken bedachte und welchen ungeschickten Händen er einen Auftrag von mehr als gewöhnlicher Zartheit und Umsicht anvertraute. Er fühlte nur sein eigenes Unvermögen und sah mit einer Schwäche, die nur in seinen eigenen, aufgeregten Gefühlen eine Entschuldigung finden mag, seinen Gefährten ohne Anweisung und in der That ohne irgend 58 einen andern Führer, als seine natürliche Einsicht, von ihm sich entfernen.

Obgleich Fidel keine merkliche Unruhe während der Abwesenheit der Reisenden verrathen hatte, war doch ihr scharfes schnelles Auge das erste, welches die Gestalt ihres Mannes entdeckte, als er mit müdem Schritt in der Richtung der Wohnungen über die Felder herkam. Lange, bevor Dudley das Haus erreichte, hatten sich schon alle Genossen desselben in der Vorhalle versammelt. Es war keine Heimkehr voll lärmender Freude, oder geräuschvoller Bewillkommung. Der Abenteurer näherte sich unter einem so drückenden, lästigen Schweigen, daß es ganz und gar seinem einstudirten Plan, nach welchem er auf eine der Lage angepaßten Weise seine Unglücksnachricht zu verkünden gehofft hatte, zu nichte machte. Seine Hand berührte die Klinke der Vorhofsthüre. Niemand sprach; sein Fuß stand auf der untern Stufe zur Halle, und noch immer rief ihm keine Stimme ein Willkommen zu. Die Blicke der kleinen Gruppe waren mehr auf die Züge der Ruth, als auf die Gestalt dessen gerichtet, der sich näherte. Ihr Gesicht war blaß wie der Tod, ihr Auge zusammengezogen und voll der geistigen Anstrengung. die allein nur noch sie aufrecht erhalten konnte; ihre Lippe zitterte kaum, als sie, einem Gefühl gehorchend, das noch stärker war wie jenes, welches so lange sie beherrscht und bezwungen hatte, ausrief:

»Eben Dudley, wo hast Du meinen Gatten gelassen?«

»Der junge Capitain war müde, und ist in dem Nachwuchs dort in dem Bergwald geblieben; aber ein so tüchtiger Fußgänger kann nicht weit zurück sein. Wir werden ihn bald dort an der Oeffnung bei der abgestorbenen Buche 59 hervorkommen sehen, und dort ist es, wo ich, Madame Heathcote, rathen möchte.«

»Ich machte mir schon um meinen Gatten mancherlei Sorgen und freue mich seiner gewohnten Güte, mit der er eine so wohlgemeinte Vorsichtsmaßregel ersann!« sagte Ruth, über deren Antlitz ein so strahlendes Lächeln ging, daß es ihm etwas von dem Ausdruck mittheilte, der, wie man glaubt, die besondere Gütigkeit und Anmuth der Engel bezeichnet. »Dennoch war alles dies unnöthig; denn er hätte bedenken müssen, daß wir ja alle unsere Hoffnung und Stärke auf den Felsen der Ewigkeit setzen. Sag' mir, wie hat mein Kleinod die so sehr ermüdende und beschwerliche Reise ertragen?«

Der unstäte Blick des Boten wanderte von Antlitz zu Antlitz, bis er endlich auf den Zügen seines Weibes in einem festen, nichtssagenden Hinstarren wie angeheftet blieb.

»Du zürnst doch etwa Deinem Weibe nicht, Dudley? sie hat sich als solche, sowie als meine Gehülfin gut betragen, und Du kannst sehen, daß ihre Lieblichkeit sich in nichts geändert hat. – Aber strauchelte, ermattete das Kind nicht auf diesem mühevollen Weg, oder verzögerte sie Deine Schritte durch ein wenig Eigensinn? Doch ich kenne Dich, Dudley, sie ist manche Meile weit über Bergabhang und trügerischen Moor in Deinen eigenen kräftigen Armen getragen worden – Du antwortest ja nicht, Dudley!« rief Ruth. Erst jetzt ahnte sie die Wahrheit; mit einem Arm, dem der Schmerz Kräfte gab, faßte sie ihn bei der Schulter, und zwang ihn, ihr in's Gesicht zu sehen, um in seinen Augen die Antwort zu lesen.

Die Muskeln des sonnverbrannten, markirten Gesichts des Grenzmannes wurden unwillkührlich bewegt, seine breite 60 Brust schwoll zu ihrer äußersten Ausdehnung; dicke brennende Tropfen rollten über seine braunen Wangen herab und dann ergriff er Ruth's Arm mit einer seiner kräftigen Hände, und nöthigte sie durch eine feste, aber ehrerbietige Kraftäußerung, ihn gehen zu lassen, worauf er die Gestalt seines eigenen Weibes ohne weitere Umstände zur Seite brachte, und seinen Weg mitten durch die Gruppe hindurch nach dem Innern des Hauses mit dem Schritt eines Riesen nahm.

Das Haupt der armen Mutter sank auf ihre Brust, die frühere Blässe bemächtigte sich ihrer Wangen, und in jenem Moment zeigte sich zuerst der einwärts gerichtete Blick ihres Auges. der später ein so beständiger, peinvoller Ausdruck ihres Antlitzes wurde. Von jener Stunde an bis zu der Zeit, wo die Familie von Wish-Ton-Wish nochmals dem Leser sogleich wieder vorgeführt werden wird, hörte man nie wieder auch nicht das geringste Gerücht, was etwa den zehrenden Kummer ihrer Brust hätte vermindern oder erhöhen können. 61

 

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