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Die Beweinte von Wish-Ton-Wish

James Fenimore Cooper: Die Beweinte von Wish-Ton-Wish - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
authorVon J. F. Cooper
publisherRob. Henrich's Verlagshandlung
addressBerlin
titleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
pages660
created20110829
modified20140825
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Sechszehntes Kapitel.

                          »Wer sind diese da,
So welk, so eingefallen und so wild im Aufzug?
Sie sehen keinen Erdbewohnern gleich,
Obgleich darauf sie stehen.«
Macbeth.          

Die Strenge der Jahreszeit, von der wir schon in diesen Blättern sprachen, ist im Aprilmonat nie von langer Dauer. Eine Aenderung des Windes war von den Jägern bemerkt worden, selbst ehe sie noch von ihrem Streifzug zwischen den Hügeln zurückkamen, und obgleich zu ernst beschäftigt, um besondere Aufmerksamkeit auf die Fortschritte des Thauwetters zu haben, fand doch mehr als Einer aus der jungen Mannschaft Gelegenheit, zu bemerken, daß der endliche Ausbruch des Winters herangekommen. Lange, ehe der Auftritt in dem vorhergehenden Kapitel seine höchste Höhe erreichte, hatten sich schon die Südwinde mit der Hitze des Brandes vermischt und warme Lüfte, die dem Lauf des Golfstroms gefolgt waren, wurden nach dem Land zu getrieben, und da sie über die enge Insel hinstrichen, welche an diesem Punkte, gleichsam das Vorwerk des Festlandes bildet, so hatten sie die geringste Spur der 296 Herrschaft des Winters vertilgt, ehe wenige Stunden verflossen waren. Warm, weich, in Fluthen gleichsam daher wehend, drangen diese feinen Luftzüge in die Wälder, schmolzen den Schnee von den Fluren, und da Alles gleichmäßig den hohen Einfluß fühlte, schienen sie ein erneuertes Dasein für Menschen und Vieh zu bringen. Mit dem Morgen stellte sich daher eine ganz verschiedene Landschaft, die gar nichts mehr mit der früheren gemein hatte, welche wir dem Leser vorgeführt, in dem Thal von Wish-Ton-Wish dar.

Der Winter war gänzlich verschwunden, und da die Knospen von der gelegentlichen Wärme des Frühlings zu schwellen begonnen hatten, würde Jemand, der mit dem Früheren unbekannt gewesen, gar nicht vermuthet haben, daß die vorgerückte Jahreszeit einer solchen wilden Unterbrechung unterworfen worden. Dessenungeachtet aber boten die durch Menschenhand entstandenen Theile der Landschaft den größten und zugleich traurigsten Wechsel dar. An die Stelle jener einfachen, glücklichen Wohnungen, welche die kleine Anhöhe bekränzt hatten, war nur noch übrig geblieben ein Haufen schwarzer, verkohlter Trümmer; einige halbzerstörte Stücke von Hausgeräthen, welche zu ganz andern Zwecken gebraucht worden, als wozu sie ursprünglich bestimmt waren, lagen zerstreut an den Seiten des Hügels und hier und da war eine geringe Anzahl von Pfählen, durch irgend einen zufälligen Umstand den Flammen theilweise entgangen. Acht oder zehn feste Schornsteine, traurigen Anblicks, ragten noch aus den rauchenden Trümmermassen empor; in dem Mittelpunkt der Verwüstung stand das steinerne Grundgeschoß des Blockhauses, worauf sich noch einige düstere Stücke Holz befanden, die der Kohle 297 glichen. Die nackte, haltlose Einfassung des Brunnens hob ihre kreisförmige Säule noch aus der Mitte des Gebäudes hervor, gleich einem finstern Denkmal der Vergangenheit. Weit umher überzogen die Ruinen der Außengebäude die eine Seite des gelichteten Thales mit einer schwarzen Decke, und an verschiedenen Stellen hatten die Pfähle, wie so viele Linien von einem und demselben Brennpunkte der Zerstörung auslaufend, die Flammen auch in die Felder geleitet. Einige wenige Hausthiere lagen wiederkäuend im Hintergrunde, und selbst die gefiederten Bewohner der Scheunen hielten sich noch in der Ferne, gleichsam durch ihren Instinkt gewarnt, daß der Ort, wo früher ihr Obdach gestanden, von Gefahr umlauert sei. In jeder andern Hinsicht war die Aussicht mild und lieblich wie immer. Die Sonne glänzte an einem wolkenlosen Himmel. Die Wärme der Luft und derselbe, schöne Tag verlieh selbst dem blattlosen Wald einen Anschein von Belebung, und der weiße Dampf, der immer noch aus den glühenden Schutthaufen emporstieg, zog hoch über die Hügel dahin, gleich wie der heimische Rauch aus den Hütten über das friedliche Dach sich hinkräuselt.

Die erbarmungslose Bande, welche diese plötzliche Veränderung bewirkt hatte, war schon weit in der Richtung nach ihren Dörfern zu, oder suchte vielleicht irgend einen andern blutigen Schauplatz aus. Ein geübtes Auge hätte die Straße verfolgen können, welche diese wilden Wesen der Wälder eingeschlagen. Pfähle waren aus ihren Stellen gerissen, oder der Leichnam von einem Thier, das im Uebermuth des Sieges von dem abziehenden Feind den Todesstreich empfangen, lag da, ihre Richtung anzudeuten. Von allen diesen blutgierigen Wesen war nur Einer zurück geblieben, und der 298 schien an der Stelle zu weilen, um sich Gefühlen zu überlassen, die jenen Leidenschaften fremd waren, welche so eben noch die Brust seiner Gefährten erfüllt und erhoben hatten.

Mit leisem, geräuschlosen Schritt bewegte sich dieser einsame Nachzügler um den Schauplatz der Vernichtung. Man sah ihn zuerst mit gedankenvollem Aeußeren unter den Trümmern der Gebäude, welche das Viereck gebildet hatten, einhertreten, und dann, dem Anschein nach, von Theilnahme an dem Schicksal Jener geleitet, welche so elend umgekommen, näherte er sich mehr dem Aschenhaufen in ihrem Mittelpunkt. Das feinste, aufmerksamste Ohr würde des Indianers Fuß nicht auftreten gehört haben, wie er mit demselben die öde Stelle in dem verfallenen Mauerwerk berührte, und leiser denn das Athmen eines Kindes war das seinige, während er auf einer Stelle stand, die vor so kurzer Zeit geweiht worden durch den Todeskampf, durch das Märtyrerthum einer christlichen Familie. Es war der Knabe, der den Namen Miantonimoh führte, er suchte einige Ueberreste Derjenigen, mit denen er so lang friedlich, ja zutrauensvoll unter einem Obdach gewohnt hatte.

Wer mit dem Charakter der Leidenschaften der Wilden vertraut gewesen, hätte in dem Spiel seiner sprechenden Züge eine Spur dessen finden mögen, was in dem Gemüth des Jünglings vorging und arbeitete. Als sein schwarzes, glänzendes Auge über den rauchenden Bruchstücken hinfuhr, schien es scharf nach einer Spur von einem menschlichen Wesen zu suchen. Doch das wilde Element hatte zu gierig sein Werk vollbracht, um viele sichtbare Ueberbleibsel, die seiner Wuth entgangen, zurückzulassen. Indessen zog etwas, dem, was er suchte, Aehnliches, sein Auge auf sich, leichten Fußes eilte er 299 an die Stelle, wo es lag, und hob den Knochen eines kräftigen Armes aus dem glimmenden Schutt in die Höhe. Das Strahlen seines Auges, als er es auf diesen traurigen Gegenstand richtete, war wild und frohlockend, wie dies bei einem Wilden der Fall ist, wenn er zuerst die stolze Lust gesättigter Rache fühlt; aber sanftere Rückerinnerungen kamen bald mit diesem Hinstarren und freundlichere Gefühle nahmen offenbar die Stelle jenes Hasses ein, den man ihn gegen ein Geschlecht zu hegen gelehrt hatte, das so schnell sein Volk von dem Lande wegtrieb. Der verbrannte Ueberrest fiel aus seiner Hand, und wäre Ruth zugegen gewesen, die Trauer und den Ausdruck der Rührung zu bemerken, welcher seine dunkeln Züge umhüllte, so würde die Gewißheit, daß ihre Güte nicht ganz vergeblich verschwendet worden sei, ihr Genugthuung gegeben haben.

Bedauern wich bald einer Art von heiliger Furcht. Der Einbildungskraft des Indianers schien es, als wenn eine leise Stimme, wie die, welche den Gräbern entsteigen soll, sich an dem Orte hören ließe. Den Körper vorgebogen, lauschte er mit der Gespanntheit und Schärfe eines Wilden. Ihn dünkte, die unterdrückten Töne des Marcus Heathcote würden nochmals hörbar, wie er Unterredung mit seinem Gotte pflog. Der Meißel eines Griechen würde Gefallen gefunden haben, die Stellung und Bewegungen des verwunderten Jünglings nachzubilden, wie er langsam und ehrerbietig sich von der Stelle zurückzog. Sein Blick war auf die Leere hin gerichtet, wo die oberen Zimmer des Blockhauses gestanden hatten, und er zum letzten Mal die Familie im Anrufen ihrer Gottheit um Hülfe in ihrer äußersten Noth getroffen hatte. Die Phantasie fuhr noch immer fort, ihm die Opfer 300 in ihrem brennenden Thurm vorzumalen. Noch eine Minute zauderte der junge Indianer, vielleicht nicht ohne den Glauben, daß ihm während dieses geringen Zeitraums ein Erscheinen der Blaßgesichter werden würde, und dann zog sich der junge Indianer mit nachdenkender Miene und schwermuthsvollem Gemüthe zurück, leicht längs des Pfads hinschreitend, der ihn auf die Spur seines Volkes bringen mußte. Als seine schlanke Gestalt die Grenzlinie des Waldes erreicht hatte, stand er nochmals stille und einen letzten Blick auf die Stelle werfend, wo das Geschick ihm zum Zeugen von so vielem häuslichen Frieden und so großem plötzlichen Elende gemacht hatte, ward er hierauf alsbald in die Dunkelheit seiner heimathlichen Wälder eingehüllt und den Blicken entzogen.

Das Werk der Wilden schien jetzt vollendet. Dem fernern Anbau des Thales von Wish-Ton-Wish hatte das demselben widerfahrene Geschick, allem Anschein nach, ein kräftig wirkendes Hemmniß angelegt; und wäre dem Wirken der Natur Alles überlassen worden, wenige Jahre schon hätten die verlassene Lichtung mit ihrer früheren Vegetation wieder bekleidet, und ein halbes Jahrhundert das Ganze ihrer stillen Fluren nochmals in die Schatten des Waldes begraben. Aber es war anders vom Schicksal beschlossen.

Die Sonne hatte den Mittagskreis erreicht, und die feindliche Bande einige Stunden zurückgelegt, ehe Etwas sich ereignete, was den Anschein hatte, diesen möglichen Beschluß der Vorsehung in Ausführung bringen zu wollen. Einem, der mit den kürzlich vorgefallenen Schrecken bekannt gewesen, hätte das Säuseln der Lüfte über die Trümmer hin für das Flüstern abgeschiedener Geister gelten können. Kurz es schien, 301 als wenn die Stille der Wildniß nochmals ihre Herrschaft angetreten, als sie plötzlich, wiewohl leise unterbrochen wurde. Eine Bewegung ging innerhalb der Trümmer des Blockhauses vor sich. Es klang, als wenn Holzmassen allmählig und vorsichtig von ihrer Stelle entrückt würden, und dann stieg ein Menschenkopf langsam und mit deutlichem Argwohn über die Einfassung des Brunnens empor. Das wilde, der Erde fremde Aeußere dieses scheinbaren Gespenstes stand im Einklang mit dem übrigen Schauplatz. Ein Gesicht, entstellt durch Rauch und mit Blut befleckt; ein Haupt mit einem Bruchstück eines beschmutzten Gewandes umwickelt, und Augen, die mit einer Art dumpfen Schreckens um sich starrten, waren Dinge, wie sie vollkommen zu den andern schreckhaften Umgebungen der Stelle paßten.

»Was siehst Du?« fragte eine tiefe Stimme von innen aus den Wänden der Brunneneinfassung heraus. »Werden wir nochmals zu den Waffen greifen müssen, oder haben uns die Werkzeuge Molochs verlassen? Sprich, komm zur Fassung junger Mann, was erblickst Du?«

»Einen Anblick, der einen Wolf zum Weinen bringen könnte!« entgegnete Eben Dudley und erhob seine hohe Gestalt so, daß er gerade auf der Einfassung stand, von wo aus er in einer Vogelsperspektive den größten Theil der Verheerung im Thal überschaute. »So traurig er aber auch immer sein mag, wir können nicht sagen, daß Vorzeichen und Warnungen uns vorenthalten worden. Aber was ist der klügste Mensch, wenn die Weisheit der Sterblichen in die Wagschale gelegt wird gegen die List von Teufeln. Kommt nur heraus; Belial hat sein Schlimmstes vollbracht und wir haben Zeit zum aufathmen.«

302 Die Töne, welche nach diesen Worten noch tiefer aus dem Brunnen hervorkamen, verriethen eben so sehr die Freude, womit diese Botschaft aufgenommen ward, als die Eile, womit man dem Aufrufe des Grenzmannes willfahrte. Verschiedene Holzblöcke und kurze Stücke von Bohlen wurden zuerst sorgfältig Dudley's Händen heraufgereicht, der sie dann wie unnützen Plunder zu den andern Trümmern der Gebäuden warf. Er stieg hierauf von seinem Standpunkte herab und machte Andern Raum, ihm zu folgen.

Der Erste, welcher nun herausstieg, war der Fremde, nach ihm kam Contentius, der Puritaner, Ruben Ring, kurz, alle die jungen Leute, die nicht während des Kampfes gefallen waren. Nachdem diese heraufgestiegen, und jeder nach der Reihe herab in's Freie gesprungen, war eine sehr kurze Vorkehrung hinreichend, um den schwächeren Theil der Gesellschaft aus der Tiefe zu befreien. Die Behendigkeit des Erfindungsgeistes der Grenzbewohner brachte bald die nothwendigen Hülfsmittel herbei. Mit Ketten und Eimern wurden Ruth und die kleine Martha, Fidel und alle die andern Mägde, auch nicht eine einzige ausgenommen, nach und nach aus der Erde herausgezogen, und dem Lichte des Tages wieder gegeben. Es ist kaum nöthig, Denen, welche Erfahrung am besten in den Stand gesetzt hat, über solch einen Vorfall zu urtheilen, erst zu sagen, daß es eben keiner großen Arbeit und nicht langer Zeit zu dieser Verrichtung bedurfte.

Es ist nicht unsere Absicht, die Gefühle des Lesers peinlich aufzuregen, wenn solches nicht durch die einfache Erzählung der Vorfälle dieser Geschichte unvermeidlich wird. Schweigend übergehen wir daher alle die Schmerzen des Körpers und die Schrecken der Gemüther, von welchen die 303 Bewirkung dieses sinnreichen Rückzugs von den Flammen und dem Tomahawk begleitet gewesen. Die Qualen beschränkten sich hauptsächlich auf Besorgnisse, denn da das Hinuntersteigen leicht war, so hatte die Behendigkeit und der Scharfsinn der jungen Mannschaft Mittel gefunden, durch Stücke von Hausgeräth, die sie zuerst in den Brunnen warfen, und durch wohlbefestigte Trümmer von den Fußböden, die sie gehörig darüber hinlegten, die Lage der Frauenzimmer und Kinder weniger peinvoll zu machen, als man anfangs sich hätte denken mögen, so wie sie auch wirksam vor dem einstürzenden Blockhause geschützt waren. Indeß war es auch garnicht wahrscheinlich, daß dieses Letztere ihre Sicherheit sehr gefährden würde, da die Gestalt des Gebäudes an und für sich selbst einen hinlänglichen Schutz gegen den Fall seiner schwereren Theile darbot.

Die Gefühle, womit die Familie mitten in dieser Verwüstung des Thales zusammenkam, lassen sich leicht denken; indeß wurde sie durch das Bewußtsein aufgerichtet, einem noch weit schrecklicheren Loose entgangen zu sein. Ihre erste Handlung war, ein kurzes aber feierliches Dankgebet für ihre Befreiung darzubringen, und dann richteten sie mit der Schnelligkeit von Leuten, die in Noth und Gefahren aufgewachsen waren, ihre Aufmerksamkeit auf jene Maßregeln, die, wie die Klugheit ihnen sagte, jetzt nothwendig geworden.

Einige der thätigeren und erfahrneren jungen Leute wurden ausgeschickt, um die von den Indianern genommene Richtung auszumitteln und so viel Nachricht als über ihre ferneren Bewegungen einzuziehen. Die Mädchen beeilten sich, das Vieh zusammenzutreiben, während Andere schweren Herzens unter den Trümmern herumsuchten, um soviel von 304 Nahrung und sonstigen Gegenständen aufzufinden, als nur immer möglich war und zureichte, um nur wenigstens die ersten Bedürfnisse, die nothwendigsten Anforderungen der Natur zu befriedigen.

Zwei Stunden hatten so ziemlich das vollendet, was in allen diesen verschiedenen Rücksichten unmittelbar geschehen konnte. Die junge Mannschaft kehrte mit der Versicherung zurück, die Spuren verkündeten den gewissen und endlichen Rückzug der Wilden. Die Kühe hatten ihren Tribut erlegt und gegen den Hunger hatte man so viel Vorrath zusammengebracht, als die Umstände nur immer erlauben wollten. Auch die Waffen waren untersucht und so weit es die Beschädigungen verstatten wollten, die sie erlitten, in Bereitschaft zu augenblicklichem Gebrauch gesetzt worden. Einige schnelle Vorkehrungen hatte man getroffen, um den weiblichen Theil der Dulder gegen die kalte Luft der nächsten Nacht zu schützen und kurz Alles war geschehen, was die Einsicht eines Grenzmannes einzugeben oder seine außerordentliche Schnelligkeit in Hülfsmitteln in so kurzer Zeit aufzubringen vermochte.

Die Sonne begann an den Spitzen der Buchen hinabzusinken, welche die westliche Linie der Aussicht begrenzten, ehe noch alle diese nothwendigen Anordnungen beendet waren. Erst alsdann jedoch erschien Ruben Ring, von einem andern jungen Manne von gleicher Thätigkeit und gleichem Muthe begleitet, vor dem Puritaner, gerüstet, wie Leute in ihrer Lage es sein konnten, um eine Reise durch die Wälder anzutreten. –

»Geht,« sagte der greise Religionsbekenner, als sich die Jünglinge ihm vorstellten, »geht, überbringt die Nachricht von dieser Heimsuchung, damit uns Leute zu Hülfe und Unterstützung kommen. Ich verlange nicht Rache an den 305 bethörten, heidnischen Nachahmern der Verehrer Molochs, sie haben aus Unwissenheit dies Uebel uns zugefügt. Niemand bewaffne sich der Beleidigungen wegen, die von sündhaften, im Irrthum befangenen Wesen herrühren. Vielmehr schaue Jeder in die verborgenen Greuel seines eigenen Herzens, damit er den lebendigen Wurm erdrücke, welcher, indem er an den Wurzeln einer gnadenreichen Hoffnung nagt, noch die Früchte der Verheißung in ihren eigenen Seelen zerstören könnte. Ich wünschte, wir möchten uns dieses Zeichen des göttlichen Unwillens zu Nutze machen und daraus lernen. Geht, durchzieht die Ansiedelungen auf fünfzig Meilen im Umkreis, und fordert diejenigen unserer Nachbaren, welche abkommen können, auf, uns zu Hülfe zu eilen, sie sollen willkommen sein; und möge es lange dauern, ehe Einer von ihnen eine Einladung an mich oder die Meinigen sendet, seine Pflanzungen zu gleich traurigen Dienstleistungen zu betreten. Zieht hin, und erinnert Euch, daß Ihr Boten des Friedens seid; daß Euer Auftrag nichts gemein hat mit den Gefühlen der Rache, sondern daß es nur ein Hülfeflehen ist, wie die Vernunft es nur zur Pflicht macht; daß keinen bewaffneten Aufstand unter meinen Brüdern ich erregen will, um damit die Wilden in ihren Zufluchtsort zurückzutreiben.«

Mit dieser letzten Ermahnung nahmen die jungen Männer Abschied. Doch sah man deutlich an ihren trotzigen Stirnen und zusammengepreßten Lippen, daß sie leicht einen Theil seiner verzeihungsvollen Grundsätze vergessen möchten, wenn etwa der Zufall sie auf ihrem Zuge auf eine Spur eines herumstreichenden Bewohners der Wälder bringen sollte. In einigen Augenblicken sah man sie mit schnellem Schritt über die Felder in die Tiefen des Waldes längst des Pfades sich verlieren, der nach den Ortschaften führte, welche weiter unten am Connecticut lagen.

Eine andere Aufgabe blieb noch zu lösen übrig. Als man die einstweiligen Anordnungen zum Schutz der Familie traf, hatte man gleich anfangs sein Auge auf das Blockhaus geworfen. Die Mauern des Grundgeschosses dieses Gebäudes standen noch, und man fand es sehr leicht, vermittelst halbverbrannter Balken und einiger Bohlen, die dem Brand entgangen, es auf eine Weise wieder mit einem Dache zu versehen, das wenigstens einstweiligen Schutz gegen das Wetter darbot. Dieser einfache, beeilte Bau, mit einer ganz außerordentlich kunstlosen Küche, die man um einen Schornstein herum aufgestellt hatte, begriff beinahe Alles, was geschehen konnte, ehe Zeit und Beistand es ihnen möglich gemacht, andere Gebäude zu beginnen. Als man die Trümmer des kleinen Thurmes von ihrem Schutt reinigte, wurden die Ueberreste der in dem Kampfe Umgekommenen mit frommer Sorgfalt gesammelt. Den Körper des jungen Mannes, der in den ersten Stunden des Angriffs das Leben verlor, fand man, halb von den Flammen verzehrt, im Hofe, und auch die Gebeine von zwei Andern, welche innerhalb des Blockhauses gefallen, wurden unter den Trümmern hervor zusammengelesen. Es war jetzt die traurige Pflicht herangekommen, sie alle mit gebührender Feierlichkeit der Erde anzuvertrauen.

Die zu diesem trauervollen Dienste ausersehene Zeit war die, wo gerade der westliche Horizont von dem, was einer unserer eigenen Dichter so schön »den Pomp, der den Tag bringt und hinabführt,« nennt, erglühte. Die Sonne war in den Baumwipfeln und ein sanfteres, lieblicheres Licht 307 hätte man zu solch einer Feierlichkeit nicht wählen können. Der größte Theil der Felder lag noch in dem sanften Glanze der Abendstunde da, obgleich der Wald schnell den dunkleren Blick der Nacht annahm. Ein breiter, düsterer Rand dehnte sich von der Waldgrenze her, und hier und da warf ein einsamer Baum seinen Schatten über seinem Bereich hinaus auf die Wiesen hin, eine dunkle, zackige Linie in grellem Widerstreit mit dem Glanz der Sonnenstrahlen ziehend. Einer dieser Schatten, es war das dunkle Bild einer hohen, im Wind rauschenden Tanne, die ihre finstere grüne Pyramide von nie erbleichendem Laubwerk nahe an hundert Fuß über das niedere Wachsthum der Buchen erhob, – einer dieser Riesenschatten erstreckte sich bis an die Seite der Anhöhe des Blockhauses hin. Hier sah man sein spitzes Ende sich langsam nach dem offenen Grabe hinstehlen, ein Sinnbild jenes Dunkels der Vergessenheit, welche die anspruchslosen Bewohner desselben sobald umhüllen sollte.

An dieser Stelle hatten Marcus Heathcote und seine noch übrigen Gefährten sich versammelt. Ein eichener Stuhl, den man aus den Flammen gerettet, war zum Sitz für den Vater bestimmt, und zwei parallel laufende Bänke, welche man aus Bohlen, die über Steine gelegt wurden, gebildet hatte, nahmen die andern Glieder der Familie ein. Das Grab lag zwischen ihnen. Der Patriarch hatte seinen Platz an einem der Enden der Gruft genommen, während der in diesen Blättern so oft angeführte Fremde mit gefalteten Händen und gedankenvoller Stirn an dem andern stand. Ein Pferdezaum, zu einem mangelhaften, den beschränkten Mitteln der Grenzbewohner angemessenen Geschirr gehörig, hing an einen der halbverbrannten Pallisaden im Hintergrunde.

308 »Eine gerechte, aber dennoch gnädige Hand ist schwer über mein Haus gekommen,« begann der alte Puritaner mit der Ruhe eines Mannes, der seit langem sich gewöhnt hatte, Leiden mit Demuth zu ertragen. »Der, welcher reichlich gegeben, hat es auch wieder genommen; Er, der lange mit meiner Schwäche Nachsicht getragen, hat sein Antlitz jetzt verhüllt in Zorn. Ich habe seine segnende Macht kennen gelernt, es geziemte sich, daß ich auch sein Mißfallen fühlte. Ein Herz, das vertrauungsvoll wurde, hatte sich verhärtet in seinem Stolze. Es murre daher Niemand über das, was uns geschehen ist. Niemand ahme die Sprache des thörichten Weibes Hiobs nach. Wie, sollten wir das Gute aus der Hand Gottes empfangen, und das Böse nicht? Ich wünschte, daß die Schwachen dieser Welt, die, welche die Seele durch die Eitelkeiten gefährden, die, welche mit Unwillen und Aerger auf die Entbehrungen des Fleisches blicken, den Reichthum eines Beständigen schauen möchten. Ich wollte, sie erkennten die Trostgründe des Gerechten! Es erschalle die Stimme des Dankgebetes in der Wildniß. Oeffnet den Mund zum Lobe und Preise Gottes, daß das dankbare Herz der Reuigen nicht verborgen bleibe.«

Als die tiefen Töne des Redenden aufhörten, fiel sein ernstes Auge auf die Züge des jungen Mannes, der ihm am nächsten stand; und schien eine laute Antwort auf diesen erhabenen Ausdruck der Hingebung zu fordern. Aber die Forderung überstieg die Kräfte des Mannes, an den dieser schweigende aber deutliche Aufruf erging. Nachdem er die Ueberreste seiner einstigen Gefährten betrachtet, die zu seinen Füßen lagen, und einen weithin irrenden Blick auf die Zerstörung geworfen, welche sich über eine Stelle hin verbreitet hatte, die seine eigene Hand zu schmücken geholfen, und als er ein 309 erneutes Bewußtsein seiner eigenen körperlichen Leiden in der stechenden Pein seiner Wunden fühlte, wandte der junge Grenzbewohner sein Auge ab, und schien vor einer so entsagenden Darlegung von Unterwerfung unter die himmlischen Rathschlüsse zurückzubeben.

Als Marcus sein Unvermögen zu antworten bemerkte, fuhr er fort:

»Hat denn Niemand eine Stimme, den Herrn zu preisen? Die Banden der Heiden sind über meine Heerden hergefallen; der Feuerbrand hat an meinen Wohngebäuden gewüthet; meine Leute fielen unter der Gewaltthätigkeit der Unerleuchteten, und Niemand ist hier, der da sagt, daß der Herr gerecht ist! Ich wünsche, daß der Ruf des Dankes sich erhebe in meinen Feldern. Ich wünsche, daß der Lobgesang lauter werde, als das Kampfgeschrei der Wilden, und daß das ganze Land von Freudentönen wiederhalle!«

Eine lange, tiefe, erwartungsvolle Pause trat ein. Dann erwiderte Contentius mit ruhiger, fester Stimme, und mit der ihn nie verlassenden Bescheidenheit:

»Die Hand, welche die Wage gehalten, ist gerecht, und wir sind als nichtig befunden worden. Er, der die Wildniß erblühen läßt, hat diesmal die Unwissenden und Wilden zu Werkzeugen seines Willens gemacht. Er hat den Fortgang unseres Gedeihens gehemmt, auf daß wir erkennen, Er sei der Herr. Er hat durch den Sturmwind zu uns gesprochen, aber seiner Gnade verdanken wir es, daß wir seine Stimme nicht verkennen.«

Als sein Sohn schwieg, schoß ein Strahl der Zufriedenheit über das Antlitz des Puritaners. Sein Auge wandte sich dann zunächst forschend auf Ruth, welche unter ihren 310 Mägden dasaß, ein Bild weiblichen Schmerzes. Als jetzt ein Jeder von der kleinen Versammlung sich einen verstohlenen Blick auf ihr mildes aber bleiches Gesicht erlaubte, herrschte eine athemlose Stille, denn es war nicht so sehr die Neugier als die gemeinschaftliche Theilnahme, das Mitleid eines Jeden mit ihrem Kummer, was den Blicken diese Richtung gab. Das Auge der Mutter starrte ernst aber ohne eine Thräne auf den traurigen Anblick vor ihr, es suchte, sich unbewußt, unter den verbrannten, zusammengeschrumpften Ueberresten der Sterblichkeit, die zu den Füßen der Trauernden lagen, nach einer Reliquie des Engels, den sie verloren hatte. Ein Schaudern verrieth den Kampf, der in ihrer Seele vorging. Endlich erhob sie ihre liebliche Stimme so leise, daß selbst die, welche ihr am nächsten standen, kaum die einzelnen Worte vernehmen konnten, welche einen Spruch der Bibel in sich faßten:

»Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen; sein heiliger Name sei gelobt!«

»Nun weiß ich, daß Der, welcher mich schlug, gnädig ist; denn er züchtigt Die, welche er liebt,« sagte Marcus Heathcote, indem er sich mit Würde von seinem Sitz erhob, um die Seinigen anzureden. »Unser Leben ist ein Leben des Stolzes. Die Jungen sind gewohnt, übermüthig zu werden, während der, welcher viele Jahre zählt, in seinem Herzen spricht: »Hier ist gut sein.« Es liegt ein furchtbares Geheimniß in Dem, der in der Höhe wohnet. Der Himmel ist sein Thron, und die Erde hat er geschaffen zu seinem Fußschemel. Daß die Eitelkeit des Schwachen sich nicht herausnehme, ihn zu verstehen; denn Der, der den Athem des Lebens in sich hält, lebte ehe denn die Hügel waren! Die 311 Bande des Bösen, des Satans und der Söhne Belials sind gelöst worden, damit der Glaube der Auserwählten gereinigt werde und die Namen Derer, welche eingeschrieben stehen im Buch des Lebens, seit die Grundvesten der Erde gelegt wurden, gelesen werden möchten in Buchstaben von reinem, geläuterten Golde. Die Lebenstage des Menschen sind nur ein Augenblick in den Augen des Allmächtigen, dessen Leben die Ewigkeit ist, dem die Erde nur als die Wohnung für wenige Monden gilt! Die Gebeine der Kühnen, der Jugendlichen, und der Starken von gestern liegen hier zu unsern Füßen. Niemand weiß, was eine Stunde zu bringen vermag. In einer einzigen Nacht, meine Kinder, ist dies Alles geschehen. Menschen, deren Stimme in meinen Gemächern gehört wurden, sind nun sprachlos; und die sich so kürzlich freuten, trauern jetzt. Und doch ist dies anscheinende Uebel verhängt worden, damit Gutes daraus hervorgehe. Wir wohnen in einem wilden, fernen Lande,« fuhr er fort, und ließ unmerklich seine Gedanken den trauervolleren Einzelnheiten ihrer Betrübniß sich zuwenden; »unsere irdische Heimath ist fern von hier. Die Flammensäule der Wahrheit hat uns hieher geleitet, aber die Bosheit der Verfolger ist nicht zurückgeblieben. Obdachslos und gehetzt, gleich dem gejagten Wild, sind wir nochmals genöthigt zu fliehen. Wir haben das Zelt der Gestirne zu unserem Dache, Niemand kann mehr im Geheimen innerhalb unserer Mauern, seine Andacht verrichten. Aber dennoch, der Weg der Gläubigen, obgleich voller Dornen, er führt zur Ruhe, und die endliche Stille des Gerechten vermag Niemand ferner zu trüben. Der, welcher um der Wahrheit willen Hunger und Durst und die Leiden des Körpers erduldet hat, versteht es schon, sich zu begnügen, und wer 312 den Frieden der Gerechten zum Ziel hat, der wird die längste Stunde leiblicher Trübsal nicht zu lange finden.«

Die starken Gesichtszüge des Fremden wurden selbst noch strenger als gewöhnlich, und als der Puritaner fortfuhr, ergriff die Hand, die an dem Hefte einer Pistole ruhte, die Waffe immer krampfhafter bis die Finger in das Holz wie eingegraben schienen. Jedoch blieb er schweigend, und verbeugte sich, gleichsam um die persönliche Anspielung anzuerkennen. –

»Wenn Jemand den frühen Tod Derjenigen beweint, welche im erlaubten Kampfe um Leben und Obdach den Geist aufgaben«, – hier sah er ein nicht weit von ihm sitzendes Mädchen an – »so möge er sich erinnern, daß von Anbeginn der Welt ihre Tage gezählt waren, und daß kein Sperling zur Erde fällt, ohne den Rathschlüssen ewiger Weisheit zu entsprechen. Lasset vielmehr das Geschehene uns an die Nichtigkeit des Lebens erinnern, damit wir lernen mögen, wie leicht es ist, in die Unsterblichkeit einzugehen. Wenn der Jüngling niedergemäht worden, gleich dem unreifen Gras, wie wir meinen; so führte Einer die Sichel, der am besten weiß, wann er mit dem Einsammeln der Ernte in seine ewigen Vorrathskammern anzufangen hat. Eine mit ihm verbundene Seele – wie denn das schwächere Geschlecht sich gern auf Mannesstärke stützet – beweint seinen Tod! ihre Trauer sei aber die einer Christin, nicht ungemischt mit heiliger Freude.« Ein krampfhaftes Schluchzen brach aus der Brust desjenigen Mädchen hervor, das, wie man wußte, mit einem der Gefallenen verlobt gewesen; und dadurch ward für einen Augenblick die Rede des alten Puritaners unterbrochen. Als aber nochmals Stille eintrat, da kam er mittelst eines 313 sehr natürlichen Uebergangs auf seine eigene Leiden zu sprechen, und fuhr folgendermaßen fort:

»Der Tod war kein Fremdling in meinem Hause. Sein Pfeil traf am schwersten, als er Jene wegführte, welche, wie die, die hier gefallen, in dem Stolz ihrer Jugend stand, und als ihre Seele zum ersten Male die Freude genoß, einem Knaben das Dasein gegeben zu haben. Du, der in dem Himmel thront,« fuhr er fort und wandte sein starres thränenloses Auge in die Höhe; »Du weißt, wie schwer jener Schlag war, und Du hast das Ringen eines erdrückten Gemüthes in Dein Gedenkbuch niedergeschrieben. Nicht zu schwer zum Ertragen ist die Last befunden worden. Das Opfer hat nicht hingereicht; die Welt hat nochmals in meinem Herzen die Oberhand bekommen. Du gabst uns ein Bild jener Unschuldigen und Lieblichen, die im Himmel wohnen, und hast es nun dahingenommen, auf daß wir Deine Macht erkennen. Wir beugen uns vor Deinem Gericht. Wenn Du unser Kind in die Wohnungen der Seligkeit gerufen, so ist es ganz Dein, und wir nehmen uns nicht heraus zu klagen; aber wenn Du es noch zurückgelassen, damit es ferner noch wandeln möge auf dem Pilgerpfad des Lebens, so vertrauen wir auf Deine Güte. Das Mädchen stammt aus einem langduldenden Geschlecht und Du wirst sie nicht der Blindheit der Heiden preisgeben. Dein ist sie, gänzlich Dein, König des Himmels! und doch hast Du unsern Herzen vergönnt, nach ihr zu verlangen mit der Zärtlichkeit irdischer Liebe. Wir erwarten fernere Offenbarungen Deines Willens, damit wir erkennen mögen, ob die Quelle unserer Zuneigung und Liebe vertrocknen soll, in der Gewißheit ihrer segensvollen Ruhe,« – heiße Thränen rollten den Wangen der 314 blassen, regungslosen Mutter hinab, – »oder ob die Hoffnung, ja ob die Pflicht gegen Dich, ihre Blutsverwandten zu Nachforschungen auffordert. Als Deine Hand am schwersten ruhte auf dem niedergebeugten Geist eines einsamen, verlassenen Wanderers in einem fremden und öden Lande, da würde er ohne Murren Dir auch sein Kind hingegeben haben; es war Dein Wille, es ihm an der Stelle Derjenigen, die Du zu Dir berufen, zu lassen, es ward ein Mann; und nun steht auch er hier, und bringt, wie einst Abraham, das Kind seiner Hoffnung und Liebe als ein williges Opfer dar. Verfahre damit, wie es Deiner nie fehlenden Weisheit am besten dünkt.« –

Diese Worte wurden durch einen tiefen Seufzer, der aus Contentius Brust hervordrang, unterbrochen. Ein Schweigen erfolgte, aber als die Versammlung Blicke voll Mitgefühl und Ehrfurcht auf den kindesberaubten Vater zu werfen wagte, sahen Alle, daß er sich erhoben hatte, und fest auf den Sprechenden hinstarrend da stand, als wenn er sich eben so sehr wie die Andern wunderte, daß er sich einen solchen Schmerzenston gestattet. Der Puritaner wollte den Gegenstand seiner Rede wieder aufnehmen, allein die Stimme bebte und versagte ihm zusehends mehr und mehr; und einen Augenblick lang bot er seinen Zuhörern das schmerzhafte Schauspiel eines durch Leiden erschütterten, würdevollen Greises dar. Seiner Schwäche sich bewußt, hörte jetzt der Greis mit Ermahnungen auf, und wandte sich zum Gebet. So beschäftigt, war er in seiner Aussprache wieder klar, fest und deutlich, und die Andacht endete mitten in tiefer, heiliger Stille.

Nach dieser Leichenrede war denn auch die einfache Feierlichkeit selbst zu Ende. Die Ueberreste wurden in feierlichem 315 Schweigen in das offene Grab hinabgesenkt, das von den jungen Männern bald mit Erde bedeckt ward. Darauf rief Marcus Heathcote laut den Segen Gottes über sein Haus herab, und das Haupt verbeugend, wie er früher seinen Geist unter den Willen des Himmels gebeugt hatte, winkte er der Familie, sich zurückzuziehen.

Ueber der Ruhestätte der Entschlafenen weilten nun der Puritaner und der Fremde zu ihrer letzten Unterredung. Die Hand des Unbekannten wurde fest von der des Puritaners ergriffen und die ernste Selbstbeherrschung Beider schien zu weichen vor dem Schmerz einer durch so viele Trübsale bewährten Freundschaft.

»Du weißt es, daß ich nicht bleiben darf,« sagte der Fremde, gleichsam als wenn er auf einen Wunsch antwortete, den der Andere ausgesprochen. »Sie möchten mich zum Opfer des Moloch's ihrer Eitelkeiten machen, und doch wünsche ich so sehr zu weilen, bis das herbe Gefühl dieses großen Unglücks etwas nachgelassen. Ich fand Dich im Frieden und muß nun beim Scheiden Dich im tiefsten Leid sehen!«

»Du mißtrauest mir, oder thust Deinem eigenen Wissen Unrecht,« unterbrach ihn der Puritaner mit einem Lächeln, das auf seinen eingefallenen, strengen Gesichtszügen glänzte, wie die Strahlen der untergehenden Sonne eine winterliche Wolke beleuchten. »Schien ich glücklicher, als Deine Hand die einer geliebten Braut in meine eigene legte; schien ich Dir damals glücklicher, als Du mich jetzt in dieser Wildniß siehst, ohne Haus und Vermögen, und, Gott vergebe mir den Undank, ich hätte beinahe gesagt, auch kinderlos. Nein, in der That, Du darfst nicht zögern, denn die Bluthunde der 316 Tyrannei werden auf ihrer Spur sein; hier ist kein Schutz mehr für Dich.«

Die Augen Beider wandten sich wie in einem gemeinsamen, traurigen Gefühl nach den Trümmern des Blockhauses. Der Unbekannte drückte dann die Hand seines Freundes in seinen beiden eigenen, und sagte mit erstickter, gebrochener Stimme:

»Marcus Heathcote, lebe wohl; wer ein Obdach für den verfolgten Wanderer hatte, wird nicht lange selbst ohne eines bleiben, und der Gottergebene nicht immer Trübsal kennen.«

Seine Worte klangen in den Ohren des Patriarchen wie die Offenbarung einer Prophezeiung. Sie drückten sich nochmals die Hände und betrachteten einander mit Blicken, worin die Güte nicht gänzlich von dem zurückstoßenden Charakter einer angenommenen Haltung unterdrückt werden konnte. Hierauf schieden sie. Der Puritaner nahm langsam seinen Weg nach dem traurigen Obdach, das seine Familie schützte, während man kurz hernach den Fremden das Thier, welches er bestiegen hatte, über die Weiden des Thals nach einem der abgelegensten Pfade der Wildniß antreiben sah.

 

Ende des ersten Theils.

 


 

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