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Die Bescholtenen

Eugen Hermann von Dedenroth: Die Bescholtenen - Kapitel 19
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typefiction
authorEugen Hermann von Dedenroth
titleDie Bescholtenen
publisherBibliothek der Unterhaltung und des Wissens
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firstpub1880
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18.

Der Geheimrath starrte vor sich hin, mehr noch als die Worte hatte der Ton des Beamten ihn befremdet, es war ihm, als ob plötzlich ein Nebel vor seinen Augen schwinde und ihm in entsetzlicher Weise klar werde, worauf der Kommissär gezielt, aber er vermochte es nicht, denselben zurückzurufen, er erbebte vor dem Gedanken, sich Gewißheit darüber zu verschaffen, ob seine Ahnung ihn recht leite – Huck that recht, gewisse Dinge lieber nicht auszusprechen, denn wo der Kriminalbeamte einmal einen Argwohn äußert, da ist auch schon die Anklage erhoben.

Es war unmöglich, daß er sich täuschte, wenn er es jetzt zu errathen glaubte, worauf der Beamte hingezielt. Huck hatte gebeten, er solle dem Prozeß seinen Lauf lassen, dahin wirken, daß Agathe v. Stolzenhain Kleber's Drohungen oder Bitten trotze. Er hatte von einem Komplott gegen Margareth gesprochen, in welches Agathe »hineingezogen« worden sei! Der Beamte strebte dahin, den Prozeß Margareth's revidiren zu lassen, er hoffte den Schuldigen noch zu entlarven und es ging fast klar aus seinen Schlußworten hervor, daß Agathe dabei stark kompromittirt werden könne, mehr, als wenn man sich durch Kleber's Herausforderung einschüchtern lasse. –

Die Befürchtungen des Geheimraths sollten sehr bald eine Bestätigung erhalten. Das Fräulein kam persönlich nach Breslau, ihrem Vetter auf dessen Brief zu antworten. Sie spielte anfänglich die Unbefangene und sagte, sie begreife gar nicht, wie Sorben schwanken könne, sich mit Kleber gütlich zu arrangiren. Die Billigkeit erfordere, daß man dem alten treuen Diener des Verstorbenen das gebe, was der General ihm versprochen, ehe eine Fremde ihn bethört; Kleber sei von der Anklage, welche die Freunde der Trotten, besonders der verliebte Staatsanwalt gegen ihn geschmiedet, freigesprochen, man sei ihm also eher noch Ersatz für die Haft schuldig, die er erlitten, weil er allzu eifrig gewesen, die Schuldige anzuklagen; Sorben solle ihn doch aus den Geldern befriedigen, welche er der Trotten habe schenken wollen.

»War Kleber bei Dir?« fragte der Geheimrath, als sie geendet; und ihr heftiges Erröthen bei dieser plötzlichen, ihr völlig unerwartet kommenden Frage verrieth nichts Gutes.

»Weshalb?« stotterte sie. »Was soll die Frage?«

»Deine Verwirrung sagt mir, daß Du ihre Bedeutung würdigst. Er hat Dich also veranlaßt, mich persönlich aufzusuchen und mir diese Vorstellung zu machen?«

Agathens Verwirrung wuchs immer mehr. »Veranlaßt,« sagte sie, »das ist ein komischer Ausdruck. Er hat mich darum gebeten.«

»Nur gebeten? Hat er nicht etwa auch gedroht?«

Sie ward sichtlich betroffen. »Woher weißt Du das?«

»Er hat also gedroht?«

»Deine Fragen werden peinlich. Doch da Du sehr gut unterrichtet zu sein scheinst, will ich es nicht leugnen, daß Kleber, als ich die Befürchtung aussprach, Du werdest bei Deinem Vorurtheil gegen ihn schwerlich seinen Wunsch erfüllen, erklärte, er werde alsdann klagen müssen.«

»Das ist keine Drohung, das ist sein Recht.«

»Ich dächte, es wäre Drohung genug. Willst Du den Schimpf auf unsere Familie laden, daß wir einem Diener unseres gemordeten Onkels gerechte Forderungen streitig machen?«

»Wer sagt, daß seine Forderungen gerecht sind? Wären sie das, so würde ich sie gewiß erfüllen.«

»Karl, ich verstehe Dich wirklich nicht. Entweder ist das Testament ungiltig, welches die Trotten zur Erbin einsetzte, oder nicht. Haben wir geerbt, so muß auch Kleber erben.«

»Nein. In dem Briefe an den Notar hat der Onkel Kleber ausdrücklich enterbt –«

»Weil die Trotten Kleber verleumdet hatte!«

»Der Onkel hat es mir selbst gesagt, er werde Kleber diesmal wirklich entlassen –«

»Das war der Einfluß der Trotten,« rief Agathe, Sorben unterbrechend. »Ich weiß es besser. In den furchtbarsten Schmerzen hatte der Kranke noch Besinnung genug, wenn er auch unfähig war, einen letzten Willen niederzuschreiben. Er wies die Trotten von sich, er drückte die Hand Kleber's, als sehe er es zu spät ein, daß er ihm Unrecht gethan.«

»Agathe!« rief der Geheimrath und sein Auge heftete sich so durchbohrend auf sie, daß sie diesen Blick nicht zu ertragen vermochte und das Auge niederschlug, »ich warne Dich! Lasse Dich nicht verleiten, Dich jetzt auf Dinge zu besinnen, welche Du zur richtigen Zeit nicht erwähnt hast.«

»Ich habe damals nicht davon gesprochen, weil man mir vorwarf, daß der Haß gegen die Trotten meine Aussagen färbe, ich wollte ihr nicht schaden.«

»Agathe, durch welche Drohung konnte ein elender Schurke Dich dahin bringen, mir diese Unwahrheit in's Gesicht zu sagen?«

Agathe spielte die Empörte, sie erhob sich. »Dein Interesse für eine elende Heuchlerin,« sagte sie, »veranlaßt Dich, Deine Verwandte zu beschimpfen, unter solchen Umständen ziehe ich es vor, die Verhandlung abzubrechen.«

»Auf Deine Gefahr!« rief Sorben. »Aber ich sage Dir, sei auf Deiner Hut. Bis jetzt glaubt die Polizei nur, daß Kleber Dich in sein nichtswürdiges Komplott hineingezogen, hüte Dich, daß man nicht untersucht, ob Du mit ihm im Komplott gestanden. Hüte Dich, daß man nicht sagt, wer ein größeres Interesse an der Erbschaft gezeigt – Margareth, welche dieselbe verschmähte, oder Du, die Du mit Kleber korrespondirtest, seine Intriguen duldetest und Dich jetzt zu falschem Zeugniß für ihn hergeben willst!«

Agathe war roth und blaß geworden, es war sichtlich, wie jedes Wort sie gleich einem niederschmetternden Schlage traf, ihre Augen starrten den Geheimrath mit Entsetzen an, ihr Antlitz wurde aschfahl.

»Die Wahrheit!« herrschte er, als ihr Anblick ihm den letzten Zweifel an ihrer Schuld nahm, »die Wahrheit! Noch kann ich Dich vielleicht retten. Ich sage Dir, daß die Polizei Dich schon lange beobachtet hat, gehe nicht in Dein Verderben.«

Sie bedeckte sich das Antlitz mit den Händen, aus ihren Augen brach ein Strom von Thränen.

»O, das ist zu viel,« stöhnte sie. »Was habe ich denn gethan! Und auch Du hältst mich für schuldig!«

»Agathe, sage mir Alles und ich werde Dir, so gut ich es vermag, zur Seite stehen. Du bist in den Schlingen eines sehr gefährlichen Menschen. Vertraue mir, ich bin ja Dein nächster Verwandter.«

Sie schöpfte Athem, die Worte Sorben's schienen ihr wieder Muth zu geben. »Ich will Dir Alles bekennen,« sagte sie, »Du wirst mir gerecht werden und nicht meine Schande wollen. Ja – Kleber ist ein entsetzlicher Mensch, aber wer hätte das früher von ihm gedacht! Sieh, als ich noch Gesellschaftsdame auf Seebach war, hoffte ich bestimmt, daß der Onkel für meine Zukunft sorgen werde. Kleber war mit mir in gleicher Lage, der Onkel hatte furchtbare Launen, bald ließ er sie gegen mich, bald gegen ihn los und Kleber trat mir dadurch gewissermaßen nahe, daß er der Zeuge von Demüthigungen wurde, die ich erlitt; ich glaubte, daß er Theilnahme für mich empfinde und durch diese erklärte ich es mir, daß er, als ich Seebach längst verlassen hatte, an mich schrieb. In dem Wahne, er sei empört darüber, daß eine intriguante Heuchlerin sich bei dem Onkel einschmeichle und denselben veranlasse, seine Verwandten zu enterben, war ich so unvorsichtig, seine Briefe zu beantworten, ich glaubte, das Interesse an seinem Herrn und an der Familie desselben mache ihm allein die Erbschleicherin verhaßt und ich ermuthigte ihn, mir weitere Berichte zu senden, ich versprach ihm, ihn belohnen zu wollen, wenn er es zu verhindern verstehe, daß der Onkel die Abenteurerin heirathe. – Ich hätte Dir das Alles früher gesagt,« fuhr Agathe fort, »wenn Du Dich weniger eingenommen für die Trotten gezeigt hättest; Du warst mit der Absicht, den Onkel über sie aufzuklären, mit mir nach Seebach gekommen, und wenige Stunden später machtest Du ihr den Hof, da waret Ihr die besten Freunde. Das steigerte meinen Haß gegen die Heuchlerin und ich glaubte nur zu gern den Worten Kleber's, der mir zuflüsterte, er wette darauf, die Trotten werde, noch ehe der Notar komme, Mittel zu finden wissen, unseren Onkel wieder anderen Sinnes zu machen, sie habe ihn gefragt, an wen der General geschrieben, sie wisse genau, was im Werke sei.

Man weckte mich in der Nacht, Kleber flüsterte mir zu, als ich mit Entsetzen sah, in welchem Zustand der Onkel sich befinde, das gehe nicht mit rechten Dingen zu, das sehe aus wie Mord, wahrscheinlich habe die Trotten ihm heimlich Essig gegeben.

Ich traute der Person das Schlechteste zu. »Sorgen Sie dafür,« sagte ich zu Kleber, »daß, wenn hier ein Verbrechen versucht ist, die Spuren desselben nicht verwischt werden, lassen Sie die Trotten nicht aus den Augen.«

Alles Uebrige weißt Du. Ich konnte die Elende nicht mit ihrer scheinheiligen Miene am Bette des Kranken sehen, aber der Onkel ließ sich auch von mir und Kleber Alles reichen, er fragte nicht nach ihr. Ich war unfähig, Beobachtungen anzustellen, ob er völlig bei Besinnung war oder nicht, Kleber behauptet es, er will sogar gesehen haben, daß der Kranke Margareth zurückgestoßen habe.«

»Wann sagte er das zuerst,« forschte der Geheimrath, »vor Gericht wagte er es nicht, diese Aussage zu machen!«

»Er fragte mich neulich danach, als er in Berlin mich aufsuchte, ob ich mich nicht dieses Umstandes erinnere, ich müsse ihm doch bezeugen können, daß der General seine Pflege angenommen und gern gesehen, daß er ihm auch die Hand gedrückt habe.«

»Er forderte dieses Zeugniß von Dir?«

»Ja,« antwortete Agathe erröthend. »Da Du einmal so viel weißt, will ich Dir meine Schwäche gestehen. Er war unverschämt und drohte, ich zitterte vor skandalöser Nachrede, ich lernte den Menschen erst jetzt völlig kennen.«

»Womit drohte er? Scheue Dich nicht, mir Alles zu sagen.«

»O, ich erröthe vor Scham, daß ich diesem Schurken mein Vertrauen geschenkt. Ich glaube es jetzt selbst, daß er die Trotten falsch angeklagt hat – er drohte, daß er auch mich auf die Anklagebank bringen könne, der Mörder sei noch nicht entdeckt, auch ich hätte ein Interesse am Tode des Generals gehabt, auch mir könne man es zutrauen, daß ich den Giftkasten geöffnet und dem General Arsenik in den Trank gemischt habe, er wolle nicht allein leer ausgehen, während ich von der Erbschaft profitirt hätte.«

»Unselige!« rief Sorben, »und anstatt den Buben, der Dir solches zu sagen wagte, sofort der Polizei zu überliefern, ließest Du Dich einschüchtern? Sieht das nicht aus wie böses Gewissen? Du wolltest das Zeugniß abgeben, das der Elende Dir also erpreßt?«

»Ich zitterte vor dem Skandal.«

»Du hast einen schlimmeren heraufbeschworen. Der Elende hat gesehen, daß Du Furcht hast, und darauf baut er sicherlich. Du hast entsetzlich thöricht gehandelt.«

»Ich dachte,« versetzte Agathe, die immer mehr kleinlaut wurde, »es sei besser, den Mann zu befriedigen, als ihn zu reizen, lieber ein Opfer Zu bringen, als sich den Bosheiten und der Rachsucht dieses Elenden auszusetzen.«

»Das war eben sehr unüberlegt. Einer Bitte kann man allenfalls nachgeben, wenn sie auch unverschämt ist, man kann, um sich einen Prozeß zu ersparen, ein Opfer bringen, niemals aber darf man frechen Drohungen nachgeben, denn die Folge davon ist, daß man den Drohenden nie los wird, daß derselbe immer mehr fordert und daß Jeder in unserer Nachgiebigkeit den Beweis einer Schuld erblickt. Hier aber tritt noch der Umstand hinzu, daß die Polizei Ursache hat, Kleber zu beobachten und naturgemäß ihre Schlüsse daraus zieht, wenn eine Verwandte des Ermordeten ihn empfängt und Beziehungen zu ihm unterhält.«

Der Stolz Agathens war gebrochen, sie verbarg es nicht mehr, daß sie ihre ganze Handlungsweise schon längst bereue, kein Gedanke konnte ihr entsetzlicher sein als der, ihren Namen möglicher Weise ähnlichen Verleumdungen preisgegeben zu sehen, wie die es waren, welche sie gegen Margareth geschleudert. Sie gestand es jetzt ein, daß Neid und Haß sie zu ihrem Auftreten gegen Margareth verleitet; es wäre ihr eine bittere Beschämung gewesen, daß der General, sobald er Margareth gesehen, die Aufforderung an sie, wieder nach Seebach zu kommen, widerrufen, daß ihre Prophezeiung, es werde Niemand beim General lange aushalten, sich nicht erfüllt und Margareth dadurch gezeigt habe, wie sie es besser verstehe, den alten Herrn zu behandeln. Sie habe sich bloßgestellt gefühlt vor ihren Freundinnen und Bekannten, sie habe keine andere Waffe gegen den Vorwurf, daß ihr Onkel eine Fremde zu seiner Pflege habe engagiren müssen, gehabt, als die Verdächtigung Margareth's, und Kleber sei ihr dabei zuvorgekommen, dieselbe als eine intriguante Heuchlerin und Erbschleicherin darzustellen – ihr Haß gegen Margareth habe sie derart eingenommen, daß sie derselben schließlich ein gemeines Verbrechen zugetraut habe, ohne zu prüfen, ob ein solcher Vorwurf vernunftgemäß zu begründen sei.

Der Geheimrath erfuhr durch Auslassungen Agathens, welche freilich nicht direkt gemacht wurden, sondern in Folge ihrer weichen Stimmung, ihrer Reue und Angst aus ihren Antworten und Schilderungen herauszulesen waren, daß nicht allein Kleber sie während des Ganges der Voruntersuchung von allen Verdachtsmomenten unterrichtet, die gegen Margareth auftauchten, sondern daß sie auch in Gesprächen mit Minna durch ihren Argwohn die Zofe ermuntert hatte, in ihren Aussagen gegen Margareth furchtlos zu sein. Es ward Sorben immer klarer, daß die Anklagen gegen Margareth nicht so dreist aufgetreten wären, als es geschehen, wenn die Ankläger nicht einen Rückhalt an Agathe gehabt, ihres Schutzes sicher gewesen wären, und daß also Huck ganz Recht gehabt, wenn er von einem Komplott gesprochen. Es folgte aber auch hieraus, wie gefährlich die Situation für den Ruf Agathens werden konnte, wenn jetzt Kleber und Minna und vielleicht noch andere Mitglieder der Dienerschaft sich zusammenthaten und die Frage aufwarfen, warum man den Verdacht nicht auch gegen Agathe erhebe, nachdem Kleber und Margareth freigesprochen, da der Tod des Generals doch auch in ihrem Interesse gelegen. Hatte Agathe es selbst ausgesprochen, daß sie den Einfluß Margareth's auf den General gefürchtet, so konnte man den Argwohn aufstellen, sie habe es verhindern wollen, daß Margareth Muße gefunden, denselben geltend zu machen und den General abzuhalten, seine Befehle an den Notar zu widerrufen. Die Sache war sehr ernst. Kleber hatte Agathe direkt zu bedrohen gewagt, er hatte seine Klage gegen die Erben anhängig gemacht – er hatte bei diesem Prozesse die Trümpfe in der Hand, denn er konnte, da ihn das Gericht einmal freigesprochen, nichts verlieren, wohl aber lag es in seiner Hand, einen skandalösen Prozeß gegen Agathe heraufzubeschwören und die Erben des Generals der übelsten Nachrede preiszugeben.

Sorben entschloß sich nach kurzer Ueberlegung zu energischem, rücksichtslosem Vorgehen. Er reichte dem Gericht eine Denunziation wegen versuchter Erpressung gegen Kleber ein und schrieb Huck, daß er in Folge der Nachricht, daß Kleber Fräulein v. Stolzenhain zu bedrohen gewagt habe, die erwähnte Anzeige gemacht und sich mit seiner Verwandten dahin geeinigt habe, Kleber's Forderung rundweg zu ignoriren. –

Wir versetzen den Leser nach ***, dem kleinen Städtchen, in dessen Nähe Schloß Seebach liegt. Hier wohnen Doktor Manders, der Oberförster v. Morchem und mehrere von den alten Freunden des Generals, welche mit dem Verstorbenen in vertrautem Verkehr gestanden, die so manchen Rehbock, manches Klafter Holz durch Kleber's Vermittelung und mit einem Gruße vom Herrn General erhielten und diese Sendungen jetzt sehr vermissen, denn der jetzige Verwalter von Seebach führt strengen Haushalt und hat keine Instruktionen vom Geheimrath, derartige Grüße mit Beilage nach *** zu schicken. Die Erwartungen aller Freunde des Generals sind sehr getäuscht, statt bedeutender Legate sind kaum Andenken gekommen, selbst Doktor Manders klagt über das geringe Honorar, welches die Erben gezahlt haben, obwohl der Geheimrath nach gewöhnlichen Begriffen sich dabei keineswegs geizig gezeigt hatte, aber man schob alle Schuld auf Margareth, die ja keinem Menschen etwas gegönnt habe. Lange Zeit bildete der Prozeß, den man ihr und Kleber gemacht, das Hauptthema der Unterhaltung, und wenn es auch Viele gab – darunter meist Personen, welche dem General ferne gestanden – die von vorneherein Margareth's Schuld bezweifelt und ihre Partei ergriffen, so brach sich doch die Ansicht, daß der Verdacht gegen Kleber näher liege als der gegen sie, erst Bahn, als die Prozeßverhandlungen, welche in den Zeitungen gebracht wurden, immer günstiger für Margareth lauteten. Die Darstellung der Schlußverhandlung ließ das Gefühl der Theilnahme für die Angeklagte fast überall Wurzel schlagen, und nur besondere Freunde Kleber's, wie der Barbier und Andere, sprachen achselzuckend davon, daß sie die Freisprechung vorhergesehen, Margareth v. Trotten sei ja eine Adelige, und so weiter.

Im Hause des Riemermeisters Brinkmann interessirte man sich natürlich sehr lebhaft für den Gang des Prozesses, da Brinkmann's einzige Tochter Minna ja als Hauptzeugin fungirte.

Meister Brinkmann war ein ziemlich wohlhabender, biederer, einfacher Mann, der sein Kind nur ungern auf's Schloß gegeben und lieber gesehen hätte, wenn Minna sich bei einer bürgerlichen Herrschaft vermiethet und dort bürgerliches Hauswesen gelernt hätte, aber seine Frau wollte höher hinaus, wollte, daß ihre Tochter feine Manieren und dergleichen lerne; sie war es auch, welche die Neigung ihrer Tochter zu Kleber heimlich begünstigte, während man es Brinkmann noch nicht zu sagen gewagt, daß ein Kammerdiener nach der Hand seiner Tochter trachte.

Es war für den biederen Handwerker ein furchtbarer Schlag, als er hörte, daß seine Tochter verhaftet worden sei. Minna kehrte zwar schon nach vierundzwanzig Stunden als »vorläufig entlassen« heim, aber er duldete es nicht, daß sie wieder auf's Schloß ging und dort Dienste verrichtete; er nahm sie scharf in's Verhör und mußte da freilich entdecken, daß Minna sich heimlich mit Kleber versprochen und welche Konsequenzen das vertraute Verhältniß zu Kleber für sie gehabt habe – sie gestand, daß sie Kleber zu Liebe anfänglich Unwahres gesagt und deshalb verhaftet worden wäre.

Noch wußte man nicht, daß auch gegen Kleber eine schwere Anklage erhoben sei, noch konnte Frau Brinkmann ihren Gatten damit trösten, daß der General Kleber zehntausend Thaler versprochen habe, Kleber also eine sehr gute Parthie für Minna sei, aber Brinkmann wollte schon jetzt nichts von einem Schwiegersohn hören, der ihm persönlich nie gefallen hatte, geschweige denn, als sich das Gerücht verbreitete, auch Kleber stehe unter Anklage des Mordes.

So beeiferte sich denn Brinkmann, seine Tochter auf die ernsteste Weise zu ermahnen, daß sie ohne jede Rücksicht auf Kleber bei der Schlußverhandlung vor Gericht die strenge Wahrheit sage, er bedrohte sie mit Verstoßung und Fluch, wenn sie ihm Schande mache – die Mutter tröstete sie heimlich, rieth ihr, klug zu sein und das Vertrauen Kleber 's nicht zu täuschen, sich nicht selber Lügen zu strafen. So kam es, daß Minna, deren Verstand sehr beschränkt war, in Angst und Zweifel, bald in der Furcht, der Lüge überführt zu werden, dann wieder in der Angst, Kleber zu schaden, vor Gericht den Eindruck machte, als wisse sie selber nicht mehr das, was ihr von Anderen eingeredet worden, von dem, was sie wirklich gesehen und gehört, zu unterscheiden. Sie verwickelte sich in Widersprüche, sie weinte, wenn ihr solche mit Strenge vorgehalten wurden, und das Gericht nahm schließlich Anstand, auf ihre Aussage irgend ein Gewicht zu legen, obwohl sie bei der Voruntersuchung ihre ersten Angaben beschworen hatte.

Der alte Brinkmann trug seinen Kummer still, er machte der heimkehrenden Tochter keine Vorwürfe, aber er erklärte, daß er sie aus seinem Hause verstoßen werde, wenn er erfahre, daß sie den Verkehr mit Kleber fortsetze. Frau Brinkmann schien sich dem Befehle des Gatten diesmal fügen zu wollen. Die Leute erzählten, daß Kleber in Folge des Verdachtes, der auf ihm geruht und der keineswegs widerlegt sei, wohl von den Erben des Generals nichts erhalten werde, sie hatte daher keine Ursache mehr, für diesen Bewerber um ihre Tochter Partei zu ergreifen. Minna ergab sich dem Anschein nach gleichfalls in ihr Schicksal, aber – war ihr nun die Sache willkommen oder nicht – Kleber sandte ihr ein Billet, ans dem sie ersah, daß er festhielt, was er einmal mit seinem Netze umsponnen. Er schrieb, daß er zwar genug erspart habe, um als wohlhabender Mann leben zu können, aber doch nicht gesonnen sei, sich eines wohlverdienten, ihm heilig versprochenen Erbes berauben zu lassen, und wenn Diejenigen, denen er geholfen, ihr Erbe zu vertheidigen, ihn im Stiche ließen, so werde er denselben zeigen, daß er nicht der Dumme sei, für den sie ihn hielten. »Sollte Fräulein v. Stolzenhain noch auf Seebach wohnen,« so schrieb er, »dann gehe zu ihr, sonst aber schreibe ihr, daß Du auch einen Schadenersatz für all' die Unannehmlichkeiten beanspruchst, welche Dir daraus entstanden sind, daß Du ihr zu Gefallen Dich bemüht hast, dem Kriminalkommissär Material zur Anklage gegen die Trotten zu verschaffen. Ich bin vorläufig durch wichtige Geschäfte abgehalten, Dich aufzusuchen, komme aber, sobald ich irgend kann, nach ***.«

Minna zeigte diesen Brief ihrer Mutter. Die zuversichtliche Art, mit der Kleber von seinen Hoffnungen sprach, stimmten Frau Brinkmann um so leichter für Kleber wieder günstig, als ihr Gatte sich in Folge einer starken Erkältung zu Bett gelegt hatte und Doktor Manders die Befürchtung ausgesprochen, Brinkmann könne leicht seinem Leiden erliegen, die Krankheit zeige bedenkliche Symptome; für's Erste rieth sie jedoch ihrer Tochter, Kleber nicht zu antworten und abzuwarten, welche Erfolge er habe. Brinkmann werde gewiß milder über ihn denken, wenn die Erben des Generals ihm wirklich ein Legat zuwenden sollten.

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