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Die Beweinte von Wish-Ton-Wish

James Fenimore Cooper: Die Beweinte von Wish-Ton-Wish - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
authorVon J. F. Cooper
publisherRob. Henrich's Verlagshandlung
addressBerlin
titleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
pages660
created20110829
modified20140825
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Eilftes Kapitel.

»Ich selbst will wachen heute Nacht,
Vielleicht wird's wieder kommen.«
Hamlet.          

»Sollte dies nicht ein von der göttlichen Gnade uns gegebenes Warnungszeichen sein?« fragte mit einer Feierlichkeit, welche nicht verfehlte, auf die meisten Zuhörer einen entsprechenden Eindruck zu machen; der Puritaner, der ohnedies zu allen Zeiten geneigt war, den übernatürlichen Offenbarungen der Sorgfalt des Himmels Glauben beizumessen; »die Geschichte unserer Colonieen ist voll der Beweise von diesen gnadenreichen Fügungen.«

»Wir wollen es als eine solche betrachten,« entgegnete der Unbekannte, an den diese Frage ganz besonders gerichtet schien. »Unsere erste Maßregel soll die sein, die Gefahr, vor der wir gewarnt werden, ausfindig zu machen. Der junge Mann, der den Namen Dudley führt, besitzt eine große Körperkraft und männlichen Muth; seinen Beistand bitte ich mir aus, und dann traue mir zu, daß ich entdecken werde, was jener häufige Ruf aus der Muschel denn eigentlich bedeuten mag.«

»Sicher, Traugott, wirst Du nicht nochmals der Erste 209 sein wollen, der hinausgeht,« rief Marcus in einem Erstaunen, welches gleicher Weise auch Contentius und Ruth verrieth; die Letztere drückte ihr kleines Ebenbild an ihre Seite, als wenn schon der bloße Vorschlag ein erschreckendes Gemälde von der großen, überirdischen Gefahr ihr vor die Seele führte. »Es wird gut sein, reiflich über den Schritt nachzudenken, ehe Du Dich der Gefahr eines solchen Abenteuers aussetzest.«

»Besser ist es, wenn ich es bin,« sagte Contentius, »da ich an die Erscheinungen des Waldes schon gewöhnt bin, und mit allen den Zeichen, woran die Nähe Derjenigen, die uns schaden wollen, zu erkennen ist, vertraut bin.«

»Nein,« sagte Der, welcher eben zum ersten Male Traugott genannt worden, ein Name, der sehr nach der religiösen Schwärmerei jener Zeiten schmeckte, und den er angenommen haben mochte, um dadurch offen seine Bereitwilligkeit zu verstehen zu geben, sich unter jede besondere Fügung der Vorsehung zu beugen und ihr zu folgen. »Dies Geschäft soll mein sein! Du bist Gatte und Vater, und Viele schauen auf zu Dir, da Deine Sicherheit der Fels ist, auf dem ihr irdischer Schutz und Trost ruht, während weder Verwandte, noch – doch wir wollen nicht von Dingen sprechen, die unserm Zwecke fremd sind. Du weißt, Marcus Heathcote, daß Gefahr und ich alte vertraute Bekannte sind. Es thut nicht Noth, mir Behutsamkeit anzuempfehlen. Komm, kühner Jäger; nimm Dein Gewehr, und halte Dich bereit, Deiner Männlichkeit Ehre zu machen, wenn sich Gelegenheit darbieten sollte, sie zu zeigen.«

»Und warum nicht, Ruben Ring?« sagte eine hastige, weibliche Stimme, von der Alle wußten, daß sie von den Lippen der Schwester des eben genannten jungen Mannes 210 gekommen. »Er ist scharfen Auges und schnellen Armes bei Vorfällen dieser Art; würde es nicht gut sein, mit solcher Hülfe Deine Begleitung zu verstärken?«

»Ruhig, Mädchen,« bemerkte Ruth sanft. »Diese Sache liegt schon in der Hand eines Mannes, der gewohnt ist, zu befehlen; Rath von Deiner kurzen, geringen Erfahrung thut nicht Noth.«

Fidel fuhr beschämt zurück; die Röthe, die ihre braune Wange bedeckt hatte, verdunkelte sich zu einer Farbe, gleich der des Blutes.

Traugott – wir bedienen uns beim Mangel aller andern dieses Namens – heftete einen einzigen Augenblick ein forschendes Auge auf das Antlitz des Mädchens und dann erwiderte er, als wenn seine Aufmerksamkeit von dem Hauptgegenstand, der jetzt vorlag, gar nicht abgelenkt worden, ganz kalt:

»Wir gehen als Kundschafter und Beobachter Dessen, was späterhin die schnelle Hülfe dieses jungen Mannes nöthig machen kann, aber eine große Anzahl würde uns der Beobachtung außen nur aussetzen, ohne uns sonst nützlich zu sein; und doch,« – setzte er hinzu, indem er seine Schritte aufhielt, welche schon nach der Thüre gerichtet waren, und ernsthaft und lang auf den Indianerknaben sah, »und doch steht da Einer, der uns vielleicht Aufklärung geben könnte, wenn er nur sprechen wollte!«

Diese Bemerkung zog jedes Auge auf den Gefangenen hin. Der Jüngling hielt das allgemeine Prüfen mit der unerschütterlichen, unbeweglichen Gelassenheit seines Volkes aus. Aber obgleich sein Auge den Blicken der ihn Umgebenden stolz und muthig begegnete, so glühte doch nicht das Geringste von 211 jener ernsten Herausforderung darin, welche man so oft sonst in seinen Augen zu bemerken pflegte, wenn er Ursache hatte zu glauben, sein Schicksal oder seine Person sei der Gegenstand der besonderen Beobachtung Jener, bei denen er wohnte. Im Gegentheil, der Ausdruck seines dunkeln Gesichts war eher der der Freundschaft, als des Hasses und es gab einen Augenblick, wo der Blick, den er auf Ruth und ihre Nachkommenschaft warf, sicher einen Anstrich vom Gefühl des Mitleids und der Besorgniß hatte. Eine Miene, von solchem Ausdruck voll, konnte der scharfsichtigen Wachsamkeit einer Mutter nicht entgehen.

»Der Knabe hat sich des Vertrauens würdig gezeigt,« sagte sie, »und im Namen Dessen, der in die Herzen sieht und sie kennt, gebt ihm noch einmal die Freiheit.«

Sie verstummte plötzlich, denn abermals gab die Muschel ein Zeichen, von der scheinbaren Ungeduld Derer draußen, die eingelassen zu werden verlangten. Die vollen Töne aus der Muschel berührten die Nerven der Hörer, als wenn sie das Nahen eines großen, furchtbaren Gerichts verkündeten.

Mitten in diesen oft wiederholten und geheimnißvollen Klängen schien Traugott allein ruhig und unbewegt. Indem er seine Blicke von dem Antlitz des Jünglings wegwandte, der sein Haupt auf seine Brust zurück hatte fallen lassen, als die letzten Töne aus der Muschel durch die Gebäude drangen, gab er schnell Dudley einen Wink, ihm zu folgen, und verließ das Zimmer.

Es lag in der That etwas in allem Diesem, was, bei der abgeschlossenen Lage des Thales, der Dunkelheit der späten Stunde der Nacht und dem geheimnißvollen Wesen der verschiedenen Unterbrechungen, leichtlich in der Brust selbst solcher 212 Männer Unruhe und Besorgniß hätte erregen können, welche sich noch weit mehr durch ihre Festigkeit auszeichneten, als Die, die jetzt in's Freie traten, um eine Lösung der Zweifel aufzusuchen, die so übermäßig peinlich zu werden begannen. Der Unbekannte oder Traugott, wie wir künftighin häufig Gelegenheit haben werden, ihn zu nennen, ging schweigend nach einer Spitze der Anhöhe außerhalb der Gebäude voraus; hier vermochte sein Auge die Pallisaden zu übersehen, welche die Seiten der Anhöhe einhegten, und eine Aussicht weithin über Alles beherrschten, was das dunkle, unvollkommene Licht ihm enthüllen konnte.

Es war ein Schauplatz, der Vertrautheit mit dem Leben an der Grenze erforderte, um zu irgend einer Zeit mit Gleichgültigkeit übersehen zu werden. Der weite, fast schrankenlose, scheinbar unbetretene Wald lag um sie herum, und beschränkte die Aussicht auf das enge Gebiet des Thales, als wenn dies eine mitten in einem Ocean von Wildniß hingeworfene Oase wäre. Innerhalb der Grenzen des urbar gemachten Landes waren die Gegenstände weniger undeutlich, obgleich selbst die am nächsten sich befindenden und bekanntesten jetzt in den zusammenlaufenden, düstern Umrissen der Nacht erblickt wurden.

Ueber diese dunkle Aussicht schaute Traugott und sein Gefährte lange und vorsichtig hin.

»Hier sieht man nichts als regungslose Baumstämme und Zäune mit Schnee beladen;« sagte der Erstere, als sein Auge über den ganzen Umkreis der Aussicht hingeschweift war, die an der Seite des Thales, wo sie standen, sich hindehnte. »Wir müssen hinausgehen, um näher die Felder zu erforschen.«

213 »Dann dorthin; hier geht der Weg nach der Pforte,« sagte Dudley, als er bemerkte, daß der Andere eine Richtung einschlug, welche der entgegengesetzt war, die zu dem Thore führte. Aber ein gebietender Wink vermochte ihn im nächsten Augenblick seine Stimme zu dämpfen und zu folgen, wohin es seinem Gefährten voranzugehen beliebte.

Der Unbekannte machte einen Umweg um die Hälfte des Hügels herum, ehe er zu den Pallisaden hinabstieg; und er that dies an einer Stelle, wo lange und dichte Holzstöße, zum Feuerungsbedarf der Familie, aufgehäuft waren. Diese Stelle war der Punkt, welcher über die steilste Spitze der Anhöhe hinausragte, und der an und für sich selbst gerade da so schwierig zu ersteigen war, daß er die Besetzung mit Pfählen weit weniger nöthig machte, als irgend wo anders auf der mehr ebenen Fläche. Dennoch hatte man keine dienliche Vorkehrung zur Sicherheit der Familie vernachlässigt, selbst nicht an diesem festen Punkt in den Vertheidigungswerken. Die Holzhaufen lagen in einer solchen Entfernung von den Pfählen, daß sie Außenstehenden das Ersteigen nicht erleichterten, während sie andererseits Wall und Brustwehr bildeten, welche gar sehr zur Sicherheit Derjenigen würden beigetragen haben, die diesen Theil der Festungswerke hätten vertheidigen müssen. Der Fremde setzte seinen Weg gerade zwischen den parallelen Holzhaufen hindurch fort, bis er den zwischen den äußersten Reihen und den Pallisaden befindlichen Raum erreichte, der mit gutem Vorbedacht zu breit war, als daß ein menschliches Wesen ihn hätte überspringen können.

»Es ist lange her, seitdem ich diesen Platz mit einem Fuße betreten habe,« sagte Eben Dudley, und tastete sich längst eines Weges fort, den sein Gefährte ohne irgend Zögern 214 oder Zweifel zu verrathen, zurücklegte. »Meine eigene Hand setzte vor einigen Wintern diese äußeren Haufen zusammen, und ich bin gewiß, daß von jener Stunde an bis auf diese, Niemand ein Stück von diesem Holze berührte. Und doch für Einen, der erst von jenseits der See herübergekommen ist, möchte es scheinen, findest Du nicht große Schwierigkeit, Dich durch die engen Holzreihen durchzufinden.«

»Wer sein Gesicht hat, wird doch wohl zwischen Luft und Buchenklötzen unterscheiden können,« entgegnete der Andere und blieb bei den Pallisaden stehen, und zwar an einer Stelle, die vor jedem spähenden Auge innerhalb der Vertheidigungen durch drei- und vierfache Reihen von Holzhaufen bedeckt war. Er griff jetzt in seinen Gürtel, und zog etwas heraus, was Dudley bald für einen Schlüssel erkannte. Während dieser, mit Hülfe des geringen Lichtes, das der Himmel spendete, alle seine Sehkraft anstrengte, um den Andern zu beobachten, brachte dieser das Instrument in ein Schloß, was sehr kunstreich, etwa in der Höhe einer Mannesbrust von der Erde entfernt, in einem der Balken angebracht war; worauf nach einigen kräftigen Umdrehungen ein Stück aus den Pallisaden, etwa ein halbes Klafter hoch, sich auf einer mächtigen Angel unten bewegte, und hereinfallend eine Oeffnung machte, durch welche ein menschlicher Körper bequem hindurchgehen konnte.

»Hier finden wir einen Raum bereitet zu unserem Ausfall,« bemerkte der Fremde kalt, und winkte dem Andern, vorauszugehen. Als Dudley durchgegangen, folgte ihm sein Gefährte, und verschloß die Oeffnung wieder sorgfältig hinter sich.

»Nun ist wieder Alles fest, und wir befinden uns in den Feldern, ohne die Aufmerksamkeit irgend eines irdischen, 215 sterblichen Wesens wenigstens auf uns gezogen zu haben,« fuhr der Führer fort und steckte eine Hand in die Falten seines Mantels, als wolle er nach einer Waffe suchen; zu gleicher Zeit schickte er sich an, den schwierigen Abhang hinabzusteigen, der noch zwischen ihm und dem Fuße des Hügels lag. Eben Dudley zögerte zu folgen. Seiner erhitzten Einbildungskraft stellte sich das Zusammentreffen mit dem Reisenden im Walde vor, und die Erscheinungen gespenstischer Einwirkungen erwachten wieder in ihm mit aller ihrer ursprünglichen Kraft. Das ganze Wesen und der geheimnißvolle Charakter seines Gefährten waren wenig geeignet, ein durch solche Bilder beunruhigtes Gemüth zu ermuthigen.

»Es geht ein Gerücht in der Colonie,« murmelte der Grenzmann, »daß den unsichtbaren Geistern für einige Zeit gestattet ist, ihre Uebel und Neckereien an dem Lande auszuüben, und es möchte leicht geschehen, daß einige ihrer höllischen Genossen ihren Weg nach Wish-Ton-Wish nehmen, wenn sie gerade keine bessere Beschäftigung finden.«

»Du hast Recht,« entgegnete der Unbekannte; »aber die Macht, die ihnen ihre Gottlosigkeit erlaubt, hat vielleicht auch für gut befunden, einen von ihren eigenen Verehrern auszuschicken, ihre Teufeleien zu bekämpfen. Wir wollen uns jetzt näher an das Thor hinziehen, damit wir auf ihre boshaften Plane ein Auge haben mögen.«

Traugott sprach mit Ernst und nicht ohne eine gewisse Feierlichkeit. Dudley gab nach, wiewohl mit getheiltem unruhigem Gemüthe und folgte seiner Anweisung. Immer noch ging er hinter dem Unbekannten mit einer Vorsicht und Aufmerksamkeit hin, welche die Wachsamkeit jeder andern geringeren Macht, die ihre Kenntniß nicht aus tiefern Quellen, 216 als in menschlicher Gewalt sind, schöpfte, getäuscht haben würde.

Als die beiden Aufpasser einen geheimen und passenden Ort nicht weit von der Pforte gefunden, nahmen sie schweigend eine Stellung ein, in der sie ruhig den Erfolg abwarten wollten. Die Außengebäude lagen in tiefer Ruhe vor ihnen, von allen den vielen Bewohnern, die sie enthielten, ließ sich auch nicht der mindeste Ton hören. Die Reihen roher Zäune, die schwarzen Baumstümpfe mit kleinen Schneepyramiden gekrönt, die höheren, hin und wieder verdächtig aussehenden Büsche, ein einzeln stehender Baum und endlich die unabsehbare Waldreihe; Alles war auf gleiche Weise, regungslos, düster und in die zweifelhaften Gestalten der Nacht gekleidet. Noch war der Raum um die wohlgesicherte und dreifach verriegelte Pforte leer. Eine breite Lage flecklosen Schnees bedeckte den Boden und bildete einen Grund, welcher sicher die Gegenwart jedes Wesens verrathen haben würde, das seine Fläche betreten. Selbst die Muschel konnte man an einem der Balken hängen sehen, so stumm und harmlos, als zur Stunde, wo sie die Wellen an den Strand der Seeküste gespült hatten.

»Hier wollen wir auf die Ankunft des unbekannten Wesens Acht haben, mag es nun beauftragt und geschickt sein, durch die feindlichen Gewalten der Luft, oder mit einem, der Erde angehörenden Auftrag kommen,« sprach Traugott leise, und setzte seine Waffen zu jedem drängenden Fall und plötzlichen Gebrauch in Bereitschaft, seine eigene Person aber brachte er zu gleicher Zeit in eine Stellung, wie sie am geeignetsten war, das Ermüdende einer langen Wache am wenigsten lästig zu machen.

217 »Ich wollte, mein Gewissen wäre über die Frage beruhigt, ob es recht gethan sei, Jemand, der die Ruhe einer Grenzfamilie stört, zu verletzen,« sagte Dudley, mit einer aus Vorsicht hinlänglich gedämpften Stimme; »es möchte angemessen sein, selbst wenn Jemand, der Aehnlichkeit mit jenen über dem See her gekommenen Helden hätte, uns in dieser Stunde zu beunruhigen sich einfallen ließe, – selbst diesen ohne Weiteres durch einen Schlag willkommen zu heißen.«

»In diesem Fall wirst Du wohl thun, auf die Strafordnung und Eintheilung der einzelnen Vergehungen nur wenig Rücksicht zu nehmen,« entgegnete finster der Andere. »Sollte ein zweiter Regierungsbevollmächtigter aus England erscheinen – –«

Er schwieg, denn man hörte aus der Muschel einen Ton, der sich allmälig in die Luft erhob, bis das Ganze des weiten Thales erfüllt war von seinem vollen, traurig ernsten Klang.

»Die Lippe eines Menschen lag nicht an der Muschel!« rief der Unbekannte, der, so wie Dudley in demselben Augenblick, wo der Ton sein Ohr erreichte, sich vorwärts nach der Pforte zu gebogen hatte, und wie dieser mit einem Staunen, das auch seine langgeübte Selbstbeherrschung nicht verbergen konnte, zurückgebebt war, als er sich vollkommen von der Wahrheit seiner Behauptung überzeugt hatte. »Dies übertrifft alle frühere Fälle wunderbarer Heimsuchung!«

»Es ist eitel und vergeblich, die schwache Menschennatur zu gleicher Höhe mit Dingen, die aus der unsichtbaren Welt kommen, erheben zu wollen!« entgegnete der Jäger, der ihm zur Seite stand. »Bei solchem Nothfall geziemt es sich, daß der sündige Mensch sich in die Wohnung zurückziehe, wo wir 218 unsere Schwäche durch die geistlichen Segnungen und brünstigen Heilskämpfe des Capitains stärken und aufrichten mögen.«

Diesem bescheidenen, umsichtigen Vorschlag setzte der Unbekannte keinen Einwurf entgegen. Ohne sich die nöthige Zeit zu nehmen, um ihren Rückzug mit der Vorsicht zu bewerkstelligen, die sie bei ihrem Vorschreiten beobachtet hatten, sahen die beiden Abenteurer sich bald an dem geheimen Eingang, durch den sie vor so kurzer Zeit noch herausgekommen waren.

»Tritt ein,« sagte der Fremde, und ließ den bereits erwähnten Theil der Pallisaden zum Durchgang seines Gefährten herabfallen. »Tritt ein um's Himmelswillen! denn es ist in der That angemessen, daß wir alle unsere geistigen Kräfte vereinigen.«

Dudley war im Begriff, der Aufforderung nachzukommen, als eine dunkle Linie, von einem leisen, rauschenden Ton begleitet, die Luft zwischen seinem Haupt und dem des Fremden durchschnitt. Im nächsten Augenblick steckte ein Pfeil mit steinerner Spitze zitternd im Holze.

»Der Heide!« schrie der Grenzmann, und mit dem Erscheinen einer ihm schon vertraut gewordenen Gefahr, kam ihm auch sein männlicher Muth wieder, und ein Feuerstrahl schoß nach der Richtung hin, von welcher die verrätherische Wurfwaffe hergeflogen kam. »An die Pallisaden, Leute! der Heide, der blutige Heide ist da!«

»Der Heide!« wiederholte der Fremde, wie im Nachhall, in einer tiefen, festen Befehlshaberstimme, die augenscheinlich oft das Warnungswort in Augenblicken von weit größerer Gefahr und Bedeutung mußte gegeben haben, und zugleich drückte er ein Pistol ab, was eine über den Schnee gleitende Gestalt darniederstreckte. »Der Heide! der blutige Wilde ist da!«

219 Als wenn Beide, die Angreifenden und die Angegriffenen, Athem holen wollten, folgte jetzt ein Augenblick tiefer Stille auf diese wilde Unterbrechung der Ruhe der Nacht. Dann wurde der Ruf der zwei Abenteurer durch einen Ausbruch von Geheul aus einem weiten Kreise, der fast den Hügel umgab, beantwortet. In demselben Augenblick entstieg jedem dunklen Gegenstand in den Feldern eine menschliche Gestalt. Dem Geheul folgte eine ganze Wolke von Pfeilen, die ferneres Zögern außerhalb der Schutzdecke der Pallisaden in hohem Grade gefährlich machten. Dudley kam hinein, aber dem Unbekannten wäre durch eine heraneilende, heulende Bande, die ihn heftig im Rücken drängte, der Eingang abgeschnitten worden, hätte nicht ein breiter Feuerstrom vom Hügel aus den schwarzen, grimmigen Gesichtern entgegengeblitzt, und die Angreifenden zurückgetrieben. Noch einen Augenblick, und die Riegel des Schlosses waren vorgeschoben, und die beiden Flüchtlinge befanden sich geschützt hinter den mächtigen Holzhaufen. 220

 

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