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Die Bergbahn

Ödön von Horváth: Die Bergbahn - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
authorÖdön von Horváth
titleDie Bergbahn
publisherSuhrkamp Verlag
seriesÖdön von Horváth ? Gesammelte Werke
editorDieter Hildebrand
year1972
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081130
projectid3acb36c6
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Erster Akt

In der Arbeiterbaracke Nr. 4 der Bergbahn A. G. Links Matratzenlager. Rechts Herd und langer Holztisch, darüber Petroleumlampe. Im Hintergrund eine Tür ins Freie, rechts eine nach dem Räume des Ingenieurs. Neben letzterer Telephon.

Spätnachmittag. Herbst.

Veronika lacht.

Karl grimmig: Wie die lacht! Wie die lacht!

Veronika Ausgerutscht! Ausgerutscht! – Du bist mir so aner, so von hinten – so a ganz Rabiater –

Schulz ein blasses, schmales Kerlchen mit Sommersprossen, tritt ein; verbeugt sich leicht; er lispelt ein wenig: Guten Tag! Verzeihen Sie, Fräulein: dies hier, dies gehört doch zum Bergbahnbau?

Veronika Ja.

Schulz Dies ist doch Baracke Nummer 4?

Veronika Ja.

Schulz Hm.

Karl Wer san denn Sie?

Schulz Mein Name ist Schulz.

Karl Was wollns denn da?

Schulz Ich möchte den Herrn Ingenieur sprechen.

Karl Der is jetzt net hier.

Schulz Ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden.

Karl Suchens Arbeit?

Schulz Ja.

Karl schnallt sich ein Gestell auf den Buckel: So? Drum.

Schulz lächelt verlegen: Eben. – Wann kommt der Ingenieur?

Veronika Nit vor der Nacht. Sie nähert sich Karl. Mußt scho nunter? Wieder nunter? Du trauriger Bua –

Karl Tu nur net so! So scheinheili! – Alsdann, was brauchst? A Mehl, dreißig Pfund und a Marmelad.

Veronika Und an Schnaps.

Karl Und an Schnaps. – Und?

Veronika Sonst nix.

Karl Nix?

Veronika Nix. Nix vo dir.

Stille.

Karl Jetzt glaub ichs, was d'Leut im Dorf redn. Es is scho wahr: Dei Mutter hat mitn Teufl paktiert, an Vater hat ja no kaner gsehn!

Veronika Halts Maul!

Karl Du bringst bloß Unglück! Lach net! Herrgottsakra! Des Fleisch! Du bist scho des best Fleisch im Land, auf und nieder! Di hat net unser Herrgott gformt; den Arsch hat der Satan baut! – Adies, Höllenbrut! Rasch ab.

Veronika betrachtet Schulz; etwas spöttisch: Was wollns denn vom Ingineur?

Schulz Ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden.

Veronika äfft ihm nach: So? Das habe ich nicht gehört.

Ab.

Schulz allein: Hm.

Xaver, Sliwinski, Reiter kommen von der Arbeit mit Spaten, Hacken usw. Xaver und Sliwinski legen sich auf die Matratzen, nur Reiter beachtet Schulz.

Reiter Wer bist denn du?

Schulz Ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden.

Reiter lacht kurz: So? Wo hast denn des ghört?

Schulz In, in – ich weiß nicht, ob es stimmt.

Reiter Des stimmt net. Aber scho gar net.

Schulz setzt sich. Reiter lehnt seine Hacke an die Wand und will wieder hinaus, trifft in der Türe auf Veronika, die mit einer Schüssel Kartoffeln und einigen rohen Koteletts eintritt.

Veronika Wohin?

Reiter Des geht di nix an! Ab.

Veronika erblickt Schulz: Jetzt hockt der no allweil da!

Schulz Ja.

Stille.

Eßt ihr hier alle Tage Fleisch?

Veronika Ah! Die Schnitzel da san für an hohn Herrn, an Direktor. Der is d'Bergluft nit gwohnt, drum muß er fest essn – was schauns mi denn so an?

Schulz Ich dachte nur nach: wann ich das letztemal Fleisch –

Veronika Was für Fleisch?

Schulz Fleisch –

Veronika Aso!

Stille.

Wendet sich ihm zu. Um Gotts willn! Mensch, was habens denn?! Sie san ja ganz gelb, als warens tot!

Schulz Mir ist es nur plötzlich so schwindlig. Das dürfte wohl auch die Luft gewesen sein, die Bergluft, die eben nicht jeder gewohnt ist. Fest essen, fest essen.

Veronika setzt sich neben ihn und schält die Kartoffel: Woher kommens denn?

Schulz Von unten.

Veronika Na, i mein: woher? aus welcher Stadt? Sie san do aus der Stadt, Sie redn ja so.

Schulz Ich bin aus Stettin.

Veronika Stettin?

Schulz Stettin liegt am Meer.

Veronika Am Meer? Am richtigen Meer?

Schulz lächelt: Am richtigen.

Stille.

Veronika San Sie schon mal durch Berlin kommen?

Schulz Oft!

Veronika I, wenn i Sie war, i war nie fort von dort!

Schulz Es gibt dort zu viele ohne Arbeit.

Veronika I glaub allweil, Sie habn no nit viel garbeitet.

Schulz Wieso?

Veronika Die feinen Hand! Wie ane Hebamm. Da, schauns meine an: kochn, waschn, scheuern – da platzns und werdn rot, wie der Krebs.

Schulz Die müssen Sie einfetten und fleißig baden. In heißem Wasser. Dann wird die Haut wieder sammetweich und elfenbeinern. Am besten: Sie nehmen die Salbe von Meyer et Vogel in der blauen Tube.

Veronika Woher wissens denn all das?

Schulz Eigentlich bin ich Friseur.

Veronika Drum diese Hände!

Schulz Ich habe schon viele hundert Frauenhände behandelt.

Veronika Geh hörens auf!

Schulz Jawohl! Dazumal, als ich in Warnemünde über die Sommersaison arbeitete: im ersten Haus am Platze! Tipptopp! – Fräulein, das war mein goldenes Zeitalter! Ich war, sozusagen, Intimus der Damenwelt. Da war eine Frau Major, die vertraute mir – alles an!

Veronika Da habens freili viel ghört und gsehn. Danebn is unserans a neugeborens Kalb.

Schulz Ich schätze naive Frauen. Nur zu rasch übersättigen einen die Raffinierten.

Veronika Wir habn hier auch an, der scho weit in der Welt rumkommen is. Der alt Oberle, der war kriegsgfangen, in der Mongolei, ganz hint. Bei den Gelbn, Schlitzäugigen und Juden. In Asien. – Waren Sie scho in Asien?

Schulz Nein, noch nicht.

Veronika So sieht halt jeder was andres.

Schulz Durch unseren Beruf bekommt man automatisch Einblick in manche Geheimnisse des weiblichen Wesens. Man enträtselt allmählich die Sphinx. Er hustet stark.

Veronika klopft ihm auf den Rücken: Hoppla! Sie solltn nit so viel redn. Die Bergluft –

Schulz Ich bin Ihnen dankbar, sehr dankbar, daß Sie mit mir reden. Ich habe nun fünf Tage lang kaum geredet. Da verlernt man selbst die Muttersprache. Man ist überrascht von der eigenen Stimme, wie der Dichter sagt. Er hustet wieder.

Veronika ließ ihre Hand auf seinem Rücken; befühlt nun seine Schultern, Arme: Hörens: i glaub kaum, daß Sie hier mitarbeitn werdn; Sie san zu schwach.

Schulz Meinen Sie?

Veronika Wie der guckn kann! Direkt spaßig!

Schulz Sie lachen so schön –

Veronika Sie san a komischer Mensch!

Schulz Gestatten: mein Name ist Schulz. – Max Schulz. – Und Sie?

Veronika Vroni.

Schulz Das soll wohl Veronika sein?

Veronika Ja.

Stille.

Habens scho viele rasiert?

Schulz Rasiert, frisiert, onduliert –

Veronika »Onduliert«?

Schulz Das läßt sich nicht so einfach erklären. –

Moser erscheint in der Türe. Die Sonne ist untergegangen. Rasch wird es Nacht.

Veronika Die Friseur san alle gscheite Leut. Friseur und Dokter. Die kennst kaum ausanand. – Sans verruckt?!

Schulz riß sie an sich: Was bin ich? – Schwach?

Veronika Lassens! Nit! Ni –

Schulz küßt sie.

Veronika entdeckt Moser: Jesus Maria!!

Moser I habs gsehn! Lüg net! Du Fetzn!

Veronika I lüg nit, Moser!

Moser I habs scho gsehn, wie Ihr beieinanderhockt! Und jetzt!

Veronika Der hat mi überfalln! Meuchlerisch, heimtückisch! I hab bloß gredt, und da hat er mi packt!

Moser fixiert Schulz.

Schulz weicht zurück.

Xaver, Sliwinski sind von den Matratzen aufgeschnellt.

Oberle, Maurer, Hannes, Simon traten hinter Moser ein.

Moser drängt Schulz an die Wand; breitspurig: Wer bist denn du, ha?

Schulz Ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden.

Moser gibt ihm eine schallende Ohrfeige.

Einzelne lachen halblaut.

Oberle Moser!

Moser Schweig! So a Krüppl ghört zu Mus gtretn! Er schlägt ihm mit der Faust ins Antlitz. Spürst was, Bürscherl? – Der lacht! Wart! Da!

Oberle Schlag do kan Krüppl!

Moser Halts Maul, damischer Wanderapostl! Predig in der Höll! I glaub an d'Faust! Da, du Lump! Und da!

Schulz brüllt plötzlich los: Au! Au! Ich habe ja nichts – Au!!

Moser Nix?! So is des a nix! Spürst des »Nix«?! Er schlägt tobend auf ihn ein; immer ins Gesicht.

Alle außer Oberle, haben sich zurückgezogen.

Schulz wimmert blutüberströmt und bricht bewußtlos an der Wand zusammen.

So. Der langt jetzt kaner mehr an den Bart. – Aber heiß werd an bei dem Geschäft. Heiß! Er sauft.

Oberle beugt sich zu Schulz nieder.

Oberle! Dokter, was macht unser Patient? Fühl den Puls, ob er si bschissn hat! Es stinkt so! Ganz sakrisch!

Oberle Halts Maul! – Moser, du kenntest an Menschn niederschlagn, als wars an Ochs.

Moser lacht kurz: Vieher san wir alle. I, er und du a.

Schulz räkelt sich langsam empor.

Oberle Was wollns hier?

Schulz Ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden. – Woher hätte ich es wissen sollen, daß das Fräulein einen Bräutigam hat?

Moser Naus! Naus!

Schulz ab.

Es ist Nacht geworden.

Simon Licht!

Veronika zündet die Lampe an; tritt an den Herd. Alle ziehen sich die Stiefel aus, wechseln Socken, Hemden, Joppen – liegen, sitzen auf den Matratzen oder stehen herum. Gemurmel.

Moser zieht sich das Hemd aus: Wer hust da was von Rohheit? Wer? Die paar Pflaster hat si der Hundling redli verdient! War ja glacht! Er a scho mit de grossn Hund pieseln! Pürscht si da ran, der Beihirsch! In diesem Punkte kennt der Moser weder Spezi no Bruder! Will er net kennen! Da werd er wild! – Vroni! Geh her – Daher!

Veronika tritt zu ihm ihn.

Ha? Hab i den zu stark gschlagn?

Veronika Du weißt es nit, wie stark du schlagn kannst. Moser! Du bist a Tier! A wilds Tier! Ausm großn Wald!

Moser Und du? Sags! Ha?

Veronika Du! Du machst mi zum Tier – Sie beißt in seine Brust.

Moser stößt Veronika von sich; grinst Oberle an; gröhlt: Jessas, die wandelnd Nächstenlieb! Stehts auf allesamt! Zu! Präsentierts der frommen Seel! Dem verschleimt Apostl, der Wasser predigt, Luft frißt und do nur Dreck scheißt! So präsentierts do! Zu! Los!

Keiner reagiert. Moser sieht sich überrascht um. Ja, Herrgott – Sakrament – Schweigen.

Fixiert heimtückisch Oberle; lacht gewollt. Oberle! Oberle! Du hättest Christkind werdn solln! Oder Papst!

Oberle Und du Metzger. Oder Henker.

Reiter leise: Horch, der Wind –

Maurer ebenso: Wie a Opernsängerin.

Moser näherte sich langsam Oberle; unterdrückt: Du, geh her! Wie hast du des gmeint, des mit dem – Henker?

Oberle Des werst leicht erratn. Er läßt ihn stehen.

Simon überlaut, als wollte er etwas überschreien: Wann kimmt denn der Herr?

Xaver Was für a Herr?

Simon Der Direkter!

Hannes Was für a Direkter!

Einzelne lachen befreit auf.

Sliwinski Der an Ingineur braucht zum aufikeuchn, zwegn dem Großkopf!

Xaver Und zwegn der Wampn! Hat an Bauch, wies Goldne Kalb!

Maurer War ka Wunder! Schaugts hin aufn Herd, was so a hoher Herr für Brotzeit macht, bal er mal fünf Stund hatscht.

Simon Dafür is er a Direkter und du bist bloß der Arbeitsmann. Er dirigiert und schluckt Schnitzl mit Salat und sauft sein Champagnerwein, daß ihm die Sauce bei der Lefzn runterrinnt – und du darfst di schindn und hast an Schmarrn!

Hannes Aber an guatn, des muß ma da Vroni laßn!

Sliwinski Recht hast, kenigli boarischer Haus- und Hoftepp!

Simon Der Kavalier! Der Zawalier!

Xaver Geb nur acht, daß di der Moser net derwischt!

Moser Was gibts da mim Moser?

Oberle Nix.

Sliwinski spielt auf einer Mundharmonika.

Maurer grinst Moser ins Gesicht: Bravo!

Xaver schnalzt: Tanzn sollt ma halt kennen! Tanzn!

Simon A Tanz ohne Dirn, is wie a Stier, der net springt!

Reiter Zum Landler ghört a Mensch, wie a Köchin zum Kaplan!

Maurer singt:

Guten Morgen, Herr Pfarrer
Wo is der Kaplan?
Er liegt auf der Köchin
Und kräht wie a Hahn!

Schallendes Gelächter.

Xaver Kreizkruzefix! War scho höchste Zeit, daß an was Weiblichs zulauft! Alls kannst unmögli nausschwitzn!

Simon singt:

Und Keiner ist so eigen
Und Keiner so verschmitzt
Als wie der, der ins Bett macht
Und sagt, er hätt geschwitzt –

Telephon. – Alles verstummt und horcht.

Veronika tritt ans Telephon: Hier Baracke Nummer vier. Ja. – So. Ja. Sie hängt ein. Der Ingineur is unterwegs. Der Direkter übernacht vielleicht auf Nummer drei.

Simon Auf Nummer sicher!

Sliwinski Den hats zerrissn! Der hat si mit di Berg überhobn!

Hannes Wißt Leutl, des mit di Direkter. Des is so: da ghöret a Lift her, wies es in die Wolkenkratzer habn, drübn in Amerika. So an Wolkenkratzer is nämli häher, als inser höchster Berg!

Xaver Jawohl, Herr Nachbar.

Reiter Des is ja gar ka Direkter, des is an Aufsichtsrat.

Simon Richti! Des san die, die allweil aufpassn, ob die andern net faulenzen. Dabei sitzens in lauter Schaukelstuhl und schnupfn.

Sliwinski spielt nun ein sentimentales Stück.

Maurer Pst!

Alle lauschen.

Xaver singt leise:

Und die Wasserl habn grauscht
Und die Bacherl habn plauscht

Hannes fällt ein:

Aber gschwind, wie der Wind
Lassens trauri mi hint –

Gesumm.

Denn auf den Bergen
Da wohnt die Freiheit
Ja, auf den Bergen
Da, is es scheen –

Einzelne summen mit.

Da is es scheen –

Moser näherte sich Oberle; leise; unsicher: Oberle, du bist so hinterlisti still. – Hast etwa zuvor sagn wolln, daß i den da draußn, daß der da draußn –

Oberle Na. Aber bremsn mußt! Sonst könnts leicht mal an Unglück gebn. Der blut nur, aber leicht kennt si mal aner verblutn.

Moser grinst: So? Halt! Sag: was hättest denn du dann – hättst ihn gestreichelt und gschmeichelt, hättest Kratzfüß gmacht, daß der Dreck nur so rumgspritzt war, ha? Net zughaut, na na! Und warum net? Weißt warum net? Weil du net kannst! Weil deine Arm ohne Schmalz san, verstehst, du Schleimer! I hab di scho heraußen, Oberle!

Oberle Meinst?

Moser Jawohl! Sogar sehr! – Oberle, kennst die Hirsch? Was macht denn der Hirsch, wenn a Fremder über sein Rudel kimmt, ha? Der rauft damit! Und dersticht ihn! Der Stärkere den Krüppl, verstehst?

Oberle Wir san aber kane Hirsch. Wir san arme Teufl. Wir kennens uns net leistn zwegn an Madl – und wars a ganzer Harem, uns die Schädl zu zerschlagn! Wir müssn des Hirn und all unsere Kraft sparn. Wir habn nur Feind, lauter mächtige Feind!

Moser Wo hast denn die Sprüch glernt?

Oberle Im Krieg. Da hab i den Feind gsehn, ganz deutli und scharf. – Damals warst du no klein. Hast Schneemanner baut und net lesen kennen. – Komm jetzt! Veronika hatte zwei dampfende Schüsseln auf den Tisch gestellt um den die anderen bereits Platz genommen haben. Oberle setzt sich. Moser folgt ihm langsam nach. Alle essen. Der Wind wimmert und rüttelt an den kleinen Fenstern.

Sliwinski lauscht: Der bringt Schnee. Viel Schnee. Reiter Oktober. Nachher werds nimmer gut.

Xaver Ja, die Berg warn a zu rot.

Schweigen.

Maurer Jetzt heut wars scho gar nimmer so einfach. Der weni Neuschnee in der letztn Nacht, da rutscht alls, und drobn des Gröll, des hat der Satan angschaut – da, wer net hinhorcht, da ists glei aus mitn schönen Land Tirol! Schweigen.

Reiter Wie hat si nur jetza der geschriebn, dens im Frühjahr runtergwaht hat? Beim Hilfskabel. Da hast schier nimmer gwußt, was da vor dir liegt. Im Sack habns den Brei aufn Gottsacker gschafft.

Simon Der Müller Anton wars. Von Pfaffenhofen.

Maurer Richti! Ja, des war schreckli. Und a Weib und vier unmündige Kinder.

Schweigen.

Es is scho a wahre Sünd, was mit die Menschn gtriebn werd. Da turnst herum, wie kaum a gewiegter Turist, rackerst di ab mit Lawinen, Steinschlag, Wetter – und was erreichst? Grad, daß dei Essen hast und a Lager, wie a Unterstand, als hätt der Krieg kan End! Abgschnittn von der Welt.

Schweigen.

Sliwinski Neuli habens a Ingineur gfeiert.

Maurer In der Zeitung is gstanden, er sei unsterbli.

Simon Aber von die Totn schreibt kaner!

Reiter Die Totn san tot.

Oberle hebt langsam das Haupt: Die san net tot! Die lebn! Schweigen.

Sliwinski Da liest überall vom Fortschritt der Menschheit und die Leut bekränzn an Ingineur, wie an Preisstier, die Direkter sperrn die Geldsäck in d'Kass und dem Bauer blüht der Fremdenverkehr. A jede Schraubn werd zum »Wunder der Technik«, a jede Odlgrubn zur »Heilquelle«. Aber, daß aner sei Lebn hergebn hat, des Blut werd ausradiert!

Simon Na, des werd zu Gold!

Xaver Wahr ists.

Reiter Allweil. Schweigen.

Xaver Allweil des Geld.

Hannes Des Geld hat der Teifl gweiht!

Maurer Des Grundübel, des is die kapitalistische Produktionsweise. Solang da a solche Anarchie herrscht, solang darfst wartn mit den Idealen des Menschengeschlechts. Die Befreiung der Arbeiterklasse –

Simon unterbricht ihn: Des san Sprüch.

Maurer Was san des?

Simon Sprüch. – Und weist warum? Weil mans nur hört, aber net spürt! Da hat erst neuli einer drunt gesprochn, vor der letztn Wahl wars, und Leut warn da von weit und breit, gstecktvoll! Und gredt hat der, zwa Stund! Vom Klassenbewußtsein und der Herrschaft des Proletariats, und vom Zukunftsstaat, zwa Stund – aber nacher, da hat er mit an Gendarm kegelt, vier Stund! Lauter Kränz habns gschobn, lauter Kränz! An Kenig habns stehn lassn, a jedesmal! Akkurat! – Alle neune, muß heißn! Alle neune!!

Maurer Des san Sprüch!

Sliwinski Des und des! Was nützt des Redn ohne Macht?

Simon Richti! Aber wie willst denn du die Macht erobern?

Sliwinski Wie du! Damit!

Simon Bravo!

Sliwinski Mit der Faust! Er schlägt auf den Tisch. Und, wenns an Oberle a net passn sollt –

Oberle Obs an Oberle paßt oder net paßt, des is ganz gleich – aber ob uns mit der Faust gholfen is, des bezweifelt der Oberle. Er glaubt, daß man mit der Faust nix erreicht –

Sliwinski unterbricht ihn: Also möcht der Oberle, daß alls so bleibt, wies is.

Oberle Es werd net so bleibn.

Simon Richti! Es werd no viel schlimmer werdn!

Oberle Was weißt denn du, wie schlimm daß es war?! Wie alt bist denn du, ha? Was hast du scho gsehn?!

Sliwinski Holla, holla, holla – der sanft Oberle –

Reiter Ruhe!

Hannes Laßt an do essn!

Sliwinski grinst: Friß nur, friß – daß di aber nur net verschluckst!

Simon zu Oberle: Entschuldigens, Herr, daß i bisher nur Dreck gsehn hab. I kann aber nix dafür, daß i no net in Asien war – du, du kannst ja a nix dafür!

Oberle lächelt: Na, da kann i nix dafür. Mir wars lieber, kannst es glaubn, i hätt des Asien nie gsehn und war heut erst zwanzig Jahr.

Sliwinski Jetzt predigt er scho wieder!

Simon »Liebe den Kapitalismus wie dich selbst!« Xaver lacht.

Sliwinski Der Moser hat recht! Des is an Apostl, auf und nieder! Recht hast, Moser! Moser rührt sich nicht. Schweigen.

Oberle Der Moser weiß, daß durch Gewalt nix gedeiht. Nix.

Alle starren Moser verdutzt an.

Der Moser weiß, daß sei Faust stark is, furchtbar stark – und es kann ja leicht möglich sein, daß er sei Faust mal gebrauchn werd müssn, aber da gabs bloß Blut. Sonst nix.

Schulz tritt rasch ein und bleibt verstört in der offenen Tür stehen; sein Gesicht ist blaurot vor Kälte und Blut, sein Anzug zerfetzt, zerschunden. Veronika schreit gellend auf. Moser, Oberle, Maurer, Simon schnellen empor. Alle versteinert. Der Sturm heult in den Raum, fegt ein Glas vom Herde, das klirrend zerbricht und bläst fast die Petroleumlampe aus.

Veronika schreit: Des Licht! Des Licht!

Simon schreit: Ist d'Höll los?!

Maurer Die Tür! Die Tür! Schulz schließt sie und lächelt verlegen. Stille.

Schulz Eigentlich wollte ich absteigen, aber ich habe mich verstiegen. Und dann stürmt es so grausam und die Berge wachsen in der Nacht. Man muß es gewohnt sein – darf man sich wärmen?

Oberle deutet auf den Herd.

Schulz verbeugt sich leicht: Danke.

Veronika entsetzt: Er soll si do des Gsicht abwischn!

Schulz Warum?

Oberle Es is voll Blut.

Moser heiser: Vroni! Gib ihm a Tuch! Zu!

Veronika reicht Schulz scheu einen Lappen.

Schulz Ich danke, Fräulein Veronika.

Ingenieur und Aufsichtsrat treten ein; bleiben perplex stehen: Wer ist das? Oberle, was ist denn hier geschehen?

Oberle Herr Ingineur –

Schulz unterbricht ihn: Herr Ingenieur!

Ingenieur Wer ist das?

Schulz aufgeregt: Ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden! Er überreicht ihm hastig seine Papiere. Hier! Mein Name ist Schulz, Max Schulz.

Ingenieur Mensch, wie siehst du aus! Alle außer Ingenieur und Schulz, sehen Moser an.

Schulz Ich habe Nasenbluten. Moserwendet sich ab und starrt vor sich hin.

Ingenieur fixiert Schulz scharf: So?

Schulz verwirrt: Und dann bin ich auch gestolpert, hierherauf, und gestürzt, einigemale – ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden. Bitte! Moment! Ich bin nicht schwach, ich wirke nur so! Ich bin klein, aber stark – jede, auch die schwerste Arbeit!

Ingenieur blättert in den Papieren; lächelt spöttisch: Sie sind Friseur?

Schulz Jawohl, jedoch –

Ingenieur unterbricht ihn: Bedaure! Rasiere mich immer selbst.

Gewaltiger Sturmstoß.

Ingenieur fährt zusammen: Hoppla! – Hm. Mensch, Sie haben Schwein. Gut! Ich stelle Sie ein. Wir müssen fertig werden, bevor das Wetter etwa umschlagen sollte. Oberle! Er arbeitet mit auf 3018. Zu Veronika. Mein Essen! Zum Aufsichtsrat. Darf ich bitten!

Aufsichtsrat Na bequem ist anders! Ab mit dem Ingenieur nach rechts.

Maurer Habts ghört? Paßts auf! Wies Wetter umschlagt, stellens die Arbeit ein!

Xaver Was sagst?

Reiter Lang san wir nimmer da.

Maurer I weiß net, wo i nacher hin soll!

Sliwinski I a net.

Hannes I scho.

Simon Du scho! Freili! Du rollst di in dei Dorf retour und hütst die Gäns im Stall!

Hannes Da täuscht di! I, wanns hier zugmacht werd, i geh stehln! Pfeilgrad! I geh stehln! Alle schauen ihn groß an.

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