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Die Bergfahrt

Hektor Zollikofer: Die Bergfahrt - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorHektor Zollikofer
booktitleSchweizerische Erzählungen
titleDie Bergfahrt
publisherFriedrich Schultheß
editorHeinrich Kurz
year1860
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080715
projectid947a8a2d
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Schön sank die Sonne hinter die Gebirge hinab und ich pfiff eben meine Lieblingsmelodie: »Seht dort auf Felsenhöhn«, als um die Hügelecke herum das liebliche Dörfchen M... mit seinem hellweißen Kirchlein vor mir lag und mich freundlich einlud, meine Nachtruhe in ihm zu nehmen. Im Gasthof streckte ich behaglich meine Füße aus und schlürfte das mit Wasser entdunkelte Rebenblut langsam in die erhitzte Brust hinab, als ich an einem fernen Tische einen Unbekannten entgegnen hörte: »Nun, wenn der nicht kömmt, so muß ich wohl den Maler P... rufen, der wird ...« »P...!« rief ich bewegt aus; »wohnt denn«, so ging ich den einen der Herren an, »wohnt denn der Maler P... hier in der Nähe?« »Fünf Stunden von hier«, war die Antwort, »in V ...« Das ist ein göttlicher Zufall! jubelte ich bei mir, das ist ja eben meine Route, und wäre es auch 20 Stunden zur Seite, du wolltest deinen P... wieder sehen! – P... war nämlich einer meiner vertrautesten Freunde von der Akademie her. Tausend Ergüsse des Herzens und Geistes, tausend zarte Opfer, tausend Schwüre ewiger Verknüpfung und tausend Verabredungen von einstigem Zusammenleben und Zusammenreisen banden uns; aber ein Sturm des Geschickes hatte uns unvermuthet auseinander gerissen, unsere Korrespondenz war gekreuzt und zerschnitten und wohl ein Dutzend Sommer vorüber geschwunden, ohne daß ich ein Jota von seinem Aufenthalt, Leben oder Ewigkeit wußte. P...! rief ich daher nochmals aus, liebster, bester P...! dich werde ich wiedersehen! – Mit Tagesanbruch machte ich mich auf den Weg, der kalte Bergwind umsauste mich, die Felsen wurden immer gethürmter, der Waldstrom donnerte lauter über die Rollstücke, ein schönes Thal öffnete sich, ein heller See lag vor mir – alle diese Naturschönheit genoß ich – doch dießmal ohne Reflexion, ohne Bewußtsein; die Landschaft war mir gleichsam nur der Rahmen, die Arabeske zu dem Gemälde des Wiederfindens meines verlornen P..., das in meiner entzückten Seele sich gestaltete.

Ich trat durch einen kleinen, aber hübschen Garten auf das mir bezeichnete Haus zu; eine junge, blühend schöne Frau mit einem Säugling auf dem Arme frug nach meinem Begehr. Sie bedauerte, daß ihr Gatte auf mehrere Tage abwesend sei. Als ich aber meinen Namen nannte, leuchtete ihr Auge. »Sie sind Herr C...! mein Gott! warum muß denn Karl eben abwesend sein! Doch, treten Sie geschwinde ein! Unbekannt zwar von Person sind Sie mir. doch durch die Erzählungen meines lieben Karl schon ein alter, trauter Bekannter; begnügen Sie sich diese paar Tage mit meiner geringen Unterhaltung, und ich bitte Sie recht inständig, thun Sie ganz so, als ob Sie zu Hause wären.« Ich beglückwünschte meinen Karl laut und leise; das Erstere färbte die Wangen der Lieblichen mit Purpur; der Säugling spielte mit ihrer lichtbraunen Locke oder schob sein Fingerchen zwischen ihre frischen Lippen und enthüllte das Elfenbein ihrer Zähne. Ihr Wuchs schien wie zur Liebe geschaffen; ihr sanftes, geistreiches Auge blickte mich entzückt an und ruhte dann gleichsam wieder vor meinem scharfen Beobachtungsblicke auf ihrem Säugling aus. Sie führte mich zur Unterhaltung in ihrer Wohnung herum; Wohlstand und Ordnung leuchtete überall, geschmackvolle Gemälde zogen die Blicke auf sich; die schönsten hingen im Schlafkabinet. Ein Vorhang verdeckte eines: ich war im Begriffe, ihn hinwegzuziehen, als eine Blässe wie ein Blitz über ihr Antlitz fuhr, dem ein brennendes Roth der Scham folgte, und mit einem: »Lassen Sie! lassen Sie! ich bitte! ich bitte!« hielt sie meinen Arm zurück, »Legen Sie«, fuhr sie sanftdringlich fort, »Ihrer Neugierde den Zügel an, bis mein Karl zurückkommt.« Zugleich sprang ein holder Knabe an die Mutter an, vollendete die Diversion und ich ward wieder aus dem Zimmer und von dem Isisbilde wegbugsirt, dachte aber keineswegs die Rückkehr meines Freundes abzuwarten und die Verantwortung ganz getrost auf mich zu nehmen. Der günstige Augenblick erschien bald, als ich mit einem Bande aus meines Freundes kleiner Bibliothek mir selbst überlassen wurde; ich lüftete den Vorhang etwas – ich riß ihn ganz auf: ein Mädchen, schön wie Hebe an Gestalt, saß auf einem Felsenabhang; ihr Busen war einzig von ihren langen reichen Locken verhüllt, den Schoos deckte ein moderner Strohhut; ihr Blick drückte schreckliche Seelenangst aus, ihre Hände waren flehend und zagend gen Himmel gerichtet, den drohende Gewitterwolken mit fernen Blitzen umdunkelten; die Züge waren unverkennbar diejenigen meiner lieblichen Wirthin. Ich begriff nun ihren Purpur, ihr Erblassen aber noch nicht. Aufschluß konnte ich, das war leicht zu fühlen, von ihr nicht erhalten. Das Gemälde hatte etwas furchtbar Anziehendes. Meine Neugierde ward aufs heftigste gespannt. Bald sollte ich Befriedigung haben. Abends kam der Bruder meiner Wirthin, ein junger, feiner Mann. Wir näherten uns einander mit der Schnelligkeit guter, gleichgestimmter Seelen. Wir lustwandelten im Abendgolde über blumige Wiesen auf einen sanften Hügel, wo wir uns lagerten; ich leitete das Gespräch leicht auf das Gemälde. »Mein Gott!« rief er, »schon gesehen! Ach! das ist eine Geschichte, die mir selbst die Haare emporstehen macht, so oft ich daran gedenke.« Man kann urtheilen, wie sehr diese Worte meine Theilnahme steigerten! »Verschonen Sie mich heute Abend damit«, fügte er jedoch nach einer Pause hinzu, »ich bitte Sie; es kommt mir sonst im Traume vor. Morgen früh lade ich Sie zu einem Spaziergange ein; glauben Sie mir, bei heller Sonne und leuchtendem Tage hört sie sich besser.« Was konnte ich thun? Ich mußte mich wohl ergeben, und wenn ich mir das Grausenhafte in den Blicken des Mädchens im Bilde vorstellte, schien es mir, als ob es auch für mich das Bess're wäre.

»Karl«, so fing meiner Wirthin Bruder an, indem wir von dem streifigen Morgenroth angeschimmert, die Allee eines nahen Landhauses mit unsern Schritten hinauf- und hinabmaßen, bis der Sonnenstrahl den Thau der Bänke aufgeküßt hatte, »unser Karl kam vor ungefähr sieben Jahren in diese Gegend. Ich übergehe es, wie es kam, daß er mit meiner Schwester Julie bekannt wurde, bald sein Herz an sie verlor und sie seine glühende Liebe erwiederte. Ich will dieses Feld der Erzählung seiner beredteren Lippe bei seiner Zurückkunft überlassen. Was meine Person bei diesem Handel betraf, so neigte sie sich bald ganz auf die Seite der Glücklichen. Unser Vater aber sah etwas mißfällig dazu und wünschte lieber die dringenden Bewerbungen eines gewissen Barons F... vorgezogen zu sehen. Das Pärchen mußte und wußte sich mit Hoffnung und Treue zu behelfen. Despot war unser Vater nicht, aber auf seine Einwilligung hätten sie denn doch noch lange harren dürfen. Da kam es, daß wir jenen Sommer eine Bergfahrt verabredeten. Es waren unser sieben Personen, vier Frauenzimmer, darunter meine Schwester Julie, dann Karl, ein Freund von mir und meine Wenigkeit. Eines der Mädchen bangte am Morgen des Abreisens und wiederrief das Vorhaben halb scherzend, halb ernsthaft, denn ihr hatte geträumt, in einer Kutsche umgeworfen worden zu sein. Wir lachten und neckten aber, bis es bald wieder selbst die Avantgarde bildete. Wir durchbrachten einen herrlichen, genußreichen Tag auf den sonnigen Weiden, den duftenden Kräutern, den klingelnden Heerden, den säuselnden Alpenwinden, den entzückenden Fernsichten, den gigantischen Felspyramiden, dem Donnern der Gletscher, mit Jubel, mit Gesang, mit Scherz aller Art, mit Labsalen der Alpenhütten, mit neckischem Klettern, mit Botanisiren und auch wohl mit Lieben und Seufzen. Auf einem erhabenen Punkte nahe am Eis der Gletscher genossen wir des folgenden Tages, nachdem der Sternenmantel der kurzen Nacht nach und nach erblaßte und der Osten sich bepurpurte, das göttliche Schauspiel der aufgehenden Sonne; ihre Strahlen eilten siegend auf uns zu, während die halbe Welt noch im Schlummer und dem Schatten der Thäler lag. O mein bester Freund! sagen Sie mir, haben Sie dieses Schauspiel noch nie genossen? Haben Sie es noch nie, so müssen Sie es hier genießen! ...« Auf meine Erklärung, daß es mir nur in geringem Maße einigemale zu Theil geworden und dieß mit im Zweck meiner Erholungsreise sei, fuhr Gustav, so hieß der Schwager meines Freundes, mit einem Seufzer fort: »Wir dachten nun an die Heimreise, die in einem Halbzirkel vollendet werden sollte. Der Weg war uns wohl bekannt. Mittags führte uns derselbe links an einer Felswand entlang. Zur Rechten war ein mehrere Thurm tiefer, beinahe senkrechter Abgrund; zwischen ihm und dem schmalen, doch sicher zu betretenden Pfade stunden hie und da einzelne Zwergtannen, die das Schauerliche verminderten. Niemand von unserer Gesellschaft war zudem schwindelig und so ging es wohlgemuth diesem kolossalen, nur wenig schief geworfenen Bergesimse entlang. Karl schlenderte voran. Plötzlich hielt er. Eine Felsmasse von lockerem Gestein, die etwa zehn Schritte vom Pfade abfaßte, zeigte sich losgerissen von dem Ganzen und schon um einen Fuß gesenkt; zweifelhaft hing sie noch da über dem Abgrund. Wir stellten Berathung an. Karl war der Meinung, sie werde noch wohl so lange mit Herunterglitschen zuwarten, bis wir hinüber seien; noch manches Felsstück in der Welt, manches morsche Burggemäuer und mancher schiefe Thurm, drohe seit Jahrzehnden und Jahrhunderten und stehe noch. Mein Freund rieth zum Rückweg; Amalie, das Traumfrauenzimmer, unterstützte ihn aufs lebhafteste. Julie schien sich ebenfalls dieser Partie anzuschließen. Die andere Partie führte die lange Mühe des Rückweges zu Gemüthe. Ich untersuchte, ob nicht oberhalb der geborstenen Masse, härter an der Felswand ein thunlicher Uebergang zu finden sei; allein dieser schmale Raum war zu sehr abschüssig und nur mit schwachen, wurzellosen Grasbüscheln bewachsen, als daß er für andere als kecke Waghälse, für Frauenzimmer aber in keinem Falle passirbar war. Da rief Karl: Pah! einzeln wenigstens wird es uns doch noch tragen, ich will den Anfang machen! Mit diesen Worten war er schon auf dasselbe hinabgetreten und vier Schritte darauf gegangen, als es – welch Schreck, welch Entsetzen! plötzlich unter seinen Füßen zu knacken und zu sinken begann und im Nu mit donnerndem Gerassel in den Abgrund prasselte. Ein fürchterlicher Schrei entfuhr uns. Die unglückliche Amalie taumelte entschwindelnd gegen den Rand des Abgrunds hin und war nicht mehr! – – kaum daß ich Julie, die zwischen dieser und mir stand, und ebenfalls besinnungslos umwankte, ergreifen konnte. Als wir zwei Männer wieder aufzublicken wagten, sahen wir, wie Karl mit beiden Händen eine starke Wurzel einer knorrigen Zwergtanne mit Geistesgegenwart im Moment des Sinkens erfaßt hatte und so senkrecht über dem Abgrund schwebte. An ein Emporklimmen war aber nicht zu denken, da die Wurzel aus einem überragenden Felsenstück und wieder in eine Ritze der untern Felswand lief. Herzzerschneidend war der Schrei Juliens nach ihrem Erwachen aus der Ohnmacht nach ihrem Karl. Julie! ich lebe noch und mir wird Rettung werden! rief er ihr zu. Als sie ihn aber in so gräßlicher Lage erblickte, schlossen sich ihre Augen nochmals. Nochmals erwachte sie. Da schien plötzlich ein höherer entschlossener Geist über sie gekommen. Zurück! rief sie uns zu, holt Leute, holt Leitern, holt Seile! um des Himmelswillen! Ich verbleibe indeß hier bei Karl! Eilt! eilt! Wir frugen Karl, ob er sich halten möge? Die Wurzel ließ zum Glück so viel dreieckartigen Raum, um beide Ellbogen einzuhängen und so noch einiger schrecklicher Abwechslung zu genießen. Ich rief nach allen Nastüchern, drehte sie, knüpfte sie und warf sie Karl zu, der, indem er den rechten Ellbogen eingehängt hatte, mit der freien Linken vermögend war, eine Schlinge um den Leib zu legen und sich dadurch mehr Erholung und Sicherheit zu geben. Doch dieß schien uns noch nicht hinreichend; ich fertigte noch eine zweite, lange Schlinge aus allen übrigen Nastüchern, Shawls und Strümpfen, warf sie zielend um den Stamm der Tanne selbst, so daß sie über das Felsstück hinaus in die Luft herunterhing. Karl aber wurde ein hakiges Reis zugeworfen, um sie an sich zu ziehen; es gelang, und er war nun mit seiner Sicherheit doch nicht mehr allein auf die Schicksalswurzel beschränkt, obschon sein Anblick, im Fall er sich des letztern Mittels bedienen müßte, noch grausenvoller und sein Zustand quälender ward, da das gegenwärtige Anstemmen seiner Füße und Knie an der Bergwand ihm ein milderndes Gefühl seiner Lage gab. Glauben Sie mir, mein Freund, wir mußten ihn bewundern, er zeigte die Fassung eines Helden; als Feigling und Schwächling läge er längst zerschmettert und Sie müßten seine Gebeine in den Nestern der Geier suchen.

Wir mußten Julie hier am Rande des Abgrundes sitzen lassen, denn ihr Befehl hatte etwas Ueberirdisches; zudem fühlte Jedes, daß dem armen Karl ein solcher Trost wohl nöthig wäre, um ihn gegen Verzweiflung zu schützen. Mein Freund und ich waren aber nur zu unumgänglich nothwendig zur Begleitung der bleichen, bebenden, zagenden, wankenden, weinenden, heulenden zwei Frauenzimmer. Wahrlich! ich versichere Sie, bis auf diesen Tag ließe ich es mir nicht entscheiden, wer qualvollere, banghaftere Minuten ausgestanden hat, der schwebende Karl, oder Julie, die ihn anblickte, oder wir, die wir ihn über dem Abgrund wußten und einen drei Stunden langen Weg bis zu den nächsten Alpenhütten, wo Hülfe zu holen war, vor uns sahen – !! –

Lassen Sie mich aber zu Karl und Julie zurückkehren. So bald wir uns entfernt hatten, ging Julie etwas bei Seite, zog ihr Unterkleid und Hemde aus, umband es mit der Schnur ihr Korsets und warf es Karl zu, um sich noch eine Schlinge zu verdoppelter Sicherheit zu knüpfen. Unglücklicher Weise aber, sei es nun aus Ungeschicklichkeit ihrer oder seiner, erhaschte er sie nicht; sie fiel in den Abgrund; Julie beinahe mit vor Schreck. Die Hände ringend stand sie da. Karl tröstete sie und versicherte sie der Sicherheit seiner gegenwärtigen Schlinge. Wenn nur diese rettende Wurzel aushält, fügte er bei, so glaube auch ich ausharren zu können; mein Freund hat es gut gemeint mit seiner zweiten Schlinge, aber ich fürchte, wenn ich an derselben in die Luft hinausgeschleudert werde, so würde ich vor Schwindel von Sinnen kommen und mich der kommenden Hülfe nicht mehr bedienen können. Nach einer Weile aber hub Karl wieder an: Liebe Julie! hast du Nichts mehr mir zuzuwerfen, es däucht' mir irgend ein Reißen in einem Nastuch zu verspüren, ich traue ihm nicht mehr, ich will wieder einen Arm einhängen. Das arme Mädchen war glühend roth von der Stirne bis zum Busen herab – blitzschnell aber war sie entschlossen. Gedulde dich nur einen Augenblick, rief sie Karl zu, trat etwas entfernter hinter Gebüsch, und kam zurück – die langen, reichen Locken um den bebenden Busen verbreitet, ihren Strohhut mit der Linken vor ihre schlanken Hüfte gehalten, in der Rechten das gewundene Oberkleid. Verzweiflung und Liebe schien ihr dießmal Sicherheit des Wurfs zu verleihen. Karl glückte das Auffangen, und er dankte ihr mit Blicken und Schwüren, die selten mehr ein menschliches Wesen dem andern in der Inbrunst und den Feuergefühlen opferte. Karl aber gestand mir nachher, daß der erste Anblick ihrer Reize ihn nahe um seine Besinnung gebracht und, wie ein Sel'ger gen Himmel, so er in den Abgrund gesunken wäre. Mit welchem Ausdrucke, mit welcher Zärtlichkeit die Liebenden Worte und Schwüre wechselten, beschreibt keine kältere Feder! Wie sein Körper zwischen Himmel und Abgrund schwebte, so schwebte seine Seele auch zwischen Wonne und Hölle, denn Julie hatte ihm zugeschworen: falls er hinabsinke, mit ihm sich hinunterzustürzen. Doch die Erde läßt nichts Ueberirdisches, sei es – oder – Hades oder Elisium, ungeneckt und unbefleckt. Schon am Morgen hatten wir ein Gewitter vermuthet. Gegen 3 Uhr Nachmittags stürmte es an. Die arme Julie konnte nichts als ihre Thränen, ihre Märtyrerhoheit entgegensetzen. Die Bänder ihres Strohhuts pfiffen im Sturme und ihre Locken wallten gleich einer Meeresflagge.«

Als ich hier mit Ausdrücken des tiefsten, lebhaftesten Mitgefühls dieses schauderhaften Ereignisses eingefallen war, fuhr der Erzähler weiter fort. »So waren 5 Stunden vergangen – – als mein Freund und ich, von zwei Hirten begleitet, endlich schweißtriefend und keuchend bei der Felswand anlangten. Er lebt! er lebt noch! war unser freudiger, heller Ausruf, daß das Echo ihn tausendfach an den Felsen wiederhallte. Um des Himmelswillen haltet still! rief Julie aus der Ferne, legt mir vorerst irgend ein Kleid hin! Wir ahnten das Vorgefallene und bewunderten stille. Ich zog mein Hemde aus, mein Freund gab seinen Rock hin, und hinterwärts gehend reichte ich es der Beängstigten, die in wenigen Sekunden uns kommen hieß.

Wir berathschlagten nun mit den Hirten, ob es räthlicher sei, Karl eine lange Seilschlinge zuzuwerfen, die ihn, nach Verlassung der Wurzel, seitwärts an die Felswand hin schnelle. Karl wünschte lieber, wo möglich, an einer Strickleiter hinaufzuklimmen. Während wir zwei eine solche zubereiteten, hieben die Hirten mit schweren Aexten Fußstapfen in den Felsen aus, besonders aber einen geräumigen Standpunkte oberhalb der Tanne. Bald war der Augenblick da, wo wir uns alle an die Strickleiter stemmten, Karl sie muthig hinaufstieg und gerettet in unsere Arme sank. Darauf stürzte er zu Julie hin und beide hielten einander lange sprachlos in unnennbaren Gefühlen umarmt. Dank! Dank euch nochmals ihr treuen Freunde, rief er endlich sich wegreißend aus, möge der Himmel euch vor so Schrecklichem bewahren! Eine Weile dunkelte es ihm nun vor den Augen, er erholte sich aber bald wieder und nachdem wir eine Viertelstunde ferner auf breiten, fester Alpenpläne eine Stärkung zu uns genommen, stiegen wir Dank gegen Gott erfüllt hinab.

Die zerschellten Ueberreste der unglücklichen Freundin, fuhr Gustav nach einer Pause mit einem tiefen Seufzer fort, wurden so gut wie möglich gesammelt und der geweihten Erde anvertraut. Kein rührenderer Trauerzug hatte je in diesem Thale statt. Der unerhörte Vorfall machte grenzenloses Aufsehen in unserer Gegend, und Julie hatte Anfangs tausend Veranlassungen, ihr Erröthen zu wiederholen. Mein Vater war nach solcher Geschichte umgewandelt gegen die Liebenden. Der Baron F... hatte so viel Gefühl, einzusehen, daß seine Bewerbungen nunmehr nur absurd sein müßten. So wurde meine Schwester meinem Karl angetraut und ein Punkt des Himmels mehr auf die Erde gesenkt. Die erste Leinwand, die Karl aufspannte, war zu dem verhängten Gemälde bestimmt. Ob es gelungen sei? darüber sind wir, glaube ich, ganz einverstanden. Sich selbst an der Felswand beizufügen, unterließ er, und jeder gute Geschmack wird ihm beipflichten. Jeden Jahrestag kniet er betend vor ihm nieder. Wir selbst stiegen schon drei Mal auf die unvergeßliche Stelle. Julie nie. Drei Mal verbot es uns die Witterung. In wenigen Wochen ist der Jahrestag wieder. Doch Tag soll für einmal Tag und Jahr Jahr sein – da es Ihnen Ihre Verhältnisse nicht erlauben, so lange uns mit Ihrer Gesellschaft zu entzücken, so soll Karl sogleich bei seiner Zurückkunft unser Führer auf die Alpen sein.«

Mögen meine Leser in sich entnehmen, welchen Eindruck diese so lebhaft erzählte Geschichte auf mich machen mußte. Den ganzen Tag umrauschte sie mich. Nachts rief ich: Karl! Karl! halte dich! halte dich!

Mit welchen Augen sah ich nochmals und wieder nochmals das Gemälde an, und mit welchen das Urbild, die himmlische Julie selbst! Mit der Ueberkraft weiblicher Seele ertrug sie die stumme Sprache meiner Blicke, und ich beglückwünschte meinen Freund aufs Neue in meinem Herzen.

Bald kam er dann. Wiedersehen! Jubel! Himmelstag!

Als das dritte Morgenroth angebrochen, waren wir auf den reinen Bergen (Karl brannte sein Mund noch von den Küssen Juliens). Wie drei Engel schwelgten wir in reiner Menschen- und Erdbewohnerfreude. Mittags kamen wir an die verhängnißvolle Felsenwand. Erstarrt wagte ich kaum die Wurzel anzublicken. Karl durchzitterte ein schneller Schauer, knieend senkte er sein Haupt auf die Stelle nieder, wo Julie im Gewitter gesessen, betete und schluchzte; unsere Wimpern hingen voll Perlen. Mit einem Blick zum Himmel erhob er sich. Der neue Pfad war nun zur Linken der Tanne ausgemeiselt. Schweigend wandelten wir ihn. Milder, zarter war den ganzen Abend unser Ton, unser Ausdruck. Julie frug kein Jota um die Reise. Nach einigen Tagen hieß es: Trennung. Der Abschiedskuß Juliens war einer der schönsten meines Lebens. Die beiden Freunde begleiteten mich über das Gebirge. Ob ich die Begebenheit der äußern Welt mittheilen dürfe, wurde unerledigt gelassen. Mich drängte es aber mit jeder Stunde mehr dazu. Möge die Sache selbst die Leser vergnügen und selbe es verzeihen, wenn der Erzähler es durchaus angemessen finden mußte, über Namen und Oertlichkeit hingegen zur Zelt noch Schweigen zu beobachten.








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