Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Eugen Hermann von Dedenroth >

Die Bescholtenen

Eugen Hermann von Dedenroth: Die Bescholtenen - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/dedenrot/bescholt/bescholt.xml
typefiction
authorEugen Hermann von Dedenroth
titleDie Bescholtenen
publisherBibliothek der Unterhaltung und des Wissens
year1880
firstpub1880
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120112
projectid7ef3ff0a
Schließen

Navigation:

14.

Wir lassen ein Jahr in unserer Erzählung vorübergehen.

Die Hoffnung des Staatsanwaltes hat sich nicht bestätigt – trotz aller Mühe, die er sich gegeben, trotz aller Anstrengungen Huck's, Kleber zum Geständniß, Beweise für die Schuld desselben am Morde zu finden, hat das Gericht den Spruch gethan, welchen Huck befürchtet: Freilassung der Angeklagten wegen nicht bewiesener Schuld!

Die Zofe Minna hatte gestanden, daß sie von Kleber bewogen worden, falsche Aussagen gegen Margareth zu machen. Kleber, der ihr schon früher die Ehe versprochen, hatte ihr vorgestellt, man müsse es verhindern, daß die Sache vertuscht werde, weil die Mörderin eine Vornehme sei und auch den Geheimrath auf ihrer Seite habe; es wäre kein Verbrechen, etwas Unwahres anzugeben, wenn man dadurch verhindere, daß eine Mörderin unbestraft bleibe. Sie gestand, daß sie keine weißen Flecken am Kleide Margareth's gesehen, weigerte sich aber zu konstatiren, daß sie dieselben bemerkt haben müßte, wenn sie vorhanden gewesen wären. Ihre Aussage entlastete Margareth daher in dieser Beziehung ebenso wenig als das Geständniß, daß das Schloß, als sie an den Kehricht-Eimer getreten, oben auf demselben, nicht aber, wie sie zuerst gesagt, im Kehricht versteckt gelegen habe – es blieb die Möglichkeit, daß Margareth oder ihr Bruder dasselbe dahin geworfen.

Kleber beharrte hartnäckig bei seinen Aussagen, und als ihm gesagt wurde, der Geheimrath habe beschworen, daß Margareth zu der Zeit, wo sie ihn wegen des Briefes befragt haben solle, im Salon gewesen sei, erklärte er, das Gegentheil beschwören zu können; die Unterredung habe freilich nur einige Sekunden gedauert. Der Staatsanwalt wies in glänzender Rede nach, daß der Verdacht des Mordes in höherem Maße auf Kleber als auf Margareth ruhe, daß Kleber die Entlassung aus dem Dienste gefürchtet habe, daß sein Eifer, Margareth selbst durch offenbare Lügen zu verdächtigen, ihn als Schuldigen brandmarke. Er wies nach, daß Kleber, der zehn Jahre beim General gewesen, den Blechkasten jedenfalls gekannt und gewußt habe, daß er darin Arsenik finde, während es von Margareth nicht anzunehmen sei, daß sie dies gewußt und daß sie Gelegenheit gehabt, die Schränke des Generals unbemerkt durchstöbern und den Kasten erbrechen zu können. Huck hatte nachgewiesen, daß das Vorlegeschloß, welches sich am Kasten befunden, mit Gewalt gesprengt worden, daß also das im Kehricht mit Schlüssel gefundene Vorlegeschloß wohl ein anderes gewesen sei, das Kleber nur zu dem Zwecke, Margareth weiter zu verdächtigen, in den Kehricht geworfen. Der Staatsanwalt schloß hieraus, daß Kleber ebenso gut das Arsenik heimlich in Margareth's Kleid gesteckt haben könne, während sie sich zu dem Erkrankten begeben, und er beantrage daher, Kleber des Mordes und wissentlich falscher Aussagen zu bezüchtigen, Margareth aber freizusprechen – das Gericht erkannte anders.

Zu Gunsten Margareth's sprach ihre Vergangenheit, ihre Haltung bei ihrer Verhaftung, das Urtheil des Geheimraths und der Eindruck, den ihre Erscheinung auf die Richter hervorrief, aber es traten auch für Kleber Zeugen auf, welche seine treue Ergebenheit für den General konstatirten und erklärten, er könne in seinem Eifer wohl zu weit gegangen sein, aber er wäre eines Verbrechens unfähig.

So lautete denn der Spruch des Gerichtes auch gegen ihn auf Freisprechung von der Anklage des Mordes, und es war daher Jedem überlassen, ihn oder Margareth für schuldig zu halten; auf Beiden blieb der entsetzliche Argwohn haften, der sein Brandmal auf den guten Namen drückt.

Um so größer war das Aufsehen, als sich kurz nach Beendigung des Prozesses das Gerücht verbreitete, der Staatsanwalt Otto Berg habe um seine Entlassung aus dem Staatsdienste nachgesucht und seine Hand Margareth v. Trotten angetragen, als wolle er damit bekunden, daß er, der Ankläger des Königs, so fest von der Unschuld Margareth's überzeugt sei, daß er sich nicht scheue, ihr diese Genugthuung anzubieten. Gleichzeitig hörte man, daß sie ihre Verzichtleistung auf das Erbe des Generals nicht nur aufrecht erhalten, sondern auch eine bedeutende Summe, die ihr der Geheimrath v. Sorben als Entschädigung angeboten, zurückgewiesen habe.

Komödie! sagten die Einen; Berg ist bemittelt, seine Hand entschädigt sie für die Summe, welche Sorben ihr bietet, denn das Testament wäre doch ungiltig erklärt worden, und es soll jetzt so aussehen, als ob sie niemals an Erbschleicherei gedacht; – Berg ist ein Narr, sagten die Anderen; er war immer ein Schwärmer und jetzt hat ihn diese Kokette in ihr Netz gelockt, jetzt ist ihre Freisprechung erklärt; ein Staatsanwalt, der in sie verliebt war, konnte sie freilich nicht für schuldig halten und hat die Anklage zu ihren Gunsten verdreht. Da hörte man, daß sie den Antrag Berg's abgelehnt habe und plötzlich verschwunden sei. Man schüttelte die Köpfe, aber wie die Welt immer gern das Böse glaubt, so muthmaßte man jetzt, Margareth habe sich aus dem Staube gemacht, weil sie eine Revision des Prozesses fürchte, es hieße nur so, daß sie Berg einen Korb gegeben; Berg werde sich wohl doch noch eines Besseren besonnen und diese Form des Bruches gewählt haben, um nicht sagen zu müssen, daß er mit seinem Antrage eine unüberlegte Thorheit begangen, welche zu bereuen er schon jetzt Gelegenheit gefunden, und diese Ansicht wurde dadurch bestätigt, daß er sein Entlassungsgesuch nicht zurücknahm und auf Reisen ging.

So sprachen die Leute. Der Einzige, der außer ihrem Bruder vielleicht Margareth's Handlungsweise richtig zu würdigen verstand, der Geheimrath Sorben, achtete ihren Willen, den sie in einem Briefe an ihn, in welchem sie die Annahme jeder Art von Unterstützung ablehnte, ausgesprochen. »Ich bitte Sie,« so lautete es darin, »mir nicht nachzuforschen, die Leute über mich reden zu lassen, was sie wollen, mich zu vergessen. Vergessen zu werden von Allen, die mich gekannt, das ist mein sehnlichster Wunsch; man lasse mich tragen, was mir beschieden ist, ich will weder Hilfe noch Trost.«

Wer konnte ihr auch Trost bieten? Das Einzige, was ihrem Herzen Trost und Hoffnung gegeben, die Erklärung Berg's, daß er an ihre Unschuld glaube, sie liebe, sie bitte, ihn ihr Weh mit ihm theilen zu lassen – das hatte ihrem Herzen auch eine neue, tiefe Wunde geschlagen: Sie lernte das süße Gefühl der Liebe zu einem edlen Manne nur kennen, um auch entsagen zu lernen; wie hätte sie es über sich gewonnen, ein solches Opfer anzunehmen, zu sehen, wie man den Mann, den sie liebte, um ihretwillen vielleicht mied oder gar verachtete. Der Mann, dessen Herzensadel ihr Bewunderung und das beseligende Gefühl der Liebe eingeflößt, der sollte seinen Namen einer Gebrandmarkten geben, seine Ehre mit einer Beschimpften verflechten, um ihretwillen vor den Leuten erröthen?!

Nein. Mit blutendem Herzen hatte sie sich losgerissen und ein neues Wehe, süß schmerzlich, zog in ihr Herz, das Leid, das sie schon trug, nur noch schwerer zu machen.

Und es war unsagbar schwer. Das Schicksal, das sie verfolgt, hatte nicht nur ihren Ruf, ihre Existenz vernichtet, es hatte auch ihren Bruder getroffen.

Hatte auch gegen Eduard keine Anklage erhoben werden können, so war doch der Verdacht gegen ihn, daß er der Mitschuldige seiner Schwester, durch Kleber's Verdächtigungen genug angeregt worden, um allerlei Gerüchte über ihn zu verbreiten, die im Verein mit dem alten Gerede, daß er eine reiche Parthie suche, ihn zwangen, die Hoffnung, in O. eine Existenz sich zu schaffen, aufzugeben. Der glückliche Erfolg, den er im Hause des Herrn v. Storchfeld gehabt, wog leicht gegen das Gerücht, er habe dem alten General v. Sorben eine Arsenikkur verordnet, die äußerst gefährlich gewesen und die dann auch seiner Schwester Gelegenheit gegeben, den General, der ihr sein Vermögen verschrieben, unter die Erde zu bringen.

Er zog nach Berlin, um sich dort in der großen Stadt eine neue Existenz zu gründen. In kleinen Orten bekümmert sich Jeder um seinen Nachbar, will wissen, wie er lebt und wie er's treibt, da wird die Vergangenheit eines Jeden beklatscht und gerade von dem am meisten erzählt, von dem man am wenigsten weiß. In der großen Stadt verschwindet der Einzelne in fluthenden Menschenwogen, da kennt man ihn kaum in seinem Viertel und die nächsten Nachbarn wissen oft nicht, wie er heißt. Da kann sich ebenso gut eine Berühmtheit verstecken, wie die Armuth verhungern, da kann der Uebelberufene sich einen neuen Namen schaffen, ein neues Leben beginnen.

Es war für Eduard ein Bedürfniß, sich den Blicken der Menschen zu entziehen, die selten mit Theilnahme, meist nur mit Neugierde oder gar mit schadenfroher Bosheit ihn beobachtet, wie er den auf ihm lastenden Verdacht trage, wie er sich zu helfen suchen werde, und die ihm nur Theilnahme ausdrückten, wenn sie horchen wollten, wie es mit dem Prozesse stehe. Er hielt seine Abreise geheim, bis er Alles vorbereitet, dieselbe antreten zu können, und mit unsäglicher Bitterkeit verließ er die Stadt, wo er mit dem redlichsten Willen sich vergebens bemüht, sein Brod zu finden, wo er Manchem geholfen, der ihm dann das Honorar schuldig geblieben und jetzt vielleicht am verächtlichsten von ihm sprach.

In der Residenz traf er mit Margareth zusammen, welche sich nach ihrer Freilassung direkt dorthin begeben hatte. Beide Geschwister sanken sich einander in die Arme, den Lippen fehlten die Worte, das auszusprechen, was die Herzen fühlten. Wie zwei Schiffbrüchige von der Woge an den Strand getrieben standen sie da, einsam, der Eine auf den Anderen angewiesen, inmitten einer fremden Welt.

Sie nahmen sich eine bescheidene Wohnung; Margareth wollte sich Erwerb durch Handarbeit suchen, Eduard schlug ein Schild an seine Thüre mit der Angabe, um welche Zeit er Sprechstunde für Kranke halte.

Es liegt immer eine bittere Ironie in solchen Anzeigen, und der Spötter kann leicht von der unerschütterlichen Ruhe sprechen, welche die Nachtklingel eines jungen Arztes hält, aber wer beschreibt die Seelenmarter des Armen, welcher Stunde für Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche vergeblich wartet, daß ein Patient ihn rufe, und er soll den Miethzins für seine Wohnung zahlen, er will leben! Nicht einmal die Leute im Hause rufen ihn zu Hilfe; sie denken, der Arzt könne nichts taugen, den kein Anderer ruft.

Eduard erreichte, was er gewollt, als er nach der großen Stadt gezogen – es kümmerte sich hier Niemand um sein Privatleben, um Gerüchte, welche Bosheit über ihn verbreitet, aber es kümmerte sich auch Niemand darum, daß er Patienten suchte, das; er sich in der ***-Straße als Arzt etablirt habe!

Es war ein bitter niederdrückendes Gefühl für ihn, daß er, dessen Studien dem Vater so schweres Geld gekostet, anstatt die Schwester jetzt unterstützen zu können, kein Brod zu verdienen vermochte, während Margareth in sehr kurzer Zeit einen zwar bescheidenen, aber doch sicheren Erwerb fand; es wurde ihr von einem Geschäftsinhaber mehr Arbeit angeboten, als sie bewältigen konnte. Da stand er nun da und bereute es fast, daß er nicht ein Handwerk gelernt, anstatt die Wissenschaft zu studiren; er kam sich vor wie ein Mensch, der nutzlos auf der Welt dastehe und vielleicht bald seiner Schwester zur Last fallen werde, es schwand ihm der Muth, noch länger mit einem harten Schicksal um seine Existenz zu kämpfen, und der düstere Gedanke, seinem zwecklosen Dasein ein Ende zu machen, trat vor seine Seele.

Es ist gefährlich, sich solchen Gedanken hinzugeben, denn selbst da, wo sie nicht zu dem entsetzlichen Entschlusse des Selbstmordes führen, stumpfen sie die Willenskraft völlig ab, ertödten den Nerv, der diese belebt.

Eduard machte weite Spaziergänge durch die Stadt und deren nächste Umgebung, einmal um nicht den ganzen Tag, wie in der angesetzten Sprechstunde, auf Patienten zu warten, die nicht kamen, und sich wenigstens den Anschein zu geben, als besuche er Kranke, dann aber, weil er immer gehofft, der Zufall werde ihn einmal zum Zeugen eines Unglücksfalles machen, wo er als Arzt helfend beispringen und den ersten Patienten finden könne.

Aber auch das gelang ihm nicht.

Da schritt er eines Tages trüben Sinnes, gedrückter als je, bei der Börse vorüber, durch die elegantesten Theile der Stadt dem Thiergarten zu, um in den schönen Waldparthien desselben seinen Gedanken nachzuhängen, als er beim Ueberschreiten des Dammes der Thiergartenstraße plötzlich eine Brieftasche bemerkte, welche hart an der Gosse lag und jedenfalls erst kürzlich von Jemand verloren war.

Er nahm die Tasche auf und schaute sich um, aber er sah Niemand, der etwas Verlorenes suchte, und die Hoffnung stieg in ihm auf, daß er einen Fund gemacht, der ihm vielleicht Glück bringen könne. Die Tasche war dem Besitzer vielleicht von großem Werthe. Eduard erröthete bei dem Gedanken vor Scham, daß er ein Finderlohn annehmen, Gewinn aus der Nachlässigkeit eines Anderen ziehen solle, aber die Noth brach Eisen – er sagte sich, daß er solchem Stolze entsagen und Gott danken müsse, wenn er auf ehrliche Weise etwas verdienen könne. Vielleicht aber brauchte er nicht zu erröthen, vielleicht bot ihm der Verlierer statt des Finderlohnes seine Hilfe, verschaffte ihm Kundschaft.

Er eilte heim; der schwache Hoffnungsstrahl belebte ihn, wie Frühlingssonne die Scholle und Bäume, und Luftschlösser entsprossen dem Hoffen wie junge Saat dem erwärmten Acker. Er kam nach Hause und erst hier besichtigte er seinen Fund. Die Brieftasche war vom feinsten braunen Leder und es befanden sich, außer einigen Wechseln und Briefen, zehn Fünfhundert-Thalerscheine darin, also fünftausend Thaler baares Geld – nach dem Gesetze gebührten dem Finder fünfhundert Thaler!

Er war wie betäubt. Der Finderlohn, der ihm gebührte, den er fordern durfte, betrug eine Summe, die für ihn ein Kapital war, die ihm gestattete, durch Annoncen in den Zeitungen Kranken seine Hilfe anzubieten und sein Dasein zu fristen, bis er Kundschaft gefunden.

Er suchte in der Tasche nach, ob sich etwas finde, woraus er den Namen des Verlierers entdecken könne, es erschien ihm fast wie ein Verbrechen, daß er schon den Finderlohn sich berechnete, als müsse derselbe ihm werden, der Verlierer war vielleicht arm, das Geld nur geliehen oder ihm anvertraut – durfte er da den Mann berauben? War es nicht erbärmlich, daß er schon Luftschlösser auf einen Gewinn baute, den er ohne jede Mühe sich verschaffen wollte?

Er fand eine Briefadresse, die den Verlierer der Tasche vermuthlich bezeichnete; der einliegende Brief trug Bleistiftnotizen vom Empfänger. Eduard ersah aus dem Couvert und dem Schreiben, daß der Verlierer der Tasche ein Bankier Apel sei, der jedenfalls sehr bedeutende Geldgeschäfte mache, da er in dem Schreiben aufgefordert wurde, nach seinem Ermessen fünfzigtausend Thaler gekündigter Hypothekengelder in Werthpapieren anzulegen und da auch die in der Tasche befindlichen Wechsel über bedeutende Summen lauteten.

Eduard eilte zum nächsten Kaufmann, um im Adreß-Kalender nachzuschlagen, wo der Bankier Apel wohne, aber kaum hatte er die Adresse gefunden, als ein Mädchen in den Laden stürzte und fragte, wo der nächste Arzt wohne, es sei ein schreckliches Unglück geschehen.

Eduard war natürlich bereit, die verlangte Hilfe zu leisten – der Bankier mochte warten, er bekam seine Brieftasche immer noch zur Zeit, es war die erste Pflicht des Arztes, dem Rufe des Unglückes zu folgen.

Das Mädchen erzählte unterwegs, ihre »gnädige Frau« habe selber eine Gardine anstecken wollen, der Tritt, den sie zu diesem Behufe gebraucht, sei schadhaft gewesen und unter ihr zusammen gebrochen; sie liege wie todt da, der gnädige Herr sei nicht zu Hause.

Eduard fand nicht nur die Angaben des Mädchens bestätigt, sondern noch sehr bedenkliche Nebenumstände. Abgesehen davon, daß die Dame sich sehr ernstlich am Kopfe und einem Beine beschädigt, befand sie sich in einer Lage, in welcher Frauen schon ein Schrecken schädlich sein kann, geschweige[???] denn ein solcher Sturz. Eduard ließ die Kranke zu Bette bringen, besorgte den nothwendigen Verband und erklärte dem bestürzten Gatten, der inzwischen geholt worden war, daß ein Arzt bei der Kranken bleiben müsse, er solle seinen Hausarzt rufen lassen, falls er einen solchen habe.

Der Mann – er war Beamter – erwiederte, daß er keinen Hausarzt habe und Eduard sein volles Vertrauen schenken wolle. So verweilte denn Eduard bei der Kranken und leistete ihr die nöthige Hilfe, bis er um Mitternacht dem besorgten Gatten den Trost geben konnte, die schwerste Gefahr für seine Frau wäre vorüber, das Kind, das sie ihm geschenkt, werde freilich kaum am Leben zu erhalten sein.

Am frühen Morgen kam Eduard wieder, und diesmal konnte er sein Glück preisen; was er für kaum möglich gehalten, war jetzt im Bereich sicherer Hoffnung, er verkündete dem glückseligen Vater, daß ihm auch sein Kind erhalten bleiben könne. Die Segenswünsche des Glücklichen folgten ihm, als er sich entfernte, und mit dem Hochgefühle, daß er ein schweres Werk vollbracht, vermischte sich die selige Hoffnung, das Schicksal werde endlich aufhören, ihn zu verfolgen, war doch fast ein Wunder geschehen, ihm die Arbeit dieser Nacht segensreich zu gestalten. Froher Hoffnung voll begab er sich mit der gefundenen Brieftasche zu der Wohnung des Bankiers, und als er hörte, Herr Apel sei im Comptoir, in das Geschäftslokal des Geldmannes.

Als er dem Commis, der ihn nach seinem Begehren fragte, eröffnete, in welcher Angelegenheit er Herrn Apel persönlich zu sprechen wünsche, denn der Commis hatte Anstand genommen, den reducirt aussehenden Fremden ohne Weiteres seinem Chef zu melden – fiel es ihm auf, daß man ihn in eigenthümlicher Weise musterte; die Buchhalter steckten die Köpfe zusammen, es sah fast so aus, als wisse man hier nichts von dem Verluste des Herrn Apel und halte ihn für einen Schwindler, der unter erdichtetem Vorwand vielleicht eine Bettelei anbringen wolle.

Herr Apel erschien; er war ein noch junger, aber sehr wohlgenährter Mann; in seinen Zügen war die Arroganz des Geldstolzes, dünkelhafter Hochmuth und Kälte des Herzens scharf ausgeprägt. Er musterte Eduard von oben bis unten.

»Sie haben meine Brieftasche gefunden?« fragte er, das letzte Wort leicht betonend, als verhöre er einen Verbrecher.

Eduard erröthete vor Empörung – mit so verächtlicher Herablassung hatte ihn noch Keiner behandelt.

»Wenn dies Ihr Portefeuille ist,« erwiederte er, dasselbe aus der Tasche ziehend, »ja.«

»Das ist meine Brieftasche,« rief Apel, ergriff dieselbe und prüfte den Inhalt in möglichst verletzender Art für den Finder, als scheue er sich gar nicht, den Argwohn zu verrathen, der ihn zu dieser Prüfung veranlasse.

»Es ist Alles richtig,« sagte er endlich mit einer Miene, als überrasche ihn dieses Resultat mehr, als daß es ihn befriedige.

»Herr!« rief Eduard, der sich nicht länger zu beherrschen vermochte, glühend vor Empörung, »halten Sie mich für einen Dieb?«

»Sie beanspruchen gewiß Finderlohn?« fragte Apel, ohne seinen Ausruf zu berücksichtigen, in spöttischem Tone.

»Jetzt ganz gewiß,« rief Eduard, »und sollte ich es den Armen schenken –«

Er konnte nicht aussprechen; ein Polizeibeamter, den man herbeigerufen, trat auf ihn zu.

»Der Mann behauptet,« sagte Apel zu dem Beamten, »er habe die Tasche gefunden. Der Inhalt ist richtig, ich sagte es schon auf dem Bureau, die großen Geldscheine, die noch dazu von mir gestempelt sind, würden schwer zu wechseln sein. Der Mann beansprucht Finderlohn.«

Eduard traute seinen Ohren nicht, er starrte den Beamten an, ob dieser nicht seine Partei ergreife, aber dieser schien schon instruirt zu sein. »Ich muß Sie ersuchen,« sagte er zu Eduard, »mir aufs Polizeibureau zu folgen.«

»Was bedeutet das,« stotterte Eduard erbleichend und wie betäubt.

»Das werden Sie auf dem Bureau erfahren.«

Eduard fügte sich; er erklärte, als der Beamte Miene machte, ihn anzufassen, daß er freiwillig folge. Er hörte Apel, der mit dem Beamten einen Blick gewechselt, die Worte sagen: »Er ist's. Ich bin in fünf Minuten auf dem Bureau.«

Das Polizeibureau lag zum Glück ganz in der Nähe; dennoch aber war es Eduard, als laufe er Spießruthen. Jeder, der ihn so neben dem Beamten gehen sah, mußte ihn für einen arretirten Verbrecher halten. Auf dem Bureau nannte er seinen Namen und Stand, dann forderte er die Erklärung für das Auftreten des Beamten.

Der Polizei-Lieutenant war einen Augenblick stutzig, als er hörte, daß er einen Arzt vor sich habe; er schlug, jedoch in einem Buche nach und lächelte eigenthümlich. »Ah,« sagte er, »Doktor v. Trotten, seit neun Monaten hier, ohne Patienten. Standen zwar nicht unter Anklage, aber im Verdacht der Mitschuld an einem Morde. Leben hier mit Ihrer Schwester zusammen.«

Es war Eduard, als müsse er ersticken, so drängte ihm das Blut zum Herzen. Sein Name stand im schwarzen Buche der Polizei als der eines Menschen, dem nicht zu trauen sei; man hatte ihn beobachtet, denn man wußte, daß er keine Patienten, also keinen Broderwerb gehabt.

»Herr Polizei-Lieutenant,« sagte er, »warum halten Sie mir das vor? Ist es nothwendig, daß Sie mich an unverschuldetes Unglück erinnern?«

»Ich muß das thun,« erwiederte Jener, »um Ihnen zu beweisen, daß Ihre Persönlichkeit hier bekannt ist und daß die Notizen über dieselbe mir nicht gestatten, einen Verdacht, der gegen Sie anhängig gemacht ist, kurzweg zurückzuweisen. Herr Apel meldete gestern, daß er beim Verlassen des Börsenlokals in's Gedränge gekommen, daß er in seiner unmittelbaren Nahe einen reducirt aussehenden Mann bemerkt habe, dessen Personal-Beschreibung auf Sie paßt.«

»Ich verstehe nicht, was Sie damit sagen wollen,« erwiederte Trotten. »Ich gehe nicht auf die Börse.«

»Wo haben Sie die Brieftasche gefunden?«

»In der Thiergartenstraße.«

»Wo da?«

»Das weiß ich nicht. Ich ging spazieren, ich war in Gedanken, ich achtete nicht auf die Gegend, in der ich mich befand.«

»Aber Sie wissen vielleicht, um welche Zeit es war?«

»Ja, etwa in der vierten Stunde.«

»Hatte Ihr Weg nach dem Thiergarten Sie bei der Börse vorüber geführt?«

»Ja.«

»Um welche Zeit?«

»Es kann drei Uhr gewesen sein.«

»Wo waren Sie um zwei Uhr?«

»Das kann ich nicht genau angeben. Ich ging um ein Uhr von Hause fort, durchwanderte mehrere Straßen, ich ging ohne Plan und Ziel.«

»Dann ist es doch möglich, daß Sie um zwei Uhr bei der Börse waren!«

»Nein, denn als ich dort vorbei kam, war sie längst geschlossen; der Platz war menschenleer, ich ging geradeaus nach dem Thore, und da schlug es schon drei Uhr.«

»Sie haben also trotz Ihrer Zerstreutheit darauf geachtet, daß der Börsenplatz leer war und daß Sie sich um zwei Uhr nicht in der Nähe der Börse befanden,« bemerkte der Beamte mit Ironie. »Warum brachten Sie die gefundene Brieftasche nicht sogleich dem Verlierer? Sie hatten doch nichts zu versäumen.«

Eduard erzählte, wie er erst zu Hause die Tasche geöffnet habe und dann später abgehalten worden sei, den Fund abgeben zu können.

Der Bankier trat in das Bureau. Er wiederholte seine bereits dort abgegebene Aussage, daß er im Gedränge auf dem Börsenplatze einen Menschen dicht in seiner Nähe gesehen habe, der ihm verdächtig erschienen sei, daß er fast mit Bestimmtheit in demselben den Sistirten wieder erkenne. »Ich habe die Brieftasche nicht verloren,« sagte er, »sie ist mir gestohlen. Ich verwahre meine Portefeuille stets sehr sorgfältig. Ich habe den Verlust freilich erst bemerkt, als ich zu Hause mich umkleiden wollte, aber ich trug die Tasche im Rock auf der Brust und hatte, als ich nach Verlassen des Börsenplatzes meinen Wagen bestieg, den Ueberzieher angezogen und zugeknöpft. Ich könnte die Tasche also später unmöglich verloren haben, es sei denn in meinem Wagen. Ich will keinen Klageantrag stellen, aber gewiß auch keinen Finderlohn zahlen; besteht der Mann darauf, so mag die Untersuchung ihren Gang gehen.«

»Ich fordere die Untersuchung,« rief Eduard, »nicht des Finderlohnes wegen, sondern weil meine Ehre beleidigt wird.«

»So thun Sie ihm den Gefallen,« sagte Apel höhnisch. »Ich erkenne jetzt das Gesicht genau wieder, ich könnte es beschwören, daß dieser Mann der Dieb ist.«

»Waren Sie gestern in der Thiergartenstraße?« fragte der Lieutenant der Polizei den Bankier.

»Es ist möglich, daß ich durch die Straße gefahren bin. Ich wollte in der Gegend Besuche machen, aber ich habe den Wagen nicht verlassen, ich traf die Herrschaften nicht zu Hause.«

Der Beamte verneigte sich zum Zeichen, daß ihm die Auskunft genüge. Apel verließ das Bureau.

»Nehmen Sie die Erklärung des Herrn Apel, daß er auf eine Klage verzichtet, an,« sagte der Lieutenant zu Trotten. »Ich gebe Ihnen diesen Rath.«

»Ich fordere die Untersuchung,« entgegnete Eduard, und es war, als ob die Verzweiflung mit aller Bitterkeit des Unglücks sich Luft mache, »ich verlange Genugthuung, ich bin kein Dieb!«

Der Beamte setzte das Protokoll auf. »Ich darf von Ihrer Verhaftung noch abstehen,« sagte er, »schaffen Sie sich Beweise dafür, daß Sie die Tasche gefunden, sonst steht es böse um Sie. Aber Sie wollen es ja nicht besser. Sie sind entlassen.«

Eduard entfernte sich, er schlich davon wie gebrochen, als er seine Wohnung erreichte, war es mit seinen Kräften zu Ende. Er brach in lautes Weinen aus, Fieberfrost schüttelte seine Glieder, Margareth schrie auf vor Schrecken – was war dem Unglücklichen geschehen, welches neue Elend war über ihn hereingebrochen?! – –

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.