Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Aurelius Augustinus >

Die Bekenntnisse des heiligen Augustinus

Aurelius Augustinus: Die Bekenntnisse des heiligen Augustinus - Kapitel 9
Quellenangabe
typeessay
authorAurelius Augustinus
titleDie Bekenntnisse des heiligen Augustinus
translatorOtto F. Lachmann
publisherReclam
year1888
seriesReclams Universal-Bibliothek
volume2791/94a
created20010524
senderhille@abc.de
correctorreuters@abc.de
corrected20120905
Schließen

Navigation:

Achtes Buch

 

Erstes Kapitel

Mein Gott, laß mich dankend deiner Erbarmungen gedenken und sie dir bekennen! Mein Gebein, es ist durchdrungen von Liebe zu dir und spricht: Herr, wer ist dir gleich? Du zerrissest meine Fesseln, und ich will dir das Opfer meines Lobes bringen. Wie du sie zerrissest, will ich erzählen und alle, die dich anbeten, werden dann sagen, wenn sie es hören: Gepriesen sei der Herr im Himmel und auf Erden; groß und wunderbar ist sein Name. Es hafteten in meinem Herzen deine Worte, und ringsumher umgabest du mich. Gewiß war ich deines ewigen Lebens, obgleich ich dasselbe erst nur durch einen Spiegel und in einem dunkeln Wort sah; aller Zweifel an eine unvergängliche Substanz war mir entnommen und daß von dieser alle Substanzen ihr Dasein hätten, und mein Wunsch war es, nicht deiner gewisser, aber in dir fester zu sein. In meinem irdischen Leben war noch alles im Schwanken und mein Herz mußte von dem alten Sauerteige gereinigt werden. Der Heiland, der selbst der Weg ist, gefiel ihm; aber durch die enge Pforte zu wandeln scheute ich mich. Da legtest du mir es ans Herz, und es dünkte mir gut, soweit ich es beurteilen konnte, zum Simplicianus zu gehen, den ich kannte als deinen treuen Knecht, an dem deine Gnade offenbar geworden. Auch hatte ich gehört, daß er von Jugend auf ein dir geweihtes Leben geführt habe; damals war er schon Greis, und in den langen Jahren, in denen er mit löblichem Eifer in der Nachfolge deines Weges begriffen war, schien er mir vieles erfahren und vieles gelernt zu haben, und so war es wirklich. Ich wünschte, daß er mir, wenn ich mich mit ihm über meine Anfechtungen besprach, aus dem Schatze seiner Erfahrungen vortrüge, auf welche Weise ich bei meiner Gemütsstimmung am besten auf deinem Wege zu wandeln vermöchte.

Ich sah die Kirche gefüllt; aber der eine ging diesen Weg, der andere jenen. Mir aber mißfiel es, daß ich in weltlichen Verhältnissen lebte, und schwer lastete es auf mir, da mich nicht mehr die gewohnte Lust entflammte, um in Hoffnung auf Ehre und Reichtum solche schwere Sklavenketten zu tragen. Sie hatten ihren Reiz verloren vor deiner Süßigkeit und vor der Herrlichkeit deines Hauses, das ich lieben gelernt; noch aber war ich an ein Weib gebunden, auch verbot mir ja der Apostel nicht zu heiraten, obgleich er zum Bessern riet und so sehr wollte, daß alle Menschen wären, wie er war. Aber zu schwach, zog ich es vor, mich weicher zu betten, und um dieses Einen willen trieb ich mich matt in den übrigen Lebensverhältnissen herum, entkräftet durch Verbuhltheit, wie ich mich auch in andere Dinge, die ich nicht dulden wollte, um des ehelichen Lebens willen zu schicken genötigt war.

Ich hatte aus dem Munde der Wahrheit gehört, es, gäbe jungfräuliche Seelen, die für das Himmelreich ihre Jungfrauenschaften bewahrten; aber nur, wer es fassen könne, möge es fassen. Es sind zwar alle Menschen eitel, die von Gott nichts wissen und an den sichtbaren Gütern nicht erkennen den, der da ist. Ich aber war nicht mehr in solcher Eitelkeit, ich hatte sie überschritten, und durch das Zeugnis deiner gesamten Kreatur hatte ich dich, unsern Schöpfer, und dein Wort, das Gott ist in dir und Gott ist mit dir, durch welches du alles schufest, gefunden. Es gibt noch eine andere Art von Gottlosen, die Gott erkennen und ihn doch nicht als Gott ehren und ihm nicht danken. Unter diese war ich gefallen, deine Rechte hatte mich aufgefangen, zog mich hinweg und brachte mich an den Ort, wo ich genesen sollte, denn du sprachest zu dem Menschen: Siehe, Gottesfurcht ist Weisheit, und dünke dich nicht weise zu sein, denn da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden. Ich hatte die köstliche Perle gefunden; ich sollte nun verkaufen, was ich besaß, um sie zu erkaufen, und ich zweifelte.

 

Achtes Buch – Zweites Kapitel

So ging ich zu Simplicianus, dem geistlichen Vater des Bischofs Ambrosius, der ihn liebte, als sei er sein wirklicher Vater. Ich erzählte ihm die Irrfahrt meines Lebens. Als ich aber dabei erwähnte, ich hätte einige Schriften der Platoniker gelesen, die der ehemalige römische Rhetor Victorinus, der, wie ich gehört hätte, als Christ gestorben sei, ins Lateinische übertragen habe, da beglückwünschte er mich, weil ich nicht auf die Schriften anderer Philosophen verfallen sei, von loser Verführung und Täuschung nach der Welt Satzungen, während in diesen allenthalben auf Gott und sein Wort gedeutet werde. Hierauf, um mich zur demütigen Nachfolge Christi zu bewegen, die den Weisen verborgen und den Unmündigen geoffenbart ist, gedachte er des Victorinus selbst, mit welchem er zu Rom in vertrauter Freundschaft gelebt hatte; von ihm erzählte er mir einiges, was ich nicht verschweigen will. Denn hoch zu preisen hatte er deine Gnade; ein Hochgelehrter, erfahren in allen Wissenschaften, der so viele Schriften der Philosophen gelesen und beurteilt hatte, der Lehrer so vieler edler Senatoren, der, weil er im ansehnlichen Lehramte sich aus gezeichnet, eine Bildsäule auf dem römischen Forum verdient und erhalten hatte, was Weltleute als etwas Außerordentliches ansahen, der bis zu jener Zeit ein Verehrer der Götzenbilder, ein Teilnehmer an gottlosem Gottesdienst gewesen, von dem beinahe der ganze römische Adel angesteckt war, durch welchen das Volk die Ungeheuer aller Arten von Göttern überkam, so den Anubis mit dem Hundskopfe, die einst ihre Geschosse richtete »auf Neptun und gegen die Venus und gegen Minerva«, vor welchen Rom, die Siegerin, das Knie beugte und die der Greis Victorinus so manches Jahr mit schrecklich lärmendem Munde verteidigt hatte, er errötete jetzt nicht, ein Kind deines Sohnes Jesu Christi zu sein und ein Säugling seines Gedankenquells zu werden, seinen Nacken zu beugen unter das Joch der Demut und gebändigt seine Stirn zu senken unter die Schmach des Kreuzes.

Herr, Herr, der du die Himmel erniedrigt hast und zu uns herabgefahren bist, der du die Berge berührtest, und sie rauchten, auf welche Weise bahntest du dir den Weg in dieses Herz? Er las, wie mir Simplicianus sagte, die heilige Schrift und durchforschte eifrigst die Bücher der Christen, und dann sprach er nicht öffentlich, sondern heimlich und im Vertrauen zu Simplicianus: Wisse, jetzt bin ich Christ! Der aber antwortete ihm: ich kann es nicht glauben, noch zähle ich dich nicht unter die Christen, es sei denn, daß ich dich in der Kirche Christi sehe. jener aber sprach lächelnd: So machen die Wände den Christen? Und oft wiederholte er seine Worte, er sei schon Christ; ebenso antwortete ihm Simplicianus, und oft spottete jener über die Wände. Denn er scheute sich, seine Freunde, stolze Götzendiener, anzugreifen, und glaubte, daß ihre Feindschaft würde sich von dem Gipfel ihrer babylonischen Erhabenheit wie von Libanons Zedern, die der Herr noch nicht zerbrochen hatte, schwer auf ihn herabstürzen. Als er aber immer und immer wieder las und begierig forschte, da gewann er Festigkeit und geriet in Furcht, von Christus vor den heiligen Engeln verleugnet zu werden, wenn er sich scheute, ihn vor den Menschen zu bekennen, glaubte schwere Schuld auf sich zu laden, wenn er sich des Geheimnisses der Demut deines Wortes schämte, dagegen nicht errötete über den lästerlichen Gottesdienst hoffärtiger Dämonen, denen er sich als ihres Stolzes Nachahmer ergeben. Er legte die falsche Scham ab und schämte sich vor der Wahrheit und sprach plötzlich unvermutet zu Simplicianus: Laß uns zur Kirche gehen, ich will ein Christ werden. Jener ging mit ihm, kaum sich vor Freude fassend. Bald nachdem er den ersten Unterricht empfangen hatte, wurde er getauft. Rom staunte, die Kirche jubelte. Die Gottlosen sahen es und es verdroß sie; ihre Zähne bissen sie zusammen und vergingen vor Wut; du aber, o Herr, bliebst die Hoffnung deines Dieners, und er wandte sich nicht zu den Hoffärtigen, die mit Lügen umgehen.

Ab nun die Stunde gekommen war, wo er sein Glaubensbekenntnis ablegen sollte – es geschah dies zu Rom von erhabener Stätte aus im Angesicht des gläubigen Volkes nach einer auswendig gelernten Formel, Von denen, die deiner Taufgnade nahen wollen –, da wurde dem Victorinus von den Presbytern das Zugeständnis gemacht, wie es bei sehr Schüchternen Sitte war, er möge es nur vor ihnen ablegen; Victorinus aber entgegnete, er wolle sich zu seinem Heile lieber vor der Gemeinde der Heiligen bekennen. Denn was er als Lehrer der Rhetorik vortrug, es war nicht das Heil, und trotz alledem hatte er es öffentlich verkündigt. Er durfte sich um so weniger vor deiner sanften Herde scheuen, zu deinem Worte sich bekennend, er, der sich nicht gescheut hatte, seine Vorträge vor dem Schwarm der Unsinnigen zu halten. Als er daher die erhöhte Stätte bestieg, um sein Bekenntnis abzulegen, da riefen sich alle, die ihn kannten, glückwünschend seinen Namen zu mit lautem Jubel. Und wer hätte ihn nicht gekannt? Und »Victorinus! Victorinus!«, schallte es einstimmig aus der Freudigen Munde. Plötzlich, wie sie ihn sahen, brach ihr Jubel aus; plötzlich schwiegen sie gespannt, ihn zu hören. Mit fester Zuversicht legte er das Bekenntnis des wahrhaftigen Glaubens ab und alle wollten ihn in ihr Herz hineinziehen, und ihre Liebe und ihre Freude waren die sie umschlingenden Arme.

 

Achtes Buch – Drittes Kapitel

Gütiger Gott, wie kommt es, daß sich der Mensch mehr über das Heil seiner Seele freut, wenn sie verzweifelte und aus großer Gefahr gerettet wurde, als wenn die Hoffnung nie fehlte oder die Gefahr eine geringere war? Auch du, o barmherziger Vater, freutest dich mehr über einen Sünder, der Buße tut, als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Mit großer Freude hören wir, wie auf den Schultern der frohlockenden Hirten das Schaf, das verirrt war, zurückgetragen wird und wie der wiedergefundene Groschen unter der Mitfreude der Nachbarn von dem Weibe, das ihn gefunden, zu ihrem Schatz gelegt wurde. Tränen entlockt uns die Freudenfeier deines Hauses, wenn es in deinem Hause von dem jüngeren Sohne heißt: Denn er war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden. Du freust dich in uns und in deinen Engeln, die da geheiligt sind durch heilige Liebe. Denn du bist immer derselbe, weil du alles, was nicht immer, noch auf dieselbe Weise ist, immer auf dieselbe Weise kennst.

Wie kommt es also, daß die Seele mehr erfreut ist über das, was sie liebt, wenn sie es wiederfindet, als wenn sie es immer besessen? Daß dem so ist, beweist auch anderes; ja, überall stoßen wir auf Zeugnisse, die da rufen: So ist es! Der siegreiche Feldherr triumphiert, und er hätte nicht gesiegt, wenn er nicht gekämpft hätte, und je größer die Gefahr in der Schlacht war, desto größer ist die Freude des Triumphes. Der Sturmwind wirft die Schiffer umher und es droht der Schiffbruch, alle erblassen angesichts des kommenden Todes; Himmel und Meer beruhigt sich und ihre Freude ist ohne maß, weil sie sich allzusehr fürchteten. Ein Freund ist krank und seine Pulsader kündet Übles; alle, die ihm Genesung wünschen, kranken mit ihm zugleich im Geiste; er erholt sich, noch wandelt er nicht in seiner alten

Kraft und schon wird die Freude so groß, wie sie früher nicht war, da er gesund und frisch umherging. Selbst die Vergnügungen erwerben sich die Menschen nicht durch Beschwerden, die unvermutet und wider ihren Willen hereinbrechen, sondern durch absichtliche und freiwillige. Es gibt keine Lust beim Essen und Trinken, wenn nicht die Beschwerde des Hungerns und Durstens vorangeht. Die Trinker genießen Gesalzenes, wodurch ein brennender Reiz entsteht, und darin besteht der Genuß, diesen durch Trinken zu tilgen. Sitte ist es, daß sich die verlobten Bräute nicht sogleich dem Manne ergeben, damit er sie nicht geringachte, wenn er nicht zuvor als Bräutigam nach der Zögernden seufzte

Dasselbe finden wir bei häßlicher und verabscheuungswürdiger Freude, dasselbe aber auch bei erlaubter und gestatteter Lust, ja bei der reinsten Liebe der Freundschaft; dasselbe findet sich bei dem, der tot war und wieder lebendig wurde, der verloren war und wiedergefunden wurde. Überall geht größeres Leid, größere Freude voran. Wie kommt dies, mein Gott, da du dir selbst die ewige Freude bist und da es Geister gibt in deiner seligen Nähe, die sich über dich und in deiner Umgebung stetig freuen? Warum wechselt bei diesem Teil der Schöpfung Ab- und Zunahme, Freundschaft und Versöhnung? Oder ist das ihre Weise? Ist das die Bedingung ihres Lebens, die du ihr mitgabst, als du von der Höhe des Himmels bis zum Untersten der Erde, vom Anbeginn bis zum Ende der Zeiten, vom Engel bis zum Gewürm, von der ersten Regung bis zur letzten alle Arten der Güter, alle deine gerechten Werke, jedes an seiner Stelle, ordnetest und jedes zu seiner Zeit hinstelltest? 0 wie erhaben bist du im Erhabenen und wie tief in der Tiefe! Nirgends hin entfernst du dich, und dennoch kehren wir kaum zur dir zurück.

 

Achtes Buch – Viertes Kapitel

Wohlan, o Herr, wirke es, erwecke uns und rufe uns zurück, entzünde uns, reiße uns fort, entflamme uns und entzücke uns, auf daß wir dich lieben und zu dir eilen Kehren nicht viele aus einer noch tieferen Hölle der Blindheit als Victorinus zurück zu dir, gehen hin und werden durch den Empfang deines Lichtes erleuchtet und empfangen dadurch die Macht, Gottes Kinder zu werden? Wenn sie aber im Volke wenigen bekannt sind, dann ist auch die Freude derer, welche sie kennen, weniger groß über sie. Ist aber die Freude allgemeiner, so ist sie auch bei den einzelnen größer, weil sie sich untereinander erwärmen und begeistern. Sind sie ferner vielen bekannt, so gereicht ihr Ansehen vielen zum Heil und gehen sie vielen zur Nachfolge voran. Deshalb werden auch diejenigen, welche ihm vorausgegangen sind, von großer Freude erfüllt, weil sie sich nicht über ihn allein freuen. Fern sei es, daß die Reichen vor den Armen, die Edlen vor den Unedlen in dein Heiligtum aufgenommen würden; vielmehr, was schwach ist vor der Welt, das hast du erwählet, daß du zuschanden machest, was stark ist; und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hast du erwählet und das da nichts, das du zunichte machtest, was etwa ist. Und doch wollte der geringste unter deinen Aposteln, durch dessen Mund du diese Worte sprachst, statt Saulus Paulus heißen zum Zeichen des herrlichen Sieges an Paulus, dem Prokonsul, dessen Stolz er durch seinen heiligen Dienst überwand, da er ihn beugte unter das sanfte Joch deines Gesalbten und ihn zum Untertan des großen Königs machte. Denn stärker wird der Feind besiegt in dem, den er fester in Banden hielt und durch den er mehrere fesselt. Die Stolzen aber fesselt er stärker um ihres Adels willen und durch ihr Ansehen werden ihm viele zugeführt. je völliger das Herz des Victorinus, welches der Teufel als uneinnehmbares Bollwerk besessen hatte, bezwungen wurde und die Zunge des Victorinus, mit welchem großen und scharfen Geschoß er viele verderbt hatte, in um so größerem Maß mußten deine Kinder frohlocken, weil unser König den Starken gebunden und weil sie das ihm entrissene Gefäß gereinigt sahen und geschickt gemacht für deine Ehre, nützlich dem Herrn zu jedem guten Werke.

 

Achtes Buch – Fünftes Kapitel

Als mir Simplicianus, dein Diener, solches von Victorinus erzählte, da entbrannte ich, ihm nachzuahmen; zu diesem Zwecke hatte er es mir auch erzählt. Als er aber noch hinzufügte, daß er, als zur Zeit des Kaisers Julianus auf ein Gesetz hin den Christen der Lehrstuhl für Literatur und Rhetorik untersagt war, diesem Gesetz Folge geleistet und lieber die Schule der Geschwätzigen verlassen habe als dein Wort, welches der Unmündigen Zungen beredt macht, da erschien er mir nicht weniger glücklich als stark, weil er Gelegenheit zur Muße fand, um dir zu leben. Danach seufzte ich, gebunden nicht von fremder Kette, sondern von meinem eigenen eisernen Willen.

Mein Wollen hielt der Feind gefangen, und von ihm aus hatte er mir eine Kette geschmiedet und mich umschlungen. Denn aus dem verkehrten Willen geht die böse Lust hervor, und wer der bösen Lust dient, dem wird sie zur Gewohnheit, und wer der Gewohnheit nicht Widerstand leistet, dem wird sie Notwendigkeit. In diesen gleichsam untereinander verbundenen Ringen – ich nannte es deshalb eine Kette – war ich gefesselt in harter Sklaverei. Der neue Wille aber, mit dem ich begann, dir um deiner selbst willen zu dienen und dich zu genießen, o mein Gott, war noch nicht stark genug zur Überwindung des durch das Alter erstarkten Willens. So stritten sich zwei Willen in mir, ein alter und ein neuer, ein fleischlicher und ein geistlicher, und sie zerrissen meine Seele.

So erfuhr ich an mir durch eigene Erfahrung, was ich gelesen hatte, das Fleisch gelüstete wider den Geist und den Geist wider das Fleisch. Mein Ich war in beidem; aber es gehörte mehr dem an, was ich in mir billigte, was mir als das Rechte erschien, als dem, was ich in mir mißbilligte. Denn letzteres gehörte schon weniger meinem Ich an, weil ich dies größtenteils mehr wider meinen Willen litt, als daß ich es mit Willen getan hätte. Aber durch meine eigene Schuld war die Gewohnheit gegen mich widersetzlicher geworden, weil ich wollend dahin gekommen war, wohin zu kommen ich nicht wollen gesollt hätte. Und wer hätte ein Recht dazu, Widerspruch dagegen zu erheben, wenn der Sünde die gerechte Strafe auf dem Fuße folgte? jetzt war jene Entschuldigung zunichte geworden, daß ich mir den Schein zu geben pflegte, ich diente dir deshalb nicht und verachtete deshalb die Welt, weil mir die Erkenntnis der Wahrheit noch unsicher war; denn sie war mir zur vollsten Gewißheit geworden. Ich aber war noch an die Welt gefesselt und zögerte deshalb noch, in deinen Dienst zu treten, und ich fürchtete So, von allen Lasten entlastet zu werden, wie man sich fürchten muß, belastet zu werden.

So lag die Last der Welt, wie auf einem Schlafenden, sanft auf mir, und die Gedanken, welche ich sinnend auf dich richtete, glichen den Anstrengungen derer, die aufstehen wollen, aber von der Tiefe, des Schlafes überwältigt wieder zurücksinken. Und wie es keinen Menschen gibt, der immer schlafen will, und nach aller gesundem Urteil das Wachen besser ist, dessenungeachtet es aber der Mensch oft verschiebt, den Schlaf abzuschütteln, wenn er in seinen Gliedern eine große Schwere empfindet, und um so lieber den Schlaf genießt, den er abschütteln möchte, da die Stunde des Aufstehens herangekommen ist – so war ich gewiß, es sei besser, mich deiner Liebe hinzugeben als meiner Lust nachzugeben; aber jene gefiel mir und überwand mich, diese gelüstete mich und band mich. Nichts hatte ich dir zu erwidern, mein Gott, wenn du zu mir sprachst: Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten, so wird Christus dich erleuchten! Und wenn du mir offenbartest die Wahrheit deines Wortes, so hatte ich, von der Wahrheit überzeugt, überhaupt keine Antwort als höchstens die träumigen und säumigen Worte: Im Augenblick, ja gleich, warte nur ein wenig! Aber dieser Augenblick hatte kein Ende, und dies »Warte ein wenig!« zog ich in die Länge. Vergebens hatte ich Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen; ich sah ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das da widerstritt dem Gesetze in meinem Gemüte, und nahm mich gefangen in der Sünde Gesetz, welches war in meinen Gliedern, denn das Gesetz der Sünde besteht in der Macht der Gewohnheit, die den Geist auch wider seinen Willen lenkt und festhält, und zwar verdientermaßen, weil er mit Willen in die Macht der Gewohnheit fällt. Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes als nur deine Gnade durch unsern Herrn Jesus Christus?

 

Achtes Buch – Sechstes Kapitel

Wie du mich aus den Banden der Sinnenlust, die mich so fest umschlangen, und aus der Sklaverei weltlichen Treibens rettetest, will ich erzählen und deinen Namen bekennen, o Herr, mein Helfer und Erlöser. Ich ging meinem gewohnten Treiben nach; doch meine Angst wuchs und täglich seufzte ich nach dir; häufig besuchte ich deine Kirche, so oft mir die Geschäfte, unter deren Last ich Seufzte, es nur verstatteten. In meiner Begleitung war Alypius, der, nachdem er zum dritten Male Beisitzer bei dem Gerichte gewesen war, frei von Amtsgeschäften, eine Gelegenheit erwartete, seinen Rechtsbeistand angedeihen zu lassen, wie ich mit der Beredsamkeit Handel trieb, wenn sie sich überhaupt lehren läßt. Nebridius aber fehlte unserem Freundschaftsbunde, um einem guten Freunde von uns allen, dem Verecundius, einem Mailänder Bürger und Lehrer, helfend an die Hand zu gehen. Denn dieser bedurfte seines Beistandes gar sehr und verlangte, auf das Recht der Freundschaft sich stützend, aus unserem Kreise eine Hilfe, auf die er sich verlassen konnte und der er sehr bedurfte. Nicht Gewinnsucht hatte den Nebridius dorthin geführt; er hätte Größeres erreichen können, hätte er literarische Vorträge halten wollen; nur das Pflichtgefühl des Wohlwollens und unser Wunsch hatten den hingebenden und sanften Freund bestimmt, nachzugeben. Er tat aber sehr weislich, sich zu hüten, den Großen dieser Welt bekannt zu werden und hierbei seinen Geist von aller Unruhe frei zu halten, denn frei und unabhängig wollte er sein und möglichst Herr seiner Zeit bleiben, die er nutzbringend im Forschen, Lesen und Hören für die Weisheit anwendete.

Einst kam, Nebridius war, ich weiß nicht mehr recht weshalb, gerade abwesend, zu mir und Alypius Pontitianus, unser Landsmann aus Afrika, der ein ansehnliches Hofamt bekleidete, mit irgendwelchem Wunsche. Wie wir so ins Gespräch vertieft dasaßen, bemerkte er zufällig auf dem Studiertisch ein Buch; er nahm es, schlug es auf und fand wider Erwarten die Schriften des Apostels Paulus; denn er glaubte irgendein Buch zu finden, das zu meinem Gewerbe gehörte. Lächelnd blickte er mich an und wünschte mir verwundert Glück, daß er gerade diese Schriften hier gefunden habe. Denn er war ein treuer Christ, der sich vor dir, unserm Gotte, auf das Knie warf in der Kirche unter anhaltendem und ernstem Gebete. Als ich ihm mitteilte, daß ich der heiligen Schrift ein ernstes Studium widmete, kam er auf den ägyptischen Mönch Antonius zu sprechen, dessen Name bei deinen Dienern in hoher Achtung stand; uns aber war er bis zu dieser Stunde unbekannt. Als er dies erfahren, verweilte er bei diesem Gegenstande und entrollte uns voll Staunen über unsere Unkenntnis ein Bild von diesem großen Manne. Wir erstaunten aber, als wir hörten, wie in einer so naheliegenden, ja man könnte sagen in unserer Zeit in dem rechten Glauben deiner Kirche sich so unbestritten Wunderbares ereignet habe. Wir alle waren erstaunt über solche Geschehnisse, jener, weil es uns unbekannt war.

Seine Rede verbreitete sich nun über die Herden der Klöster und über die gottgefälligen Sitten, über die fruchtbaren Einöden der Wüste, von denen wir nichts wußten. Auch vor Mailands Mauern war ein Kloster voll frommer Brüder unter des Ambrosius Pflege, und wir wußten es nicht. Er fuhr fort und sprach weiter, wir aber schwiegen gespannt. Er erzählte, einst sei er in Trier, während der Kaiser am Nachmittag sich im Zirkus befand, mit drei Freunden in den an die Stadtmauer grenzenden Gärten spazierengegangen; zufällig hätten sie sich dort in zwei Paare getrennt, einer sei mit ihm diesseits, die andern beiden jenseits gegangen. Diese seien beim Umherstreifen auf eine Hütte gestoßen, wo deine Knechte wohnten, die geistlich Armen, deren das Himmelreich ist. Dort fanden sie ein Buch, welches die Lebensbeschreibung des Antonius enthielt. Der eine begann dasselbe zu lesen; er ward von mächtiger Bewunderung ergriffen, und beim Lesen sann er darauf, ein solches Leben zu ergreifen, den Dienst der Welt zu verlassen und dir zu dienen. Beide waren nämlich Provinzialbeamte. Plötzlich erfüllt voll heiliger Liebe und voll Scham sich selbst zürnend, wandte er den Blick auf seinen Freund und sagte zu ihm: Sage mir, ich bitte dich, wozu all unser Mühen, wohin gelangen wir damit? Was suchen wir? Warum dienen wir? Können wir bei Hofe etwas Größeres erhoffen, als Freunde des Kaisers zu bleiben? Und was ist hier nicht hinfällig und gefahrdrohend? Durch wieviel Gefahren kommen wir zu immer größeren? Wann erreichen wir das Ziel? Ein Freund Gottes kann ich, wenn ich nur will, jetzt sofort werden. Dies sagte er, und im innern Aufruhr durch das Kreisen des neuen Lebens warf er die Augen von neuem auf das Buch und las und ward im Innern verwandelt, wo du es sahst; und sein Gemüt löste sich ab von der Welt. wie sich's bald zeigte. Denn während er las und das Herz pochte, seufzte er tief von Zeit zu Zeit und unterschied das Bessere und entschied sich dafür, und schon dir angehörig, sagte er seinem Freunde: Ich habe mich schon losgerissen von dem, was wir hofften, und beschlossen, Gott zu dienen, und das will ich von dieser Stunde ab und an diesem orte angreifen. »Willst du nicht sein mein Nachfolger, so sei zum mindesten nicht mein Widersacher.« jener aber erwiderte, er wolle Genosse ihm bleiben solchen Lohnes und solchen Dienstes. Und beide nun dein, erbauten sich eine Burg ihres Heils, zu deren Aufführung es genügte, alles zu verlassen und dir zu folgen. Alsdann suchten Pontitianus und die mit ihm in einem anderen Teile des Gartens lustwandelten sie auf, fanden sie und forderten sie auf zurückzukehren, denn der Tag habe sich geneigt. jene aber erzählten ihnen ihren Entschluß und die Ursache seiner Entstehung und Befestigung und baten uns, ihnen nicht hinderlich zu sein, wenn sie sich nicht anschließen wollten. Diese blieben, obwohl sie sich beweinten, in ihrem alten Leben, wie er uns mitteilte, wünschten ihnen Segen und empfahlen sich ihren Gebeten, und ihr Herz der Welt zuwendend, gingen sie zum Palast. Diese aber blieben, das Herz zum Himmel erhoben, in ihrer Hütte. Beide hatten Bräute, welche, als sie hörten, was geschehen war, sich nun auch dir verlobten.

 

Achtes Buch – Siebentes Kapitel

Dies erzählte Pontitianus; du aber, o Herr, stelltest mich mir selbst vor Augen, indem du mich von meinem Rücken entferntest, wohin ich mich gestellt hatte, weil ich mich nicht schauen wollte, und stelltest mich vor mein Angesicht, daß ich sähe, wie häßlich ich wäre, wie verwildert und verunreinigt, wie befleckt und zerschlagen. ich sah es und schauderte und hatte nicht, wohin ich hätte fliehen können vor mir. Und wenn ich mich von meinem Anblick abwenden wollte, da erzählte jener und erzählte, und du stelltest mich mir selbst wieder gewaltsam vor Augen, daß ich meine Sünde fände und haßte. Ich kannte sie, aber ich verhehlte sie mir, beruhigte mich und vergaß sie.

J mehr ich damals jene liebte, von deren heilsamen Gemütsbewegungen ich hörte, daß sie sich dir ganz zur Heilung anheimstellen wollten, desto größer war mein Haß gegen mich selbst, wenn ich mich mit ihnen verglich. Denn schon waren zwölf Jahre dahingeflossen, seit ich im einundzwanzigsten Jahre den Hortensius des Cicero gelesen hatte und durch ihn zur Erforschung der Weisheit angeregt worden war; ich hatte es stets verschoben, mit Verachtung meines irdischen Glückes mich ihr ganz und gar zu weihen, die ich nicht nur finden, sondern die ich schon durch das Forschen nach ihr höher stellen sollte als alle Schätze und Königreiche der Erde und die leiblichen Lüste, die mir auf meinen Wink dienten. Schon als Jüngling war ich elend, sehr elend; bei dem Beginn meiner Jünglingsjahre hatte ich dich um Keuschheit gebeten und gesagt: »Gib mir Keuschheit und Enthaltsamkeit, doch nicht sogleich!« Denn ich fürchtete, du möchtest mich allzu schnell erhören, mich allzu schnell heilen von der Krankheit meiner Lüste, die ich lieber bis zur Hefe genießen als erlöschen wollte. So wandelte ich auf schlimmen Pfaden in gottlosem Aberglauben, zwar nicht davon überzeugt aber ich zog ihn allem andern vor, was ich nicht mit Frömmigkeit suchte, sondern feindlich bekämpfte.

Ich hatte geglaubt, daß ich es nur deshalb von Tag zu Tag Aufgehoben alle Hoffnung der Welt aufzugeben und dir allein zu folgen, weil sich mir nichts Sicheres darböte, um meinen Lauf dahin zu richten. So war der Tag gekommen, wo ich in meiner ganzen Blöße vor mir stand und mein Gewissen in mir schrie: Wo bist du, Sprache? Du sagtest ja, du wollest, weil die Wahrheit unsicher sei, die Bürde der Eitelkeit noch nicht abwerfen. Siehe, sicher ist sie nun, und noch drückt dich deine Bürde; jenen aber, die nicht sich also durch Forschen geschwächt haben, noch zehn Jahre und länger darüber nachsannen, wachsen Schwingen an den freieren Schultern. Ich ward innerlich zerrissen und von tiefer Scham ergriffen, als Pontitianus solches redete. Nachdem er seine Erzählung beendet und den Grund seines Kommens erledigt hatte, entfernte er sich. Und ich, wie sprach ich nicht zu mir? Mit welcher Gedankengeißel schlug ich nicht meine Seele, daß sie mir Folge leiste, da ich auf deinem Wege wandeln wollte. Wohl hatte sie Widerrede, aber keine Ausrede. Verzehrt und abgewichen waren alle Einwürfe, zurückgeblieben war nur ein gewaltiges Zagen, und wie der Tod scheute meine Seele, vom Strome der Gewohnheit fortgerissen zu werden, in dem sie langsam hinsiechte.

 

Achtes Buch – Achtes Kapitel

In diesem heftigen Kampfe, der in meinem Herzen gewaltig wider meine Seele tobte, erregt am Körper und Geist, wandte ich mich hastig an Alypius und rief. Was geschieht uns? Was ist dies? Was hast du gehört? Die Ungelehrten erheben sich und reißen das Himmelreich an sich, und wir mit unserem herzlosen Wissenskram, siehe, wie wir uns wälzen in Fleisch und in Blut! Weil Ungelehrte vorangingen, schämen wir uns da vielleicht zu folgen, und schämen uns nicht, ihnen nicht zu folgen? Das war ungefähr der Sinn meiner Worte; ich riß mich los von ihm in meiner glühenden Aufregung, während er mich in tiefer Bestürzung anblickte und schwieg. Ich äußerte mich nicht auf gewohnte Weise, und Stirn, Wangen, Augen, meine Gesichtsfarbe, der Ton meiner Stimme, sie offenbarten mehr mein Inneres als die Worte, welche ich vorbrachte. An unser Haus stieß ein Gärtchen, das uns, wie überhaupt das ganze Haus, zur freien Verfügung stand, denn der Besitzer und Hausherr wohnte nicht darin. Hierhin trieb mich der Sturm meines Herzens, daß niemand den heißen Streit finden möchte, den ich mit mir auszufechten hatte, bis er einen Ausgang nähme, welchen, das wußtest du; ich aber wußte es nicht, sondern mich hatte ein seltsamer Wahnsinn ergriffen, und ich starb, um zu leben; ich wußte wohl, wie schlecht ich war, das aber wußte ich nicht, wie gut ich in kurzer Zeit sei. Ich ging also in den Garten und Alypius folgte mir auf dem Fuße. Denn meine Einsamkeit blieb mir auch, wenn er zugegen war. Wie hätte er mich auch in solcher Seelenangst verlassen können! Wir setzten uns vom Hause möglichst weit entfernt; ich erschauderte im Geiste, ergrimmt in stürmischem Ingrimm, daß ich nicht den Bund mit dir einging, o mein Gott, und alle meine Gebeine schrien und erhoben ihn lobpreisend in den Himmel. Aber man geht dahin nicht zu Schiffe oder zu Wagen oder zu Fuß, nicht einmal so weit, wie vom Hause bis zu dem Ort, wo wir saßen. Denn hingehen und hingelangen ist da nichts anderes als hingehen wollen, aber wollen von ganzem Herzen, nicht den halbwunden Willen bald hierhin, bald dorthin werfen, So daß sein aufstrebender Teil mit dem fallenden rang.

So verrichtete ich mit meinem Körper viel in der Glut meiner Unentschlossenheit, was oft Menschen wollen und nicht vermögen, wenn sie entweder die Glieder nicht haben oder diese entweder gefesselt oder durch Mattigkeit kraftlos oder auf irgendeine andere Weise verhindert sind. Wenn ich mir das Haar ausraufte, mir die Stirne schlug, wenn ich mit gefalteten Händen das Knie umfaßte, weil ich es wollte, so tat ich es. Ich konnte dies aber wollen und doch nicht tun, wenn die Glieder aus Mangel an Beweglichkeit meinem Willen nicht Folge leisteten. Ich habe also so vieles getan, wobei Wollen und Können nicht eins war, dagegen ich das nicht tat, was ich mit ungleich stärkerem Triebe erstrebte und was ich alsbald, wenn ich es nur gewollt hätte, auch gekonnt hätte, weil ich alsbald, wenn ich es wollte, allerdings wollte. Denn auf diesem Gebiete ist das Können und der Wille eins, und das Wollen selbst war schon ein Tun und doch geschah es nicht, und leichter gehorchte der Leib dem geringsten Willen der Seele, so daß sich die Glieder auf den Wink des Geistes bewegten. als sonst die Seele sich selbst gehorcht und ihren starken Willen im Gebiet, wo der Wille allein herrscht, durchgesetzt hätte.

 

Achtes Buch – Neuntes Kapitel

Woher stammt diese Unnatur, Und warum? Deine Barmherzigkeit erleuchte mich, und ich will fragen, ob die verborgensten Strafgerichte und die finstersten Zerknirschungen der Kinder Adams mir Antwort zu geben vermögen. Woher diese Unnatur? Und warum? Der Geist gebietet dem Körper und er gehorcht sogleich. Der Geist gebietet sich selbst und er findet Widerstand. Er gebietet, daß die Hand sich bewege, und so leicht geschieht es, daß kaum vom leiblichen Dienst der geistige Befehl geschieden werden kann. Und der Geist ist Geist, die Hand aber ist zum Körper gehörig. Der Geist gebietet, daß der Geist es wolle; er ist kein anderer und tut es trotzdem nicht. Woher stammt diese Unnatur? Und warum ist es so? Der Geist gebietet, sage ich, daß er wolle; er würde nicht befehlen, wenn er nicht wollte, und es geschieht nicht, was er befiehlt. Aber nicht von ganzem Herzen will er, also befiehlt er auch nicht von ganzem Herzen. Denn nur inwieweit er befiehlt, insoweit will er auch, und insofern geschieht es nicht, was er befiehlt, inwiefern er es nicht will. Denn der Wille gebietet, daß der Wille sei und kein anderer, sondern er selbst. Daher befiehlt er nicht ganz, deshalb ist auch das nicht, was er gebietet. Wäre der Wille ein ganzer, so würde er nicht befehlen zu sein, weil es schon wäre. Also ist es nicht Unnatur, teils zu wollen, teils nicht zu wollen, sondern eine Krankheit der Seele ist es, weil nicht der ganze Geist sich aufrichtet, von der Wahrheit emporgehoben, von der Gewohnheit aber niedergezogen. Es sind deshalb zwei Willen, weil der eine derselben nicht ein ganzer Wille ist und der eine nur hat, was dem andern fehlt.

 

Achtes Buch – Zehntes Kapitel

Umkommen müssen die Gottlosen vor deinem Angesichte, mein Gott, als die da Eitles reden und Herzen verführen, wenn sie in ihres Herzens Rat zwei Willen wahrnehmen und zwei geistige Naturen, eine gute und eine böse behaupten. Sie selbst sind in Wirklichkeit böse, wenn sie jene bösen Gedanken haben, und dieselben werden gut sein, wenn sie wahre Gedanken haben, und dem Wahren beistimmen, wie zu ihnen dein Apostel spricht: Ihr waret weiland Finsternis, nun aber seid ihr ein Licht in dem Herrn. Denn während jene ein Licht sein wollen, so wollen sie es nicht werden in dem Herrn, sondern in sich selbst, dadurch, daß sie glauben, die Seele sei mit Gott gleicher Art; so sind sie von noch dichterer Finsternis umhüllt, weil sie weiter von dir wichen in ihrem grauenhaften Stolze, von dir, dem wahren Lichte, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt. Merket euch das, was ihr saget, und errötet und gehet zu ihm, und ihr werdet Licht und euer erleuchtetes Angesicht wird nicht mehr erröten. Als ich mit mir zu Rate ging, wie ich dem Herrn, meinem Gott, dienen sollte, wie ich es mir schon lange vorgenommen, so war ich es, der wollte, ich, der es nicht wollte; ich, ja ganz allein ich war es. Ich wollte es nicht von ganzem Herzen und ich verschloß mich auch wiederum nicht dagegen mit ganzem Herzen. So stritt ich mit mir und wurde zwiespältig mit mir selbst. Und dieser Zwiespalt zeigte nicht hin auf die Natur eines fremden Geistes, sondern auf die Strafe des meinigen Und so tue ich nun dasselbige nicht, sondern die Sünde, die in mir wohnte, durch die Strafe einer ohne Zwang begangenen Sünde, dem ich war Adams Sohn.

Wenn es so viel entgegengesetzte Naturen gäbe, als Willen im Widerspruch stehen, es würde nicht nur zwei, sondern viel mehr geben. Wenn einer unentschlossen erwöge, ob er zu der Zusammenkunft der Manichäer oder ins Theater gehen Sollte, da schrien sie: Siehe, da hast du die zwei Naturen! Die gute, sie führt dich zu uns, die böse, sie stößt dich wieder zurück. Denn woher käme sonst die Unentschlossenheit der unter sich im Zwiespalt befindlichen Willensmeinungen? Ich nenne sie beide böse, sowohl die, die zu ihnen führt, als auch die, die zum Theater führt. Sie aber, die Manichäer, halten nur die für gut, die zu ihnen führt. Wenn etwa einer von uns mit sich zu Rate geht und bei dem Zwiespalt seines Willens ungewiß hin- und herschwankt, ob er ins Theater gehen soll oder in unsere Kirche, werden da nicht auch jene ins Schwanken geraten, was sie antworten sollen? Sie werden ihm gestehen, was sie nicht wollen, daß er sich nämlich mit gutem Willen zu unserer Kirche wende, wie es diejenigen tun, die in ihre Geheimnisse eingeweiht und gebunden sind, oder sie werden der Meinung sein, daß zwei böse Naturen und zwei böse Geister in einem Menschen im Widerstreit liegen, und es wird dann nicht wahr sein, was sie gewöhnlich sagen, daß der eine gut, der andere böse sei, oder sie werden sich zur Wahrheit bekennen und nicht leugnen, wenn jemand unentschlossen ist, daß die eine Seele von verschiedenen Willensmeinungen angeregt werde.

Sie können also nicht sagen, wenn sie sich denken, es ständen sich zwei Willen in einem Menschen feindlich gegenüber, daß zwei entgegengesetzte Geister und zwei einander entgegengesetzte Substanzen und Prinzipien sich streiten, das eine gut, das andere böse. Denn du, o wahrhaftiger Gott, mißbilligst sie und überführst sie, wie bei jedem bösen Willen, wenn einer überlegt, ob er einen Menschen durch Gift oder durch das Schwert umbringen solle, ob er in dieses oder jenes fremde Gut einbrechen soll, da er beides nicht zugleich kann; ob er durch Verschwendung sich Vergnügen verschaffen soll oder durch Geiz sein Geld zusammenscharre, ob er zum Zirkus oder zum Theater gehen soll, wenn beide an einem Tage geöffnet sind; ich setze noch ein drittes hinzu –oder zu einem Diebstahl in einem fremden Hause, und nun endlich viertens noch, um einen Ehebruch zu begehen, wenn die Gelegenheit günstig ist, wenn alles auf einen Zeitpunkt zusammenträfe und alles wünschenswert erschiene, aber doch nicht zugleich ausgeführt werden kann. Denn wenn auch durch diese vier verschiedenen Willensäußerungen oder selbst noch mehrere, da die Masse der begehrenswert erscheinenden Gegenstände so groß ist, das Herz zerspalten wird, so erkennt man doch nicht eine Vielheit von verschiedenen Substanzen, sondern nur zwei, ebenso bei den Willensäußerungen zum Guten. Denn ich frage sie, ob es gut ist, sich am Lesen der Schriften des Apostels Paulus zu erfreuen, und ob es gut sei, sich an einem herrlichen Psalm zu erquicken, oder ob es gut ist, über das Evangelium zu reden. Sie werden auf jede der einzelnen Fragen antworten: Gewiß ist es etwas Gutes! Wenn sie nun aber alle zu gleicher Zeit erfreuen, bringen verschiedene Willensmeinungen da nicht Zwiespalt ins Herz, wenn es überlegt, was es von allem ergreifen soll? Alles ist gut daran und steht im Kampfe mit sich untereinander, bis eines ausgewählt wird, dem sich der Wille ungeteilt zuwendet, der vorher mehrfach geteilt war. So auch, wenn die Ewigkeit eine reinere Freude gewährt und die Luft am zeitlichen Gut die Seele fesselt, so ist es dieselbe Seele, die nicht mit dem ganzen Willen dieses oder jenes will, und deshalb wird sie von schwerer Unruhe zerrissen, während sie jenem durch die Wahrheit bestimmt den Vorzug gibt, dies aus Angewöhnung nicht ablegt.

 

Achtes Buch – Elftes Kapitel

So war ich krank und quälte mich, indem ich mich selbst härter anklagte als je, und ich wand und wälzte mich in meiner Fessel, bis sie ganz von mir fiele; wiewohl sie schon schwach geworden war, hielt sie mich dennoch fest. Und du, o Herr, setztest mir zu in meinem Innern mit strengem Erbarmen, mit der Geißel, die Furcht und Scham verdoppelte, auf daß ich nicht wieder wiche und dir diene und schwach gewordene Bande, die noch geblieben waren, vollends zerrisse, auf daß sie nicht wiederum erstarkten und mich fester umschlängen. Da sprach ich in meines Herzens Grunde zu mir: Bald, bald wird es geschehen! Und mit dem Worte ging ich schon ein auf den Entschluß. Fast tat ich's und tat's doch nicht; aber doch fiel ich nicht in das frühere zurück, sondern stand ganz nahe und verschnaufte. Und dann versuchte ich es zum zweiten Male und war beinahe am Ziele und erreichte es beinahe und hielt es fest; und doch war ich nicht am Ziele und erreichte es weder noch hielt ich es fest noch zauderte ich zwischen Tod und Leben, und mehr vermochte noch in mir das gewohnte Schlechtere als das ungewohnte Bessere, und je näher mir der Zeitpunkt trat, wo ich ein anderer werden sollte, desto größerer Schauder erfüllte mich; doch warf er mich weder zurück noch lenkte er mich ab, ich blieb in Hangen und Bangen.

Zurück hielten mich die Nichtigkeiten und Eitelkeit, meine alten Freundinnen, zerrten mich am Mantel meines Fleisches und flüsterten mir zu: Was, du willst uns verlassen? Von dem Augenblick werden wir nicht mehr bei dir sein in Ewigkeit. Von dem Augenblick an wird dir dies und jenes nicht erlaubt sein in Ewigkeit. Welche Bilder brachten sie mir vor die Seele in dem »dies und jenes«! Welche Bilder, o mein Gott! Deine Barmherzigkeit wende es ab von der Seele deines Dieners. Welche Schmach reichten sie mir dar, welche Schande! Schon hörte ich sie nicht einmal mehr zur Hälfte an, schon sprachen sie weniger frei, nur hinter meinem Rücken murmelnd und mich verstohlen zupfend, auf daß ich zurückschauen möchte. Dennoch hielten sie mich auf, und ich zögerte, sie von mir abzuschütteln und loszureißen und hinüberzugehen, wohin ich gerufen ward, indem die mächtige Gewohnheit zu mir sprach: Glaubst du es ohne jene Dinge aushalten zu können?

Aber kaum hörbar sprach sie dies mit lässiger Stimme; denn es enthüllte sich mir von der Seite, wohin ich mein Antlitz wandte und wohin ich zu gehen doch noch schauderte, die keusche Würde der Enthaltsamkeit, heiter, doch nicht zügellos lustig, mich ehrbar ladend, daß ich käme und nicht mehr Zweifel hegte, nach mir ausstreckend, um mich aufzunehmen und zu umfassen, die segnenden Hände mit einer Fülle guter Vorbilder. Dort sah ich so viele Knaben und Mädchen, Jünglinge und Jungfrauen in großer Zahl, jedes Alter, gebeugte Witwen, Alte im Kranze der Jungfrauenschaft. Und bei allen fand ich dieselbe Keuschheit, die gesegnete Mutter der heiligsten Freuden, gezeugt in deiner Umarmung, o Herr. Und sie spottete meiner in ermahnendem Spotte: Wirst du, so sagte sie, wirst du denn nicht das vermögen, was diese Knaben, was diese Weiber vermochten? Vermögen diese es denn aus eigener Kraft und nicht in dem Herrn, ihrem Gotte? Der Herr, ihr Gott, hat mich ihnen verliehen. Was stehst du auf dich fußend, und stehst nicht fest? Wirf dich auf ihn, fürchte dich nicht, er wird dich nicht verlassen, so daß du fielest; wirf dich auf ihn ohne Sorgen, er wird dich aufnehmen und dich heilen. Und wie errötete ich, denn noch hörte ich das Geflüster jener Nichtigkeiten, und zweifelnd war ich wiederum ohne Entschluß. Und wiederum sagte sie mir: Sei taub gegen deine unreinen Glieder auf Erden, auf daß sie ersterben. Sie verheißen dir Freuden, die nicht sind nach dem Gesetz des Herrn, deines Gottes. So stritten in meinem Herzen die Gedanken gegeneinander. Alypius aber saß an meiner Seite und erwartete schweigend den Ausgang meiner ungewöhnlichen Bewegung.

 

Achtes Buch – Zwölftes Kapitel

Als aber eine tiefe Betrachtung aus geheimem Grunde all mein Elend hervorzog und vor dem Angesichte meines Herzens sammelte, da brach ein gewaltiger Gewittersturm, den Tränen in Strömen begleiteten, in mir los. Ihm freien Lauf zu lassen, erhob ich mich und ging hinweg von Alypius; denn die Einsamkeit erschien mir geeigneter, um mich ausweinen zu können; ich ging hinweg, so weit, daß mich seine Gegenwart nicht mehr zu stören vermochte. So war ich damals und jener fühlte mit mir. Ich glaube auch, daß ich schon etwas gesagt hatte, wobei der tränenschwere Ton meiner Stimme stockte, und so erhob ich mich denn. Er blieb, wo wir uns niedergesetzt hatten, zurück, von Staunen erfüllt. Ich aber warf mich am Stamme eines Feigenbaumes nieder und ließ meinen Tränen freien Lauf, und der Quell des Auges strömte hervor, ein Opfer, das du gern empfingst, und ich sprach, zwar nicht mit denselben Worten, aber doch in dein Sinne, vieles zu dir: Du, o Herr, wie so lange? Wie lange, Herr, wirst du zürnen? Sei nicht eingedenk unserer vorigen Missetat. Denn von ihr fühlte ich mich gefesselt und stöhnte laut in kläglichem Jammer. Wie lange? Wie lange? Morgen und immer wieder morgen? Warum nicht jetzt, weshalb setzt nicht diese Stunde meiner Schande ihr Ziel?

So sprach ich und weinte bitterlich in der Zerknirschung meines Herzens. Und siehe, da hörte ich eine Stimme aus einem benachbarten Hause in singendem Tone sagen, ein Knabe oder ein Mädchen war es: Nimm und lies! Nimm und lies! Ich entfärbte mich und sann nach, ob vielleicht Kinder in irgendeinem Spiele dergleichen Worte zu singen pflegen, konnte mich aber nicht erinnern, jemals davon gehört zu haben. Da drängte ich meine Tränen zurück, stand auf und legte die gehörten Worte nicht anders, als daß ein göttlicher Befehl mir die heilige Schrift zu öffnen heiße und daß ich das erste Kapitel, auf welches mein Auge fallen würde, lesen sollte. Denn ich hatte von Antonius gehört, daß er beim Vorlesen des Evangeliums in der Kirche, zu dem er zufällig gekommen war, das Wort, das da vorgelesen wurde, als eine Ermahnung auf sich bezog: Gehe hin und verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach. Durch solche Gottesstimme sei er sogleich bekehrt worden. Und so kehrte ich eiligst zu dem Orte zurück, wo Alypius saß und wo ich bei meinem Weggehen die Schriften des Apostels Paulus zurückgelassen hatte. ich ergriff das Buch, öffnete es und las still für mich den Abschnitt, der mir zuerst in die Augen fiel: Nicht in Fressen und Saufen, nicht in Kammern und Unzucht, nicht in Hader und Neid, sondern ziehet an den Herrn Jesum Christum und wartet des Leibes, doch also, daß er nicht geil werde. Ich las nicht weiter, es war wahrlich nicht nötig, denn alsbald am Ende dieser Worte kam das Licht des Friedens über mein Herz und die Nacht des Zweifels entfloh.

Alsdann legte ich den Finger oder ein anderes Zeichen hinein, schloß das Buch und erzählte mit ruhiger Miene dem Alypius, was mir geschehen war. Er aber erzählte mir auch, was in ihm vorging und wovon ich nichts wußte. Er wünschte die Stelle zu lesen, ich zeigte sie ihm, und er las auch das Weitere. Ich wußte aber nicht, was folgte. Es folgte aber: Den Schwachen im Glauben nehmet auf. Dies bezog er auf sich und eröffnete es mir. Durch solche Ermahnung fühlte er sich gestärkt; ohne Zaudern und Unruhe trat er meinem Entschlusse und guten Vorsatze bei, der seiner Sinnesart völlig entsprach, war er ja darin viel besser als ich und unterschied sich gewaltig von mir. Wir gingen sogleich zur Mutter und erzählten ihr, was geschehen war, und sie freute sich. Wir erzählten ihr, wie es geschehen war; sie jubelte und triumphierte, und sie pries dich, der überschwenglich mehr tun kann, über alles, das wir bitten oder verstehen, da sie sah, daß ihr von dir weit mehr gewährt worden war, als sie in ihrem Jammer und ihren Tränen zu bitten pflegte. Du bekehrtest mich zu dir, so daß ich weder ein Weib begehrte noch irgendeine Hoffnung dieser Welt; jetzt stand ich auf jenem Richtscheit des Glaubens, auf welchem du mich ihr vor so viel Jahren gezeigt hattest. Du wandeltest ihre Trauer in Freude, viel reichlicher, als sie gewollt, viel herrlicher und reiner, als sie von den Enkeln meines Fleisches suchte.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.