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Die Beweinte von Wish-Ton-Wish

James Fenimore Cooper: Die Beweinte von Wish-Ton-Wish - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
authorVon J. F. Cooper
publisherRob. Henrich's Verlagshandlung
addressBerlin
titleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
pages660
created20110829
modified20140825
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Vierzehntes Kapitel.

Du milde, angstbesorgte Mutter –
Verlass' ihn nicht so bald!
Kannst, Güt'ge Du, o kannst Du von ihm scheiden,
Jetzt, wo Verzweiflung sich ihm naht und Tod,
Und keinen Blick, den Mutterliebe bot – –
Um's Himmels willen, bleib.
Dana.          

Nachdem diese Vorsichtsmaßregeln getroffen waren, kehrten die Mägde an die ihnen angewiesenen verschiedenen Spählöcher zurück, und Ruth, deren Amt es war, in Augenblicken der Gefahr die allgemeine Oberaufsicht zu führen, blieb allein ihren Betrachtungen und der Uebung aller Pflichten einer Wachsamkeit überlassen, zu welcher Furcht sie antrieb. Es ließ sie nicht mehr ruhen in den inneren Gemächern, daher näherte sie sich der in den Hofraum führenden Thüre, und verlor für einen Augenblick, dem furchtbar erhabenen Schauspiel gegenüber, das sie umgab, alle ihre unmittelbaren, drängenderen Besorgnisse aus den Gedanken.

Um diese Zeit stand die ganze weitausgedehnte Reihe der Außengebäude, welche, wie dies in den Colonieen gewöhnlich war, aus sehr brennbarem Stoff und ohne alle Rücksicht auf 255 Holzersparung erbaut worden, in einem wogenden Flammenmeer. Trotz der Stellung der Zwischenhäuser, fuhr breiter Lichtglanz beständig über den Hof selbst, auf dessen Fläche sie im Stande war, den geringsten Gegenstand zu unterscheiden, während der Himmel mit einem düstern, schmutzigen Roth überzogen war. Durch die freieren Stellen hindurch, welche die viereckige Festung an den Punkten zwischen den Gebäuden darbot, konnte sie auf die Felder hinausblicken, und da machte sie die traurige Entdeckung, daß die Wilden, fest bei ihrem Entschlusse beharrend, ohne vollständige Erreichung ihres Zweckes, nicht von dannen weichen würden. Finstere, grimmig aussehende, fast nackte Gestalten sah man von einem Versteck zum andern hineilen, während sich kein Baumstumpf, kein Balken in der Entfernung eines Pfeilschusses von den Vertheidigungen vorfand, welcher nicht die hohe Gestalt eines kühnen, unermüdlichen Feindes versteckt und geschützt hätte. Es waren unverkennbar mehrere Hunderte von Indianern vorhanden, und da die Angriffe, nachdem der Ueberfall fehlgeschlagen, immer fortgesetzt wurden, so war es nur zu augenscheinlich, daß sie den Sieg selbst mit einiger Gefahr für sich selbst zu erstreben entschlossen seien. Keine von den gewöhnlichen Mitteln, die Schrecken des Auftritts noch zu vermehren, wurden vernachlässigt.

Kriegsgeschrei und wildes Geheul hallten unaufhörlich rings um die ganze Stelle herum, während die lauten und oft wiederholten Töne einer Muschel die List verriethen, welche die Wilden während des erstern Theils der Nacht so oft angewandt hatten, um die Besatzung aus ihren Pallisaden herauszulocken. Einige vereinzelte Schüsse, welche mit Ueberlegung und nach scharfem Zielen aus jedem entblößteren Punkt 256 innerhalb der Befestigungen abgedrückt, bewiesen, daß die Belagerten sich mit eben so vieler Wachsamkeit als Besonnenheit vertheidigten. Die kleine Kanone im Blockhause schwieg; denn der Puritaner kannte zu gut ihre eigentliche Kraft, um ihren Ruf durch einen zu häufigen Gebrauch zu verringern und herabzusetzen. Diese Waffe wurde daher für jene Augenblicke drängender Gefahr aufgespart, von denen er nur zu gewiß war, daß sie nicht ausbleiben würden.

So war die Scene beschaffen, welche Ruth's furchtsame und traurige Blicke fesselte. Die lang erhaltene, ländliche Ruhe und Sicherheit ihres Aufenthaltes war gewaltsam gestört worden, und an die Stelle einer Ruhe, die sich so weit, als es nur immer auf Erden geschehen mag, jenem heiligen Frieden genähert hatte, nach dem ihr Geist so sehr verlangte und strebte, – an die Stelle dieser Ruhe war das furchtbarste Schauspiel menschlicher Schrecken getreten, und diesem sah sie sich und Alle, welche sie am meisten liebte, mit einem Male entgegengestellt. Ein solcher Augenblick war wohlgeeignet, die Gefühle einer Mutter anzuregen, und ehe sie nur Zeit gehabt, darüber nachzudenken, eilte die Hausfrau, von dem Licht des Brandes dabei unterstützt, schnell durch das Labyrinth von Gängen nach dem Zimmer hin, wo sie ihre Kinder geborgen glaubte.

»Ihr habt Euch doch meines Gebots erinnert, und Euch gehütet, auf die Felder hinauszusehen, meine Kinder,« sagte die beinahe athemlose Frau, als sie in die Stube trat. »Seid dankbar, meine Kleinen; bis jetzt sind die Bemühungen der Wilden vergebens und eitel gewesen, noch sind wir Herren unserer Wohnung.«

»Warum ist denn die Nacht so roth? Komm hierher, 257 Mutter, dort kannst Du bis in den Wald sehen, als wenn die Sonne schiene!«

»Die Heiden haben unsere Scheunen angezündet, und was Du siehst, ist der Schein der Flammen. Aber zum Glück vermögen sie nicht, die Wohnung in Brand zu setzen, so lange Dein Vater und seine Mannschaft die Waffen führt. Wir müssen für diese Sicherheit, so schwach, wie sie scheint, dankbar sein. Gewiß, meine Ruth, Du warst auf Deinen Knieen und gedachtest in Deinem Gebete Deines Vaters und Deines Bruders, nicht wahr?«

»Ich will es nochmals thun, Mutter,« flüsterte das Kind, fiel auf seine Kniee nieder, und hüllte seine jugendlichen Gesichtszüge in die Gewänder der Mutter.

»Warum Dein Antlitz verbergen? Wer so jung und unschuldig ist wie Du, darf seine Augen voll Vertrauen zum Himmel emporheben!«

»Mutter, ich sehe den Indianer, wenn ich das Gesicht nicht verberge. Ich fürchte, er schaut mich mit dem Wunsche an, uns ein Leid zuzufügen.«

»Du bist ungerecht gegen Miantonimoh, mein Kind,« antwortete Ruth und warf ihr Auge schnell um sich, den Jüngling zu suchen, der bescheiden in einen fernen, dunkeln Winkel des Zimmers sich zurückgezogen hatte. »Ich ließ ihn als Deinen Beschützer bei Dir, und nicht, weil ich gewünscht, daß er Dich verletzen möge. Nun denke an Deinen Gott, Kind,« fuhr sie fort und drückte einen Kuß auf die marmorkalte Stirn ihrer Tochter; »vertraue seiner Güte. – Miantonimoh, ich gehe und überlasse Dir wieder das Amt, ihr Vertheidiger zu sein.« Mit diesen Worten schritt sie, ihre Tochter verlassend, auf den Jüngling zu.

258 »Mutter,« schrie das Mädchen, »komm zu mir, oder ich sterbe!«

Mit der Schnelligkeit des Instinkts wandte Ruth sich von dem ihr zuhörenden Gefangenen, und ein Blick reichte hin, ihr die ganze Gefahr zu zeigen, in welcher ihr Kind schwebte. Ein nackter Wilder, finster, von mächtiger Gestalt und furchtbar anzusehen in der grauenerregenden, durch Farben hervorgebrachten Entstellung eines indianischen Kriegers, stand vor dem Kinde und wandte das seidene Haar des Mädchens um die eine Hand, während er schon die funkelnde Streitaxt über das Haupt schwang, das unvermeidlich dem Tode geweiht schien.

»Gnade! o Gnade!« schrie Ruth heiser vor Entsetzen und fiel auf ihre Kniee, eben so sehr aus Unvermögen, zu stehen, als in der Absicht, ihre Bitte eindringender zu machen. »Ungeheuer, tödte mich, doch schone das Kind!«

Die Augen des Indianers fuhren über die Gestalt der Sprechenden hin; aber es geschah dies mit einem Ausdruck, der eher die Anzahl seiner Opfer zu zählen schien, als daß er eine Aenderung in seinem Plane angedeutet. Mit einer teuflischen Kaltblütigkeit, welche viele Erfahrung in diesem erbarmungslosen Geschäfte verrieth, schwang er nochmals das zitternde, aber sprachlose Kind in die Luft und schickte sich an, die Waffe mit einer entsetzlichen Sicherheit nach ihrem Ziele zu richten. Schon hatte der Tomahawk den letzten Kreis beschrieben, und ein Augenblick würde das Schicksal des Opfers entschieden haben, als der gefangene Jüngling vor dem furchtbaren Krieger, der schreckhaften Hauptperson in diesem empörenden Auftritt, mit einem Male, wie der Erde entstiegen da stand. Durch eine schnelle, vorwärts gerichtete Bewegung 259 seines Armes wurde der Schlag aufgehalten; der tiefe Kehlton, ein Ausruf, der das Staunen eines Indianers verräth, brach aus der Brust des Wilden hervor, während seine Hand an seine Seite fiel und die bis jetzt schwebend gehaltene Gestalt des Kindes nochmals vergönnte, den Boden zu berühren. Der Blick und die Geberde, mit welcher der Jüngling dazwischen getreten, drückte eher Ansehen und Macht, als Unwille und Abscheu aus. Sein Aeußeres war ruhig, gesammelt, und, wie aus der Wirkung hervorging, Gehorsam erzwingend, wenn nicht Ehrfurcht einflößend.

»Geh,« sagte er in der Sprache des unzähmbaren Volkes, von dem er abstammte, »die Krieger der blassen Leute rufen Dich bei'm Namen!«

»Der Schnee ist roth vom Blut unserer jungen Streiter,« antwortete der Andere grimmig, »und noch hängt kein Schädel an dem Gürtel der Unsrigen.«

»Diese sind mein,« entgegnete der Jüngling mit Würde und reckte den Arm, während er sprach, auf eine Weise aus, welche zeigte, daß er seinen Schutz auf alle Gegenwärtige ausdehnte.

Der Krieger schaute voll Grimm um sich, so, als sei er nur halb überzeugt. Er hatte sich zu furchtbarer Gefahr ausgesetzt, indem er innerhalb der Befestigungen sich eingeschlichen, um leicht von seinem Vorhaben abgebracht werden zu können.

»Horch!« fuhr er nach kurzer Pause fort, in der das Geschütz des Puritaners nochmals in den Aufruhr der Schlacht draußen herabgebrüllt hatte, »horch, der Donner ist mit den Yengihs! Unsere Weiber würden einen andern Weg sehen, und uns Pequod's schimpfen, fänden sich keine Häute an unserem Gürtel.«

260 Einen einzigen Augenblick nur veränderte sich die Gesichtsfarbe des Jünglings und sein Entschluß schien zu wanken. Der Andere, der seine Augen mit verlangender Gier beobachtet hatte, ergriff nochmals sein Opfer bei den Haaren, da schrie Ruth in dem Tone der Verzweiflung:

»Knabe! Knabe! wenn Du nicht mit uns bist, so hat Gott uns verlassen!«

»Sie ist mein,« ertönte es nochmals stolz auf den Lippen des Jünglings. »Höre auf meine Worte, Wompahwisset; das Blut meines Vaters fließt sehr heiß in mir!«

Der Andere hielt inne, und abermals unterblieb der Todesstreich. Die starrenden Augen des Wilden blieben fest auf die stolze Gestalt und das ernste Antlitz des jungen Helden gerichtet, dessen aufgehobene Hand unverzügliche Strafe zu drohen schien, wenn er wagte, seine Vermittelung nicht zu achten. Die Lippen des Kriegers öffneten sich, und das Wort Miantanimoh ward so sanft und leise ausgesprochen, als wenn es in ihm ein Gefühl des Kummers erregte. Dann als ein plötzlicher Ausbruch von Geschrei das Flammengetöse übertäubte, ließ der wilde Indianer das zitternde und fast bewußtlose Kind fahren, kehrte um und sprang davon, gleich einem Bluthunde, den man auf eine frische Blutspur losgelassen.

»Knabe! o Knabe!« stammelte die Mutter, »sei Du Heide oder Christ, es gibt Einen, der Dich einst segnen wird.«

Mit schneller Bewegung der Hand unterbrach er den Ausdruck ihres Dankes, wies auf die Gestalt des sich entfernenden Wilden und führte dann einen Finger um sein eigenes Haupt. Schon dieses Zeichen war deutlich genug, allein 261 unerschüttert und mit dem ernsten Nachdruck eines Indianers sprach er dabei die entsetzlichen Worte aus:

»Das junge Blaßgesicht hat einen Schädel!«

Ruth hörte nicht mehr. Mit instinktmäßiger Schnelligkeit, jedes Gefühl ihrer Seele fast bist zum Wahnsinn gesteigert, stürzte sie hinab, um ihren Marcus vor der Hinterlist eines so furchtbaren und überlegenen Feindes zu warnen. Ihr Schritt wurde nur noch einen Augenblick in den leeren Zimmern vernommen, dann nahm der Indianerjüngling, dessen Standhaftigkeit und Ansehen sich eben so augenscheinlich zu Gunsten der Kinder erwiesen hatte, seine nachdenkende Stellung wieder ein, ganz so ruhig, als wenn er gar nicht weiter Theil an den furchtbaren Begebenheiten der Nacht nehme.

Die Lage der Besatzung war jetzt in der That im höchsten Grade schwierig. Ein Feuerstrom hatte sich von dem vordern Ende der Außengebäude bis zu dem den Vertheidigungswerken zunächst stehenden fortgewälzt, und da ein Gebäude nach dem andern unter seiner wilden Kraft dahinsank, wurden die Pallisaden fast bis zum Entzünden erhitzt. Der durch diese drohende Gefahr hervorgebrachte Schreckensruf war schon ergangen, und als Ruth in den Hof hinaustrat, wollte eben eine der Mägde, dem Anschein nach mit einer Botschaft von der größten Wichtigkeit an ihr vorüber eilen.

»Hast Du ihn gesehen?« fragte die athemlose Mutter und hielt die Schritte des schnell hineilenden Mädchens auf.

»Nicht, seit die Wilden ihren letzten Angriff machten; aber ich stehe dafür, man wird ihn an den westlichen Schießlöchern finden, wo er die Vertheidigungswerke gegen den Feind schützt!«

»Er wird sich doch nicht in die vordersten Reihen der 262 Streiter gewagt haben! Von wem sprichst Du, Fidel? Ich frage Dich nach Marcus. Es wüthet selbst jetzt noch ein Indianer innerhalb der Pallisaden herum und sucht ein Opfer.«

»Ich hatte wirklich geglaubt, Sie fragten nach . . . . der Knabe ist bei seinem Vater und dem fremden Krieger, der so tapfere Taten für uns vollbringt. Ich habe keinen Feind innerhalb der Pallisaden gesehen, Madame Heathcote, seitdem jener Mann sich herein geschlichen hat, der, von den Mächten der Finsterniß begünstigt, dem Schuß von Eben Dudley's Muskete entging.«

»Sollte dies Unglück doch noch an uns vorübergehen?« begann Ruth wieder und athmete freier, da sie nun wußte, daß ihr Sohn unversehrt war, »oder verhüllt noch die Vorsehung ihr Antlitz im Zorne?«

»Wir behaupten noch unsere Stellung, obgleich die Wilden unsern jungen Männern auf's Aeußerste zugesetzt haben. O, es erfreute das Herz, es mit anzusehen, welchen tapferen Stand Ruben Ring und Andere in seiner Nähe für unsere Sicherheit hielten. Ich glaube wirklich, Madame Heathcote, daß bei alle dem wahre Männlichkeit in dem Schwätzer Dudley ist. In der That, der Junge hat Wunder der Tapferkeit gethan, als er sich beim Angriffe der Wilden der größten Gefahr aussetzte. Zwanzigmal schon glaubte ich diese Nacht, er würde getödtet werden.«

»Und der dort liegt?« sprach die entsetzte Ruth mit halb erstickter Stimme, indem sie auf eine Stelle in ihrer Nähe hindeutete, wo abseits von den kriegerischen Bewegungen Derer, die noch im lärmenden Kampfe begriffen waren, einer auf dem Boden hingestreckt lag; »wer ist gefallen?«

263 Fidel's Wange erbleichte zu einer Weiße, die fast der der Leinwand gleich kam, welche selbst in dem Wirrwarr eines solchen Auftritts irgend eine freundliche Hand noch Zeit gefunden hatte in gebührender Betrübniß über die Gestalt hinzuwerfen.

»Der!« sagte das erbebende Mädchen, »obgleich verletzt und blutend, behauptet doch mein Bruder Ruben sicher immer noch das Schießloch an dem westlichen Winkel; auch fehlte es Whittal nicht an dem nöthigen Verstande, um sich vor der Gefahr zu hüten. – Auch der Fremde kann es nicht sein; denn im Schutze der Brustwehr an der Pforte hält er Rath mit dem jungen Capitain.«

»Bist Du dessen gewiß, Mädchen?«

»Ich sah sie Beide vor einem Augenblick. Wollte Gott, wir könnten das Geschrei des lärmenden Dudley vernehmen. Madame Heathcote; sein Geschrei ermuthigt in einem Augenblicke, furchtbar wie dieser, das Herz.«

»Hebe das Tuch auf,« sagte Ruth gelassen und feierlich; »damit wir erfahren, welcher von unseren Freunden zu der großen Rechenschaft abberufen worden ist.«

Fidel zögerte, und als mit einer mächtigen Anstrengung, wobei eine geheime Neugierde so großen Einfluß hatte, als ihr Gehorsam, sie endlich folgte, geschah es mit einer Art verzweifelter Entschlossenheit. Als sie die Leinwand aufgehoben, sahen die beiden weiblichen Wesen auf das blasse Antlitz eines Mannes, den ein Pfeil mit einer Eisenspitze durchbohrt hatte. Das Mädchen ließ das Tuch wieder fallen, und rief mit einer Stimme, die, gleich dem Ausbruch eines überwältigenden Gefühls, sich aus ihr emporarbeitete:

»Es ist Niemand weiter, als der Jüngling, der vor noch 264 nicht langer Zeit zu uns gekommen ist. Wir haben also wenigstens keinen unserer älteren Freunde verloren.«

»Es ist Einer, der für unsere Sicherheit gestorben. Viel von den Gütern dieser Welt wollte ich darum geben, wenn uns dieser Todesfall nicht zugestoßen, oder wenn man ihm mehr Zeit zu der letzten furchtbaren Abrechnung gelassen. Aber wir dürfen die Zeit nicht mit Trauern verlieren. Beeile Dich, Mädchen, und gib den Lärmruf, daß ein Wilder innerhalb unserer Wälle herumspäht, und daß er uns im Geheim einen Streich zu versetzen strebt. Heiße alle vorsichtig sein. Wenn der junge Marcus Dir in den Weg kommen sollte, dann schärfe ihm das Dasein von Gefahr mehr als einmal ein. Das Kind hat einen vorwitzigen Sinn, und könnte vielleicht auf zu flüchtig gesprochene Worte nicht hören.«

Mit diesem Auftrag verließ Ruth ihre Magd, und während diese forteilte, um die nöthige Warnung zu ertheilen, suchte die Andere die Stelle auf, wie sie, nach der eben eingezogenen Erkundigung, Grund hatte zu glauben, daß ihr Gatte sich dort befinde.

Contentius und der Fremde waren zu einer Berathung zusammengetreten, welche die Gefahr zum Gegenstande hatte, die ihre wichtigsten Vertheidigungsmittel mit Vernichtung bedrohte. Die Wilden selbst schienen einzusehen, daß die Flammen für sie arbeiteten, denn ihre Anstrengungen ließen merklich nach, und da sie schon zu sehr gelitten hatten, als sie versuchten, die Besatzung zu überwältigen, hatten sie sich jetzt in ihre verdeckten Plätze zurückgezogen, wo sie den Augenblick abwarteten, der ihnen sagen würde, daß ihr verschmitzter Anschlag gediehen sei; und daß sie sich mit größeren Aussichten 265 auf Erfolg wieder zu einem neuen Angriff zusammenziehen könnten. Einige kurze Erklärungen reichten hin, Ruth mit der drohenden Gefahr ihrer Lage bekannt zu machen. Das Gefühl größerer Schrecken ließ sie vergessen, weshalb sie eigentlich gekommen war, und mit getrübten, sorgenvollem Augen stand sie, wie ihre Gefährten, in ohnmächtiger Hülflosigkeit da, eine halb träumende Zuschauerin des Fortgangs der Verheerung.

»Ein Soldat sollte nicht in unnützen Klagen viele Worte verlieren,« bemerkte der Fremde, und faltete die Hände, als sähe er ein, menschliche Anstrengungen vermöchten jetzt nichts mehr; »sonst würde ich sagen, es sei zu bedauern, daß der, welcher diese Pallisadenreihen zog, nicht an die Vortheile gedacht hat, die ein Graben gewährt.«

»Ich will die Mägde an die Brunnen rufen,« sagte Ruth.

»Das wird uns nichts helfen. Die Pfeile würden sie dort erreichen, und kann kein Sterblicher lange die Hitze jenes Brandes aushalten. Du siehst, die Balken rauchen und schwärzen sich schon unter den mächtigen Einflüssen des Brandes.«

Noch sprach der Fremde, als eine kleine zitternde Flamme an den Winkeln der Pallisaden, die dem brennenden Gebäude zu nächst standen, zu spielen begann. Das mächtige Element fluthete nun in einer wogenden Linie längst den Spitzen des erhitzten Holzes hin, worauf es sich über die ganze Fläche der Balkenmasse ausdehnte, von ihrem breiteren Untertheile an bis zu dem zugespitzten Ende. Als wenn dies nur ein Zeichen zu der allgemeinen Verheerung gewesen, entzündeten sich jetzt die Flammen an fünfzig Stellen in demselben 266 Augenblicke, und dann war die ganze, dem Brand am nächsten stehende Linie des Pfahlwerks von Feuer bedeckt. Ein Triumphgeheul erhob sich in den Feldern, und ein Schauer von Pfeilen, der wild auf die Vertheidigungswerke herabhagelte, verkündete die wilde Ungeduld Derjenigen, welche auf die Verbreitung und das Wachsthum der Feuersbrunst warteten.

»Wir werden zu unserm Blockhaus getrieben werden,« sagte Contentius. »Versammle Deine Mägde, Ruth, und treffe eilig Vorkehrungen zu unserem letzten Rückzug!«

»Ich gehe; aber wage nicht Dein Leben in einem eiteln Versuch, den Fortgang der Flammen zu hemmen. Noch ist hinlänglich Zeit zu Allem, was wir zu unserer Sicherheit bedürfen.«

»Das ist nicht so ganz ausgemacht,« bemerkte plötzlich der Fremde mit einiger Unruhe. »Hier zeigt sich der Angriff in einer neuen Gestalt!«

Ruth blieb versteinert stehen. Als sie aufwärts blickte, sah sie den Gegenstand, der den Unbekannten zu dieser Bemerkung veranlaßt hatte. Ein kleiner glänzender Feuerball hatte sich von den Feldern aus erhoben und flog, einen Bogen in der Luft beschreibend, über ihre Häupter hin, bis er auf die Dachschindeln eines Gebäudes fiel, welches einen Theil des im innern Hofraume befindlichen Vierecks bildete. Seine Bewegung war die eines Pfeils, der von einem fernen Bogen abgeschossen worden, und sein Flug wurde von einem langen Lichtschweif bezeichnet, der, gleich einem sprühenden Meteor, seinem Lauf folgte. Dieser brennende Pfeil war mit kalter, geübter Genauigkeit abgesandt worden. Er leuchtete auf einem Theil der brennbaren Dachbekleidung, die fast so entzündlich war, als Schießpulver, und kaum war es dem 267 Auge gelungen, ihn bis zu seinem Fall zu verfolgen, als man schon die glänzenden Flammen sich durch das erhitzte Dach durchstehlen sah.

»Noch einen Kampf um unsern Heerd!« schrie Contentius, aber die Hand des Fremden lag fest auf seiner Schulter. In diesem Augenblick schossen ein Dutzend ähnlicher, meteorgleicher Bälle in die Luft empor, und fielen auf eben so viele verschiedene Stellen in den schon halb entzündeten Schindeln herab. Fernere Anstrengungen würden vergeblich gewesen sein. Alle Hoffnung aufgebend, ihr Eigenthum zu retten, richteten sie nun alle ihre Gedanken auf die persönliche Sicherheit.

Ruth erholte sich von ihrer kurzen Betäubung und eilte mit beschleunigten Schritten, um ihre wohlbekannten Pflichten zu erfüllen. Jetzt folgten einige Augenblicke voll angestrengter Arbeit, in denen die Mägde Alles, was zu ihrem Unterhalt nöthig war, und womit man das Blockhaus noch nicht versehen hatte, in diese ihre kleine Citadelle brachten. Das glühende Licht, das die finstersten Wege in den Gebäuden durchdrang, verhinderte, daß diese Bewegung unbemerkt von Statten ging. Das Kampfgeschrei rief ihre Feinde zu einem neuen Angriff, die Pfeile verfinsterten die Luft und dies wichtige Geschäft ward nicht ohne Gefahr zu Stande gebracht, da Alle gewissermaßen genöthigt waren, ihre Personen, wenn sie mit den Bedürfnissen beladen ab und zu gingen, den Geschossen und Gefahren bloszustellen. Der sich aufthürmende Rauch diente indeß gleichsam zu einem Schirm, und es dauerte nicht lange, so erhielt Contentius die willkommene Nachricht, er könne seiner Mannschaft den Befehl zum Rückzug von den Pallisaden geben. Aus der Muschel 268 ertönte das gewohnte Signal, und ehe der Feind Zeit hatte, seine Bedeutung zu bemerken, oder sich den vertheidigungslosen Zustand der Werke zu Nutze zu machen, hatte schon jeder Einzelne in ihrem Bezirk sicher die Thüre des Blockhauses erreicht. Doch herrschte dabei mehr Uebereilung und Verwirrung, als überhaupt nur für ihre Sicherheit zuträglich war. Die jedoch, denen dieses Geschäft aufgetragen worden, stiegen eifrigst zu den Schießlöchern hinauf, und standen da bereit, ihr Feuer auf alle Diejenigen herabzudonnern, die es wagen würden, in ihren Bereich zu kommen, während einige Andere noch im Hofe zögerten, um Acht zu haben, daß kein nothwendiges Stück, Nichts, was zum Widerstand und zu ihrer Sicherheit erforderlich war, vergessen würde. Ruth, die bisher in den Vorderreihen der Beschäftigten gewesen, stand jetzt die Hand an die Schläfe drückend, als wollte sie sich auf diese Weise die Besinnung zurückrufen.

»Unser gefallener Freund!« sagte sie; »sollen wir seine Ueberreste da liegen lassen, daß die Wilden sie verstümmeln?«

»Nein, gewiß nicht; Dudley komm' und hilf. Wir wollen den Leichnam in die untere – ha! der Tod hat noch einen der Unsrigen getroffen.«

Die Unruhe, womit Contentius diese Entdeckung machte, theilte sich schnell Allen, die im Bereich seiner Stimme standen, mit; es war nach der Gestalt und Lage der Leinwand nur zu augenscheinlich, daß zwei Leichen unter ihren Falten sich befanden. Aengstliche, schnelle Blicke begegneten sich, flogen von Antlitz zu Antlitz, um zu erfahren, wen man vermisse, und dann, im Gefühl der Gefahr alles weitern Aufschubs, hob Contentius die Leinwand auf, um alle Zweifel durch die Gewißheit zu entfernen. Die Gestalt des jungen 269 Grenzmannes, von dem man schon wußte, daß er gefallen, ward zuerst langsam und feierlich aufgedeckt, aber auch der Gefaßteste unter den Zuschauern bebte entsetzt zurück, als sein beraubtes, blutiges Haupt verrieth, daß die Hand eines Wilden ihr erbarmungsloses Geschäft an der widerstandslosen Leiche verübt hatte.

»Der Andere!« brachte Ruth mit Mühe hervor, und erst als ihr Gatte das Linnen halb weggenommen, gelang es ihr, das Uebrige auszusprechen: »Hüte! wahre Dich vor dem Andern!«

Dieser Warnungsruf war nicht unnöthig, denn die Leinwand bewegte sich heftig, als Contentius sie mit der Hand berührte, und ein grimmigblickender Indianer sprang gerade in die Mitte der erstaunten Gruppe. Indem er mit dem bewaffneten Arm weit um sich fuhr, brach der Wilde durch den zurückweichenden Kreis und das schreckhafte Kriegsgeschrei seines Stammes ausstoßend, sprang er in die offene Thür des Hauptgebäudes und zwar mit solcher Schnelligkeit, daß dadurch jede beabsichtigte Verfolgung ganz und gar unmöglich gemacht wurde. Wie im Wahnsinn, breitete Ruth die Arme nach der Stelle aus, wo er verschwunden, und sie wollte eben in dieser bis zur Raserei gesteigerten Erregung seinen Schritten folgen, als die Hand ihres Gatten alle ihre weiteren Bewegungen verhinderte.

»Willst Du Dein Leben wagen, um irgend Etwas von dem werthlosen Tand zu retten?«

»Mann, laß mich,« entgegnete die Frau, fast erstickt von ihrem Seelenkampfe; »die natürlichsten Gefühle haben in mir geschlummert!«

»Furcht raubt Dir den Verstand!«

270 Ruth's Gliedmaßen sträubten sich nun nicht mehr. All' der Wahnsinn, der wild aus ihren Augen geglüht hatte, verschwand in dem festen Blick einer fast unnatürlichen Ruhe. Sie nahm alle ihre Geisteskraft zu einer verzweifelten Anstrengung von Selbstbeherrschung zusammen und wandte sich gegen ihren Gatten, und während ihre Brust von dem Schreck sich erhob, der ihren Athem ersticken zu wollen schien, sagte sie mit einer Stimme, deren Ruhe schaudernd machte:

»Wenn Du ein Vaterherz hast, so laß mich los! Unsere Kinder sind vergessen worden!«

Contentius Hand befreite sie, und im nächsten Augenblick verschwand die Gestalt seines Weibes dem Blick und flog der Richtung zu, welche der in seinen bösen Planen glückliche Wilde eben eingeschlagen hatte. Dies war der verhängnißvolle Augenblick, welchen der Feind sich ersehen, um seine Vortheile zu verfolgen. Ein wilder Ausbruch von Geschrei und Geheul verkündete den Eifer und die Bemühungen der Wilden, und eine allgemeine Entladung der Musketen aus den Schießlöchern des Blockhauses setzte die noch im Hofraume Stehenden hinlänglich in Kenntniß, daß der Angriff des Feindes jetzt bis in das Herz der Befestigungen gedrungen sei. Alle waren hinaufgestiegen, die Wenigen ausgenommen, welche noch zurückgeblieben waren, um dem Todten die letzte trauervolle Pflicht zu erweisen. Ihrer waren zu Wenige, um Widerstand rathsam zu machen, und doch wieder zu Viele, um dem Gedanken Raum zu geben, die verzweifelnde Mutter und ihre Kinder, ohne einen Rettungsversuch, aufzugeben und zu verlassen.

»Tretet ein,« sagte Contentius und wies nach der Thür 271 des Blockhauses hin, »es ist meine Pflicht, das Loos Derer zu theilen, die mir am nächsten stehen.«

Der Fremde antwortete nicht. Seine gewaltigen Hände auf den betäubten Gatten und Vater legend, schleuderte er denselben unwiderstehlich in den untern Raum des Blockhauses, und dann winkte er mit schneller Geberde allen Uebrigen, denselben Weg zu nehmen. Nachdem der Letzte eingetreten, hieß er durch Riegel und Schlösser die Thür verwahren, und blieb selbst allein, wie er glaubte, außen. Aber als er durch einen schnellen Blick bemerkte, daß noch ein Anderer in seiner Nähe sei, der mit stumpfem Staunen auf die Züge des Getödteten hinstarrte, war es schon zu spät, den Irrthum wieder gut zu machen. Jetzt hörte man ein furchtbares Geheul aus dem schwarzen Rauch sich erheben, der in großen Massen aus den heißen Gebäuden strömte, und es war sonach augenscheinlich, daß sie nur durch wenige Schritte von ihren Verfolgern getrennt waren. Er winkte dem Manne, der mit ihm aus dem Blockhause ausgeschlossen worden, ihm zu folgen, und dann stürzte der ernste Soldat in das Gebäude, das bis jetzt nur noch wenig vom Feuer beschädigt worden. Mehr vom Zufall, als durch eine Vertrautheit mit den Gängen des Hauses geleitet, sah er sich bald in den Gemächern; da aber war er in Verlegenheit, wohin er sich wenden sollte. In diesem Augenblick nahm sein Gefährte, der Niemand anders als Whittal Ring war, die Führung, und gleich darauf befanden sie sich an der Thür des verborgenen Zimmers.

»Still,« begann der Fremde und erhob die eine Hand, um Stillschweigen zu gebieten, während er zu gleicher Zeit in das Zimmer trat. »Unsere ganze Hoffnung beruht auf unserer Verborgenheit!«

272 »Und wie mögen wir entkommen, ohne entdeckt zu werden?« fragte die Mutter, und deutete um sich auf die Gegenstände, die alle von einem Lichte beleuchtet wurden, das so mächtig strahlte, daß es jeden Ritz in dem schlecht gebauten Hause enthüllte. »Die Mittagssonne ist kaum glänzender, als dieses furchtbare Feuer.«

»Gott ist in den Elementen! Seine leitende Hand wird den Weg zeigen. Aber hier dürfen wir nicht länger zaudern, denn die Flammen sind schon auf den Schindeln. Folgt mir, ohne zu sprechen.«

Ruth drückte ihre Kinder an sich, und so verließen sie zusammen das Dachzimmer. Ihr Weg hinab in ein unteres Gemach ward schnell und unentdeckt bewerkstelligt, aber dann stand ihr Führer still, denn die Lage der Dinge außen war so, daß sie den äußersten Grad von Unerschrockenheit und Umsicht erheischte.

Die Indianer hatten um diese Zeit alle Gebäude des Marcus Heathcote in Besitz, nur das Blockhaus ausgenommen, und da das Erste, was sie thaten, immer gewesen war, dort den Brand zu verbreiten, wo er etwa noch nicht hingedrungen sein mochte, so hörte man jetzt das Prasseln des Brandes in jeder Richtung. Das Entladen der Musketen und das Kriegsgeschrei der Kämpfenden verrieth jedoch immer noch, während es das gräuelhafte Getöse eines solchen Auftritts vermehrte, daß der Entschluß Derjenigen, die die Citadelle behaupteten, unwandelbar und ungebrochen sei. Ein Fenster in dem Zimmer, welches sie inne hatten, setzte den Fremden in den Stand, vorsichtig einen Ueberblick über alles das zu gewinnen, was draußen vorging. Der bis zur Klarheit des Tags erleuchtete Hof war leer, denn sowohl die 273 immer stärker werdende Gluth, als das Feuer aus den Schußlöchern des Blockhauses hielten immer noch die vorsichtigen Wilden in ihrem Versteck. Es zeigte sich kaum Hoffnung, daß man den Raum zwischen der Wohnung und dem Blockhause werde sicher und unverletzt überschreiten können.

»Ich wünschte, ich hätte anempfohlen, die Thüre des Blockhauses zum Aufmachen bereit zu halten,« brummte Traugott vor sich hin. »Es würde sicherer, unvermeidlicher Tod sein, einen Augenblick in jenem wilden Lichte und furchtbarer Hitze zu verweilen, und doch haben wir keine andere Mittel, keine andere Weise – –«

Eine Hand legte sich auf seinen Arm, und als der Sprechende sich umwandte, gewahrte er das schwarze Auge des gefangenen Jünglings, welches ihm fest in's Antlitz blickte.

»Willst Du es thun?« fragte der Andere auf eine Weise, welche verrieth, daß er zweifelte, während er hoffte.

Eine sprechende, einwilligende Geberde war die Antwort, und dann sah man die Gestalt des Jünglings ruhig aus dem Zimmer hinausgleiten.

Im nächsten Augenblick erschien Miantonimoh im Hofe. Er schritt mit der Ueberlegung dahin, wie man sie nur in Augenblicken der höchsten Sicherheit und der größten Ruhe besitzen kann. Eine Hand wurde, gleichsam den Frieden anzudeuten, gegen die Schießlöcher erhoben, und dann, nachdem er sie wieder an seine Seite hatte zurückfallen lassen, trat er in demselben langsamen Schritt bis in den Mittelpunkt des freien Platzes vor. Hier blieb der Jüngling im vollsten Glanze der Feuersbrunst stehen, und wandte mit aller Ueberlegung sein Antlitz nach allen Seiten hin. Dies bewies, daß er von allen Augen erkannt zu werden wünsche. In diesem 274 Augenblick hörte das Geschrei in dem umliegenden Dickicht auf, wodurch sowohl das allgemeine Gefühl verrathen ward, das durch des Wilden Erscheinung erregt worden, als auch die Gefahr, der sich jeder Andere ausgesetzt hätte, wenn er sich so in jenem furchtbaren Auftritt blosgestellt. Als dieser Akt seltnen, hohen Vertrauens beendet war, trat der Jüngling dem Eingang des Blockhauses einen Schritt näher.

»Kommst Du in Frieden, oder ist dies wieder eine Erfindung indianischer Verrätherei?« fragte eine Stimme durch eine Oeffnung in der Thür, die ganz besonders zu den Zwecken der Unterredung darin gelassen worden.

Der Jüngling erhob die eine flach ausgereckte Hand nach dem Sprechenden zu, während er die andere still betheuernd auf die nackte Brust legte.

»Hast Du ein Anerbieten zu Gunsten meines Weibes und meiner Kinder zu machen? Wenn Gold sie auslösen kann, so nenne den Preis!«

Miantonimoh fand es nicht schwer, den Sinn des Andern zu begreifen. Mit der Schnelligkeit eines Mannes, dessen Geisteskräfte frühzeitig in Erfindungen für alle Bedürfnisse und schwierige Fälle geübt worden, machte er eine Geberde, die selbst noch mehr sagte, als seine gewöhnliche Bildersprache, mit der er entgegnete:

»Kann ein Weib von den Blaßgesichtern durch's Holz dringen? Ein indianischer Pfeil ist schneller als der Fuß einer Mutter!«

»Knabe, ich vertraue Dir!« entgegnete die Stimme aus dem Schießloch. »Wenn Du so schwache und unschuldige Wesen hintergehest, so wird der Himmel Dein Unrecht nie vergessen und einstens gedenken.«

275 Miantonimoh machte nochmals ein Zeichen, um anzudeuten, daß man Vorsicht gebrauchen müsse, und zog sich dann mit eben so ruhigem, abgemessenen Schritt wieder zurück, als er vorgetreten war. Eine zweite Pause in dem Geschrei verrieth die Theilnahme Derer, deren stolze, wilde Augen in der Entfernung seine Bewegungen bewachten.

Als der junge Indianer wieder zu den Andern in der Wohnung zurückgekommen, führte er sie, ohne von der spähenden Bande beobachtet zu werden, die noch im Rauch um die umliegenden Wohnungen herumstreifte, an eine Stelle, von wo sie eine genaue Aussicht über ihren kurzen, aber gefährlichen Weg hatten. In diesem Augenblick öffnete sich die Thür des Blockhauses zur Hälfte und ward wieder geschlossen. Noch zögerte der Unbekannte, denn er sah, wie wenig wahrscheinlich die Aussicht war, daß Alle unverletzt über den Hof zu kommen vermöchten, und ihn zu wiederholten Malen zu durchschreiten, das war, wie er wußte, ein nicht zu wagender, vergeblicher Versuch.

»Knabe,« sagte er, »Du hast so viel gethan, Dir ist es daher auch möglich, noch mehr zu thun. Gib auf irgend eine Weise, die das Herz Deines Volkes rühre, die Bitte um Gnade für diese Kinder zu erkennen.«

Miantonimoh schüttelte den Kopf, und auf die grausam verstümmelte Leiche im Hofe hinzeigend, antwortete er kalt:

»Der rothe Mann hat Blut gekostet.«

»Dann muß der verzweifelte Versuch gemacht werden. Denke nicht an Deine Kinder, unglückliche, heldenmüthige Mutter, sondern habe nur auf Deine eigene Rettung und Sicherheit Acht. Dieser Blödsinnige und ich werden uns der Sorge für diese Unschuldigen unterziehen!«

276 Ruth machte mit der Hand eine ablehnende Geberde, und drückte ihre stumme zitternde Tochter auf eine Weise an ihre Brust, welche verrieth, daß ihr Entschluß gefaßt war. Der Fremde gab nach, und zu Whittal Ring gewandt, der ihm nahe stand, und dem Anschein nach eben so sehr mit stiller, unthätiger Bewunderung der sprühenden Feuermasse als mit Besorgnissen wegen seiner eigenen Gefahr beschäftigt war, – hieß er ihn, auf die Sicherheit des noch übrigen Kindes Acht haben. Er selbst nun vorantretend, war im Begriff, der fürchtenden Ruth solchen Schutz und Schirm zu bieten, wie es die Umstände mit sich brachten, als ein Fenster an der Rückseite des Hauses eingeschlagen wurde, ein Beweis, daß der Feind eindrang und hohe Gefahr vorhanden sei, in ihrer Flucht abgeschnitten zu werden. Keine Zeit war mehr zu verlieren, denn man sah jetzt, daß offenbar nur noch ein einziges Zimmer sie von ihren Feinden trennte. Der hochherzige Charakter der Ruth war erregt. Sie riß Martha aus Whittal Ring's Armen, und bemühte sich in verzweifelter Anstrengung, worin das Gefühl weit mehr, als sonst eine vernünftige Ueberlegung vorherrschte, die beiden Kinder in ihr Gewand einzuhüllen.

»Ich bin bei Euch!« flüsterte das bewegte Weib; »ruhig, ruhig, meine Lieblinge, die Mutter ist nahe!«

Der Fremde war auf ganz verschiedene Weise beschäftigt. Sobald er das Zertrümmern des Glases vernommen, war er in den Rücken der Fliehenden geeilt und rang mit dem so oft schon erwähnten Wilden, der einem Dutzend wüthender, schreiender Feinde zum Führer diente.

»In das Blockhaus!« schrie der unerschrockene Soldat; während er mit mächtigem Arm seinen Feind in dem Winkel 277 eines engen Durchgangs festhielt, und die Annäherung Derer, die ihm folgten, durch den Körper ihres Führers selbst verhinderte. »Um Dein Leben, um Deiner Kinder willen, Weib, schnell in das Blockhaus.«

Diese Aufforderungen schallten furchtbar in die Ohren der Ruth, aber in jenem Augenblicke der äußersten Gefahr verlor sie ihre Geistesgegenwart. Das Geschrei ward wiederholt, und erst dann riß die betäubte Mutter ihre Tochter vom Boden auf. Die Augen immer noch nach dem wilden Kampf in ihrem Rücken gerichtet, drückte sie das Kind an ihr Herz und floh, nachdem sie Whitthal Ring zugerufen zu folgen. Der Junge gehorchte, und noch hatten sie den Hofraum nicht halb durchschritten, so sah man den Fremden noch immer den Wilden gleich einem Schild zwischen sich und seine Feinde haltend, dieselbe Richtung zu nehmen bemüht. Den ganzen Umfang der Gefahr bewiesen das nun sich erhebende Kriegsgeschrei und der Pfeilregen von Seiten der Indianer, und die vollen Ladungen von Seiten der Besatzung. Aber die Furcht hatte Ruth's Gliedern eine mehr als natürliche Stärke und Kraft verliehen, und die pfeifenden Pfeile selbst fuhren kaum schneller durch die heiße Luft, als sie in die geöffnete Thüre des Blockhauses hineinschoß. Whittal Ring war weniger glücklich, als er über den Hof eilte, immer das seiner Sorgfalt anvertraute Kind in den Armen haltend, drang ihm ein Pfeil in's Fleisch. Gereizt durch den Schmerz, wandte sich der vernunftlose Junge im Zorne um, um die Hand aufzusuchen, die ihm diese Verletzung beigebracht hatte.

»Vorwärts, thörichter Knabe,« rief der Fremde, als er an ihm vorüberkam, während er sich immer noch einen Schild aus dem Körper des Wilden machte, der sich wie ein Wurm 278 bäumte und krümmte in der Riesenfaust. »Vorwärts, es gilt Dein Leben und das des Kindes!«

Der Ruf kam zu spät. Schon hatte ein Indianer die Hand auf dem unschuldigen Opfer, und im nächsten Augenblick hielt er es schwebend in der Luft, und schwang mit einem grellen, kurzen Schrei die Streitaxt über sein Haupt. Ein Schuß aus dem Blockhause streckte das Ungeheuer todt zu Boden; aber das Mädchen ward alsbald von einer zweiten Hand ergriffen, und als der Wilde mit seiner Beute unverletzt in die Wohnung schoß, erhob sich im Blockhause der allgemeine Ruf: »Miantonimoh!« Zwei andere Wilden benutzten die nun folgende Pause des Schreckens, legten Hand an den verwundeten Whittal und schleppten auch ihn in das brennende Gebäude. In demselben Augenblicke schleuderte der Fremde den nicht mehr sich sträubenden Wilden den Waffen seiner Gefährten entgegen, den blutenden und halb erwürgten Indianer trafen die Streiche, welche nach dem Leben des Soldaten gerichtet worden, und als er strauchelte und fiel, war sein kräftiger Besieger schon in's Blockhaus verschwunden. Die Thür der kleinen Citadelle ward alsbald geschlossen, so daß die Wilden, welche sich wüthend dem Eingang entgegenstürzten, das Vorschieben der Riegel hören konnten, welche die Grenzbewohner gegen ihren Angriff sicher stellten. Der Ruf zum Rückzug erscholl, und im nächsten Augenblick wurde der Hof im alleinigen Besitz der Todten gelassen. 279

 

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