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Die Bescholtenen

Eugen Hermann von Dedenroth: Die Bescholtenen - Kapitel 6
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typefiction
authorEugen Hermann von Dedenroth
titleDie Bescholtenen
publisherBibliothek der Unterhaltung und des Wissens
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firstpub1880
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5.

Margareth hatte sich am Abende dieses Tages mit Gefühlen auf ihr Zimmer zurückgezogen, die sehr verschieden waren von denen, welche sie nach der ersten Begegnung mit dem General gehabt. Sie wußte es jetzt, weshalb der alte Herr sich einsam fühlte und eine Fremde in sein Haus gezogen, sie konnte sich sagen, daß auf die Dauer ihre Stellung hier im Schlosse sehr leicht von dem Wechsel einer Laune abhängig werden konnte.

Der General war argwöhnisch. Da er keine eigenen Kinder hatte, war es natürlich, daß seine Verwandten ihn zu beerben hofften, er aber schien den Argwohn zu hegen, daß Jeder von ihnen, der sich ihm näherte, nur nach seinem Gelde trachte, dieser Argwohn mußte sie in gröbster Weise zurückgestoßen haben, denn wer wirklich erbschleichen wollte, hätte diese Absicht zu verbergen gesucht.

Der General hatte eine Fremde engagirt, um seine Verwandten zu ärgern, er forderte diese also zu dem Verdachte heraus, die Fremde könne seine Erbin werden, die Verwandten des Generals hatten Ursache, dies zu fürchten. Der Tag konnte aber kommen, wo Sorben, der Einflüsterungen zugänglich war, es vergaß, daß er selber diesen Verdacht angeregt, und dem Argwohn, sie trachte nach seinem Erbe, Gehör gab und dann konnte sie auf eine kurze, brutale Entlassung gefaßt sein.

Das Gefühl, eine schwierige Stellung, der jeder sichere Boden fehlte, innezuhaben, sollte sich bald vermehren. Abgesehen davon, daß eine grenzenlose Unordnung im Haushalt herrschte und Margareth sich alle Bediensteten des Schlosses, welche Vortheile aus dieser Unordnung gezogen, zu Feinden machte, entdeckte sie, daß auch Personen, mit welchen der General gesellig verkehrte, den Mangel jeder Kontrole seines Haushaltes ausbeuteten. Da schickte der Inspektor Diesem oder Jenem Butter, Hafer, Stroh, ohne daß der General etwas davon wußte, der Förster verschenkte Wild, Holz, als wäre es sein Eigenthum, und Beide erhielten dafür vermuthlich gute Douceurs. Sorben lächelte, als sie ihm dies gelegentlich mittheilte, und sagte, indem er ihren Eifer belobte, er könne von seinen Freunden doch keine Bezahlung für Bagatellen annehmen, noch weniger verlangen, daß sie ihn um dergleichen ansprächen, es seien das Herren aus dem Städtchen *** die von geringer Pension lebten, mit denen er seine Parthie spiele.

Margareth hatte einzelne dieser Herren schon kennen gelernt, sie führten vornehme Namen, trugen eine biedere, treuherzige Miene zur Schau, erzählten aber Sorben die boshaftesten Klatschgeschichten mit einer Schadenfreude, die wenig für ihren Charakter sprach. Sie hatte den Brief erhalten, den der General ihr geschrieben. Das waren also die Herren, in deren Gesellschaft ihr Bruder nicht erscheinen sollte, weil er nur ein Arzt war! Es war ein Charakterzug, der ihr Sorben sehr wenig sympathisch gemacht hatte, daß der General diesen Vorwand aufgegriffen, ihr abzuschreiben! Welche ein Dünkel lag darin, daß er einen Arzt nicht für würdig hielt, sein Schloß als Gast einer dort angestellten Dame zu betreten, und wie brutal war es, dies ihr zu schreiben!

Die Herren aus *** und auch der Oberförster kamen nie in Begleitung ihrer Frauen, wohl aber mehrere vornehme Gutsbesitzer der Nachbarschaft, deren Damen wahrscheinlich eine zu kostbare Toilette hatten, als daß die Frauen der Herren aus *** neben ihnen hätten erscheinen mögen. War nur Herrenbesuch beim General, so erschien Margareth nur bei Tische, um die Honneurs zu machen und sie leitete und beherrschte alsdann die Unterhaltung, kamen jedoch Damen, so vertrat sie die Stelle der Hausfrau, bewillkommnete dieselben, aber sie bemerkte es bald, daß der General alsdann mit ihr in einem anderen Tone sprach und sie, wenn auch mit großer Höflichkeit, doch als Untergebene erscheinen ließ, ja es schien, als handle er damit planmäßig und wolle zeigen, daß er einen Unterschied zwischen Damen von unabhängiger und einer solchen von abhängiger Stellung mache.

Es lag Margareth sehr fern, für mehr gelten zu wollen, als sie war, aber gerade, weil sie sich strenge in den Grenzen ihrer Stellung hielt und keinen Anlaß zu dem Argwohn gab, sie wolle sich überheben und ebenso viel gelten als diese vornehmen Gäste des Generals, hatte die Art und Weise, mit der Sorben sie behandelte, oft etwas Verletzendes. Es hatte sein Benehmen alsdann etwas, was den Argwohn erwecken konnte, sie lasse sich mehr bieten, als ihre Selbstachtung erlaube, unter vier Augen werde ihr wahrscheinlich noch mehr gesagt, als in Gegenwart von Fremden.

General Sorben hatte Margareth den Brief gezeigt, in welchem das Fräulein v. Stolzenhain auf seinen Antrag und die darauf folgende Depesche geantwortet hatte. In sarkastischem Tone sprach das Fräulein ihre Befriedigung darüber aus, daß er seine Bitte zurückgenommen, und bemerkte, sie hoffe, daß die Dame, welche er engagirt habe, die nöthige Geduld und Demuth besitze, um sich in die Rollen zu finden, mit denen er seine Ehrendamen beglücke.

Dieser ihr anfänglich etwas unklare Passus des Schreibens war jetzt erklärt – es entsprach ganz dem Charakter des Generals, daß er, um nicht in den Verdacht zu kommen, er stehe unter dem Pantoffel, die Gelegenheit suchte, das Gegentheil zu beweisen.

Der General war trotz seines Alters und seiner Gebrechlichkeit ein sehr galanter Courmacher, und wer ihn nicht näher kannte, mußte glauben, daß er daran denke, sich wieder zu verheirathen. Er gehörte zu den Leuten, welche glauben, einer Dame nicht anders zu gefallen, als wenn sie ihr in derbster Weise Schmeicheleien sagen und den Bezauberten, Verliebten spielen. Da der General aber stets an dem Grundsatze, der Dame, welche seinen Haushalt führte, niemals den Hof zu machen, festhielt, so erkannte Margareth ihn kaum wieder, als sie ihn zum ersten Male in Damengesellschaft sah, es war, als sei er plötzlich ein anderer Mensch geworden. Es zeigte sich jedoch bald, daß er jeder Dame in dieser scheinbar höchst interessanten Weise den Hof machte, überall dieselben süßen und überschwänglichen Redensarten gebrauchte – um so mehr fiel es dann aber auf, wenn er Margareth behandelte, als verdiene sie gar keine Beachtung.

Sie hätte sich hierüber trösten können, denn da ihr ansprechendes, bescheidenes Wesen allgemeine Anerkennung fand, wurde sie von den Damen vielleicht gerade dann, wenn der General die nöthigen Rücksichten gegen sie vergaß, am freundlichsten behandelt, aber heute sollte unter den Gästen sich Jemand befinden, vor dessen Augen eine ihr nicht gebührende Behandlung sie tief verletzte.

Margareth hatte ihrem Bruder den Namen des Mannes nicht nennen mögen, dessen Nachstellungen in G. sie entfliehen gewollt, denn derselbe war kein Anderer als der Bruder von Marie Ebeling, der zweite Sohn des Bankiers.

Während der ältere Sohn Ebeling's, Wilhelm, im Geschäfte des Vaters als Associé arbeitete, war der jüngere, Guido, Lieutenant bei der Garde-Kavallerie geworden. Guido war der Liebling seiner eitlen Mutter, welche aus dem altadeligen aber verarmten Geschlechte derer v. Pracht entsprossen, in ihm den Erben ihrer adeligen Gesinnungen sah. Dieser Sohn tröstete sie dafür, daß ihr Erstgeborener den Stand seines Vaters erwählt hatte, sie hatte ihn gründlich verzogen, aber auch Ebeling, der anfänglich nichts davon wissen gewollt, daß Guido Soldat werde, war stolz auf den Sohn, der eine so hübsche Uniform trug und mit Grafen, sogar mit einem Prinzen in demselben Regimente diente.

Guido hatte Margareth schon als Kind gekannt und sie dann auch später, wenn er auf Urlaub nach G. gekommen, häufig gesehen. Er hatte Eduard einen herzlichen Brief geschrieben, als derselbe ihm seine Verlobung mit Marien mitgetheilt, war aber längere Zeit nicht nach G. gekommen, und traf dort erst wieder ein, als die Verlobung aufgehoben und Eduard nach O. übergesiedelt war.

Das Unternehmen, in welchem auch der alte Trotten sein Vermögen angelegt, machte Bankerott, es mußten neue Anleihen aufgenommen werden, Ebeling verlor ebenfalls bedeutend, aber andere Spekulationen glückten, er blieb der reiche Mann, der täglich seine Schätze vermehrte, Marie konnte unter vornehmen Bewerbern wählen. Guido, der nur die Erklärung seines Vaters über die Aufhebung der Verlobung gehört, war damit zufrieden, denn er harmonirte wenig mit Eduard, aber als er Margareth zufällig in Gesellschaft begegnete, fühlte er sich von der jetzt in voller Blüthe stehenden Jungfrau bezaubert, und vielleicht gerade der Umstand, daß sie ihm auswich, erhöhte für ihn den Reiz, das Herz dieser Schönen zu erobern.

In dem eitlen Wahne, daß ihre Sprödigkeit nur Koketterie sei, daß er ihr unmöglich so gleichgiltig sein könne, wie sie heuchelte, belästigte er sie mit zudringlichen Artigkeiten, machte Fenster-Promenaden, schickte ihr Bouquets und ließ sich selbst dadurch nicht abschrecken, daß der Major Trotten ihn im Namen seiner Tochter ersuchte, Margareth unbehelligt zu lassen. Der Aerger über die Zurückweisung von Seiten eines Mädchens, das, seiner Ansicht nach, Gott danken mußte, wenn ein so reicher, stattlicher Bewerber kam wie er, mischte den Zorn gekränkter Eitelkeit in das bittere Gefühl, seiner Sehnsucht entsagen zu müssen, aber er tröstete sich mit dem Gedanken, daß Margareth nur ihren Bruder rächen wolle, daß sie ihn doch wohl heimlich liebe und nur mit sich kämpfe, weil sie auch fürchte, die Eltern Guido's würden dessen Wahl nicht billigen.

Die Krankheit des Majors und der Ablauf seines Urlaubs veranlaßten ihn, seine Bemühungen vorläufig aufzugeben, aber er schrieb Margareth, daß er sie liebe und auf seine Hoffnung nicht verzichte. Margareth antwortete durch Rücksendung seines Schreibens und die Erklärung, sie werde fernere Zuschriften als absichtliche Beleidigung ansehen. Eine Dienstreise, welche mit einem Urlaub verbunden war, hatte Guido nach Breslau geführt, er folgte der Einladung eines Breslauer Kameraden auf dessen väterliches Gut und erschien, ohne zu ahnen, wen er auf Seebach treffen würde, mit der Familie seines Wirthes zum Besuche beim General v. Sorben.

Herr v. Holm, so hieß der Gutsbesitzer, dessen Sohn Egbert in Breslau bei den Kürassieren stand, war längere Zeit nicht auf Schloß Seebach gewesen, seine Tochter Klara war erst kürzlich in's Vaterhaus zurückgekehrt, sie hatte auf Schloß Wildenfels ihre Tante gepflegt und war dieselbe junge Dame, welche daselbst so großes Vertrauen zu Eduard v. Trotten gefaßt. Nur sehr ungern hatte sie es gesehen, daß ihr Onkel die Behandlung der Kranken in die Hände des Geheimen Sanitätsrathes Evers gelegt und ihre Befürchtungen hatten sich bestätigt, Gräfin Wildenfels war kurze Zeit nach dem Besuche des Breslauer Arztes in der Nacht plötzlich an einer Lungenlähmung gestorben. Klara und ihre Mutter erschienen auf Seebach in Trauerkleidern zu Wagen, Herr v. Holm folgte mit seinem Sohne und Guido zu Pferde, die Herren trafen erst später ein, da sie noch vorher einein anderen Besuch in der Nachbarschaft gemacht.

Klara war nicht wenig überrascht, als der General, der schon wieder eine neue Gesellschaftsdame hatte, ihr den Namen derselben nannte und Margareth auf ihr Befragen mit Erröthen gestand, daß der Arzt Trotten in O. ihr Bruder sei.

Margareth bemerkte, daß der General von dieser Erklärung nicht angenehm berührt schien, um so wohlthuender waren ihr die anerkennenden Worte Klara's über ihren Bruder – beide jungen Mädchen fühlten sich sympathisch von einander angezogen, Klara verwickelte Margareth in ein vertrauliches Gespräch, so daß diese es versäumte, die eintreffenden Herren zu empfangen und der General sie rufen mußte. Da erblickte sie Guido und die Ueberraschung machte sie auffällig verwirrt.

Der General zog die Brauen finster. Er sah aus der Ueberraschung, welche Guido nicht verbarg, daß Beide einander kannten. Die Verlegenheit Margareth's und die sehr förmliche Verbeugung Guido's, welche eine nähere Bekanntschaft seinerseits mit Margareth zu verleugnen schien, erweckten in dem alten Herrn einen Argwohn, der vorläufig noch unklar war, aber seine Verstimmung erhöhte. Er zog sich mit Herrn v. Holm zurück, und während sein Auge aus der Ferne Margareth beobachtete, erfuhr er von Holm auf sein Befragen, daß Guido der Sohn eines reichen und unternehmenden Bankiers sei, der in G. wohne.

General Sorben lächelte eigenthümlich, es war dieses Lächeln eine Verzerrung seiner Züge, welche den Ausdruck innerer Erregung verbergen sollte. Er lächelte auf diese Art, wenn äußere Umstände ihn verhinderten, seiner Leidenschaft freien Lauf zu lassen, wenn er genöthigt war, Rücksichten zu beobachten. Er verzog den Mund zu einem Lächeln, aber aus seinen Augen sprühte finsterer Zorn und das Lächeln war um so erkünstelter, je heftiger die Bewegung war, die er verbarg.

Er sah, daß der junge Offizier Margareth in vertraulicher Weise anredete, daß ihr Blick nach ihm, dem General, schielte, als ahne sie, daß der General sie beobachte, und Sorben zweifelte nicht mehr daran, daß hier ein verabredetes Stelldichein stattfinde. Es schien klar auf der Hand zu liegen, daß hier ein altes intimes Verhältniß walte, daß Guido im Einverständniß mit Margareth die Bekanntschaft Holm's gesucht, um als Gast nach Seebach zu kommen.

Der Argwohn des Generals kombinirte weiter. Margareth hatte ihn getäuscht, wenn sie gesagt, daß sie ein dauerndes Asyl bei ihm zu finden hoffe, wahrscheinlich hatte in G. ihrem Verkehr mit Guido ein Hinderniß im Wege gelegen und es erschien ihr bequemer, mit ihrem Geliebten in Seebach zu verkehren, der General konnte sich darauf gefaßt machen, eines schönen Tages plötzlich ihre Kündigung zu erhalten, weil sie heirathen wolle. Der General hatte sie nicht um ihre Herzensangelegenheiten befragt und doch erschien es ihm wie Betrug und Verrath, daß sie ihm dieselben verschwiegen, die Wahl aber, die sie getroffen, erhöhte seine Bitterkeit. Der alte Aristokrat hatte schon lange über die Neuerung gegrollt, daß man Bürgerlichen, deren Väter noch dazu dem Kaufmannsstande angehörten, Offiziersstellen gab, er war überzeugt, daß dadurch der Offiziersstand die chevaleresken Gesinnungen verlieren und zu Grunde gehen müsse. Hier sah er nun den Sohn eines Bankiers, eines Spekulanten sogar in der Uniform der Garde, als Offizier eines Regiments, in welchem früher nur der höchste, älteste Adel vertreten war, und seine Ansichten über die Denkungsweise bürgerlicher Offiziere schien hier bestätigt – Lieutenant Ebeling, anstatt seine Geliebte zu entführen, wenn man ihn hinderte, sie offen zum Altar zu führen, ließ sie in fremdem Hause ein Unterkommen suchen, um dort heimlich ihr den Hof machen zu können.

Der General war so in den selbstgeschaffenen Vorurtheilen befangen und derart von seinem Argwohn geblendet, daß er eine sonst nicht mißzuverstehende Geste Margareth's, welche deren Gespräch mit Guido abbrach, für berechnete Komödie hielt, er wähnte, Margareth habe entdeckt, daß er Alles durchschaue und spiele gegen Guido die Beleidigte. Er näherte sich dem jungen Offizier, als Margareth sich von demselben abgewendet. »Sie haben wohl in Fräulein v. Trotten eine alte Bekannte wiedergefunden, Herr Lieutenant?« fragte er, das graue Auge auf den Offizier heftend. »Ja, Herr General, ich war sehr überrascht, sie hier wieder zu sehen.«

»Angenehm überrascht. Hab's gesehen.«

Guido's Blick hatte etwas Stechendes, als er antwortete, daß Fräulein v. Trotten, wie es scheine, sich der Ueberraschung nicht freue. »Sie besaß stets einen hohen Ehrgeiz,« fuhr er in sarkastisch bitterem Tone fort, »und hat sich jetzt so stolze Ziele gesetzt, daß die Erinnerung an einen Jugendbekannten ihr gleichgiltig ist.«

»Sie sprechen ja, als wäre Ihnen eine Attake abgeschlagen,« erwiederte Sorben mit Ironie, denn er zweifelte nicht daran, daß Guido im Einverständniß mit Margareth heuchle, »zu meiner Zeit attakirte die Kavallerie entweder gar nicht oder sie brach durch.«

Der Hohn im Blicke des Generals trieb Guido das Blut in die Wangen. »So ist es auch heute,« versetzte er. »aber ein Plänkeln ist kein Attake.«

»Sie kennen den Bruder meiner Gesellschaftsdame?« fragte der General, das Thema plötzlich ändernd.

»Nur oberflächlich, er wollte ein Gelehrter, ich Soldat werden, das paßte nicht recht zusammen.«

»Herr v. Trotten ist Arzt in O.?«

»Ja, so höre ich. Er wollte sich früher auf Studien zu einer Erfindung legen, aber es fehlten ihm dazu die Mittel, und eine reiche Parthie, die er zu schließen hoffte, kam nicht zu Stande.«

»Ei, davon hat mir Fräulein v. Trotten nichts erzählt.«

»Das glaube ich wohl, Herr General, und ich würde auch nicht davon sprechen, wenn ich nicht aus Andeutungen des Fräuleins schließen müßte, daß sie vielleicht bald das Gegentheil thut und dann die Sache unrichtig darstellt. Herr v. Trotten war mit meiner Schwester verlobt, nach den Auslassungen des Fräuleins v. Trotten macht ihre Familie meiner Schwester einen harten Vorwurf daraus, daß sie zurückgetreten ist; wie hoch ich aber Fräulein von Trotten auch verehre, kann ich ihrem Urtheil in dieser Sache nicht beipflichten.«

»Sie haben sich also doch mit ihr gezankt? Ich sah, daß sie sehr erregt war, aber ich erklärte mir das anders.«

»Herr General, Fräulein v. Trotten hat durch Sie eine Stellung erhalten und schmeichelt sich mit Hoffnungen, welche sie vergessen lassen, daß ihre Lage eine fast verzweifelte gewesen, und da ist ein gewisser Uebermuth erklärlich.«

Hatte Guido absichtlich das Gift des Argwohnes dem General einflößen wollen, oder sprach er in der Bitterkeit darüber, daß Margareth seine Huldigungen abermals zurückgewiesen, nur seine Ueberzeugung aus – das Gift fand guten Boden.

»Was wollen Sie mit dieser Andeutung sagen?« rief der General, die Brauen finster ziehend, »was sind das für Hoffnungen, die Fräulein v. Trotten zum Uebermuth verleiten?«

»Herr General –«

»Ich bitte um klare Antwort. Sie würden mir einen Dienst erweisen, wenn Sie mir nichts verhehlen. Sie handeln dabei auch im Interesse des Fräuleins, denn die Enttäuschung ist empfindlich, wenn sie zu spät kommt. Das Fräulein ist erst vier Wochen hier, es wäre nur sehr lieb, mein Urtheil über ihren Charakter richtig zu bilden.«

»Herr General,« antwortete Guido, »ich habe nur Vermuthungen angedeutet, ich kann mich täuschen. Aber ich denke mir, daß eine junge Dame ohne alle Mittel, deren Bruder, wie ich höre, kaum seinen Unterhalt fristen kann, die allein und hilflos in der Welt dasteht, eine gute ehrenvolle Parthie, die sich ihr darbietet, nicht schroff, ja mit Hohn zurückweisen könnte, wenn sie nicht mit Gewißheit auf das Erreichen anderer Ziele rechnete. Es scheint nur nahezu liegen, daß sie ihre Stellung hier für eine immer dauernde hält, und ich will ihr das wünschen, oder daß sie noch kühnere Pläne schmiedet.«

»Herr Lieutenant, nennen Sie diese Pläne, aus der Luft können Sie diese Anklage nicht greifen!«

»Gott behüte mich, daß ich eine Anklage erhebe,« erwiederte Guido, »aber ich habe auch keine Ursache, zu verschweigen, was nur das Fräulein gesagt hat. Sie antwortete auf Worte, in denen ein ehrerbietiger Antrag lag, den keine Dame übel nehmen darf, nur in so schroffer Weise, daß ich sie daran erinnern mußte, wie ich mit Herrn v. Holm hieher gekommen, ohne zu ahnen, daß sie hier sei, daß ich mich also als Ihren Gast, Herr General, betrachtete. Sie gab mir darauf zu verstehen, es könne Niemand der Gast des Generals v. Sorben sein, den das Fräulein v. Trotten nicht zum Bleiben einlade.«

»Das wagte sie –«

»Herr General, ich beschwöre Sie, von einer vertraulichen Mittheilung keinen Gebrauch zu machen. Das Fräulein hat ja auch in der Sache völlig Recht, Sie würden nicht dulden, daß Jemand den Respekt vor ihr verletzt, ich erwähnte ja der Sache nur, weil Sie wissen wollten, welche Pläne ich dem Fräulein zutraue. Sie ist ehrgeizig, herrschsüchtig, sie bedarf einer festen gesicherten Existenz für die Zukunft. Ich bot ihr eine solche und ward abgewiesen. Hätte sie das schonend gethan, so würde ich mich bescheiden müssen, aber der übermüthige Hohn, mit dem sie mich dabei verletzte, gab mir wohl das Recht, zu fragen, woraus dieser Uebermuth sich stützt.«

»Sie haben Recht, ich danke Ihnen,« antwortete der General. »Ich werde meine Augen offen haben und meine Maßregeln zu treffen wissen. Es sollte mir leid thun, wenn Fräulein v. Trotten, anstatt sich zu bescheiden mit dem, was ich ihr biete, sich auf Spekulationen einlassen sollte.«

Der Lakai meldete, daß die Tafel servirt sei. Der General bot Frau v. Holm seinen Arm, Herr v. Holm führte Margareth zu Tische und folgte dem ersten Paare unmittelbar, so daß Guido, der Klara führte, hinterher ging. Der General warf einen finsteren Blick auf Margaretha als mißbillige er es, daß sie vor Klara den Saal betreten, und gebe ihr die Schuld daran. »Fräulein v. Trotten,« sagte er in scharfem Tone, als Alles Platz genommen, »Sie haben wieder nicht dafür Sorge getragen, daß Malaga aufgesetzt ist. Wenn Damen mein Haus beehren, so wünsche ich das. Entschuldigen die Damen, aber es ist bei mir noch nicht Alles in gewohnter Ordnung, ich hoffe, es wird sich bessern.«

Es entstand eine verlegene Pause. Der Ton dieser Zurechtweisung war so brutal, sie kam für Alle so unerwartet, daß die Gäste davon fast ebenso erschreckt waren wie Margareth.

Margareth antwortete mit keiner Silbe, sie wußte schon, daß Widerspruch den General nur noch mehr reizte, aber das Erbleichen ihrer Züge verrieth, wie tief diese rohe Demüthigung sie verletzte.

Herr v. Holm begann ein gleichgiltiges Gespräch, um der peinlichen Scene ein Ende zu machen, Lieutenant Edgar v. Holm bot Margareth mit ausgesuchtester Höflichkeit ein Glas Wein an und Klara warf ihr einen Blick zu, der ihr sagte, welche Theilnahme sie empfinde. Dem General entging das nicht, er fühlte, wie Alle, vielleicht mit einziger Ausnahme von Guido, sein Verfahren empört hatte, das reizte ihn aber noch mehr, und als er sah, daß Margareth weder Wein noch Speisen anrührte, wandte er sich abermals zu ihr. »Gnädiges Fräulein,« sagte er, »ich sehe, daß Sie unwohl sind und Ihr Leiden bekämpfen. Die Herrschaften werden Ihnen gewiß erlauben, sich zurückzuziehen.«

Margareth erhob sich sofort. »Ja,« sagte sie, »mir ist nicht wohl,« – aber Klara erhob sich gleichfalls und erklärte, sie werde Fräulein v. Trotten auf ihr Zimmer bringen.

Der General erröthete heftig. Er sah es jetzt ein, daß er eine Brutalität begangen, das hatte er nicht gedacht, daß eine so vornehme junge Dame, wie Klara v. Holm, so rasch die Freundin Margareth's geworden sein könne, Margareth stieg dadurch gewaltig in seinen Augen. Es mochte ihm aber auch der Gedanke kommen, daß Margareth die ihr gewordene Behandlung zwar schweigend hingenommen, aber vielleicht doch mit einer sofortigen Kündigung beantworten könne, und das war das Entsetzlichste, was ihm begegnen konnte, denn dann war er wieder allein!

Er sprang auf, als habe ihn nie die Gicht geplagt. »Wenn es nöthig ist,« sagte er, »so biete ich Fräulein von Trotten meinen Arm zur Stütze. Aber ich hoffe, das Unwohlsein ist nicht bedeutend, ich müßte es sonst sehr bereuen, vorhin einen Vorwurf ausgesprochen zu haben.«

»Ich bedarf keines Geleites,« nahm Margareth das Wort. »Ich habe nur Kopfschmerz und bitte um Verzeihung, daß ich mich nicht besser zu beherrschen verstanden.« Sie dankte Klara für ihre Theilnahme und bat sie, sich nicht stören lassen, dann verließ sie den Salon, ohne die Worte des Generals zu beachten oder ihn eines Blickes zu würdigen. Auf ihrem Zimmer angelangt, da verließen sie ihre Kräfte, sie sank in einen Sessel und ein Strom von Thränen brach aus ihren Augen. Sie wußte es, daß die Brutalität des Generals keine zufällige gewesen. Als sie Guido erklärt, er handle nicht wie ein Cavalier, wenn er ihrer entschiedenen Bitte, sie mit Huldigungen nicht zu behelligen, trotze, sie stehe unter dem Schutze des Generals und werde nöthigenfalls denselben ansprechen, da hatte er drohend geäußert, sie solle nicht zu fest auf die Dauer ihrer Stellung im Schlosse bauen, nicht zu stolz auf ein Brod sein, welches die Laune nehmen könne, wie sie es gegeben, sie sei arm, aber sie kenne noch nicht die Armuth, sonst würde sie seinen Antrag nicht zurückweisen. Auf solche Worte hatte sie freilich erwiedert, sie dulde keine Beleidigungen in dem Hause, wo sie wohne, aber es war ihr nicht entgangen, daß Guido darauf ein langes Gespräch mit dem General geführt, und sie kannte den Letzteren genug, um aus dessen Mienenspiel zu errathen, daß seine Leidenschaft erregt sei.

Sie hatte keine Gelegenheit gefunden, den General zu sprechen, ehe man zu Tische ging, aber einen so rohen Ausbruch der Brutalität hatte sie nicht erwartet.

Was geschehen war, das war nicht mehr zu ändern. Der General hatte sie vor Fremden und noch dazu vor einem Manne, der sie beleidigt, wie eine Dienerin behandelt, ja, sie von der Tafel gewiesen; nicht aus Rücksicht für sie, sondern für seine Gäste hatte er nachher der Sache einen mildernden Anstrich gegeben.

Der General hatte mit Ueberlegung gehandelt, einer Verdächtigung nachgegeben, ohne sie vorher zu hören. Es ist für die Stellung zweier Personen zu einander entscheidend, welchen Verlauf die erste Reibung zwischen ihnen nimmt, und wenn die Eine sich in abhängiger Lage befindet, so vergibt sie sich Alles, wenn sie eine Verletzung der schuldigen Achtung vor ihrer Person durchgehen läßt.

Margareth sah sich in der Lage, dem General zu kündigen, und nach ihrer innersten Ueberzeugung hatte sie keine Hoffnung, daß eine etwaige Versöhnung – wenn der General sich entschuldigte – sie für die Zukunft vor ähnlicher Behandlung sicher stelle, denn sie kannte ihn genug, um zu wissen, daß er Anderen nichts bitterer nachtrug als eine Beschämung, die er verdienter Weise erlitten. Gebot es ihr Selbstgefühl, daß sie ihm erklärte, eine derartige Behandlung nicht zu dulden, und mußte sie daher ihre Entlassung fordern, so wußte sie vorher, daß, wenn der General sich zu einer Entschuldigung verstand, er ihr diese Demüthigung nicht verzeihen werde, das Richtigste war also, ihre Stellung in Seebach aufzugeben, mochte der General sich entschuldigen oder nicht.

Es war ihr nicht leicht, einen solchen Entschluß zu fassen, es war ein sehr bitterer Gedanke für sie, daß ihre erste Stellung in einem fremden Hause von so kurzer Dauer sein solle, aber es war besser, heute zu gehen, wo das noch unter leidlich guten Formen geschehen konnte, als damit zu warten, bis der General ihr vielleicht eine noch schlimmere Scene bereitete.

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