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Die Bescholtenen

Eugen Hermann von Dedenroth: Die Bescholtenen - Kapitel 9
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typefiction
authorEugen Hermann von Dedenroth
titleDie Bescholtenen
publisherBibliothek der Unterhaltung und des Wissens
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firstpub1880
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8.

Die Kur, welche Eduard angeordnet, wirkte ausgezeichnet, sie hatte vielleicht deshalb besonders günstige Wirkung, weil der General nicht nur eine sehr strenge Diät hielt und auch leichte Weine nur sehr mäßig genoß, sondern auch in Folge dieser Diät seine ganze Lebensweise änderte. – Da er den schweren Weinen entsagen mußte, so gab er die L'hombre-Parthien mit seinen Zechbrüdern auf, bei denen bis spät in die Nacht hinein gespielt und Burgunder getrunken wurde, er ging früher zu Bette und da die nervöse Ueberreizung aufhörte, fand er gesunden Schlaf und brauchte kein Morphium mehr zu nehmen. Die Folge hievon war wieder, daß er auch des Morgens heiterer Laune war, sich froh und wohl fühlte. Er nannte Eduard einen Zauberer, der ihn verjüngt habe, und pries dessen Kunst überall.

Die Veränderung, welche mit dem General vorgegangen war, gefiel natürlich den Herren aus *** sehr wenig, welche ihm sonst im L'hombre täglich viele Thaler abgewonnen und bei ihm gezecht hatten; Doktor Manders, den der General als Hausarzt verabschiedet hatte, zuckte die Achseln und sagte, der Herr v. Trotten könne leicht kuriren, wenn das Fräulein von Trotten den alten Herrn zu der Diät veranlasse, die er, Manders, vergeblich gefordert habe, und die allgemeine Meinung in *** war, Fräulein v. Trotten sei eine raffinirte Intriguantin, die den General noch dahin bringen werde, sie zu heirathen und alle seine Verwandten zu enterben. Wußte man es doch von Manders, daß der General eines Abends nach einem Streite mit Margareth, wo es sich um ihr Gehen oder Bleiben gehandelt habe, sein Testament verändert hatte, sagte es doch Kleber Jedem, der es hören wollte, die Trotten arbeite dahin, den General seinen Verwandten völlig zu entfremden, alle treuen Diener von ihm zu entfernen und durch ihre Kreaturen zu ersetzen, auch ihm sei gekündigt. Der General habe ihm freilich ehedem versprochen, ihn nie zu entlassen und seine Zukunft zu sichern, aber das Fräulein habe ihn überredet, sein Wort zu brechen und sich an einen alten Kontrakt zu halten, nach welchem halbjährige Kündigung gestattet sei.

Es gab jedoch Personen in ***, welche Kleber's Vertrauen ganz besonders genossen und diesen theilte er mit, Fräulein v. Trotten werde sich doch vielleicht verrechnen, es sei etwas im Werke, was leicht ihren Intriguen ein Ende machen und dem General über ihren Charakter die Augen öffnen könne.

Es bestraft sich immer, wenn man gegen schlechte Menschen Nachsicht übt und aus falscher Gutmüthigkeit, aus Scheu, seine Macht gegen einen Feind zu mißbrauchen, Jemand schont, der es uns nie vergeben kann, daß wir ihn durchschaut und seine Wege durchkreuzt haben.

Margareth sollte das erfahren. Ihre Gutmüthigkeit hatte Kleber die sofortige Entlassung erspart, der General hatte ihm nur gekündigt, Margareth glaubte vielleicht, Kleber zeige sich jetzt bescheiden und diensteifrig, um volle Verzeihung zu erhalten, sie ahnte es nicht, welchen giftigen Haß dieser Mensch gegen sie im Herzen trug, welche Rache er ihr geschworen, welcher Heuchelei und Infamie er fähig war. Kleber verstand es, dem General durch Aufmerksamkeit und Diensteifer sich unentbehrlicher als je zu machen und, während er Margareth gegenüber den Reuigen spielte Verleumdungen aller Art über sie in den Kreisen zu verbreiten, welche den Umgang des Generals bildeten. Der Besuch von Damen aus Schloß Seebach wurde seltener, und kam solcher, so zeigten sich die Damen gegen Margareth kühl, förmlich und zurückhaltend, selbst Klara von Holm, welche sich Margareth so sympathisch genähert, zog plötzlich sich von ihr zurück.

Arglose Naturen bemerken dergleichen erst spät, sie erklären sich ein verändertes Benehmen ihres Umganges harmlos, legen demselben keine tiefere, viel weniger eine verletzende Bedeutung bei. Da trafen plötzlich auf Seebach von der Residenz das Fräulein v. Stolzenhain und von Breslau der Geheimrath Sorben ein, als hätten sie sich ein Rendez-vous daselbst verabredet, sie erschienen unangemeldet an demselben Tage auf dem Schlosse.

Der Geheimrath war Margareth schon bekannt. Anstatt ihr abzuschreiben, wie der General es damals gewollt, als er Margareth noch nicht gesehen, hatte er Margareth den Rath gegeben, trotz Allem nach Seebach zu fahren, sie werde dem alten Herrn schon gefallen. Margareth hatte dies Billet erst erhalten, als die Prophezeiung sich schon erfüllt, und mit Sorben darüber gelächelt, als er einmal nach Seebach kam. Der Geheimrath hatte sie mit Auszeichnung behandelt, er konnte nicht genug anerkennen, wie vortrefflich die Ordnung in Allem sei und welchen vortheilhaften Einfluß sie auf seinen Onkel übe. Heute trat er ihr gegenüber, als sei sie ihm eine völlig fremde Dame, kalt und gemessen höflich war sein Gruß, er wandte sich ab, ohne ein Wort mit ihr zu reden.

Das Fräulein Agathe v. Stolzenhain war eine hagere Dame in der Mitte der Vierziger, groß und von steifer Haltung, sehr elegant gekleidet und mit allen möglichen Toilettegegenständen, welche fehlende und verlorene Reize ersetzen sollen, ausgestattet. Sie erwiederte die Verbeugung Margareth's nur durch ein herablassendes Kopfnicken und musterte das Fräulein in einer Weise, die Margareth veranlaßte, unter dem Vorwande, sie sei beschäftigt, den Salon zu verlassen.

Der General, welcher seine Verwandten schon begrüßt hatte und Zeuge dieser Behandlung Margareth's war, sagte, als dieselbe den Salon verlassen, in finsterem Tone: »Es scheint, Ihr seid nur deshalb so überraschend gekommen, damit ich vorher keine Muße hätte, Euch zu sagen, wie wohl ich mich jetzt fühle und wie ich wünsche, daß meine Gäste anerkennen, wem ich das verdanke.«

»Natürlich dem Fräulein,« sagte Agathe spöttisch, »eine hübsche Person, aber –«

»Lasse mich lieber sprechen,« nahm der Geheimrath sie unterbrechend das Wort, denn er sah es seinem Onkel an, daß dieser zornig auffahren wollte, »ich bin ruhiger als Du.«

Fräulein Agathe rümpfte die Nase, der General schaute seinen Neffen ungeduldig, befremdet, mit finsterer Miene an.

»Lieber Onkel,« begann der Geheimrath, »Du hattest stets ein hohes Gefühl für Ehre, für den unbefleckten Ruf Deines Namens, für das Ansehen Deiner Familie in der Welt, und im Vertrauen hierauf soll ich im Namen aller unserer Verwandten Dir eine Vorstellung machen.«

»Das ist ja eine sehr feierliche Einleitung,« brummte der General, die Stirne kraus ziehend. »Hoffe, daß Nienland daran zweifelt, daß ich selber meine Ehre und die unseres Namens zu bewahren weiß.«

»Es zweifelt Niemand daran, aber oft täuscht man sich über den Eindruck, den unsere Handlungen auf andere Menschen machen und ahnt nicht, daß sie mit Recht Anstoß daran nehmen können. Du wirst es bemerkt haben, daß Deine Verwandten sich mehr und mehr von Dir zurückziehen, daß unsere Beziehungen zu einander kühler geworden sind, und daß auch Deine Gutsnachbarn sich auf Seebach seltener blicken lassen als sonst.«

Das Antlitz des Generals färbte sich purpurn. »Du scheinst nur einen Schimpf in's Antlitz werfen zu wollen,« sagte er mit bebender Stimme. »Du wirst vertreten, was Du wagst.«

»Keinen Schimpf, Oheim, aber eine Warnung. Ueberall erzählt man es sich als offenes Geheimniß, daß Du Deine Gesellschafterin Fräulein v. Trotten heirathen willst und ihr schon Dein Erbe verschrieben hast.«

»So! Das erzählt man sich! Wer sagt das?«

»Alle Welt. Man sagt, daß Fräulein v. Trotten schon nicht mehr wie eine Angestellte, sondern wie die Herrin auf Seebach sich geberde, daß Du Dich völlig von ihr leiten lässest, daß sie ihre Verwandten herzieht und Dich den Deinen entfremdet.«

Das Antlitz des Generals flammte, aber er unterdrückte noch die in ihm kochende Leidenschaft, ein bitter höhnisches Lächeln verzerrte seine Züge. »Wenn die Leute sich mit solchem Geschwätz amüsiren,« versetzte er, »so kann ich's nicht hindern, wer's mir aber wiedersagt, anstatt sie Lügner zu schelten, soll's vertreten. Du hast mir diese Dame engagirt. Sie ist von Adel und gut erzogen. Sie macht mir das Leben angenehm, das mir Andere zur Hölle gemacht. Wenn sie noch nicht meinen Namen trägt, so ist das ihre Schuld, ich bot ihr meine Hand an, denn ich achte und verehre sie. Es ist also eine infame Lüge, daß sie ehrgeizige Pläne verfolgt, sich überhebt, sich etwas erschleichen will. Ich bin Herr in meinem Hause und thue, was ich will. Aber Du scheinst es für eine Schande zu halten, wenn ich Fräulein v. Trotten meinen Namen gäbe, damit greifst Du ihre Ehre an. Ich fordere, daß Du mir sagst, wodurch sie der Ehre unwürdig wäre, die Frau eines Cavaliers von meinem Range zu werden. Kannst Du das nicht, so ist Dein Angriff auf sie ein erbärmliches Bubenstück –«

»Verhandeln wir in höflicher Form!« unterbrach der Geheimrath den General, während Fräulein v. Stolzenhain vor Entsetzen über die Mittheilungen des alten Herrn ohnmächtig zu werden schien. »Ich habe Dir Fräulein von Trotten als Gesellschaftsdame empfohlen. Ich habe ihren Ruf so wenig angegriffen als ihren persönlichen Werth, und wenn sie Deinen Antrag, sie zu heirathen, abgelehnt hat, so ist sie verleumdet, aber sie erkennt dann selber an, daß sie für solche Auszeichnung nicht paßt und hätte, wenn sie richtigen Takt besäße, ihre Stellung aufgeben müssen. Es ist nicht Sitte und wird in der ganzen Welt als unverzeihliche Schwäche ausgelegt, wenn ein Cavalier eine Dame heirathet, die in abhängiger Stellung bei ihm war, er macht dadurch sein bisheriges Verhältniß zu ihr zweideutig und fordert alle Welt zu dem Argwohn heraus, die Betreffende für eine Intriguantin zu halten, welche ihren Einfluß und Deine Schwäche ausgebeutet hat, um sich in eine höhere Stellung zu bringen, in eine Stellung, die Du ihr nicht anbieten mochtest, als Du sie für einen untergeordneteren Posten engagirtest.«

»Das sind Spitzfindigkeiten!« murmelte der General, auf den die Worte doch nicht ohne Eindruck geblieben waren. »Ich kannte sie damals nicht. Die ganze Sache ist nicht der Rede werth, da sie gar nicht meine Gemahlin werden will.«

»Du täuschest Dich Oheim. Wenn Du es zugibst, daß Du in ein solches Verhältniß zu ihr getreten bist, so haben die Leute Recht, welche sagen, die Stellung der Dame wäre eine falsche geworden. Sie mußte Deinen Antrag annehmen oder Schloß Seebach verlassen.«

»Sie wollte das auch, aber sie hat meinen Bitten zu bleiben unter der Bedingung nachgegeben, daß ich nie wieder auf jenes Thema zurückkommen solle – es ist auch jetzt nur im Eifer, in den mich Deine Mittheilung versetzt hatte, geschehen, daß ich desselben Erwähnung that. Ich kann und will sie nicht mehr entbehren.«

»Dann darfst Du Dich nicht wundern, wenn Jedermann sich von Dir zurückzieht und der Argwohn auf der Dame haftet, sie entfremde Dich Deinen Blutsverwandten. Ich trachte nicht nach Deinem Erbe, denn ich bin reich genug, aber Du hast arme Verwandte, die ein Recht dazu haben, von Dir zu erwarten, daß Du das Familienvermögen, welches Du von einem Sorben geerbt hast, nicht einer Fremden zuwendest.«

Der General erröthete bei diesen Worten heftig. »Man soll abwarten, was ich thue,« erwiederte er, »und dann darüber schwatzen. Noch bin ich am Leben, und wenn ich merke, daß Jemand auf meinen Tod rechnet, so werde ich ihm gewiß nichts vermachen. Aber man haßt die Trotten, weil sie mich pflegt, weil sie mir nicht, wie Andere es versucht, durch Aerger Nägel in den Sarg schlägt.«

»Empörend!« rief Agathe. »Karl, verlassen wir dieses Haus. Du siehst es, daß diese Person es dahin gebracht hat, daß der Onkel das Schlechteste von uns glaubt.«

»Man nenne Fräulein v. Trotten mit Achtung!« herrschte der General.

»Mäßige Dich, Agathe,« nahm der Geheimrath wieder das Wort und hielt die Dame zurück, welche Miene machte, das Zimmer verlassen zu wollen. »Der Onkel bedarf einer Pflegerin und nach den Aufschlüssen, die er uns gegeben, ist Fräulein v. Trotten stark verleumdet. Denken wir uns in die Verhältnisse hinein, so finde ich es sogar erklärlich, daß sie den Wünschen des Onkels nachgegeben hat und trotz seines Antrages auf Seebach geblieben ist. Sie hat hier ihr Brod, eine angenehme Stellung und findet Anerkennung ihrer Thätigkeit. Sie kann auf den Vorwurf ehrgeiziger Intriguen durch Berufung auf eine Handlungsweise antworten, die jeden Argwohn widerlegt. Der Onkel bedarf ihrer; wenn wir vermittelnd auftreten, anstatt einen schroffen Bruch herbeizuführen, kann Alles gut werden.«

»Das ist vernünftig gesprochen,« rief der General. »Man muß das Geschwätz der Leute Lügen strafen.«

»Gewiß wäre das das beste Mittel zum Zweck,« entgegnete der Geheimrath, »unser Ziel ist doch, Friede in der Familie und Sorge dafür, daß unser alter Onkel der ihm lieb gewordenen Pflege nicht entbehrt. Ich mache den Vorschlag, daß Du, Agathe, wieder nach Seebach ziehst, nicht als Gesellschaftsdame des Onkels, sondern als Gast. Du wirst Dich mit Fräulein v. Trotten zu stellen suchen, sie wird die Cousine ihres Brodherrn respektiren und jede Verleumdung wird verstummen.«

Der General schnitt ein Gesicht, als hoffe er, nicht in den sauren Apfel beißen zu müssen, aber wenn auch Agathe sich empört über diese Zumuthung stellte, so antwortete sie doch nicht geradezu ablehnend. »Unmöglich,« rief sie. »Ich soll mich dazu hergeben, durch meine Anwesenheit das Ansehen des Fräuleins v. Trotten wieder herzustellen und dafür vielleicht Malicen von ihr hören? Sie weiß es, daß ich sie nicht verehre wie unser Onkel, er wird stets ihre Partei ergreifen – nein – so gern ich auch dem theuren Onkel beweise, daß auch seine Verwandten Liebe zu ihm haben und ihn mit Freuden pflegen, wenn er mich so höflich behandelt wie die Fremde – es wird nicht gehen.«

»Es muß gehen,« versetzte der Geheimrath, »wenn Du nur willst. Wenn Du stets daran denkst, daß Fräulein v. Trotten unserem Onkel werth ist, daß sie als Pflegerin desselben unsere Dankbarkeit und unsere Achtung verdient, so wird sie Dir die nöthige Rücksicht erweisen, oder der Onkel wird das von ihr fordern.«

Die anfänglich so stürmische, eine Katastrophe androhende Unterredung endete mit Annahme des Vorschlages, den der Geheimrath gemacht, zu allseitiger Befriedigung, wenn auch die letztere vom General und von Agathe nur zögernd zugestanden wurde. Agathe hatte vielleicht nichts Besseres gehofft, nachdem sie eingesehen, daß eine Entlassung der Trotten nicht durchzusetzen sei, der General aber hatte sich mehr und mehr den Eindrücken hingegeben, welche die Worte Karl's hervorgerufen. Es war richtig, daß die Besuche auf Seebach seltener geworden, er mochte nicht für einen Mann gelten, der sich von einem intriguanten Weibe beherrschen ließ, und er fühlte sich durch den Vorwurf getroffen, daß er unrichtig handle, wenn er das Familienvermögen der Sorben armen Verwandten entziehe.

Von diesem Gesichtspunkte aus hatte er noch nie das Verfügungsrecht über sein Vermögen betrachtet, noch nie hatte er sich gesagt, daß ebenso gut wie er ein Recht gehabt, das Erbe eines Sorben anzutreten, andere Familienglieder darauf ein Anrecht hatten, wenn er kinderlos starb. Es entsprach diese Auffassung ganz seinen aristokratischen Gefühlen, aber sie hatte in ihm erst angeregt werden müssen, da er seine Verwandten in Folge von Reibungen mit denselben kaum noch als solche betrachtet hatte, und weil er überhaupt sich durch momentane Eindrücke leicht dazu bringen ließ, seine sonstigen Grundsätze zu vergessen.

Als Margareth zur Tafel erschien, war sie sehr überrascht, daß Fräulein v. Stolzenhain, die sich vorhin verletzend hochfahrend gezeigt, eine entgegenkommende Freundlichkeit zur Schau trug, der man freilich das Erkünstelte anmerkte. Die Absicht war jedoch schon anerkennenswerth. Der Geheimrath zeigte sich ausgesucht höflich, der General dagegen war zerstreut, einsilbig und schien bei sich darbietender Gelegenheit zeigen zu wollen, daß seine Alleinherrschaft im Hause durchaus keine Beschränkung erfahren habe, so kündete er auch Margareth einfach an, daß seine Cousine, Fräulein v. Stolzenhain, ihren Besuch auf Seebach auf längere Zeit, »hoffentlich dauernd«, ausdehnen werde.

»Ohne Ihnen in Ihrem Wirkungskreise zu nahe zu treten,« bemerkte Fräulein Agathe erläuternd, »nur als Gast.«

Der General zog sich nach der Tafel zurück und verweilte länger als sonst in seinen Gemächern. Gegen Abend gab er Kleber einen Brief, der die Adresse seines Notars trug, zur Bestellung nach ***; als aber Kleber seine Freude darüber aussprach, daß das Fräulein v. Stolzenhain, wie er gehört, wieder auf Seebach wohnen wolle, fuhr er den Vorwitzigen mit einer Heftigkeit an, wie selbst Kleber sie noch nicht an ihm gekannt. »Infamer Schuft,« rief er, und seine Stimme zitterte vor Erregung, »es wird über Vorgänge in meinem Hause niederträchtig geklatscht. Ich kenne den Schurken, dem ich das verdanke. Er ist's. Werd's Ihm aber lohnen und in's Attest schreiben. Morgen scheert Er sich aus dem Hause, zahle Ihm lieber Seinen Bettellohn umsonst, als daß ich Ihn behalte. Fort!«

Der General donnerte so gewaltig, daß seine Stimme durch das halbe Schloß hallte und Kleber sich aus dem Staube machte, ohne ein Wort zu wagen. Der General bewahrte seine gereizte Laune den ganzen Abend, und als wolle er zeigen, daß eine Vorstellung, die Margareth wagte, ihm völlig gleichgiltig sei, trank er Glas auf Glas von seinem schweren Burgunder, gerade zum Trotz gegen ihre Warnung.

Der Geheimrath verließ Schloß Seebach ziemlich spät – er benutzte den Nachtzug zur Rückkehr nach Breslau, Fräulein Agathe zog sich gegen elf Uhr auf das für sie hergerichtete Zimmer zurück, Margareth wollte ein Gleiches thun, aber der General bat sie, noch zu bleiben. Sie verweilte im Salon, bis der Geheimrath sich empfahl, dem noch kurz vor Mitternacht ein kleiner Imbiß auf Verlangen des Generals vorgesetzt wurde. Der General, welcher beim Nachtmahl keinen Appetit gezeigt, langte ebenfalls zu.

Margareth geleitete den Geheimrath bis zur Treppe, während der General im Salon zurückblieb.

»Der Onkel trinkt heute sehr viel,« sagte Karl, »trotz Ihrer Warnung greift er zu dem schwersten Wein. Wüßte ich ihn nicht in Ihrer Pflege, ich würde mit Sorge abreisen.«

»Die beste Pflege,« antwortete Margareth, »hilft nichts, wenn Jemand der Warnung des Arztes spottet. Das Wesen des Herrn Generals ist heute sehr auffallend, ich bin in großer Unruhe.«

»Na,« lächelte Sorben, »ich habe ihn oft so trinken gesehen, seine Natur verträgt viel, allzu ängstlich brauchen Sie nicht zu sein.«

Damit trennten sie sich. Als Margareth in den Salon zurückkehrte, sah sie Kleber am Büffet. Er hatte den Leuchter, mit dem er den General in dessen Schlafzimmer zu geleiten pflegte, neben sich stehen. Es war ihr, als habe er bei ihrem Eintritt eine hastige Bewegung gemacht, als habe sein Wesen etwas Auffälliges, aber sie achtete nicht weiter darauf. Sie bot dem General Gute Nacht und zog sich zurück. Der General hatte kurz, aber nicht unfreundlich geantwortet.

Der Morgen dämmerte kaum, da wurde sie aus dem Schlafe geweckt. Die Kammerzofe meldete mit großer Bestürzung, der General sei schwer erkrankt, habe furchtbare Schmerzen, man habe schon einen Wagen nach *** geschickt, den Doktor Manders zu rufen, einen zweiten nach O., um Margareth's Bruder zu holen.

Margareth hatte ruhelos auf ihrem Lager gelegen. Eine innere Unruhe hatte sie gequält, ihre Gedanken hatten sich damit beschäftigt, was der heutige Besuch von dem General gewollt habe, was das Uebersiedeln Agathe's nach Seebach bedeute. Der General hatte so viel getrunken, als habe er sich böse Gedanken verscheuchen wollen, er hatte sie anders. behandelt als sonst. Da hatte ihre Phantasie sich erregt und nur ab und zu hatte sie im Halbschlummer die müden Augen schließen können, um dann wieder von gräßlichen Traumbildern aufgeschreckt zu werden: sie sah Kleber mit einem Messer in der Faust an ihr Bett schleichen – dann war es ihr wieder, als ob Agathe ihr höhnisch die Thüre weise und Kleber ihr spöttisch einen Bettelstab biete, Seebach zu verlassen.

Die Schreckenskunde verjagte die Traumbilder, sie kleidete sich rasch an und eilte zum General. Der Kranke hatte Erbrechen, brennende Schmerzen im Magen und klagte über furchtbaren Durst, obwohl Kleber ihm schon mehrere Gläser Wasser gereicht. Kalte Schauer schüttelten seine Glieder, er klagte über unbeschreibliche Angst, es sei der Tod, der ihn mit seinen Krallen gepackt.

Margareth ordnete an, daß man an einen Breslauer Arzt telegraphire. Fräulein v. Stolzenhain erschien im Krankenzimmer und ergoß sich in Wehklagen. Kleber flüsterte ihr einige Worte zu, und als Margareth dem Kranken in demselben Augenblick Milch geben wollte, verbot sie das in befremdend schroffer, auffallend heftiger Weise. »Das kann schädlich sein,« sagte sie, »der Arzt muß gleich kommen. Er wird die Heilmittel anordnen.«

Margareth stand sprachlos da, wie betäubt, so brutal war die Art der Dame.

»Milch kann nichts schaden,« stotterte sie endlich, »Milch ist besser als Wasser.«

»Ich bitte, meinen Anweisungen zu gehorchen,« versetzte Agathe. »Sorgen Sie lieber dafür, daß Alles zur Hand ist, was der Arzt brauchen kann, heißes Wasser zu Wärmflaschen, Eis, Leinen zu Umschlägen. Eilen Sie.«

Margareth entfernte sich, ohne ein Wort zu erwiedern, im Krankenzimmer mochte sie nicht antworten, wie es der Dame gebührte.

Der Doktor Manders erschien. Margareth saß im Vorzimmer der Krankenstube als er eintrat, sie hatte nicht in dasselbe zurückkehren wollen, so lange Agathe dort verweilte. Doktor Manders begrüßte sie sehr kühl, er dankte es ja ihr, daß der General einen anderen Arzt genommen. Bleich und von der Behandlung, die sie erfahren, erregt, sagte sie dem Arzt, sie fürchte die Ursache des Leidens, das den General überfallen, zu errathen. Ihr Bruder habe dem General entsäuertes Arsenik verordnet und ihm hitzige Getränke verboten. Seit bald drei Wochen nehme der General die Arznei, gestern habe er sehr stark getrunken.

Manders fragte, ob der General etwas genossen, worin Essig gewesen.

»Nein,« antwortete sie, »gewiß nicht. Es war ihm eingeschärft, wie gefährlich das sei.«

Manders begab sich in's Krankenzimmer, Margareth folgte. Der Arzt erkannte sofort, daß eine Arsenikvergiftung vorliege.

»Sagte ich es nicht?« rief Kleber zu Agathe gewendet, »ich habe den gnädigen Herrn umsonst gewarnt, so gefährliche Mittel zu benutzen, denn ich weiß, daß er unvorsichtig ist. Aber andere Leute wollen Alles besser wissen. Alles verordnen, führen Charlatane in's Haus, die nichts verstehen.

Der General war nicht im Stande, Margareth vor Beleidigungen dieser Art zu schützen, das Fräulein v. Stolzenhain fand sich nicht bewogen, den Kammerdiener in seine Schranken zu weisen, der Doktor Manders nickte Kleber zu, als spreche derselbe eine traurige Wahrheit – das Krankenzimmer war nicht der Ort, um einen Unverschämten zurechtzuweisen und so blieb Margareth nichts Anderes übrig, als sich durch ihre Entfernung einer weiteren Beschimpfung zu entziehen, und dieser Entschluß ward ihr durch die traurige Ueberzeugung erleichtert, daß man es ihr doch nicht vergönnen werde, dem Kranken ihre Pflege zu weihen. Sie verließ das Gemach, ohne Kleber einer Antwort zu würdigen, begab sich auf ihr Zimmer und sandte eine telegraphische Depesche an den Geheimrath, worin sie denselben dringend um sofortiges Erscheinen auf Seebach bat. Sie gab das Konzept der Depesche der Kammerzofe zur Weiterbeförderung, aber diese brachte ihr dasselbe sehr bald mit dem Bescheide zurück, Kleber habe das Entsenden eines Boten zur Station, auf der sich das Telegraphenamt befand, mit dem Bemerken verweigert, es seien keine Leute zur Bedienung des Fräuleins v. Trotten da und das gnädige Fräulein v. Stolzenhain habe jetzt allein im Schlosse Anordnungen zu treffen.

Es war Margareth wie ein böser Traum, der sie umfangen, so unglaublich erschien Alles, was ihr heute begegnete. War es denn möglich, daß man es plötzlich wagen durfte, sie wie eine Magd zu behandeln, scheute denn Niemand die Verantwortung für solche Brutalität, hatte denn ein Anderer, so lange der General lebte, das Recht, ihr die Befugnisse und die Autorität im Hause, welche er ihr übertragen, streitig zu machen? Zu plötzlich, zu unerklärlich war die Veränderung, zu grob der Wechsel, als daß sie sich in den Gedanken finden konnte, das Alles so hinnehmen zu müssen. Waltete ein unseliges Mißverständniß, hatte der General vielleicht in Fieberphantasien Worte ausgestoßen, auf welche ihre Feinde sich berufen konnten? –

Der Wagen, welcher Eduard von O. geholt, traf endlich ein, sie sah ihn in den Hof fahren. Mit brennender Ungeduld hatte sie diesen Augenblick erwartet. Jetzt mußte es zu einer Entscheidung kommen. Eduard war der Hausarzt des Generals, er hatte die Behandlung des Kranken anzuordnen, er mußte die Schwester vermissen, welcher der General seine Pflege anvertraut, er hatte ein Recht, jeden Unberufenen aus dem Krankenzimmer zu weisen.

Minute auf Minute verging, ohne daß Jemand kam, sie zu rufen, die erste Viertelstunde ward ihr zur Ewigkeit, aber sie sagte sich, daß wahrscheinlich Eduard mit Manders berathe, was zu thun sei. Dennoch aber fühlte sie eine unbeschreibliche Angst immer beklemmender in der Brust, als ob dem Unerhörten noch Unerhörteres folgen werde.

Da öffnete sich die Thüre und Eduard trat ein. Sie erkannte den Bruder kaum wieder. Sein Antlitz war hochgeröthet, der sonst so ruhige Mann zitterte in innerer Erregung. »Das ist ein entsetzliches Ereigniß,« sagte er, sich die heiße Stirn trocknend, »aber das Empörendste ist die Infamie dieser Menschen. Bereite Dich auf Ungeheuerliches vor, arme Schwester. Dein ganzes Gottvertrauen, Deine ganze Kraft wird nöthig sein, diesen unerhörten Schicksalsschlag zu ertragen.«

»Der General ist todt?« rief sie erbebend.

»Noch nicht, aber er ist nicht mehr zu retten, es sieht aber auch aus, als wolle man keine Rettung versuchen, denn man weist meine Hilfe zurück.«

»Das dürfen sie nicht,« rief Margareth, »das wäre ein Verbrechen.«

»Wappne Dich für Schlimmeres, Margareth, mache Dich gefaßt auf Infamie. Du weißt, daß ich dem General entsäuerten Arsenik verordnet habe, daß ich zu strengster Vorsicht ermahnt habe. Was ich bei Verletzung meiner Vorschriften als drohende Gefahr hingestellt, ist eingetreten, es liegt eine Arsenikvergiftung vor.«

»Unmöglich!« rief Margareth. »Der General war darin sehr vorsichtig, er fragte sogar, wenn in einer Speise Citronensäure war, ob die Köchin sich auch nicht versehen und Essig genommen. Er hat gestern Abend sehr viel Burgunder getrunken und antwortete auf meine Warnung, der werde nichts schaden, es sei ja kein Essig.«

»Ich glaube es, aber höre weiter. Die Arsenikvergiftung ist da, sie läßt sich nicht leugnen, die Beweise liegen nur allzu klar am Tage. Aber es war gestern der neunzehnte Tag, an dem der General Arseniktropfen nimmt, und da ich nur für einundzwanzig Tage Portionen zu je fünf Tropfen verschrieben, könnte selbst, wenn er in der Trunkenheit den ganzen vorhandenen Rest genommen und daneben eine mit Essig versetzte Speise genossen, die Vergiftung nicht von so immenser Gewalt sein als sie sich zeigt. Manders bestreitet nur das, ich verstehe nicht, wie er das als Arzt nicht einsehen will, ich muß annehmen, er streitet, um mir nicht Recht zu geben, und die Dame, welche jetzt unten das Wort führt, bestätigt meinen Verdacht durch ihr Betragen. Ich hatte für alle Fälle essigsaures Eisen mitgebracht. Dasselbe ist das beste Gegenmittel bei einer Arsenikvergiftung – sie erklärte, sie werde nicht dulden, daß der Kranke Arznei von mir nehme, die nicht vorher geprüft sei, und Manders schwieg dazu. Ich konnte natürlich nur erklären, daß sie die Verantwortung trage, und das Krankenzimmer verlassen, als sie in der beleidigendsten Weise auf ihrem Willen beharrte und hinzufügte, es sei ohne ihr Wissen geschehen, daß man überhaupt nach mir geschickt habe. Der Kammerdiener folgte mir und verlangte, ich solle abfahren, ohne Dich gesprochen zu haben, er wollte mich dann verhindern, Dich aufzusuchen. Bist Du gefaßt, das Aergste zu hören? Es ist so wahnsinnig, daß man darüber lachen möchte, wäre es nicht zu infam.«

»Rede, mein Bruder, ich bin auf Alles gefaßt. Man hat mich auf jede Beschimpfung vorbereitet, denn man hat auch mich vom Krankenbette fortgewiesen.«

»Was man da unten brütet,« antwortete Eduard, »ist mehr als eine Beschimpfung. Kleber sagte, er dürfe nicht dulden, daß ich mit Dir spreche, wir könnten uns mit einander verabreden, was wir vor Gericht aussagten.«

»Vor Gericht?« fragte Margareth, ihren Ohren nicht trauend, aber bleich wie der Tod, »was will er damit sagen?«

»Denke selber darüber nach, Margareth, ich mag es nicht aussprechen. Sei vorsichtig, Deine Feinde haben niederträchtige Absichten. Präge Deiner Erinnerung die kleinsten Umstände von Allem ein, was gestern geschehen ist. Man schiebt das Unglück keinem bösen Zufall zu, sondern verbrecherischer Absicht.«

»Du übertreibst, Eduard. So Schändliches ist nicht denkbar.«

»Der Schuft erbebte, als ich ihm auf sein freches Wort erwiederte, wer solchen Argwohn erfinde, mache sich selber verdächtig, er solle mir Raum geben oder mit mir sofort zum Landrath gehen. Ich hätte vielleicht besser gethan, meinen Willen nicht durchzusetzen, es wäre klüger gewesen, aber mein Gefühl duldete es nicht, dadurch, daß ich darauf verzichtete Dich zu sprechen, die Möglichkeit zuzugeben, daß Jemand der infamen Verdächtigung Glauben schenken könne. Du wirst hier schwere Tage haben, arme Schwester, aber Du darfst nicht weichen, mußt aushalten, sonst würden Deine Feinde allzu freien Spielraum haben, ihre Pfeile gegen Dich zu schmieden und mit Gift zu tränken.«

»Ich fürchte nichts,« antwortete Margareth, mit Gewalt Fassung erzwingend. »Je niedriger die Waffen sind, die man gegen mich gebraucht, um so leichter wird die Verachtung solcher Feinde mir den Kampf machen. Ich baue auf den Geheimrath v. Sorben, der gewiß bald kommt, wenn man mir auch verbot, an ihn zu telegraphiren. Er wird mich schützen.«

»Das gebe Gott. Seiner Hut empfehle ich Dich.«

Der Bruder umarmte die Schwester, sie brach in Thränen aus, als er sie verließ, und laut schluchzend sank sie auf die Kniee, um zu beten.

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