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Die Bescholtenen

Eugen Hermann von Dedenroth: Die Bescholtenen - Kapitel 12
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typefiction
authorEugen Hermann von Dedenroth
titleDie Bescholtenen
publisherBibliothek der Unterhaltung und des Wissens
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firstpub1880
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11.

Fräulein Agathe v. Stolzenhain hatte eben ein Billet beendet, welches sie in aller Eile an ihre Zofe in der Residenz gerichtet, damit dieselbe Trauerkleider bestelle und mit denselben nach Seebach komme, als der Kammerdiener Franz Kleber mit geheimnißvoller, schadenfroher Miene in's Zimmer trat. »Es ist Alles am Tage,« sagte er halb flüsternd in zudringlich vertraulicher Weise, »sie hat leugnen wollen, aber man hat ihr Zimmer revidirt und Spuren verschütteten Arseniks an ihrem Kleide gefunden. Minna hatte also doch Recht, solche Unvorsichtigkeit hätte ich ihr nicht zugetraut. Eben wird sie abgeführt.«

Das Fräulein lauschte neugierig und schien äußerst befriedigt von der Nachricht.

»Es ist gut, daß Alles so weit ist, ehe der Geheimrath kam,« fuhr Kleber fort, »der Wagen muß gleich von der Station kommen. Doch da ist er schon!« rief Kleber, einen Blick aus dem Fenster werfend, »und er ist darin, aber was ist das? Er bringt ja den Doktor mit – den Trotten!«

Wäre ein Beobachter zugegen gewesen, der das Erschrecken, die Verstimmung, das Erbleichen Kleber's beim Anblick Eduard's gesehen, so würde derselbe auf eigene Gedanken gekommen sein, aber Agathe beachtete den Kammerdiener nicht, Empörung und Unruhe malten sich in ihrem Antlitz, als sie hörte, wer ihren Vetter begleite.

Eduard v. Trotten hatte, wie wir gesehen, mit sehr düsteren Vorahnungen Schloß Seebach verlassen und seine Schwester ermahnt, sich auf das Herbste vorzubereiten, er hatte ihr aber verschwiegen, welche Entschlüsse er gefaßt, allen Eventualitäten vorzubeugen, weil er sich selber nur geringen Erfolg von seinen Schritten versprechen konnte und Margareth keine Hoffnungen machen wollte, die leicht enttäuscht werden konnten.

Er hatte beschlossen, angesichts der Verdächtigungen, welche gegen ihn und seine Schwester auf Seebach ausgesprochen worden, den Staatsanwalt in *** persönlich aufzusuchen und die Untersuchung zu beantragen, gleichzeitig aber telegraphisch den Geheimrath Sorben zu bitten, seine Schwester in Schutz zu nehmen.

Er fand bei dem Staatsanwalte sehr entgegenkommende Aufnahme, der Jugendfreund, den er längst vergessen, gab sich ihm als solchen zu erkennen und sprach seine Befriedigung darüber aus, daß Eduard einen Schritt gethan, der ihn auch als Beamten berechtige, ihm seine Sympathien auszusprechen.

*** war Stationsort der Bahn, welche von Breslau nach Seebach und weiter führte, gleichzeitig aber auch Station der Zweigbahn nach O. Eduard harrte des Zuges, der ihn nach O. führen sollte, auf dem Perron, als der Breslauer Zug eintraf; in demselben befand sich Sorben, der Geheimrath erkannte Eduard, winkte ihn heran und forderte ihn auf, mit ihm nach Seebach zu fahren, er werde dafür sorgen, daß Keiner ihm dort die Thüre weise.

Karl v. Sorben wußte nichts Genaues über die Vorfälle auf Seebach, er hatte nur die Depeschen erhalten, von welchen ihm die erste die schwere Erkrankung, die zweite die »Ermordung« seines Onkels mitgetheilt, dann endlich die Drahtnachricht, welche Eduard abgesendet hatte. Er war außer sich über Alles, was ihm Eduard während der Fahrt mittheilte, er schalt seine Cousine eine Wahnsinnige, daß sie gegen geachtete Personen so schwere Beschimpfungen geduldet, er verrieth durch jede seiner Aeußerungen, wie hoch er Margareth's Charakter schätze, wie ihn das Auftreten Agathens empöre, die, wie er sagte, sich von dem Schurken Kleber beschwatzen lasse.

Der Geheimrath wollte nicht daran glauben, daß sein Onkel an Arsenikvergiftung gestorben sei. »Ihr Wissen in Ehren,« sagte er, »aber warten wir die Sektion ab. Mein Onkel hat gestern unvernünftig viel getrunken. Ihre Schwester hat ihn vergeblich gewarnt. Vielleicht hat er, als er sich unwohl fühlte, irgend Etwas von seinen alten Hausmitteln genommen, was Essigsäure enthielt. Er hatte immer allerlei Pulver und Mixturen von alten Schäfern und Charlatanen, von denen er seinen Aerzten nichts sagte, denn er hielt von den Aerzten nichts, Sie waren der Erste, von dem er mit Achtung und Anerkennung sprach. Sie waren aber nicht da, als er sich unwohl fühlte, und da hat er in der Unruhe sich selber helfen wollen.«

Eduard fühlte sich durch die Worte und das ganze Wesen des Geheimraths sehr beruhigt. Derselbe war nicht nur ein vernünftiger Mann, der Alles richtig auffaßte, er war nicht nur von Wohlwollen für Margareth erfüllt, er war auch studirter Jurist und konnte daher dem Kommissiär, welchen Berg nach Seebach geschickt, mit Rath zur Seite stehen, wenn etwa das Fräulein v. Stolzenhain auf die Vorstellungen ihres Vetters nicht hören wollte und in ihrem Hasse gegen Margareth eine Entfernung derselben von Seebach in ungebührender Form forderte.

Die beiden Herren hatten kaum den Wagen verlassen, als auch schon Fräulein Agathe, gefolgt von Kleber, im Korridor erschien, ihren Vetter zu bewillkommnen. Sie hatte sich sehr beeilt, ihn zu begrüßen, ehe er jemand Anders sprechen konnte, der Diener, der ihm den Wagenschlag geöffnet, hatte nur sagen können, daß bereits Gerichtspersonen im Schlosse seien. Sie ergriff den Arm ihres Vetters, als bedürfe sie einer Stütze; anscheinend aufgelöst von Schmerz, bejammerte sie dieses traurige Wiedersehen, beklagte es, daß der Geheimrath zu spät komme, den General noch am Leben zu treffen, und wollte Karl völlig in Beschlag nehmen, damit Kleber Gelegenheit habe, Eduard ferne zu halten. Der Geheimrath schaute sich jedoch nach seinem Begleiter um und bemerkte es noch rechtzeitig, daß Kleber, der ihn mit tiefer Verbeugung begrüßt, sich Eduard in den Weg gestellt und eben daran war, demselben in beleidigendster Form die Thüre zu weisen.

»Was ist das,« sagte er befremdet, aber Agathe flüsterte ihm zu, Margareth sei soeben verhaftet worden, er solle nur mit ihr in den Salon treten, sie habe ihm überraschende Dinge mitzutheilen.

»Herr Geheimrath,« rief Eduard in demselben Moment, »ich bitte mich gegen die Impertinenz eines Dieners zu schützen!« und der Geheimrath sah, wie Eduard seinen Arm, den Kleber gepackt, gewaltsam von dieser Berührung befreite.

Karl that ein Gleiches, als Agathe ihn festhalten wollte, und drehte um. »Was erlauben Sie sich,« herrschte er Kleber an, »was bedeutet diese Frechheit? Ich habe den Herrn mitgebracht, er ist mein Gast!«

»Herr Geheimrath,« versetzte Kleber, »er ist der Bruder der Mörderin meines gnädigen Herrn und er soll vor's Gericht.«

»Wahren Sie Ihre Zunge!« erwiederte Karl heftig, »ich verbiete es Ihnen, Jemand zu beleidigen, den ich hergeführt habe. Fort!«

»Herr Geheimrath,« stotterte Kleber, halb eingeschüchtert durch die drohende Miene Karl's, theils aber auch zum Trotze wieder ermuntert durch die Blicke Agathe's, »Sie wissen nicht, was hier geschehen, man hat bei der Person Arsenik gefunden, sie ist schon arretirt und dieser Herr darf nicht in die Zimmer, man kann nicht wissen, ob er nicht auch schuldig ist.«

»Kleber hat Recht,« bemerkte Agathe, »es ist am besten, er ruft die Polizei, ich werde Dir Alles erzählen, Karl.«

Der Geheimrath ließ sie nicht ausreden. »Wenn Sie sich unterstehen,« sagte er zu Kleber, »das Fräulein von Trotten noch einmal in so unpassender Weise zu bezeichnen, so verlassen Sie auf der Stelle das Schloß. Hinweg, kein Wort mehr. Und Du, Agathe,« wandte er sich zu seiner Cousine, »Du thätest wohl daran, mit Deinem Urtheil zu warten, bis das Gericht gesprochen hat, es werden oft auch Unschuldige verhaftet, besonders wenn dieselben Feinde besitzen; eine voreilige Anklage gegen die Dame, welcher unser Verwandter das vollste Vertrauen geschenkt, würde uns sehr schlecht anstehen. Doch da ist ja Huck!«

Der Geheimrath schritt dem Beamten entgegen, der eben die Treppe hinab kam und den er persönlich kannte. Kleber hatte sich schon entfernt, Agathe zog sich, die Achseln zuckend, zurück. Eduard stand da, bleich wie der Tod, das Entsetzliche, das er vernommen, hatte ihn völlig betäubt.

Huck verneigte sich vor dem Geheimrath, der als Mitglied eines hohen Gerichtshofes gewissermaßen sein Vorgesetzter oder doch eine Autorität für ihn war, und schien nicht wenig überrascht, als er hörte, daß Sorben Eduard v. Trotten mitgebracht habe, damit derselbe der Leichenschau-Kommission an Ort und Stelle seine Erklärungen abgebe.

»Herr Geheimrath,« sagte er, als Karl ihn und Eduard in ein Gemach geführt, »wie die Umstände liegen, möchte ich Sie entweder ohne Zeugen sprechen, oder zuvor wenigstens die Auslassungen des Herrn v. Trotten hören, ehe ich meine Mittheilungen mache.«

»Ich will Ihnen durchaus nicht im Wege sein,« entgegnete Sorben, »im Gegentheil, ich unterwerfe mich Ihren Anordnungen wie jeder Andere, und ich bitte Sie daher, Herrn v. Trotten zu verhören. Darf ich dabei sein?«

»Gewiß, Herr Geheimrath, es ist nur das äußerst willkommen.«

»So bemerke ich vor Allem eines,« antwortete Sorben. »Mein Onkel sagte mir noch gestern Abend, daß er zu diesem Herrn das größte Vertrauen, dagegen gar keines zum Doktor Manders habe, daß Manders freilich deshalb sehr böse auf Herrn v. Trotten sei. Der Herr Doktor v. Trotten war beim Staatsanwalt, um Beschwerde über die Beleidigungen zu führen, welchen er hier ausgesetzt gewesen ist.«

In dem Antlitz des Kommissärs war nicht lesen, welchen Eindruck diese günstigen Notizen auf ihn machten, er bat Eduard, ihm seine Mittheilungen zu machen.

»Ich war dagegen,« erklärte Eduard, »daß meine Schwester die Stellung hier im Schlosse annahm, ich weiß es aus dem Munde des Herrn Generals, daß derselbe wider ihren Willen mich rufen ließ, ich lehnte das Anerbieten, hier einige Zeit zu wohnen, um den Herrn General zu behandeln, ab, ich kann also versichern, daß meine Schwester und ich völlig unschuldig daran sind, wenn Herr Doktor Manders seinen Patienten verloren hat. Ich verordnete dem Herrn General eine sehr gebräuchliche Kur, bei welcher freilich Vorsicht nothwendig ist, und ich habe mich davon überzeugt, daß dieselbe geübt worden ist. Man holte mich heute Nacht, ich brachte für alle Fälle Medikamente mit. Als ich an das Krankenbett trat, erkannte ich sogleich, daß eine sehr starke Arsenik-Vergiftung vorliege. Herr Doktor Manders hatte keine energischen Gegenmittel gegeben, als ich aber das kräftigste Gegengift, essigsaures Eisen, welches ich mitgebracht, dem Kranken reichen wollte, protestirte das Fräulein v. Stolzenhain dagegen, indem sie beleidigenden Verdacht gegen mich und meine Mittel äußerte, mir wurde fast gewaltsam die Thüre gewiesen, und als ich meine Schwester sprechen wollte, die man ebenfalls aus dem Krankenzimmer entfernt hatte, erlaubte sich der Kammerdiener Kleber mir das unter dem Bemerken verbieten zu wollen, er müsse es verhindern, daß zwei Schuldige mit einander Verabredungen träfen. Ich ging trotz dessen zu meiner Schwester, bereitete sie darauf vor, daß ihr Schweres bevorstehe und erfuhr von ihr, daß Kleber eine Depesche, welche sie an den Herrn Geheimrath hatte absenden wollen, nicht habe weiter befördern lassen, da begab ich mich zur Staatsanwaltschaft, deren Schutz für meine Schwester und mich anzurufen.«

»Sie ahnten es, als Sie gerufen wurden, daß eine Arsenikvergiftung vorliege?« fragte Huck.

»Gewiß; nach der Beschreibung, welche der Bote machte, und da der Patient die Arsenikkur gebraucht hatte, mußte ich mich für diesen Fall vorbereiten.«

»Sie erkannten, als Sie eintrafen, daß der Patient in Lebensgefahr schwebte?«

»So sicher,« versetzte Eduard, »daß ich kaum noch eine Rettung für möglich hielt. Ich sagte meine Ansicht Herrn Manders und forderte augenblickliche Anwendung des Gegengiftes, ich sprach es unverhohlen aus, daß der Kranke auf irgend eine Weise eine große Portion Gift erhalten haben müsse. Manders bestritt mir das und man hörte ihn, nicht mich.«

»So geben Sie Herrn Manders Schuld, daß der Patient vielleicht nur deshalb nicht gerettet worden ist?«

»Ich glaube, er war nicht mehr zu retten, aber der Versuch dazu ist nicht in der Weise gemacht worden, wie ich das forderte.«

»Herr Manders,« erwiederte Huck, »hat, wie ich gehört habe, das von Ihnen verordnete Mittel, essigsaures Eisen, aus der Apotheke des Ortes holen lassen.«

Eduard lächelte bitter.

»Herr Doktor Manders,« erwiederte er, »wird es nicht leugnen können, daß es bei solchen Fällen auf Minuten ankommt, die man nicht versäumen darf. Aber das von mir mitgebrachte Medikament wurde als verdächtig zurückgewiesen.«

»Unerhört!« murmelte der Geheimrath.

Huck schien gleicher Ansicht zu sein, die ruhige Darlegung Eduard's trug das Gepräge der Wahrheit.

»Ihr Fräulein Schwester,« fragte der Kommissär plötzlich, »zeigte keine auffällige Angst?«

»Ich kann darüber eigentlich kein Urtheil geben,« versetzte Eduard nach kurzer Pause, »wenigstens kein solches, wie Sie zu erwarten scheinen. Einmal war ich selber durch die mir gewordene Behandlung und Alles, was ich gehört, außerordentlich erregt und nicht fähig, Beobachtungen anzustellen, dann aber bin ich hier vollständig Partei. Ich bin meiner Schwester so sicher wie meiner selbst, ein Zweifel an ihr ist mir ganz unmöglich und ihre Empörung darüber, daß man sie in verletzendster Weise aus dem Krankenzimmer gewiesen, mußte mir sehr natürlich erscheinen.«

»Und doch habe ich bei ihr Arsenik gefunden!« rief Huck, Eduard scharf beobachtend.

Der Kommissär schilderte die Resultate der Haussuchung, aber es war Empörung, nicht Schrecken, was sich in den Zügen Eduard's malte, ja, zuweilen flog ein bitteres spöttisches Lächeln über die Züge desselben und als der Kommissär geschlossen, sagte er mit völliger Fassung: »Herr Kommissär, und wenn sich ein Zeuge fände, welcher gesehen hätte, daß meine Schwester dem Herrn General jenes Pulver in's Getränk gemischt, so würde ich mit großer Seelenruhe die Aufklärung der Sache erwarten; was Sie andeuten, ist eben völlig unmöglich.«

»Und dem stimme ich bei,« rief Sorben. »Ich kann Ihnen sagen, daß ich in Folge verschiedener Gerüchte und anonymer Zuschriften ebenso wie meine Cousine, Fräulein v. Stolzenhain, mit starkem Vorurtheil gegen Fräulein von Trotten gestern hier eintraf, daß ich entschlossen war, Alles daran zu setzen, dieselbe aus der Nähe meines Oheims zu entfernen. Mein Oheim hat jedoch mir nachgewiesen, daß das Fräulein schmählich verleumdet worden ist, daß sie nicht nur sich sehr uninteressirt gezeigt, sondern sogar seinen Antrag, sie zu heirathen und sie dadurch zu seiner Erbin zu machen, abgelehnt hat. Er versicherte mir, daß er heimlich, weil sie eben sich derartige Belohnungen von ihm verbeten, sein Testament zu ihren Gunsten geändert habe, und wenn er sich auf meine Vorstellungen hin entschloß, diese letzte Verfügung abermals zu ändern und seiner Familie ihr Recht angedeihen zu lassen, so bin ich überzeugt, daß sie, wenn sie von der Sache gewußt, sich darüber gefreut hätte. Ich argwöhne sehr stark, daß Kleber, der sich jetzt so beeifert, sie als Mörderin anzuklagen, der Verbreiter und Erfinder jener Verleumdungen war. Ich war Zeuge der Sorge, mit welcher sie meinen Onkel hütete, ihrer Unruhe, als er trotz ihrer Bitten gestern sehr stark trank, ich halte es für geradezu wahnsinnig, eine Dame ihres Charakters, ihrer Bildung eines so rohen Verbrechens fähig zu halten und ich leiste hiemit für sie Bürgschaft.

»Es kann in meinen Worten nichts für Sie Verletzendes liegen,« fuhr Sorben nach kurzer Pause fort, als er sah, daß das Antlitz des Beamten sich bei seiner scharfen Bemerkung ein wenig geröthet, »denn einmal kennen Sie die Dame und die Stellung, welche dieselbe hier eingenommen, nicht, dann aber gebietet Ihnen Ihre Pflicht, ohne Rücksicht auf die Person unter gewissen Verhältnissen zur Verhaftung der Beschuldigten zu schreiten. Ich bin aber leider in der unangenehmen Lage, Ihnen eröffnen zu müssen, daß meine Cousine, das Fräulein v. Stolzenhain, nicht berechtigt gewesen ist, Fräulein v. Trotten aus den Rechten zu verdrängen, welche dieselbe hier im Hause hatte, daß sie durch ihr schroffes, in Folge von Vorurtheilen sogar feindseliges Auftreten gegen Fräulein v. Trotten die Dienerschaft verleitet hat, derselben ungehörig zu begegnen und in ihr eine Person zu sehen, gegen welche so ziemlich Alles erlaubt ist, weil die Verwandte des Entschlafenen es so zu wünschen schien. Aus der Art und Weise, wie der Kammerdiener Kleber, ein Mensch, den mein Onkel schon wiederholt und gestern abermals aus dem Dienste jagen wollte, sich gegen mich über Fräulein v. Trotten zu äußern wagte und wie derselbe Herrn Doktor v. Trotten zu begegnen sich erfrechte, schöpfe ich den Argwohn, daß die mißvergnügte Dienerschaft ein Komplott angestiftet hat, die junge Dame zu verdächtigen, um an derselben Rache zu nehmen und sie aus dem Schlosse zu entfernen.«

»Herr Geheimrath sagen, daß der Verstorbene die Absicht gehabt, den Kammerdiener des Dienstes zu entlassen – fragte Huck, als habe dieser Punkt für ihn ein besonderes Interesse.

»Es war schon sehr häufig nahe daran,« erwiederte Sorben, »aber leider Gottes war mein Onkel immer zu schwach dazu, einen erwiesenen Schuft wegzujagen, er hatte sich an die Bedienung durch Kleber zu sehr gewöhnt. Gestern aber schien es ihm damit Ernst zu sein. Ich hörte ihn sehr heftig schelten und als ich ihn in großer Erregung sah, als er bald darauf in den Salon zurückkehrte, schüttete er mir sein ganzes Herz aus. Er sagte, daß er an seinem Notar geschrieben habe, daß er in Folge meiner Vorstellungen seine letzten Verfügungen geändert habe, aber nun auch hoffe, man werde Fräulein v. Trotten jetzt und nach seinem Tode das gönnen, was sie reichlich um ihn durch ihre Treue und Hingebung verdiene; er wisse wohl, daß alle Verleumdungen derselben von Kleber ausgingen, derselbe habe die Frechheit gehabt, dem Fräulein eine Art von Bundesgenossenschaft zu gegenseitigem Vortheil anzubieten und hasse sie, weil sie ihn verächtlich zurückgewiesen. Gerade bei dieser Gelegenheit habe er den Adel der Gesinnung des Fräuleins erkannt, die, obwohl persönlich beleidigt, nur sein Interesse im Auge gehabt und ihn ermahnt habe, einen Diener, der alle seine Privatangelegenheiten kenne und von dem er die boshafteste Nachrede erwarten müsse, nicht Knall und Fall zu entlassen. Heute aber, wo Kleber gezeigt, wie wenig er solche Nachsicht anerkenne, werde er seine Drohung ausführen.

»Ich konnte ihm zu diesem Entschlusse nur Glück wünschen,« schloß der Geheimrath, »und ich bin der Ueberzeugung, daß mein Onkel vielleicht deshalb am gestrigen Abend der Flasche besonders stark zugesprochen, weil ihm der Gedanke, sich einen anderen Kammerdiener verschaffen, Kleber entbehren zu müssen, ebenso wie der Gedanke, daß er meine Cousine eingeladen, hier als Gast zu wohnen, stark im Kopfe herum ging.«

»Der Entschluß, das Testament zu ändern, war vom Herrn General also plötzlich gefaßt?« fragte Huck.

»Ja, in Folge meiner Vorstellungen.«

»Sie kamen unerwartet hier an, das Fräulein konnte nicht vorhersehen, was geschehen werde?«

»Unmöglich, überdem war ich des Resultates meiner Vorstellungen sehr unsicher und ich glaube fest, daß mein Onkel mich überhaupt kaum angehört hätte, wenn Fräulein v. Trotten ihren Einfluß jemals in der Art geltend gemacht hätte, als man ihr das nachsagte; mein Onkel war sehr eigensinnig.«

»Wo war das Fräulein, als der Herr General den Brief an seinen Notar schrieb?«

»Im Salon, wir plauderten zusammen.«

»Ist es Ihnen vielleicht erinnerlich, ob sie den Salon verlassen hat, ehe der Herr General sich dort wieder einfand, oder gleich nachher?«

»Ich erinnere mich der Details ganz genau. Das Fräulein wunderte sich darüber, daß der General länger als gewöhnlich in seinen Gemächern blieb, besonders da er Gäste hatte, und wollte sich nach ihm umsehen, ob er sich etwa unwohl fühle. Es reizte mich, sie ein wenig auf die Probe zu stellen. Ich sagte ihr, daß mein Onkel wahrscheinlich nicht gestört sein wolle, er treffe Dispositionen, zu denen ich ihn veranlaßt hätte. Sie zeigte sich sehr erfreut darüber, ich beobachtete sie scharf, ich gewann die feste Ueberzeugung, daß ihr Charakter durchaus rein und frei von niedriger Selbstsucht und Hang zur Intrigue sei. Sie äußerte, wie es ihr eine längst ersehnte Beruhigung sei, zu hören, daß der General mit mir, seinem Verwandten, über seine Angelegenheiten spreche, anstatt seinen Launen zu folgen oder mit den Herren aus ***, die sehr vertraut mit Kleber seien, dergleichen zu berathen. Da hörten wir seine Stimme durch das Haus donnern, Kleber solle sich morgen aus dem Dienst scheeren, er wolle kein Edelmann heißen, wenn er ihn noch länger behalte u. s. w. Bald darauf trat er ein. Das Fräulein setzte sich an's Klavier und trug mehrere Sachen vor, ich sah es, welchen Zauber die Musik auf meinen Onkel wirkte, er ward ruhiger und erschloß mir sein Herz in einer Weise, wie er das früher nie gethan, er ließ mich sehen, wie glücklich er sich fühle, seit das Fräulein in seinem Hause walte.«

»Wissen Sie es ganz genau, daß das Fräulein nicht auf kurze Zeit den Salon verlassen? Die Sache ist von äußerster Wichtigkeit. Ihre Aussage ist entscheidend. Können Sie sich dafür verbürgen, daß das Fräulein nicht im Korridor gewesen ist, als Kleber den Brief des Generals hinaus getragen, daß es unmöglich gewesen ist, daß sie Kleber gesprochen, ehe er den Brief zur Weiterbeförderung dem Boten gegeben?«

Der Geheimrath sann eine Weile nach, dann antwortete er mit dem der Frage entsprechenden Ernste, daß er dies mit gutem Gewissen beeiden könne. »Ich kann die Sache um so gewisser bezeugen,« sagte er, »als ich, wie schon erwähnt, das Fräulein im Laufe des Nachmittags beobachtete und sogar jede ihrer Mienen studirte – es wäre mir aufgefallen, wenn sie sich entfernt hätte, ich wollte ja aus ihrem Benehmen mein Endurtheil über sie bilden, und der Zweifel, ob ich das gegen sie gehegte Vorurtheil nicht zu rasch aufgegeben, wäre sehr leicht durch eine mir nicht erklärliche Handlung ihrerseits wieder angeregt worden. Hätte sie den Salon verlassen, so hätte ich geargwohnt, daß Neugierde oder die Absicht, auf die Entschließungen meines Onkels einzuwirken, sie veranlaßten, denselben aufzusuchen. Sie blieb, als sie aufgehört zu spielen und als sie mich im Gespräche mit meinem Onkel sah, vor dem Klavier sitzen, bis der General sie aufforderte, zu uns heranzukommen, meine Cousine war gleichfalls hinzugekommen und das Fräulein nahm völlig unbefangen und sehr heiter am Gespräche Theil.«

Es entstand nach diesen Auslassungen des Geheimraths eine Pause, der Kommissär schien unschlüssig zu sein, was er erwiedern solle, Eduard aber, der mit athemloser Spannung der Verhandlung gelauscht, warf dem Geheimrath einen unbeschreiblichen Blick der Dankbarkeit aus tief bewegtem Herzen zu, er mochte fühlen, daß Sorben's freimüthige Erklärung Margareth von entsetzlichem Verdachte befreit habe.

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