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Die Bescholtenen

Eugen Hermann von Dedenroth: Die Bescholtenen - Kapitel 14
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typefiction
authorEugen Hermann von Dedenroth
titleDie Bescholtenen
publisherBibliothek der Unterhaltung und des Wissens
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firstpub1880
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13.

Der Kommissär hatte bei Durchsuchung der Räume eine wichtige Entdeckung gemacht. Da der Geheimrath geäußert, daß sein Onkel einen Vorrath von allerlei Medikamenten gehabt, die er von Schäfern, Quacksalbern und Charlatanen bezogen, so revidirte er die Schränke im Arbeitszimmer des Generals sehr genau, und fand denn auch theils in einer Art von Hausapotheke, theils an anderen Orten, wo der General allerlei Raritäten und Antiquitäten, Versteinerungen, Edelsteine, Muscheln, alte Münzen u. s. w. verwahrt, bald hier, bald dort eine Schachtel oder Düte, in der sich eine Salbe, ein Pulver oder ein Kräuterthee befand, überall war notirt, gegen welches Gebrechen die Sache nütze, und das Datum der Beschaffung; manche Mixturen befanden sich danach schon an dreißig Jahren im Gewahrsam des Verblichenen.

Huck bemerkte in einem größeren Blechkasten, in welchem sich wiederum kleinere Blecheinlagen befanden, daß eine der letzteren fehlte. Sie mußte erst vor Kurzem herausgenommen sein, denn der Staub, welcher die Nebengefässe bedeckte, war an einzelnen Stellen frisch weggewischt, es waren deutlich die Spuren der Berührung dieser Gefässe bei der Herausnahme des Fehlenden zu erkennen.

Der Kasten enthielt in seinen verschiedenen Abtheilungen nur Gifte, verschiedene Vertilgungsmittel für Fliegen, Mäuse, Ratten u. s. w., aber die Beschaffenheit der Gifte bewies, daß sie schon viele Jahre hindurch hier gelagert, ohne benutzt worden zu sein, die Papiere waren vergilbt, die Mischungen vertrocknet, auch zeigte das Datum der Beschaffung auf längst vergangene Jahre.

Huck suchte überall nach der fehlenden Büchse, Kleber, der sich ihm dabei behilflich zeigen wollte, konnte nicht genug Befremden darüber äußern, daß etwas fehle; da endlich kam die Büchse zum Vorschein, Huck fand dieselbe in einem Schranke, hinter Büchern versteckt.

»Das ist ja höchst sonderbar,« rief Kleber, »Fräulein v. Trotten hat sich neulich die Schiller'schen Gedichte geholt, und hier, wo der Band, den sie entnommnen hat, fehlt, gerade hier findet sich die Büchse!«

»So verräth sich das Verbrechen,« versetzte Huck.

Die Büchse trug die Etikette: »Arsenik † † †. 18.. d. 5. Juni.«

Nach dem Datum der Beschaffung war das in der Büchse damals verwahrte Arsenik jetzt fünfzehn Jahre alt. Bei Oeffnung der Büchse zeigte sich dieselbe leer, es war kein Körnchen des Giftes darin zu erblicken, dasselbe hatte sich also vermuthlich in einer Düte befunden, die fest verschlossen gewesen.

Huck nahm die Büchse und stellte sie in den Blechkasten, sie paßte genau in die Stelle, wo ein Behältniß fehlte.

»Mir ist nur noch Eines nicht klar,« sagte er, Kleber fixierend, »dieser Kasten ist, da er Gift enthält, doch wahrscheinlich verschlossen gewesen. Die Vorrichtung für ein Vorlegeschloß ist da, aber das Schloß fehlt.«

Kleber zuckte die Achseln. »Ich weiß darüber nichts,« versetzte er, »ich habe diesen Kasten nie zu Gesicht bekommen, der selige Herr hielt den Schrank, in dem wir ihn gefunden, verschlossen, und seit ich bei ihm bin, ist nichts daraus gebraucht worden, so viel ich weiß; wir haben, wenn Gift gebraucht wurde, um Ungeziefer zu tödten, immer solches frisch aus der Apotheke geholt. Das Fräulein klagte in letzter Zeit über Mäuse, aber ich glaube nicht, daß der Herr General ihr aus diesem Kasten Gift gegeben, oder auch nur davon gesprochen, daß er Gift besitze.«

Huck schlug den Kasten in Papier ein und versiegelte das Packet, seine Miene verrieth nicht das Geringste und doch beschäftigte ihn ein Gedanke sehr lebhaft. Trotz des gleichgültigen Tones, in welchem er von dem Verschluß des Kastens gesprochen, hatte seine Frage eine sehr ernste Bedeutung gehabt, er hatte bemerkt, daß unter der Klammer, welche zum Verschluß diente, das Blech stark eingedrückt war und eine Schramme hatte, als ob hier Gewalt geübt worden und vielleicht ein Vorlegeschloß mit einem scharfen Instrument gesprengt worden sei.

Die Revision war gerade beendet, als Sorben den Kommissär fragen ließ, ob der Notar die Gefangene sprechen dürfe. Huck bat Kleber, einen verschlossenen Wagen zur Abführung der »Mörderin« bereit zu halten, und schien es nicht zu bemerken, welch' boshafter Triumph bei dieser Bezeichnung Margareth's seinerseits aus den Augen des Kammerdieners leuchtete. Er begab sich mit den beiden Herren zu Margareth und fand dieselbe in ruhiger, gefaßter Stimmung. Margareth hatte sich durch ein inbrünstiges Gebet gestärkt, in festem Gottvertrauen baute sie auf das gute Recht der Unschuld, und wie furchtbar ihr auch der Gedanke war, als Angeklagte in's Gefängniß zu müssen, so war ihr das beinahe doch noch lieber, als wenn man sie, belastet von diesem gräßlichen Verdacht, gezwungen hätte, bis auf Weiteres hier im Schlosse unter ihren boshaften Feinden zu verweilen.

Bei dem Anblicke Sorben's bedeckte Purpurgluth ihr Antlitz – das war der Mann, auf dessen Schutz sie gebaut – konnte auch er von ihr glauben, daß sie eine Mörderin sei?!

Es schien so. Wie schwer es ihm auch wurde, stellte der Geheimrath sich absichtlich so, als verhalte er sich völlig neutral und warte ab, wie das Gericht entscheiden werde, er wollte ihr kein freundliches Wort sagen, ehe er ihre Antwort auf die Kunde, welche der Notar ihr brachte, nicht gehört – aus dieser Antwort wollte er ja ersehen, ob er ihren Charakter richtig beurtheile. Er hielt sich im Hintergrunde, während der Notar sprach, aber Margareth hörte kaum, um was es sich handelte, als sie in lautes Schluchzen ausbrach. »O mein Gott,« rief sie, »und man hält mich für fähig, nach dem Leben des Mannes getrachtet zu haben, der es so gut mit mir meinte! Hören Sie auf, Herr Notar. Ich will nichts weiter wissen, will nicht hören, ob vielleicht die schmähliche Anklage, unter der ich stehe, diesen Willen des Verblichenen aufhebt oder anfechtbar macht. Lassen Sie mir die Genugthuung, aus freien Stücken schon jetzt zu erklären, daß ich nichts von seinem Erbe will. Ich hatte das dem Herrn General schon erklärt, und mehr als je weise ich heute Alles zurück, ich will das Geld nicht, um dessentwillen man mich haßt und verleumdet, obwohl ich wahr und wahrhaftig nie danach getrachtet.«

»Gnädiges Fräulein, überlegen Sie sich Ihren Entschluß –«

»Kein Wort davon, ich habe nichts zu überlegen, denn ich würde vor Scham in die Erde sinken, hätte ich je auch nur daran gedacht, den Erben des Generals das Geringste zu schmälern.«

Sorben hielt sich nicht länger. Tief erschüttert eilte er auf sie zu und ergriff ihre Hände. »Ich habe das geahnt,« rief er, »und bei Gott, spräche man Ihnen auch das Urtheil, ich glaubte doch an Ihre Unschuld. Was ich für Sie thun kann, soll geschehen, so wahr ich lebe!«

Er küßte die Hand Margareth's – besser konnte er nicht beweisen, daß er für ihre Unschuld eintrete, er küßte die Hand, der man nachreden wollte, daß sie gemordet habe!

Margareth lächelte in Thränen. »Ich habe das von Ihnen erwartet,« schluchzte sie. »Der Todte war uns Beiden theuer, er gab viel auf Sie, ich hätte es kaum ertragen, auch von Ihnen verkannt zu werden. Gott wird mir helfen!«

»Gnädiges Fräulein,« nahm Huck das Wort, und er war trotz seiner Selbstbeherrschung kaum im Stande, seine Bewegung verbergen, »meines Amtes ist, die Anklage zu verfolgen, aber ich thue das mit dem sehnlichen Wunsche, die Unschuld, sowie die Schuld an das Licht des Tages zu bringen. Ich hätte noch einige Fragen an Sie zu stellen und bitte, mir dieselben aufrichtig zu beantworten.«

»Ich bin dazu bereit.«

»Hatten Sie Kenntniß davon, daß der General einen Blechkasten besaß, in welchem sich allerlei Gifte befanden?«

»Nein, das heißt, er sprach einmal davon, daß er viele Hausmittel besitze, die ihm lieber als die Arzneien der Aerzte seien.«

»Sie wußten, wo er dieselben verwahrte?«

»Nein, aber ich denke, er hatte sie in seinen Schränken.«

»Einen großen Blechkasten haben Sie also nie gesehen?«

»Nein.«

»Sie haben sich neulich Schiller's Gedichte aus dem Bibliothekschrank geholt?«

»Ja, einen Band. Der Herr General war zugegen und erlaubte es mir; sonst hätte ich das nicht gethan.«

Margareth sprach dies in völlig unbefangener Weise, es lag fast auf der Hand, daß sie diese Thatsache bestritten haben und gesagt haben würde, der General habe ihr den Band gebracht, wenn sie die Büchse hinter den Büchern versteckt gehabt hätte.

»Wo ist der Band Gedichte?« forschte Huck weiter.

»Er muß im Salon liegen.«

»Wann nahmen Sie den Band ans der Bibliothek?«

»Vor etwa acht Tagen.«

»Wann waren Sie zuletzt im Arbeitszimmer des Generals?«

»Gestern Morgen, als ich ihm die Zeitung vorlas.«

»Ich danke Ihnen,« sagte Huck, »alle Ihre Aussagen haben etwas Präzises und ich bedaure nur, daß Sie nicht erklären können, wie die Arsenikdüte in Ihre Tasche gekommen ist. Haben Sie denn gar keinen Verdacht, daß Jemand, um Sie zu verdächtigen, dies heimlich gethan vielleicht in der Zeit, als Sie heute Nacht zu dem Kranken gerufen wurden?«

Margareth zögerte mit der Antwort, endlich schaute sie auf, ihr Auge blickte klar und ruhig. »Es ist fast so,« erwiederte sie, »als müsse solches geschehen sein. Ich habe darüber nachgedacht. Ich hätte beim Entkleiden doch auch die weißen Flecken bemerken müssen, die Minna gesehen haben will, und es ist seltsam, daß sie mich darauf nicht aufmerksam gemacht hat. Ich entsinne mich überdem, daß ich mein Taschentuch in dem Kleide gehabt und dasselbe herausgezogen, als ich mich entkleidete. Hier ist das Tuch – es ist freilich jetzt naß von Thränen. Aber selbst wenn ich Jemand einer solchen Schlechtigkeit für fähig hielte, mich verdächtigen zu wollen, würde ich ihn nicht nennen, denn halte ich auch Jemand für boshaft genug, mir alles Schlechte zu wünschen, so glaube ich doch gerade von dieser Person nicht, daß sie dem General nach dem Leben getrachtet, und das müßte ja der Fall gewesen sein, wenn sie mir die Düte in's Kleid gesteckt hätte. Das Letztere konnte auch, ohne daß ich es bemerkte, nicht geschehen, so lange ich das Kleid am Leibe trug, denn die Tasche steckt zwischen den Falten, auf mein Zimmer konnte die Person aber wohl nicht kommen, ohne daß Minna oder sonst Jemand sie bemerkt.«

»Und Sie trauen Ihrer Zofe keine Niederträchtigkeit zu?« forschte Huck.

»Ganz gewiß nicht!« rief Margareth. »Ich war stets mit ihr zufrieden und habe ihr nie ein böses Wort gesagt.«

»Nicht? Minna behauptete doch, aus Furcht vor Ihrem Zorne verschwiegen zu haben, daß sie die weißen Flecke gesehen.«

»Diese Aeußerung ist mir räthselhaft geblieben, wie so manches Andere,« entgegnete Margareth. »Minna hat mir nie gezeigt, daß sie sich vor mir besonders fürchte, und hatte auch keinen Anlaß dazu.«

Huck verneigte sich und flüsterte dann dem Geheimrath einige Worte in's Ohr, welche denselben höchst angenehm zu überraschen schienen. Beide wollten sich eben mit dem Notar, der ein stummer Zeuge des Verhörs gewesen, entfernen, als ein Lakai die Meldung brachte, der Herr Staatsanwalt Berg sei soeben eingetroffen und frage nach Herrn Huck.

Der Kommissär begab sich in Begleitung des Herrn v. Sorben in's Erdgeschoß, um Berg zu begrüßen, der Notar empfahl sich. Als Huck die Treppe erreichte, sah er Minna, die in einem Winkel sich zu schaffen machte, als suche sie dort etwas; er trat näher. Minna's Antlitz war auffallend geröthet, sie schien verwirrt; er fragte sie, wonach sie suche, und sein scharfes Auge bemerkte unter dem Kehricht in einem Eimer ein kleines Vorlegeschloß.

»Haben Sie das eben gefunden?« fragte er, als Minna nicht antwortete.

»Ja –« stotterte sie in immer auffälligerer Verwirrung.

»Das ist ja sehr glücklich,« bemerkte Huck. »Kleber hat Ihnen wohl gesagt, daß wir das Schloß vermissen?«

»Ja,« sagte sie, sichtbar erleichtert.

Huck nahm das Schloß aus dem Kehricht, es steckte ein kleiner Schlüssel darin. »Da haben wir's ja,« rief der Kommissär. »Seit wann befindet sich dieser Kehricht in dem Eimer?«

»Seit heute Morgen.«

»Sie haben das Zimmer des Fräuleins ausgefegt?«

»Nein, nur den Flur und die anderen Zimmer, das Fräulein war ja in der Stube, als ich ausfegen wollte.«

»Haben Sie beim Fegen nicht bemerkt, daß das Schloß unterm Besen war, können Sie mir nicht sagen, wo es gelegen hat?«

»Ich habe beim Fegen nichts bemerkt, Herr Kleber sagte mir, ich solle nachsuchen und ich bin selbst erstaunt, daß ich das Schloß im Eimer finde. Es muß Jemand dasselbe in den Kehricht geworfen haben, denn so etwas kann man nicht unbemerkt mit dem Besen auf die Schippe fegen.«

»Ganz gut, aber wer kann das wohl gewesen sein? Ging Jemand durch den Korridor, als Sie gerade fegten?«

»Ja – der Herr Doktor v. Trotten.«

Minna sprach das mit einer gewissen Hast.

Der Kommissär rief dem Lakaien, welcher sich noch auf der Treppe befand, zu, er solle ihm sofort den Gerichtsdiener schicken.

»Kommen Sie mit mir,« sagte er dann zu Minna und öffnete ein Zimmer.

Minna's Antlitz war wie mit Blut übergossen, der veränderte Ton des Beamten schien sie zu erschrecken, sie zögerte, ihm zu folgen.

»Gehorchen Sie,« herrschte der Beamte, »vorwärts!«

Sie zitterte an allen Gliedern. »Herr Gott,« jammerte sie, »was wollen Sie denn von mir, ich habe doch nichts gethan!«

»Schweigen Sie!« befahl Huck. »Das Mädchen ist verhaftet,« wandte er sich dann zu dem herbeigekommenen Polizeidiener, »Sie sorgen dafür, daß sie mit Niemand, am wenigsten mit dem Kammerdiener spricht. Sie bleibt in diesem Zimmer bis auf Weiteres.«

Minna schrie auf, aber Huck schloß hinter sich die Thüre und ließ sie mit dem Polizeidiener allein.

»Es scheint,« flüsterte er dem Geheimrath, der ein stummer Zeuge der Scene gewesen, zu, »daß wir doch eine andere, die wahre Spur des Verbrechers finden, das Mädchen spielt die ihr zudiktirte Rolle schlecht.«

Als die Herren wieder die Treppe erreichten, begegnete ihnen Kleber. Es lag etwas Unruhiges in den Augen des Kammerdieners, als er sagte, der Herr Staatsanwalt warte, ob der Lakai auch recht bestellt habe.

»Ich komme,« versetzte Huck, als er aber sah, daß Kleber Miene machte, ihn vorbei zu lassen, sagte er: »Gehen Sie nur voran, führen Sie uns zum Herrn Staatsanwalt.«

Kleber gehorchte, er öffnete den Empfangssalon des Erdgeschosses, wollte sich aber entfernen, als die Herren eingetreten waren.

»Sie bleiben hier,« sagte Huck. »Ich werde Sie sogleich rufen, ich bedarf Ihrer.«

Kleber verneigte sich.

Sorben hatte sich bereits dem Staatsanwalt vorgestellt. Huck bat denselben, ihn noch für einige Augenblicke zu dispensiren, Herr v. Sorben werde ihm über die Vorgänge berichten.

Berg blickte bejahend, Huck eilte zur Thüre, und wie er erwartet, fand er Kleber nicht im Korridor. Er begab sich zur Treppe und horchte. Er hörte die Stimme des Polizeidieners, welcher Minna bewachen sollte. Derselbe wies Kleber zurück. Der Kammerdiener kam mit geröthetem Antlitz die Treppe hinab, als er Huck sah, erschrak er sichtlich, ja, er schien unschlüssig zu sein, ob er seinen Weg fortsetzen oder zurückweichen solle.

»Zum Kukuk,« rief Huck, »wo stecken Sie denn! Der Herr Staatsanwalt will Ihre Aussage hören.«

Kleber stotterte einige Worte der Entschuldigung. Als er in die Nähe Huck's gekommen, legte dieser die Hand auf seinen Arm. »Ich verhafte Sie im Namen des Königs,« sagte er; gleichzeitig zog er mit der Linken eine Pfeife aus der Tasche und ließ ein gellendes Signal ertönen.

Kleber wurde kreidebleich. »Weshalb,« stotterte er, »mich verhaften Sie – mich?«

Er wollte seinen Arm frei machen, aber Huck hielt denselben mit eiserner Faust, Huck mochte es fühlen, daß der Mann Lust habe, zu entspringen. »Ich verhafte Sie,« sagte er, »weil Sie sich nicht entfernen sollten und es doch gethan haben. Fügen Sie sich, sonst gibt es Handschellen.« Der zweite Polizeidiener eilte herbei. »Dieser Mann ist verhaftet,« sagte Huck, »Sie haften für ihn. Herr Kleber,« wandte er sich zu dem Diener, der roth und bleich wurde und wie Espenlaub zitterte, »der Beamte hat einen Revolver und er hat Handschellen. Machen Sie also keinen Fluchtversuch.«

»Ich denke nicht an Flucht,« versetzte Kleber, »ich habe nichts zu fürchten. Ich gehorche der Obrigkeit. Aber es ist hart, daß Sie mich vor allen Leuten beschimpfen. Ich habe meinem Herrn zehn Jahre treu gedient. Ich bin kein Spitzbube, dem Sie mit Fesseln drohen dürfen.«

»Machen Sie keinen Fluchtversuch, so wird man Sie schonend behandeln,« erwiederte Huck und drehte ihm den Rücken. »Das Uebrige wird sich finden.«

Huck hatte dem Staatsanwalt nur den Bericht zu ergänzen, welchen Sorben bereits gemacht. Er konnte die Erklärung abgeben, daß er auf der Abführung des Fräuleins v. Trotten nicht mehr bestehe, obwohl er sie trotz Allem für geboten halte. »Die Lügen Kleber's,« sagte er, »konstatiren die Möglichkeit, daß derselbe aus Haß den Verdacht des Verbrechens auf das Fräulein gelenkt hat – aber ihre Unschuld ist nicht erwiesen, es ist möglich, daß Kleber seine Aussagen nur so eingerichtet, um die Verdachtsmomente gegen das Fräulein zu vermehren. Er hat die Unwahrheit behauptet, daß das Fräulein ihn wegen des Briefes an den Notar befragt habe, um den Verdacht zu erwecken, daß sie ein besonderes Interesse am raschen Tode des Generals gehabt; sehr verdächtig ist seine Bemühung, den Doktor von Trotten zu verdächtigen, er hat jedenfalls die Zofe zu unwahren Aussagen verleitet, das Schloß vielleicht selber in den Kehricht geworfen. Das Alles kann aber aus persönlichem Hasse und in der Absicht geschehen sein, die Dame, die er für die Mörderin hält, möglichst zu kompromittiren, es beweist nicht, daß er der Mörder, daß das Fräulein unschuldig ist. Der Umstand, daß das Fräulein der Erbschaft entsagt, ist von gar keinem Gewicht. Wie günstig auch Herr v. Sorben das Fräulein beurtheilt, kann doch jeder Andere, der sie für eine Heuchlerin hält, die Meinung festhalten, daß sie sich nur gegen den Schein gewahrt hat, als habe sie das Testament zu ihren Gunsten erschlichen und verschmähe jetzt die Erbschaft, um eben ihre Uninteressirtheit zu beweisen, – die Thatsache steht fest, daß durch den Mord die Vernichtung des Testamentes, welches der General umstoßen wollte, unmöglich gemacht ist, daß also der Mord in ihrem Interesse geschah. Alles, was für sie spricht, wenn man ihren Charakter günstig beurtheilt, zeugt gegen sie, sobald man sie für eine geschickte Heuchlerin hält, und für das Letztere spricht nicht nur der Umstand, daß es ihr in kurzer Zeit gelungen ist, den General zu veranlassen, ihr sein Vermögen zu verschreiben, sondern daß sie es auch verstanden, den Herrn Geheimrath zu ihrem Gönner zu machen.

»Verzeihen Sie,« lächelte Huck, als er sah, daß Sorben unwillig erröthete und der Staatsanwalt sehr befremdet und finster darein schaute, »meine persönliche Ansicht ist genau die des Herrn Geheimeraths; ich halte das Fräulein für völlig unschuldig, für das Opfer einer infamen Intrigue, aber eben deshalb wünsche ich, daß ihre Unschuld erwiesen, nicht aber daß sie wegen mangelnder Beweise der Schuld freigesprochen wird. Das Fräulein v. Stolzenhain hat mich darüber belehrt, mit welcher Hartnäckigkeit Personen, welche das Fräulein kennen, an ihre Schuld glauben; diese Partei wird nur eines Besseren belehrt werden, wenn man ohne Schonung, ohne Rücksicht, streng nach dem Gesetze gegen Fräulein v. Trotten verfährt und das Gericht dann ihre Unschuld konstatirt.«

Es mußte Berg einen harten Kampf kosten, denn es währte lange, bis er sich für die Ansicht des Beamten entschied und die Aufrechthaltung des Verhaftbefehls anordnete. »Es ist furchtbar hart,« sagte er, »aber das Gerücht der gegen sie erhobenen Anklage hat doch schon ihren Ruf angetastet; gebe Gott, daß wenigstens die Entlarvung des Schuldigen ihre vollständige Freisprechung möglich mache!«

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