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Die Beweinte von Wish-Ton-Wish

James Fenimore Cooper: Die Beweinte von Wish-Ton-Wish - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
authorVon J. F. Cooper
publisherRob. Henrich's Verlagshandlung
addressBerlin
titleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
pages660
created20110829
modified20140825
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Zwölftes Kapitel.

Nicht braucht, o Herr! ein Geist dem Grabe zu entsteigen,
Um dies uns zu verkünden.
Hamlet.          

Obgleich die Gemüther der meisten, wenn nicht aller Bewohner von Wish-Ton-Wish jene Nacht über durch den Glauben so mächtig aufgeregt worden, die Gewalten der unsichtbaren Welt würden gegen sie losgelassen, so hatte sich doch die Gefahr in einer zu sichtbaren, handgreiflichen Gestalt ihnen dargestellt, um ferneren Zweifel zuzulassen, und sie zu verkennen. Das Geschrei »der Heide!« war von jeder Lippe gedrungen; selbst die Tochter und das Pflegekind der Ruth wiederholten es, als sie ängstlich weinend die Gemächer durchliefen, und für einen Augenblick schien Schrecken und Ueberraschung die Angegriffenen in unendbare Verwirrung zu verwickeln. Indeß die Geschwindigkeit der jungen Leute, mit der sie zur Hülfe und Unterstützung eilten, zusammen mit der Festigkeit des Contentius, stellten bald die Ordnung wieder her. Selbst die Frauenzimmer nahmen wenigstens den Anschein von Standhaftigkeit an, da die Familie zu lang daran gewöhnt worden, den Erfordernissen und Nothwendigkeiten 221 eines solchen Vorfalls zu begegnen, um längere Zeit als während der ersten und furchtbarsten Augenblicke des Lärms gänzlich der Wachsamkeit und Geistesgegenwart sich zu entschlagen.

Die Wirkung des plötzlichen Begegnens und Zurückschlagens des Ueberfalls war so, wie alle Erfahrungen in ihren indianischen Feldzügen sie zu erwarten die Colonisten gelehrt hatten. Der Lärm des Angriffs hörte eben so plötzlich auf, als er sich erhoben hatte, und eine so tiefe Ruhe, eine so ungetrübte Stille folgte, daß Jemand, der zum ersten Mal Zeuge eines solchen Auftritts gewesen, ihn leicht für die Wirkungen einer wilden, furchtbaren Täuschung hätte halten mögen.

Während dieser Augenblicke eines allgemeinen, tiefen Schweigens, verließen die beiden Abenteurer, deren Rückzug wahrscheinlich durch die dargebotene Aussicht auf einen leichten Zugang in die Vertheidigungswerke den Angriff der Wilden beschleunigt hatte, den Schutz der Holzhaufen, und gingen den Hügel hinauf der Stelle zu, wo, wie Dudley wußte, Contentius im Fall eines Aufrufs zur Vertheidigung der Festungswerke aufgestellt war.

»Wenn mich nicht lange Erfahrungen und Betrachtungen über den Charakter und die Weise der heidnischen Arglist getäuscht haben,« sagte der Unbekannte, »so werden sie uns wahrscheinlich einige Zeit zur Ruhe vergönnen, ehe sie den Anfall erneuern. Die Erfahrung eines Kriegsmanns heißt mich jetzt bemerken, daß die Klugheit uns drängt, die Zahl und Stellung unserer Feinde auszumitteln, damit wir unsere Vertheidigung nach genauer Kenntniß ihrer Macht einrichten.«

222 »Auf welche Weise, und durch welche Mittel möchte dies geschehen können? Du siehst, uns umgibt nichts, als die Stille und Dunkelheit der Nacht. Von hier aus vermögen wir nichts über die Zahl unserer Feinde zu entdecken, und einen Ausfall dürfen wir nicht machen, wenn wir uns nicht Alle, die die Pallisaden verlassen, gewissem Untergang aussetzen wollen.«

»Du vergißt, daß wir eine Geisel in dem Knaben haben, er kann uns von einigem Vortheil sein, wenn wir unsere Gewalt über seine Person mit Klugheit gebrauchen.«

»Ich fürchte, wir täuschen uns mit einer Hoffnung, die eitel und vergeblich ist,« entgegnete Contentius, ging jedoch, während er noch sprach, voran, nach dem Hofe zu, welcher mit dem Hauptgebäude zusammenhing. »Ich habe genau das Auge des Knaben erforscht, seit er auf unerklärliche Weise in die Vertheidigungswerke gekommen, und ich finde darin wenig, was uns veranlassen könnte, Zutrauen zu erwarten. Es wird noch ein Glück für uns sein, wenn kein geheimes Einverständniß mit denen draußen ihm beim Hereinkommen behülflich gewesen ist, und er nicht einen Spion unsrer Macht und Bewegung abgibt.«

»Was sein Hereinkommen in die Wohnung betrifft, ohne in die Muschel zu blasen, oder durch die Pforte zu gehen, darüber beunruhige Dich nicht,« entgegnete der Fremde mit Fassung. »Wäre es passend, so könnte dies Geheimniß leicht aufgehellt und erklärt werden; aber es möchte in der That all unsern Scharfsinn aufzubieten nöthig sein, um zu entdecken, ob er in Verbindungen mit unsern Feinden stehe. Das Gemüth eines Wilden, eines Eingebornen der Wälder legt seine Geheimnisse nicht dar, gleich der Fläche eines eitelmachenden Spiegels.«

223 Der Fremde sprach, wie ein Mann, der einen Theil seiner Gedanken für sich behält, und sein Gefährte hörte auf eine Weise zu, als begriffe er mehr, als es schicklich und gerathen sein möchte, kund zu geben. Mit diesem geheimen und doch zweideutigen Verständniß der gegenseitigen Gesinnungen schritten sie zusammen in die Wohnung und fanden sich bald vor den Personen, die sie suchten.

Die beständige Gefahr ihrer Lage hatte die Familie gezwungen, die Gewohnheit einer methodischen, streng geregelten Ordnung in den Vertheidigungsmaßregeln anzunehmen. Den allerschwächsten Kräften und dem jugendlichsten Muthe waren für den Fall eines Lärmrufs bestimmte Pflichten angewiesen; und schon während der Augenblicke, die dem Erscheinen ihres Gatten vorangingen, hatte sich Ruth bemüht, ihren weiblichen Untergebenen die verschiedenen Aufträge zu ertheilen, welche Gewohnheit und mehr noch die drängende Gefahr der Zeit so gebieterisch zu erheischen schien.

»Eile, Charitas, nach dem Blockhause hin,« sagte sie, »und sieh' nach der Beschaffenheit der Wassereimer und Leitern, damit wenn die Heiden uns in diesen Zufluchtsort treiben sollten, in unserer Noth uns nicht Vorrath an Wasser und die Mittel uns in die Höhe zu flüchten fehlen mögen; und Du, Fidel, gehe eiligst in die oberen Gemächer, und sorge, daß kein Licht die verrätherischen Geschosse der Wilden in eine der Stuben lenke. Ist der Pfeil erst vom Bogen, die Kugel aus dem Lauf, so kommen Gedanken zu spät. Und jetzt, da der erste Angriff vorüber ist, Marcus, und wir hoffen dürfen, der List des Feindes durch einige Klugheit von unserer Seite zu begegnen, magst Du hinaus zu Deinem Vater gehen. Wir hätten die Vorsehung zu kühn versucht, wärst Du 224 ungeheißen und unbelehrt in das erste gefährliche Gedränge hinausgestürzt. Komm hierher, mein Kind, und nimm den Segen und das Gebet Deiner Mutter mit Dir, dann magst Du mit größerem Vertrauen auf die Vorsehung Deine jungen Kräfte mit denen der Streiter vereinen und auf Sieg hoffen. Erinnere Dich, daß Du jetzt in einem Alter bist, wo Du Deinem Namen, Deiner Geburt Ehre machen mußt, und doch zählst Du noch zu wenig Jahre, um in einer Nacht, wie dieser, den Wortführer abzugeben, und weit weniger noch in den vordersten Reihen zu kämpfen.«

Eine augenblickliche Röthe, die nur dazu diente, die darauf folgende Blässe bemerkbarer zu machen, strich über das Antlitz der Mutter hin. Sie beugte sich und drückte einen Kuß auf die Stirn des ungeduldigen Knaben, der kaum wartete, dieses Zeichen der Zärtlichkeit zu empfangen, und dann forteilte, sich in die Reihen der Vertheidiger seiner Mutter zu stellen.

»Und jetzt,« fuhr Ruth, das Auge langsam von der Thür, durch welche der Knabe verschwunden war, abwendend mit einer Art erzwungener Gelassenheit zu sprechen fort, »jetzt wollen wir auf die Sicherheit Derer unsere Aufmerksamkeit richten, die nur wenig Dienste leisten können, es sei denn als Schildwachen, um Lärm zu machen. Wenn Du Dich überzeugt hast, Fidel, daß in den oberen Zimmern kein Licht aus Versehen gelassen ist, so bringe die Kinder in das geheime Gemach, von da mögen sie auf die Felder herabblicken, ohne sich der geringsten Gefahr auszusetzen, daß die Wilden auf sie ihre Geschosse richten. Du weißt, meine Ruth, was ich in dieser Beziehung so oft wiederholt habe, laß kein Getöse von Kriegslärm, kein furchtbares Geschrei des Volkes außen 225 Dich bewegen, den Ort zu verlassen, denn dort bist Du sicherer, als im Blockhause, gegen welches ohne Zweifel wegen seines Anscheins von Stärke und Festigkeit viele Geschosse hingerichtet werden. Sollten wir uns aber dennoch gezwungen sehen, dort unsere Sicherheit zu suchen, so werde ich es Dir schon zur rechten Zeit sagen lassen. Komme also ja nicht herunter, bis Du an der Seite, welche den Strom überragt, den Feind die Pallisaden ersteigen siehst, denn an jenem Punkt haben wir die wenigsten Augen, ihre Bewegungen zu überwachen. Erinnere Dich, daß an der Seite der Außengebäuden und der Felder unsere Streitmacht hauptsächlich aufgestellt ist; deßwegen kann dort weniger Grund für Dich vorhanden sein, Dein Leben den Pfeilen auszusetzen, indem Du Dich zu neugierig zu sehen bemühst, was in den Feldern vorgeht. Geht, meine Kinder, die himmlische Vorsehung sei Euer Beistand.«

Ruth beugte sich nieder, die dargebotene Wange ihrer Tochter zu küssen. Sie umarmte dann auch das andere Kind, welches in der That ihrem Herzen kaum weniger nahe stand, da es die Waise einer Mutter war, welche sie wie eine Schwester geliebt hatte. Aber unähnlich dem Kusse, den sie auf Marcus Stirne gedrückt, waren die gegenwärtigen Umarmungen flüchtiger und die Rührung dabei minder heftig. Den Knaben hatte sie einer offenbaren und bestimmten Gefahr entgegengeschickt; die beiden Mädchen aber wurden an einen Ort gebracht, wo sie von einigem Nutzen sein konnten, und dennoch, so lange der Feind nicht in die Festungswerke eindrang, weniger gefährdet waren, als in der Citadelle selbst. Tiefe mütterliche Zärtlichkeit ließ sich jedoch nicht unterdrücken, und wie die Tochter sich entfernen wollte, so gab die Mutter dem 226 mächtigen Gefühle nach, rief ihr Kind noch einmal zu sich und sagte feierlich:

»Du wirst das Gebet um besondern Schutz gegen die Gefahren der Wildniß wiederholen, und in Deinen Bitten nicht verfehlen, Dessen zu gedenken, dem Du Dein Dasein verdankst, und der jetzt zu unserer Rettung sein Leben allen Gefahren aussetzt. Du kennst den Fels der Christen, auf diesen Grund baue Deinen Glauben!«

»Und die, welche uns tödten wollen,« fragte das wohlunterrichtete Mädchen, »gehören auch sie zu der Anzahl Derjenigen, für welche er starb?«

»Das kann nicht bezweifelt werden, obgleich die Weise dieser Gnadenertheilung so geheimnißvoll ist. Wilde in ihren Gewohnheiten, Erbarmungslose in ihren Feindschaften, sind sie dennoch Geschöpfe unserer Art und gleichfalls Gegenstand seiner Fürsorge!«

Blonde Locken, welche eine von den zartesten Adern durchzogene Stirn und das Gesicht zur Hälfte bedeckten, erhöhten den Glanz einer Haut, deren fleckenlose Durchsichtigkeit es nicht vermuthen ließ, daß das Kind je von den heißen Lüften jener Breite angefächelt worden. Durch dieses Lockenlabyrinth hindurch wendete das Mädchen seine vollen, hellen, blauen Augen verwundert und erschreckt auf das dunkle Gesicht des gefangenen indianischen Jünglings, der in diesem Augenblick für sie ein Gegenstand des geheimen Entsetzens war. Ohne zu ahnen, welches Gefühl er erregte, stand der Jüngling ruhig da, stolz und scheinbar achtlos, einzig darauf bedacht, kein Zeichen von Schwäche oder mitleidiger Besorgniß in diesem Auftritt weiblicher Gemüthserregung zu verrathen.

227 »Mutter,« flüsterte das noch immer verwunderte Mädchen, »sollten wir ihn nicht zurück in seine Wälder lassen! Ich liebe nicht – –«

»Dies ist keine Zeit zu vielen Worten. Geh' an Deinen Zufluchtsort, mein Kind, und erinnere Dich beides, der Gebete und Vorsichtsmaßregeln, die ich Dir genannt habe. Geh', und die himmlische Vorsehung schütze Dein unschuldiges Haupt!«

Noch einmal beugte sich Ruth über das Haupt ihrer Tochter, und verbarg ihr Gesicht in deren reichen Locken – es war ein Augenblick beredter Stille! Als sie sich erhob, glänzte eine Thräne auf der Wange des Kindes. Dieses hatte die Umarmung mehr mit Bewußtlosigkeit, als in Betrübniß aufgenommen, und jetzt, als sie in das geheime Zimmer geführt wurde, und die Nähe ihrer Mutter verließ, blieb sein Auge unabwendbar auf die Gesichtszüge des jungen Indianers gerichtet, bis die dazwischentretenden Mauern ihn gänzlich ihrem Gesichte verbargen.

»Du bist sorgsam gewesen, wie Du pflegst immer zu sein, liebe Ruth,« sagte Contentius, welcher in eben diesem Augenblicke mit dem Fremden in das Gemach eintrat; und die Selbstbeherrschung seines Weibes durch einen Blick der freundlichsten Billigung belohnte. »Die jungen Männer sind nicht weniger schnell und behend im Empfang des Feindes an den Pallisaden, als Deine Mägde in Erfüllung ihrer weniger gewagten Pflichten gewesen. Alles ist außen wieder ruhig, und wir kommen jetzt mehr der Berathung wegen, als zu Zwecken des Streits.«

»Dann müssen wir unsern Vater von seinem Posten bei dem Geschütz im Blockhaus rufen.«

228 »Es ist nicht nöthig,« fiel der Fremde ein; »die Zeit drängt, denn dieser Ruhe möchte nur zu bald ein Sturm folgen, den all unsere Macht nicht wird zu stillen vermögen. Bringt den Gefangenen herbei.«

Contentius winkte dem Knaben, näher zu treten, und als er in den Bereich seiner Hand kam, stellte er ihn gerade vor den Unbekannten hin.

»Ich kenne Deinen Namen nicht, selbst jetzt noch nicht den Deines Volkes,« begann dieser nach einer langen Pause, worin er genau das Antlitz des Jünglings zu untersuchen schien; »aber ich bin gewiß, obgleich ein böserer Geist noch in Deinem wilden Gemüthe um die Oberherrschaft ringen mag, – ich bin gewiß, edle Gefühle sind Deiner Brust nicht fremd. Sprich, hast Du etwas über Gefahr mitzutheilen, die diese Familie umlagert? Ich habe viel diese Nacht aus Deinem stummen Wesen entnommen, um aber deutlich verstanden zu werden, ist jetzt die Zeit gekommen, daß Du in Worte Dein Innerstes ausdrückest.«

Der Jüngling hielt sein Auge auf das des Sprechenden gerichtet, bis dieser geendet hatte, und dann ließ er es langsam, jedoch mit forschender Aufmerksamkeit, auf das ängstliche Antlitz der Ruth fallen. Es schien, als wenn er zwischen seinem Stolz und seinem Mitgefühl hin- und herschwankte. Das Letztere behielt die Oberhand; denn den starken Widerwillen eines Indianers besiegend, sprach er offen und zum ersten Male seit seiner Gefangenschaft in der Sprache des verhaßten Geschlechts.

»Ich höre das Kriegsgeschrei der Kämpfer,« war seine ruhige Antwort, »sind die Ohren der bleichen Männer verschlossen gewesen?«

229 »Hast Du mit den jungen Männern Deines Stammes im Walde gesprochen, und hattest Du Kenntniß von diesem ihrem Ueberfall?«

Der Jüngling antwortete nicht, obgleich er dem scharfen Blick des Fragenden standhaft und ohne Furcht begegnete. Da der Fremde bemerkte, daß er mehr gefragt hatte, als der Jüngling zu beantworten geneigt war, so änderte er jetzt seine Weise des Verhörs, und maskirte seine Untersuchungen mit etwas größerer List.

»Es kann nicht sein, daß ein großer Volksstamm sich auf blutigem Pfade befinde!« sagte der Unbekannte: »Aechte Krieger wären über die Balken der Pallisaden so leicht, wie über beugsames Rohr geschritten! Es muß ein Pequod sein, der sein Wort gegen einen Christen gebrochen hat, und nun aus seiner Höhle geschlichen ist, wie ein heulender Wolf in der Nacht?«

Plötzlich durchzuckte ein Ausdruck unbändiger Wildheit die schwärzlichen Züge des Knaben. Seine Lippen bebten, und die Worte, welche ihnen entströmten, waren von bitterem Hohn begleitet, doch murmelte er sie mehr, als daß er sie aussprach:

»Der Pequod ist ein Hund!«

»Es ist, wie ich gedacht hatte. Die Schurken sind aus ihren Dörfern gekommen, um bei den Yengihs ihre Ranzen zu füllen; aber ein Narraganset oder ein Wampanoag ist ein Mann; er verachtet es, in Finsterniß hinzuschleichen. Wenn er kommt, so beleuchtet die Sonne seinen Pfad. Der Pequod hingegen stiehlt sich in der Stille hin; denn er fürchtet, die Krieger möchten seinen Tritt vernehmen!«

Es war nicht leicht, ein Zeichen zu entdecken, welches 230 bewiesen, daß der Gefangene auf das Lob oder den Tadel mit der entsprechenden Theilnahme gehört; denn Marmor ist nicht kälter und unempfindlicher, als die Muskeln seines unbewegten Antlitzes waren.

Der Unbekannte erforschte den Ausdruck seiner Züge vergebens, dann so weit sich ihm nähernd, daß er selbst seine Hand auf die nackte Schulter des Jünglings zu legen vermochte, fuhr er fort:

»Knabe, Du hast Vieles und Wichtiges über das Wesen unseres christlichen Glaubens mit angehört, bist selbst der Gegenstand manches inbrünstigen Gebetes und Flehens gewesen, es kann nicht sein, daß so viel guter Same ganz auf den Weg gefallen, und dort zertreten worden ist. Sprich, darf ich nochmals Dir trauen?«

»Möge mein Vater den Schnee betrachten. Die Tritte der Mokasins sind aus- und einwärts gekehrt!«

»Es ist wahr. In so weit hast Du Dich redlich gezeigt; allein wenn das Kampfgeschrei Deine jungen Adern schwellt, möchte die Versuchung, Dich mit den Kriegern zu vereinen, zu stark werden. Hast Du ein Unterpfand, eine Bürgschaft, welche uns ermuthige, Dich ziehen zu lassen?«

Der Knabe betrachtete den Fragenden mit einem Blick, welcher deutlich verrieth, daß er auch nicht im Geringsten den Sinn der Frage begriffen habe.

»Ich wünsche zu wissen, was Du zurücklassen kannst, als Zeichen, daß unsere Augen Dein Antlitz wieder sehen werden, wenn wir das Thor zu Deinem Ausgang in die Felder geöffnet haben.«

Noch immer blieb der Blick des andern stier und verwirrt.

231 »Wenn der weiße Mann den Kriegspfad betritt, und in seinen Feind Vertrauen setzen möchte, nimmt er Sicherheit für seine Treue, indem er das Leben eines Menschen, das dem Andern theuer ist, als Bürgschaft seiner Treue in seiner Hand zurückbehält. Was kannst Du nun anbieten, woran ich erkenne, daß Du von der Botschaft zurückkehren wirst, mit der ich Dich auszuschicken wünsche?«

»Ist der Pfad denn nicht offen?«

»Offen, aber nicht sicher zu betreten. Furcht läßt Dich vielleicht vergessen, wohin er führt.«

Der Gefangene verstand jetzt den Sinn der Frage des Fremden, er begriff des Andern Zweifel; allein, gleichsam als verschmähte er zu antworten, richtete er seine Augen zur Seite, und stand in einer jener unbeweglichen Stellungen, die ihm so oft das Ansehen eines dunklen Gebildes des Meißels gaben.

Contentius und seine Gattin hatten diesem kurzen Zwiegespräch auf eine Weise zugehört, welche bewies, daß sie gewisse, den Andern verborgene Dinge wußten, wodurch die Verwunderung verringert wurde, die sie sonst wohl erfaßt haben würde, als sie Zeugen von den so deutlich dargelegten Beweisen waren, die auf eine geheime Bekanntschaft zwischen den beiden Sprechenden schließen ließen. Doch verriethen Beide unzweideutige Zeichen ihres Erstaunens, als sie zuerst englische Worte aus den Lippen des Jünglings hervortönen hörten. Es bot sich wenigstens ein Anschein von Hoffnung durch die Vermittlung eines Menschen dar, der so viel Güte von der Familie und besonders von Ruth genossen, und der es auch so sehr anzuerkennen geschienen hatte, daß diese mit 232 der Schnelligkeit mütterlicher Sorgfalt an der freudigen Erwartung festhielt.

»Laßt den Knaben ziehen,« sagte sie; »ich will für ihn Bürge sein, und sollte er sich als falsch und verrätherisch erweisen, so haben wir weniger von seiner Abwesenheit, als seiner Gegenwart zu befürchten.«

Die in die Augen fallende Richtigkeit der letztern Versicherung hatte vielleicht bei dem Unbekannten größeres Gewicht, als die bedeutungslose Bürgschaft der Hausfrau.

»Darin liegt allerdings viel Wahres,« begann dieser wieder. »Geh' denn hinaus in die Felder und sage Deinem Volke, daß sie sich in ihrem Wege geirrt; der, den sie betreten, hat sie in die Wohnung eines Freundes geführt, – keines Pequod, noch eines von den Männern der Manhatto's, sondern christlicher Yenghis, die den Indianer stets behandelt haben, wie ein Gerechter handelt gegen seinen Nebenmenschen. Geh', und wenn Dein Zeichen am Thor vernommen wird, soll es Dir zum Einlaß nochmals offen stehen!«

Mit diesen Worten winkte der Fremde dem Knaben, ihm zu folgen, und trug Sorge, als sie das Zimmer zusammen verließen, ihn über alle solche geringere Dinge zu belehren, die ihn in Erreichung des friedlichen Zwecks der Sendung unterstützen konnten, die ihm jetzt übertragen worden.

Einige wenige Augenblicke des Zweifels und schrecklicher Ungewißheit und Erwartung folgten auf diesen Versuch. Nachdem der Unbekannte sich überzeugt hatte, daß seinem Boten der Ausgang verstattet worden, war er in die Wohnung zurückgekehrt und hatte sich mit seinen Gefährten wieder vereinigt. Er brachte die Augenblicke, während welcher der Abgesandte aus war, damit zu, daß er mit Schritten im Zimmer 233 auf und nieder ging, welche verriethen, daß mächtige, wichtige Gedanken und Besorgnisse in seinem Innersten gewaltig sich drängten. Zu Zeiten hörte das Geräusch seiner schweren Fußtritte auf, und dann lauschten Alle aufmerksam, um einen Ton aufzuhaschen, der sie über die Beschaffenheit der Vorgänge belehren möchte, die draußen sich ereigneten. Mitten in einer dieser Pausen erhob sich draußen in den Feldern ein Geschrei, das dem des Frohlockens der Wilden glich. Ihm folgte eine Todesstille, ein Unglück verheißendes Schweigen, welches die Zeit seit dem plötzlichen, schnell vorübergegangenen Angriff selbst noch beunruhigender gemacht hatte, als damals, wo die Gefahr einen bestimmten, bekannten Charakter gehabt. Aber alle Aufmerksamkeit, welche selbst die äußerste Besorgniß nur geben konnte, vermochte weiter keine Spur über die Bewegungen ihrer Feinde zu entdecken. Viele Minuten lang herrschte inner- und außerhalb der Vertheidigungen mitternächtliche Stille. Mitten in dieser Spannung der Gemüther hob sich die Klinke der Thüre, und der Abgesandte erschien mit jenem geräuschlosen Tritt, jener gefaßten Miene, welche das Volk seines Stammes auszeichnen.

»Hast Du die Krieger Deines Stammes getroffen?« fragte der Fremde hastig.

»Das Geschrei hat die Yengihs nicht getäuscht. Es war nicht der Ton eines Mädchens, das in den Wäldern lacht.«

»Und hast Du Deinem Volke gesagt, daß wir Freunde sind?«

»Die Worte, die mein Vater mir aufgetragen, wurden gesprochen.«

»Und angehört? Waren sie laut genug, um in die Ohren der jungen Krieger zu dringen?«

234 Der Jüngling schwieg.

»Sprich,« fuhr der Fremde fort, und richtete seine Gestalt stolz in die Höhe, als sei er bereit, selbst einem noch strengern Widerstand und noch festerem Weigern zu begegnen. »Es sind Männer, die Dir zuhören. Ist die Friedenspfeife des Wilden gefüllt, wird er in Eintracht rauchen, oder hält er den Tomahawk in krampfhafter Hand?«

Das Antlitz des Jünglings bewegte ein Gefühl, welches ein Indianer nicht leicht verräth. Er neigte seinen Blick mit ängstlichem Antheil auf die milden Augen der schmerzlich ergriffenen Ruth; dann eine Hand langsam unter dem leichten Gewande hervorziehend, das theilweise seinen Körper bedeckte, warf er einen Bündel Pfeile, die in die glatte, abgestreifte Haut der Klapperschlange eingehüllt waren, zu den Füßen des Fremden nieder.

»Das ist ein nicht zu verkennendes Warnungszeichen!« sagte Contentius, indem er das ihm wohlbekannte Sinnbild mitleidsloser Feindseligkeit in die Höhe hob, und es vor die Augen seiner weniger unterrichteten, in den Gebräuchen der Wilden weniger erfahrenen Gefährtin hielt. »Knabe, was hat das Volk meines Geschlechts gethan, daß Deine Krieger bis zu dieser äußersten Wuth nach seinem Blute streben?«

Als der Jüngling seinen Auftrag erfüllt, trat er zur Seite, und schien nicht Zeuge sein zu wollen von der Wirkung, welche seine Botschaft auf die mit ihm im Zimmer Anwesenden hervorbringen würde. Aber so gefragt, war er nahe daran, alle freundlicheren Gefühle in der plötzlichen Gewalt der Leidenschaft zu vergessen. Ein schneller Blick auf Ruth stillte seine Erregung, und er blieb ruhig wie vorher und schwieg.

235 »Knabe,« wiederholte Contentius, »ich frage Dich, warum Dein Volk unser Blut will?«

Der Lauf des elektrischen Funkens ist nicht schneller, ja kaum glänzender sein Licht, als der Blick war, der jetzt aus dem dunkeln Auge des Indianers auf seine Umgebung hinblitzte. Strahlen schienen aus seinem Auge zu schießen, feurig wie Schlangenblicke. Seine Gestalt schwoll gleichsam von den innern Kämpfen in seinem Gemüthe, und für einen Augenblick verrieth sich jeder Anschein eines wilden unbeherrschbaren Ausbruchs stürmischer Leidenschaft. Die Eroberung indeß, die seine Gefühle über ihn gemacht hatten, waren nur von augenblicklicher Dauer. Er gewann seine Selbstbeherrschung wieder, denn sein Wille machte die erstaunendsten Anstrengungen, und sich Dem, der ihm diese kühne Frage vorgelegt, so sehr nähernd, daß er selbst einen Finger auf seine Brust halten konnte, sagte der junge Wilde stolz:

»Siehe! diese Welt ist sehr weit. Es ist Raum auf ihr für den Panther und den Hirsch. Warum sind die Yengihs und die rothen Leute zusammengetroffen?«

»Wir verlieren die kostbaren Augenblicke im Erforschen der ernsten Natur eines Heiden,« sagte der Fremde. »Ueber den Zweck seines Volks sind wir gewiß, und mit Hülfe und im Vertrauen auf den Schutz und Stab der Christen werden wir die feindliche Macht zurückschlagen. Klugheit erfordert von unserer Seite, daß wir den Jüngling in sichern Gewahrsam bringen, worauf wir zu den Pallisaden zurückkehren und uns als Männer zeigen wollen!«

Gegen diesen Vorschlag konnte kein vernünftiger Einspruch erhoben werden. Contentius war schon im Begriff, die Person seines Gefangenen in einen Keller in Sicherheit zu 236 bringen, als eine Vorstellung seiner Gattin ihn zur Aenderung seines Plans veranlaßte. Trotz der auffahrenden, wilden Miene des Jünglings, hatten Blicke der Güte und Theilnahme ein solches gegenseitiges Verständniß zwischen ihm und der sanften Mutter hergestellt, daß diese noch immer nicht gern alle Hoffnung auf seine Hülfe und Unterstützung aufgeben wollte.

»Miantonimoh,« sagte sie, »wenn auch Andere Dich in Verdacht haben, daß Du nichts Gutes im Sinne führest, so will doch ich Dir vertrauen. Komm daher mit mir, und während ich Dir das Versprechen der Sicherheit für Deine Person gebe, verlange ich von Deiner Hand den Dienst eines Beschützers für meine Kleinen.«

Der Knabe gab keine Antwort, sondern ließ sich geduldig von Ruth wegführen, diese glaubte jedoch die Versicherung seiner Treue und Ergebenheit in dem Ausdruck seines beredten Auges zu lesen. Zu gleicher Zeit verließen auch ihr Gatte und Traugott das Haus, um an den Pallisaden ihre Posten einzunehmen. 237

 

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