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Die Bescholtenen

Eugen Hermann von Dedenroth: Die Bescholtenen - Kapitel 20
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typefiction
authorEugen Hermann von Dedenroth
titleDie Bescholtenen
publisherBibliothek der Unterhaltung und des Wissens
year1880
firstpub1880
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19.

Brinkmann lag schon krank darnieder, als Kleber in *** eintraf, aber gerade dieser Umstand, der es Minna erleichterte, ihren Verlobten heimlich zu sprechen, veranlaßte es, daß sie nur zögernd und mit widerstrebendem Herzen Kleber das erbetene Rendez-vous bewilligte. Minna war keine so verdorbene Natur, daß ihre Leidenschaften und Begierden das Gefühl in ihr hätten ersticken können, aber es bedurfte freilich einer ganz besonderen Anregung desselben, um ihm die nöthige Kraft zu geben, der Versuchung zu widerstehen. So hatte es auch auf ihre Aussage eingewirkt, daß sie das Fräulein v. Trotten, welches Kleber ihr als eine anmaßende Abenteurerin hingestellt, vom Unglück gebrochen, in Thränen der Verzweiflung gesehen. Sie hatte sich nicht gescheut, unwahre Behauptungen gegen Margareth aufzustellen, so lange dieselbe die Rolle der vornehmen Dame gespielt, welche Margareth, wie Kleber gesagt, sich nur anmaße, die sie nur durch ihre Koketterie mit dem alten schwachen General, wirklich vornehmen Damen zum Trotze einnehmen könne. Agathens Haltung hatte sie in dieser Annahme bestärkt, sie hatte wirklich geglaubt, kaum etwas Unrechtes zu thun, wenn sie dazu helfe, die Erbschleicherin und Mörderin zu entlarven – als sie aber die Folgen der Anklage gesehen, da hatte sie Mitleid gefühlt. Ganz ebenso hatte sie es nicht für eine Sünde gehalten, dem Willen des Vaters heimlich zu trotzen, erschien ihr doch dessen Verachtung Kleber's als ein Vorurtheil, welches auch ihre Mutter mißbilligte. Jetzt aber rang ihr Vater mit dem Tode und da erbebte sie davor, ihn zu betrügen, da mahnte sie das Gewissen, nicht so zu handeln, daß er ihr fluche und im Jenseits ihr Ankläger werde.

In dem Augenblicke aber, wo das erste Bedenken kam, ob sie keine Sünde begehe, Kleber's Ruf zu folgen – da kamen deren auch andere, da war es ihr, als müsse sie zittern, daß Kleber sie nicht zu neuer Sünde verführe, wieder eine falsche Aussage von ihr fordere; da fragte sie sich, ob denn Kleber ihr wirklich so theuer sei, daß sie um seinetwillen sich so viel Ungemach bereite, und sie fand, daß sie nicht daran sterben werde, wenn sie ihm entsage. Der Gedanke, die Frau des feinen Herrn Kammerdieners, dem vornehme Herren aus *** die Hand schüttelten, zu werden, hatte ihrer Eitelkeit geschmeichelt, es war ihr Stolz gewesen, wenn Kleber, dem alle anderen Diener des Schlosses gehorchten, ihr Schmeicheleien gesagt, aber so recht lieb hatte sie ihn wohl nie gehabt, er hatte ihr mehr imponirt, als daß er ihrem Herzen besonders theuer gewesen wäre.

Befand sich hienach Minna in keiner besonders glücklichen Stimmung für das Rendez-vous, so war das bei Kleber noch weniger der Fall. Kleber hatte mit Minna seit länger als zwei Jahren geliebäugelt, er hatte dem hübschen Mädchen Artigkeiten gesagt, aber er hatte wohl deshalb kaum im Ernste daran gedacht, ihr einmal die Würde seiner Erwählten zu geben. Es war ihm bequem, das leichtgläubige, arglose Mädchen bei kleinen Intriguen zu benützen, durch sie Allerlei über die Gesellschaftsdamen seines Herrn zu erfahren und sich durch verliebtes Getändel zu amüsiren, aber sein Ehrgeiz strebte nach Höherem als eine Kammerjungfer zu freien, Minna's Eltern waren ihm auch wohl nicht vermögend genug, um zu verdienen, daß er den Widerwillen des alten Brinkmann bekämpfte. Erst in der letzten Zeit, als Margareth's Einfluß im Schlosse seine Stellung mehr und mehr gefährdete, hatte Kleber Minna bestimmtere Hoffnungen gemacht, die Zofe fester an sich zu ketten und es war ihm denn auch gelungen, Minna ganz zu seinem Werkzeuge zu machen, sie hatte bei der Intrigue gegen Margareth seine Instruktionen blind befolgt. In Einem aber hatte er sich doch verrechnet: Minna verstand es nicht, hartnäckig bei einer Lüge zu beharren und das um so weniger, als sie keine Ursache hatte, Margareth in Wahrheit zu hassen und ihr Verderben zu wünschen, sondern nur von Kleber dazu verleitet worden war, Margareth für eine ehrgeizige Abenteurerin zu halten. So hatte sie denn aus Angst beim Verhör und später auch aus Theilnahme für Margareth ihre Aussagen geändert und damit den ganzen Plan Kleber's vernichtet, ja, Kleber selbst bloßgestellt. Es war naturgemäß, daß Kleber, selbst wenn er einer tieferen Neigung für Minna fähig gewesen wäre, ihr die Vernichtung seiner Intrigue nicht hätte verzeihen können, denn sein ganzes Hoffen war ja auf das Gelingen derselben gebaut gewesen, so aber empfand er beinahe Haß gegen die unzuverlässige und ungeschickte Dirne, die sein Vertrauen getäuscht. Er hatte in *** fast nirgends eine freundliche Aufnahme gefunden, alle die vornehmen Herren, welche früher den einflußreichen Diener des Generals ihren »guten Freund Kleber« genannt hatten, verhielten sich jetzt sehr kühl und wenn sie ihm auch auf seine Bitte, ihm bei seinem Prozeß durch ihr Zeugniß zu helfen, dies versprachen, so fühlte er doch, daß sie ihm die Zusage nur ungern und nur um ihn los zu werden gegeben. Seine Bekannten zeigten sich mißtrauisch und zurückhaltend, man schien stark zu bezweifeln, daß er seinen Prozeß, von dem er so zuversichtlich sprach, gewinnen werde, und beeiferte sich nicht, ihm Hilfe und Rath anzubieten – er sah jetzt, daß er keine wahren Freunde habe, und erbittert, mißmuthig begab er sich zu dem Orte, wohin er Minna bestellt hatte. Es war das ein lauschiges Plätzchen in einem Birkenhain am Wege von *** nach Seebach, wo eine Rasenbank für den müden Wanderer oder auch für Pärchen errichtet war, die von ihren Hoffnungen und Gefühlen verstohlen zu plaudern hatten.

Wäre ein Beobachter zugegen gewesen, so hätte er gezweifelt, ob es ein lange von einander getrenntes Liebespaar sein könne, welches sich so zögernd, so wenig herzlich begrüßte wie diese Beiden, und doch war die Abendluft mild, es dämmerte bereits, es war die Stunde, in der Liebende so gern kosen.

»Du zitterst ja!« sagte Kleber, als er Minna umarmte, »ich sollte Dir freilich harte Vorwürfe machen, denn Du hast mir sehr geschadet, aber ich weiß, daß Du es nicht böse gemeint hast.«

Sie erzählte ihm, daß ihr Vater schwer krank sei, daß sie sich nur von Hause fortgestohlen habe und bald wieder heimkehren müsse.

Diese Eröffnung stimmte ihn nicht gerade günstiger. »Ich habe Wichtiges mit Dir zu sprechen,« sagte er, »Dinge, von denen unsere ganze Zukunft abhängt, da mußt Du schon Zeit haben, mich mit Ruhe anzuhören, sonst verdirbst Du wieder Alles. Es gilt ein Kapital von mindestens zehntausend Thalern, das mir die Erben des Generals herauszahlen müssen. Ich bedarf Deiner Hilfe, und wie ich Dir schon geschrieben, kannst Du auch einen Schadenersatz fordern, die Leute haben genug geerbt, um etwas abgeben zu können. Mein Plan ist sehr einfach –«

Minna unterbrach ihn, sie machte eine abwehrende Geste. »Sage mir nichts,« rief sie, »es ist besser, ich weiß nichts davon. Ich will nichts fordern, nichts haben. Ich möchte um keinen Preis wieder vor's Gericht. Ich habe, weil Du es gewünscht, an Fräulein v. Stolzenhain geschrieben, aber sie hat mir nicht geantwortet.«

»Ah – nicht geantwortet! Und Du willst Dir das gefallen lassen? Ich sage Dir, diese hochnäsige Dame soll Dich noch bitten, von ihr so ein- bis zweitausend Thaler anzunehmen, wenn wir nicht mehr fordern. Sie ist in unserer Hand, wir können ihren Ruf an den Pranger stellen.«

»Thue was Du willst,« versetzte Minna, »aber fordere nicht, daß ich mich darein mische. Rechne nicht auf mich –«

»Bist Du närrisch? Wer hat Dir diese Grillen in den Kopf gesetzt? Du mußt mir helfen –«

»Niemals,« erwiederte sie, alle ihre Kraft zusammennehmend, »ich wollte, ich hätte nie auf Dich gehört.«

»Ah, steht es so?« knirschte er und sein Auge erhielt etwas Stechendes, »pfeifen wir aus dem Ton? Dann werde ich auch einen anderen Ton anschlagen. Du bist schuld daran, daß man mich unter Anklage gestellt, daß man mich verhaftet und eingesperrt hat, Du allein. Ich habe geglaubt, daß es nur Dummheit und Schwäche von Dir war, dem Richter zu gestehen, daß ich Dir gesagt, was Du angeben sollest, jetzt merke ich, daß Dir an mir nichts liegt, daß es Dir gleichgiltig gewesen, ob ich eingesperrt und angeklagt wurde, und Du willst mir jetzt nicht helfen, mein Recht durchzusetzen. Gut, wie Du willst, ich werde dann aber auch Dich nicht schonen. Ich werde mich, ob Du willst oder nicht, auf Dein Zeugniß berufen und, wenn Du wider mich redest, sagen, daß Du schon einmal falsch geschworen.«

»Franz –« schrie sie auf, vor Schrecken erbebend.

»Hast Du nicht falsch geschworen? Hast Du nicht geschworen, Du habest dem Richter nichts verschwiegen und hast Du es ihm nicht verschwiegen, daß das Kleid der Trotten rein gewesen, als sie es auszog, daß Du mir das selbst gesagt, daß Du sie also wissentlich falsch angeklagt hast?«

»Du hast mich dazu überredet, Du!«

»Beweise das,« lachte er höhnisch. »Ich weiß nichts davon. Vielleicht irrst Du Dich. Vielleicht hat Dich das Fräulein v. Stolzenhain dazu überredet oder Du bist es vielleicht selbst gewesen, die das Arsenik in das Kleid der Trotten gethan.«

»Franz, das kannst Du nicht vor Gott verantworten. Es ist schändlich, daß Du so sprichst.«

»Ich finde das nicht. Jeder ist sich selbst der Nächste. Wer mich im Stiche läßt, der darf von mir keine Schonung erwarten. Irgend Jemand muß der Mörder des Generals gewesen sein, ich bin's nicht, die Trotten ist freigesprochen, weil Du zu ihren Gunsten ausgesagt hast – da war's vielleicht die Stolzenhain oder Du –«

»Willst Du mich wahnsinnig machen? O, Du bist schlechter als der Böse selbst.«

»Ich bin nicht schlecht, aber auch kein Narr, der mit sich spielen läßt. Wer mir einmal die Hand gereicht, muß auch weiter mit mir gehen. Hättest Du mir damals nicht versprochen, der Trotten einen Streich zu spielen, so würde ich sie niemals angeklagt haben und nicht selber in Verdacht gekommen sein. Warum ziertest Du Dich nicht damals? Ich dachte, daß Du von der Schuld der Trotten überzeugt wärest, Du kanntest ihre Schliche ja besser als ich. Du hast mich zuerst überredet –«

»Du lügst, ersticke an der Lüge, Du Schurke –« rief sie in unbeschreiblicher Erregung, aber er lachte.

»Erhitze Dich nicht,« spottete er, »ich wollte Dir nur zeigen, daß Du Dich meinem Willen fügen mußt, daß ich Dich zwingen kann –«

»Du bist ein Schurke und jetzt gehe ich auf's Gericht und klage Dich an, mögen sie mich bestrafen, das ist besser als Dir gehorchen!«

Sie wollte sich entfernen, er packte sie, da riß sie sich los und stürzte davon, er wollte ihr nacheilen, aber er stolperte über eine Baumwurzel und fiel. Er mußte sich am Knie stark beschädigt haben, denn der Schmerz entlockte ihm einen Schrei, mit Mühe richtete er sich auf, aber die Entflohene war weit davon, sie hörte auf sein Rufen nicht und er war nicht im Stande, ihr nachzueilen, aber er hätte das auch aus anderer Ursache unterlassen müssen, er hörte Männerstimmen im Busche und ein kalter Schauer durchrieselte seine Glieder – hatte Jemand ihn belauscht?!

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