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Die Beweinte von Wish-Ton-Wish

James Fenimore Cooper: Die Beweinte von Wish-Ton-Wish - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
authorVon J. F. Cooper
publisherRob. Henrich's Verlagshandlung
addressBerlin
titleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
pages660
created20110829
modified20140825
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Fünfzehntes Kapitel.

Und konntest du das ansehn, Gott! und kein Erbarmen haben? –
Geb' ihnen Gott nun seinen ewigen Frieden.
Macbeth.          

»Laßt uns für die Gnade dankbar sein,« sagte Contentius, als er der halbbewußtlosen Ruth die Leiter zu ersteigen half, und sich einem natürlichen Gefühle überließ, das seiner Männlichkeit nicht zur Unehre gereichte. »Haben wir Eine, die wir liebten, verloren, so hat Gott doch unser eigenes Kind verschont.«

Sein athemloses Weib warf sich auf einen Sitz, und ihr Kleinod an ihren Busen drückend, flüsterte sie mehr, als daß sie laut sprach:

»Mit ganzer Seele, Heathcote, bin ich dankbar!«

»Du entziehst ja das Kind meinen Blicken« entgegnete der Vater und beugte sich, um dadurch eine Thräne zu verbergen, die sich seinen braunen Wangen hinabstahl, zu ihr hin, unter dem Vorwand, das Kind zu umarmen; – aber plötzlich zurückbebend, rief er entsetzt aus: »Ruth!«

Erschreckt durch den Ton, mit welchem ihr Gatte ihren Namen aussprach, warf die Mutter die Falten ihres Gewandes, die noch immer das Mädchen umhüllten, auseinander, hielt 280 es eine Armlänge von sich ab und sah, daß sie in der Verwirrung des Schreckensauftritts die Kinder verwechselt, und, statt ihrer Tochter, der kleinen Martha das Leben gerettet hatte.

Trotz des edeln Gemüthes der trefflichen Frau, war es doch unmöglich, ein Gefühl getäuschter Hoffnung zu unterdrücken, das bei der Entdeckung des Mißgriffs über sie kam. Die Natur behielt zuerst ihren Lauf und zwar in einem Grade, der furchtbar mächtig sich zeigte.

»Es ist nicht unser Kind!« schrie die Mutter, das Mädchen noch immer in derselben Stellung von sich abhaltend, und ihm in's unschuldige, erschreckte Antlitz schauend, mit einem Ausdruck, wie ihn Martha noch nie vorher aus den Augen hatte kommen sehen, die gewöhnlich so sanft und nachsichtig waren.

»Ich bin ja Dein! Ich bin ja Dein!« flüsterte das kleine zitternde Wesen, vergebens bemüht, den Busen zu erreichen, der so lange ihre Kindheit geschützt und erwärmt hatte. »Wenn ich nicht Dein Kind bin, wessen bin ich denn?«

Der Blick der armen Mutter war noch wild, das Arbeiten ihrer Züge noch wie das einer Wahnsinnigen.

»Madame – Frau Heathcote, – Mutter!« sprach furchtsam und abgebrochen die verlassene Waise. Da erweichte sich Ruth's Herz. Sie drückte die Tochter ihrer Freundin an ihre Brust und die Natur fand eine vorübergehende Erleichterung in einem jener furchtbaren Ausbrüche von Angst, welche die Auflösung des Bandes zu bewirken drohten, das die Seele mit dem Leib verbindet.

»Komm, Du Tochter John Harding's,« sagte Contentius mit der erzwungenen Ruhe und Haltung eines gebeugten Mannes, während der Kampf der Natur heftig in seinem 281 Innern fortdauerte. »Es ist Gottes Wille gewesen, und es geziemt uns, daß wir in Demuth seine Vaterhand küssen. Laß uns dankbar sein,« fügte er mit bebender Lippe, aber festem Auge hinzu, »daß selbst diese Gnade uns zu Theil geworden. Unser Kind ist bei den Indianern, aber unsere Hoffnungen gehen weit über den Bereich indianischer Bosheit hinaus. Wir haben nicht Schätze gesammelt, wo sie Motten und der Rost zerfressen, oder die Diebe hereinbrechen mögen, sie zu stehlen. Vielleicht bringt uns der Morgen die Gelegenheit zu unterhandeln, und vielleicht auch die freudige Gewißheit der Auslösung unseres Lieblings.«

Es lag noch ein Schimmer von Hoffnung in diesem Einfall, und schien den Gedanken Ruth's eine ganz neue Richtung zu geben; sie ward dadurch in den Stand gesetzt, vermöge ihrer langgewohnten Selbstbeherrschung, wieder Etwas von ihrer früheren Standhaftigkeit und Stärke zu gewinnen. Die Quellen ihrer Thränen vertrockneten, und nach einem kurzen, aber furchtbaren Ringen vermochte sie wieder gefaßt zu erscheinen. Aber zu keiner Zeit während des ganzen Fortgangs jenes schrecklichen Kampfes war Ruth Heathcote wieder dasselbe bereitwillige, nützliche Wesen, das während der erstern Vorfälle in dieser Nacht durch seine Thätigkeit und Anordnungen sich so sehr ausgezeichnet hatte.

Es ist wohl kaum nothwendig, dem Leser zu sagen, daß der eben beschriebene Ausbruch elterlichen Schmerzes und der Pflicht der Ergebung, zwischen dem Gattenpaar auf einer Stelle stattfand, auf welchem die anderen Personen zu sehr beschäftigt waren, um Kenntniß davon zu nehmen. Das Schicksal der im Blockhause befindlichen näherte sich zu 282 augenscheinlich seiner Entscheidung, um irgend Theil an solch' einer Episode in dem großen Trauerspiele des Augenblicks zu nehmen.

Der Charakter des Kampfs hatte sich gewissermaßen geändert. Man brauchte sich ferner nicht mehr vor den Geschossen der Angreifenden zu fürchten, obgleich die Gefahr die Belagerten in einer neuen und selbst in einer noch furchtbarerern Gestalt drängte. Dann und wann freilich steckte zitternd ein Pfeil in den Oeffnungen der Schießlöcher und der unbehülfliche Dudley entging einmal kaum noch dem Ziele einer Kugel, die, vom Zufall geleitet, oder von einer mehr als gewöhnlich sichern Hand abgeschossen, durch eine der engen Oeffnungen fuhr, und dem Leben des Grenzmanns ein Ziel gesetzt haben würde, wäre das Haupt, welches sie streifte, nicht zu fest gewesen, als daß es selbst einem solchen Anfall gewichen. Was indessen die Aufmerksamkeit der Besatzung hauptsächlich in Anspruch nahm, war die aus dem allumgebenden Feuer entstehende dringende Gefahr. War auch die Wahrscheinlichkeit eines Nothfalls, wie der, in welchen sich die Familie versetzt sah, gewiß vorausgesehen worden, und man sich selbst dagegen gewissermaßen durch die Größe des Hofes und den Bau des Blockhauses zu schützen gesucht hatte, so fand es sich doch, daß die Gefahr alle frühere Berechnungen überstieg.

Was das untere Stockwerk anbelangte, so lieferte es keinen Grund zur Besorgniß. Es bestand aus Stein und war von einer Dicke und einem Stoff, der jeder List trotzte, welche der Feind Zeit finden mochte, zu erdenken und auszuführen. Selbst die zwei oberen Stockwerke waren verhältnißmäßig sicher, denn sie bestanden aus so festen, gewichtigen Blöcken, 283 daß es schon Zeit brauchte, sie zu erhitzen, und so waren sie denn dem Brande so wenig ausgesetzt, als es nur immer bei Holz der Fall sein konnte. Aber das Dach war, wie überall in jener und eigentlich auch noch meistentheils in unserer Zeit bis auf den gegenwärtigen Tag in Amerika, aus kurzen, entzündlichen Schindeln von Tannenholz zusammengesetzt. Die obere Höhe des Thurms bot einigen geringen Schutz dar, aber da die Flammen prasselnd über die Hofgebäude zusammenschlugen und in großen Schwingungen den erhitzten Raum umwogten, so geschah es oft, daß die ganze gebrechliche Decke des Blockhauses in Flammen eingehüllt wurde. Die Wirkung davon ließ sich voraussehen; auch war das Erste, was Contentius von seinem bittern Vaterschmerz abrief, ein die ganze Besatzung durchlaufender Schrei, daß das Dach ihrer kleinen Veste in Flammen stehe. Einer der gewöhnlichen Brunnen der Wohnung befand sich mitten in dem untern Raum des Gebäudes, und es war ein Glück für die Belagerten, daß keine Vorsicht, ihn bei einer Gelegenheit wie die, welche jetzt eingetreten, brauchbar zu machen, versäumt worden war. Eine wohlverwahrte Einfassung von Stein erhob sich durch das untere Stockwerk auf den oberen Boden. Indem sie sich nun diese glückliche Vorkehrung zu Nutze machten, arbeiteten die Mägde der Ruth eifrigst mit den ledernen Eimern, während die junge Mannschaft von den Fenstern der Mansarde reichlich auf das Dach Wasser gossen. Dieses letztere Geschäft ward, wie man sich leicht denken mag, nicht ohne Gefahr und verderbliche Zufälle ausgeführt. Schaaren von Pfeilen wurden beständig auf die Arbeiter abgeschossen und mehr als einmal empfingen die Jünglinge, während sie dieser Beunruhigung ausgesetzt waren, mehr oder weniger 284 bedeutende Wunden. Einige Augenblicke traten auch wirklich ein, während welcher es eine Frage von der höchsten Ungewißheit blieb, in wie weit die Gefahr, der sie sich aussetzten, wohl mit Erfolg belohnt werden würde. Die außerordentliche Hitze so vieler Brände und die häufige Berührung der den Platz umkreisenden Flamme, fingen an, es zweifelhaft zu machen, ob irgend menschliche Anstrengungen das Uebel länger aufzuhalten vermöchten. Selbst die festen, mächtigen, und angefeuchteten Blöcke der Wände begannen zu rauchen, und man fand bald durch viele Versuche, daß die Hand nur einen Augenblick auf ihrer Fläche auszuhalten vermochte.

Während dieses Zwischenraums banger Erwartungen und Zweifel wurden alle jungen Männer, die noch an den Schießlöchern standen, abgerufen, das Feuer löschen zu helfen. Der Widerstand ward über der Ausübung einer Pflicht vergessen, die selbst noch viel drängender, als jener geworden war. Sogar Ruth schreckte die Beschaffenheit des Uebels aus ihrem Hinbrüten auf, und alle Hände und alle Gemüther waren emsig mit einer Arbeit beschäftigt, welche die Aufmerksamkeit von Vorfällen abzog, die weit weniger Interesse hatten, da sie mit nicht so augenblicklicher Vernichtung drohten. Die Gefahr verliert, wie bekannt, durch ihre Dauer von ihren Schrecken. Die jungen Grenzbewohner wurden unbekümmert um die Sicherheit ihrer eigenen Person, so sehr regte sie der Eifer in ihren Anstrengungen auf, und als Erfolg ihre Bemühungen zu belohnen begann, siegte etwas wie Leichtsinn über ihre Betrübniß, wie denn dies wohl in glücklicheren Augenblicken der Fall zu sein pflegt. Verstohlene und neugierige Blicke wurden auf die Stelle geworfen, die man so lange Zeit gleichsam für geheiligt und nur den geheimen 285 Uebungen des Puritaners geweiht gehalten hatte; sobald man fand, daß man der Flammen Meister geworden und daß die Gefahr für den Augenblick abgewendet war, unterwarf man dies Zimmer einer näheren Untersuchung. Das Licht glänzte mächtig durch verschiedene Oeffnungen in den Schindeln, so wie auch durch die Fenster, und jedes Auge ward in den Stand gesetzt, den Inhalt eines Zimmers zu erforschen, das Alle zu sehen verlangt hatten, obgleich Niemand vorher sich herausgenommen, es zu betreten.

»Der Capitain sorgt gehörig für den Leib,« flüsterte Ruben Ring gegen einen seiner Gefährten, während er sich die Folge seiner Anstrengung, den Schweiß von der sonnverbrannten Stirne wischte. »Sieh' einmal, Hiram, es findet sich hier ein schöner Vorrath von Lebensmitteln.«

»Die Milch- und Butterkammern selbst sind nicht reichlicher versehen!« entgegnete der Andere mit dem pfiffigen Ausdruck und dem schnellen Beobachtungsgeist eines Grenzmannes. »Es ist bekannt, daß er nie berührt, was die Kuh uns giebt, ausgenommen so, wie es von dem Thier selbst kommt, und hier finden wir das Beste, was nur unserer Hausfrau Speisekammer bieten kann!«

»Sicher, jener Lederwamms sieht ziemlich denen ähnlich, wie ihn die stolzen Reiter in der Heimath tragen! Ich denke, es muß lange her sein, seit der Capitain nicht in solch' einem Anzug ausgeritten ist!«

»Das mag Sache alter Gewohnheit sein, denn das Stück Stahl, welches Du dort siehst, ist auch eine Reliquie von den Moden der englischen Infanteristen, es ist wahrscheinlich, daß er ernste Uebungen und Betrachtungen über die Eitelkeiten seiner Jugend eben über diesen Ueberresten seines 286 früheren Stolzes anstellt, und sich dabei der Zeiten erinnert, in welchen er sie trug.«

Diese Vermuthung schien dem Andern zu genügen; obgleich es wahrscheinlich ist, daß der Anblick eines neuen Vorraths von leiblicher Nahrung, der bald nachher entdeckt wurde, als man, um Zugang zum Dache zu erlangen, Alles hinweg räumte, zu einigen weitern Bemerkungen geführt haben würde, hätte man mehr Zeit zu Vermuthungen und Schlüssen gehabt. Aber in diesem Augenblick drang ein neuer Angstruf der Mägde herauf, die mit den Wassereimern unten beschäftigt waren.

»An die Schießlöcher, an die Schießlöcher, oder wir sind verloren!« war ein Geschrei, das kein Zögern, keinen Aufschub zuließ. Den Fremden an ihrer Spitze stürzte die junge Mannschaft hinunter, wo sie in der That ernsthafte Anforderungen an ihre ganze Thätigkeit und ihren höchsten Muth antrafen. Den Indianern fehlte es nicht an dem Scharfsinn, der so merklich die Kriegsweise dieser listigen Volksraçe auszeichnet. Während die Familie emsig damit beschäftigt war, den Flammen Einhalt zu thun, waren ihre Verfolger nicht müßig geblieben. Da sie sahen, daß die Weißen sich ausschließlich dem Löschen widmeten, so hatten sie unterdessen Mittel ausfindig gemacht, brennende Fichtenspäne bis an die Thür des Blockhauses zu bringen, an das sie vorher Massen brennbaren Stoffes aufgehäuft, und drohten, so in Kurzem sich den Weg in den untern Raum der Citadelle selbst zu eröffnen. Um diesen Plan versteckt zu halten und ihre Annäherung zu schützen, war es den Wilden gelungen, Strohbündel und andere ähnliche Stoffe an den Fuß des Gebäudes zu bringen, – Dinge, die sehr schnell Feuer fingen und 287 folglich dazu dienten, nicht nur die wirkliche Gefahr, in der das Gebäude schwebte, zu erhöhen, sondern auch die Aufmerksamkeit Derer, von denen es vertheidigt wurde, zu theilen und irre zu machen. Obgleich das Wasser, das von dem Dache herabträufelte, dazu diente, den Fortschritt dieser Flammen zu verzögern, trugen diese doch zu dem Zwecke sehr viel bei, den die Wilden von Allen andern am meisten erstrebten. Die dichten Rauchmassen, welche sich aus dem halbgelöschten Feuer erhoben, benachrichtigten zuerst den weiblichen Theil der Vertheidiger von der neuen Gefahr, die sie umlagerte. Als Contentius und der Fremde die Hausflur des Hauptstockwerks der Citadelle erreichten, erforderte es einige Zeit und keinen geringen Grad von kaltblütiger Besonnenheit, um sich von der Lage, in der sie sich jetzt befanden, einen klaren Begriff zu machen. Der Dampf, der von dem durchnäßten Heu und Stroh in die Höhe stieg, war schon in das Gemach gedrungen, und nicht ohne große Schwierigkeit konnten die darin Befindlichen die Gegenstände unterscheiden oder auch nur Athem holen.

»Hier ist Gelegenheit, unsere äußerste Tapferkeit, unsern kühnsten Muth zu erproben,« sagte der Fremde zu seinem standhaften Gefährten. »Wir müssen auf diesen neuen Anschlag Acht haben, oder wir erreichen unser Geschick durch den Feuertod! Fordere die Beherztesten Deiner jungen Männer auf, und ich will sie zu einem Ausfall anführen, ehe das Uebel jedes Hülfsmittel übersteigt.«

»Das wäre gewisser Sieg für die Heiden. Du hörst an ihrem Schlachtgeheul, daß es keine unbedeutende Bande von Herumstreichern ist, welche uns hier belagert; ein Stamm hat seine auserwähltesten Krieger ausgesandt, ihre Bosheit 288 und teuflische Wuth zu üben. Besser ist's, daß wir uns beeilen, sie von unserer Thür wegzutreiben und diese Rauchwolken zu verhindern, daß sie uns nicht noch mehr belästigen; unter den jetzigen Umständen einen Ausfall aus dem Blockhause zu machen, wäre nichts Anderes, als unsere Häupter dem Tomahawk darbieten; aber um Gnade zu bitten, ist eben so eitles Bemühen, als zu hoffen, man werde den Felsen durch Thränen erweichen.«

»Und auf welche Weise meinst Du, mögen wir jenen wichtigen, höchst nöthigen Zweck erreichen?«

»Unsere Musketen werden noch den Eingang beherrschen, dazu sind jene abwärts gehende Schießlöcher da, und Wasser kann noch durch dieselben Oeffnungen reichlich hinabgegossen werden. Man hat bei dem Bau dieses Blockhauses auf diese Gefahr hinlängliche Rücksicht genommen.«

»Dann, um des Himmelswillen, verzögere nicht länger jenen Versuch.«

Die nöthigen Maßregeln wurden unverzüglich getroffen; Eben Dudley steckte die Mündung seiner Muskete durch ein Schießloch, in der Richtung der gefährdeten Thüre und feuerte. Allein die Dunkelheit machte es unmöglich, zu zielen; und die Erfolglosigkeit seines Schusses ward durch ein wildes Triumphgeschrei der Indianer deutlich verkündet. Hierauf folgte eine Fluth von Wasser, welches jedoch kaum mehr Dienste that, da die Wilden seine Anwendung vorausgesehen, und eine Vorkehrung gegen seine Wirkungen dadurch getroffen, – daß sie Bretter und sonstige Geräthschaften, wie sie sie zerstreut in den Wohnungen antrafen, auf eine Weise über das Feuer gelegt hatten, welche den größten Theil der Flüssigkeit verhinderte, sein Ziel zu erreichen.

289 »Komm hierher mit Deiner Muskete, Ruben Ring,« sagte Contentius hastig; »der Wind verweht den Rauch, die Wilden häufen immer noch Brennstoff gegen die Mauer auf.«

Der Grenzmann gehorchte. Es gab in der That Augenblicke, wo dunkle Menschengestalten, schweigend um das Gebäude herumschweifend, gesehen wurden, obgleich die Dichtigkeit des Rauches und Dampfes ihre Formen undeutlich und ihre Bewegungen nur zweifelhaft sehen ließ. Mit kaltem, geübtem Auge suchte der Jüngling ein Opfer; aber als er seine Muskete losschoß, fuhr Etwas nahe an seinem Gesichte vorüber, als wenn die Kugel, der er eine ganze andere Botschaft zugedacht hatte, auf ihn selbst zurückgeprallt wäre. Etwas entsetzt und schnell zurücktretend, sah er den Fremden durch den Rauch auf einen Pfeil hinzeigen, welcher noch zitternd in den Boden über ihm feststeckte.

»Lange können wir diesen Angriffen nicht mehr widerstehen,« murmelte der Soldat; »wir müssen schnell ein Mittel ersinnen, oder wir unterliegen.«

Er verstummte, denn ein Schrei, welcher den Boden, worauf sie standen, zu lüften schien, verkündete die Zerstörung der Thür und die Gegenwart der Wilden im untern Raume des Thurmes. Bei diesem unerwarteten Erfolg standen beide Parteien einen Augenblick regungslos da; der einen raubte Erstaunen und Furcht, der andern die Plötzlichkeit des Triumphs alle Bewegung. Allein diese Pause endete schnell; von Neuem begann der Kampf, von Seiten der Angreifenden mit der Zuversicht des Sieges, von Seiten der Belagerten mit allen den schrecklichen Zeichen der Verzweiflung.

Einige wenige Musketen wurden sowohl von unten als oben nach dem dazwischenliegenden Stockwerk abgefeuert, 290 aber die Dicke der Bohlen verhinderte, daß die Kugeln Schaden anrichteten. Dann begann ein Kampf, worin die gegenseitigen Eigenthümlichkeiten der Streitenden sich auf eine seltsam charakterisirende Weise zeigten. Während die Indianer unten ihre Vortheile mit all der List verfolgten, wie man sie in der indianischen Kriegsweise zu finden pflegt, widerstand die junge Mannschaft mit jener wunderbaren Fertigkeit in Hülfsmitteln und Schnelligkeit in der Ausführung, wodurch der amerikanische Grenzbewohner sich auszeichnet.

Das Erste, was die Stürmenden unternahmen, war der Versuch, die Decke des untern Gemachs in Brand zu stecken. Um dieses zu bewerkstelligen, warfen sie ungeheure Strohhaufen in den Eingangsraum. Aber ehe noch der Brand daran gebracht worden, hatte das Wasser den leicht brennbaren Stoff schon in eine schwarze, trübe Masse verwandelt. Doch hätte fast der Rauch eine Eroberung vollbracht, welche das Feuer selbst zu vollenden nicht vermocht hatte. So erstickend nämlich waren die Dampfwolken, welche durch die Ritzen drangen, daß die Frauenzimmer genöthigt wurden, einen Zufluchtsort in das oberste Gemach zu suchen, wo theils die Oeffnungen im Dache, theils ein starker Luftzug sie einigermaßen von der Belästigung befreite.

Als die Wilden ausmittelten, daß der Besitz des Brunnens den Belagerten die Mittel darbot, das innere Holzwerk gegen die Flammen zu schützen, so wurde ein Versuch gemacht, die Verbindung mit dem Wasser dadurch abzuschneiden, daß man ein Loch in die kreisförmige steinerne Einfassung erzwang, durch die es in das obere Zimmer gezogen wurde. Dieser Versuch wurde durch die Schnelligkeit der jungen Mannschaft vereitelt, welche Löcher in den Fußboden schnitten, 291 von wo aus sie gewissen Tod auf alle unten Befindlichen herabsandten. Vielleicht war der Kampf zu keiner Zeit hartnäckiger gewesen, als jetzt, wo man diesen Versuch machte; auch litten weder die Angreifenden noch die Angegriffenen je größere Verluste. Nach einem langen, wilden Kampfe zeigte sich der Widerstand von Erfolg und die Wilden nahmen ihre Zuflucht zu neuen Anschlägen, um ihren blutigen, erbarmungslosen Zweck zu erreichen.

Während der ersten Augenblicke ihres Eindringens und in der Absicht, die Früchte ihres Siegs einzuerndten und zu vertheilen, wenn erst die Besatzung vollständig besiegt sein würde, hatten die Indianer den größten Theil des Hausgeräthes, welches sich in den Wohnungen vorgefunden, an der Seite des Hügels aufgehäuft. Unter andern Dingen hatten sie auch sechs oder sieben Betten aus den Schlafzimmern in den Hof geworfen. Diese nun gebrauchten sie jetzt als mächtige Angriffswerkzeuge. Stück für Stück schleuderten sie diese auf das fortglimmende, obgleich unterdrückte Feuer im untern Gemach des Blockhauses, von wo nunmehr eine Wolke der unerträglichsten Ausdünstung in die Höhe stieg. In diesem allen Muth auf die Probe stellenden Augenblick hörte man den entsetzlichen Ruf im Blockhause, der Brunnen sei versiegt. Die Eimer stiegen eben so leer herauf, als sie hinabgekommen, und wurden als unnütz bei Seite geworfen. Die Wilden schienen ihren Vortheil zu begreifen, denn sie benutzten die Verwirrung, welche unter den Angegriffenen erfolgte, um das schlummernde Feuer wieder anzufachen. Die Flammen entbrannten wild, und in weniger als einem Augenblick wurden sie zu heftig, um wieder gedämpft werden zu können. Bald sah man sie an den Bohlen der Decke hinspielen; das Alles 292 durchdringende Element züngelte sich von Punkt zu Punkt vorwärts, und es dauerte nicht lange, so stahl es sich auch an der Außenseite des heißen Blockhauses hin.

Jetzt erkannten die Indianer, daß der Sieg ihnen nicht entgehen konnte, und ihr lautes, freudiges, aber im höchsten Grade entsetzliches Geheul verkündete die grausame Freude, mit welcher sie diese Gewißheit begrüßten. Inzwischen lag in der todtenähnlichen Stille, mit welcher die Opfer innerhalb des Blockhauses ihr Geschick erwarteten, etwas Schauerliches. Das ganze Aeußere des Gebäudes stand schon in Flammen eingehüllt, und doch ließ sich kein Anschein ferneren Widerstandes, keine Bitte um Gnade aus seinem Innern vernehmen. Diese unnatürliche, fürchterliche Stille, die innen herrschte, theilte sich allmählich Denen außen mit. Das Geheul und das Triumphgeschrei hörte auf, und das Prasseln der Flammen oder das Einstürzen der Balken in den umliegenden Gebäuden unterbrach allein noch die schreckhafte Ruhe. Endlich hörte man eine einzige Stimme in dem Blockhause. Ihr Ton war tief, feierlich und flehend. Die wilden Wesen, die den sprühenden Holzhaufen umgaben, neigten sich vorwärts, zu lauschen; denn ihre feinen Sinneswerkzeuge hatten die ersten Laute aufgehascht, die hörbar geworden. Es war Marcus Heathcote, dessen Geist sich in der Andacht ergoß. Heiß war das Gebet, aber voller Zuversicht, und wenn es auch in Worten vorgebracht wurde, welche den Draußenstehenden unverständlich waren, so kannten diese doch genug von den Sitten der Pflanzer, um zu merken, daß der Häuptling der Blaßgesichter mit seinem Gott Unterredung pflege. Theils aus Ehrfurcht, theils in Zweifel darüber, was wohl die Folgen eines so geheimnißvollen Flehens sein möchten, 293 zog sich der schwarze Haufe etwas zurück und beobachtete schweigend den Fortgang der Verheerung. Sie hatten seltsame Dinge von der Macht der Gottheit ihrer Feinde gehört, die ihnen ihr Land genommen, und da ihre Opfer so plötzlich aufhörten, jedes bekannte Mittel zur Rettung anzuwenden, schienen sie zu erwarten, oder erwarteten vielleicht wirklich, daß die Macht des » großen Geistes« der Fremden, sich auf eine unverkennbare Weise offenbaren würde.

Indeß verrieth keiner der Angreifenden irgend ein Zeichen von Mitleid, Nichts, was hätte vermuthen lassen, daß sie von der erbarmungslosen Wildheit ihres Kriegführens auch nur in Etwas zurückgekommen. Wenn sie überhaupt nur an das zeitliche Loos Derer dachten, die vielleicht noch in den brennenden Trümmern leben mochten, so geschah es nur, um sich einem vorübergehenden Verdruß zu überlassen, daß die Hartnäckigkeit der Vertheidigung sie des Ruhms beraubt, die gewöhnlichen blutigen Zeichen des Sieges im Triumph nach ihren Dörfern zu tragen. Aber selbst dies besondere und tiefgewurzelte Gefühl wurde vergessen, als der Fortschritt der Flammen, die Hoffnung ihm zu genügen, über alle Möglichkeit hinaus benahm.

Das Dach des Blockhauses entzündete sich nochmals und an dem Licht, das durch die Schießlöcher schien, ward es nur zu deutlich, daß auch das Innere in Flammen stand. Ein- oder zweimal brachen unterdrückte Töne aus dem Gebäude hervor, wie das erstickte Angstgeschrei von Frauen, aber dies hörte so plötzlich auf, daß die Lauschenden in Zweifel blieben, ob es überhaupt nur etwas mehr als die Täuschung ihrer eigenen aufgeregten Phantasie gewesen wäre. Die Wilden waren Zeugen von vielen ähnlichen Auftritten menschlicher 294 Leiden gewesen, aber nie hatten sie vorher einen erlebt, wo dem Tod mit solcher Unerschütterlichkeit entgegen gegangen wurde. Die Stille, die in dem brennenden Blockhause herrschte, theilte ihnen ein Gefühl heiligen Schreckens mit, und wie der wankende Thurm nun als eine verkohlte Masse von Trümmern krachend zur Erde stürzte, da vermieden sie die Stelle, als fürchteten sie die Rache einer Gottheit, welche ein so tiefes Gefühl der Ergebung der Brust ihrer Verehrer einzuflößen vermochte.

Obgleich man das Siegsgeschrei mehr als einmal noch in jener Nacht im Thale vernahm, und obgleich die Sonne lange vorher sich erhoben hatte, ehe die Sieger den Hügel verließen, fanden doch nur Wenige aus der Bande Entschlossenheit genug in sich, um den rauchenden Trümmern zu nahen, wo ihnen Christen ein so eindringliches Beispiel von Seelenstärke gegeben. Die Wenigen, welche herankamen, standen um die Stelle mehr mit der Ehrerbietung, mit welcher ein Indianer die Gräber der Gerechten besucht, als mit dem wilden Jauchzen, mit dem er, wie bekannt, seine Rache über einem gefallenen Feinde zu sättigen pflegt. 295

 

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