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Die Beweinte von Wish-Ton-Wish

James Fenimore Cooper: Die Beweinte von Wish-Ton-Wish - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
authorVon J. F. Cooper
publisherRob. Henrich's Verlagshandlung
addressBerlin
titleDie Beweinte von Wish-Ton-Wish
pages660
created20110829
modified20140825
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Achtes Kapitel.

  »Wohlan, ich bin nun einmal Eure Zielscheibe: Ihr habt mir einen Vorsprung abgewonnen, ich bin niedergeschlagen, und nicht im Stande, das wälsche Geschwätz zu beantworten, die Unwissenheit drückt mich wie ein Bleigewicht darnieder, macht was Ihr wollt mit mir.«
Die lustigen Weiber von Windsor.          

Die Dichter, von dem allgemeinen Sehnen und Verlangen der menschlichen Natur unterstützt, haben dem Frühling einen Ruf verschafft, den er selten verdient. Obgleich die phantasiereiche Klasse von Schriftstellern soviel über seine balsamischen Lüfte, seine Wohlgeruch verbreitenden Düfte gesagt haben, so finden wir ihn doch beinahe überall als die zurückbleibendste, verdrießlichste und unbeständigste der vier Jahreszeiten. Er ist die Jugend des Jahres und, gleich jenem Prüfungszustand des Lebens, am meisten geeignet, Aussichten auf etwas Besseres darzubieten. Es findet sich ein beständiges Ringen zwischen Wirklichkeit und Hoffnung während des ganzen Laufes dieser langsam sich bewegenden, verrätherischen Jahreszeit, der die Tendenz zu täuschen nothwendig inwohnt. Alles, was von seinem lieblichen Wirken gesagt wird, ist trügerisch; denn die Erde würde eben so wenig einen 154 freigebigen Tribut ohne den belebenden Einfluß der Sommerhitze darbieten, als der Mensch würdige Früchte zu bringen pflegt ohne die Einwirkung einer moralischen Kraft, die höher und mächtiger ist, als jede, welche ihm vermöge seiner angeborenen Neigung eigen ist. Auf der andern Seite besitzt der Jahresausgang eine Süßigkeit, eine Ruhe, eine Beständigkeit, die mit Recht dem späten Alter eines wohlzugebrachten Lebens verglichen werden mag. In allen Ländern, in jeglichem Klima ist er die Periode, wo natürliche und geistige Ursachen sich zur Erzeugung der reichsten Quellen der Freude vereinigen. Wenn der Frühling die Zeit der Hoffnung ist, so ist der Herbst die des Genusses. Er hat gerade so viel Abwechselung, als hinreicht, dem wechselnden Dasein Würze zu verleihen, und nicht genug Veränderlichkeit, um die Hoffnung stets zu täuschen. Auf dem kahlen Winter folgend, erhält der Frühling seine Annehmlichkeit durch den Gegensatz, während die herrlichen Genüsse des Herbstes dadurch nichts verlieren, daß ihnen der an verschwenderischen Gaben so mächtige Sommer vorangegangen ist. Mögen also die Poeten singen und erfinden, was sie wollen, der Frühling und der Herbst in Amerika, jenem großen Gesetze unserer Erde gehorsam, tragen scharf gezeichnet die allgemein unterscheidenden Kennzeichen der nebenbuhlerischen Jahreszeiten an sich.

Mehr als ein halbes Jahr war verstrichen von der Zeit an, wo man den indianischen Knaben in dem Thale von Wish-Ton-Wish auflauernd gefunden hatte, bis auf den Tag, an welchem er zuerst die Erlaubniß erhielt, in den Wald zu gehen, frei von jeder andern Fessel als der moralischen, welche, wie der Herr des Thales entweder wußte oder sich einbildete, 155 ihn nothwendig veranlassen mußte, zu einer Sklaverei zurückzukehren, die er so lästig gefunden hatte.

Es war der Monat April, aber ein April wie man ihn vor einem Jahrhundert in Connecticut kannte, und wie er auch noch heutigen Tages sich zuweilen bewährt, nämlich ein Monat, der alle Forderungen, die man an die launenhafte Jahreszeit etwa gethan hat, zu Schanden macht. Plötzlich und heftig hatten die Tage die ganze Strenge des Winters wieder angenommen. Einem Thauwetter war ein Schnee- und Hagelsturm gefolgt, und das Zwischenspiel des Blüthenfrühlings endigte sich mit einem bitterkalten Nordwest, der der zaudernden Dauer eines nochmaligen Februars ein ewiges Siegel aufdrücken zu wollen schien.

An dem Morgen, wo Contentius seine Leute in den Wald führte, sah man sie Alle in Pelzröcken die Pforte verlassen. Sie trugen an den Beinen dieselbe rauhe Bekleidung, welche sie bei so vielen früheren Jagden während des vergangenen Winters angehabt, wenn ein Winter vergangen genannt werden kann, der mit wenig gemilderter Strenge und mit allen Zeichen des Januars wieder zurückgekehrt war.

Als man zum letzten Male Eben Dudley, den Schwerfälligsten aus dem Haufen, vom Hause aus sah, bewegte er sich fest auf der Schneekruste hin, und zwar mit einem Schritt, so sicher, als wenn er auf der gefrornen Erde selbst hingegangen wäre. Mehr als eins von den Mädchen erklärte daß, obgleich sie sich bemüht hätten, die Schritte der Jäger von den Pallisaden aus zu verfolgen, es doch selbst dem Scharfblick eines Indianerauges nicht hätte gelingen mögen, ihre Spur längst dem Eispfad, den sie einschlugen, aufzufinden.

156 Eine Stunde ging nach der andern vorüber, ohne Kunde von der Jagd zu bringen. Man hatte freilich manchmal den Knall der Feuerwaffen vernommen, wie er in des Waldes Wölbungen erscholl und einige Stunden lang hörte man das gebrochene Echo von einem Hügelberg in den andern zurückprallen. Aber selbst diese Zeichen der Nähe der Jäger wichen allmälig mit dem Vorrücken des Tages mehr und mehr in die Ferne, und lange, ehe noch die Sonne die Mittagslinie erreicht hatte und ihre Wärme, die bei der weit vorgerückten Jahreszeit nicht ohne Kraft war, in das Thal herabschoß, lag der ganze es umgebende Wald wieder in seiner gewöhnlichen dumpfen, feierlichen Stille da.

Das Ereigniß einer Jagd, abgesehen davon, daß der Indianerjüngling daran Theil nahm, war ein zu häufig wiederkehrendes, als daß es besondere Erregung hätte veranlassen sollen. Ruth beschäftigte sich ruhig mit ihrem weiblichen Gesinde, und wenn die Erinnerung an Die, welche den benachbarten Wald durchstreiften, nur überhaupt sich ihrer Seele aufdrang, so verband sich damit die Sorgfalt, mit der sie Anstalten traf, ihren Bedürfnissen nach den Ermüdungen eines Tages voll so außerordentlicher Anstrengungen bei ihrer Heimkehr abzuhelfen. Dies war eine Pflicht, die nie mit Nachlässigkeit ausgeführt wurde. Ihre Lage war außerordentlich wohl dazu geeignet, die besten Gefühle einer Hausfrau zu nähren und zu begünstigen, da sie nur wenig Veranlassungen zuließ, sich andern als den natürlichsten Empfindungen zu überlassen; es war daher auch bekannt, daß sie diesen Gefühlen bei allen Gelegenheiten mit der ganzen Hingebung und Aufopferung ihres Geschlechtes nachkam.

»Dein Vater und seine Gefährten werden die Sorgfalt, 157 die wir für sie tragen, mit Vergnügen gewahren,« sagte die aufmerksame Frau zu ihrem jugendlichen Ebenbild, als sie anordnete, daß man eine mehr als gewöhnlich große Menge von Fleisch für die Jäger in Bereitschaft halten sollte. »Die Wohnung ist immer nach Mühen und Beschwerden am süßesten.«

»Ich fürchte, Bruder Marcus wird von dem Weg sehr erschöpft sein,« sagte das schon erwähnte Kind, das wir unter dem Namen Martha bei dem Leser eingeführt haben; »er ist zu jung, um mit so großen Männern, wie der starke Dudley, in die Wälder zu gehen.«

»Und der Heide,« fügte die etwas ältere Ruth hinzu, »er ist fast eben so jung als Marcus, wiewohl mehr an Beschwerden und Arbeiten gewöhnt. Es könnte sein, Mutter, daß er nie wieder zu uns zurückkäme.«

»Das würde unsern lieben Großvater sehr betrüben, denn Du weißt, Ruth, daß er Hoffnung hat, auf das Gemüth des Jünglings so einzuwirken, bis seine wilde Natur endlich der geheimen, verborgenen Kraft nachgiebt. Aber die Sonne sinkt hinter dem Hügel hinab, und der Abend rückt heran, kalt wie im Winter. Geh' an die Pforte und sieh' in die Felder hinaus. Ich möchte gern wissen, ob irgend ein Zeichen von Deinem Vater und seinen Leuten zu erspähen ist.«

Obgleich Ruth diesen Auftrag ihrer Tochter gab, vernachlässigte sie nichtsdestoweniger, ihre eigenen Kräfte in demselben angenehmen Dienste anzustrengen. Während die Kinder, wie sie geheißen worden, an das Außenthor gingen, stieg die Hausfrau selbst in das untere Zimmer des Blockhauses hinauf, und sah aus seinen verschiedenen Luftlöchern lang und ängstlich über die beschränkte Aussicht nach allen Richtungen hin. 158 Die Schatten der Bäume, welche die westliche Seite der Aussicht begrenzten, fielen schon weit über die breite, gefrorne Schneefläche, und die plötzliche Kälte, welche auf das Verschwinden der Sonne folgte, kündete den schnellen Anbruch einer Nacht an, welche den strengen Charakter des verflossenen Tages zu behaupten versprach. Ein eisiger Wind, der mit sich die kalten Lüfte der großen See'n gebracht, und der selbst über den natürlicheren Einfluß einer Aprilsonne triumphirt, hatte sich jedoch gelegt, und ließ eine Temperatur nach sich, die der nicht unähnlich war, welche man in den milderen Jahreszeiten auf den Gletschern der höheren Alpen antrifft.

Ruth war seit zu langer Zeit an solche Waldscenen, an einen so im Schooß des Mai's noch säumenden Winter gewöhnt, um der Zögernden wegen einige besondere Unruhe in sich zu fühlen. Aber die Stunde war jetzt herangekommen, wo sie Grund hatte, nach der Rückkehr der Jäger zu spähen. Mit der Erwartung, ihre Gestalten aus dem Walde hervortauchen zu sehen, kam auch die Besorgniß, welche eine untrennbare Begleiterin jeder getäuschten Hoffnung ist. Die Schatten wurden immer dunkler im Thal, bis sie sich zur Finsterniß der Nacht verdichteten, ohne auch nur die geringste Kunde von den Außenbleibenden zu bringen.

Wenn ein Zögern und Außenbleiben, das unter den Gliedern einer Familie in der Lage, wie die von Wish-Ton-Wish, sehr ungewöhnlich war, noch mit verschiedenen kleineren Beobachtungen zusammentraf, die man den Tag über gemacht hatte, so hielt man sich zu dem Glauben berechtigt, Gründe zu Befürchtungen und Besorgnissen würden mit jedem Augenblick mehr und mehr wahrscheinlich. Schon in einer frühen Stunde hatte man von entgegengesetzten Punkten in den Anhöhen 159 Schüsse fallen hören und dies auf eine zu deutliche Weise, um sie für den Wiederhall halten zu können; es war dies also ein sicherer, untrüglicher Beweis, daß die verschiedenen Glieder der Jagdgesellschaft sich in dem Wald vertheilt hatten. Unter solchen Umständen fiel es der Einbildungskraft eines Weibes und einer Mutter, der Einbildungskraft einer Schwester oder eines Mädchens, das sich vielleicht eine noch zärtlichere Theilnahme an einem der Jäger gestand, nicht schwer, die zahllosen Gefahren heraufzubeschwören, welche Jene, die solchen Unternehmungen sich unterzogen, wie man wußte, ausgesetzt waren.

»Ich fürchte, die Jagd hat sie weiter von dem Thale weggelockt, als für die jetzige Jahreszeit und Stunde angemessen ist,« bemerkte Ruth gegen ihre Mädchen, die sich in einer Gruppe an einem Punkte um sie versammelt hatten, von wo man so viel von dem gelichteten Lande um die Gebäude übersehen konnte, als die Finsterniß zulassen wollte; »der Ernsthafteste wird gedankenlos wie das unbesonnene Kind, wenn ihn der Eifer im Verfolg seiner Jagd mit fortreißt. Es ist die Pflicht älterer Köpfe, für jene zu denken, die der Erfahrung ermangeln; aber zu welchen unschicklichen Klagen verleiten mich meine Besorgnisse! Es kann sein, daß eben jetzt mein Gemahl seinen Haufen zu sammeln sucht, um zurückzukehren. Hat Jemand seine Muschel den Heimruf blasen hören?«

»Die Wälder sind still, wie an dem Tage, wo die Axt den ersten Nachhall in den Bäumen weckte,« erwiderte Fidel; »Ich hörte etwas, was fast tönte wie eine Melodie von des kreischendes Dudley's Gesängen, aber es zeigte sich, daß es nichts weiter war, als das Brüllen eines seiner eigenen Ochsen. 160 Vielleicht vermißt das Thier etwas von der Sorgfalt, die sonst sein Wärter ihm angedeihen ließ.«

»Whittal Ring hat nach dem Vieh gesehen, und er wird nicht versäumt haben, mit den andern auch Dudley's Heerde zu füttern. Dein Gemüth, Fidel, ist in Hinsicht dieses Mannes gar sehr dem Leichtsinn hingegeben. Es ist nicht passend, daß Jemand von Deinen Jahren und Deinem Geschlecht so großes Mißfallen schon bei dem Namen eines Menschen äußere, der von ehrbarem Charakter und ehrbaren Sitten ist, obwohl er dem Auge nicht einnehmend erscheinen und so wenig Gunst bei einer Person von Deiner Neigung finden mag.«

»Ich habe ja dem Manne seine Gestalt nicht gegeben,« sagte Fidel, sich in die Lippen beißend und den Kopf in die Höhe werfend, »auch liegt mir nichts daran, ob er einnehmend ist oder nicht. Was meine Gunst betrifft, so soll er, wenn er darnach fragt, nicht lange warten, bis er die Antwort erfährt. Aber ist nicht jene Gestalt der Bursche selbst, Madame Heathcote? Kommt er hier nicht von dem östlichen Hügel längst des Obstgartenpfades her? Die Gestalt, die ich meine, ist eben jetzt hier; Sie können sie in diesem Augenblick sehen, wie sie bei der Krümmung an dem Bache umwendet.«

»Da ist freilich Jemand, und es scheint selbst einer von unsrer Jagdgesellschaft zu sein; aber doch nicht von einer Gestalt und einem Gange, wie der des Eben Dudley. Du solltest Deine Blutsverwandten besser kennen, Mädchen; mir scheint es Dein Bruder zu sein.«

»In der That, es kann Ruben Ring sein; und dennoch hat die Gestalt viel von dem Aufgedunsenen des Andern, obgleich ihre Größe beinahe dieselbe ist, – die Manier, das Gewehr zu tragen, ist ebenfalls ziemlich dieselbe, wie die aller 161 andern Grenzbewohner, – man kann bei diesem dunkeln Licht die Gestalt eines Menschen nicht leicht von einem Baumstumpf unterscheiden und doch – doch glaube ich noch immer, es wird kein anderer sein, als der langsame Dudley.«

»Langsam oder nicht, er ist dennoch der Erste, der von dieser langen, beunruhigenden Jagd heimkehrt,« sagte Ruth, schwer aufathmend, als bedaure sie, daß dies so die Wahrheit sei. »Geh' an die Pforte und laß ihn ein, Mädchen. Ich ließ die Riegel vorschieben, denn ich liebe nicht zu dieser Stunde bei offenen Thoren eine Veste von weiblicher Besatzung vertheidigen zu lassen. Ich will in die Wohnung eilen, um zu sehen, daß zur Befriedigung der Hungrigen alles in Bereitschaft sei, denn es wird wohl nicht lange werden, so möchten wir noch mehrere von ihnen in der Nähe sehen.«

Fidel Ring gehorchte mit scheinbarer Gleichgültigkeit und ziemlichem Zögern. In dem Augenblick, wo sie die Stelle des Einlasses erreicht, sah man eine Gestalt der Anhöhe heraufsteigen, und die Richtung einschlagen, welche an dieselbe Stelle führte. Im nächsten Moment verkündete ein barsches Anklopfen, daß Jemand draußen stehe.

»Langsam, Meister Dudley,« sagte das ränkevolle Mädchen, das den Riegel schon mit der Hand gefaßt hatte, obwohl sie boshafter Weise noch zögerte, ihn zurückzuschieben. »Wir wissen, daß Du sehr kräftigen Arm's bist und doch würden kaum die Pallisaden bei Deiner Berührung fallen. Hier gibt's keine Simson, die Säulen über unsern Häuptern zusammenzureißen. Vielleicht könnten wir nicht geneigt sein, Denen Eingang zu gewähren, die so unvernünftig lange über die Zeit wegbleiben.«

»Oeffne die Pforte, Mädchen,« sagte Eben Dudley, »dann 162 werden wir aufgelegter sein, Dir Rede zu stehen, wenn Du etwas vorzubringen hast.«

»Vielleicht ist aber Deine Unterhaltung am angenehmsten, wenn eine Thür zwischen uns ist. Gib Rechenschaft über Deine Vergehungen während dieses ganzen Tages, reuiger Dudley, damit ich Erbarmen fühle gegen Deine Müdigkeit. Aber wenn der Hunger Dein Gedächtniß etwa ganz vernichtet haben sollte, so könnte ich Dir vielleicht helfen, Dich der einzelnen Vorfälle zu erinnern. Die erste Deiner Sünden war, mehr als Dein Theil von dem kalten Fleisch als Deine Portion ausmachte, verzehrt zu haben; die zweite, daß Du Ruben Ring das Wild jagen ließest und für Dich es in Anspruch nahmst, und die dritte war die Laune, die Du hast, so sehr auf Deine eigene Stimme zu hören, daß selbst das Wild aus Mißfallen an Deinem Geräusch Dich floh.«

»Du scherzest zur Unzeit, Fidel; ich muß ohne Aufschub mit dem Capitain sprechen.«

»Es könnte sein, daß er besser beschäftigt ist, um solche Gesellschaft zu begehren. Du bist nicht das einzige fremde Thier, schon viele haben vor dem Thor von Wish-Ton-Wish gebrüllt.«

»Ist vielleicht Jemand im Laufe des Tages angekommen, Fidel?« fragte der Grenzmann mit einer theilnehmenden Neugierde, wie sie natürlich ein solcher Vorfall in dem Gemüth eines Mannes erregen mußte, der gewöhnlich in so großer Zurückgezogenheit lebte.

»Was sagst Du zu einem zweiten Besuch des galanten Fremden, der uns letztvergangenen Herbst mit so vielen lustigen Gesprächen unterhalten hat. So einen Gast zu empfangen 163 lohnt doch noch der Mühe! Ich stehe dafür, der sollte mir nicht zweimal anzuklopfen nöthig haben.«

»Der Tapfere thät besser daran, sich vor dem Mond in Acht zu nehmen!« rief Dudley und stieß den Kolben seiner Muskete mit solcher Gewalt auf das Eis, daß seine Gefährtin erschreckt davor zurückbebte. »Welche Narrenbotschaft hat ihn wieder veranlaßt, sein Pferd so tief in den Wald einzuspornen?«

»Nun, nun, Dein Verstand und Witz ist immer dem eines ungezähmten Füllen gleich, ein halsstarriger Ausreißer. Ich sagte ja nicht im Ernst, daß der Mann angekommen wäre, ich wollte nur Deine Meinung darüber hören, im Fall, daß er unerwartet anlangen sollte, obgleich ich gar nicht sicher bin, daß irgend Jemand hier sein Gesicht je wieder zu sehen erwartet.«

»Das ist thörichtes Geschwätz,« entgegnete der Mann, über sich selbst aufgebracht, daß er unvorsichtigerweise Eifersucht verrathen hatte. »Ich sage Dir, den Riegel wegzuschieben; denn ich muß dringend nothwendig mit dem Capitain oder seinem Sohne sprechen.«

»Dem Ersteren kannst Du Dein Herz ausschütten, wenn er dem, was Du zu sagen hast, zuhören will,« entgegnete das Mädchen, und schob jedes Hinderniß weg, das sich seinem Eintritt entgegenstellte, »aber der Andere könnte Dir eher Gehör geben, wenn Du am Thor bliebest, da er noch nicht aus dem Walde zurückgekommen ist.«

Dudley trat vor Schreck einen Schritt zurück und wiederholte ihre Worte mit einem Ton, worin sich das Gefühl der Bestürzung und der Besorgniß mit dem des Erstaunens mischte.

164 »Noch nicht aus dem Wald zurück?« sagte er: »sicher ist jetzt Niemand mehr draußen, da ich zu Hause bin!«

»Was sagst Du da? Ich habe Scherz mit Dir getrieben, mehr zur Vergeltung früherer Vergehungen, als wegen eines Versehens, das Du Dir jetzt hättest zu Schulden kommen lassen. Weit entfernt, daß Du der letzte wärst, bist Du vielmehr der erste von den Jägern, die wir bis jetzt von ihrem Zuge haben zurückkehren gesehen. Geh' hinein zur Madame, zögere nicht länger, und unterrichte sie von der Gefahr, wenn eine solche wirklich vorhanden ist, damit wir schnelle Maßregeln zu unserer Sicherheit treffen.«

»Das würde nun freilich wenig helfen,« murmelte der Grenzmann sinnend. »Bleib' Du hier und bewache die Pforte, Fidel; ich will zurück in die Wälder; denn ein Zuruf zu rechter Zeit oder ein Signal aus meiner Muschel gegeben, dürfte ihre Schritte beschleunigen.«

»Welcher Wahnsinn hat Dich befallen, Dudley. Du willst doch nicht zu dieser Stunde und allein wieder in den Wald gehen, wenn in der That Grund zur Furcht und Besorgniß da ist. Komm weiter in's Thor, Mann, damit ich den Riegel vorschiebe, Madame wird sich ohnedies wundern, daß wir hier so lange verweilen.«

»Ha! Ich höre Fußtritte auf der Wiese; ich merke es an dem Knistern des Schnee's; die Andern säumen nicht länger, sie kommen schon.«

Ungeachtet der anscheinenden Gewißheit des Mannes, daß dies seine Jagdgenossen seien, zog er sich doch, statt hinauszugehen und seine Freunde zu bewillkommen, einen Schritt weiter zurück, und schob mit eigener Hand den Riegel vor, welchen das Mädchen vorher befestigen wollte, auch trug er zu 165 gleicher Zeit Sorge, einen Schwebebalken herabfallen zu lassen, welcher den Befestigungen der Pforte neue Stärke und Sicherheit verlieh. Seine Befürchtungen waren jedoch, wenn er diese hegte, und ihn zu solcher Vorsicht veranlaßt hatten, ganz und gar unnöthig, denn ehe er nur noch Zeit hatte, weitere Schritte zu thun, oder selbst deren auch nur zu ersinnen, ward schon Einlaß von der wohlbekannten Stimme des Sohnes jenes Mannes begehrt, den man als den Eigenthümer des Thals betrachtete. Der Lärm der Ankunft, – denn mit Contentius traf der ganze mit Wildpret beladene Haufe der Jäger ein, – machte dem Gespräch ein Ende. Fidel ergriff diese Gelegenheit, sich im Dunkel wegzuschleichen, und ihrer Gebieterin die Rückkehr der Leute anzuzeigen, ein Dienst, den sie leistete, ohne nur im Geringsten in die Einzelnheiten ihrer eignen Unterredung mit Eben Dudley einzugehen.

Es ist unnöthig, uns über die Freude auszulassen, mit der Ruth ihren Gemahl und Sohn nach der Unruhe, die sie ihrethalben eben erst erfahren hatten, empfing. Obgleich die strengen Sitten der Provinz keine grelle Darlegung vorübergehender Bewegungen zuließen, so herrschte doch heimliche Freude in den milden Augen, und glühte auf den gerötheten Wangen der umsichtigen Hausfrau, während sie sich selbst den Verrichtungen und Anordnungen bei dem Abendessen unterzog.

Die Jagdgesellschaft war heimgekehrt, ohne außerordentlichen Vorfällen begegnet zu sein, auch schien Keiner außer ihr durch jenes ernste Aeußere beunruhigt, das man so deutlich in der Haltung Dessen bemerkt hatte, der ihnen vorausgegangen. Im Gegentheil, Jeder hatte seine ruhige Geschichte zu erzählen, manchmal vielleicht auf Unkosten eines unglücklichen Gefährten und oft wohl auch, damit kein Theil der 166 eigenen Geschicklichkeit als Jäger unbekannt bleibe. Das Ausbleiben wurde, wie ähnliche Verzögerungen gewöhnlich erklärt werden, durch die Entfernung und die Lockungen einer ungewöhnlich glücklichen Jagd entschuldigt. Der Appetit der Leute, die den Tag über mit jener anstrengenden Arbeit zugebracht, war nicht minder scharf, als die Speisen lockend, daher verfloß die erste halbe Stunde, wie alle solche halben Stunden vorüberzugehen pflegen, schnell mit den gesprächigen Erzählungen von besondern Thaten und mit Geschichten von Wild, das nur um ein Haar noch ihnen entgangen war, und welches, hätte sich das Glück nicht gar zu ungünstig gezeigt, jetzt auf dem Tisch zugegen sein würde, als Trophäe der Geschicklichkeit der Hand, die es erlegt. Erst nachdem persönliche Eitelkeit hinlänglich befriedigt war, und als der Hunger selbst eines Grenzbewohners nichts mehr zu leisten vermochte, begannen die Jäger mit etwas mehr Mäßigung um sich zu schauen, und die Vorfälle des Tages mit gehöriger Ruhe und einer ihrer gewöhnlichen Selbstbeherrschung entsprechenden Besonnenheit durchzugehen.

»Wir verloren den Ton Deiner Muschel, herumirrender Dudley, als wir in den Hohlweg des Gebirges kamen,« sagte Contentius bei einer Pause im Gespräch, »seit dieser Zeit hat weder Auge noch Ohr von Einem unter uns die geringste Spur von Deinen Bewegungen gehabt, bis wir Dich an der Pforte in der Stellung eines Spähers auf der Wache trafen.«

Der Angeredete hatte überhaupt an dem aufgeräumten Gespräche dieses Abends keinen Theil genommen. Während Andere ohne Rückhalt aßen oder sich in die ruhigen Scherze mischten, welche den Lippen selbst solcher Männer manchmal 167 entfuhren, die durch Nüchternheit und Ernst sich so sehr auszeichneten, während dieser ganzen Zeit hatte Dudley nur spärlich Nahrung zu sich genommen. Auch hatten sich die Muskeln seines rauhen Antlitzes nicht ein einziges Mal zu einem Lächeln verzogen. Ein so ungewöhnlich ernstes, stilles Wesen an einem Manne, an dem man so selten beide Eigenschaften zu finden gewohnt war, verfehlten nicht, Aller Aufmerksamkeit auf ihn hinzuziehen. Man schrieb dies Benehmen allgemein dem Umstand zu, daß er mit leeren Händen von der Jagd zurückgekehrt, und nun, da ein Mann von solchem Ansehen, wie Contentius, es für angemessen gehalten, dem Gespräch diese Richtung zu geben, wollte man den Mann, der sich dem Anschein nach ein Vergehen zu Schulden kommen lassen, nicht ganz ungerupft davon kommen sehen.

»Unser Metzger hat bei dem heutigen Jagen und Schlachten nicht viel zu thun,« sagte einer der jüngeren Männer; »als Strafe für seine Entfernung von dem Jagdplatze sollte man ihn nöthigen, auf den Hügel zu gehen und die zwei Böcke einzubringen, die er an einem Ahornaste nahe der Trinkquelle wird hängen finden. Unser Fleisch sollte eigentlich auf die eine oder die andere Art durch seine Hände gehen, weil es sonst vielleicht alles Geschmackes entbehren möchte.«

»Schon vom Tode des irrgegangenen Schöpses an hat Eben Dudley's Geschäft immer stillegestanden,« fügte ein Anderer hinzu; »der niedergebeugte junge Mann sieht ganz so aus, als wäre er bereit, dem ersten besten Fremden, der es verlangen würde, sein Amt zu überlassen.«

»Thiere, die frei herumlaufen, geben weit besseres Fleisch, als ein gemästeter Hammel,« fuhr ein Dritter fort; »und dadurch wurde vor dieser Jagd seine Kundschaft etwas sehr 168 gering. Ohne Zweifel hat er einen hinlänglichen Vorrath für Alle, welche etwa Wildpret in seinem Stall suchen wollten.«

Ruth bemerkte, daß das Antlitz ihres Gemahls ernst wurde, als diese Anspielungen auf einen Gegenstand übergingen, von dem er, wie es geschienen hatte, immer gewünscht, daß man ihn vergessen möchte. Sie schlug sich daher in's Mittel, in der Absicht, die Gemüther Derer, die zuhörten, wieder zurück zu einem Gegenstand zu bringen, der zum Besprechen sich weit besser eignete.

»Wie ist das!« rief sie eilig aus; »hat der starke Dudley etwas von seiner Kraft und seiner Geschicklichkeit verloren? Habe ich doch nie mit mehr Gewißheit auf Vorrath für den Tisch gezählt, als wenn er auf die Hügel nach dem fetten Wild oder dem zarten Auerhahn ausgesandt wurde. Es würde mich sehr betrüben, zu hören, daß er seine Jagdgeschicklichkeit zu verlieren anfange.«

»Der arme Mann wird aus Ueberfüllung des Magens melancholisch,« murmelte die boshafte Stimme einer Person, die in einem entlegenen Theil des Zimmers sich mit den Schüsseln und Gefäßen zu thun machte. »Er macht seine Jagdübungen allein, damit Niemand sein Mißlingen gewahre. Ich glaube, er ist ziemlich geneigt, über's Meer zu gehen, um Soldat zu werden.«

Bis jetzt hatte der Gegenstand dieser Angriffe voll Laune und Fröhlichkeit mit einer Miene zugehört, als vertraue er zu sehr seinem festbegründeten Rufe, um Aerger zu fühlen; aber als er die Worte aus dem Munde der Person, die zuletzt gesprochen, vernahm, faßte er seinen buschigen Backenbart mit der Hand, und einen vorwurfsvollen, gereizten Blick auf 169 das schon halb reuige Antlitz der Fidel Ring werfend, kehrte seine ganze natürliche Lebendigkeit zurück.

»Es kann sein, daß meine Geschicklichkeit mich verlassen hat,« sagte er, »und daß ich lieber allein bin, als mich langweilen lasse in der Gesellschaft gewisser Leute, die ich wohl nennen könnte; denn was brauche ich Rücksicht gegen die stattlichen Krieger zu nehmen, die in der Colonie hin- und herreiten und üble Gedanken ehrlicher Leute Töchtern in den Kopf setzen; aber warum soll ich denn ganz allein das Kleingewehrfeuer Eurer Witzeleien und Launen aushalten, da es doch noch Einen gibt, der, wie es scheint, noch viel weiter von Eurer Spur abgeschweift ist, als ich.«

Ein Auge begegnete dem andern, und jeder Anwesende mühte sich durch hastige Blicke auf das Antlitz aller übrigen in der Gesellschaft zu erforschen, wer der Fehlende wohl sein möchte. Die jungen Grenzbewohner schüttelten die Köpfe, als sie die Züge jedes wohlbekannten Antlitzes wieder erkannten, und eben wollten sie fast Alle auf einmal laut bemerken, daß Niemand fehle, als Ruth ausrief:

»In der That, der Indianer fehlt!«

Die Furcht vor Gefahr von Seiten der Wilden war in der Brust Derjenigen, welche jene entblößte Grenze bewohnten, so lebendig und beständig, daß Alle bei diesen Worten durch einen plötzlichen und gemeinsamen Antrieb auffuhren, und jeder Einzelne sich mit einem Erstaunen umsah, das mit Schrecken nicht wenig Aehnlichkeit hatte.

»Der Knabe war noch bei uns, als wir den Wald verließen,« sagte Contentius nach einem Augenblick von Todesstille. »Ich sprach zu ihm und lobte seine Thätigkeit und Kenntniß, die er beim Durchforschen der verborgenen 170 Zufluchtsörter des Wildes gezeigt hatte, obgleich wenig Ursache vorhanden ist, zu glauben, daß meine Worte verstanden wurden.«

»Und wäre es nicht sündlich, solch eine feierliche Versicherung bei einer so geringfügigen Sache anzuführen, so könnte ich auf das Evangelium selbst beschwören, daß er an meiner Seite war, als wir in den Obstgarten traten,« fügte Ruben Ring hinzu, ein Mann, der in der kleinen Ansiedelung der Schärfe seines Gesichts wegen berühmt war.

»Und ich will jede Art von gesetzmäßigem oder gewissenhaftem Schwur oder Erklärung ablegen, daß er nicht zur Pforte hereingekommen ist, als ich sie mit eigener Hand öffnete,« entgegnete Eben Dudley; »ich zählte die Anzahl der Eintretenden, als Ihr bei mir vorüberginget, und ich bin ganz gewiß, daß keine Rothhaut mit hereinkam.«

»Kannst Du uns irgend eine Auskunft über den Knaben geben?« fragte Ruth, die sich schnell Besorgnissen in Hinsicht eines Menschen überließ, der so lange ihre Sorgfalt in Anspruch genommen und ihrer Einbildungskraft so viel Nahrung gegeben hatte.

»Ich weiß von ihm nichts zu sagen. Bei mir ist er seit Mittag nicht gewesen. Ich habe von diesem Augenblick an kein menschliches Antlitz gesehen; es müßte denn sein, daß man eine Erscheinung von sehr seltsamer, geheimnißvoller Art, auf die ich in dem Walde gestoßen bin, zu den menschlichen rechnen wollte.«

Die Weise, in der der Waldmann sprach, war zu ernst und natürlich, als daß sie nicht in seinen Zuhörern selbst etwas von seinem eigenen düstern Wesen hätte hervorbringen sollen. Vielleicht trug auch die Erscheinung des Puritaners 171 in diesem Augenblicke dazu bei, den Leichtsinn niederzuschlagen, der in den Gemüthern der jungen Leute die Oberhand behalten hatte; wenigstens ist gewiß, daß, als er eintrat, eine allgemeinere neugierige Theilnahme sich in den Gesichtern aller Gegenwärtigen zeigte. Contentius wartete einen Augenblick in ehrerbietigem Schweigen, bis sein Vater langsam durch ihren Kreis geschritten, und dann schickte er sich an, eine Sache weiter zu untersuchen, die einen Anschein anzunehmen begann, der sie zu einem Gegenstande machte, welcher einer näheren Untersuchung wohl werth war. 172

 

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