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Die Bescholtenen

Eugen Hermann von Dedenroth: Die Bescholtenen - Kapitel 7
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typefiction
authorEugen Hermann von Dedenroth
titleDie Bescholtenen
publisherBibliothek der Unterhaltung und des Wissens
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6.

Im Salon war nach der Entfernung Margarethas die Stimmung eine peinliche, gedrückte geblieben, wenn man sich auch bemühte, dies zu verbergen. Es wußte Jeder, daß schon Viele Damen den Haushalt des Generals geführt, daß keine es lange Zeit bei ihm ausgehalten, und daß es ihm schon schwer geworden, die Stelle neu zu besetzen. Margareth hatte auf alle Gäste des Generals einen höchst angenehmen Eindruck gemacht, und da man errathen konnte, daß Armuth sie veranlaßt, diese Stelle anzunehmen, so war die Theilnahme für sie um so größer – ein Jeder fühlte aus der Art, wie sie sich benommen, daß sie ihre Stellung im Hause und damit eine gesicherte Existenz aufgeben werde. Frau v. Holm wußte aber auch ebenso gut wie ihr Gatte, daß der General eine Einmischung in seine häuslichen Angelegenheiten nicht dulde, daß eine Vorstellung zu Gunsten Margarethas denselben leicht noch gereizter gegen dieselbe machen könne – sie kürzten daher ihren Besuch ab, und als Klara gegen ihre Mutter die Absicht äußerte, sie wolle Fräulein v. Trotten vorher noch aufsuchen, gab diese ihr einen Wink, dies lieber im Interesse Margarethas zu unterlassen.

Das Anspannen des Wagens wurde trotz der Bitten des Generals bestellt, während man auf der Schloßterrasse den Kaffee nahm.

»Können Sie sich die Rohheit des Generals erklären?« fragte Edgar, Guido bei Seite ziehend, denselben.

»Ich finde die Sache sehr natürlich,« versetzte dieser, »aber freilich, ich bin nicht ganz unparteiisch. Ich finde, daß eine Dame, welche nicht zu stolz ist, eine abhängige Stellung anzunehmen, sich auch in die Konsequenzen derselben fügen muß und nicht allzu große Empfindlichkeit zeigen darf.«

»Die Stellung Fräulein v. Trotten's,« entgegnete Edgar, »ist kaum eine abhängige zu nennen, sie hat die Rechte einer Hausfrau, zwingen ihre Verhältnisse sie, ein Honorar anzunehmen, so kann sie das nicht herabsetzen.«

»Lieber Holm, Sie kennen die Dame nicht, Sie lassen sich durch den Schein täuschen. Ihre Bescheidenheit ist eine Maske. Sie ist ebenso stolz und ehrgeizig wie schön und begehrenswerth. Mit einem Worte – sie hat einen Heirathsantrag von mir sehr schnöde abgewiesen, weil sie hofft, durch den General eine ihrem Geschmack passendere Stellung in der Welt zu erhalten, sei es, daß er sie zu seiner Erbin macht oder gar heirathet. Da hat ihr nun Sorben einen kleinen Dämpfer gegeben, den ich ihr von Herzen gönne.«

Der Ton, in welchem Guido diese Worte sprach, verwischte den Eindruck, den dieselben hätten machen können, beinahe völlig, er klang zu schadenfroh, gehässig, als daß die Verdächtigung hätte bei Edgar Glauben finden können.

»Ich kenne Fräulein v. Trotten zu wenig,« versetzte er und sein Ton war kühl, »um Ihnen direkt widersprechen zu können, aber selbst wenn der General Ursache hätte, ihr Illusionen zu nehmen, so konnte er das in delikaterer Weise und unter vier Augen mit ihr thun, wußte er aber, in welchen Beziehungen Sie zu ihr stehen, so ist seine Handlungsweise doppelt brutal.«

Guido erröthete. »Die Ansichten darüber,« sagte er, »können verschieden sein, je nachdem man hiebei angreift. Der General wird auch seine Gründe für die gewählte Handlungsweise haben.«

Edgar antwortete nicht, aber aus der Art, wie er das Gespräch abbrach, konnte Guido entnehmen, daß die Bekanntschaft, welche er mit demselben gemacht, schwerlich zu dauernden intimen Beziehungen führen werde.

Die Gesellschaft verließ Schloß Seebach und es machte auf den General keinen geringen Eindruck, daß man von allen Seiten ihn bat, dem Fräulein v. Trotten gute Wünsche zur baldigen Genesung und Empfehlungen zu übermachen, daß die Frau v. Holm besonders äußerte, man ersehe aus Allem, welche vortreffliche und sorgsame Hand auf Seebach walte. Er ließ bei Margareth anfragen, ob sie in der Lage sei, sich zu ihm bemühen zu können, oder ob sie erlaube, daß er zu ihr komme, nach ihrem Befinden zu fragen. Die Zofe brachte ihm als Antwort folgendes Billet, welches Margareth ihn soeben hatte zufertigen wollen.

»Herr General!

Die Rüge, welche Sie mir heute in Gegenwart von Fremden ertheilten, beweist mir einerseits, daß ich wohl nicht den Anforderungen genügen kann, welche Sie an mich stellen, dann aber auch, daß ich die Stellung, welche ich auf Schloß Seebach bekleiden soll, falsch aufgefaßt habe, denn ich hätte nie einen Posten angenommen, in welchem ich genöthigt bin, Zurechtweisungen dieser Art hinnehmen zu müssen. Sie gestatten also wohl, daß ich mit aufrichtigem Danke für das mir sonst erwiesene Wohlwollen Schloß Seebach verlasse. Ich bin jedoch, wenn Sie das wünschen sollten, bereit, die Leitung der Wirthschaft bis zur Neubesetzung meines Postens fortzuführen, sobald Sie mich davon entbinden, in Ihren Salons zu erscheinen.

Mit größter Hochachtung

M. v.  Trotten

Der General war wie vom Donner gerührt. Hatte er auch eine Scene gefürchtet, so hatte er doch nicht daran geglaubt, daß dieselbe zu einem Bruch führen könne, so schroff war noch keine Dame gleich bei der ersten Reibung gegen ihn aufgetreten, und diese war doch ohne Mittel; es konnte ihr nicht gleichgiltig sein, ob sie die Stelle verliere oder nicht. Ihm kündigen, weil er einmal heftig gewesen? Unmöglich. Das konnte Margarethen nicht ernst sein, sie hatte ja kaum ein Obdach, wenn sie das Schloß verließ.

Er hing diesem Gedanken nach und es war ihm, als werde seine Annahme, daß sie nur Komödie spiele, dadurch bestätigt, daß sie sich erbot, die Wirthschaft weiterzuführen. Sie dachte, er müsse das annehmen und sie werde ihn dadurch, daß er aus Langeweile nach ihr verlange, mürbe machen können? »Ja, ja, so ist's,« rief er, »sie wagt Alles, um viel zu gewinnen, sie denkt, mir dann ihre Forderungen zu stellen.«

So ungern er schrieb, setzte er sich doch an den Tisch, die Antwort aufzusetzen, er wollte ihr zeigen, daß sie sich in ihm verrechne.

»Bedaure,« so schrieb er, »wenn Sie Entschuldigung von mir nicht wollen. Haben wohl andere Gründe, Seebach zu verlassen, und kann da nicht im Wege stehen. Handeln Sie ganz nach Belieben, kann nicht mehr thun, als Hand zur Versöhnung bieten.«

Sorben hatte kaum das Billet zur Beförderung fortgegeben, so kamen die Bedenken. Wenn sie wirklich Ernst machte! Er fühlte, daß sie ihm so werth geworden, wie keine Andere bisher, daß er keinen besseren Ersatz finden werde. Er sagte sich aber auch, daß er unritterlich handle, darauf zu bauen, daß sie arm sei, mit wachsender Unruhe harrte er eines Bescheides, aber es kam keiner. Er ließ die Zofe rufen, welche Margareth bediente. »Warum schickt mir das Fräulein keine Antwort,« forschte er, »warum kommt sie nicht?«

»Das Fräulein,« erwiederte die Zofe, »hat ihre Sachen schon gepackt und einen Wagen nach der Station bestellt.«

Das Antlitz des Generals ward roth und blaß. Er griff zum Krückstock und begab sich nach Margarethas Zimmer, er öffnete die Thüre, ohne anzupochen, als er vor derselben auf dem Flure einen gepackten Koffer stehen sah.

Margareth saß am Fenster, das Haupt auf die Hand gestützt, ihr Antlitz war thränenfeucht. Sie schrak zusammen, als die Thüre sich plötzlich öffnete, Unmuth und Befremden malten sich in ihren Zügen, als sie den General vor sich sah.

»Verzeihung,« stotterte er, von ihrem Anblick erschüttert, »aber ich höre, Sie wollen wirklich fort.«

Sie hatte sich erhoben. Mit erzwungener Fassung trat sie ihm entgegen. »Kann ich denn anders?« fragte sie. »Würden Sie, würde ein Anderer mich noch achten können, wenn ich bliebe? Dort liegt Ihr Billet. Konnten Sie erwarten, daß ich nach solchen Worten auch nur noch eine Nacht unter Ihrem Dache bleibe?«

»Ich war verrückt,« antwortete er in seiner derben Weise, »beachten Sie nicht, was ein alter Narr geschrieben. Man hat mir erzählt, daß Sie eine gute Parthie machen können, das ging mir im Kopfe herum, ich dachte, wenn Sie heute auch nein sagen, so sprechen Sie morgen anders. Ich ärgerte mich, daß Sie mir nichts von der Geschichte mit dem eitlen Burschen gesagt. Dachte, er ist reich und wenn auch nicht von Adel, so doch Garde-Offizier – heute geht ja das Alles.«

»Ich bitte, nichts mehr davon,« unterbrach ihn Margareth, vor Empörung zitternd. »Wenn Herr Ebeling so taktlos war, Ihnen diese Angelegenheit zu erzählen, so hätte er Ihnen auch sagen müssen, daß ich oft genug und sehr deutlich ihm erklärt habe, meine Weigerung sei unabänderlich. Von mir wäre es eine sehr taktlose Indelikatesse und Prahlerei gewesen, Ihnen ein Geheimniß mitzutheilen, welches einen Dritten bloßstellt. Meine Privatbeziehungen haben für Sie nur soweit Interesse, als daß mein Ruf tadellos ist; was Sie aber berechtigt, aus denselben Veranlassung zu nehmen, sich über mich zu ärgern und diesem Unmuth in einem Tadel über meine Aufmerksamkeit Ausdruck zu geben, verstehe ich nicht. Ich bin Ihnen eine Fremde gewesen und werde es morgen wieder sein.«

»Gewiß nicht. Ich lasse Sie nicht fort. Jetzt, wo ich Sie verlieren soll, weiß ich erst, was Sie mir sind. Wo wollten Sie auch hin! Seien Sie nicht thöricht.«

»Herr General, diese Mahnung ist wenig zart. Die Sorge für meine Zukunft wird mich nie bestimmen, einen Schritt zu unterlassen, zu dem mich die Selbstachtung zwingt, und Sie dürfen mich wohl nicht daran erinnern, daß ich arm bin, ich müßte sonst glauben, daß Sie gedacht, einer Unbemittelten mehr bieten zu können als einer Anderen.«

»Sie haben Recht,« erwiederte er, immer tiefer erschüttert von der Haltung dieses Weibes, »aber der Sache werde ich ein Ende machen. Ja,« rief er, als ob der Gedanke, der ihm gekommen, ihn begeistere, »ich kann das und ich werde es. Sie sind nicht mehr arm. Ich schenke Ihnen eine Summe, von der Sie bequem leben können, und lasse durch einen Notar die Sache fest machen. Ich hoffe, Sie werden trotzdem freiwillig bei mir bleiben, und für diesen Fall beerben Sie mich –«

»Genug,« unterbrach ihn Margareth, sich stolz aufrichtend, »ich will glauben, daß Sie in edler Absicht sprechen und mich nicht beteiligen und demüthigen wollen. Ich bin arm, aber ich nehme kein Almosen an, ich acceptire ein Honorar für meine Dienste, aber ich verkaufe dieselben nicht.«

Der General starrte Margareth an, als begreife er nicht sogleich die Bedeutung ihrer Worte, als schwanke er, an solche Uneigennützigkeit, an so edlen Stolz zu glauben. »Ist das wahr?« murmelte er. »Denken Sie wirklich so stolz? Sie verschmähen mein Geld, mein Erbe?«

»Herr General, es scheint, daß Sie wenig Leute von Selbstgefühl kennen gelernt haben, wenn Sie nicht fühlen, daß Ihr Anerbieten demüthigt und beleidigt, daß Sie staunen, wenn ich es abweise. Halten Sie die Menschen, welche nicht reich geboren sind, für so erbärmlich, um zu glauben, Sie könnten sich mit Geld nur irgend etwas von dem erkaufen, was das Herz freiwillig darbringt – Treue, Ergebenheit, Freundschaft? Ahnen Sie nicht, daß Sie mit solchem Anerbieten Jeden von sich zurückstoßen, der Ehrgefühl und Selbstachtung besitzt, daß Sie mir trotz Ihres Goldes arm, sehr arm, ärmer als ich es bin, erscheinen?«

Der General antwortete nicht sogleich, es ging etwas in ihm vor, das ihn mächtig erregte. Plötzlich ergriff er Margarethas Hand. »Werden Sie meine Gemahlin,« sagte er, »dann kann ich Ihre Existenz sicher stellen, ohne Sie zu beleidigen. Ich werde nicht lange mehr leben, aber Sie in der Zeit auf Händen tragen, Sie lehrten mich ein Weib achten. Meine selige Frau verstand es nicht, mir das beizubringen, und ich habe ihr wohl oft schwere Tage bereitet. Sie machen aus mir noch in meinen alten Tagen einen anderen Menschen.«

»Herr General,« erwiederte Margareth, die jetzt über die originelle Art und Weise des alten Herrn trotz ihrer vorherigen Entrüstung doch unwillkürlich lächeln mußte, »Sie gefallen sich in Extremen. Ihr Antrag zwingt mich, die Kränkung zu vergessen, die ich erlitten, vergessen Sie nun, was Sie in momentaner Erregung gesagt und was Sie morgen bereuen würden, wenn ich darauf Gewicht legte. Ich verkaufe meine Freiheit auch nicht in dieser Weise, ich nehme Ihren Antrag als eine Art Ehrenerklärung an, eine andere Bedeutung soll und darf er nie haben. Kommen Sie nie darauf zurück und vergessen Sie das eben Gesprochene durchaus, um nie wieder darauf zurück zu kommen – nur unter dieser Bedingung will auch ich Alles Vorgefallene vergessen und in dem von uns verabredeten Verhältniß auf Seebach bleiben.«

Auch diese Weigerung Margarethas strafte die Charakteristik, welche Guido von ihr gegeben, Lügen, und machte das Mädchen dem General in dessen erregter weicher Stimmung nur noch begehrenswerther. Er wollte das aussprechen, aber sie fiel ihm mit so ernster Entschiedenheit in's Wort und drohte so bestimmt, Seebach verlassen zu müssen, wenn er fortfahre, ihrem Verhältniß einen intimeren Charakter geben zu wollen, daß er sich fügte. Ebenso leicht aber, wie der General das Spielzeug eines plötzlichen Argwohns oder eines raschen Vertrauens werden konnte, ebenso leidenschaftlich gab er sich den Gefühlen hin, welche ihn dann bestürmten. Er verließ Margareth in einer Erregung, wie er sie selten gehabt, da er öfter den schlechteren als den besseren Neigungen folgte; das Weib erschien ihm so heldenmüthig in stolzer Entsagung, so edel, so würdig einer glücklichen Lage, daß er alle möglichen Pläne schuf, wie er sie wider ihren Willen reich machen könne.

Sein Blut wallte heftig von den Erregungen des Tages, und hatte er schon oft einen Schlaganfall gefürchtet, so zitterte er jetzt, daß ihn ein plötzlicher Tod ereilen könne, ehe er für Margareth gesorgt.

Er gab seinem Kammerdiener Befehl, den Arzt und den Notar aus *** noch heute, obwohl es schon Abend geworden, zu holen, aber Niemand etwas davon zu sagen, er bedrohte ihn mit Entlassung, wenn Fräulein v. Trotten von dem Besuche etwas erfahre; Kleber, so hieß der Kammerdiener, sollte beide Herren durch die Gartenpforte des Schlosses in das Arbeitszimmer des Generals führen und dem Kutscher Schweigen anbefehlen.

Es geschah Alles, wie der General angeordnet hatte. Während Jeder im Schlosse glaubte, der General pflege längst der Ruhe, machte dieser ein Testament, welches der Arzt und Kleber als Zeugen unterschrieben. Es war Mitternacht, als die Herren sich ebenso still entfernten, wie sie gekommen waren.

Trotz aller Vorsicht Kleber's hatte es doch nicht geheim bleiben können, daß ein Wagen vom Schlosse noch späten Besuch aus *** her- und zurückgebracht habe. Der General erklärte Margareth anderen Tages denselben mit dem Bemerken, er habe den Arzt holen lassen, da er sich leidend gefühlt, aber Niemand deshalb beunruhigen wollen. Der General sprach das leicht hin, um zu zeigen, wie wenig Bedeutung er der Sache beilege, und Margareth von weiteren Fragen abzuhalten, aber er erreichte gerade das Gegentheil von dem, was er beabsichtigte, Margareth mußte annehmen, daß er ihr die Wahrheit verschweige.

Der General war gestern in Folge der Reibung mit ihr in großer Aufregung gewesen, und der Gedanke lag sehr nahe, daß die Erregung dem alten Herrn geschadet habe, derselbe ihr aber dies verschweige, damit sie sich keine Vorwürfe mache.

Wer selber edel denkt, ist auch geneigt, von Anderen das Beste zu glauben, und so erschien Margareth dieser Charakterzug rührend. »Sie thaten sehr Unrecht,« sagte sie, »und ich sollte mich eigentlich gekränkt fühlen. Es ist mir nicht angenehm, wenn Sie mich verhindern, meine Pflicht zu erfüllen oder vielleicht gar annehmen, ich könne Ihnen dafür dankbar sein, daß Sie mir eine Beunruhigung dieser Art ersparen. Im Gegentheil, meine Besorgnisse werden um so größer, wenn Sie mir die Wahrheit verschweigen. Ich habe die Pflicht, Sie zu pflegen, und betrachte dieselbe als mein Recht, ich fordere es, den Arzt über Ihr Leiden zu hören, damit ich weiß, wie ich helfen oder doch wenigstens Diätfehler verhindern kann.«

Der General warf ihr einen freundlich dankenden Blick zu. »Ihre Besorgnisse sind diesmal wirklich unbegründet,« versetzte er, »aber ich werde Sie beim Worte halten, wenn ich der Pflege bedarf. Der Arzt ist ein Esel, der kann mir nicht helfen, ich kann seine Redensarten schon auswendig. Ich habe eine Zeit hindurch seine Diätvorschriften befolgt und wie ein Karthäuser gelebt, aber die Gicht kam doch wieder. Da hilft nichts, da heißt es aushalten und Geduld haben. Vielleicht habe ich Geduld, wenn Sie mir dann Alles reichen und mir zur Zerstreuung eines Ihrer schönen Lieder vortragen.«

»Herr General, Sie täuschen mich,« antwortete Margareth, an ihrem Vorhaben zähe festhaltend, »Sie hatten gestern so wenig Gichtschmerzen wie heute, Sie ließen den Arzt aus anderer Ursache holen. Wenn Sie nicht offen sein wollen, werde ich es sein. Die Erregung am gestrigen Tage hat Ihnen geschadet. Sie sind keine so ängstliche Natur, um ohne ernsten Grund zum Doktor zu schicken.«

»Alle Wetter, gnädiges Fräulein, Sie treiben mich in die Enge. Meinetwegen sollen Sie Recht behalten. Ja, das Blut war mir zu Kopfe gestiegen, mein Puls jagte wie besessen, ich hatte eine innere Angst, eine Unruhe, der Arzt gab nur ein Paar Tropfen und Alles war gut.«

»Hoffen wir es, daß Alles gut ist und bleibt, aber Sie dürfen sich nicht wieder so erregen.«

»Es war meine Schuld –«

»Auch meine, ich hätte berücksichtigen müssen, daß Sie heftig sind – doch lassen wir das. Darf ich meine Bitte wiederholen, Ihren Arzt sprechen zu dürfen?«

»Ich sage Ihnen, Manders ist ein Esel. Sollte ich einmal ernsthaft krank werden, so lasse ich mir Jemand aus Breslau kommen. Aber da fällt mir ein, Sie haben ja einen Bruder, der Arzt ist.«

Das Antlitz Margarethas färbte sich purpurn. Sie hatte den ersten Brief nicht vergessen, den ihr der General geschrieben, es war ihr höchst peinlich, daß Sorben gerade jetzt dieses Thema anregte.

»Herr General,« antwortete sie ausweichend, »Sie müssen einen älteren Arzt konsultiren, zu dem Sie Vertrauen haben können. Ich bitte Sie, einen solchen aus Breslau zu berufen, mich beängstigt der Vorfall dieser Nacht.«

»Ein junger Arzt versteht oft mehr als ein alter,« versetzte der General, der absichtlich das Thema festhielt, »und Fräulein v. Holm lobte Ihren Bruder sehr. O. ist nur vier Meilen von hier. Ich werde ihn zu mir bitten.«

Margareth hatte nichts sehnlicher gewünscht, als daß ihr Bruder einen reichen Patienten erhielt, aber Alles in ihr sträubte sich dagegen, dem Vorhaben des Generals beizustimmen. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte der General nur die Absicht, ihr eine angenehme Ueberraschung zu bereiten, er dachte nicht daran, Eduard als Arzt Vertrauen zu schenken. Was er aber heute bei guter Laune that, konnte er morgen bereuen und machte ihr vielleicht dann den Vorwurf, daß sie ein aus Höflichkeit gemachtes Anerbieten angenommen habe. Er hielt einen Arzt für zu gering, um ihn als Gast zu empfangen, wenn er ihretwegen heute seine Grundsätze verleugnete, so machte er ihr gewiß morgen den Vorwurf, sie ziehe ihre Verwandtschaft in sein Haus, oder er behandelte Eduard wie Jemand, den er bezahlte, und das paßte nicht zu der Stellung, die sie im Hause einnahm.

»Herr General,« erwiederte sie, »mein Bruder hat den Stolz, Konnexionen zu verschmähen und würde es mir nicht danken, wenn ich es versuchte, ihn zu empfehlen. Er müßte das aber glauben, wenn Sie ihn, ohne gerade augenblicklicher Hilfe zu bedürfen, rufen lassen, und vielleicht nicht kommen, denn O. liegt von hier auch zu weit entfernt, als daß er Ihr Hausarzt werden könnte. Als solcher würde er auch nicht für Sie passen, denn er fordert von seinen Patienten strenge Befolgung seiner Anordnungen –«

Der General hörte sie lächelnd an, er durchschaute ihre Absicht und mochte die Gründe ihrer Weigerung ahnen. »Alles, was Sie da sagen,« rief er, sie unterbrechend, »erweckt mein Vertrauen und gefällt mir sehr. Ich werde sofort nach O. schicken und wenn er kommt, ihm sagen, daß Sie eine schlechte Schwester sind, die gar keine Sehnsucht nach dem Bruder hat. Ich werde ihm aber auch sagen, daß eine gewisse Dame sehr nachtragend ist, und weil ich einmal über Aerzte schlechtweg gesprochen, mir die Bekanntschaft mit ihrem Bruder verleiden will.«

Margareth mußte ihren Widerspruch aufgeben und sich fügen, aber obwohl die letzten Worte des Generals ihr andeuteten, daß er damals nur um einen Vorwand zur Absage zu haben, geringschätzig über den ärztlichen Stand geschrieben, so beschlich sie doch eine trübe Vorahnung, als könne es keine guten Folgen haben, wenn ihr Bruder Schloß Seebach betrete.

Der General gab wie immer seinem Entschlüsse eine rasche Folge. Er schellte seinem Kammerdiener und befahl Kleber, nach O. zu fahren und Herrn Doktor v. Trotten zu bitten, daß derselbe womöglich sofort nach Schloß Seebach komme.

Das sonst so glatte, beinahe ausdruckslose Gesicht Kleber's verrieth Ueberraschung, und es war Margareth, als ob der Blick, den er ihr zuwarf, die Frage stellte, ob sie das durchgesetzt. Es war ganz natürlich, daß es den vertrauten Diener des Generals befremdete, seinen Herrn plötzlich alte Gewohnheiten verleugnen zu sehen, und das besonders, da kein sichtbarer Anlaß dazu da war, denn der General schickte sonst nur in den allerseltensten Fällen zum Arzt, aber Margareth hatte das Gefühl, Kleber werde von anderen Gedanken beschäftigt, ohne sich eine Erklärung dafür geben zu können, empfand sie Widerwillen und Argwohn gegen diesen Mann.

Franz Kleber war das Faktotum des Generals seit zehn Jahren. Er war der einzige Dienstbote im Schlosse, der es so lange ausgehalten, er hatte freilich oft gekündigt, war aber immer wieder – freilich gegen Lohnerhöhung – geblieben, der General konnte ihn nicht mehr entbehren.

Wir sagten, der einzige Dienstbote – Kleber hätte das nicht hören dürfen. War er auch als solcher und zwar als Diener nach Seebach gekommen, so hatte er sich doch sehr bald in eine Vertrauensstellung zu schmeicheln gewußt, in der er alle Dienstboten von seinem Wohlwollen abhängig machte, ja, man behauptete sogar, daß die Gesellschaftsdamen des Generals von dem Tage ab, wo sie es mit Herrn Kleber verdorben hatten, den Boden im Schlosse für sich selber unsicher werden fühlten.

Margareth hatte noch keine Gelegenheit zu einer Reibung mit diesem gefährlichen Kammerdiener gehabt, sie wußte es freilich auch nicht, daß Kleber prinzipiell in den ersten Wochen oder Monaten, wo eine neue Dame waltete, sich völlig neutral verhielt, derselben keinen Anlaß zur Unzufriedenheit gab, ihr die Meinung einflößte, er sei höchst unbedeutend und harmlos, bis er den Charakter der Gesellschaftsdame studirt hatte und alle ihre Fehler und Schwächen kannte. Gewöhnlich kündigte er dem General, wenn ein neues Regiment in Schloß Seebach eingeführt wurde und ließ sich dann einige Tage später wieder neu engagiren, es wurden bei dieser Gelegenheit allerlei Uebergriffe und Eigenmächtigkeiten, die er sich in seinem Interesse erlaubt, ausgeglichen und gewissermaßen ein neues Conto begonnen, die Sünden des alten verziehen.

Niemand verstand so gut den General zu betten, wenn er Gichtschmerzen hatte, wie er, Kleber wußte, wo jede Kleinigkeit lag, deren der General bedurfte, er kannte das Geheimniß, wie das Schloß des Geldschrankes geöffnet wurde, er registrirte die wichtigen Papiere des Generals, besorgte dessen Geschäfte mit dem Bankier, kurz, es hätte dem General viel Mühe gekostet, einen passenden Ersatz für Kleber zu finden und einen Menschen dazu anzulernen, wahrscheinlich aber hätte es ihm an Geduld dazu gefehlt.

»Sie haben Kleber schon sehr lange?« fragte Margareth, als der Kammerdiener das Gemach verlassen.

»Leider Gottes, ja,« brummte der General. »Er setzt mir oft böse zu und stiehlt wie ein Rabe.«

»Dann wundert es mich,« erwiederte Margareth lächelnd, »daß Sie ihn nicht gehen ließen, als er kündigte.«

»Er weiß, daß ich ihn nicht entbehren kann. Uebrigens hat der Schuft einen unglaublichen Scharfblick. Er hat es mir schon an dem Tage, wo Sie hier eintrafen, gesagt, daß Sie eine ganz andere Ordnung auf Seebach einführen und auch mir die Kandare anlegen würden –«

»Herr General –«

»Still, still, es ist so und es ist gut so. Wollt', ich hätte Sie früher kennen gelernt. Lasse mich gern von so schöner Hand leiten.«

Das Gespräch ward unterbrochen, es kam Besuch und Margareth fand heute nicht wieder Gelegenheit, über Kleber mit dem General zu sprechen. Der Kammerdiener kehrte von O. mit dem Bescheide zurück, Herr v. Trotten werde, da der Ruf des Herrn Generals kein dringender sei, erst morgen kommen, er müsse heute über Land anders wohin, wo Gefahr im Verzuge sei.

Als Margareth im Laufe des Abends allein im Salon saß – der General spielte mit seinen Gästen im Nebenzimmer eine Parthie L'hombre – näherte sich ihr plötzlich der Kammerdiener Kleber. »Gnädiges Fräulein,« sagte er mit gedämpfter Stimme und mit einer Miene, als wolle er ihr eine vertrauliche Mittheilung machen, »ich glaube, der Herr General bedarf einer ernsthaften Kur, es würde vielleicht gut sein, wenn ein Arzt sich hier dauernd aufhielte, ihn beobachtete –«

»Sie erschrecken mich,« versetzte Margareth nicht wenig bestürzt. »Hatte der Herr General einen ernsten Anfall heute Nacht?«

»Nein,« erwiederte Kleber mit eigenthümlichem Lächeln, »aber auch Herr Doktor Manders fürchtet, daß ihn einmal plötzlich der Schlag rühren kann.«

»Um Gottes willen!

»Nun, es wird so schlimm nicht sein. Aber Vorsicht ist immer gut und da ich höre, daß Ihr Herr Bruder in O. keine große Praxis hat, so dachte ich, daß vielleicht –

Er stockte. Margareth war erröthet, sie schien es instinktmäßig zu fühlen, daß der Mann einen unverschämten Vorschlag habe, sein ganzes Wesen hatte etwas Verdächtiges.

»Was dachten Sie? Was soll die Bemerkung über die Praxis meines Bruders hier?« fragte sie in erregtem Tone.

»Verzeihung, gnädiges Fräulein,« erwiederte er, »aber die Leute sagten, er habe wenig Patienten und da dachte ich, man könne ihn vielleicht bewegen, einige Zeit hier zu bleiben, den Herrn General in die Kur zu nehmen –«

Margareth schaute jetzt klar. Der Mann bot ihr seine Hilfe an, ihrem Bruder auf Seebach ein Unterkommen zu verschaffen, daher seine geheimnißvoll vertrauliches Wesen. Er glaubte unzweifelhaft, sie habe den General bestimmt, ihren Bruder rufen zu lassen, er bot sich ihr als Bundesgenosse an, wahrscheinlich um später dafür seinen Preis zu fordern.

Sie mußte Gewißheit haben, ob ihr Argwohn begründet sei und wie weit die Unverschämtheit dieses Menschen gehe.

»Ob mein Bruder große oder geringe Praxis hat,« erwiederte sie, »darauf kommt es hier nicht an, denn er geht nirgend hin, wo er überflüssig ist. Es handelt sich allein darum, ob der Herr General einer ärztlichen Behandlung bedarf und ob er sich solcher auch unterziehen will. Ist beides der Fall, so muß ein Arzt engagirt werden, ob mein Bruder oder ein anderer.«

»Der Herr General,« erwiederte Kleber mit einer Miene, als glaube er sich jetzt mit ihr verständigen zu können, »bedarf eines Arztes, dem er vertraut, denn er ist leidend, er schont sich nicht, aber auf einen Arzt, der ihn zu behandeln weiß, wird er hören. Er ist nicht so unlenkbar, wie es scheint, ich werde ihn schon dahin bringen, daß er sich einer Kur unterwirft und Ihrem Herrn Bruder vertraut.«

»Das Letztere sollte Ihnen wohl schwer werden,« versetzte Margareth, das Auge forschend auf ihn heftend, »er hält nicht viel von Aerzten.«

»Je schwerer es mir wird,« antwortete Kleber, »um so belohnter werde ich mich durch den Erfolg fühlen. Der General vertraut meinem Urtheil, ich bin ihm ja auch ergeben wie Keiner. Es liegt nur an Ihnen, Ihren Herrn Bruder darauf aufmerksam zu machen, daß dem General ärztliche Aufsicht nöthig ist, daß er sonst keine Vorschriften befolgt, ich werde dafür sorgen, daß der Herr General das Engagement veranlaßt.«

Margareth wußte genug. Ihrer Empörung nicht mehr mächtig, sprang sie auf, das Gespräch auf diese Weise abzubrechen. Sie fühlte es trotz ihrer Erregung, daß sie sich selber herabsetze, wenn sie durch ein Wort der Verachtung oder des Zornes ihn errathen lasse, daß sie seine Absicht durchschaut habe, sie zur Genossin seiner Intrigue zu machen, seine Interessen mit den ihrigen zu vereinen. Er konnte diese Absicht bestreiten, konnte sagen, daß sie ihn mißverstanden, sie war daher allein kompromittirt, sie hatte es geduldet, daß das Gespräch überhaupt so weit gediehen, um solche Wendung zu nehmen, daß er den Muth gefunden, ihrem Bruder seine Protektion anzubieten. Sie that, als ob der General sie gerufen und schritt hastig nach dem anstoßenden Salon, Kleber konnte sich ihr plötzliches Aufspringen erklären wie er wollte.

Der Kammerdiener stand betroffen da, im ersten Augenblick ahnte er wohl das Richtige, ihr Erröthen, die Heftigkeit, mit der sie das Gespräch abbrach, deuteten darauf hin, daß sein Wagniß mißlungen sei, daß sie seine Bundesgenossenschaft verachte; aber der Umstand, daß sie ohne ein Wort zu erwiedern plötzlich in den Nebensalon geeilt, ließ auch die Annahme zu, daß sie vielleicht ein Geräusch am Spieltisch gehört und in dem Glauben, der General habe sich erhoben, das Gespräch hastig abgebrochen habe.

Diese Annahme erhielt dadurch, daß der General gleich darauf in der Thüre sichtbar wurde, ihre Bestätigung, Kleber hatte mit dem Rücken nach der Thüre gestanden und sich erst jetzt umgewandt.

Kleber hatte das Anerbieten, welches er Margareth gemacht, nur in der gewissen Voraussetzung wagen können, daß dasselbe angenommen werde, er glaubte die Beweise davon zu haben, daß Margareth eine geschickte Intrigantin sei. Die Koffer derselben waren gestern schon gepackt gewesen, sie hatte also dem General die Bedingungen für ihr Verbleiben diktirt, Kleber zweifelte nicht daran, daß er in Folge privater Abmachungen mit ihr sein Testament noch an demselben Tage geändert und sich ebenso dazu verpflichtet habe, ihren Bruder als Arzt anzunehmen – er hatte daher den Entschluß gefaßt, ihr seine Bundesgenossenschaft anzubieten. Nahm sie dieselbe an, so konnte er sie später zwingen, ihm einen Theil der Beute abzutreten, lehnte sie ab, so meldete er morgen, wie er sich vorgenommen hatte, den Verwandten des Generals, welche Ziele Margareth verfolgte, welche Gefahr ihnen als Erbberechtigte drohe und er half denselben, Margareth's Einfluß auf den General zu bekämpfen.

Es schien Kleber, als könne er einen günstigen Erfolg annehmen, aber er hatte keine klare Antwort und möglicher Weise hatte Margareth derselben ausweichen wollen. Vorsicht schien jedenfalls geboten. Er beobachtete Margareth während des ganzen Abends, es entging ihm nicht, daß sie zerstreut blieb, daß ihre unbefangene Heiterkeit, welche sie zur Schau trug, etwas Erzwungenes hatte.

Als die Gäste das Schloß verlassen hatten und er wie gewöhnlich erschien, dem General auf dessen Wege zum Schlafkabinet das Licht voranzutragen, sah er, daß Margareth den General in eine Fensternische geführt hatte, wo Niemand das Gespräch, welches sie flüsternd mit ihm führte, belauschen konnte. Der General war einsilbig und wie es schien, verstimmt, als er endlich Margareth gute Nacht geboten und Kleber folgte, er gab auf die Fragen des Kammerdieners kurze Antworten.

»Ich wollte,« begann Kleber plötzlich, »der Herr Doktor v. Trotten wäre heute gekommen oder der Herr General hätten mir befohlen, gleich einen Anderen mitzubringen. Das geht so nicht länger.«

»Sind Sie närrisch? Bin ich denn krank?«

»Ja, Herr General.«

»Dann wissen Sie mehr davon als ich.«

»Das ist auch so, denn der Herr General geben sich nicht die Mühe, sich selber zu beobachten, ich aber gebe auf den Herrn General Acht.«

»So, und was haben der überweise Herr Kleber bemerkt?«

»Ich habe beobachtet, daß jedesmal, wenn der Herr General großen Aerger gehabt haben und Sie dann vor dem Schlafengehen Ihre Tropfen nehmen, Alles vorüber ist, wenn Sie am anderen Tage heiter sind; daß aber jedesmal, wenn Sie dann am folgenden Abend verdrießlich sind und ein so rothes Gesicht haben, wie heute wieder, eine sehr böse Nacht folgt.«

Die Worte Kleber's mußten auf Wahrheit beruhen und für den General etwas Beunruhigendes haben, denn obwohl Sorben erwiederte, er sei nicht verdrießlich, trat er doch vor den Spiegel.

»Albernheit,« sagte er, »ich sehe roth aus, weil ich Burgunder getrunken habe. Ich hätte das lieber lassen sollen.«

»Besser wäre es gewesen, aber der Herr General wollen ja nicht auf den Arzt hören.«

»Weil es doch nichts hilft. Wo sind meine Tropfen?«

»Herr General, die gebe ich Ihnen nicht. Sie wissen, daß dieselben Sie nicht beruhigen, sondern erregen, wenn Sie sich eben geärgert haben.«

»Zum Donnerw....., wer sagt Ihnen, daß ich mich geärgert habe!«

»Ich sehe es Ihnen an. Das Fräulein hat Ihnen wohl etwas gesagt –«

»Was der Kleber gern wissen möchte?« versetzte Sorben spöttisch. »Na, es ist kein Geheimniß. Die gute Seele fürchtet, daß ihr Bruder zu wenig Erfahrung hat und quält mich, daß ich noch einen berühmten Arzt konsultire. Ich habe es ihr versprechen müssen.«

Kleber antwortete nicht sogleich. Er ersah aus diesen Worten des Generals, daß Margareth seine Hilfe bei ihrer Intrigue verschmähte, andererseits aber auch ihn bei dem General nicht verdächtigt habe, denn sonst würde Sorben nicht so freundlich mit ihm gesprochen haben.

»Man muß sagen,« bemerkte er endlich, »das Fräulein hält entweder sehr wenig von ihrem Bruder oder sie gönnt ihm keinen Verdienst, obwohl er solchen gewiß brauchen kann.«

»Sie meinen?!«

»Ich weiß es, Herr General. In dem Gasthofe, wo ich die Pferde füttern ließ, wunderte man sich, daß ich mit leerem Wagen heimfahren solle, man glaubte es nicht, daß Herr v. Trotten beschäftigt sei. ›Der hat Sprechstunde und Nachtklingel nur zum Staat,‹ sagten die Leute, ›nach dem ruft ja Keiner.‹ Der arme Herr soll Noth leiden und nicht einmal die Miethe bezahlen können.«

»Die Leute schwatzen viel, was nicht wahr ist,« brummte der General und brach das Gespräch ab, Kleber aber wußte, daß er seinen Zweck erreicht habe, Sorben gehörte zu den Leuten, welche nach äußeren Dingen urtheilen und auf jedes Gerede etwas geben. Es mußte dem General jedes Vertrauen zu der Kunst eines Arztes schwinden, der in seinem Wohnort keine Patienten fand, es mußte aber auch Margareth in seinen Augen herabsetzen, daß ihr Bruder von Gläubigern bedrängt wurde und kein ordentliches Brod hatte.

Die böse Nacht, welche Kleber prophezeit hatte, blieb nicht aus. Die Tropfen, welche der General gestern Abend genommen und die Kleber ihm heute nicht hatte reichen wollen, bestanden aus dem bekannten Opiate Morphium, welches zwar einschläfert, aber sehr erschlaffend auf die Nerven wirkt, besonders wenn man es in großen Dosen nehmen muß, um trotz innerer Erregung eine Wirkung zu erzielen. Gelingt es dem Mittel nicht, Schlaf zu erzwingen, so bewirkt dieses Gift bei dem Patienten einen schrecklichen Zustand nervöser Aufregung, der Arzt hatte daher ausdrücklich davor gewarnt, dem General dieses Mittel zu reichen, wenn sein leidenschaftlicher Charakter eine Erregung gehabt, welche befürchten lasse, daß das Morphium zu schwach sei, die Nerven zur Ruhe zu zwingen.

Kleber reichte dem General die Tropfen, er that als traue er der Versicherung desselben, ganz guter Laune zu sein, oder er nahm dies wirklich an, genug, die Medicin regte auf, statt zu beruhigen, und schlummerlos brachte der General die Nacht hin, wüste Bilder erregter Phantasie, welche die Gedanken hervorgerufen, die Kleber angeregt, schwebten ihm vor Augen. Margareth unterstützte ihren Bruder nicht, obwohl sie schon eine hübsche Summe vom General zu fordern hatte. Der Bruder der Dame, welche seinem Haushalt vorstand und die in seidenen Roben einherschritt, erschien morgen vielleicht in schlechter Kleidung, in dürftigem Aufzuge auf Seebach, Margareth hatte sich zwar dagegen gesträubt, daß er gerufen wurde, aber sie hatte Sorben die wahre Ursache ihres Sträubens verschwiegen. Sie wollte ihm also verbergen, daß ihr Bruder Mangel litt, sie schämte sich vielleicht dieses Bruders, weil sie wußte, daß der General eine Dame mit armer Verwandtschaft nicht engagiren gewollt. Er hatte ihr seine Hand angeboten, sie hatte abgelehnt, aber hatte sie das nicht vielleicht nur deshalb gethan, weil sie dem Ernst des Antrages noch nicht recht getraut, weil sie warten gewollt, bis sie ihm noch unentbehrlicher geworden?

Er hatte sein Testament zu ihren Gunsten geändert – hatte er sich dabei nicht übereilt, handelte er gerecht, seine Verwandten eines Weibes willen zu schädigen, welches vielleicht nur eine schlaue Intriguantin war und des alten Herren spottete, der ihr vertraute?

Als der General sich am anderen Morgen erhob, war ihm der Kopf dumpf und schwer – der Morphium-Rausch ist härter als jeder andere, das dicke Blut wallte ihm stoßweise durch die Adern zum Gehirn – wer ihn kannte, wußte, daß er heute in furchtbar reizbarer Laune sei, der wich ihm ans, denn seine Heftigkeit loderte an solchen Tagen oft als finsterer Jähzorn bei den geringsten Anlässen auf.

Margareth erschrak, als sie wie gewöhnlich eine Stunde nach dem Frühstück des Generals, welches derselbe stets allein einnahm, im Salon erschien, so unheimlich loderte ein Feuer aus den Blicken des Generals, so geröthet war sein Antlitz, so scharf und erregt der Ton seiner Stimme.

»Fühle mich vortrefflich,« war die Antwort, die er auf ihre besorgte Frage nach seinem Befinden gab, dabei schaute er sie an wie gierig auf einen Widerspruch, auf einen Vorwand, seiner im Innern gährenden Erregung Luft zu machen.

Instinktmäßig ahnte sie die Gefahr, die ihr drohte. »Das ist ja schön,« antwortete sie und nahm ihre Stickarbeit in die Hand.

»Wollte, ich hätte Ihren Bruder nicht bestellt,« murmelte der General, wie zu sich selber redend. »Was soll er hier?«

Margareth antwortete nicht und das reizte ihn. »Sind wohl heute nicht aufgelegt, mit mir zu plaudern?« fragte er.

Sie legte ihre Arbeit fort. »Ich bin zu Allem bereit, was Sie wünschen,« versetzte sie.

Ihr Wesen schien den General zu besänftigen. »Ich wollte,« sagte er in ruhigerem Tone, »ich könnte Ihren Bruder noch abbestellen. Es ist mir fatal, daß ich ihn unnütz belästige. Aber es ist zu spät dazu, der Wagen, der ihn holt, ist lange fort.«

»Sie brauchen ihn ja nicht zu empfangen, Herr General.«

»Das wäre ungezogen von mir. Ich bin aber niemals unhöflich.«

»Ich könnte es so arrangiren, Herr General, als hätten Sie ihn meinetwegen holen lassen, dann brauchen Sie ihn nicht zu empfangen.«

»Sehr gütig. Sehr entgegenkommend. Sie wissen doch für Alles Rath.«

Es lag in dem Tone des Generals etwas Spöttisches und Margareth hielt es für gut, keine Antwort zu geben, denn sie fühlte, daß auch ihre Geduld schwand und daß sie kaum im Stande gewesen wäre, in ruhigem Tone zu sprechen.

»Ich könnte ihm dann freilich auch kein Honorar anbieten,« fuhr der General fort, »und vielleicht rechnet er darauf –«

Der General stockte, er sah, daß Margareth das Antlitz abwendete. Sie drückte ihr Taschentuch vor das Antlitz, um die Thräne zu verbergen, welche sich ihr in's Auge drängte. Sie hatte jetzt die Erklärung dafür, daß er in gereizter Stimmung einen Streit mit ihr suchte: er wußte, daß ihr Bruder in bedrängter Lage war, und deshalb bereute er es, daß er nach demselben geschickt, er war so unzart, zu ihr davon zu sprechen, daß er den Besuch Eduard's bezahlen möchte, weil derselbe sich wohl schon auf das Honorar freue!

Empörung über den General, Schmerz darüber, daß es unmöglich schien, mit diesem Manne in ein richtiges Einvernehmen zu kommen, Bitterkeit über ihr Schicksal und Theilnahme für den Bruder, der arglos heraus kam, um vielleicht verletzende Bemerkungen zu hören – Alles das vereinigte sich, ihr den letzten Muth zu rauben.

Sie wollte ihre Bewegung verbergen, aber dieselbe war zu mächtig – sie schluchzte laut.

»Donnerw.....,« fluchte der General, halb bestürzt, halb ärgerlich. »Sie weinen schon wieder? Habe ich Ihnen etwas gethan?«

»Verzeihung, Herr General,« versetzte sie, sich erhebend und zeigte ihm ihr bleiches in Thränen gebadetes Antlitz, »ich wollte keine Empfindlichkeit zeigen, aber mir fehlt die Kraft, Ihrer üblen Stimmung Trotz zu bieten. Ich weiß, daß Sie mich absichtlich nicht kränken wollen, aber diese Erwägungen sind mir peinlich.«

Die üble Laune des Generals war sofort geschwunden, als er, statt auf Widerspruch zu stoßen oder doch eine gereizte Antwort zu erhalten, solche Fügsamkeit sah.

»Ich habe Unrecht,« rief er, »der verwünschte Kleber hat daran Schuld, er schwatzte mir gestern Allerlei vor, als könne Ihr Bruder keine Patienten finden, lasse mich nur warten, um mit viel Arbeit zu prahlen, der Schuft wird alle Tage frecher.«

»Da Sie das selbst sagen.« erwiederte Margareth, »ist es meine Pflicht, Ihre Ansicht zu bestätigen. Er verdient das Vertrauen nicht, welches Sie ihm schenken.«

»Sie haben leider Recht, aber woher wissen Sie das? Hat er neuerdings Ursache zur Beschwerde gegeben, so soll er fort, auf der Stelle fort. Reden Sie, was hat er gethan?«

»Nehmen Sie an, Herr General, er hätte die Beweise großer Untreue geliefert und seien Sie im Vertrauen zu ihm vorsichtig, geben Sie Einflüsterungen seinerseits kein Gehör. Entlassen Sie ihn nicht auf der Stelle oder wenigstens nicht im Zorn, er hat vielleicht nur einen unverschämten Versuch bei mir gewagt, weil er weiß, daß ich arm und Ihnen eine Fremde bin, weil er Andere nach seinen Neigungen beurtheilt. Genug – entlassen Sie ihn gelegentlich, aber seien Sie vorsichtig.«

»Einen Versuch bei Ihnen? Was heißt das?« rief der General in ungeheurer Erregung. »Ich fordere Alles Zu wissen, ich bitte darum. Ich werde keine Ruhe haben, bis ich Alles weiß.«

»Kleber scheint zu glauben,« antwortete Margareth erröthend, »daß ich meinem Bruder hier eine Art von Unterkommen verschaffen möchte, und war so dreist, mir seine Unterstützung dazu anzubieten. Er scheint sich in Folge meiner Haltung bei seinem Anerbieten anders besonnen zu haben, oder sprach er zu Ihnen davon, daß es vortheilhaft wäre, wenn Sie einen Arzt aufforderten, einige Zeit hier zu bleiben und Sie in Behandlung zu nehmen?«

»Der Schlingel! Das sieht ihm ähnlich!« rief Sorben, eher heiter als empört. »Er hat sich immer gern meiner Gesellschaftsdamen Liebkind machen wollen und ist bei Ihnen einmal an die Unrechte gekommen. Wenn der Schuft nur nicht so brauchbar wäre und nicht so tief in meine Familienangelegenheiten geschaut hätte! Aber es hilft nichts, er muß fort.«

Das Gespräch wurde durch den Eintritt Kleber's, der Eduard v. Trotten anmeldete, unterbrochen. Kleber hatte jedenfalls die letzten Worte des Generals gehört, denn er warf Margareth einen Blick giftigen Hasses zu.

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