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Die Bekenntnisse des heiligen Augustinus

Aurelius Augustinus: Die Bekenntnisse des heiligen Augustinus - Kapitel 6
Quellenangabe
typeessay
authorAurelius Augustinus
titleDie Bekenntnisse des heiligen Augustinus
translatorOtto F. Lachmann
publisherReclam
year1888
seriesReclams Universal-Bibliothek
volume2791/94a
created20010524
senderhille@abc.de
correctorreuters@abc.de
corrected20120905
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Fünftes Buch

 

Erstes Kapitel

Empfange das Opfer meiner Bekenntnisse aus der Hand meines Mundes und heile alle meine Gebeine, und sie müssen sagen: Herr, wer ist deinesgleichen? Denn wer vor dir bekennt, der lehrt dich nicht, wes Geistes Kind er ist, denn deinem Auge ist auch ein verschlossenes Herz offen, und der Menschen Härte drängt nicht zurück deine Hand, sondern du schmilzest sie, wenn du willst, sei es nun als Erbarmer oder als rächender Richter, und es bleibt nichts vor deiner Hitze verborgen. Aber meine Seele lobe dich, daß sie dich liebe; sie bekenne sich zu deinem Erbarmen, daß sie dich lobe. Nicht weicht noch schweigt vor deinem Lobe das All deiner Schöpfung; nicht des Menschen Geist, der durch sein Bekenntnis sich wendet zu dir, nicht die Tiere noch die Körper hören auf dich zu preisen durch den Mund der sie betrachtenden Menschen, auf daß unsere Seele sich erhebe aus ihrer Laßheit zu dir, gestützt von deiner Schöpfung, und sich hinaufringe zu dir, der du solches wundervoll schufest. Das aber ist Erquickung und wahre Stärke.

 

Fünftes Buch – Zweites Kapitel

Mögen gehen und fliehen vor dir die Friedlosen und Ungerechten, du siehest sie und durchdringst den Nebel. Und siehe, da ist alles schön um sie, und sie allein sind häßlich. Welchen Schaden brachten sie dir, oder womit haben sie dein Reich, das von den Himmeln bis zu den niedrigsten Geschöpfen gerecht bleibt und unverletzt, verunehrt? Wohin eilten sie denn flüchtigen Fußes, da sie flohen vor deinem Angesicht? Oder wo ist die Stätte, da du sie nicht findest? Aber sie flohen hinweg damit sie dich, den Sehenden, nicht sähen und verblendet sich wider dich empörten, weil du nichts verläßt von dem, was du geschaffen hast; an dir sollen die Ungerechten sich stoßen und mit Recht geplagt werden, wenn sie sich deiner Milde entziehen, deiner Rechten Widerstand leisten und ihrer eigenen Härte verfallen. Vielleicht wissen sie nicht, daß du, den kein Raum beschließt, allenthalben bist und allen gegenwärtig, auch denen, die sich weit von dir entfernen. Mögen sie sich wenden und dich suchen, denn nicht hast du, wie sie ihren Schöpfer verließen, dein Geschöpf verlassen. Sie mögen sich wenden und dich aufsuchen, und siehe, du bist in ihren Herzen, in den Herzen deiner Bekenner, die sich in deine Arme werfen und an deiner treuen Brust sich ausweinen nach ihren mühseligen Wegen, und leutselig trocknest du ihre Tränen. Und reichlich fließt die Träne und sie freuen sich unter Tränen, weil du, Herr, nicht bist ein Mensch, Fleisch und Blut, weil du, o Herr, ihr Schöpfer, sie erquickst und tröstest. Und ich, wo war ich, da ich dich suchte? Du warst vor mir, ich aber war von mir selbst hinweggewichen und fand mich nicht, wieviel weniger dich!

 

Fünftes Buch – Drittes Kapitel

Reden will ich vor dem Angesichte meines Gottes von jener Zeit, da ich neunundzwanzig Jahre alt war. Da kam nach Karthago ein Bischof der Manichäer, Faustinus mit Namen, eine gewaltige Schlinge des Satans; viele fingen sich darin, durch die Lobsprüche seiner süßen Rede betört, und obgleich ich dieselbe lobte, so unterschied ich sie doch von der Wahrheit der Dinge selbst, die ich zu lernen eifrig begehrte, und deshalb achtete ich nicht auf das Gefäß der Rede, sondern auf den Inhalt dessen, was mir als wissenschaftliche Nahrung jener gerühmte Faustus darbot. Denn ihm ging der Ruf voraus, daß er ein in ehrlicher Wissenschaft vielerfahrener Mann sei und in den freien Künsten außerordentlich unterrichtet. Und da ich ziemlich viel mich mit Philosophie beschäftigt und mein Gedächtnis einiges davon behalten hatte, so verglich ich manches mit den Ammenmärchen und Hirngespinsten der Manichäer, und mir erschienen jene Aussprüche der Wahrheit viel näher zu kommen, die soviel haben mögen einsehen, daß sie konnten die Welt ermessen, obgleich sie den Herrn derselben nicht gefunden haben. Denn du, Herr, bist groß und siehest auch das Niedrige und kennst den Stolzen von ferne, und du bist nahe bei denen, die gebrochenen Herzens sind. Du läßt dich nicht von den Stolzen finden, wenn sie auch in ihrem Fürwitz die Steine und den Sand zählen und den Sternenhimmel messen und nach den Bahnen der Gestirne spüren.

Denn mit ihrem Verstande und dem Geist, den du ihnen gegeben, erforschen sie vieles und sie fanden vieles; viele Jahre zuvor wissen sie die Mond- und Sonnenfinsternisse zu verkünden, an welchem Tage und zu welcher Stunde sie stattfinden, welchen Umfang sie haben werden; ihre Berechnung täuscht sie nicht, und wie sie vorher verkündeten, so geschah es; auf Grund ihrer Forschungen stellen sie darin feste Regeln auf, die man noch heute anwendet, und aus ihnen erkundet man, in weichem Jahre, Monate, Tage, zu welcher Stunde und um wieviel sich Mond oder Sonne verfinstern werde, und es geschieht nach ihrem Wort. Und die Menschen wundern sich darüber und die Unkundigen entsetzen sich, die Kundigen aber frohlocken und brüsten sich, und in ruchlosem Stolze entfernen sie sich und entziehen sich deinem Lichte, sehen lange vorher der Sonne Verfinsterung, aber die ihrige sehen sie nicht. Denn sie fragen nicht mit frommen Sinne, woher sie ihren Geist haben, durch den sie dies erforschet. Und wenn sie endlich erforschen, daß du sie geschaffen, so geben sie sich nicht dir zu eigen, auf daß du erhältst, was du geschaffen, und wie sie selbst sich machen zu ihren Götzen, so sterben sie dir ab und trotzen dir mit Hochfahren wie die Vögel unter dem Himmel und mit ihrem Fürwitz wie die Fische im Meere, mit dem sie auf den verborgensten Pfaden des Meeres umherschweifen, und mit ihren Lüsten wie die Tiere des Feldes, damit du Gott, ein fressend Feuer, ihrer Toten Sorgen verzehrst und sie wiedergeboren werden lässest zur Unsterblichkeit.

Aber sie kennen nicht den Heilsweg, dein Wort, durch das du schufst, was sie zählen, und sie, welche zählen, und den Verstand, womit sie zählen, aber deiner Weisheit ist keine Zahl. Er selbst aber, der Eingeborene, ist uns gemacht zur Weisheit, zur Gerechtigkeit und Heiligung, er ward unter uns gezählt und gab dem Kaiser, was des Kaisers ist. Den Weg lernen sie nicht kennen, auf welchem sie von ihrer selbstgewählten Höhe hinabsteigen zu ihm und durch ihn hinaufsteigen zu ihm. Den Weg lernen sie nicht kennen und halten sich für leuchtend und erhaben wie die Sterne, und siehe, sie stürzten zur Erde und ihr unverständiges Herz ist verfinstert. Vieles Wahre wissen sie von der Schöpfung zu sagen; aber die Wahrheit der Schöpfung, ihren Ursprung suchen sie nicht mit frommem Herzen, und deshalb finden sie ihn auch nicht, oder wenn sie ihn finden und Gott erkennen, so preisen sie ihn nicht als Gott und danken sie ihm nicht, sondern sie sind in ihrem Dichten eitel geworden und hielten sich für weise und legen sich zu, was dein ist. Deshalb suchen sie auch in ihrer verkehrten Blindheit dir zuzuschreiben, was das ihre ist, häufen Lügen auf dich, der du die Wahrheit bist, und haben verwandelt die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild gleich dem vergänglichen Menschen und den Vögeln und den vierfüßigen und kriechenden Tieren und verwandeln deine Wahrheit in Lügen und haben geehrt und gedient deinem Geschöpfe mehr denn dem Schöpfer.

Vieles aber, was sie vorhersagten von der Schöpfung, behielt ich, und die wissenschaftliche Begründung ihrer Aussagen leuchtete mir ein durch Berechnung und Ordnung in der Zeit und durch die sichtbaren Zeugnisse der Gestirne, und ich verglich es mit den Aussprüchen des Manichäers, welcher gerade darüber viel wahnwitziges Zeug zusammenschrieb; doch entbehrte er so jeglicher wissenschaftlicher Begründung in bezug auf Sonnenwende, Sonnen- und Mondfinsternisse, wie denn in diesen Schriften auch nichts von Weltweisheit stand. Hier mußte ich blindlings glauben, meine Kenntnisse, die auf Berechnungen und Augenschein fußten, halfen mir nichts, denn alles verhielt sich da ganz anders.

 

Fünftes Buch – Viertes Kapitel

Gefällt dir schon der, welcher solches weiß, o Herr und Gott der Wahrheit? Unglücklich ist wahrlich der Mensch, der solches alles kennt und dich nicht kennt, selig aber, wer dich kennt, wenn er auch jenes nicht kennt. Und wenn er auch dich und jenes kennt, so ist er um jener Kenntnisse willen doch nicht glückseliger, sondern allein du bist, der ihn beseligt, wenn er weiß, daß ein Gott ist, und wenn er dich als seinen Gott preiset, dir danket und nicht eitel in seinem Dichten wird. Denn wie der besser daran ist, welcher weiß, daß er einen Baum besitzt, und für den Nutzen, den er ihm bringt, Dank abstattet, ob er gleich nicht weiß, wieviel Fuß er hoch ist oder welches sein Umfang ist, als jener, welcher ihn ausmißt und alle seine Zweige zählt, während er ihn weder besitzt noch seinen Schöpfer kennt oder liebt, so hat unzweifelhaft der Gläubige den besseren Teil, dem die Welt mit all ihren Schätzen ist, der nichts innehat und doch alles hat, weil er den umfängt, dem alles dient, wenn er auch den Kreislauf des Wagens nicht kennt; besser ist ihm als dem, der den Himmel mißt, die Sterne zählt, die Elemente wägt und dich dabei vernachlässigt, der da alles geordnet hat nach Maß, Zahl und Gewicht.

 

Fünftes Buch – Fünftes Kapitel

Wer verlangte aber von dem Manichäer, daß er auch über solche Sachen schreibe, welche zur Aneignung der Frömmigkeit ganz und gar nicht nötig waren. Denn du sprachst zum Menschen:« Siehe, die Furcht des Herrn, das ist die Weisheit.,( In dieser freilich konnte er unerfahren sein, auch wenn er jene Dinge völlig verstanden hätte; weil er sie aber nicht verstand, sie aber trotzdem in bodenloser Frechheit zu lehren wagte, so war ihm Gottesfurcht völlig fremd, denn Eitelkeit ist es, mit solcherlei weltlichen Kenntnissen zu prahlen, Frömmigkeit aber, dir zu bekennen. Von ihr eilte er hinweg zu solcherlei Dingen, und die, welche wirklich etwas davon verstanden, konnten ihn vermöge seiner Unwissenheit in Dingen, über welche er so viel schwatzte, mit Leichtigkeit überführen und erkennen, wie es mit seiner Kenntnis von tiefer verborgen liegenden Dingen beschaffen sei, ob er gleich eine große Meinung von sich hatte und die Leute zu überreden suchte, der heilige Geist, der Tröster und Mehrer deiner Gläubigen, sei in seiner Fülle persönlich in ihm erschienen. Wenn er daher über falschen Behauptungen betreffs des Himmels, der Gestirne, der Sonne, des Mondes und seiner Berechnungen betroffen wurde, so bewies dies, obgleich Astronomie ja nicht mit zur Religionslehre gehört, doch genugsam sein gotteslästerliches Streben, denn nicht nur das ihm Unbekannte, sondern auch wissentlich Gefälschte trug er in wahnsinnig eitler Ehrsucht also vor, als ob ihm diese Kenntnisse von einem Wesen göttlichen Ursprungs zukämen.

Wenn ich einen christlichen Mitbruder über weltliche Dinge eine Ansicht aussprechen höre, die Unkenntnis der Tatsachen und Irrtümer verrät, so habe ich doch Geduld mit ihm, denn ich weiß, daß ihm seine Unkenntnis betreffs der Lage und Beschaffenheit der sinnlichen Natur keinen Schaden bringt, sofern er nur von dir, dem Herrn und Schöpfer aller Dinge, nichts Unwürdiges glaubt. Schaden brächte es ihm ja nie, wenn er glaubte, daß solches in den Bereich der Lehre von der Gottseligkeit gehöre, und er es wagte, hartnäckig zu behaupten, wovon er doch nichts versteht. Aber auch solche Schwachheit in der Kindheit des Glaubens wird von der Liebe als einer Mutter ertragen, bis der neue Mensch werde ein vollkommener Mann, der sich nicht mehr wägen und wiegen läßt von allerlei Wind der Lehre. Wer aber sollte nicht bei dem, der als Lehrer, als Stifter, Führer und Meister der von ihm Irregeführten also aufzutreten wagte, daß seine Anhänger meinten, sie folgten nicht einem Menschen, sondern deinem heiligen Geiste selbst, solchen Wahnsinn auch von nachweislich falschen Lehren vorbringt, für abscheulich und verwerflich erachten? Dennoch aber war ich noch nicht zu völlig klarer Gewißheit durchgedrungen, ob nicht vielleicht der Wechsel von Tag- und Nachtdauer der Wechsel von Tag und Nacht selbst, die Finsternisse und was ich noch derartiges in anderen Büchern gelesen hatte, auch nach seiner Weise erklärt werden könnte. Falls dies nun möglich gewesen wäre, so würde ich zwar in Ungewißheit geraten sein, ob sich die Sache so verhalte oder nicht, den Ausschlag aber für mich hätte schließlich doch das Ansehen Marius' und seiner vermeintlichen Heiligkeit gegeben.

 

Fünftes Buch – Sechstes Kapitel

Fast neun Jahre hindurch, in denen ich sie mit unstetem Geiste hörte, erwartete ich mit zu lange hingehaltener Sehnsucht, daß jener Faustus kommen sollte, auf den mich die anderen vertrösteten, so oft sie meinen Fragen nicht gewachsen waren, indem sie mir versicherten, im persönlichen Verkehr werde er mir das alles und noch viel höhere Fragen aufs beste entwickeln. Als er nun kam, fand ich in ihm einen liebenswürdigen, artigen Mann, der die Lehren jener mir noch viel einnehmender vorschwatzte. Was aber fragte mein Durst nach prächtigen Bechern, was half mir der artigste Mundschenk? Von solchen Sachen waren meine Ohren schon gesättigt, auch schienen sie uns dadurch nicht besser zu werden, weil sie besser gesagt wurden und dadurch nicht an Wahrhaftigkeit zu gewinnen, weil sie in gewandter Weise aufgetischt wurden, noch schien mir ein Geist deshalb weise, weil sein Minenspiel entsprechend und seine Rede eine würdevolle war. Jene aber, welche mich auf ihn vertröstet hatten, vermochten den Sachverhalt gar nicht zu beurteilen, und nur deshalb erschien er ihnen klug und weise, weil er sie durch seine Beredsamkeit ergötzte. Ich lernte aber auch noch eine andere Art von Menschen kennen, welche die Wahrheit verdächtigen und der Wahrheit nicht trauen wollten, sobald sie mit reichem Schmuck vorgetragen wurde. Mich aber hattest du, mein Gott, schon gelehrt auf wunderbare und verborgene Weise, und nur darum glaube ich es, weil du es mich gelehrt hast, denn aus diesem Grunde ist es wahr, und keinen andern Lehrer der Wahrheit gibt es denn dich, woher er auch kommen möge. Schon hatte ich von dir gelernt, nicht deshalb etwas für wahr zu halten, weil es beredt vorgetragen werde, und nicht deshalb etwas für falsch, weil die Sprache eine schwerfällige sei, und wiederum nicht deshalb etwas für wahr, weil es kunstlos gesagt werde, noch deshalb für falsch, weil die Rede glänzend sei; sondern mit Wahrheit und Torheit verhalte es sich wie mit gesunden und ungesunden Speisen, die beide in geschmückten und schmucklosen Worten wie in einfachen und feinen Gefäßen aufgetragen werden können.

So ward meine Begierde, mit der ich jenen Mann so lange erwartet hatte, zwar gestillt durch das einnehmende und lebhafte Wesen und durch seine Gewandtheit im Ausdruck, der den Eindruck des völlig Ungezwungenen machte. Viele unterstützte ich in ihren Lobsprüchen; aber unangenehm war es mir, daß ich in dem Hörerkreise nichts gegen ihn vorbringen und ihm meine dringenden Fragen nicht zur Beantwortung vorlegen durfte im vertraulichen Austausch der Gedanken. Als ich dies vermochte und sein Gehör in Anspruch nehmen konnte mit meinen Freunden zu einer Zeit, da es nicht unschicklich war, mit ihm zu disputieren, und ich einiges vorbrachte, das mich am meisten bewegte, fand ich in ihm einen Mann, der in den freien Künsten unbewandert war, die Grammatik ausgenommen, die er auch nicht über das Maß des Gewöhnlichen verstand. Er hatte einige Reden Ciceros gelesen, sehr wenig Schriften von Seneca und einige Dichter und das, was in seiner Sekte in gut stilisiertem Latein geschrieben war, und weil er Gelegenheit hatte, täglich Reden zu halten, so gewann er dadurch eine Redefertigkeit, die sich angenehm der Fassungskraft der Hörer einschmeichelte und eines gewissen Mutterwitzes nicht bar war. Ist es nicht so, mein Herr und mein Gott, der du Richter meines Bewußtseins? Offen liegt vor deinem Herz mein Herz und meines Herzens Erinnerung, der du schon damals mich mit der geheimnisvoll verborgenen Vorsehung leitetest und meine schmachvollen Irrtümer mir vor die Augen brachtest, damit ich sie sähe und hassenswert fände.

 

Fünftes Buch – Siebentes Kapitel

Nachdem ich von seiner Unwissenheit in den freien Künsten überzeugt war, in denen ich ihn für ausgezeichnet gehalten hatte, verzweifelte ich daran, daß jener mir darüber Aufschluß zu geben imstande wäre, die quälenden Zweifel lösen und auslegen könnte; und doch hätte er, obwohl in solchen Dingen unwissend, sich an die Wahrheit der Frömmigkeit halten können, wenn er nur kein Manichäer gewesen wäre. Denn ihre Bücher sind voll von lang ausgesponnenen Fabeln über den Himmel und die Gestirne, über Sonne und Mond, über alles das konnte er mir in der gewünschten Weise nicht genugsam Auskunft geben, ob die Vergleichung der Berechnungen, die ich anderswo gelesen hatte, dieselbe wie die der Manichäer sei, so daß ich sie für wahr befunden hätte. Als ich ihm dies zur Betrachtung und Besprechung vorlegte, war er doch bescheiden genug und wagte es nicht, sich einer solchen schweren Aufgabe zu unterziehen; denn er wußte, daß er nichts davon verstand, und schämte sich nicht, dies zu bekennen. Er war keiner von den Schwätzern, deren ich so viel zu ertragen hatte, die mich zu belehren versuchten und im Grunde genommen gar nichts sagten. jener aber hatte ein Herz; obwohl er nicht dir zugewandt war, hielt er doch nicht allzu vermessen an sich fest. Er war überhaupt nicht unbekannt mit seiner Unkenntnis und wollte nicht durch dummdreiste Wortfechterei in eine Enge getrieben werden, von der aus weder irgendein Ausgang möglich noch ein Rückweg leicht wäre; auch hierin gefiel er mir besser. Denn diese Bescheidenheit einer aufrichtigen Seele ist besser als das, was ich zu wissen wünschte; und so ging es mir mit ihm bei allen schwierigen und verwickelten Fragen.

Da mein Eifer, den ich auf die Schriften des Manichäers gewandt hatte, gebrochen war und ich mehr und mehr auch an ihren übrigen Lehren verzweifelte, da jener namhafte sich bei vielen Fragen, die mich bewegten, also bewies, so fing ich an, mich jenem Studium anzuschließen, mit ihm zu verkehren, weil er sich sehr auf die Wissenschaften warf, welche ich damals schon als Rhetor zu Karthago die Jünglinge lehrte, und mit ihm Bücher zu lesen, die er nur vom Hörensagen her kannte und erkennen zu lernen wünschte oder die ich einem solchen Geist für angemessen erachtete. Im übrigen aber wurde mein Eifer, durch welchen ich es in der Sekte zu etwas zu bringen mir vorgenommen hatte, durch die Bekanntschaft mit jenem Manne völlig untergraben; aber da ich noch nichts Besseres fand als das, worin ich mich jetzt gestürzt hatte, so trennte ich mich nicht gänzlich von ihnen, sondern gab mich vorläufig zufrieden, bis sich vielleicht etwas Besseres zur Auswahl darbieten würde. Und so begann Faustus, der so vielen eine Schlinge des Todes ward, die zu lösen, in der ich gefangen lag, ohne sein Wollen und Wissen freilich; denn deine Hände, o Gott, hatten nach der Tiefe deiner Vorsehung meine Seele nicht verlassen; meiner Mutter blutendes Herz brachte dir Tag und Nacht für mich Tränenopfer, und du hast mich auf wunderbare Weise geleitet. Du tatest jenes, mein Gott. Denn von dir werden der Menschen Schritte geleitet, auf daß er Lust habe an deinen Wegen. Oder wo ist Heil als nur durch deine Hand, die erquickt, was du schufst?

 

Fünftes Buch – Achtes Kapitel

Wunderbar hast du mich geleitet daß mir geraten wurde, nach Rom zu reisen, um dort besser lehren zu können, was ich zu Karthago lehrte. Auch wie mir dies geraten wurde, will ich nicht unterlassen, dir zu bekennen, weil hierin deine tiefsten Verborgenheiten und zugleich deine gegenwärtigste Barmherzigkeit gegen uns zu bedenken und zu prüfen ist. Nicht des größeren Erwerbes und des größeren Ansehens halber, die mir die beratenden Freunde zusicherten, wollte ich nach Rom reisen, obgleich auch das mich damals anzog, sondern die Hauptsache, ja beinahe der einzige Beweggrund war, weil ich vernahm, die jungen Studierenden lebten dort ruhiger und würden durch geordnete Zucht in Schranken gehalten, so daß sie nicht bald bei dem, bald bei jenem Lehrer sich eindrängen, wiewohl sie nicht bei ihm hörten; überhaupt würden sie gar nicht zugelassen, wenn jener nicht die Erlaubnis dazu erteilte. In Karthago dagegen ist die Unverschämtheit der Studierenden maßlos. Sie strömen unverschämt herein und wie rasend stören sie die Ordnung, welche jeder seinen Schülern festgestellt hat, um sie in ihren Studien zu fördern. Mit unbegreiflicher Roheit verüben sie ihre Bubenstreiche, die der Strafe des Gesetzes unterliegen sollten, wenn nicht die Gewohnheit sie beschützte, die sie um so heilloser darstellt, da sie das, als ob es erlaubt wäre, ausüben, was doch nach deinem ewigen Gesetz nie erlaubt sein wird, und es ungestraft zu begehen glauben, während sie doch schon durch diese sündige Verblendung gestraft werden und ungleich mehr Böses erleiden, als sie tun. Die Sitten, welche ich als Studierender mir nicht aneignen wollte, die sollte ich nun gezwungenerweise als Lehrer an anderen ertragen, und darum wollte ich dahin gehen, wo solches nach dem Zeugnis aller nicht geschah. Du aber, meine Hoffnung und mein Teil im Lande der Lebendigen, bewogst mich für das Heil meiner Seele, meinen Wohnort zu ändern, und zu Karthago ließest du mich stacheln, um mich von da loszureißen, und in Rom mir Lockspeisen vorhalten.

Durch Menschen, welche ein totes Leben liebten, dort durch solche, die heillos handelten, andererseits von solchen, die Eitles verhießen, und um meinen Wandel zu bessern, bedientest du dich geheimnisvoll sowohl der Verkehrtheit anderer als auch der meinen, denn die mich um meine Ruhe brachten, waren blind in schändlicher Verwilderung und die mich anders wohin luden, waren irdisch gesinnt. Ich aber, der ich hier das wahre Elend verabscheute, suchte dort falsche Glückseligkeit.

Warum aber ich von Karthago nach Rom ging, du wußtest es, o Gott, machtest es aber weder mir noch der Mutter kund, die bei meiner Abreise bitterlich weinte und mir bis zum Meere folgte. Ich täuschte sie, da sie mich mit Gewalt festhielt, entweder um mich zurückzuhalten oder selbst mit mir zu gehen, und gab vor, bei einem Freunde zu bleiben und nicht ohne sie abzufahren, bis ein günstiger Wind die Abfahrt ermögliche. So betrog ich meine Mutter, und welch eine Mutter! und entrann, während du mir auch dies in deiner Barmherzigkeit vergabst und mich bewahrtest vor den Wassern des Meeres, da ich voll verdammlichen Schmutzes war bis zu dem Gnadenwasser der Taufe, durch das ich gereinigt wurde, damit der Tränenstrom des Mutterauges versiegte, mit welchem dir ihr Angesicht täglich die Erde netzte. Und da sie sich weigerte, ohne mich zurückzukehren, überredete ich sie mit Mühe, daß sie in dem unserm Schiff zunächst gelegenen Bauwerk, der Begräbniskapelle des hl. Cyprian, die Nacht verbrächte. In derselben Nacht aber fuhr ich heimlich ab, jene aber blieb zurück in Gebet und Tränen. Und was bat sie von dir, mein Gott, mit so viel Tränen, daß du mich nicht abreisen lassen möchtest. Du aber nach deinem hohen Ratschluß erhörtest wohl das Hauptziel ihrer Sehnsucht, aber du erhörtest nicht, was sie damals bat, damit du an ihr es erfülltest, was ihr stetes Gebet war. Es wehte der Wind, unsere Segel füllten sich und entzogen unseren Augen das Ufer, an dem am Morgen meine Mutter in bitterem Schmerze jammerte und mit Klagen und Seufzen dein Ohr erfüllte, als hättest du ihr Flehen verachtet, da du mich durch meine Gelüste fortrissest, um diesen Gelüsten selbst ein Ende zu machen und meiner Mutter fleischliches Verlangen mit der Geißel gerechten Schmerzes schlugest. In mütterlicher Weise liebte sie, mich immer um sich zu haben, doch viel inniger als andere, und sie wußte nicht, welche Freude du ihr aus meiner Abwesenheit schaffen würdest. Sie wußte es nicht und deshalb weinte und klagte sie, und in jenen Qualen verriet sich in ihr das Erbteil der Eva, wenn sie mit Seufzen suchte, was sie mit Schmerzen geboren. Doch, nachdem sie meinen Trug und meine Grausamkeit verklagt hatte, da wendete sie sich wiederum zur Fürbitte für mich, sie ging ihrer gewohnten Lebensweise nach und ich – nach Rom.

 

Fünftes Buch – Neuntes Kapitel

Und siehe, dort ward ich von der Geißel leiblicher Krankheit betroffen und wankte dem Tode zu, mit mir tragend alles Böse, das ich gegen dich und mich und andere, viel und schwer, verübt hatte, dazu gebunden von der Fessel der Erbsünde, durch die wir alle in Adam sterben. Denn du hattest mir noch nichts von alledem in Christo vergeben noch hatte jener von seinem Kreuz die Feindschaften weggenommen, welche ich mir durch meine Sünden gegen dich zugezogen hatte. Denn wie hätte er sie am Kreuz als jenes Scheinbild, für das ich ihn gehalten, zu lösen vermocht? So falsch mir daher der Tod seines Fleisches erschien, so nahe war der Tod meiner Seele, und so wahr der Tod seines Leibes war, so falsch war das Leben meiner Seele, welche nicht daran glaubte. Mit zunehmendem schwerem Fieber ging ich schon meinem Untergang entgegen. Denn wohin wäre ich gegangen, wenn ich damals aus diesem Leben ging, als in Feuer und Qualm, meiner Taten würdig, nach der Wahrheit deiner Ordnung. Die Mutter wußte nichts davon und doch betete sie für mich, da ich fern war. Du aber, Allgegenwärtiger, erhörtest sie, wo sie auch war und wo ich war, da erbarmtest du dich meiner, daß ich meine Gesundheit wiedererlangte, wenn auch noch krank durch das gottlose Herz. Nicht sehnte ich mich auch in solch großer Gefahr nach deiner Taufe! Besser war ich, da ich noch ein Knabe war, da ich sie, 'von der Frömmigkeit der Mutter angeregt, verlangte, wie ich es ja schon gesagt habe in meinen Bekenntnissen. ich aber war in meiner Schande gewachsen; wahnsinnig verlachte ich den Rat deines Heils, der du mich nicht zweimal, zeitlich und ewiglich, sterben ließest als ein solcher. Wenn mit dieser Wunde das Herz meiner Mutter geschlagen worden wäre, sie wäre nimmer genesen; denn nicht genug kann ich es ja aussprechen, mit welcher Zärtlichkeit sie mich liebte und mit wieviel größerer Bedrängnis sie mich im Geiste gebar, als sie mich im Fletsche geboren hatte.

Um deswillen ist es mir nicht denkbar, wie sie hätte genesen sollen, wenn solch ein doppelter Tod ihr liebendes Herz durchbohrt hätte. Wo wären so innige ununterbrochene Gebete geblieben, wo wären sie anders als bei dir? Oder solltest du, Gott des Erbarmens, dies geängstete und zerschlagene Herz einer züchtigen und verständigen Witwe verachtet haben, die fleißig Almosen gab, deinen Heiligen gehorsam war und ihnen diente, keinen Tag ohne Opfer auf deinem Altar vorübergehen ließ, die zweimal am Tage, morgens und abends, zu deiner Kirche ohne Unterlaß kam, nicht leerer Fabeln und Altweibergeschwätzes wegen, sondern daß sie dich hörte in deiner Rede und du sie in ihren Gebeten erhörtest? Solltest du die Tränen, mit denen sie dich nicht um Gold oder Silber bat noch sonst um ein wandelbares und unbeständiges Gut, sondern um das Seelenheil ihres Sohnes, du, durch dessen Wirken sie also war, solltest du sie zurückweisen und ihr deine Hilfe verweigern? Nicht doch! Du warst ihr nahe, und du erhörtest sie nach der Heilsordnung, die du vorher bestimmt hattest. Fern sei es, zu behaupten, du hättest sie in jenen Gesichten und Offenbarungen getäuscht, die ich schon erwähnte, und die ich noch nicht erwähnte, die sie in treuem Herzen bewahrte und Gebete, die sie wie eine Handschrift dir immer wieder vorhielt. Denn du würdigst, solange dein Erbarmen in der Zeit währt, die, welchen du ihre Schulden erläßt, auch durch deine Verheißungen ihr Schuldner zu bleiben.

 

Fünftes Buch – Zehntes Kapitel

So hast du mich denn von jener Krankheit hergestellt und hast gesund gemacht den Sohn deiner Magd, damals fürs erste leiblich, damit er am Leben bliebe und du ihm ein besseres und sichereres Heil verliehest. Auch in Rom knüpfte ich Verbindung an mit jenen betrogenen und betrügenden Heiligen, nicht nur mit den sogenannten »Zuhörern«, zu denen auch der gehörte, in dessen Hause ich krank lag und gesundete, sondern auch mit denen, die man die »Auserwählten« nennt. Denn mir schien es noch, als ob wir es nicht wären, die da sündigten, sondern in uns sündige eine andere Natur; und es erfreute meinen Stolz, schuldlos zu sein und, wenn ich irgend etwas Böses getan hatte, mich nicht zur Tat bekennen zu müssen, damit du meine Seele heilest, denn sie hat an dir gesündigt; sondern ich pflegte sie zu entschuldigen und etwas anderes anzuklagen, was mit mir war, ohne daß ich es war. Aber mein Ich war das Ganze, meine Gottlosigkeit hatte mich aber feindlich entzweit. Und eben darin beruhte meine Sünde, die um so unheilbarer war, je weniger ich mich für den Sünder hielt, und es war eine fluchwürdige Ungerechtigkeit, daß ich lieber wollte, daß du, allmächtiger Gott, in mir zu meinem Verderben überwunden würdest, als daß ich von dir zu meinem Heile überwunden würde, Denn noch hattest du meinem Mund keine Wache gesetzt und eine Türe der Schweigsamkeit meinen Lippen, daß mein Herz nicht abwäge und boshafte Worte vorbrächte, um die Entschuldigungen bei Verständigungen zu entschuldigen mit Menschen, die gottlos handeln; deshalb war ich noch mit ihren Auserwählten vereint.

Schon aber verzweifelte ich, durch jene falsche Lehre Nutzen zu erlangen, und selbst das, womit ich beschlossen hatte, zufrieden zu sein, wenn sich nichts Besseres fände, hatte alle Anziehungskraft für mich verloren. Auch hatte ich schon den Gedanken gehabt, daß jene Welt weiser, die sogenannten Akademiker immer noch klüger gewesen seien als die übrigen, weil sie lehrten, man müsse an allem zweifeln, und sich dafür entschieden hatten, daß der Mensch die Wahrheit zu erkennen überhaupt nicht imstande sei. Denn das schien mir klar ihre Meinung gewesen zu sein nach der allgemeinen Ansicht, denn noch erkannte ich nicht ihre Intentionen. Ohne Hehl suchte ich meinen Gastfreund von zu großem Vertrauen abzubringen, das er, wie ich bemerkte, zu den Fabeln hatte, von denen die Schriften der Manichäer strotzen. Indessen blieb ich mit ihnen noch in freundschaftlicherem Verkehr als mit denen, die nicht jener Sekte angehörten. Doch auch sie verteidigte ich nicht mehr mit demselben Feuer; der freundschaftliche Verkehr mit ihnen, von denen Rom ziemlich viel birgt, machte mich lässiger, etwas anderes zu suchen, zumal da ich an deiner Kirche verzweifelte, o Herr des Himmels und der Erden, du Schöpfer des sichtbaren und unsichtbaren Alls, Wahrheit finden zu können, von der mich jene abgewendet hatten. Für häßlich hielt ich den Glauben, du habest die Gestalt des menschlichen Fleisches und werdest begrenzt von den körperlichen Umrissen unserer Glieder. Aber weil ich, wenn ich über meinen Gott denken wollte, nichts zu denken wußte als körperliche Massen, so war dies die größte und fast einzige Ursache unvermeidlichen Irrtums.

Deshalb glaubte ich auch, es gäbe auch eine ähnliche Substanz des Bösen, die eine häßliche und ungestalte Masse habe, entweder eine plumpe, welche sie Erde nennen, oder eine dünne, feine, wie der Luftkörper ist, und von welcher sie sich einbildeten, daß er als böser Geist durch die Erde krieche. Und weil meine Frömmigkeit, so gering sie auch war, mich zu glauben zwang, der gute Gott habe keine böse Natur geschaffen, so bestimmte ich zwei sich feindliche Massen, beide unendlich, aber die böse im engem Sinne, die gute im weitern. Aus dieser verderblichen Grundlage ergaben sich die übrigen Gottlosigkeiten. Denn da mein Geist sich in den Glauben der Kirche zurückzuversetzen versuchte, fühlte ich mich abgestoßen, weil der kirchliche Glaube nicht so beschaffen war, wie ich meinte. Es erschien mir frömmer, wenn ich dich, mein Gott, dessen Erbarmen gegen mich ich bekenne, mir überall unendlich dächte, obgleich ich mich gezwungen sah, auf der einen Seite, wo sich dir die Masse des Bösen entgegensetzt, dich mir begrenzt vorzustellen, als wenn ich glaubte, du seiest auf allen Seiten, nach Art der menschlichen Gestalt, begrenzt. Besser schien es mir, zu glauben, du habest nicht das Böse erschaffen, das mir in meiner Unwissenheit nicht bloß eine Substanz, sondern auch körperlich zu sein schien, da ich mir den Geist nur als einen feinen Körper denken konnte, der sich durch den Raum ausgieße, als zu glauben, die Natur des Bösen wäre durch dich so gestaltet worden, wie ich sie mir vorstellte. Selbst von unserm Erlöser, deinem Eingebornen, glaubte ich, daß er aus dein Stoff deiner lichthellsten Masse zu unserm Heile herausgestaltet worden, so daß ich von ihm nichts glaubte, als was ich mir nach meiner eitlen Ansicht vorstellen konnte. Ich meinte, eine solche Lichtnatur könne nicht von Maria geboren sein, ohne mit dem Fleischlichen vermischt und dadurch befleckt zu werden. Diese Vermischung aber wäre ohne Befleckung nicht möglich, weil ich alles Fleisch für böse hielt. Ich fürchtete mich also davor, an einen im Fleisch Gebornen zu glauben, um nicht an einen im Fleisch Befleckten glauben zu müssen Hier werden mich deines Geistes Kinder milde belächeln in feindlicher Weise, wenn sie lese meine Bekenntnisse lesen, aber so war ich.

 

Fünftes Buch – Elftes Kapitel

Was die Manichäer ferner in deinen Schriften getadelt hatten, das, glaubte ich, könne nicht verteidigt werden; doch wünschte ich zuweilen mit irgendeinem in jenen Büchern bewanderten Manne über einzelnes zu sprechen und seine Meinung darüber zu erfahren. Schon in Karthago hatten mich die Reden eines gewissen Helpidius angeregt, die er gegen die Manichäer hielt, da er solche Stellen aus der Schrift anführte, denen man nicht leicht widersprechen konnte, und die Antwort jener schien mir auf schwachen Füßen zu stehen. Doch brachten sie diese nicht öffentlich vor, sondern nur im geheimen, indem sie sagten, die Schriften des Neuen Testamentes seien gefälscht worden von Leuten, welche das jüdische Gesetz dem christlichen Glauben hatten einpflanzen wollen; doch konnten sie keine unverfälschten Exemplare aufweisen. Mich aber, der ich nun gefangen und erstickt war, bedrückten bei meinen körperlichen Vorstellungen jene Massen, unter welchen ich keuchend die klare reine Luft deiner Wahrheit nicht atmen konnte.

 

Fünftes Buch – Zwölftes Kapitel

Mit Eifer begann ich nun auszuführen, weshalb ich nach Rom gekommen war; als Lehrer der Beredsamkeit versammelte ich zunächst einige Schüler um mich, mit welchen und durch welche ich bekannt wurde. Hier in Rom mußte ich aber anderes Unrecht erdulden, was mir in Afrika erspart geblieben war. Zwar bestätigte sich es allerdings, daß jene Zügellosigkeiten junger Wüstlinge Karthagos hier nicht vorkamen; aber »plötzlich«, so hieß es, geschieht es, daß sich viele junge Leute verabreden, dem Lehrer kein Honorar geben, und zu einem andern laufen; Wortbrüchige, denen aus Geldgier die Gerechtigkeit feil ist. Mein Herz verabscheute, obwohl nicht um Gottes willen. Denn weil ich von ihnen dergleichen erleiden sollte, haßte ich sie vielmehr, als weil sie taten, was niemandem erlaubt ist. Gewißlich sind solche schändlich, sind untreu gegen dich, durch die Liebe zu flüchtigem Zeitvertreib und schmutzigem Gewinn, der die Hand, die ihn angreift, besudelt; während sie die flüchtige Welt umfassen, verachten sie dich, den Unvergänglichen, der du sie zurückrufst und der menschlichen Seele, die zurückkehrt zu dir von sündiger Buhlschaft, verzeihest. Auch jetzt noch hasse ich solche als schlechte und verkehrte Menschen, obwohl ich sie auch wiederum liebe als solche, die zu bessern seien, damit sie fortan die Lehre selbst, die sie lernen, dem Gelde, ihr aber dich, o Gott, der ,tu die Wahrheit bist und die Fülle des wahren Guten und reinsten Friedens vorziehen. Damals aber wollte ich diese Schlechten vielmehr um meinetwillen nicht dulden, den sie beleidigten, als daß ich gewünscht hätte, daß sie gut würden um deinetwillen.

 

Fünftes Buch – Dreizehntes Kapitel

Als daher von Mailand nach Rom an den Präfekten der Stadt um einen Lehrer der Beredsamkeit geschrieben und damit die kostenfreie Reise verbunden wurde, bewarb ich mich, durch die von manichäischen Irrtümern Trunkenen – ich ging hinweg, um sie loszuwerden, aber beiderseits wußte man es nicht – empfohlen, sobald ich auch durch eine Proberede ausgewiesen hatte, daß Symmachus mich nach Mailand schicken möchte. So kam ich nach Mailand zum Bischof Ambrosius, einem der besten Männer, die auf dieser Erde wandelten, einem frommen Verehrer von dir, dessen Predigten deinem Volke kräftig darreichten deinen besten Weizen und Freudenöl und des Weines nüchterne Trunkenheit. Zu ihm aber ward ich durch dich geführt ohne mein Wissen, damit ich durch ihn zu dir gerührt würde mit meinem Wissen. Väterlich nahm mich der Gottesmann auf und an meiner Übersiedelung hatte er ein bischöfliches Wohlgefallen. Und ich lernte ihn lieben, anfänglich zwar nicht als einen Lehrer der Wahrheit, die in deiner Kirche zu finden ich ganz aufgegeben hatte, sondern nur als einen mir wohlwollenden Mann. ich hörte fleißig seine Vorträge, zwar nicht in der Absicht, die mir geziemt hätte, sondern gewissermaßen nur, um seine Beredsamkeit zu prüfen, ob sie seinem Ruhme entspräche, ob sie herrlicher oder dürftiger ströme, als man sie pries. Von seinen Worten wurde meine Aufmerksamkeit gefesselt; ich bekümmerte mich aber nicht um den Inhalt, den ich verachtete; ich freute mich über die Anmut seiner Rede, die, obwohl gehaltreicher, aber weniger erheiternd und einschmeichelnd als die des Faustus war, was die Worte an sich betraf. In Hinsicht des Gegenstandes selbst konnte natürlich kein Vergleich stattfinden, jener war ja von den manichäischen Fallstricken irregeführt, dieser aber lehrte heilsamst das Heil. Aber das Heil ist fern von den Gottlosen, wie ich damals einer war, und dennoch näherte ich mich ihm allmählich und unvermerkt.

 

Fünftes Buch – Vierzehntes Kapitel

Denn obwohl es mir nicht darum zu tun war zu lernen, was er sprach, sondern nur zu hören, wie er sprach – denn nur diese eitle Sorge war nur geblieben, mir, der ich daran verzweifelte, daß den Menschen überhaupt ein Weg zu dir offenstehe –, kam doch in meine Seele zugleich mit den Worten, die ich gern hörte, noch der Inhalt, den ich geringschätzte, denn ich konnte beides nicht voneinander trennen. Während ich nun mein Herz auftat, um zu erfassen, was er also beredt sprach, ging zugleich auch das mit ein, was er so wahr gesprochen, aber freilich auch nur allmählich. Zuerst kam es mir so vor, als ob auch diese Lehren zu verteidigen wären, denn es sei nicht unverschämt, die Wahrheit des kirchlichen Glaubens zu behaupten, die mir bis dahin gegen die Angriffe der Manichäer unhaltbar erschienen war, besonders nachdem ich die eine und die andere dunkle Stelle im Alten Testamente öfters hatte erklären hören, während ich, der am Buchstaben festhielt, den Geist verlor. Daher tadelte ich, nachdem so manche dieser Schriftstellen meinem Verständnis näher gebracht waren, meine Verzweiflung, die mich glauben ließ, Gesetz und Propheten vermöchten sich nicht gegen ihre Feinde und Spötter zu halten. Keineswegs aber glaubte ich deshalb schon den Weg der Kirche betreten zu müssen, weil er seine gelehrten Verteidiger haben konnte, die beredt und vernünftig die Einwürfe zurückwiesen, und nicht deshalb schon könne die Richtung, die ich eingeschlagen, verdammt werden, weil die Verteidigung in ihren Gründen einander gleichstand. Der kirchliche Glaube erschien mir nicht mehr als besiegt, aber doch auch noch nicht als Sieger. Nun aber strengte ich meinen Geist an, ob es mir nicht gelänge, die Manichäer durch gewisse Beweise des Irrtums zu überführen. Hätte ich mir eine geistige Substanz denken können, so wären mit einem Male alle jene Trugwerke zerstört und aus meinem Geist entfernt worden. Aber ich vermochte es nicht. Ich fand aber, daß von der Körperwelt und der ganzen Natur, soweit sie der Sinn des Geistes erfaßt, die meisten Philosophen weit richtigere Ansichten hatten, je mehr ich mich mit ihnen beschäftigte und sie verglich. Als ich daher nach Art der Akademiker an allem zweifelte und zwischen allem schwankte, da beschloß ich, die Manichäer zu verlassen, weil ich glaubte, ich dürfte in dieser Zeit meines Zweifelns nicht mehr jener Sekte angehören, der ich schon mehrere Philosophen vorzog. Diesen Philosophen aber wollte ich die Heilung meiner kranken Seele auch nicht anvertrauen, weil sie nicht auf den heilsamen Namen Christi fußten. Ich faßte demnach den Entschluß, so lange in der mir von den Eltern empfohlenen Kirche als Katechumen zu bleiben, bis mir ein hellerer Stern meine Schritte auf sicheren Pfad lenke.

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