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Die Bescholtenen

Eugen Hermann von Dedenroth: Die Bescholtenen - Kapitel 22
Quellenangabe
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typefiction
authorEugen Hermann von Dedenroth
titleDie Bescholtenen
publisherBibliothek der Unterhaltung und des Wissens
year1880
firstpub1880
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21.

Wir können unserer Erzählung den Abschluß geben. Eduard genas sehr rasch von seinen Leiden; frischer Lebensmuth und selige Hoffnung belebten die Kräfte, welche harte Schicksalsschläge erschöpft hatten. Es bedurfte keiner Verwendung Hosten's für den jungen Arzt; alle Welt sprach von dem Schicksal der Geschwister, und schon aus Neugierde riefen viele den Arzt Trotten, um den Mann kennen zu lernen; er hatte bald mehr Patienten als er bedienen konnte. Die Eltern Klara's gaben ihre Tochter aber mit Freuden einem Manne, der in harten Stürmen des Lebens als ehrenhafter Charakter sich erprobt und dessen Wissen, Eifer und Geschick ihm jetzt, wo man ihn suchte, ebenso rasch einen berühmten Namen verschaffte, als es ehedem ihm schwer geworden, sich nur das tägliche Brod zu verdienen. – Margareth aber reichte jetzt dem Manne die Hand, der an ihrer Ehrenrettung gearbeitet, als Alle sie anklagten, der ihr seine Liebe gestanden, als die Meinung der Welt sie gebrandmarkt, und überließ es ihrem Verlobten Otto Berg, den Erben des Generals v. Sorben nochmals zu erklären, daß sie nichts von ihnen annehmen könne und wolle, sich aber freuen werde, wenn der Geheimrath v. Sorben ihr seine bewährte Freundschaft erhalte.

Guido Ebeling wurde von seinem Regimentskommandeur veranlaßt, den Abschied aus der Armee nachzusuchen, um einer unfreiwilligen Entlassung vorzubeugen; er hatte schon mehrfach Mangel an ehrenhafter Gesinnung gezeigt, und die Infamie, mit der er wider bessere Ueberzeugung den Bruder Margareth's hatte öffentlich bloßstellen wollen, um der Schwester zu zeigen, wie er sich an ihr rächen könne, machte das Maß überfließen, da Hosten sich überdem nicht scheute zu erwähnen, daß Guido um seine Tochter geworben, während er einer Anderen nachgestellt, der er ebenfalls seine Hand angetragen. Jetzt meldeten sich aber auch zahllose Gläubiger des leichtsinnigen Offiziers, und der alte Ebeling, obwohl er die Mittel besaß, Guido's Schulden zu bezahlen, zog es vor, ihn einen Betrüger schelten zu lassen und das Geld zu sparen – er sagte, daß er nur Wechsel bezahle, die er acceptirt habe. Guido ging in österreichische Dienste und wurde bei Solferino erschossen.

Im Jahre 1873, als der Schwindel des Gründerthums zusammenbrach und eine der früher so übermüthigen Firmen nach der anderen bankerottirte, kam Eduard v. Trotten eines Tages eben von einer Operation, die er in dem von ihm verwalteten Krankenhause vollzogen, als man einen Menschen brachte, der sich in einer Droschke das Leben zu nehmen versucht hatte. Der Mann hatte während der Fahrt sich einen Revolver an die Schläfe gesetzt, um sich eine Kugel durch's Hirn zu jagen, aber beim Abdrücken mit der Hand gezittert; die Kugel war in die Mundhöhlung gegangen und hatte ihm auf der anderen Seite den Kinnbacken zerschmettert.

Eduard ließ sofort den Selbstmörder im Krankenhause betten, entfernte die Knochensplitter und legte den Verband an, er verließ ihn erst dann, als er mit der Hoffnung gehen konnte, den Verwundeten am Leben zu erhalten. Als er am anderen Tage wieder das Krankenhaus besuchte, meldete ihm der Unterarzt, daß es mit dem Verletzten, der Apel heiße, schlecht stehe; derselbe habe sich in der Nacht den Verband abgerissen, er habe Gift gefordert, er könne die Schmerzen nicht aushalten – jetzt sei er ruhiger, man habe ihm Morphium eingespritzt, augenblicklich wäre seine Frau bei ihm.

»Apel!« murmelte Eduard – er hatte den Mann nicht wieder erkannt, den er gestern verbunden, sich auch um den Namen desselben nicht bekümmert – jetzt kam ihm der Gedanke, ob es wohl möglich sei, daß der reiche, hartherzige Mann, der ihn einst als Dieb angeklagt, zum Selbstmörder geworden sein könne.

Er trat in das Krankenzimmer, und zum ersten Male, seit er den Ring seiner ersten Verlobten zurückerhalten, sah er Marie wieder! Aber wie sah das Weib aus, das er einst geliebt und das ihm so schnöde die Treue gebrochen? Aufgedunsen, siech, mit hohlen Wangen, Gram im Auge, den Kopf gesenkt, so saß sie da in schwerseidener Robe, aber doch ohne jede Eleganz, man sah, daß sie das erste beste Gewand ergriffen, sich zu bekleiden, aber die Toilette ohne Spiegel gemacht habe. Welke Fülle, müde Augen, Putz ohne Eleganz – sie trug den Stempel des Unglückes, welches über Nacht den hohlen Kern des Hochmuthes zertrümmert.

Sie erkannte Eduard nicht sogleich wieder. »Ich muß meinen Mann von hier fort haben,« sagte sie, »kann er denn noch nicht transportirt werden? Ich habe zu Hause ein krankes Kind.«

»Es ist nicht gut, den Kranken zu transportiren,« antwortete Eduard tief erschüttert, »er bedarf auch besonderer Pflege, aber wenn es so steht, so will ich die Fortschaffung selber leiten und Ihnen den besten Wärter mitgeben. Was fehlt Ihrem Kinde? Haben Sie einen guten Arzt?«

»Meinem Kinde kann Niemand helfen – aber wer sind Sie? Heiliger Gott, ahne ich recht – Edu – Herr v. Trotten?!«

»Sie irren sich nicht, ich bin Vorstand dieses Krankenhauses und ich freue mich, daß ich Herrn Apel Hilfe leisten konnte, aber er muß scharf bewacht werden, daß er nicht wieder seinen Verband antastet.«

»Ich werde ihn hüten, aber ich muß bei meinem Kinde sein, es verlangt nach mir, wenn ich auch nicht helfen kann. Gott lohne es Ihnen, daß Sie meinem Manne Gutes gethan.«

Eduard sorgte für Beschaffung einer Tragbahre. Er begleitete den Transport des Kranken in dessen Behausung. Aber welcher Anblick sollte ihm hier werden! Ein Theil der Möbel der großen eleganten Wohnung war schon fortgebracht, Alles war unter Siegel gelegt, man hatte Marie nur das Nothdürftigste zur Benutzung gelassen, die Zimmer, die sie mit ihrem kranken Kinde bewohnte, waren fast leer und kahl, von den kostbaren Tapeten der Wände aber glitzerte Gold!

»Der Jammer hat meinen Mann zum Selbstmord getrieben,« schluchzte Marie, »er hing am Golde, das Gold war ihm Alles, galt ihm mehr als Weib und Kind – Sie sind gerächt, Herr v. Trotten!«

»So wahr Gott lebt, ich wollte keine Rache und gönnte ihm den Stolz des Reichthums,« versetzte Eduard und trat an das Bett des Kindes. Das kleine, etwa zehnjährige Mädchen hatte, seit es geboren worden, die Mutter in steter Sorge erhalten, ob ein so schwächlicher skrophulöser Körper nicht hinsiechen werde; die berühmtesten Aerzte der Residenz hatten an ihm ihre Kunst versucht, aber sie hatten entweder nicht helfen können oder die Wärterinnen des Kindes hatten gesündigt und nicht für die rechte Diät gesorgt. Die Mutter hatte erst Muße gefunden, selbst die Sorge für ihr Kind zu übernehmen, seit der Verlust des Reichthums sie gemahnt, sich den Schatz zu erhalten, den Gott ihr auch noch nehmen konnte, nachdem die Gläubiger alles Andere fortgeschleppt.

Eduard durfte sich dagegen verwahren, daß er Rache gewünscht, denn hätte er nach solcher getrachtet, so hätte es ihn doch erschrecken müssen, in welchem Maße sie ihm geworden – wahrlich, er hätte befriedigt sein können! Marie sagte ihm, daß auch ihr Vater Bankerott gemacht habe und durch sein Fallissement die Firma Apel in's Verderben gezogen. An fürstlichen Luxus gewöhnt, sollte Marie jetzt die Armuth kennen lernen, die Armuth, welche als etwas Verächtliches anzusehen man sie von Kindheit an gelehrt; hatte doch auch der Hochmuth Apel's einem gebildeten Manne ein Verbrechen zugetraut, weil dieser arm geworden!

Jetzt war alle Herrlichkeit zertrümmert, die Reichthum geschaffen, und es fehlte Marie nicht nur das Gold, das sie früher besessen, sondern alles das, was sie im Glanze des Reichthums versäumt, sich zu beschaffen, weil es eben nicht für Geld zu haben: der innere Halt, wahre Freunde, der Trost, eine Häuslichkeit zu besitzen. Der Gatte war ihr fast ein Fremder, er hatte sich das Leben nehmen wollen, weil er sein Geld verloren; daran aber hatte er nicht gedacht, daß er noch Weib und Kind besitze, deren Ernährer und Stütze er sein solle. Im Unglück schließen sich die Herzen, die einander lieben, fester an einander, da lernt man den Werth der Liebe erfahren – im Unglück verlassen uns aber auch die falschen Freunde, da bricht eine Ehe aus einander, deren Kitt nicht Liebe, Achtung und Vertrauen gewesen, da lernen wir, daß Alles, was uns der Reichthum verschaffen kann, nur eitler Flitter ist, der in den Stürmen des Lebens nicht besteht.

Es gelang Eduard nicht, Apel zu retten. Am Grab des Bankiers aber stützte er die gebrochene Frau und tröstete sie mit der gewissen Hoffnung, ihr die Tochter erhalten zu können, und der Himmel lohnte sein Bestreben. Marie Ebeling heirathete nicht wieder; sie widmete sich ganz der Pflege und Erziehung ihres Kindes und fühlte sich bald zufriedener, glücklicher als je; ihr Vater, der ein neues Geschäft gegründet und sich wieder mit vielem Glück emporgearbeitet hat, zahlt eine bescheidene Summe zur Bestreitung ihrer Existenz, sie hat eine größere anzunehmen verweigert.

Ada v. Hosten hat den Bruder ihrer Freundin, Egbert v. Holm, geheirathet; das innigste Band der Freundschaft vereint dieses Ehepaar mit den Familien Berg und Trotten.

 

Ende.

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