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Die Bescholtenen

Eugen Hermann von Dedenroth: Die Bescholtenen - Kapitel 17
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typefiction
authorEugen Hermann von Dedenroth
titleDie Bescholtenen
publisherBibliothek der Unterhaltung und des Wissens
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firstpub1880
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16.

In der ärmlichen Behausung Eduard's klangen zum ersten Male, seit er hier wohnte, fröhliche Stimmen. Die Hausbewohner, welche schon durch das Gerücht, Eduard sei zum Diebe geworden, erschreckt, neugierig die Köpfe zusammengesteckt hatten, erfuhren, daß der vornehme Herr, welcher den Kranken besucht, Seine Excellenz der Geheimrath v. Hosten gewesen, daß derselbe nur gekommen, Trotten seine Theilnahme zu bezeugen und ihm seine Hilfe zu versprechen, und es kam Einer nach dem Anderen, Margareth und Eduard die Hände zu drücken, ihnen zu sagen, daß man nie etwas Schlechtes von ihnen geglaubt. Das Sprechzimmer des Arztes war plötzlich gefüllt, wenn auch nicht von Patienten, so doch von Leuten, welche versicherten, daß sie Herrn Doktor v. Trotten überall empfehlen würden. Wie ein Lauffeuer hatte sich das Gerücht verbreitet, Trotten habe eine Brieftasche mit hunderttausend Thalern gefunden, trotz seiner Armuth dem Verlierer hingetragen und dieser ihn zum Danke dafür als Spitzbuben gebrandmarkt; man erzählte ferner, daß Trotten die Frau jenes Beamten vom sicheren Tode gerettet, daß seine Schwester die Gesellschaftsdame sei, welche von reichen Leuten des Mordes angeklagt worden, damit ihr das Erbe, welches man ihr geneidet, nicht zufalle und die das Gericht zu *** freigesprochen. Während für gewöhnlich die Menge den Angeklagten, ganz besonders wenn er einen vornehmen Namen trägt, für schuldig hält und über freisprechende Urtheile die Achseln zuckt – denn sie glaubt leichter an das Laster als an die Unschuld – ist dieselbe Menge aber auch bei dem ersten Anlaß dazu bereit, Jemand zu vergöttern, von dem sie glaubt, daß er unschuldig gelitten hat. Jetzt wußten alle Nachbarn Trotten's davon zu erzählen, wie fleißig Margareth sei, wie sittsam und bescheiden sie sich stets gezeigt, wie freundlich Eduard jeden Gruß erwiedert, welch' prächtige Menschen die Geschwister seien. Ja, dieselbe Frau, welche gestern Abend gesehen, daß ein Offizier bei Trottens die Klingel gezogen und einen Wortwechsel mit Margareth gehabt, und die alsdann sofort am Brunnen erzählt, das Fräulein »von« erhalte des Abends Besuche von Offizieren und thue so, als ob sie dieselben abweise, wenn Jemand die Treppe hinab käme – die betheuerte jetzt, sie habe immer gesagt, der Schein trüge, man dürfe Niemand verdammen, ehe man nicht ganz genau alle Verhältnisse kenne.

Wenn die Noth am größten, ist die Hilfe am nächsten – dieses Sprichwort schien sich wieder zu bewähren – gestern hatte es ausgesehen, als ob der Gnadenstoß die Unglücklichen getroffen, heute kündete heller Sonnenschein das Kommen besserer Tage, das bittere Seufzen der Verzweiflung verwandelte sich in frohes Hoffen.

Ja, es war gestern den Geschwistern die Verzweiflung nahe gewesen. Kein Geld im Hause, um den Miethzins zu bezahlen, keine Aussicht auf Broderwerb für Eduard, denn hatte er auch eine Patientin gefunden, so behinderte ihn das Fieber, das ihn klarer Gedanken unfähig machte, die Kur zu vollenden. Er bedurfte selber eines Arztes, die wenigen Groschen, die Margareth besaß, wanderten in die Apotheke, und da sie den Bruder pflegen mußte, konnte sie eine Arbeit nicht vollenden, auf welche der Kaufmann wartete.

Aber schlimmer als das war die Sorge vor dem Prozeß, der Eduard's harrte. Was nützte ihm seine Unschuld, er stand ja in den Büchern der Polizei als verdächtig und ohne Existenzmittel notirt, der Fluch jener Verleumdungen, welche ihn aus O. vertrieben, war ihm hieher gefolgt und verband sich mit dem Fluche, der auf der Armuth ruht wer das Unglück hat, nichts verdienen zu können und keine Arbeit zu finden, dem traut die Welt ein Verbrechen zu.

Wie sollte er Beweise für seine Unschuld finden, wenn der Bankier beschwor, er habe ihn im Gedränge in seiner Nähe gesehen, die Brieftasche sei ihm gestohlen!

Schon einmal hatte er erfahren, was es heißt, unter einem Verdacht zu leiden – sprach der Richter ihn auch frei, wer glaubte es ihm, daß er kein Dieb, daß er keines Diebstahls fähig sei, wer sollte einen Arzt in sein Haus rufen, dessen Ehrlichkeit zweifelhaft war?!

Und der Verzweiflung sollte noch blutiger Hohn spotten. Es klingelte in der Dämmerstunde und als Margareth die Thüre öffnete, sah sie Guido vor sich, den Menschen, dem sie so viele bittere Stunden ihres Lebens verdankte. Er sagte, daß er in der Angelegenheit mit der verlorenen Brieftasche komme, es sei sein Schwager, der sie verloren, von ihm, Guido, hänge es ab, ob derselbe nicht eine für Eduard günstigen Ansicht adoptire, aber Margareth müsse einsehen, daß er ihr Freund sei.

Im ersten Augenblicke hatten Ueberraschung und Empörung Margareth wie betäubt, aber die unverkennbare Frechheit seines Anerbietens, dessen zu durchschauender Endzweck Margareth vor Scham und Zorn erröthen machte, gaben ihr die Kraft, den Elenden gebührend abzuweisen. Da drohte er und sagte, morgen werde Trotten's Name als der eines Diebes in den Zeitungen gebrandmarkt sein, wenn Margareth noch immer die Stolze spiele – sie schlug die Thüre zu, aber sie fühlte auch, daß dieser Mensch nicht ruhen werde, bis er sie und ihren Bruder völlig in's Verderben gebracht.

Unbeschreiblich war die Bitterkeit von Margareth's Thränen, die sie in Angst und Unruhe vergoß, nachdem sie Guido abgefertigt, – wenn auch unverschuldet, so geschah es doch um ihretwillen, daß das Unglück ihren Bruder verfolgte, daß der Haß elender Menschen ihm die Ehre raubte! –

Und heute? Wie hatte sich Alles verändert nach dieser furchtbaren Nacht, in der sie den Himmel angefleht, ihr den Tod zu senden, damit sie nicht lerne an Gott zu verzweifeln! Wie hatte die Kunde, daß seine Unschuld, seine Ehrlichkeit bewiesen sei, auf Eduard's Zustand gewirkt, als sei dem Kranken neue Lebenskraft in die Adern gegossen, als habe der Engel des Lebens dem Herzen, welches der Dämon mit seinem Flügelschlage dumpf berührt, mit seinem Odem verpestet, heilenden, erquickenden Balsam eingeflößt! Und wie hatte der alte Herr mit dem mildernsten Blicke auch ihr ganzes Sein aufgerichtet durch freundliche Worte, »Ich soll Ihnen Grüße bringen von einer Dame, die Ihren Bruder als Arzt hochschätzt und Ihrer stets mit warmer Theilnahme gedacht hat!« Wie erwärmend durchdrangen diese Worte ihr Herz! Wie jauchzte es in ihr, daß es Klara v. Holm war, deren Zeugniß ihrem Bruder die Ehre rettete – Klara v. Holm, welche ihre Partei ergriffen, als Guido sie beim General verleumdet!

Wenn eine Dame, welche in der Nachbarschaft von Schloß Seebach zu Hause war, welche die Verhältnisse auf dem Schlosse gekannt und Alles gehört, was vor und während ihres Prozesses über sie gesprochen worden, ihr einen Gruß bestellen ließ – dann glaubte nicht Jeder den Anklagen, die das Fräulein v. Stolzenhain mit Kleber erhoben, dann gab es Menschen, welche, auch ohne sie gesprochen, ohne ihre Vertheidigung gehört zu haben, an ihre Unschuld glaubten!

Margareth hatte es gefühlt, daß Herr v. Hosten mit jeder Minute, die er länger bei ihr verweilt, sie herzlicher angeschaut, als werde sein Wohlwollen für sie immer größer. Als er ihr sagte, er wisse, wer es sei, der Ihren Bruder heute in den Zeitungen verdächtigt habe, und werde den Widerruf veranlassen, verrieth sie durch ihr heftiges Erröthen und den Ausruf: »Er hat es also doch gethan!« daß er ihr nichts Neues sage, und er bestand darauf, von ihr Näheres zu hören. Da erzählte sie ihm, wie Guido sie bedroht habe und wie bitter es für Eduard sein müsse, zu hören, daß der Mann, der ihn des Diebstahls beschuldigt, der Gatte des Weibes sei, welches Eduard einst geliebt, daß der Bruder dieses Weibes sie mit so niedriger Rache bedroht, weil sie ihn nicht leiden möge. Margareth deutete an, daß die Verleumdungen Guido's ebenso den ersten Grund zu ihrem Unglück gelegt, wie die Gerüchte, welche ihrem Bruder nachgesagt, er suche eine reiche Frau, der Carrière desselben geschadet; als aber Hosten sagte, dieser Bubenstreich werde Guido die Epaulettes kosten, erklärte sie, Hosten dürfe von Mittheilungen, die sie ihm im Vertrauen gemacht, keinen Gebrauch machen. »Ich würde darüber erröthen müssen,« sagte sie, »wenn Herr Ebeling glaubte, daß ich mich zu rächen suche, ich würde dann nicht mehr das Recht haben, ihn zu verachten; ich möchte auch nicht, daß Frau Apel auf den Gedanken käme, mein Bruder wünsche einem Gliede ihrer Familie etwas Schlechtes, sie soll darüber erröthen, daß sie ihn verkannt hat, daß sie ihrem Manne nicht gesagt hat, wie ehrenhaft Eduard denkt. Mein Bruder hat sie wohl noch nicht vergessen, wenn er auch nie von ihr spricht, er ahnt es weder, daß sie verheirathet ist, noch daß der Mann, der ihn für einen Dieb hielt, ihr Gatte ist, ich habe ihm das verschwiegen, um ihn nicht noch mehr zu erregen.«

»Sie haben ein vortreffliches Herz,« versetzte Hosten, »aber wie ich auch den Adel Ihrer Gesinnung anerkenne, so muß ich Ihnen doch Ihren Wunsch abschlagen. Das Einzige, was ich verspreche, ist das, daß weder Ebeling noch Apel erfahren sollen, was Sie mir mitgetheilt haben, und daß ich mit Ihnen darüber gesprochen. Lieutenant Ebeling hat seine Uniform zu einer Infamie gemißbraucht, der Redakteur der betreffenden Zeitung erklärt, daß Ebeling sogar gefordert habe, der Name Ihres Bruders solle genannt werden, er wolle für alle Folgen einstehen – der Redakteur hat sich auf die Bürgschaft eines Offiziers verlassen – mag Herr Ebeling jetzt die Folgen tragen. Hält er die Ehre Anderer nicht heilig so ist ihm am wenigsten eine Ehrlosigkeit zu verzeihen, ich werde die Sache seinem Regiments-Kommandeur mittheilen.«

Margareth wollte noch eine Vorstellung versuchen, aber wie freundlich zuvorkommend der alte Herr sich sonst zeigte, in diesem Punkte blieb er unerbittlich – sie konnte es freilich nicht ahnen, daß Hosten besondere Ursache hatte, empört zu sein, hatte doch Guido zwar noch keinen direkten Antrag bei Adda Hosten gemacht, aber doch sich derselben in einer Weise genähert, die ihn beinahe zur Erklärung verpflichtete.

Durch die Mittheilungen, welche er erhalten, war es Hosten nun auch erklärt, weshalb Guido sich seit den drei Tagen, wo Klara v. Holm bei seiner Tochter zum Besuche war, nicht im Hause gezeigt. Der alte Herr dankte Gott, daß der Charakter Ebeling's ihm entlarvt worden, ehe er diesem Menschen die Hand seines Kindes zugesagt.

Im Hause Apel's mußte man Schlimmes befürchten, seit der Bankier auf der Polizeidirektion erfahren, daß ein Mann wie Excellenz v. Hosten für Eduard aufgetreten, denn man hatte, wie wir schon erwähnt, Eduard den doppelten Betrag des Finderlohnes mit einem Briefe voller Entschuldigungen zugeschickt – jetzt, eine Stunde nachdem Hosten Margareth verlassen, kam Apel selbst.

Margareth errieth erst, wer der fremde Herr war, als Apel ihr sagte, er komme, da man ihm sein Schreiben uneröffnet zurückgeschickt, sich zu entschuldigen und jede mögliche Genugthuung anzubieten.

Hätte Margareth den Namen des Besuchers geahnt, so hätte sie den Fremden schwerlich eingelassen, jetzt gelang es ihr nicht, ihn mit der Erklärung abzufertigen, daß ihr Bruder auf Alles verzichte. Apel ließ sich gemächlich in einen Stuhl nieder, er sah, wie dürftig hier Alles eingerichtet war, und der reiche Mann mochte glauben, die erste Sprödigkeit der Armuth werde sich bald genug geben, wenn diese Tugend hier wirklich walte und man nicht blos den Stolzen spiele, um recht viel zu erpressen.

»Die Sache ist mir äußerst peinlich,« sagte er, »ich hatte keine Ahnung davon, daß Ihr Bruder ein Gelehrter, ein alter Bekannter meiner Frau, ich ließ mich durch seine etwas schadhafte Toilette täuschen, hielt ihn für einen verkommenen Menschen, kurz, das einmal gefaßte Vorurtheil machte mich völlig blind. Was soll ich jetzt thun?! Das Unglück ist einmal geschehen, ich kann mich nur bereit erklären, Schadenersatz zu zahlen und jede gewünschte Ehrenerklärung zu geben. Ist Ihr Bruder denn wirklich nicht zu sprechen?«

»Nein; er ist krank, er hat mich aber beauftragt, nichts von Ihnen anzunehmen.«

»Das ist eine große Thorheit, das sollte er sich doch besser überlegen. Ich bin reich, ich habe zahlreiche Bekannte, ich kann ihm viel nützen, und im Guten erreicht man von mir mehr als im Bösen. Er denkt vielleicht, ich hätte aus Angst vor einer Klage Anerbietungen gemacht. Da täuscht er sich sehr. Ich habe gar nichts zu fürchten, ich habe mich geirrt, irren kann sich jeder Mensch, das ist nicht strafbar. Aber meine Frau hat früher zu Ihrem Bruder in Beziehungen gestanden, und obwohl mich das eigentlich gar nichts angeht, so bringe ich doch gerne Opfer, wenn ich damit unangenehmem Gerede vorbeugen kann, aber wie gesagt im Guten, niemals gezwungen. Ich rathe Ihnen daher, sich mit mir zu verständigen.« –

»Herr Apel,« entgegnete Margareth, ein Gefühl des Ekels bekämpfend, um den Mann nicht durch ihre Antwort zu reizen, »ich bitte abzubrechen. Mein Bruder denkt nicht daran, Sie verklagen zu wollen, ihm genügt es, daß seine Ehre von jedem Flecken befreit wird, und wie mir gesagt worden ist, wird eine amtliche Berichtigung von Seiten der Polizei dies veranlassen. Er will also weder im Guten noch im Bösen etwas von Ihnen, und da er meiner zu seiner Pflege bedarf, so verzeihen Sie wohl, wenn ich Sie bitte, hiemit unser Gespräch zu beenden.«

Apel erröthete – man wies ihm die Thüre, man verschmähte sein Anerbieten, auf dergleichen war er nicht gefaßt gewesen, das war ihm noch nicht passirt.

»Ich dränge mich Niemand auf,« sagte er, »ich werde gleich gehen, wenn Sie es wünschen. Aber ich bitte noch um einen Augenblick Ihrer so kostbaren Zeit. Mein Schwager hat, wie ich höre, einen dummen Streich gemacht, er glaubte fest, daß Ihr Bruder aus Noth ein Verbrechen begangen, er bereut sein Unrecht um so mehr, als er Sie stets hochgeschätzt hat. Er ist viel im Hause Seiner Excellenz des Herrn v. Hosten. Es wäre ihm sehr unangenehm, wenn die Excellenz erführe –«

»Sparen Sie sich Ihre Worte,« unterbrach Margareth den Bankier, »Herr Ebeling hat kein Recht, direkt oder indirekt sich an mich zu wenden, aber meinetwegen können Sie ihm sagen, ich verachtete ihn zu tief, um eine Beschwerde über ihn zu führen.«

»Sie sind ja sehr stolz – das muß man sagen! Kaum drei Stühle im Zimmer und doch so viel Hochmuth –«

Er konnte nicht aussprechen, die Geduld Margarethas war erschöpft, der spöttische Ton Apel's ließ das Maß überfließen, welches ihre Geduld ihm schon reichlich gegönnt. Sie öffnete die Thüre nach dem Korridor, ihre Miene ließ Apel keinen Zweifel daran, daß eine neue Beleidigung ihm schlecht bekommen könne. Ohne ein Wort zu sagen, schlich er hinaus, seinen Groll verbeißend und beschämt, wie er sich noch nie gefühlt. Er hatte ein vollständiges Fiasko gemacht. In der gewissen Ueberzeugung, den ganzen Handel mit Geld abmachen zu können, hatte er das Haus betreten, und jetzt hatte er erfahren müssen, daß Leute, welche kaum das trockene Brod hatten, sein Gold verschmähten, daß Margareth wirklich seinen Schwager verachtete, der doch schon wegen seiner Stellung der Stolz der Familie war.

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