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Die belohnte Wohlthat

Franz Xaver Bronner: Die belohnte Wohlthat - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorFranz Xaver Bronner
booktitleSchweizerische Erzählungen
titleDie belohnte Wohlthat
publisherFriedrich Schultheß
editorHeinrich Kurz
year1860
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080715
projectid947a8a2d
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Thebe, die arme Fischerin, war vor der Zeit zur Wittwe geworden. Auf ihren Wangen blühte zwar noch der Gesundheit Roth, und auf ihrem Antlitz fast jugendliche Reize. Aber keiner der Jünglinge mochte sie freien; denn sie war arm. Da kam sie zu Kerias, dem reichen Fischer, »Ich habe sieben Kinder,« sagte sie traurig, »sie sind noch klein, und ich kann ihnen nicht Brod genug schaffen. Aber dir hat der Himmel Reichthum bescheeret, guter Mann! ... Habe doch Mitleid mit armen hungernden Kindern, und mit einer armen hilflosen Mutter! Nimm ein paar Knaben zu dir, und lehre sie den Hamen und die Netze gebrauchen, daß sie im Alter einst ihre Nahrung gewinnen mögen, und dir tausendfach danken! O! nimm sie zu dir, sei ihr Vater, und nähre sie!« So bat sie, und eine Zähre glänzte in ihrem Auge. Stillschweigend stand sie da, und sah dem Fischer so sehnlich ins Antlitz, so sehnlich, daß ihr Blick ihm tief in die Seele drang.

»Du bist eine gute Mutter,« sprach er mit freundlicher Miene, »sei getrost! Morgen werde ich deine Hütte besuchen, und mir die Knaben wählen, die ich künftig ernähren will. Hier hast du ein Körbchen voll Wasserbirnen, hier Brod! Nun esset euch satt, meine Lieben!« Und er gab ihr ein Körbchen voll Wasserbirnen und Waizenbrod. Unter Thränen der Freude schluchzte ihm Thebe ihren Dank, und eilte nach Hause, den sehnlich wartenden Kindern Speise zu reichen. Wie naschten da die schmachtenden Kleinen im frischen Obste! wie assen sie begierig, ihren quälenden Hunger zu stillen, das Brod hinunter! Alle hoben dann ihre unschuldigen Händchen empor, und beteten mit ihrer lieben Mutter für den wohlthätigen Fischer.

Am folgenden Tage, da sie eben der aufgehenden Morgensonne gegenüber im Grase spielten, kam Kerias den Fluß herabgefahren, lächelte die Kinder freundlich an, und stieg ans Land. »Was macht ihr hier, meine lieben Kleinen?« fragte er liebreich, und trat in ihre Mitte: »Sage mir, Töchterchen! Was soll der Stab in deiner Hand?« – »Ach, dort steht eine Blume am Ufer,« antwortete das Mädchen, »sie steht traurig, mit niedergesenktem Haupte, und drohet vor der Zeit zu verwelken. Es dauert mich das arme Blümchen; es soll nicht vor der Zeit verwelken; an diesem Stabe will ich es festbinden, daß es die Sonne anblickt, und wieder aufblüht: es wird mir dann noch süßer riechen.«

Kerias. Laß' dich küssen, frommes Mädchen! Ich lobe dich! ... Und ihr dort an der versiegten Quelle, ihr vier muntere Knaben, mit dem Grabscheit und der Hacke am Arme, was macht ihr da?

Die Knaben. Siehst du den schönen Apfelbaum, der einsam dort in der Wiese steht? Wir leiten einen kleinen Bach aus dem Flusse zu ihm; er trägt gar so gute Aepfel, und jetzt dürstet der arme Baum schon lange: Er müßte verdorren, bekäm er nicht Wasser zu trinken. Aber er soll nicht verdorren: denn sieh! wir haben den Rinnsal bald fertig.

Kerias. Gut, recht gut, meine Lieben! Ihr seid wackere, unternehmende Kinder. Bleibt so! Wie sehr verdienet ihr glücklich zu sein! ... Und du, Mädchen! mit den zwei Kleinen neben dir im Grase! Ihre Augen sind ja noch von Thränen roth. Du pflücktest ihnen gewiß Blumen in den Schooß, daß sie stillschweigen mögen?

Das Mädchen. Sie haben eben geweint, die kleinen Närrchen; denn sie hungerten so sehr; da pflückt' ich Graßblumen in ihren Schooß, und sie weinen nun eine Weile nicht mehr.

Kerias. Wartet, ihr sollt gleich zu essen bekommen, ihr lieben Kleinen!

Da holte er behende seine Fischlägel aus dem Nachen, und trat zu Theben in die Hütte. »Meine liebe Fischerin,« sagte er, »hier bring ich Fische; koche sie deinen Kindern, daß sie essen und satt werden; die armen Jungen hungern schon wieder.« Und Thebe dankte ihm, und kochte fröhlich den Kindern die Fische.

»Eben sah ich sie draußen im Grünen spielen«, fuhr Kerias fort, »es sind aber nicht sieben, wie du mir gestern sagtest; ich zählte sie genau, es sind achte. Gesteh mir's, warum verhehltest du's?«

Thebe Fischer! ich verhehlte dir Nichts; ich habe nur sieben Kinder; das achte ist ein fremdes Mädchen, das ich halb verhungert im Walde fand. Ich kam in den Wald, und suchte mir Brombeeren zum Nachtmal. Da saß das Mädchen am Sumpfe, und weinte, und klagte laut ihre Noth, daß sie keinen Vater und keine Mutter mehr hätte, und daß sie nun kränklich wäre, und im ganzen Walde keine Speise für ihren Hunger fände. Da hatte ich Mitleid mit dem Mädchen; wo meine Kinder essen, dachte ich, mag sie auch essen, und nahm sie mit nach meiner Wohnung, Sie hat das beste Herz, und wird mir einst tausendmal für diese kleine Wohlthat danken.«

»O meine Thebe, wie empfindsam, wie schön ist deine Seele!« rief Kerias, und drückte sanft ihre Hand in die seinige: »Ich kam her, von deinen Kindern zu wählen, welche ich nähren will; aber ich mag nicht wählen ... Sage, wolltest du mir wohl auch eine Bitte gewähren?«

Thebe. Du bist reich, was kann ich dir geben?

Kerias. Dich – dich kannst du mir geben, göttliches Weibchen!... Magst du nicht meine Gattin werden? ... Ich liebe dich, Thebe, recht herzlich liebe ich dich ... Du schweigst, und deine Hand bebt in der meinen. O sage mir, sage mir, kannst du mich wiederlieben?

»Mein Kerias, was du für Frazen thuest!« antwortete sie mit zagender Stimme, und zog behutsam ihre Hand zurück: »Ich bin ja so arm, du weißt es, bin so arm, und habe so viele Kinder; bedenke nur, guter Mann, bedenk es nur! Gewiß du wirst mich nicht lieben können.«

Kerias. Warum nicht, beste Thebe? ... Willst du mich? O dann sind deine Kinder auch meine.

Thebe. Ach! wer liebet dich nicht? ... Doch, ich bin arm, du wirst nicht glücklich sein.

Kerias. Und wärest du noch ärmer, so hätte ich dich dennoch lieb: Dein fühlendes Herz achte ich höher, als alle meine Habe, meine Fischteiche und Wiesen. O laß mich das erstemal dich küssen, du meine Geliebte, meine künftige Gattin.«

Da küßte er schmachtend sie, und drückte sie zärtlich an seine Brust, und Thebe weinte. »Weine nicht, meine Liebe,« sprach er, und trocknete ihr sanft die Thränen von der Wange; »komm vielmehr, laß uns unsere Kinder versammeln, und den Nachbar Asphalion herüberrufen, daß ich dir vor seinen Augen Liebe schwöre und unverbrüchliche Treue.«

Und er lief hurtig hinaus, und rief die Kleinen herein, und holte den Nachbar Asphalion herüber; dann gaben sie sich in seiner Gegenwart die Hände, und schwuren sich Liebe, daß der Alte vor Freude hüpfte, und diesen Tag ewig selig pries, der bestimmt war, so viele glücklich zu machen. »Sieh, meine Nachbarin«, sprach er, »so lohnet der Himmel die Wohlthat, die du mitleidig einem armen verwaisten Mädchen erzeigtest!«








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