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Die Bescholtenen

Eugen Hermann von Dedenroth: Die Bescholtenen - Kapitel 5
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typefiction
authorEugen Hermann von Dedenroth
titleDie Bescholtenen
publisherBibliothek der Unterhaltung und des Wissens
year1880
firstpub1880
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4.

Das Schloß Seebach liegt vier Meilen von O., wo Eduard seinen Wohnsitz genommen, aber nur zwei Meilen von Schloß Wildenfels entfernt. Die Herrschaft auf Wildenfels stand mit der auf Seebach in geselligem Verkehr, welcher freilich in letzter Zeit durch die Krankheit der Gräfin Wildenfels unterbrochen worden war, und wenn der General Sorben sich auch ab und zu nach dem Befinden der Gräfin erkundigen ließ, so hatte er doch nicht erfahren, daß Eduard v. Trotten dort in einer entscheidenden Stunde Hilfe geleistet hatte, der Name Trotten war daher dem Baron völlig unbekannt, als sein Neffe, der Geheimrath, ihm schrieb, er hoffe in dem Fräulein v. Trotten eine für ihn passende Repräsentationsdame gefunden zu haben. Der Geheimrath erwähnte, daß nach den von ihm eingezogen Erkundigungen Fräulein v. Trotten die Tochter eines sehr ehrenwerthen und geachteten Mannes, eine vornehme und höchst ansprechende Erscheinung sei, daß ihr Ruf tadellos und ihre Erziehung eine vollendete sei, der Gerichtspräsident v. P. zu G., der sie persönlich genau kenne, empfehle sie mit Wärme. Der Geheimrath hob ferner hervor, das Fräulein besitze außer ihrem Bruder, einem vielversprechenden jungen Arzte, keine Verwandte, ihr Vater sei von den Aerzten aufgegeben, es sei ihr also ein gutes Unterkommen sehr zu wünschen.

Der General war von dem Briefe nicht sehr befriedigt. Es waren schon sechs Wochen her, seit seine letzte Gesellschafterin, eine Cousine von ihm, mit der er sich nie hatte vertragen können, ihn in Folge einer sehr heftigen Scene verlassen hatte und noch war bis heute kein Ersatz gefunden, man hatte zwar mit verschiedenen Damen Unterhandlungen angeknüpft, aber dieselben hatten sich zerschlagen. Jetzt war eine vielleicht passende Repräsentantin gefunden, aber dieselbe konnte erst kommen, wenn der Himmel ihren Vater abgerufen, sie kam dann in Trauerkleidern, wahrscheinlich vom Schmerz niedergebeugt, und dem General verlangte nach Zerstreuung, nach einer Gesellschafterin, die ihn erheiterte, denn er war gerade jetzt schwer von der Gicht geplagt. Im Schlosse ging Alles drunter und drüber, nichts hatte seine gewohnte Ordnung. Wenn Gäste kamen, fehlte es all Diesem und Jenem, der General fluchte und wetterte gegen die Dienerschaft, aber die Folge davon war nur, daß die Leute den Dienst kündigten. Er war es freilich gewöhnt, daß bei ihm die Dienstleute sehr häufig wechselten, aber er hatte mit der Beschaffung und Auswahl Anderer bisher nichts zu thun gehabt.

Die Freude, welche die ersten Zeilen des Briefes ihm verursacht, schwand daher sehr bald, seine Miene wurde immer finsterer, er sollte noch länger diesen Zustand ertragen, sich gedulden, bis das Fräulein sich melde, das vielleicht noch einige Wochen zur Ordnung ihrer Erbschaftsangelegenheiten gebrauchte.

Eigenwillige, ungeduldige Naturen von leicht erregbarem Charakter, wie solcher dem General eigen, malen sich gern, sobald ihnen Schwierigkeiten drohen, alle unangenehmen Fälle aus, die sich möglicherweise ereignen können, bringen sich dadurch selber in Hitze und entschließen sich dann in ihrer Erregung zu Handlungen, welche die ungünstigste Annahme als die wahrscheinliche voraussetzen.

»Der Junge ist närrisch geworden,« brummte der General, welcher seinen Neffen noch ebenso wie vor dreißig Jahren titulirte, »er macht es sich bequem, er ist rein von Sinnen. Ich soll warten, bis ein alter Mann stirbt, und dann alle Tage ein verheultes Gesicht um mich sehen! Und was ist das für ein Dämchen! Der Vater ein pensionirter Offizier, der Bruder Doktor – Karl ist nicht gescheidt. Was versteht die Jungfer von Repräsentation. Das hat Kaffee gekocht für die Dickbäuche einer kleinen Stadt, wo der Herr Bürgermeister das größte Thier, die weiß nur Klatschgeschichten vom Krämer und Bäcker.«

Der General entschloß sich, einer Cousine in der Residenz, die früher schon einmal bei ihm gewesen, ein gutes Wort zu geben, daß sie wiederkomme, seinem Neffen aber zu schreiben, er wolle kein Asyl für Damen, die ein Unterkommen brauchen, in Seebach anlegen, gleichzeitig aber auch Fräulein v. Trotten zu benachrichtigen, daß er ihrer nicht bedürfe; es war ja möglich, daß dieselbe, ehe Karl ihr abschrieb, Anstalten zur Abreise traf und dann vielleicht gar Schwierigkeiten machte.

Der General war niemals ein Freund des Briefschreibens gewesen und jetzt, wo ihn die Gicht marterte, wurde ihm die Arbeit doppelt sauer. Als er den Brief an seine Cousine, das Freifräulein v. Stolzenhain geschrieben, bedurfte er der Erholung, am nächsten Tage brachte er mit Mühe den zweiten Brief an seinen Neffen zu Stande, am dritten überlegte er sich, ob es nicht überflüssig sei, dem Fräulein besonders zu schreiben, und verschob die Arbeit auf den folgenden Tag, aber erst einundzwanzig Stunden später gelang es ihm, folgendes Scriptum fertig zu bringen:

»Gnädiges Fräulein!

Bemühen Sie Sich nicht. Stelle vergeben. Mein Neffe hat wohl schon geschrieben, daß er Dummheiten gemacht. Wünschte eine Dame von Tournüre, die in der großen Welt gelebt. Ihr Bruder ist Arzt. Ein sehr ehrenwerther, nützlicher Stand, hat aber nicht den Rang eines Cavaliers, würde nicht gehen, daß er Sie besucht, lade höchstens meinen Hausarzt zu Tische, wenn ich krank bin. Bedaure also aufrichtig, wenn mein Neffe Ihnen Hoffnungen gemacht.

Mit aller Achtung!

General a. D. Baron v. Sorben

Dieser, nach Ansicht des Generals überaus höfliche Brief ward am nächsten Morgen zur Post geschickt, zwei Stunden später erhielt der General ein sehr zierlich geschriebenes Billet, in welchem Margareth ihm meldete, daß sie mit dem Mittagszuge auf der Station eintreffe, sie komme, sich ihm persönlich vorzustellen und hoffe, daß seine Güte und Nachsicht es ihr erleichtern werde, seine Zufriedenheit zu erwerben.

»Schöne Geschichte das!« murmelte der General. »Kommt mir die auf den Hals und habe die Andere bestellt!«

Er überlas den Brief noch einmal. »Sehr gut gesagt, Güte und Nachsicht. Guter Styl, bescheidene Worte, die ist gewiß nicht so zänkisch wie Cousine Agathe. Aber es ist zu spät. Thut mir leid, wird umkehren müssen. Die Stolzenhain würde mir die Augen auskratzen, wenn ich sie zum Besten hielte.«

Der General schickte seinen Wagen zur Station, er mußte Margareth empfangen und wenigstens so lange bei sich aufnehmen, bis der nächste Zug, den sie zur Heimfahrt benützen konnte, die Station passirte, das war aber erst am anderen Tage der Fall, denn Kurierzüge hielten nicht an der Station und mit einem Personenzuge, der gleich nach Mitternacht dort eintraf, konnte er sie doch nicht fortschicken.

War es die peinliche Situation, in die er sich der jungen Dame gegenüber versetzt hatte, und bereute er es schon, voreilig gehandelt zu haben, so mochte auch noch eine gewisse Neugierde hinzutreten, genug, er harrte mit ungeduldiger, gespannter Erwartung der Rückkehr des Wagens und schleppte sich trotz heftiger Gichtschmerzen an's Fenster, um die äußere Erscheinung der Ankommenden prüfen zu können, ehe sie vor ihm erschien.

Der Eindruck, den er erhielt, war ein überraschender, übertraf jede Erwartung. Mit anmuthiger Leichtigkeit schwang sich die graziöse Gestalt der jungen Dame aus dem Wagen und der General gestand sich, als er Margareth zum Schloßportale schreiten sah, daß er nur wenige Damen kenne, die in vornehmer Eleganz der Erscheinung mit Fräulein v. Trotten wetteifern konnten. Sie war in tiefer Trauer, aber das Schwarz kleidete ihr vorzüglich, die Toilette war einfach, aber sie hob die schönen Linien der edlen Gestalt.

Der General hatte Befehl gegeben, Margareth in die Räume zu führen, welche ihre Vorgängerin bewohnt hatte, damit sie dort ihre Toilette ordnen könne, jetzt konnte er es kaum erwarten, daß sie vor ihm erschien. »Zum T ... mit der Stolzenhain,« brummte er vor sich hin, »der Junge ist doch kein Dummkopf, es scheint, er hat vortrefflich gewählt. Ich werde ihr sagen, daß ich einen dummen Streich gemacht, oder nein, ich werde an die Cousine telegraphiren lassen, daß sie nicht komme, dieses Mädchen schicke ich nicht fort.«

Margareth ließ den General nicht lange warten. Er wollte sich erheben, als man sie ihm gemeldet, aber sie flog auf ihn zu, als sie sah, welche Anstrengungen der alte Herr machte, und drückte mit zarter Hand ihn in den Sessel nieder. Ihr Antlitz war leicht geröthet und von wunderbarer Schöne in diesem Moment, wo bange Erwartung aus ihrem Auge sprach. »Sie dürfen vor Ihrer Pflegerin sich nicht erheben, Herr General,« sagte sie. »Wenn ich das Glück haben soll, Ihnen dienen zu dürfen, so ist es mein Recht und meine Pflicht, Ihnen die kleinste Mühe zu ersparen.«

Sie sagte das, weil er sich trotz ihrer Bitte erheben wollte. Er war von ihrem Wesen wie bezaubert, eine so angenehme Milde war ihm noch nicht begegnet, er mochte das Gefühl haben, welches einen Vater bewegt, dem nach langer Trennung eine Tochter naht.

»Gnädiges Fräulein,« sagte er mit einer Miene, die ihm sonst nicht eigen war, die er an sich selber nicht kannte, »Sie sind Schuld daran, wenn ich den Respekt verletze, den ich einer Dame schulde - aber nehmen Sie Platz. Ich bedarf in meinem Schlosse einer Dame, welche die Frau des Hauses repräsentirt und mir altem Manne Gesellschaft leistet, wenn ich einsam bin, aber obwohl ich bisher zu diesem Zwecke Verwandte bei mir gehabt, kenne ich keine andere Pflege als die von dazu besonders gemietheten Personen und die halten niemals lange bei mir aus. Wollen Sie es mit mir versuchen, so werde ich das hoch anerkennen, aber verpflichtet sind Sie nicht dazu. Ihre Aufgabe ist es, die Oberleitung meines Hauswesens zu übernehmen, meinen Gästen die Honneurs zu machen, weiter gehen Ihre Verpflichtungen nicht.«

»Herr General,« versetzte Margareth, »wenn Ihre Verwandten die Sorge für Ihre Pflege fremden Personen überlassen, so geschah das wohl, weil Sie diese Anordnung getroffen hatten, ich komme aber unter anderen Verhältnissen in Ihr Haus. Ich habe nicht die Ehre, Ihre Verwandte zu sein, mir können also keine anderen Bande hier eine dauernde Stellung geben, als die, welche mein Eifer, mich Ihnen nützlich zu machen, flechtet. Ich würde mich hier nicht sicher, nicht zu Hause fühlen können, wenn mir das schönste Recht – das Recht, Sie wie eine Tochter den Vater zu pflegen, entzogen wäre, nur wenn ich darin Ihre Zufriedenheit erwerbe, kann ich in Nebensachen die Hausfrau vertreten.«

»Mir soll das recht sein,« rief er, sie mit steigendem Wohlwollen betrachtend, »aber ich fürchte, Sie werden es bald satt bekommen. Ich bin ein launenhafter, ungeduldiger Kranker und dann oft, ohne es zu wollen, sehr grob.«

»Weil bezahlte Leute Sie pflegten!«

Der General schaute sie befreundet an, er wollte etwas sagen, aber er hielt damit zurück.

»Sie wollen sagen,« nahm Margareth, die ihn errathen, lächelnd das Wort, »daß ich ja auch für meine Dienste bezahlt werde.«

»Gnädiges Fräulein!« protestirte der General lebhaft, »ich habe keineswegs dergleichen sagen wollen.«

»Und doch ist der Gedanke ein naheliegender,« erwiederte Fräulein v. Trotten. »Ich bin Ihnen ja eine Fremde und bin arm, ich muß mir mein Brod verdienen. Aber wenn ich auch in dieser Lage bin, so würde ich doch niemals für Geld persönliche Dienste thun, ich nehme die Stellung bei Ihnen in der Hoffnung an, mir Anerkennung, Dankbarkeit, Zufriedenheit zu erwerben, hier nützlich sein zu können und würde ohne diese Hoffnung für keinen noch so hohen Preis hier bleiben. Nur erworbenes Vertrauen, verdientes Wohlwollen kann mir hier die geachtete Stellung verschaffen, welche mich von bezahlten Dienern unterscheidet, und ich werde Sie daher bitten, Herr General, von den Honorar-Bedingungen, die mir der Herr Geheimrath gestellt, nicht zu sprechen, sondern mich je nach Ihrer Zufriedenheit mit den Mitteln zu versehen, deren ich bedarf, um auch in der äußeren Erscheinung die Ansprüche, welche meine Stellung macht, erfüllen zu können. Erst später, wenn Sie Ihr Urtheil über meine Leistungen gefällt haben, werde ich bitten, ein bestimmtes Honorar festzusetzen, denn es ist nothwendig, daß ich dann auch Ihnen gegenüber eine freie, unabhängige und sichere Stellung erhalte.«

»Bei Gott,« rief Sorben, ihr die Hand reichend, »mein Neffe hat mir ein großes Glück verschafft. Sie denken wie eine echte Aristokratin. Keine Andere als Sie soll in meinem Hause walten und ich werde dankbar sein.«

Sie führte die Hand des alten Herrn an ihre Lippen, aber er duldete es nicht, daß sie die Hand küßte, er drückte ihr einen Kuß auf die Stirne. Der General schellte und befahl dem eintretenden Kammerdiener, allen Bediensteten des Schlosses mitzutheilen, daß man dem Fräulein v. Trotten zu gehorchen habe, wie ihm, daß diese Dame fortan seinem Hause vorstehen werde. Margareth begab sich auf ihr Zimmer. Sie fühlte sich unbeschreiblich glücklich. Sie hatte es in den Augen des alten Herrn gelesen, daß sie sein Wohlgefallen erworben, und fühlte in sich die Kraft, dasselbe festzuhalten. Mochte er Launen und Eigenheiten haben, die besaß ja fast jeder Kranke, so schien er doch nicht so schwer zu behandeln als der Geheimrath angedeutet, glaubte sie doch schon jetzt sagen zu können, daß er ein fühlendes Herz besaß. Froher Hoffnung voll schrieb sie für den Bruder die Eindrücke der ersten Begegnung mit dem General nieder und ging dann sogleich daran, sich in ihrem neuen Wirkungskreise zu orientiren.

Die Kammerzofe, die sie um Mehreres befragte, zog ein verdutztes Gesicht, als sie ihr verbot, über den Herrn General zu sprechen, die Zofe hatte ihr von dessen Eigenheiten erzählen wollen. Die Wirthschafterin erklärte, als sie forderte, die Wirthschaftsbücher einzusehen, sie sei es nicht gewöhnt, kontrolirt zu werden, und die Köchin machte große Augen, als das Fräulein auch die Küche besichtigte. Die Mienen der Leute sagten ihr, daß man derartiges nicht gewöhnt sei und sich nicht gefallen lassen werde, die Wirthschafterin gab schließlich dieser Unzufriedenheit Ausdruck, indem sie Margareth eröffnete, sie habe bereits gekündigt, werde aber ihre Stelle sofort aufgeben, wenn man sich in ihre Angelegenheiten einmische.

Die Wirthschafterin mochte erwartet haben, daß die junge Dame ihr gute Worte geben werde. Die Vorgängerinnen derselben hatten Wohl auch zuweilen Kontrole üben wollen, aber sie hatten sich einschüchtern lassen, denn keine der vornehmen Damen hätte sich ernsthaft mit ihren Arbeiten auch nur auf kurze Zeit befassen mögen, Margareth aber nahm die sofortige Kündigung an und sagte, sie werde nach Revision der Bücher die Entlassung vollziehen.

Dieses unerwartete energische Auftreten der jungen Dame flößte der Dienerschaft einen heilsamen Schrecken ein, der noch dadurch vermehrt wurde, daß Margareth die Bücher wirklich prüfte, bedeutende Unterschleife entdeckte und trotz aller Bitten der Betroffenen, die jetzt ihren Ton völlig änderte, die Entlassung vollzog.

General Sorben lächelte, als Margareth ihm Bericht erstattete. Er pflichtete ihr bei, als sie den Rath gab, der Wirthschafterin ihre Betrügereien nachzusehen, aber allen Bediensteten zu sagen, daß dies für die Folge nicht mehr geschehen werde. »Dachte mir,« sagte er, »daß Sie auch tüchtig sind. Wetter, Sie verstehen Alles und werden auch Ordnung in's Haus bringen.«

»Das ist auch sehr nöthig,« versetzte Margareth.

Sorben nickte ihr wohlgefällig zu. Als sie aber Nachmittags sich an's Klavier setzte und dem alten Herrn, der auf dem Sopha lag und darüber brummte, daß heute, wohl des schlechten Wetters wegen, kein Besuch gekommen, einige Lieder vortrug, die sie mit klangvoller Stimme begleitete, da hatte sie sich sein ganzes Herz erobert. Er schaute wie verklärt, als sie ihm sagte, daß sie auch eine Parthie Schach zu spielen verstehe und ihrem seligen Vater oft eine solche abgewonnen, sah er sich doch jetzt von der furchtbarsten Plage, die ihn oft genug gequält – der Langweile erlöst!

Das Wetter wurde gegen Abend derart, daß selbst der Oberförster, ein Herr v. Worchem, der sonst ein beinahe täglicher Gast des Generals war, heute ausblieb und dieser Umstand veranlaßte es, daß Sorben im Alleinsein mit Margareth daran dachte, den Brief zu entschuldigen, den er an sie geschrieben und der wahrscheinlich sehr bald von G. aus ihr nachgeschickt werden konnte. Es war das eine sehr delikate Angelegenheit, der General ging derartigen difficilen Erörterungen gern aus dem Wege und hätte vermuthlich das Thema auch heute unberührt gelassen, wenn Margareth nicht zufällig ein Ausruf entschlüpft wäre, der ihn dazu ermunterte.

Das Gespräch war auf die so oft wunderbaren Wechselfälle des Lebens gekommen und wie in Gedanken verloren sagte Margareth: »Ja, wer hätte das gedacht, daß ich mich hier so rasch heimisch fühlen könnte, da ich doch sonst noch nie das väterliche Haus verlassen.«

»Es freut mich sehr, das zu hören,« versetzte der General, »und ich hoffe, das wird so bleiben. Ich danke Gott, daß es nicht anders gekommen, ich kann es Ihnen wohl sagen, ich hatte Ihnen schon abgeschrieben.

»Ja,« fuhr er lächelnd fort, als sie befremdet, fast erschrocken aufschaute, »ich bin leider Gottes oft heftig und mache dann einen dummen Streich. Ich dachte, als ich den Brief meines Neffen erhielt, der Sie empfahl, es könne lange dauern, bis Sie kämen, Sie wären wahrscheinlich eine zimperliche Dame aus einer Provinzialstadt, ich war sehr schlechter Laune, weil ich mich langweilte und nicht meine gewohnte Ordnung hatte, kurz, ich schrieb Ihnen ab und wandte mich an eine Verwandte in der Residenz – da kam Ihr Billet, Sie kamen selbst und ich danke Gott, daß mein Brief Sie nicht erreicht und abgeschreckt hat.«

Margarethas Antlitz ward roth und blaß, ein Gefühl beschlich ihre Brust, welches die glückliche Sicherheit, in der sie sich gewähnt, zerstörte. Der Mann, bei welchem sie ein Asyl für die Zukunft gesucht, beurtheilte sie also nur nach dem äußeren Eindruck, nicht nach den Empfehlungen, welche seinen Neffen bestimmt, ihr die Stelle anzutragen, eine Laune genügte bei ihm, die Hoffnungen, die er einem armen Mädchen gemacht, zu zerstören und einer Anderen die Stelle anzubieten, die er ihr verheißen! Und ebenso wie mit ihr, verfuhr er mit seinen Verwandten. Ihr hatte der Geheimrath geschrieben, sie solle sich auf Schloß Seebach vorstellen, sie sei engagirt, und in diesem Augenblicke traf eine andere Dame auf den Brief des Generals hin Vorbereitungen, nach Schloß Seebach zu ziehen!

Hatte der Mann keine Ahnung davon, welche ernsten Erwägungen, Umstände und Kosten es einer Dame verursacht, ihr bisheriges Heim mit einem anderen zu vertauschen, ihrer Existenz andere Grundlagen zu geben, oder dachte er nur an sich selber, war es ihn: gleichgiltig, ob er Anderen Schaden und Nachtheile zufügte, wenn er nur seine augenblickliche Laune befriedigte? Konnte er mit solcher Leichtigkeit einen Vertrauensposten vergeben, so hatte er auch wenig Achtung vor Derjenigen, die ihn einnahm, dann konnte er in der Anwandlung einer Laune ihr kündigen, ohne zu berücksichtigen, daß es ihren Ruf schädigte, wenn sie plötzlich entlassen wurde.

Die ganze Art, wie der General ihr diese Eröffnung machte, hatte etwas ihr Gefühl Verletzendes, Empörendes. Er entschuldigte seine Handlungsweise nicht, er dachte gar nicht daran, daß sein Absagebrief, wenn er keine gewichtigen Gründe hatte, sie verletzen mußte, daß er sie behandelt wie eine Magd, die man allenfalls entschädigt, wenn man sie nicht annehmen mag, er sprach nur von sich selber, er freute sich darüber, daß sein Vorhaben durchkreuzt worden. Weil sie zufällig seinem Geschmack besser entsprochen, als er erwartet hatte!

»Die Dame, an welche Sie sich gewendet, Herr General,« erwiederte sie, »wird also hier eintreffen?«

»Nein – ich hoffe nein. Das gäbe eine entsetzliche Scene. Ich habe telegraphirt, daß sie nicht kommen soll. Hoffentlich hat sie die Depesche noch zur rechten Zeit erhalten.«

»Herr General, ich kann nicht glauben, daß diese Worte aufrichtig gesprochen sind. Sie können unmöglich die Absicht gehabt haben, eine Dame in Ihr Haus zu berufen, deren Kommen oder Nichtkommen Ihnen so gleichgiltig ist. Sie brauchen sich nicht zu geniren, Sie können es mir dreist sagen, daß Sie sich für den Fall sichern wollten, daß ich nicht konvenirte. Zu einer Scene wäre es nicht gekommen, denn ich trete natürlich zurück, eine Verwandte steht Ihnen näher als ich.«

Sie sprach das mit bebender Stimme, sie vermochte es nicht, ihre innere Erregung zu verbergen.

»Sie zürnen, gnädiges Fräulein,« rief der General, den ihr verändertes Wesen bestürzt machte, denn er fühlte, wie ernst sie die Sache auffaßte, »aber Sie haben mich völlig mißverstanden. Die Dame, von der ich rede, war schon einmal hier. Wir haben uns nicht mit einander vertragen können, aber Andere haben mir später noch schlimmer zugesetzt. Es sind arme Verwandte, die von mir profitiren wollen, sie denken mich zwingen zu können, daß ich der Einen oder Andern noch meinen Namen gebe, sie heirathe oder adoptire, mein Geld lockt sie an. Sie dachten Alle, ich könne nur nicht anders helfen, und ich habe ihnen zeigen wollen, daß ich sie nicht brauche, und bat meinen Neffen, mir eine fremde Dame zu suchen, die meinen Haushalt führt und mich pflegt. Das haben sie erfahren und alle meine Bekannten aufgehetzt, mir den Kopf warm zu machen. Man hat mir mit Warnungen aller Art zugesetzt, ich hielt Stand. Karl schlug Sie vor, ich acceptirte, als ich aber das entscheidende Wort gegeben, bekam ich Angst. Die Warner konnten doch Recht haben. Es trat der Umstand hinzu, daß Sie nicht bestimmt sagen konnten, wann ich Sie erwarten dürfte, daß die Gicht mich verhinderte, nach G. zu fahren und Sie persönlich zu sehen und zu sprechen. Ich gebe viel auf Aeußeres, ich kann mit Menschen nicht leben, Menschen nicht um mich haben, in deren Gesicht etwas ist, was mir nicht gefällt. Ich fordere elegante Manieren, Tournüre, Takt. Dachte, es sei besser, Ihnen abzuschreiben, als Sie unnütz herkommen zu lassen. Sie kamen und haben mir ausnehmend gefallen. Ich lasse Sie nicht wieder fort, mögen meine zärtlichen Verwandten sich schwarz ärgern.«

»Herr General,« erwiederte Margareth nach kurzer Pause, »ich werde nur unter der Bedingung bleiben, daß Sie sich meinetwegen mit Keinem der Ihrigen erzürnen oder gar Jemand verletzen. Ich muß zurücktreten, sobald die Dame erscheint, welcher Sie meine Stelle angeboten.«

»Sie wird nicht kommen, nöthigenfalls lasse ich sie nicht in's Schloß.«

»Dann würde ich auf der Stelle abreisen,« entgegnete Margareth mit Entschiedenheit. »Eher wollte ich in untergeordneter Stellung der Dame behilflich sein, Ihr Hauswesen zu leiten. Sie dürfen einer Fremden wegen Personen nicht verletzen, welche Ihnen verwandt sind, das würde Sie später gereuen und meinen Charakter in ein falsches Licht setzen. Ich mag keine Stellung einnehmen, welche inkorrekt ist und in der man meine Absichten, meinen Charakter verdächtigen kann. Ich darf hier nur bleiben, wenn Ihre Verwandten Sie wie früher besuchen und mir die Achtung bezeigen, die ich beanspruche.«

»Sehr wahr,« murmelte der General, der ihren Worten mit steigendem Wohlwollen gelauscht. »Haben den rechten Takt. Hätte mir das selber sagen können. Es soll geschehen, was Sie fordern. Ich sehe schon, Sie werden mich alten Knaben noch erziehen!«

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