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Die Beweinte von Wish-Ton-Wish

James Fenimore Cooper: Die Beweinte von Wish-Ton-Wish - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
authorVon J. F. Cooper
publisherRob. Henrich's Verlagshandlung
addressBerlin
titleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
pages660
created20110829
modified20140825
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Zweites Kapitel.

    »Kommt hierher, Nachbar Steinkohle! Gott hat Euch mit einem stattlichen Namen gesegnet; ein vom Schicksal wohl begünstigter, starker Mann zu sein, ist Gabe des blinden Geschicks; aber Lesen und Schreiben kommt von Naturanlagen.«
Viel Lärm um Nichts.  

Wir haben bereits erwähnt, daß die Stunde, an die sich der Faden unserer Erzählung wieder anknüpft, die frühe Morgenstunde war. Die gewöhnliche Kälte der Nacht in einem ausschließlich mit Wald bedeckten Lande war gewichen, und die Wärme eines Sommermorgens in jenem niedrigen Breitengrade hob eben die auf den Wiesen liegenden, lichten Dunststreifen, weit über die Bäume hinweg, wo sie zusammenfloßen, und in Gestalt von Wolken nach dem Gipfel eines entfernten Berges zogen, der, wie es schien, der gemeinsame Sammelpunkt aller in der vergangenen Nacht erzeugten Nebel war.

Obwohl der feuervergoldete östliche Himmel die nahe Ankunft der Sonne verkündete, war sie doch noch nicht sichtbar. Ungeachtet der frühen Stunde sah man doch schon auf der Straße, unweit des südlichen Endes des Dorfes, einen Mann 19 eine mäßige Anhöhe ersteigen, von wo er eine Aussicht über alle die im vorhergehenden Kapitel beschriebenen Gegenstände hatte. Eine über seine linke Schulter geworfene Muskete, mit dem Pulverhorn und der Tasche zur Seite und einem kleinen Ranzen auf dem Rücken, zeigte ihn als einen Mann, der auf der Jagd begriffen oder selbst mit einer kurzen Unternehmung von einem noch weniger friedlichen Charakter beschäftigt gewesen. Seine Kleidung war von dem gewöhnlichen Stoff und Schnitt eines Landmanns aus jener Zeit und jener Colonie; obgleich ein kurzer Säbel, der durch einen ledernen Leibgurt gesteckt worden, die Aufmerksamkeit auf sich hätte ziehen mögen. In jeder andern Rücksicht hatte er das Aeußere eines Einwohners aus dem Weiler, der sich veranlaßt gesehen, seinen Wohnort zu irgend einer Unternehmung, entweder des Vergnügens oder der Pflicht zu verlassen, was aber keines Falls große, ernsthafte Anforderungen an seine Zeit gemacht.

Eingeborene oder Fremde, wenige überschritten jemals den genannten Hügel, ohne stehen zu bleiben, um auf die ruhige Lieblichkeit herabzuschauen, die über die Häusergruppen verbreitet war, welche von seinem Gipfel aus genau und vollständig übersehen werden konnte. Der erwähnte Wanderer säumte wie gewöhnlich, aber statt der Linie des Pfades zu folgen, suchte sein Auge vielmehr irgend einen Gegenstand in der Richtung der Felder. Er näherte sich langsam der nächsten Einhegung, und nahm von den zwischen zwei Pfählen befindlichen Querhölzern die obersten herunter, dann winkte er einem Reiter, der seinen Weg mühsam über ein holperiges Stück Weideland fortsetzte, und ermunterte ihn durch 20 den Durchgang, den er ihm eröffnet, in die Hauptstraße einzulenken. –

»Setzt den Sporn Eurem Klepper tüchtig in die Flanken,« sagte der höfliche Ansiedler, als er bemerkte, daß der Andere zögerte, sein Thier über die auseinander und etwas unregelmäßig liegenden Hölzer zu drängen; »mein Wort darauf, dies Thier überspringt sie alle, ohne sie mit mehr als drei von seinen vier Füßen zu berühren. Pfui, Doctor! Es findet sich nicht eine Kuh in Wish-Ton-Wish, die nicht einen Sprung darüber machen würde, wenn es gilt die erste beim Melken zu sein.«

»Langsam, Fähnrich, Die Amerikaner sprechen das Wort Ensign (Fähnrich) nicht wie die Engländer Ensein, sondern Insein aus.« entgegnete der furchtsame Reiter, und legte den Ton auf die letzte Sylbe von seines Gefährten Titel, während er die erste aussprach, als würde sie mit dem dritten, statt mit dem zweiten Vocal geschrieben. »Dein Muth ist passend für einen, der zu Thaten der Tapferkeit bestimmt und ausersehen ist; aber es würde ein trauervoller Tag sein, wenn der Kranke des Thales an meine Thür klopfte, und ein zerbrochenes Bein die Entschuldigung für den Mangel meiner Hülfe wäre. Deine Bemühungen werden Dir nichts helfen, Freund; denn die Mähre hat Schule, so gut wie ihr Herr. Ich habe das Thier an methodische Gewohnheiten gewöhnt, und es ist so weit gekommen, daß es ein eingewurzeltes Mißfallen an allen Unregelmäßigkeiten der Bewegung hat. Höre also auf, am Zügel zu ziehen, als wolltest Du das Pferd trotz seiner Zähne zwingen, über die 21 Holzmasse zu setzen, es thut's nun einmal nicht, nimm lieber vollens das unterste Querholz heraus.«

»Ein Doctor in diesen rauhen, durchschnittenen Gegenden sollte auf einem jener paßgehenden Vögel reiten, von welchen wir lesen,« sagte der Andere, und räumte das Hinderniß zu dem sichern Durchgang seines Freundes weg; »denn fürwahr eine Reise zur Nachtzeit auf den Pfaden dieser Waldlichtungen ist nicht immer eine so sichere Fahrt als die, welcher, wie man sagt, die Ansiedler näher am Meer sich erfreuen.«

»Und wo hast Du einen Vogel erwähnt gefunden, dessen Höhe und Schnelligkeit ihn zu einem passenden Träger des Gewichts eines Mannes machen?« fragte der Reiter mit einer Schnelligkeit, welche einige Eifersucht für sein Monopol der Gelehrsamkeit verrieth. »Ich hatte geglaubt, es fände sich nirgends in der Colonie, meinen eigenen Schreibpult ausgenommen, ein Buch, das von diesen Spitzfindigkeiten handelt!«

»Meinst Du, daß die Bibel uns fremd sei? Da, nun bist Du auf der Hauptstraße und kannst ohne Fährlichkeit vorwärts. Es ist für viele ein Gegenstand der Verwunderung in dieser Colonie, wie Du Dich zwischen herausstehenden Baumwurzeln, Löchern, Stämmen und Baumstümpfen um Mitternacht herumtreibst, ohne zu fallen –«

»Ich habe Dir ja schon gesagt, Fähnrich, dies geschieht durch die gute Schule und Zucht, die mein Pferd erhalten. Ich bin gewiß, weder Peitsche noch Sporn würden das Thier vermögen, die Schranken der Klugheit zu überschreiten. Oft bin ich diesen Reitpfad ohne Furcht, so wie auch ohne alle Gefahr passirt, und zwar zu Zeiten, wo der Sinn des Gesichts von eben so wenig Nutzen war, als der des Geruchs.«

22 »Ich hätte fast gesagt, da wir gerade vom Fallen sprechen, daß in Deine Hände fallen am Ende ein eben so bedenklicher Sturz sein dürfte, als der der bösen Geister.«

Der Heilkünstler stellte sich, als wenn er über seines Gefährten Scherz lache; aber als er sich der Würde erinnerte, die für einen Mann seines Berufes passend war, nahm er alsbald das Gespräch wieder ernst auf:

»Das sind Worte des Leichtsinns, wie sie die wohl aussprechen, die wenig von den Mühseligkeiten wissen, die man bei dem Practiciren in den Ansiedelungen zu erdulden hat. Da bin ich eben auf jenem Hügel gewesen, von nichts Anderem geleitet, als dem Instinkte meines Pferdes – –«

»Aha, hat man Dich in die Wohnung meines Schwagers Ring gerufen?« fragte der Fußgänger, nachdem er an der Richtung von des Andern Augen den Weg erkannt, den dieser zurückgelegt hatte.

»Freilich, so ist's; und zwar wie nur zu oft in meiner schweren Praxis dies zu geschehen pflegt, zu recht ungelegener Stunde.«

»Und so zählt Ruben noch einen Knaben zu den vieren, die er gestern aufweisen konnte?«

Der Arzt hielt auf eine bedeutungsvolle Weise drei seiner Finger in die Höhe, während er seine Bejahung zunickte. –

»Da bleibt Fidel freilich etwas zurück,« entgegnete der Fähnrich, welcher Niemand anders war, als der zu dieser Charge in der Militz des Thales erhobene, alte Bekannte unserer Leser, Eben Dudley, »das Herz meines Schwagers Ruben wird durch diese Kunde erfreut werden, wenn er von seinem Streifzuge zurückkehrt.«

23 »Er wird Grund zum Danke haben, da er sieben unter einem Dache finden wird, wo er nur vier verließ!«

»Ich will noch heute den Handel mit dem jungen Capitain für das Bergland abschließen,« murmelte Dudley, als überzeuge er sich plötzlich von der Klugheit einer lang bedachten und besprochenen Maßregel. »Sieben Pfund Colonieengeld ist bei dem Allen kein Wuchererpreis für hundert Morgen dicht mit Holz bewachsenen Landes, und die noch dazu eine vollständige Aussicht auf eine Ansiedelung haben, wo Knaben vierteldutzendweise auf einmal zur Welt kommen.«

Der Reiter hielt sein Pferd an, und betrachtete seinen Gefährten genau und mit bedeutungsvoller Miene, während er antwortete:

»Da bist Du auf die Spur von einem wichtigen Geheimniß gerathen, Fähnrich Dudley. Dieser Welttheil wurde mit einer besondern Absicht geschaffen. Die Thatsache wird einleuchtend durch den Reichthum des Landes, durch das Klima, die Größe, die Leichtigkeit der Schifffahrt und ganz besonders dadurch, daß es unentdeckt geblieben, bis der vorgeschrittene Zustand der Staatsgesellschaft Leuten von einem gewissen Verdienste Gelegenheit und Muth gegeben, sich seinetwegen anzustrengen. Bedenke einmal, Nachbar, die wunderbaren Fortschritte, die es schon in den Künsten und in der Gelehrsamkeit, in Ansehen und Hülfsquellen gemacht hat, und Du wirst mir in dem Schlusse beistimmen, daß das Alles mit besonderer Absicht geschehen sein muß.«

»Es würde anmaßend sein, es zu bezweifeln; denn der müßte in der That ein kurzes Gedächtniß haben, dem man erst die Zeit wieder in Rückerinnerungen zu bringen brauchte, wo eben dieses Thal wenig mehr war, als eine Höhle für 24 Raubthiere, und dieser geebnete Fahrweg nur eine Wildspur. Glaubst Du, daß Ruben die drei ihm jetzt geschenkten Kinder auferziehen werde?«

»Durch Umsicht und der Vorsehung Schutz und Hülfe freilich. Der Geist ist gar thätig, Fähnrich Dudley, wenn der Leib so in den Wäldern herumstreicht, und ich habe mir über diesen Gegenstand viele Gedanken gemacht, während Du und Andere im Schlaf gelegen. Wir haben hier die Colonieen in ihrem ersten Jahrhundert, und doch weißt Du, wie weit sie jetzt schon in Verbesserung und Vervollkommung vorgeschritten sind. Man sagt mir, die Hartford-Colonie fange schon an vertheilt und bevölkert zu werden, wie die Städte im Mutterland, so daß man Grund zu glauben hat, es möge ein Tag kommen, wo die Provinzen eine Macht haben werden, und eine Bequemlichkeit der Bildung und Verbindungen, welche selbst jener gleichkommen könnte, wie sie in einigen Theilen der ehrwürdigen Insel selbst sich befindet.«

»Nein, nein, Doctor Ergot,« entgegnete der Andere mit einem ungläubigen Lächeln, »das heißt die Grenzen einer vernünftigen Erwartung überschreiten.«

»Du wirst Dich erinnern, daß ich sagte, wie sie einigen Theilen der Insel gleichkommt. Ich denke, wir können mit allem Recht annehmen, daß, ehe viele Jahrhunderte vorübergehen werden, Millionen in diesen Gegenden gezählt werden mögen, und selbst da, wo man jetzt nichts sieht, als wilde Menschen und reißende Thiere.«

»Ich will mit Jedem in dieser Hinsicht so weit gehen, als es die Vernunft rechtfertigen mag, aber ohne Zweifel hast Du in den Büchern der überseeischen Schriftsteller diese Dinge gelesen und den Zustand jener Länder kennen gelernt, 25 woraus es denn klar wird, daß wir niemals hoffen können, die hohe Vortrefflichkeit, der sie sich erfreuen, zu erreichen.«

»Nachbar Dudley, Du scheinst mir geneigt, einen unbedachten Ausdruck bis auf's Aeußerste zu treiben. Ich sagte: »gleichkommend gewissen Theilen,« und meinte immer auch in gewissen Dingen. Nun ist es aber in der Philosophie eine bekannte Sache, daß die Größe des Menschen in diesen unsern Gegenden abgenommen hat, und festen Naturgesetzen gemäß nothwendig abnehmen muß; es versteht sich also, daß ich eine Mangelhaftigkeit in minder wesentlichen Dingen zugestehe.«

»Es ist dann sehr wahrscheinlich, daß der bessere Theil der Leute jenseits der See nicht sehr geneigt ist, ihr Vaterland zu verlassen,« entgegnete der Fähnrich und warf ein Auge, in welchem sich einige Zeichen von Ungläubigkeit vorfanden, auf die muskulösen Verhältnisse seiner eigenen kräftigen Gestalt. »Wir haben nicht weniger als drei in unserm Dorfe, die aus der alten Welt herüber gekommen; ich finde denn doch nicht, daß es Leute sind, die man unter den Erbauern des Thurmes von Babylon suchen würde.«

»Das heißt aber einen knotenvollen, schwierigen gelehrten Satz durch den Beweis einiger weniger unbedeutenden Ausnahmen lösen wollen. Ich getraue mir selbst vor Dir, Fähnrich Dudley, zu behaupten, daß die Wissenschaft, Weisheit und Philosophie von Europa außerordentlich thätig in Feststellung dieses Punktes gewesen ist, und sie haben zu ihrer eigenen vollkommnen Zufriedenheit und Ueberzeugung, was dasselbe ist, als wenn sie die Frage ohne weitere Berufung entschieden hätten, bewiesen, daß Thiere und Menschen, Pflanzen und Bäume, Hügel und Thäler, See und Sumpf, 26 Sonne, Luft, Feuer und Wasser, alles dies an irgend einer Vollkommenheit den Dingen in der alten Welt nachsteht. Ich ehre eine vaterländische Gesinnung, und kann die Neigung, die aus den Händen eines gütigen Schöpfers empfangenen Gaben zu preisen, so weit treiben, als irgend ein Anderer; aber was durch Wissenschaft bewiesen worden, oder durch Gelehrsamkeit zusammengetragen ward, ist viel zu weit über die Einwürfe leichtsinniger Spötter erhaben, um von ernsteren, höheren Geistern bezweifelt werden zu können.«

»Nun gut, ich will nicht gegen Dinge streiten, die bewiesen sind,« entgegnete Dudley, der eben so sanftmüthig und friedfertig bei gelehrten Verhandlungen war, als er kräftig und thätig in mehr physischen, körperlichen Streitigkeiten sich erwies; »es muß ja wohl die Gelehrsamkeit der Leute in der alten Welt, in Folge ihres höheren Alters, eine hervorragende Vortrefflichkeit haben. Das wäre ein Besuch, den man so leicht nicht vergessen würde, wenn einige dieser Weisen zu uns kämen, und in unserer jungen Colonie ihr Licht leuchten ließen!«

»Sind denn unsere geistigen Bedürfnisse vergessen worden? ist denn bei uns die Nacktheit des Geistes ohne ihre anstehende Bekleidung geblieben, Nachbar Dudley? Mir wenigstens scheint es, daß wir hierin ungewöhnlichen Grund uns zu freuen haben, und daß das natürliche Gleichgewicht durch die heilsame Wirkung der Kunst gewissermaßen wieder hergestellt ist. Es paßt sich nicht in einer aufgeklärten Provinz, auf Fähigkeiten zu bestehen, die schon mit vieler Umsicht als mangelnd erwiesen worden sind; aber die Gelehrsamkeit ist eine verpflanzbare, mittheilbare Gabe, und man darf behaupten, daß sie sich hier in einer Menge und in 27 Verhältnissen vorfindet, wie sie den Bedürfnissen der Colonie angepaßt sind.«

»Ich will das nicht bestreiten; denn da ich mich stets mehr im Walde herumzutummeln pflegte, und nicht viel weiß von dem, was in den Colonien an der Küste zu sehen und zu hören giebt, so kann es leicht sein, daß sich dort viele Dinge vorfinden, von welchen meine schwachen Verstandskräfte noch gar keine Vermuthung gehabt haben.«

»Und sind wir denn selbst in diesem fernen Thale so ganz ohne Aufklärung, Fähnrich?« entgegnete der Heilkünstler und lehnte sich über den Nacken seines Pferdes, während er den Andern in einem milden überzeugenden Tone anredete, den er wahrscheinlich bei seiner ausgedehnten Praxis unter den weiblichen Bewohnern der Ansiedelung angenommen hatte. »Kann man uns in Hinsicht unserer Kenntnisse mit den Heiden in eine Klasse bringen, oder unter jene ungebildeten Leute rechnen, welche, wie man weiß, sonst wohl in diesen Wäldern ihrem Wilde nachspürten. Ohne eben eine Untrüglichkeit im Urtheil in Anspruch nehmen zu wollen, oder eine ganz besondere Gelehrsamkeit und Erleuchtung vorzugeben, so kommt es doch meiner mangelhaften Einsicht nicht so vor, Meister Dudley, als wenn die Fortschritte dieser Ansiedelung je aus Mangel an der nothwendigen Vorsicht aufgehalten oder dem Wachsthum der Vernunft durch ein Entbehren geistiger Nahrung unter uns Hindernisse in den Weg gelegt worden wären. Unsere Rathsversammlungen entbehren der Weisheit nicht, Fähnrich, auch ists nicht oft vorgekommen, daß schwierige Fragen vorgelegt worden, und sich nicht irgend ein Kopf gefunden, der – wenn wir auch weiter nichts zu unsern Gunsten sagen wollen – der nicht nach dem 28 allgemeinen Anerkenntniß mit Erfolg sich drüber her gemacht und sie gelöst hätte.«

»Daß es Männer giebt, oder vielleicht sollte ich sagen, daß es einen Mann im Thale giebt, der, vermöge seiner aufgeklärten, erleuchteten Geistesgaben, zu vielen wunderbaren Verrichtungen und Geschäften – –«

»Ich wußte, daß wir es zu einem friedlichen Schluß bringen würden, Fähnrich Dudley,« unterbrach ihn der Andere und erhob und reckte sich in seinem Sattel mit den Mienen und dem Aeußeren befriedigter Würde; »denn ich habe Euch immer als einen verständigen, folgerechten Denker erfunden, als einen Mann, von dem man nie gehört, daß er der Ueberzeugung widerstrebt hätte, wenn die Wahrheit mit Einsicht ihm dargelegt wird. Daß die Leute in den überseeischen Ländern nicht oft so begabt sind, als einige – dafür brauchen wir ja nur, wenn wir um ein passendes Beispiel verlegen wären, Dich selbst anzuführen, Fähnrich; und es ist dies über allen Streit hinaus erwiesen, da uns unsere Augen selbst es lehren, daß zahllose Ausnahmen von den allgemeineren und ausdrücklichen Naturgesetzen sich vorfinden mögen. Weiter aber, denke ich, werden wir unsere Meinungsverschiedenheit wohl nicht treiben?«

»Es ist unmöglich, einem Manne die Spitze zu bieten, der mit seiner Gelehrsamkeit so schnell bei der Hand ist,« entgegnete der Andere, wohl zufrieden, daß er in seiner eigenen Person eine schlagende Ausnahme von der Ausartung und geringeren Beschaffenheit seiner Mitbürger darstellen sollte; »ob es mir gleich scheint, daß mein Schwager Ring mit allem Rechte als ein zweiter Beweis von einer vernünftigen, ansehnlichen Größe ausgenommen werden könnte, eine 29 Thatsache, von der Du Dich Doctor, überzeugen magst, indem Du ihn betrachtest, wie er dort über jene Wiese her sich uns nähert. Er ist, wie ich selbst, in den Bergen, des Auskundschaftens halber, gewesen.«

»Es finden sich viele Beispiele von körperlichen Vorzügen unter Deinen Verwandten, Meister Dudley,« entgegnete der Arzt, dem es auf ein Lob mehr oder weniger nicht ankam, »indeß möchte es scheinen, Dein Schwager habe seines Gleichen nicht gefunden. Ihn begleitet dort ein schlecht gewachsener und man könnte wohl noch hinzufügen, ein übelberathener Gefährte, den ich nicht kenne.«

»Ha! Man sollte fast meinen, Ruben sei auf die Spur von Wilden gefallen! Der Mann in seiner Gesellschaft ist sicher bemalt und mit einem Fell umhangen. Wenn wir dort an der Oeffnung des Geheges angelangt sind, wollen wir stehen bleiben, bis sie näher kommen.«

Da dieser Vorschlag gerade nichts besonders Unbequemes hatte, so stimmte der Doctor gerne bei. Die Beiden näherten sich also der Stelle, wo die Andern, welche sie in der Entfernung über die Felder schreiten sahen, nach ihrer Erwartung die Hauptstraße betreten mußten.

Sie verloren nur wenig Zeit mit Warten, denn nach einigen Minuten kam Ruben Ring, bekleidet und bewaffnet wie der in diesem Kapitel schon eingeführte Grenzmann, an der Oeffnung an, und ihm folgte der Fremde, dessen Erscheinung denen, welche ihre Annäherung abwarteten, so aufgefallen war.

»Was giebt's, Sergeant,« rief Dudley, als der Andere in den Bereich des Hörens gekommen, und sprach gleichsam auf eine Weise, als wenn er ein begründetes Recht hätte, 30 ihm seine Fragen vorzulegen; »bist Du auf die Spur eines Wilden gerathen, und hast Du einen Gefangenen gemacht; oder hat irgend eine Eule eins von ihrer Brut vom Neste auf Deinen Pfad fallen lassen?«

»Ich glaube, man kann dieses Wesen für einen Menschen halten,« entgegnete der glückliche Kundschafter, stieß den Kolben seines Gewehrs zur Erde und lehnte sich auf den langen Lauf, während er fest das halb bemalte, ausdruckslose und außerordentlich zweideutige Antlitz seines Gefangenen betrachtete. »Er hat die Farbe eines Narragansetts an Stirn und Augen, allein Gestalt und Geberden stimmen wenig damit überein.«

»Es giebt Abweichungen in der physischen Beschaffenheit eines Indianers wie in der anderer Leute,« fiel Doctor Ergot mit einem ausdrucksvollen Blick auf Dudley ein. »Die Folgerung unseres Nachbars Ruben Ring möchte ein wenig zu schnell sein, da Farbe das Werk der Kunst ist, und jedes Gesicht nach einer oder der andern herkömmlichen Sitte bemalt werden kann. Aber die Zeichen, die uns die Natur giebt, sind weit weniger trüglich, ihnen darf man vertrauen. Es gehört in den Bereich meiner Studien und ist mir oft vorgekommen, die Verschiedenheiten, wie sie sich in der Bildung darlegen, zu bemerken, besonders in den verschiedenen Menschenracen und Familien, und nichts ist leichter für ein in diesen Schwierigkeiten geübtes Auge zu erkennen und zu unterscheiden, als ein Eingeborner aus dem Stamme der Narragansetts. Bringt den Mann, Nachbaren, in eine für die Untersuchung geeignetere Lage, und es soll sich bald zeigen, zu welchem Geschlechte er gehört. Du wirst, Fähnrich, in dieser geringen Leichtigkeit im Untersuchen einen deutlichen 31 Beweis für den größten Theil alles dessen finden, was diesen Morgen zwischen uns verhandelt worden ist. Spricht der Patient englisch?«

»Das habe ich nicht so recht ausmitteln können,« entgegnete Ruben, oder wie wir ihn jetzt nennen sollten und wie er gewöhnlich genannt ward, Sergeant Ring; »er ist nicht nur in der Sprache eines Christen, sondern auch in der eines Heiden angeredet worden: bis jetzt hat er aber weder in der einen noch in der andern eine Antwort gegeben, während er doch Befehlen gehorcht, die man, in welcher von den beiden Sprachformen man will, ausspricht.«

»Das thut nichts zur Sache,« sagte Ergot, stieg ab und näherte sich dem Gegenstand seiner Untersuchung mit einem Blick auf Dudley, der, wie es scheinen möchte, seine Bewunderung wecken und für sich gewinnen sollte. »Zum Glück beruht die Untersuchung vor mir nur wenig auf Spitzfindigkeiten der Sprache. Laßt den Mann eine Stellung der Ruhe annehmen, eine Stellung, worin die Natur durch keine Einschränkung und Fesselung gehemmt ist. Die Bildung des ganzen Kopfs ist offenbar die eines Eingebornen, aber die Unterscheidung der Stämme wird nicht von diesen allgemeinen Zügen hergenommen. Die Stirn, wie Ihr seht, Nachbaren, zieht sich zurück und ist schmal, die Backenknochen sind wie gewöhnlich hoch und hervorragend, und das Geruchsorgan nähert sich, wie bei allen Eingebornen, sehr der römischen Form.«

»Nun möchte es mir aber scheinen, als wenn die Nase des Burschen eine auffallende Aufstülpung nach dem Ende zu hätte,« wagte Dudley zu bemerken, während der Andere schnell mit dem Blick über die allgemeinen und wohlbekannten 32 auszeichnenden Punkte des körperlichen Bau's, wie sie sich an einem Indianer finden, hinwegeilte.

»Ist nur eine Ausnahme! Du siehst, Fähndrich, an dieser Erhöhung des Nasenbeins und dem Vorragen der mehr fleischigen Theile, daß diese Besonderheit nichts weiter als eine Ausnahme ist. Ich hätte eigentlich sagen sollen, die Nase hätte sich ursprünglich zu einer Römischen hingeneigt; die Abweichung von der Regelmäßigkeit ist durch irgend einen Zufall im Krieg hervorgebracht worden, wie etwa durch einen Schlag von einem Tomahawk, oder den Schnitt eines Messers, – ah, hier siehst Du noch die von der Waffe zurückgelassene Narbe! Sie ist durch die Bemalung verhüllt; aber bringe die Farbe hinweg, und Du wirst finden, daß sie ganz die Gestalt einer Narbe jener Art hat. Diese Abweichungen von dem Allgemeinen bringen gar leicht solche, die sich für Sachverständige ausgeben, in Verwirrung, und es ist dies gerade ein glücklicher Umstand für die Fortschritte der Wissenschaft, die auf feste Grundsätze sich stützt. Stelle den Gegenstand unserer Beobachtung mehr gerade, damit wir die natürliche Bewegung der Muskeln gewahren können; hier ist ein Zeichen in den Verhältnissen des Fußes, welches verräth, daß er sich viel im Wasser aufgehalten, und dadurch unsere frühere Vermuthungen und Schlüsse bekräftigt. Es ist ein glücklicher Beweis, durch den vernünftige und weise Folgerungen die scharfen Blicke der Erfahrung und Uebung bestätigen. Ich erkläre den Menschen für einen Narragansett-Indianer.«

»Hat denn aber ein Narragansett einen Fuß, der alle Spur und Fährte zu Schanden macht?« entgegnete Eben Dudley, der die Bewegungen und Stellung des Gefangenen mit ganz eben so viel Aufmerksamkeit und mit etwas mehr Einsicht 33 und Verstand untersucht und studirt hatte, als der Wundarzt. »Schwager Ring, hast Du je einen Indianer gesehen, dessen Fußstapfen eine solche aufwärtsgehende Spur im Pfade zurückgelassen?«

»Fähnrich, ich wundere mich, daß ein Mann von Deiner Einsicht so lange bei einer geringen Verschiedenheit in der Bewegung des Fußes verweilen mag, während doch ein Fall vor uns ist, bei welchem wir die Gesetze der Natur bis zu ihrer Quelle verfolgen können. Diese Gewöhnung an die indianischen Kriegszüge und Unruhen hat Dich über die Form einer Fußstapfe zu spitzfindig gemacht. Ich habe erklärt, daß der Bursche ein Narragansett ist, und was ich ausgesprochen, habe ich nicht leichtsinnig zu behaupten gewagt. Hier haben wir die besondere Bildung des Fußes wie er in der Kindheit sie erhalten hat; ferner die Fülle der Muskeln in Brust und Schultern, was alles von ungewöhnlicher Leibesübung in einem Elemente herrührt, das dichter als die Luft ist, und außer diesem allen eine fernere Bildung in – –«

Der Arzt verstummte, denn Dudley, der sich ruhig dem Gefangenen genähert hatte, lüftete nun die dünne Thierdecke, die über seinen obern Körper geworfen war, und enthüllte die unzweideutige Haut eines Weißen. Dies würde für Jeden, der an den Streit der Meinungen gewöhnt worden, eine in die Enge treibende Widerlegung gewesen sein; nicht so bei Doktor Ergot, er hatte in gewissen Zweigen des Wissens ein Monopol, das ihm, wie es bei Aristokratien aller Art zu gehen pflegt, eine so unumschränkte Ueberlegenheit führte, daß widerstreitende Ansichten gar kein Gehör fanden. Seine Ueberzeugung ward zwar eine andere, allein seine Miene blieb die nämliche, und mit der Schnelligkeit eines 34 Erfindungsgeistes, wie er oft in den glücklichen Einrichtungen angewandt wird, welche wir eben genannt haben, und in welchen die Vernunft statt ihn zu regeln, vielmehr dem Gebrauch angepaßt wird, – mit dieser leichten Beweglichkeit, mit aufgehobenen Händen und Augen, worin die Fülle seines Staunens und seiner Bewunderung glänzte; rief er:

»Hier haben wir einen neuen Beweis von der wunderbaren Kraft, welche Veränderung in der Natur hervorbringt. Das sehen wir nun an diesem Narragansett – –«.

»Aber es ist ja doch ein Weißer!« rief Dudley ungeduldig unterbrechend, indem er auf die entblößte Schulter des Menschen klopfte.

»Weiß, aber nichtsdestoweniger ein Narragansett. Euer Gefangener verdankt ohne allen Zweifel sein Dasein christlichen Eltern; aber der Zufall hat ihn frühzeitig unter die Eingebornen geführt, und alle jene Theile, die noch der Veränderung unterworfen waren, nahmen schnell die Eigenthümlichkeiten jenes Stammes an. Er ist eines jener schönen verbindenden Glieder in der Kette der Wissenschaft, an welcher die Gelehrsamkeit ihre Folgerungen bis zum vollsten Beweise verfolgt.«

»Ich meines Theils habe wenig Lust, wegen Gewaltthätigkeit gegen einen Unterthan des Königs in Ungelegenheit zukommen,« sagte Ruben Ring, ein fester, offenblickender Landmann, der sich wenig um die Grübeleien des Naturforschers kümmerte und nur bedacht war, seinen gesellschaftlichen Pflichten auf eine Weise zu genügen, wie es dem Charakter eines ruhigen, anständigen Bürgers geziemt. »Wir haben seit einiger Zeit,« fuhr er fort, »so viele beunruhigende Nachrichten über die Weise des Kriegführens unter den Wilden gehabt, 35 daß es Leuten, die einen verantwortlichen Posten bekleiden, zukommt, wachsam zu sein; denn,« und dabei warf er die Augen auf die Trümmer des entfernten Blockhauses, »Du weißt, Schwager Dudley, daß wir in einer so tief im Walde liegenden Niederlassung Grund haben, auf unserer Hut zu sein.«

»Ich nehme die Verantwortlichkeit auf mich, Sergeant Ring,« sagte Dudley mit einer Amtsmiene. »Der Gefangene bleibe in meinem Gewahrsam und werde Bedacht nehmen, daß er gebührender Weise und zur gehörigen Zeit vor die Obrigkeit gebracht wird. Mittlerweile hat uns die Dienstpflicht genöthigt, Dinge von Wichtigkeit zu übersehen, die sich in Deinem Hause zugetragen, und welche Dir mitzutheilen nöthig sein wird. Fruchtbarkeit hat, während Du vom Hause warst, sich Deiner Familienangelegenheit recht wacker angenommen.«

»Wie?« fragte der Gatte, fast mit etwas größerer Hast, als sonst wohl ein Mann von so beherrschten Sitten zu verrathen pflegte; »hat meine Frau während meiner Abwesenheit die Nachbaren zu Hülfe gerufen?«

Dudley nickte bejahend.

»Und werde ich unter meinem Dache einen Knaben mehr finden?«

Doctor Ergot nickte dreimal mit einem Ernste, der selbst für eine Mittheilung von noch weit größerer Wichtigkeit, als die gegenwärtige, passend gewesen wäre.

»Dein Weib thut selten etwas Gutes nur zur Hälfte, Ruben. Du wirst finden, daß sie selbst für Vorrath zu einem Nachfolger unseres guten Nachbars Ergot gesorgt hat, da ein siebenter Es scheint ein Aberglaube gewesen zu sein, daß jeder siebente Sohn mit natürlichen Anlagen zum Arzt geboren wurde. Sohn in Deinem Hause geboren worden.«

36 Das offene, redliche Gesicht des Vaters erglühte vor Freude, doch diese wich bald einem minder selbstsüchtigen Gefühle. Mit einem leisen Zittern in der Stimme, das in einem so rüstigen und handfesten Manne doppelt rührend war, fragte er:

»Und mein Weib? Wie befindet sie sich bei dieser segensreichen Gabe?«

»Wacker,« entgegnete der Wundarzt, »geh' nach Hause, Sergeant Ring und preise Gott, daß noch Jemand sich findet, der in Deiner Abwesenheit auf die Bedürfnisse und Verlegenheiten Deiner Familie Acht hat. Wer sieben Söhne in fünf Jahren zum Geschenk bekommen, kann nie ein Armer oder Abhängiger sein in einem Lande wie dieses. Sieben Meierhöfe zusammen mit jenem prächtigen Stück Lande auf der Bergseite, welches Du jetzt bearbeitest, wird Dich im Alter zu einem Patriarchen machen, und den Namen Ring noch hundert Jahre weiter, wenn diese Colonieen bevölkert und mächtig sind, aufrecht erhalten; ja ich behaupte es kühn, und kümmere mich wenig um die, die mich einen eitlen, unvernünftigen Prahler nennen könnten, Du wirst gleich sein einem jener lustigen, aufgeblasenen kleinen Reiche in Europa, vielleicht selbst dem mächtigen Fürsten von Portugal. Ich habe Deine künftigen Meierhöfe auf sieben berechnet, denn die Anspielung des Fähnrichs, wonach man glauben sollte, es würden Leute mit natürlicher Neigung zur Heilkunde geboren, muß man als höflichen Scherz betrachten, da es eine bloße Täuschung von altem Weiberaberglauben ist, und hier auch eine solche Bestimmung eines Deiner Söhne ganz unnöthig sein würde, da hier schon jede vernünftige Stelle dieser Art besetzt ist. – Geh' zu Deinem Weibe, Sergeant, und heiße 37 sie gutes Muthes sein, denn sie hat sich, Dir und dem Vaterlande einen Dienst geleistet, und das ohne sich mit Bestrebungen abzugeben, die ihren Begriffen und ihren Anlagen fremd waren.«

Der rüstige Landmann, dem dieser hohe Segen der Vorsehung zu Theil geworden, zog den Hut und indem er ihn ehrerbietig vor die Augen hielt, brachte er ein stilles Dankgebet für diese Gunst dem Himmel dar. Dann übergab er seinen Gefangenen der Obhut seines Vorgesetzten und Verwandten und ward bald mit schweren Tritten, obwohl mit leichtem Herzen, über die Felder nach seiner hochgelegenen Wohnung hineilen gesehen.

Während der Zeit richteten Dudley und sein Gefährte eine mehr in's Einzelne gehende Aufmerksamkeit auf den schweigenden und fast regungslosen Gegenstand ihrer Neugierde. Obgleich der Gefangene von mittlerem Alter zu sein schien, war doch sein Auge ausdruckslos, sein Benehmen furchtsam und unsicher, und seine Gestalt zusammengeschmiegt und linkisch. In all diesen Einzelheiten sah man, unterschied er sich von den wohlbekannten Eigenthümlichkeiten eines eingebornen Kriegers.

Ehe er sich entfernte, hatte Ruben Ring erklärt, daß, während er die Wälder im Dienst jener Wachsamkeit durchzogen, wozu die Lage der Colonie und einige neuere Anzeichen Veranlassung gegeben hatten, er auf diesen herumstreichenden Mann gestoßen und sich seiner bemächtigt, wie dies zur Sicherheit der Ansiedelung nothwendig geschienen. Uebrigens sei der Gefangene weder absichtlich auf ihn zugekommen noch geflohen; aber als er über seinen Stamm befragt worden, über den Beweggrund, der ihn zum 38 Durchstreichen dieser Hügel veranlaßt und über seine künftigen Absichten, da habe er keine genügende Antwort aus ihm herausbringen können. Er habe kaum den Mund geöffnet und das Wenige, was er gesagt, sei in einem aus Englisch und dem Dialekt irgend eines Indianervolkes bestehenden Kauderwelsch hervorgebracht worden. Daher wisse er, Ruben, so gut wie nichts von der Geschichte des Gefangenen, oder von dem, was diesen in die Nähe des Thales geführt; die gegenwärtige Lage der Colonie hätte ihn jedoch bewogen, einen in so verdächtigen Umständen angetroffenen Menschen zu verhaften.

Von diesen dürftigen Mittheilungen, die sie von Ruben Ring erhalten, allein geleitet, versuchte nun Dudley und sein Gefährte, der Doctor, während sie auf den Weiler zu gingen, ihren Gefangenen zu einem Bekennen seines Planes zu verlocken, indem sie ihm ihre Fragen mit einem Scharfsinn vorlegten, der bei Leuten gar nicht ungewöhnlich war, welche sich in einer so abgeschiedenen und schwierigen Lage befanden, wo Nothwendigkeit und Gefahr so geeignet sind, alle angebornen Anlagen des menschlichen Geistes zu wecken und auszubilden. Die Antworten waren wenig zusammenhängend, und meist unverständlich, sie schienen bald die tiefe Verschlagenheit eines Indianers, bald die geistige Unfähigkeit eines Blödsinnigen zu bekunden. 39

 

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