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Die Bekenntnisse des heiligen Augustinus

Aurelius Augustinus: Die Bekenntnisse des heiligen Augustinus - Kapitel 7
Quellenangabe
typeessay
authorAurelius Augustinus
titleDie Bekenntnisse des heiligen Augustinus
translatorOtto F. Lachmann
publisherReclam
year1888
seriesReclams Universal-Bibliothek
volume2791/94a
created20010524
senderhille@abc.de
correctorreuters@abc.de
corrected20120905
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Sechstes Buch

 

Erstes Kapitel

Du meine Hoffnung von Jugend auf, wohin watest du mir und wohin hattest du dich zurückgezogene Hattest du mich denn nicht geschaffen und mich unterschieden von den Tieren des Feldes und den Vögeln des Himmels? Du hattest mich weiser gemacht, aber ich wanderte in Finsternis und auf schlüpfrigem Pfade, ich suchte dich außer mir und fand nicht den Gott meines Herzens, ich versank in der Tiefe des Meeres und zweifelte und verzweifelte, die Wahrheit zu finden. Schon war meine Mutter, eine Heldin im Glauben, zu mir gekommen, über Land und Meer mir folgend, in allen Gefahren furchtlos im Vertrauen auf dich. Denn auch in den Fährlichkeiten der See tröstete sie der Schiffer, von welchem sonst die Neulinge in Seereisen in ihrer Angst pflegen getröstet zu werden, und verhieß ihnen glückliche Ankunft, die du ihr in meinem Gesichte verheißen. Sie fand mich in tiefer Bedrängnis und schwerer Verzweiflung, daß ich die Wahrheit nicht erlangen konnte. Als ich ihr gesagt, daß ich zwar kein Manichäer mehr sei, doch auch kein rechtgläubiger Christ, da frohlockte sie nicht, als ob sie etwas Unerwartetes vernommen hätte. Aber Frieden gewann sie und Beruhigung durch diese Veränderung in meinem Elend, in welchem sie mich wie einen von dir zu erweckenden Toten beweint hatte und mich hinausgetragen hatte auf der Bahre ihrer Gedanken, daß du sprechest zu der Witwe Sohne: Jüngling, ich sage dir, stehe auf, und daß er wieder lebendig würde und zu reden anfinge Lind du ihn seiner Mutter wiedergäbest. Von keiner ungestümen Freude ward dir Herz also erschüttert, als sie hörte, daß von so vielem, um das sie tagtäglich zu dir seufzte, wenigstens so viel geschehen sei, daß ich die Wahrheit zwar noch nicht gewonnen, jedoch der Falschheit entronnen sei. Weil sie aber des festen Glaubens lebte, daß du auch das noch Erübrigende geben würdest, der du ihr das Ganze verheißen, antwortete sie mir mit Sanftmut und vertrauendem Herzen, sie glaube in Christo, ehe sie aus diesem Leben scheide, mich noch als rechtgläubigen Christen zu sehen. So sprach sie zu mir; dich aber, du Quell der Erbarmung, ging sie fort und fort an mit Bitten und Tränen, auf daß du beschleunigen mögest das Werk deiner Hilfe und erleuchten meine Finsternis. Um so eifriger ging sie zur Kirche und hing an des Ambrosius Munde wie am Quell des Wassers, das in das ewige Leben quillt. Sie liebte jenen Mann wie einen Engel Gottes, weil sie wußte, daß durch ihn jenes innere Schwanken herbeigeführt sei, aus welchem sie den Übergang von Krankheit zur Genesung bei herzutretender dringlicherer Gefahr, wie bei jenem Zustande, den die Ärzte Krisis nennen, erwartete.

 

Sechstes Buch – Zweites Kapitel

Als sie, wie es in Afrika üblich war, zu den Begräbniskapellen der Heiligen Brot und Wein brachte und vom Türhüter abgewiesen wurde, so fügte sie sich, sobald sie erfuhr, daß der Bischof solches verboten hätte, mit solch demütig frommem Gehorsam, daß ich selbst mich verwunderte, wie leicht sie eher eine Anklägerin ihrer Gewohnheit als eine Richterin jenes Verbots ward; denn nicht Trunkliebe beherrschte ihren Geist und die Liebe zum Weine reizte sie nicht zum Haß gegen die Wahrheit wie so viele Männer und Frauen, welche zu der Predigt, die sie zur Nüchternheit ermahnt und zu dem gewässerten Tranke mit Ekel kommen. Wenn meine Mutter dagegen einen Korb mit den Weihegaben zum Vorkosten und zum Verteilen herbeibrachte, dann nahm sie nie mehr als ein einziges Becherchen, für ihren nüchternen Gaumen gemischt, den sie mit den Ihrigen als Zeichen der Gemeinschaft genoß. Und wenn es auch viele solche Begräbniskapellen gibt, deren Heilige man auf solche Weise ehren wollte, so trug sie doch in allen nur jenen kleinen Becher mit sich umher, dessen Inhalt nicht nur stark gewässertes, sondern auch ganz laues Getränk war, das sie mit den Anwesenden in ganz kleinen Teilen genoß, weil sie Frömmigkeit, nicht Vergnügen daselbst suchte. Als sie nun erfuhr, daß dies von dem vortrefflichen Prediger und Bischof selbst denen verboten sei, die es nüchtern vollzögen, damit den Trunksüchtigen keine Gelegenheit zur Ausschweifung geboten würde und weil ohnehin dies, wie die Totenopfer, dem heidnischen Aberglauben sehr nahe käme, enthielt sie sich ihrer bereitwilligst und lernte für den mit irdischen Früchten angefüllten Korb ein von reinen Gelübden volles Herz dem Gedächtnis der Märtyrer darbringen, damit sie, soviel sie vermöchte, den Armen gäbe. So ward von ihr die Gemeinschaft des Leibes Christi gefeiert, durch dessen Leidensnachfolge die Märtyrer den Tod erduldet und die Krone empfangen haben. Doch scheint es mir, mein Herr und mein Gott, nur dies ist vor deinem Angesichte meines Herzens Meinung daß meine Mutter nicht so leicht von dieser Gewohnheit abgelassen haben würde, wenn ihr ein anderer als Ambrosius es untersagt hätte, den sie nicht wie den Ambrosius liebte, zu welchem sie um meines Seelenheiles willen eine große Zuneigung hegte. Aber auch er liebte sie wegen ihres gottseligen Wandels, in welchem sie in guten Werken, voll Inbrunst des Geistes, unablässig die Kirche besuchte, so daß er, wenn er meiner ansichtig wurde, oft in ihr Lob ausbrach und mir Glück zu einer solchen Mutter wünschte, ohne daß er wußte, was für einen Sohn sie habe, der ich an allem zweifelte und nimmermehr glaubte, daß ich den Weg zum Leben zu finden vermöchte.

 

Sechstes Buch – Drittes Kapitel

Ich seufzte nicht mehr betend nach deiner Hilfe, sondern mein Geist strengte sich an zu forschen und sehnte sich unruhig nach Besprechung mit anderen. Den Ambrosius hielt ich nach weltlichem Maßstabe für einen glücklichen Mann, da ihm selbst Leute von der höchsten Machtbefugnis ihre Ehrenbezeigungen erwiesen, nur seine Ehelosigkeit schien mir schwer durchführbar. Was für Hoffnungen er in sich trug, wie er gegen die Versuchungen seiner eigenen Vortrefflichkeit kämpfte, welchen Trost er hatte in den Widerwärtigkeiten und weich köstliche Freude seines Herzens verborgener Mund von deinem Brote kostete, das konnte ich nicht ahnen, denn ich hatte es selbst nicht erfahren. Auch wußte er nichts von meinen Unruhen noch von dem Abgrunde meiner Gefahr, weil ich ihn nicht nach Wunsch fragen konnte, da die Scharen geschäftiger Leute, deren Schwachheit er aufhalf, von seinem Ohr und Munde mich trennten. Die wenige Zeit, die er nicht mit ihnen zusammen war, erfrischte er den Körper mit der nötigen Nahrung oder labte am Lesen den Geist. Und wenn er las, schweiften die Augen über die Seiten und das Herz erforschte den Sinn, er selbst aber schwieg. oft, wenn wir gegenwärtig waren, denn jeder hatte Zutritt, auch pflegte der Kommende nicht angemeldet zu werden, sahen wir ihn schweigend lesen, und nie anders; lange Zeit saßen wir schweigend da – denn wer hätte es gewagt, eine solche Vertiefung zu stören? –, dann gingen wir in der Vermutung, daß er die kurze Spanne Zeit, die ihm zu seiner geistigen Erholung zu Gebote stand, feiernd von dem Lärmen der Unruhe fremder Angelegenheiten ungestört verbringen wolle. Auch vermied er vielleicht die Lautlosen deshalb, damit er nicht genötigt wäre, den in höchster Aufmerksamkeit in Spannung befindlichen Zuhörern ein minder klar –geschriebenes Buch auszulegen oder sich auf schwierige Fragen einzulassen und durch diese Verwendung seiner Zeit mehr, als er wollte, von seinen Büchern abgezogen zu werden, obgleich wohl noch außerdem der Umstand hinzukam, daß er seine Stimme schonen mußte, die sehr leicht heißer wurde, und er schon deshalb mit vollem Rechte still für sich las. In welcher Absicht aber er es auch tat, er tat wohl daran.

Soviel aber stand fest, daß ich niemals Gelegenheit fand, von seinem Herzen, deinem heiligen Orakel, zu erfahren, was ich wünschte; ein kurzes Gehör erlangte ich zuweilen. Meine innere Aufregung aber verlangte nach einer ruhigen Aussprache mit ihm, nie aber fand sich Zeit dazu. An jedem Sonntage aber hörte ich ihn das Wort der Wahrheit lauter auslegen, und ich überzeugte mich mehr und mehr, daß alle jene Knoten schlauer Verleumdungen, die jene unsere Betrüger gegen die heiligen Schriften knüpften, gelöst werden konnten. Als ich nun vollends erfuhr, daß die Lehre, wie der Mensch von dir nach deinem Bilde geschaffen sei, von den geistlichen Söhnen, die du aus Gnade durch der Mutter Kirche wiedergeboren werden ließest, nicht so verstanden werden dürfe, als ob du nach ihrer Vorstellung in ihren Gedanken von menschlicher Gestalt begrenzt seiest, obgleich ich kaum dunkel ahnte, wie das Wesen des Geistes beschaffen sei, da errötete ich vor Freude, daß ich nicht den echten Kirchenglauben, sondern Hirngespinste fleischlicher Gedanken angebetet hatte. Verwegen und gottlos aber war ich darin, daß ich das, was ich hätte durch Forschen erst zu beurteilen lernen sollen, angeklagt hatte. Du aber, Erhabenster und Nächster, Verborgenster und Gegenwärtigster, der du keine Glieder, weder größere noch kleinere, hast, sondern der du überall ganz und unbegrenzt bist, du bist freilich nicht jene Körperform, die ich mir einbildete; dennoch schufst du den Menschen nach deinem Bilde, und siehe, er ist vom Raume begrenzt vom Kopf bis zu den Füßen.

 

Sechstes Buch – Viertes Kapitel

Da ich also nicht wußte, wie dieses dein Ebenbild beschaffen ist, so hätte ich anklopfen und die Frage vorlegen sollen, was zu glauben sei, und nicht höhnend widerlegen sollen, als glaube die Kirche so. Um so mehr nagte die Sorge an meinem Herz, was ich als sicher annehmen solle, je mehr ich mich schämte, so lange durch die Verheißung der Gewißheit getäuscht und betrogen und in knabenhafter Unbesonnenheit und Irrtum so viel Ungewisses als gewiß in die Welt ausgeschwatzt zu haben. Denn daß es falsch war, ward mir erst später klar. Sicher war jedoch, daß das, was von mir einst für sicher gehalten wurde, unsicher war, als ich deine Kirche mit blinden Beschuldigungen anklagte, von welcher ich zwar noch nicht mit Gewißheit wußte, daß sie Wahres lehre, jedoch daß sie nicht das lehre, was ich mit schwerer Anklage belegt hatte. So zerfiel ich mit mir, und ich freute mich, mein Gott, daß deine einige Kirche, deines Einigen Leib, in der mir als Kind Christi Name beigelegt wurde, keinen Geschmack habe an kindischen Albernheiten, daß sie in ihrer Dogmatik dich, den Schöpfer des Alls, nicht in einen Raum, wenn auch in den erhabensten, so doch überall begrenzten – in den Menschenleib einschloß.

Auch freute ich mich, daß mir nicht mehr zugemutet wurde, die Schriften des Alten Testaments, das Gesetz und die Propheten mit dem Auge zu lesen, mit welchem sie mir früher unsinnig erschienen, als ich deine Heiligen beschuldigte, so zu denken, in Wahrheit aber dachten sie nicht so. Mit Freude hörte ich den Ambrosius in seinen Volkspredigten sagen, eine Regel, die er aufs dringendste empfahl: »Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.« Er enthüllte, was nach dem Buchstaben Verkehrtes zu besagen schien, indem er den mystischen Schleier hinwegnahm, erklärte es nach dem Geiste und äußerte dabei nichts, was bei mir Anstoß erregte, wenn ich auch die Wahrheit des von ihm Vorgetragenen noch nicht verstand. Denn ich suchte mein Herz vor jedem Beifall zu wahren, aus Furcht, in die Tiefe zu fallen, und durch die Ungewißheit ward ich noch mehr gequält, denn ich wollte mich von der Wahrheit der unsichtbaren Dinge so gewiß überzeugen, als ich überzeugt war, daß sieben und drei zehn seien. So unsinnig war ich aber doch nicht, daß ich geglaubt hätte, selbst das lasse sich nicht begreifen; gleich diesem aber wünschte ich auch das andere zu verstehen, sei es nun etwas Körperliches und meinen Augen Abwesendes, sei es etwas Geistiges, an das ich nur denken konnte, wie ich an körperliche Dinge dachte. Durch den Glauben konnte ich geheilt werden, durch den mein geläuterter Geist zu deiner immer bleibenden, in keiner Hinsicht irrenden Wahrheit gelenkt worden wäre. Aber wie der, welcher einem schlechten Arzt in die Hände gefallen ist, auch einem guten sich anzuvertrauen fürchtet, so war es auch mit der Krankheit meiner Seele der Fall, die nur durch den Glauben geheilt werden konnte, und aus Furcht, solches zu glauben, verschmähte sie die Heilung und leistete deinen Händen Widerstand, der du die Heilmittel des Glaubens bereitetest, der du sie über die Krankheiten des Erdkreises verbreitet hast und ihnen so große Kraft verliehen.

 

Fünftes Kapitel

Seitdem ich die Lehre der Kirche der manichäischen vorzog, sah ich, daß in der Kirche sehr bescheiden und ohne allen Hinterhalt befohlen werde zu glauben, was nicht bewiesen wurde, entweder in dem Falle, daß es wirklich wäre, aber für jemand keine Wirklichkeit hätte, oder in dem Falle, daß etwas nicht als wirklich und wahr gelten solle, während dort (bei den Manichäern) solch ein Glaube in den vermessenen Verheißungen des Wissens verlacht ward und danach doch der blinde Glaube an so viel Fabelhaftes und Abgeschmacktes, was sich nicht beweisen ließ, befohlen wurde. Dennoch aber hast du, o Herr, mit der erbarmenden Milde deiner Hand mein Herz berührt und geheilt und hast mich erwägen lassen, wie unzählig vieles ich glaubte, ohne daß ich es sah, ohne daß ich bei seinem Verlaufe gegenwärtig war, wie so vieles in der Geschichte der Völker, so vieles von Orten und Städten, die ich nicht sah, so vieles von Freunden, von Ärzten, von diesen und jenen Menschen, ohne dessen glaubhafte Annahme wir in diesem Leben nichts ausrichteten, endlich wie unerschütterlich fest der Glaube in mir wurzele, von welchen Eltern ich geboren sei, was ich nicht wissen könnte, wenn ich es nicht von anderen gehört hätte. Du überzeugtest mich, daß nicht die anzuklagen seien, welche deiner Schrift Glauben schenkten, deren Ansehen du so mächtig unter fast allen Völkern begründetest, sondern diejenigen, die nicht glaubten, und daß ich denen kein Gehör leihen dürfe, die zu mir sagten: »Woher weißt du denn, daß diese Bücher durch den Geist des einen, wahrhaftigen Gottes dem Menschengeschlecht mitgeteilt wurden?« Und das mußte ich gerade deshalb glauben, weil keine Angriffe durch böswillige Zweifel, die ich in so vielen Büchern sich untereinander bekämpfender Philosophen gelesen hatte, mir das Geständnis abnötigen konnten, daß ich auch nur einmal nicht geglaubt hätte, daß du seiest, welcher Art auch dein Wesen sein mochte, das mir immerhin unbekannt sein konnte, oder daß ich daran gezweifelt hatte, daß die Lenkung der menschlichen Dinge dir zugehöre. Wohl war dieser mein Glaube bald mächtiger, bald schwächer; stets jedoch glaubte ich, daß du seiest und uns leitetest, wenn ich auch nicht wußte, wie ich mir dein Wesen zu denken habe oder welcher Weg zu dir führte oder den, der sich von dir verirrt hat, zurückführte zu dir. Weil wir nun deshalb zu schwach waren, um die Wahrheit mit voller Gewißheit zu finden, und deshalb das Ansehen der heiligen Schrift bedurften, so hättest du, das war meine Ansicht, dies hohe Ansehen der heiligen Schrift nicht über alle Länder der Erde verbreitet, wenn du nicht gewollt hättest, man solle durch sie an dich glauben und solle dich suchen durch sie. Was mir früher als abgeschmackt erschienen war, bezog ich nun, nachdem ich vieles von ihnen mit großer Wahrscheinlichkeit hatte erklären hören, auf die Tiefe der heiligen Geheimnisse, und um so ehrwürdiger und des heiligen Glaubens werter schien mir dieses Ansehen, je zugänglicher sie, allen zum Lesen war, und wenn sie auch der Würde ihrer Geheimnisse tieferes Verständnis bewahrte, doch in allen verständlicher Sprache und den schlichtesten Worten allen sich darbot und das angestrengte Forschen ernster Männer in Anspruch nahm, auf daß sie alle aufnähme in ihren leutseligen Schoß und durch die enge Pforte nur wenige zu dir hinüberführte und doch weit mehrere, als wenn sie nicht mit solch erhabenem Ansehen hervorleuchtete und die Scharen nicht an sich zöge in den Schoß ihrer heiligen Niedrigkeit. Das bedachte ich und du standest mir bei, ich seufzte und du vernahmst mich, ich stürmte umher und du lenktest mich, ich ging die breiten Pfade dieser Welt und du verließest mich nicht.

 

Sechstes Buch – Sechstes Kapitel

Ich trachtete gierig nach Ehre, Gewinn und ehelicher Lust, und du verlachtest mich, Ich erduldete in diesen Begierden die bittersten Beschwerden, und du warst mir um so günstiger gesinnt, je weniger du es zuließest, daß mir irgend etwas süß würde außer dir. Siehe mein Herz an, o Herr, der du wolltest, daß ich solches bedächte und dir gestände. Nun soll dir anhangen meine Seele, die du aus den Netzen des Todes erlöset hast. Wie elend war sie! Du berührtest empfindlich die schmerzende Wunde, daß sie alles verlasse, sich zu dir wende, zu dir, der du über allen bist und ohne den alles nicht wäre, damit sie sich zu dir wende und heil würde. Wie elend ich war und wie du mich mein Elend fühlen lassen wolltest, das merkte ich an jenem Tage, an welchem ich mich vorbereitete, auf den Kaiser Valentinian eine Lobrede zu halten, in der ich viel lügen und mir den Beifall solcher, die wußten, daß ich log, verschaffen wollte und mein Herz diese Sorge ausseufzte und durch Fieberanfälle verzehrender Gedanken sich ängstete. Als ich da durch einen Flecken bei Mailand ging, bemerkte ich einen armen Bettler, der schon angetrunken war, scherzte und guter Dinge war. Da seufzte ich und sprach mit den Freunden, die mit mir waren, wie viele Schmerzen uns doch unsere Torheiten bereiteten; mit all unseren Plänen, mit denen ich mich damals belastete, und unter den Stacheln der Begierden die Bürde meiner Unglückseligkeit mit mir umherschleppend, deren Druck immer schwerer ward, wollten wir nichts erreichen, als zu sicherem Genuß gelangen, worin der Bettler es uns zuvortat, während wir vielleicht niemals dazu gelangen würden. Denn was jener sich mit wenigen erbettelten Pfennigen verschafft hatte, das suchte ich auf so krummen mühseligen Wegen und Umwegen zu erlangen. Wohl hatte er keine wahre Freude, aber eine weit trüglichere suchte ich in meinem Ehrgeize; er freute sich aber doch wenigstens, ich aber war bange; jener war sorglos, ich aber zitterte. Und wenn mich jemand gefragt hätte, ob ich lieber mich freuen oder mich ängsten wolle, so hätte ich gewiß geantwortet: mich freuen. Hätte er mich dann wiederum gefragt, ob ich lieber jener Bettler oder der sein möchte, der ich damals war, so hätte ich mich, den von – Sorge und Furcht Gequälten, gewählt. Aus Verkehrtheit oder aus Wahrheit? Denn dem Bettler durfte ich mich nicht meiner Gelehrsamkeit wegen vorziehen, denn darüber empfand ich keine Freude, sondern suchte mit ihr den Menschen zu gefallen, nicht damit ich sie belehrte, sondern nur uni ihr Gefallen zu erregen. Deshalb hast du auch mit deinem Zuchtstabe meine Gebeine zerschlagen.

Hinweg von mir, die da sagen zu meiner Seele: Es ist cm Unterschied, weshalb man sich freut. Der Bettler freute sich der Trunkenheit, du wünschtest dich des Ruhmes zu freuen. Welches Ruhmes, o Herr? Dessen, der nicht in dir ist. Denn wie jene Freude nicht die wahre war, also war auch jener Ruhm nicht der wahre und verkehrte nur noch mehr mein Gemüt. jener sollte noch in derselben Nacht seinen Rausch verschlafen, ich mußte mit dem meinen mich schlafen legen und stand wieder mit ihm auf und legte mich wieder mit ihm schlafen und mußte wieder mit ihm aufstehen, siehe, wie viele Tage! Freilich ist es ein Unterschied, worüber man sich freut, ich weiß es wohl; aber die Freude jener glaubensvollen Hoffnung ist unverhältnismäßig verschieden von seiner Nichtigkeit; doch auch damals bestand ein großer Unterschied zwischen uns. Ohne Zweifel war jener Bettler glücklicher als ich, nicht nur weil er guter Dinge war, während Sorgen mir das Herz abfraßen, sondern weil jener sich auch durch seine guten Wünsche den Wein erworben hatte, während ich durch Lügen die Befriedigung des Stolzes suchte. In diesem Sinne sagte ich damals vieles zu meinen Freunden; oft überlegte ich mir dabei, wie mir sei, und ich fand das, was übel war, und das schmerzte mich und verdoppelte damit mir das Übel selbst. Und wenn mir das Glück lächelte, so verdroß es mich, danach zu greifen, während es doch, ehe es festgehalten werden konnte, entflog.

 

Sechstes Buch – Siebentes Kapitel

Wir beklagten uns darüber, die, wir in Freundschaft zusammen lebten, am meisten, und am vertrautesten sprach ich aber mit Alypius und Nebridius darüber. Alypius war nämlich aus meiner Vaterstadt der Sohn angesehener Eltern und jünger als ich. Er war mein Schüler gewesen, sowohl als ich in unserer Vaterstadt anfing zu lehren als auch später zu Karthago; er liebte mich innig, weil er mich für gut und gelehrt hielt, und ich liebte ihn wegen seiner Tugendhaftigkeit, die ihn schon in frühem Alter auszeichnete. Allein die Sittenlosigkeit der Karthager, die in den nichtsnutzigen Schauspielen sich in ihrer ganzen Wildheit geltend macht, hatte ihn in den Strudel dieses Elends hinabgezogen; er aber hörte, während er noch elend darin umhergetrieben wurde, noch nicht auf mich, der ich damals Lehrer der Redekunst war, noch auf seinen Lehrer, eines Zwistes wegen, der zwischen mir und seinem Vater ausgebrochen war. Ich vernahm, daß er den Zirkus bis zu seinem Verderben bebte, und ich ward von schwerer Sorge ergriffen, daß solch große Hoffnung verlorengehen sollte, ja ich meinte ihn schon verloren zu haben. Allein es bot sich keine Gelegenheit, Um zu ermahnen und ihn durch Zucht zurechtzuweisen weder durch das Wohlwollen des Freundes noch durch das Recht des Lehramts; denn ich war der Meinung, er sei derselben Gesinnung gegen mich wie sein Vater. Allein dem war nicht so. Ohne auf den Willen seines Vaters zu achten, begann er mich zu grüßen, kam in meinen Hörsaal, hörte einige Zeit zu und ging dann wieder hinweg. – Indes war es meinem Gedächtnis entfallen, ihm ernstlich zuzureden, daß er seine so gut angelegte Natur nicht durch die blinde verderbliche Leidenschaft nichtiger Spiele verderbe. Du aber, o Herr, der du der Lenker deiner Schöpfung bist, du hattest ihn nicht vergessen, der einst unter deinen Söhnen ein Vorsteher deines Heiligtums werden sollte. Und damit seine Besserung offenbar nur dir zugeschrieben würde, so ward ich, jedoch ohne es zu wissen, dein Werkzeug dazu. Denn einst, da ich an meinem gewohnten Platze saß im Kreise meiner Schüler, kam auch er, grüßte mich, setzte sich und schenkte dem, was verhandelt wurde, seine Aufmerksamkeit; zufällig behandelte ich eine Schrift, zu deren Erläuterung mir eine Vergleichung mit den Zirkusspielen passend erschien; damit das, was ich erreichen wollte, annehmlicher und klarer würde, sprach ich mit beißendem Spotte von denen, welche mit Leidenschaft diesem Wahnsinn frönten; du weißt es, o Herr unser Gott, daß ich damals nicht daran dachte, Alypius von dieser Pest zu heilen. jener aber bezog es sogleich auf sich und war der Meinung, ich hätte es nur seinetwegen gesagt. Was ein anderer aber nur auf sich gemünzt angenommen hätte, um mir zu zürnen, das nahm der edle Jüngling auf, nur uni sich selbst zu zürnen und um mich noch glühender zu lieben. Denn schon vormals hattest du gesagt und deiner Schrift eingefügt das Wort: »Strafe den Weisen und er wird dich lieben.« Ich war es nicht, der ihn strafte; du aber, der du dich aller, wissend und nicht wissend, bedienst nach deiner Ordnung, die nur du kennst und die stets die rechte ist, du bereitetest aus meinem Herzen und meiner Zunge glühende Kohlen, mit welchen du das hoffnungsvolle, dem Erlöschen nahe Gemüt wieder entzündetest und heiltest. Dein Lob verschweige, wer deine Erbarmungen nicht erkennt, die mich aus der Tiefe meines Herzens dir das Bekenntnis ablegen lassen. jener schwang sich nach jenen Worten aus der Tiefe des Schlammes empor, von der er mit seinem Willen sich hatte verschlingen lassen und die ihn in unseliger Lust blendete; mit mutiger Enthaltsamkeit streifte er den Schmutz seiner Seele ab, aller Unrat des Zirkus fiel von ihm ab, er betrat ihn nicht mehr. Dann setzte er es bei seinem widerstrebenden Vater durch, ganz mein Schüler zu werden, jener gab nach, gab es zu. Als er mich nun wieder hörte, ward er mit mir in gleichen Aberglauben verwickelt, weil er an den Manichäern die zur Schau getragene Enthaltsamkeit liebte und sie für wahr und echt hielt. Sinnlos war sie aber und verführerisch, nahm edle Seelen gefangen, welche noch nicht die Tugend bis in ihre Tiefen ergründen und daher leicht durch ihre Oberfläche getäuscht werden konnten, wiewohl es doch nur die Oberfläche eines Schattens von geheuchelter Tugend ist.

 

Sechstes Buch – Achtes Kapitel

Nicht um den ihm von seinen Eltern eingeredeten irdischen Weg zu verlassen, ging er nach Rom vor mir, um dein Studium der Rechte sich zu widmen; er ward dort von unglücklicher Leidenschaft für Gladiatorenspiele ganz unglaublich hingerissen. Denn da er sie noch anfangs verabscheute und verwünschte, führten ihn einige Freunde und Mitschüler, als er ihnen, die vom Mahle kamen, begegnete, obgleich er sich mit Aufbietung aller seiner Kräfte heftig weigerte und Widerstand leistete, mit freundlicher Gewalt in das Amphitheater am Tage dieser grausamen und mörderischen Spiele. Er sprach dabei zu ihnen: *Wenn ihr auch meinen Körper an jenen Ort schleppt und dort festhaltet, könnt ihr auch meinen Geist und meine Augen auf jenes Schauspiel wenden? So will ich abwesend anwesend sein und euch und diese Spiele überwinden.« Trotz des Gehörten führten sie ihn mit sich fort, begierig zu erfahren, ob er das wohl würde durchsetzen können. Als sie dort anlangten, setzten sie sich, wo noch ein Platz offen war, und alles glühte in unmenschlicher Lust. Jener schloß die Augen und verbot seiner Seele, sich in solche Fährnisse hinauszuwagen. O, hätte er doch auch seine Ohren verstopft. Denn als einer im Kampfe fiel und das ganze Volk ein mächtiges Geschrei erhob, erlag er der Neugierde, und bereit, jeden Anblick, möge er sein, wie er wolle, stolz zu verachten, öffnete er die Augen. Und seine Seele ward von schwererer Wunde getroffen als jener am Körper, den er zu sehen begehrte, und er sank elender als jener, bei dessen Falle das Geschrei entstand, das durch seine Ohren eindrang und seine Augen aufschloß, so daß eine Blöße entstand, durch welche er getroffen und niedergeworfen werden konnte, im Gemüt mehr dreist als stark und um so schwächer, als es auf sich vertraute, nicht, wie es gesollt, auf dich. Denn da er das Blut sah, da sog er zugleich den Blutdurst ein und wandte sich nicht mehr ab, sondern richtete sein Gesicht daran, schlang die Wut in sich und wußte es doch nicht und ergötzte sich an dem frevelhaften Kampfe und ward berauscht von dem blutigen Vergnügen. Nun war er nicht mehr derselbe, als welcher er gekommen war, sondern einer des Schwarmes, zu dem er gekommen war, und der echte Spießgeselle derer, die in hergeführt hatten. Was ist da noch viel zu sagen? Er sah, er schrie mit, er entbrannte und trug von dannen mit sich das wahnsinnige Verlangen, das ihn reizte, immer wieder und wieder hinzugehen, nicht nur in Begleitung derer, die ihn zuerst mit hingeschleppt hatten, sondern allen voran und andere verführend. Und selbst von dort hast du ihn mit starker und erbarmender Hand hinweggerissen und ihn gelehrt, nicht auf sich, sondern auf dich sein Vertrauen zu setzen – freilich erst viel später.

 

Sechstes Buch – Neuntes Kapitel

Folgende Begebenheit aber ward, um ihn in Zukunft vor Irrtümern zu bewahren, in sein Gedächtnis eingesenkt. Als er einst in Karthago noch als mein Zuhörer zur Mittagszeit auf dem Forum über eine Rede, die er zu halten hatte, nachsann, wie es die Art der Studierenden ist, da ließest du es zu, daß er von den Hütern des Forums als vermeintlicher Dieb ergriffen wurde. Auch das hast du, o mein Gott, nur zugelassen, damit jener später so bedeutende Mann lerne, daß beim Urteilsfällen kein Mensch so leicht mit vermessener Leichtgläubigkeit dürfe verdammt werden. Er ging nämlich allein mit Schreibtafel und Griffel vor dem Tribunal auf und nieder, während ein anderer Jüngling aus der Zahl der Studierenden, der wirkliche Dieb, mit einem Beil, das er bei sich versteckt hielt, ohne daß Alypius etwas davon ahnte, an die Bleigitter herantrat, welche die tiefer laufende Wechslergasse überragen, und das Blei abzuschlagen begann. Die Wechsler, die unten standen, waren durch den Schall des Beiles aufmerksam geworden, besprachen sich heimlich und schickten Häscher aus, die jeden festnehmen sollten, den sie oben fänden. jener entfloh, als er das Stimmengeräusch hörte, mit Hinterlassung seines Beiles, aus Furcht, man könnte ihn damit ertappen. Alypius, der ihn beim Herankommen nicht bemerkt hatte, bemerkte ihn nun beim Davoneilen und sah, wie er sich schnell davonmachte, und neugierig, die Ursache zu erfahren, betrat er den Tatort, fand das Beil, blieb dabei stehen und betrachtete es verwundert. Die Häscher finden ihn mit dem Beil, dessen Klang sie herbeigezogen hatte, in der Hand; sie legen Hand an ihn und schleppen ihn fort; die Bewohner des Forums laufen zusammen, während die Häscher sich rühmen, den Dieb auf der Tat ertappt zu haben. So wurde er denn dem Richter zugeführt.

Hier aber sollte die Lehre, die du ihm geben wolltest, ihr Ende erreichen; denn sogleich kamst du, o Herr, der Unschuld, deren Zeuge du allein warst, zu Hilfe. Denn als er zur Haft oder Strafe geführt ward, kam ihnen ein Baumeister entgegen, der die Oberaufsicht über die öffentlichen Bauten hatte. Die Häscher freuten sich eben, ihm zu begegnen, da er sie gerade in Verdacht hatte, als pflegten sie das vom Forum Abhandengekommene zu entwenden, so daß er nun endlich erkennen möchte, wer der wirkliche Täter sei. jener aber hatte den Alypius oft im Hause eines Senators gesehen, dem er aufzuwarten pflegte, und sogleich, nachdem er ihn erkannt hatte, entriß er ihn der Schar, erfuhr von ihm, was geschehen war, und befahl allen, die unter heftigem Lärm und Drohungen dabeistanden, ihm zu folgen. Und sie kamen an das Haus des Täters. Vor der Türe stand ein Knabe, der zu klein war, als daß er aus einer Aussage Schlimmes für seinen Herrn gefürchtet hätte und der leicht alles angeben konnte, denn er war auf dem Forum sein Begleiter gewesen. Diesen erkannte Alypius und vertraute dem Baumeister seinen Verdacht. jener zeigte dem Knaben das Beil und fragte ihn, ob es seinem Herrn gehörte. Dieser antwortete sogleich: »Ja, es ist das unsrige«, und weiter ausgefragt, erzählte er auch das übrige. So fiel die Tat auf dieses Haus, und die Menge, die bereits über ihn triumphierte, wurde beschämt. Er aber, der kräftige Verwalter deines Wortes und der Schiedsrichter so vieler kirchlicher Angelegenheiten, ging erfahrener und belehrter von dannen.

 

Sechstes Buch – Zehntes Kapitel

Ihn also traf ich in Rom, und Bande inniger Freundschaft verknüpften uns; er reiste mit mir nach Mailand, damit er mich nicht zu verlassen brauchte und um die Rechtswissenschaft, die er mehr nach dem Willen seiner Eltern als nach seinem eigenen erlernt hatte, auszuüben. Dreimal hatte er vorher schon das Amt eines Beisitzers mit der edelsten Uneigennützigkeit bekleidet, über die sich die übrigen wunderten, während er sich mehr über sie wunderte, die das Gold der Rechtschaffenheit vorzogen. Dort ward auch seine Tugend nicht nur durch lockenden Gewinn, sondern auch durch die Anfechtung der Furcht versucht. In Rom bekleidete er einst die Stelle eines Beisitzers im Schatzmeisteramte für Italien. Damals war dort ein sehr mächtiger Senator, dem viele durch ihnen geleistete Dienste verbunden oder aus Furcht dienstbar waren. Der stellte einst nach der Art, wie eine Amtsgewalt wie die seine gemißbraucht zu werden pflegt, ein gesetzwidriges Ansinnen, dem Alypius entgegentrat, der jegliches Versprechen und jede Belohnung verachtete; man suchte ihn durch Drohungen einzuschüchtern, er verachtete sie, so daß jeder seinen ungewöhnlichen Mut bewunderte, der solch einen Mann weder zum Freunde wollte noch ihn als Feind fürchtete. Der Richter selbst, dessen Rat Alypius war und der selbst gegen das Ansinnen war, verweigerte es doch nicht offen, sondern schob die Schuld auf Alypius, dessen Einwilligung nicht zu erhalten sei und der, würde er, der Richter, es selbst tun, gegen ihn gestimmt haben würde. Nur das eine hätte ihn in seinem Eifer für die Wissenschaften fast verleitet, daß er sich nämlich aus den Gerichtssporteln Bücher zu verschaffen besorgt war; sein Rechtssinn indes brachte ihn zu besserem Entschluß; es erschien ihm die Billigkeit, die es verbot, nützlicher als die Gewalt, die es ihm erlaubte. Das ist ein kleines. Aber wer im geringsten treu ist, der ist auch im großen getreu, und kein leeres Wort sprach der Mund deiner Wahrheit: So ihr nun in dem ungerechten Mammon nicht treu seid, wer wird euch das Wahrhaftige vertrauen? Und so ihr nun in dem Fremden nicht treu seid, wer will euch geben dasjenige, das euer ist? Solche Gesinnungen besserten damals ihn, der mir anhing und sich mit mir über die Wahl unserer Lebensweise beriet.

Auch Nebridius hatte seine Heimat, nahe bei Karthago gelegen, verlassen und Karthago Selbst, wo er so oft war, und seinen schönen väterlichen Landsitz, sein Haus und seine Mutter, wiewohl nicht zu erwarten war, daß ihm seine Mutter folgen würde, und war einzig und allein nach Mailand gekommen, mit mir im Feuereifer nach Wahrheit und Weisheit zu streben; er litt gleiche Qualen, er schwankte gleicherweise wie ich, suchte in glühender Sehnsucht ein glückliches Leben, er, der am scharfsinnigsten die schwierigsten Fragen erforschte. Wir waren drei Hungernde, die sich mit lechzendem Munde ihre Not klagten und auf dich harrend, daß du ihnen Speise gebest zu seiner Zeit. Und bei aller Bitterkeit, die unserem weltlichen Treiben durch deine Barmherzigkeit folgte, legte sich Finsternis über uns, wenn wir nach dem Zweck dieser Leiden fragten; seufzend widerstrebten wir und sprachen: Wie lange noch soll dies währen? Und oft sprachen wir also, und doch ließen wir nicht ab von unserem Treiben, weil wir nichts Zuverlässiges hatten, das wir zu erfassen vermocht hätten, wenn wir jenes verließen.

 

Sechstes Buch – Elftes Kapitel

Am meisten aber erfaßte mich Verwunderung, da ich mit Kummer mich erinnerte, welch lange Zeit doch vom neunzehnten Jahre meines Lebens verstrichen sei, wo ich in brennendem Eifer die Wahrheit gesucht hatte mit dem Vorhaben, wenn ich jene gefunden hätte, die eitle Hoffnung auf alle nichtigen Leidenschaften aufzugeben und alle lügnerischen Torheiten; und siehe, schon war ich im dreißigsten Jahre und haftete noch an demselben Unrate, voll Gier nach dem flüchtigen und zerstreuenden Genusse der Gegenwart, und das war mein tägliches Wort: Morgen werde ich es finden, es wird sich mir klar darbieten und ich werde es festhalten; siehe, Faustus wird kommen und mir alles erklären. ihr großen Akademiker! So ist also nichts Sicheres für das Leben zu ergreifen. Nun dann laßt uns fleißiger suchen und nicht verzweifeln.

Schon erscheint mir nicht mehr sinnlos, was mir früher so in den Büchern der Kirche erschien; es kann anders und vernünftig verstanden werden. So will ich meine Schritte lenken auf die Bahn, auf die mich als Kind schon die Eltern stellten, bis ich durchschauliche Wahrheit finde. Wo aber soll ich suchen? Wann soll ich sie suchen? Es fehlt mir nicht Ambrosius, es mangelt mir nicht an Schriften zum Lesen. Wo aber suchen wir die Bücher selbst? Woher und wann sie anschaffen? Von wem sie nehmen? Die Zeit muß eingeteilt, die Stunden müssen bestimmt werden für das Heil der Seele. Eine große Hoffnung ist uns aufgegangen, indem der Kirchenglaube nicht lehrt, was wir dachten und ihm falsch vorwarfen. Seine Lehrer halten es für sündhaft, an einen in Menschengestalt beschlossenen Gott zu glauben, und wir zweifeln noch daran anzuklopfen, auf daß auch das übrige uns kundwerde. In den Vormittagsstunden nehmen mich meine Schüler in Anspruch, was tun wir in den übrigen Stunden? Warum betreiben wir da nicht (was uns nottut)? Aber wann sollen wir denn da unseren Gönnern aufwarten, deren Gunst wir bedürfen? Wann bereite ich mich vor auf die Vorlesungen, welche die Schüler bezahlen? Wann sollen wir uns erholen von der Abspannung des Geistes und den Sorgen, die auf uns lasten?

Weg mit dem allen, verwerfen wir es als eitel und nichtig, wenden wir uns einzig und allein der Erforschung der Wahrheit zu. Das Leben ist voll Elends, die Stunde des Todes ungewiß. Wenn er uns plötzlich überschliche, wie müßten wir aus diesem Leben scheiden? Wo könnten wir erlernen, was wir hier vernachlässigt haben? Müßten wir nicht weit eher die Strafe dieser Vernachlässigung büßen? Wie wenn der Tod all unser Streben mit dem Bewußtsein abschnitte und endigte? Also auch das ist die Frage. Doch ferne sei, daß es also sei.

Es ist etwas und nicht zwecklos, daß ein so außerordentlich hohes Ansehen des christlichen Glaubens sich über den ganzen Erdkreis verbreitet. Nimmermehr würde Gott so Großes und Mächtiges für uns vollbringen, wenn mit dem Tode des Körpers auch das Leben der Seele sich endigte. Was zaudern wir denn da, die Hoffnung auf das Zeitliche aufzugeben und uns voll und ganz dem Suchen nach Gott und dem ewigen Leben zu weihen? Doch warte: denn auch die Dinge dieser Welt haben ihren Reiz und gewähren süßen Genuß; nicht leicht ist es, das Trachten nach ihnen aufzugeben; schmerzlich ist es dagegen, zu ihnen zurückzukehren. siehe, wie wenig gehört z. B. dazu, eine Ehrenstelle zu erlangen. Und was verlangt man mehr? ich habe eine Menge angesehener vornehmer Freunde; lege ich mich nur recht darauf und betreibe es recht eilig, so kann mir selbst ein Landvogtamt gegeben werden; man kann ein Weib mit großem Vermögen heiraten, damit sie nicht die Ausgaben über das Maß vermehre, und es wird das rechte Maß und Ziel des Verlangens erfüllt sein. Viele große Männer, die der Nachahmung wert sind, widmeten sich trotz ihrer Ehe dem Studium der Weisheit.

Als ich so sprach und solche Winde (der Eitelkeit) ihr Spiel mit mir trieben und mein Herz hierhin und dorthin rissen, verstrich die Zeit und noch zauderte ich, mich zum Herrn zu wenden, und ich verschob es von einem Tag zum andern, in dir zu leben, verschob es aber nicht, in mir täglich zu sterben. Ich liebte das Leben der Seligen und fürchtete es in seinem Sitze, und ich floh vor ihm, während ich es suchte. Denn ich glaubte, ich würde gar zu elend werden, wenn ich des Weibes Umarmungen entbehren müßte, und dachte nicht an das Heilmittel deiner Barmherzigkeit, das mich von meiner Schwachheit zu heilen vermochte, weil ich es noch nicht aus Erfahrung kannte, und meinte, die Enthaltsamkeit wäre ein Werk eigener Kraft, von der ich wußte, daß sie mir fehlte, da ich in meiner Torheit so weit ging, nicht zu wissen, was da geschrieben stand: ich kann nicht anders züchtig sein, es gebe mir's denn Gott. Gewiß hättest du mir's gegeben, wenn das Seufzen meines Herzens zu deinem Ohr gedrungen wäre und wenn ich in festem Glauben alle Sorge auf dich geworfen hätte.

 

Sechstes Buch – Zwölftes Kapitel

Wohl suchte mich Alypius von der Heirat abzuhalten, der immer und immer mir wiederholte, daß ein Leben in ungestörter, der Liebe zur Weisheit gewidmeter Muße, nach der wir uns ja schon lange sehnten, mit der Ehe unvereinbar sei. Er selbst lebte schon damals in fast beneidenswerter Keuschheit; in seinen ersten Jünglingsjahren hatte er die Liebe genossen, aber er war nicht in ihren Banden geblieben; jetzt schmerzte es ihn uni so mehr, und er verachtete das Laster und lebte seitdem ganz züchtig. ich aber widerstand ihm, indem ich ihm die Beispiele solcher Männer anführte, die, obwohl verheiratet, doch sich der Weisheit befleißigt und Gottes Gnade erworben hätten und in treuer Liebe an ihren Freunden festgehalten hätten. Ich aber war freilich weit entfernt von der Seelengröße jener Männer und gebunden von der krankhaften Sinnenlust nach todbringendem Genusse; ich schleppte meine Kette und fürchtete mich, sie zu lösen, und da mir schon die Wunde geschlagen war, so verschmähte ich die Worte dessen, der mir wohlmeinend riet, wie die Hand dessen, der mich lösen wollte. Außerdem aber sprach auch die Schlange selbst durch mich zum Alypius und umstrickte ihn und legte ihm durch meine Rede Schlingen auf seinen Weg, durch welche ihm die Füße, die auf ehrbaren Wegen frei wandelten, verwickelt werden sollten.

Denn während er sich über mich wunderte, wie ich, auf den er nicht wenig hielt, so tief von der Macht der Wollust gefesselt sein könnte, daß ich versicherte, wenn wir darüber sprachen, kein eheloses Leben führen zu können, und ich mich dann damit verteidigte, wenn ich seine Verwunderung sah, daß ich sagte, es sei ein großer Unterschied zwischen der von ihm hastig und heimlich genossenen Lust, deren er sich ja kaum noch erinnern und die er leicht und ohne Schwierigkeit verachten könne, und den Freuden meines fortgesetzten Umganges, zu welchen nun noch der Ehrenname der Ehe hinzukäme, er solle sich nicht wundern, wenn ich dieses Leben nicht verachten könne, da begann er selbst nach der Ehe Verlangen zu tragen, keineswegs freilich von dem Reize der Wollust besiegt, sondern aus Neugier. Er wünschte zu wissen, wie er mir sagte, was denn das sei, ohne das mir das Leben,. welches jenem so recht gefiel, nicht als ein Leben, sondern als Strafe erschien. Ein von dieser Fessel freier Geist staunte über meine Sklaverei, und da er darüber staunte, wandelte ihn selbst die Lust an, den Versuch zu machen und sich in die Sklaverei zu stürzen, die er so angestaunt hatte, weil er mit dem Tode einen Bund eingehen wollte; denn wer sich gern in Gefahr gibt, der verdirbt darinnen. Keinen von uns zog ja das an, oder nur schwach, was an der Ehe ehrwürdig ist in der Pflicht, den Hausstand zu leiten, Kinder zu zeugen und zu erziehen. Mich, den Gefesselten, quälte größtenteils nur die gewohnte heftige Begier, meine unerforschliche Fleischeslust zu befriedigen; jenen zog Neugier zur Fessel. So waren wir, bis du, o Höchster, der du unsere Asche nicht verließest, dich der Elenden erbarmtest und uns auf wundersame und verborgene Weise zu Hilfe kamst.

 

Sechstes Buch – Dreizehntes Kapitel

Es wurde mir unablässig zugesetzt, daß ich mich verheiraten solle. Schon bewarb ich mich und es ward mir das Jawort gegeben, da die Mutter sich vorzüglich Mühe gab, daß die heilsame Taufe mich, wenn ich schon in der Ehe lebte, reinigen möchte, und dies um so mehr, da sie sich freute, daß ich von Tag zu Tag für die Taufe geeigneter würde, und wahrnahm, daß ihre Wünsche und deine Verheißungen in meinem Glauben erfüllt würden. Da sie aber sowohl auf mein Bitten und aus eigener Sehnsucht mit lautem Seufzen des Herzens täglich zu dir flehte, du möchtest ihr durch ein Gesicht eine Offenbarung über meine künftige Ehe geben, so erhörtest du sie nie. Sie sah einiges Richtige und Phantastische, wozu sie der Drang ihres hierüber bekümmerten menschlichen Geistes trieb, und erzählte es mir, aber nicht mit dem gewöhnlichen Vertrauen, wenn du ihr es offenbartest, sondern mit einer gewissen Geringschätzung Denn sie äußerte, sie wisse durch eine Empfindung, die sie mit Worten nicht auszusprechen vermöge, wie es ein Unterschied sei, wenn du ihr etwas offenbartest und wenn ihr Geist träume. Dennoch betrieb man es, und die Wahl fiel auf ein Mädchen, aber wegen ihrer zu großen Jugend mußte noch zwei Jahre gewartet werden, und weil sie uns gefiel, so wurde gewartet.

 

Sechstes Buch – Vierzehntes Kapitel

Wir Freunde, wenn wir in größerer Anzahl zusammen waren, erwogen, besprachen und verwünschten die wirren Beschwerden des menschlichen Lebens und beschlossen fest, fern von dem Treiben der Menge in Muße zu leben, und um zu dieser Ruhe zu gelangen, hatten wir folgenden Lebensplan gemacht. Das, was wir besaßen, wollten wir zusammenlegen und aus allem ein gemeinsames Familiengut bilden, daß bei dem Freundesbund nicht das eine diesem, das andere jenem gehöre, sondern, da aus allem eins gebildet wurde, das Ganze den einzelnen gehöre und alles allen. Es schienen uns zehn Männer in diesem Bunde sein zu können, und zwar darunter sehr Vermögende, vor allen Romanianus, unser Landsmann, den schwere Verlegenheiten in seinen Geschäften an den Hof gezogen hatten, von Jugend auf mein vertrautester Freund. Er nahm sich am meisten der Sache an, und bei seinem großen Ansehen fielen seine Ratschläge am meisten ins Gewicht, weil er das größte Vermögen hatte. Wir beschlossen, daß jedesmal zwei Mitglieder ein Jahr lang, wie bei dem Magistrat, alles Notwendige besorgten, die übrigen aber in Ruhe lebten. Aber als wir überlegten, ob das wohl den Frauen, die einige von uns schon hatten und die wir andern uns wünschten, recht sein würde, da zerrann uns der ganze Plan, den wir so trefflich ausgesonnen hatten, unter den Händen und wurde beiseite gelegt. Wir seufzten, klagten und richteten unsere Schritte wieder auf die breiten und betretenen Wege dieser Welt, mancherlei Gedanken waren in unserem Herzen. Dein Ratschluß, o Gott, bleibt in Ewigkeit. Diesem Ratschlusse gemäß verlachtest du das Unsrige und schafftest das Deine. Du gibst uns unsere Speise zu seiner Zeit, du tust deine Hand auf und sättigest alles, was lebt, mit Wohlgefallen.

 

Sechstes Buch – Fünfzehntes Kapitel

Inzwischen mehrten sich meine Sünden. Und da die von meiner Seite gerissen ward – ein Hindernis freilich für meine Vermählung –, mit welcher ich mein Bett zu teilen gewohnt war, ward mein Herz, das an ihr hing, durchbohrt, verwundet und blutete. Sie aber war nach Afrika zurückgekehrt und hatte dir gelobt, nie mehr einem andern Manne anzugehören, und ließ mir zurück den natürlichen Sohn, welchen ich mit ihr gezeugt hatte. Ich aber war unglücklich und konnte nicht einmal Nachahmer des Weibes sein, sondern des Aufschubs ungeduldig, da ich erst in zwei Jahren die erhalten würde, um die ich geworben, verband ich mich, weil ich nicht Freund der Ehe, sondern Sklave der Lust war, mit einer andern, freilich nicht als Gattin, um so die Krankheit meiner Seele zu nähren und durch den Dienst ununterbrochener Gewohnheit bis in das Reich der Ehe ungeschwächt oder gar vergrößert fortzuführen. Doch heilte darum jene Wunde nicht, welche mir durch die Trennung von jener ersten geschlagen wurde, sondern nach Brand und wütendem Schmerz ging sie in Fäulnis über, schmerzte wohl weniger brennend, aber um so hoffnungsloser.

 

Sechstes Buch – Sechzehntes Kapitel

Dir sei Preis, dir sei Ehre, du Quell des Erbarmens! Elender ward ich und du kamst mir näher. Schon nahete sich mehr und mehr deine Rechte, mich aus dem Pfuhle zu reißen und mich zu reinigen, und ich wußte nichts davon. Nichts rief mich zurück von dem tieferen Schlunde fleischlicher Lust als Furcht vor dem Tode und dem kommenden Gerichte, die, auch wenn meine Ansichten darüber wechselten, doch nie ganz aus meinem Herzen wich. Ich sprach mit meinen Freunden Alypius und Nebridius über das höchste Gut und höchste Übel; ich sagte ihnen, daß ich dem Epikur den Siegespreis zuerkennen würde, wenn ich nicht der festen Ansicht wäre, daß es nach dem Tode noch ein Leben der Seele und eine Vergeltung gäbe, eine Ansicht, die Epikurus verneinte. Ich stellte die Frage auf, warum wir, angenommen, wir könnten unsterblich und im beständigen Genusse des Körpers ohne die Furcht, ihn jemals zu verlieren, weiterleben, doch nicht glückselig seien oder was wir noch weiter suchten? Ich wußte nicht, daß darin eben die Größe meines Elends bestand, daß ich, zu versunken und zu verblendet, nicht imstande war, das Licht der Tugend und der ohne fleischlichen Genuß zu hebenden Schönheit zu denken, die das Auge des Fleisches nicht sieht, sondern die nur von den Tiefen der Seele aus geschaut wird. Ich Elender bedachte nicht, aus welcher Quelle mir flösse, was ich über dieses doch so Schändliche ruhig mit den Freunden besprach, und ohne diese Freunde konnte ich nicht glücklich sein, selbst nach der Gesinnung, die ich damals bei jedem Strome sinnlicher Lust bewies. Diese Freunde liebte ich wirklich ohne Eigennutz und wußte, daß auch sie mich ohne Eigennutz liebten. O wundersam gewundene Pfade!

Wehe dem verwegenen Geiste, der da gehofft hat, wenn er von dir gewichen, Besseres zu besitzen! Mag er sich vorwärts, rückwärts, auf den Rücken oder auf die Seite legen, überall findet er nur harte Beschwerden; du allein bist die Ruhe. Siehe, du bist da und befreist uns von unserem elenden Irrtum, führest uns auf deinen Weg, tröstest uns und sprichst: Wohlan! Ich will euch tragen, ich will euch fuhren, ich will euch geleiten zur Heimat göttlicher Ruhe.

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