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Die Bekenntnisse des heiligen Augustinus

Aurelius Augustinus: Die Bekenntnisse des heiligen Augustinus - Kapitel 5
Quellenangabe
typeessay
authorAurelius Augustinus
titleDie Bekenntnisse des heiligen Augustinus
translatorOtto F. Lachmann
publisherReclam
year1888
seriesReclams Universal-Bibliothek
volume2791/94a
created20010524
senderhille@abc.de
correctorreuters@abc.de
corrected20120905
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Viertes Buch

 

Erstes Kapitel

In jenem Zeitraume von neun Jahren, vom neunzehnten Jahre meines Lebens ab bis zum achtundzwanzigsten, ward ich irregeführt und führte andere irre, betrogen und betrügend durch mancherlei Mittel und Wege, öffentlich durch die Künste, welche man freie nennt, und heimlich durch den falschen Trugnamen: Religion. Dort war ich stolz, hier abergläubisch, nichtig aber in allem. Dort suchte ich den eitlen Ruhm vor dem Volke bis zu theatralischem Beifalle, Preisgedichten und welken Heukronen, Schauspielpossen bis zur Zügellosigkeit der Lüste; hier strebte ich mich wieder von diesem Unrat zu reinigen, indem ich denen, welche Auserwählte und Heilige genannt wurden, Speise darbrachte, um daraus in der Werkstatt ihres Magens Engel und Götter zuzubereiten, mittels deren wir befreit würden. ich hing solchen an und trieb es mit meinen Freunden, die durch mich und mit mir in die Irre geführt waren. Mögen mich die Hochmütigen verlachen und alle, die von dir, o mein Gott, noch nicht zu ihrem Heile gebeugt und niedergeworfen sind; ich aber will dir meine Freveltaten zu deinem Lobe bekennen. Laß mich, ich flehe dich an, laß mich meine Irrwege, die ich vordem gewandelt bin, jetzt in meiner Erinnerung noch einmal verfolgen und dir bringen das Opfer jubelnden Dankes. Denn was bin ich mir selbst ohne dich, als mein Führer in das Verderben, oder was bin ich, selbst wenn es mir wohlgeht, wenn ich nicht trinke deine Milch oder nicht dich genieße, eine Speise, die nicht vergänglich ist? Wie ist doch ein jeglicher Mensch geartet, insofern er ein Mensch ist? Mögen uns verlachen, die da haben die Stärke und die Gewalt; wir aber, wir, die Armen und Elenden, rühmen deinen Namen.

 

Viertes Buch – Zweites Kapitel

In jenem Jahre lehrte ich auch die Redekünste und bot, von meiner Lehrbegierde gefesselt, die überwindende Geschwätzigkeit feil. Doch wünschte ich mir, du weißt es, o Herr, nur gute Schüler, was man so gute nennt, und ohne Trug lehrte ich ihnen Trugkünste, nicht um damit gegen einen Unschuldigen auftreten zu können, wohl aber zugunsten der Schuldigen. Und du, o Gott, sahest von ferne meinen auf schlüpfrigem Wege dahingleitenden und unter großem Rauche schwach dahinglimmenden Glauben, den ich bei meinem Unterrichte ihnen, die das Eitle so heb und die Lüge so gern hatten, als ihr Genosse darbot. In jener Zeit hatte ich auch ein Weib bei mir, zwar nicht in gesetzlicher Ehe von mir erkannt, sondern eine unstete Brunst war es, die sie leichtsinnig ausgeschürt hatte. Aber doch nur sie allein war es, zu der ich hielt und ihr treu blieb. An ihr aber und mir bewies sich deutlich, was doch für ein Unterschied ist zwischen dem Bund der Ehe, der geschlossen wird, um Kinder zu zeugen, und einem Übereinkommen in sündlicher Liebe, wo Kinder geboren werden wider Wunsch und das geborene Kind uns gleichsam erst zur elterlichen Liebe zwingt.

Auch erinnere ich mich, daß mich ein Zeichendeuter, als ich einen dichterischen Zweikampf eingehen wollte, fragen ließ, was ich ihm geben würde, wenn er mir den Sieg verschaffte; mit Abscheu vor jenen schändlichen Zaubereien erwiderte ich aber: »Und wenn der goldene Siegeskranz Unsterblichkeit verliehe, so wollte ich dennoch nicht, daß für meinen Sieg auch nur eine Fliege getötet würde.« Jener wollte nämlich bei seinen Opfern Tiere töten, und mir schien es, als ob er dadurch mir die bösen Geister geneigt machen wollte. Aber auch diese Sünde verwarf ich nicht mit der Reinheit, die aus dir stammt, o Gott meines Herzens, denn ich verstand dich ja noch nicht zu lieben, da ich statt deiner nur gleißende Scheinbilder zu erkennen vermochte Eine Seele aber, die sich sehnt nach solcherlei Trugbildern, ist sie dir gegenüber nicht untreu und setzt ihr Vertrauen auf Trug und treibt sie nicht Winde auf die Weide? Wollte ich auch nicht, daß man für mich den bösen Geistern opfern sollte, so opferte ich mich doch ihnen selbst durch jenen Aberglauben. Denn was ist Winde weiden anderes als jene bösen Geister weiden, das heißt ihnen durch Verirrungen zur Lust und zum Hohn werden?

 

Viertes Buch – Drittes Kapitel

Daher ließ ich nicht ab, jene Betrüger, die man Astrologen nennt, zu befragen, gleich als ob sie keine Opfer gebracht hätten und an keinen Geist Gebete richteten, daß er ihnen seine Kraft aus der Höhe sende, Dinge, welche die wahre christliche Frömmigkeit ihrem Wesen nach streng verwirft. Gut ist es, dir, o Herr, zu bekennen und zu sagen: Herr, sei mir gnädig, heile meine Seele, denn ich habe an dir gesündigt; nicht aber deine Nachsicht zu sündiger Schrankenlosigkeit zu mißbrauchen, sondern eingedenk zu sein deines göttlichen Wortes: Siehe zu, du bist gesund geworden, sündige hinfort nicht, daß dir nicht Ärgeres widerfahre. Dieses unser Heil, das uns gesunden macht, unterfangen jene sich zu vernichten, wenn sie sprechen: Vom Himmel herab ist dir, o Herz, unvermeidliche Ursache zum Sündigen gekommen, oder: Mars und Saturn haben es getan. Als wenn der Mensch, dieses Gewächs aus Fleisch, Blut und stolzer Verwesung, ohne Schuld wäre, der Schöpfer und Lenker des Himmels und der Gestirne aber zu beschuldigen sei. Und wer ist es, wenn nicht unser Gott, unsere Wonne, die Quelle der Gerechtigkeit, der du einem jeglichen vergiltst nach seinen Werken und ein zerstoßenes und demütiges Herz nicht verachtest.

Zu jener Zeit lebte ein scharfsinniger, in der Heilkunde wohlerfahrener und berühmter Mann, der in Vertretung des Konsuls den Siegeskranz der Beredsamkeit meinem siechen Haupte aufsetzte, freilich nicht, als sei er der Arzt. Denn du allein bist der Arzt jener Krankheit, der du den Stolzen widerstehest und gibst Gnade den Demütigen. Warst du mir aber nicht auch nahe in jenem Greise, oder ließest du ab, meiner Seele beizustehen? Denn da ich ihm vertrauter wurde und an seinen Lippen hing – denn seine Rede war einfach, ohne jedweden Schmuck, zog aber gewaltig an durch den geistvollen, belebenden Inhalt –, da erkannte er aus meinem Gespräch, daß ich mich auf das Studium der Bücher über Sterndeuterei gelegt habe, und mit väterlichem Wohlwollen ermahnte er mich, sie wegzuwerfen und Zeit und Mühe, die nützlicheren Dingen gebührten, nicht auf solche Nichtigkeiten zu wenden. Dabei erwähnte er, daß auch er sie in seiner Jugend erlernt habe in der Absicht, sie zu seinem Gewerbe zu machen und dadurch seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und da er Hippokrates verstanden habe, so hätte er wohl am Ende auch jene Schriften verstehen können; doch habe er sie nur darum aufgegeben und sich dem Studium der Heilkunde zugewandt, weil er sie in ihrer ganzen trügerischen Nichtigkeit erkannt und als ehrlicher Mann es verschmäht habe, sich durch Täuschung seiner Mitmenschen sein Brot zu erwerben. »Du aber«, so fuhr er fort, »hältst dich an die Redekunst, um dir deinen Unterhalt zu verschaffen; diese Betrügereien aber treibst du nur aus Liebhaberei und nicht aus Sorge um das tägliche Brot. Um so mehr mußt du mir aber Glauben schenken, mir, der ich sie gründlich zu erlernen bemüht war, weil ich allein durch sie mein Leben zu fristen beabsichtigte.« Als ich ihn nun fragte, woher es denn käme, daß so viele Prophezeiungen doch in Erfüllung gingen, da antwortete er mir, daß es die Macht des Zufalls sei, der durch die ganze Welt hin verbreitet sei. Wenn jemand sich Rat holt bei einem Dichter, der etwas ganz anderes, dem Gegenstand der Anfrage ganz und gar nicht Entsprechendes besingt und bezweckt und sich dann oft ein zu der Angelegenheit wunderbar stimmender Vers darböte, so sei es nicht zu verwundern, wenn aus der menschlichen Seele durch eine höhere Anregung, so daß sie selbst nicht wisse, was in ihr geschehe, nicht durch Kunst, sondern durch Zufall etwas ausgesprochen würde, was mit der Lage und dem Tun des Fragenden übereinstimmt. Dies ließest du nur von ihm oder durch ihn mir zukommen. Und was ich selbst später durch eigene Forschung kennenlernen sollte, dafür bahntest du in meinem Geiste den Weg zur Entwicklung an. Doch damals vermochte weder er noch mein teurer Freund Nebridius, ein braver und kluger Jüngling, der sich über jene ganze Deuterei lustig machte, mich dazu zu bewegen, daß ich davon Abstand genommen hätte. genossen bei mir ein allzu großes Ansehen; auch gesuchten sicheren Beweis noch nicht gefunden, woher Gewißheit erhellte, daß das von dem Befragten Gesagte durch Zufall oder durch das Geschick eingetroffen sei, nicht aber durch die Kunst derer, die in den Gestirnen forschten.

 

Viertes Buch – Viertes Kapitel

In jenem Jahre, wo ich in meiner Vaterstadt zu lehren begonnen hatte, hatte ich mir auch einen Freund erworben, der mir durch die gleiche Richtung seiner Studien sehr lieb war und gleich mir in der Blüte der Jugend stand. Er war mit mir als Knabe aufgewachsen, mein Schul- und Spielkamerad war er gewesen. Dessenungeachtet war unser Verhältnis doch nicht so ausgebildet, wie es die wahre Freundschaft verlangt, die nur die wahre sein kann, wenn du die dir anhangenden Seelen vereinst in der Liebe, die in unseren Herzen durch den heiligen Geist ausgegossen ist, der uns verliehen. Dennoch aber war sie so süß, seit sie uns durch glühenden Eifer in gleichem Studium gleichsam zusammengeschweißt hatte. Vom wahren Glauben hinweg, der in dem Jüngling noch nicht feste Wurzeln geschlagen hatte, von dem er noch nicht ganz durchdrungen war, verführte ich ihn abseits zu jenen abergläubischen und verderblichen Irrlehren, um welcher willen meine Mutter mich beweinte. Schon irrte er mit mir im Geiste und meine Seele konnte nicht ohne ihn leben. Aber siehe, du, mein Gott, der du verfolgst, die dich fliehen, du Gott, des die Rache ist und der du zugleich bist der Quell der Barmherzigkeit, der du uns bekehrest zu dir auf oft wundervolle Weise, siehe, du nahmst ihn hinweg aus diesem Leben, da unsere Freundschaft kaum ein Jahr gewährt hatte, sie, die mir so süß war über alle Wonnen meines Lebens.

Wer kann deine großen Taten aufzählen, die er an sich allein nur erfahren? Was tatest du damals, mein Gott, und wie unergründlich ist die Tiefe deiner Gerichte? Lange lag er im Fieber, ohne Bewußtsein, schon im Todesschweiß. Und da man die Hoffnung aufgab, so ward er getauft, bewußtlos wie er war, ohne daß ich mich darum bekümmerte, der ich voraussetzte, daß das. was er von mir empfangen, sein Leben eher zu erhalten vermöchte, als was ohne sein Wissen an ihm geschah. Ganz anders aber ist es gekommen, er erholte sich und ward gesund. Sobald ich aber mit ihm sprechen konnte, ob er in den Spott über die Taufe, die er bewußtlos empfangen hatte, von deren Empfang er aber unterrichtet war, mit einstimmen würde, da entsetzte er sich vor mir wie vor einem Feinde und ermahnte mich mit wundersam heftigem Freimut, solcher Reden mich zu enthalten, wenn ich sein Freund sein wolle. Wohl war ich betroffen und in Verwirrung gebracht, aber ich hielt meine Gemütsbewegung zurück, auf daß er baldigst genese, um mit Wiedererlangung seiner Kräfte geeignet zu sein zur Besprechung dessen, was ich im Sinne hatte. Da aber entrissest du ihn meiner Torheit, auf daß er bewahrt bliebe bei dir zu meinem Troste. Nach wenigen Tagen wiederholte sich das Fieber und er verschied, da ich gerade abwesend war.

Welch ein Schmerz aber war es, der mein Herz umnachtete, und überall starrte mir nur Tod entgegen. Die Heimat ward mir zur Qual und das Vaterhaus zu unsagbarem Leid; was ich mit ihm gemeinschaftlich genossen, das wandelte sich ohne ihn zu unendlicher Qual. Überall suchten ihn meine Augen, aber ich fand ihn nicht; ich haßte alles, weil ich ihn nicht hatte, weil ich mir nicht sagen konnte: »Siehe, er kommt!« wie so oft, wenn er eine Zeitlang abwesend war. Ich selbst stand vor mir wie vor einem großen Rätsel, und ich fragte meine Seele: »Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mit? » Doch die Antwort, sie blieb aus. Und wenn ich sprach: »Harre auf Gott!«, da gab sie mit vollem Rechte mir kein Gehör, denn der teure Freund, den sie verloren, war wahrhaftiger und besser als das Trugbild, darauf sie harren sollte. Süß nur war mir die Träne, die ich dem Freunde ins Grab nachweinte; sie vertrat mir ihn als Erquickung meiner Seele.

 

Viertes Buch – Fünftes Kapitel

Nun aber, o Herr, ist auch das vorüber, und die Zeit hat den Schmerz der Wunde gemildert. Darf ich vernehmen von dir, der du die Wahrheit bist, darf ich nähern das Ohr meines Herzens deinem Munde, auf daß du mir kündest, warum die Träne, die wir im Unglück weinen, so süß ist? Oder hast du, obwohl du allgegenwärtig bist, unser Elend weit von dir getan? Du bleibst ewig in deinem Frieden, wir aber werden umhergetrieben in mancherlei Anfechtung. Und doch wäre unser Hoffen ein Nichts, wenn wir nicht vor dich kommen dürften mit unseren Klagen. Wie wird doch das Seufzen, Weinen, Stöhnen und Klagen gepflückt als eine süße Frucht von der Bitterkeit des Lebens? Ist es unser Hoffen auf deine Erhörung, die uns erquickt? Wohl ist dies die Absicht unserer Bitte, welche die Sehnsucht nach Erfüllung in sich birgt. Aber lag denn das in dem Schmerze und der Trauer um das Verlorene, die damals auf mir lastete? Nein, denn mein Hoffen ging nicht darauf, ihn wieder lebendig zu sehen, noch wollten meine Tränen das, sondern ich grämte mich eben nur und weinte. In Trauer verloren war ich und hatte verloren meine Freude. Ist denn das Weinen an und für sich etwas Bitteres und wird es nur süß, wenn wir es mit dem Schauder vergleichen, den wir vor dem Tode dessen haben, an dem wir unsere Freude hatten und den wir nun verabscheuen?

 

Viertes Buch – Sechstes Kapitel

Was aber soll das? jetzt ist es nicht Zeit, zu fragen, sondern dir zu bekennen! Elend war ich und elend ist jedes Herz, das gefesselt ist durch Bande sterblicher Liebe. Von Schmerz wird es zerrissen bei seinem Verluste und fühlt dann das Elend erst, in dem es doch schon schmachtete, bevor es den Verlust erlitt. Das war mein damaliger Seelenzustand, da ich so bitterlich weinte und im Scholle der Bitterkeit mich barg. So war ich zwar elend, aber dennoch liebte ich das elende Leben mehr als den Freund. Denn obwohl mir eine Änderung erwünscht gewesen wäre, so wollte ich mich. trotz alledem von ihm ebensowenig trennen als von jenem. Schwerlich hätte ich das für ihn getan, was von Orestes und Pylades erzählt wird wenn es anders wahr ist –, welche füreinander oder zusammen den Tod erleiden wollten, weil jedem der Tod ein geringeres Übel war als ein Leben ohne Gemeinschaft. Aber ein mir selbst unbewußtes Gefühl trat allzu mächtig diesem entgegen: der tiefste Ekel vor dem Leben und Todesfurcht wohnten nebeneinander in meiner Seele. ich glaube, je mehr ich den Freund liebte, desto mehr haßte und fürchtete ich den Tod, der ihn mir entrissen hatte, als meinen bittersten Feind, und ich vermeinte, er würde mir plötzlich alle Menschen hinwegnehmen, da er es vermocht hatte, jenen hinwegzunehmen. So war ich, dessen erinnere ich mich. Siehe mein Herz, o Gott, siehe mein Inneres, wie es in meiner Erinnerung vorhanden! Du, meine Hoffnung, reinigst mich von der Unreinigkeit solcher Leidenschaften, läßt meine Augen zu dir sehen und ziehst meinen Fuß aus dem Netze. ja, ich wunderte mich, daß die übrigen Sterblichen noch fortlebten, da der eine, den ich wie einen Unsterblichen geliebt hatte, dahingeschieden war; am meisten freilich wunderte ich mich, daß ich, der ihm ein zweites Ich war, noch lebte, da er starb. Schön nannte mir jemand seinen Freund »die Hälfte seiner Seele«. Auch ich empfand, wie meine und seine Seele nur eine einzige Seele gewesen war in zwei Körpern; deshalb war mir das Leben jammervoll, weil ich nicht leben wollte als ein halber

Mensch, und darum fürchtete ich mich auch zu sterben, auf daß der, den ich so sehr geliebt, nicht ganz sterbe.

 

Viertes Buch – Siebentes Kapitel

O über den Wahnsinn, der die Menschen nicht menschlich zu lieben weiß! O über den törichten Menschen, der das Menschliche nicht mit Maß zu ertragen weiß! Ein solcher aber war ich. Ich war immer in Aufruhr, stöhnte, weinte, war in Aufregung und fand weder Frieden noch Rat. Ein zerrissenes, blutendes Herz trug ich in mir, das nicht ruhen wollte in mir, und nirgends fand ich doch eine Stätte, da ich es hätte zur Ruhe betten können. Weder im lieblichen Haine noch bei Spiel und Sang, nicht im duftenden Saal noch beim Gelage, nicht in den Freuden der Nacht in der Wollust noch in Büchern und Gedichten fand es Ruhe. Alles schreckte mich ab, selbst da, Licht; alles, was nicht war, was er war, fand ich widrig und hassenswert, nur die Seufzer und Tränen, nur sie allein gewährten mir eine kurze Rast: Wohin meine Seele sich wandte, da lastete auf mir die gewaltige Bürde des Elends. O Herr, zu dir hätte ich die Seele erheben sollen, dir hätte ich aufbürden sollen mein Leid; aber ich wollte es nicht noch vermochte ich es, um so weniger, als ich dich nicht mir als fest und unwandelbar dachte, denn nicht du, sondern ein Leeres Trugbild, ein Irrtum war mein Gott. Wenn ich es nun versuchte, hier meine Seele zur Ruhe zu betten, da zerrann es ins Leere und wiederum stürzte es sich auf mich, und ich war mir zuletzt selber ein unglückseliger Ort, da ich weder bleiben noch den ich verlassen konnte. Wohin aber sollte mein Herz denn fliehen vor dem eigenen Herzen, wohin sollte ich vor mir selbst flüchten, wohin mußte ich mir nicht folgen? Und doch floh ich aus meiner Heimat; denn meine Augen suchten ihn dort weniger, wo sie ihn nicht schon zu sehen gewohnt waren. So kam ich von Thagaste wieder nach Karthago.

 

Viertes Buch – Achtes Kapitel

Nicht leer sind die Zeitwogen, nicht wirkungslos wälzen sie sich dahin durch unsere Sinne, wunderbar Großes wirken sie an der Seele. Siehe, sie kamen und gingen von Tag zu Tag, und im Kommen und Gehen pflanzten sie mir neue Gestalten und neue Erinnerungen ein und stellten mich allmählich durch die früher gewohnten Vergnügungen wieder her. Denn mein Schmerz wich, und es folgten nun zwar nicht andere Schmerzen, aber doch die Ursachen zu anderen Schmerzen gingen daraus hervor. Denn jener Schmerz hatte mich so leicht und so tief durchdrungen, weil ich meine Seele gegründet hatte auf Sand, da ich einen Sterblichen liebte, als stürbe er nimmer. Am meisten tröstete und ermunterte mich der Trost meiner Freunde, mit denen ich liebte, was ich statt deiner liebte: der Manichäer große Fabel und lange Lüge nämlich, durch deren treulosen Reiz mein Geist in lüsternem Verlangen verderbt wurde; denn jene Irrlehre erstarb nicht mit dem Tode des Freundes. Vieles andere gab es da, was mein Herz von neuem fesselte: Gespräche und Scherze, gegenseitige wohlwollende Hingebung, gemeinschaftliches Lesen von Büchern angenehmen Inhalts, Tändeleien und gegenseitige Höflichkeit, bisweilige Meinungsverschiedenheit ohne Haß, wie es der Mensch wohl selbst mit sich tut und eine Würze der meist herrschenden Übereinstimmung durch höchst seltene Verschiedenheit der Ansichten; gegenseitige Belehrung, gegenseitiges Lernen, die Abwesenden ungern vermissen, die Kommenden mit Freude empfangen. Derartige Äußerungen gehen aus dem Herzen der einander Befreundeten durch Vermittlung des Mienenspiels, der Sprache, der Blicke und tausend freundliche Gebärden und schmelzen die Gemüter wie durch Zündstoff zusammen und schaffen aus vielen ein einziges.

 

Viertes Buch – Neuntes Kapitel

Das liebt man an den Freunden, und so sehr liebt man es, daß unser Gewissen sich Vorwürfe macht, wenn es den Wiederliebenden nicht liebt und den Liebenden nicht wiederliebt, ohne von ihm irgend etwas mehr zu verlangen als nur Zeichen seines Wohlwollens. Hierauf gründet sich jene Trauer, wenn ein Freund stirbt, und die finstere Nacht der Schmerzen und das blutende Herz, wenn die Süßigkeit sich in Bitterkeit gewandelt hat und der Tod der Lebenden durch den Verlust des Lebens der Sterbenden. Selig, wer dich liebt und den Freund in dir und den Freund um derentwillen. Der allein verliert keinen teuren Freund, dem sie alle teuer sind in dem, der nie verlorengeht. Das aber ist unser Gott, der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat und sie erfüllt, weil er ihnen das Dasein gab, indem er sie erfüllte Dich kann nur der verlieren, der dich verläßt, und wer dich verläßt, wohin geht er, wohin flieht er denn als nur von dir, dem Liebevollen, zu dir, dem Zornigen? Wo stößt der Fliehende nicht auf dein Gesetz in seiner Strafe? Und dein Gesetz ist die Wahrheit und die Wahrheit bist du!

 

Viertes Buch – Zehntes Kapitel

Herr Gott Zebaoth, bekehre uns zu dir, lasse dein Angesicht leuchten, so genesen wir. Denn wohin auch die Seele des Menschen sich wenden mag, anderswo als in dir wird sie von Schmerz durchbohrt, auch wenn sie an schönen Dingen hängt, die außer dir und ganz äußerlich sind. Auch diese wären nicht, wenn sie nicht wären von dir; sie entstehen und vergehen, und im Entstehen ist ihres Daseins Beginn begriffen; sie wachsen, um der Vollendung entgegenzugehen, sie altern in ihrer Vollendung lind vergehen; nicht alles altert, aber alles vergeht. Wenn sie also entstehen und der Vollkommenheit ihres Seins entgegenstreben, so eilen sie, je schneller sie in ihrem Sein wachsen, ihrem Nichtsein entgegen; das ist ihre Bestimmung. Und das hast du ihnen gegeben, weil sie nur Teile der Dinge sind, die nicht alle zugleich sind; denn erst durch ihr Dahinschwinden und die Aufeinanderfolge ihres Seins bilden sie alle zusammen das Ganze, dessen Teile sie sind. So wird auch unsere Rede erst durch tönende, aufeinanderfolgende Laute gebildet. Denn die Rede wird zu keinem Ganzen, wenn nicht das einzelne Wort verklungen, wenn es seinen Teil hat hören lassen, damit nun ein anderes ihm folge. Auch deshalb lobe dich meine Seele, dich, den Schöpfer des Alls; nicht mehr möge sie sich hängen daran mit der Glut sündiger Liebe. Es geht fort und fort dahin, wohin es seit seinem Entstehen ging, dein Nichtsein entgegen, und sie zerfleischen die Seele mit verderblichem Begehren, weil sie in dem nur sein will und zu ruhen begehrt, was sie liebt. Aber in ihnen ist keine bleibende Stätte, weil sie keiner Bestand haben, weil sie unstet sind. Wer aber vermag ihnen zu folgen mit fleischlichem Sinn, oder wer ergreift sie Selbst, wenn sie gegenwärtig sind. Denn träge ist des Fleisches Sinn, weil es fleischlich ist; seine eigene Natur setzt ihm eine Schranke. Er genügt zu etwas anderem, wozu er geschaffen ist; nicht aber genügt er, daß er das Vorübereilende festhalte von dem verhängten Anfang bis zu dem Ende, das ihm verhängt ist. Nur in deinem Worte, das sie schuf, vernehmen sie die Stimme: Von dort bis hierhin und nicht weiter!

 

Viertes Buch – Elftes Kapitel

Sei nicht eitel, meine Seele, und laß dir nicht betäuben das Ohr deines Herzens durch das Getümmel deiner Eitelkeit. Höre mich, du: das Wort selbst ruft dir zu zurückzukehren, und bei ihm ist der Ort lauterer Ruhe; er die Liebe nicht verlassen wird, es sei denn, sie verließe sich selbst. Siehe, jenes vergehet, damit anderes an seine Stelle trete und das irdische Ganze aus all seinen Teilen sich zusammensetze. Entferne ich mich irgendwohin? so sagt Gottes Wort. Da gründe deine bleibende Heimat; vertraue alles an dem Worte, was du von ihm hast, meine Seele, endlich der Täuschungen müde. Der Wahrheit vertraue an, was du hast von der Wahrheit, und du wirst nichts verlieren, und was vermorscht, es wird wieder grünen und all deine Gebrechen werden geheilt werden, und was dir zerronnen, es wird wieder Gestalt gewinnen, erneut und mit dir verbunden werden, und es wird dich nicht niederschlagen, wo es herabströmt, sondern es wird mit dir bestehen und bleiben beim ewig bestehenden und bleibenden Gott.

Warum, verkehrte Seele, folgst du deinem Fleische? Sollte doch vielmehr dieses bekehrt werden und dir folgen. Was du vermöge der Seele empfindest, es ist nur ein Teil des Ganzen; doch das Ganze hassest du nicht, davon du Teile genommen, und doch erfreuen sie dich. Wären aber die Sinne deines Fleisches fähig, das Ganze zu fassen, und wäre es nicht selbst in einem Teil des Alls gemäß deiner Strafe auf ein bestimmtes Maß beschränkt, so würdest du wünschen, daß alles Gegenwärtige vorüberginge, damit du ein größeres Gefallen am Ganzen haben könntest. Denn auch das, was wir reden, hörst du durch denselben Sinn des Fleisches, und du willst nicht, daß die einzelnen Silben bleiben, sondern daß sie vorübereilen, daß andere folgen und du das Ganze hörst. So geht stets alles vorüber in seinen Teilen, woraus etwas besteht, und alle, woraus es besteht, sind nicht ein Ganzes, sondern eben nur Teile; das Ganze aber erfreut mehr als seine Teile, könnten sie auf einmal als ein Ganzes empfunden werden. Aber weit besser als alles dies ist der Schöpfer des Alls, unser Gott selbst, er vergeht nicht, denn nach ihm ist nichts.

 

Viertes Buch – Zwölftes Kapitel

Wenn irdische Wesen dein Gefallen erregen, so lobe Gott in ihnen und liebe ihren Schöpfer, auf daß du nicht mißfällig werdest in dem, das dir gefällt. Gefallen dir Seelen, so liebe sie in Gott, weil sie selbst wandelbar sind, auf ihn aber sich gründend Bestand gewinnen. Sonst würden sie da hingehen und vergehen. in ihm nur empfinde Liebe zu ihnen und raffe mit dir zu ihm, soviel du vermagst, und sprich zu ihnen: Lasset uns ihn lieben, ihn lasset uns lieben, er selbst schuf ja dies alles und ist nicht fern. Er schuf nicht und ging dann von dannen, nein, aus ihm ist es in ihm. Siehe, wo er ist, da ist die Wahrheit. In des Herzens Tiefen, da wohnet er; aber das Herz, es irrte hinweg von ihm. ihr Übertreter, gehet in euer Herz und hanget an dem, der euch schuf Stehet zu ihm und ihr werdet bestehen, ruhet in ihm und Friede wird mit euch sein. Wo gehet ihr hin in die Finsternisse? Wo gehet ihr hin? Das Gute, das ihr liebt, ist von ihm; aber nur soweit es ihm geweiht ist, ist es gut und angenehm, mit Recht aber wird es bitter, sofern wir es mit Unrecht lieben, was von ihm ist, indem wir seiner dabei vergessen. Was sollen wir auch fort und fort wandeln auf steilem und dornenvollem Pfade? Da ist der Friede gewißlich nicht, wo ihr ihn sucht. Suchet, soviel ihr könnt; aber wo ihr sucht, da ist er nicht. Ihr sucht die Seligkeit auf dem Gefilde des Todes, dort aber ist sie nicht. Wie könnte da seliges Leben sein, wo nicht einmal Leben ist?

»Und er selbst, unser Leben stieg herab und trug unsern Tod und tötete ihn durch die Fülle seines Lebens. Und mit Donnerstimme ruft er uns zu, daß wir von hier zu ihm zurückkehren in jenes geheimnisvolle Heiligtum, aus dem er hervorging zu uns eingehend zuerst in den jungfräulichen Leib, wo sich mit ihm der Mensch, das sterbliche Fleisch, vermählte, auf daß er nicht ewig sterblich bleibe, und von da ging er hervor wie ein Bräutigam aus seiner Kammer und freuet sich wie ein Held zu laufen seinen Weg. Er säumte nicht, sondern rief eilends mit Worten und Taten, mit Tod und Leben, mit Höllenfahrt und Himmelfahrt, ja er rief, daß wir zu ihm zurückkehrten. Er ist unseren Augen entrückt, auf daß wir in uns gingen und ihn fänden. Er ging hinweg, und siehe, hier ist er. Nicht wollte er weilen bei uns lange Zeit, und doch hat er uns nicht verlassen. Er ist dahin gegangen, von wo er nie weggegangen, weil die Welt durch ihn gemacht ist. Er war in dieser Welt und kam in die Welt, die Sünder selig zu machen. Ihm bekennt meine Seele ihre Missetat, und er heilt sie von all ihrer Krankheit; ihr Menschenkinder, wie lange wollt ihr beschwerten Herzens bleiben? Wollt ihr nicht, da das Leben herabstieg, hinaufsteigen? Aber wohin wollt ihr euch noch erheben, da ihr in der Höhe seid und euer Haupt bis an den Himmel erhebet? Steiget herab, auf daß ihr euch erhebet; steiget hinauf zu Gott. Denn gefallen seid ihr, die ihr euch gegen ihn erhobt.« Dies verkünde ihnen, damit sie weinen im Tal der Tränen, und so raffe sie mit dir zu Gott hin, denn aus seinem Geiste redest du zu ihnen, wenn du redest entflammt vom Feuer heiliger Liebe.

 

Viertes Buch – Dreizehntes Kapitel

Damals kannte ich das nicht und liebte nur das niedere Schöne; ich wandelte dein Abgrund entgegen und sprach zu meinen Freunden: Sollen wir nicht nur das Schöne lieben? Aber was ist denn schön und was ist Schönheit? Was zieht uns zu dem, was befreundet uns dem, das wir lieben: Wenn es nicht Ansehen und Schönheit besäße, nimmer würden wir uns von ihm fesseln lassen. Und ich bemerkte wohl, wie das Schöne eine Harmonie des Ganzen sei, das Schickliche aber die Harmonie der Teile, wie ein Teil des Körpers sich dem ganzen Körper anfüge oder die Ferse dem Fuße u. a. m. Diese Betrachtung erfüllte mich ganz und gar und ich schrieb über »Das Schöne und Schickliche«, einige Bücher, ich glaube zwei oder drei waren es. Du weißt es, o Gott, denn mir ist es entfallen. Ich besitze sie nicht mehr, sie kamen mir abhanden, ich weiß es nicht, wie.

 

Viertes Buch – Vierzehntes Kapitel

Was bewog mich aber, o Herr mein Gott, jene Bücher dem Hierius zu widmen, einem Redner aus Rom, den ich nicht persönlich kannte, den ich aber wegen des Ruhmes seiner Gelehrsamkeit verehrte und von dem ich einige Äußerungen gehört hatte, die mir gefallen hatten? Aber noch mehr erregte es mein Gefallen, weil er anderen gefiel und weil sie ihn lobten und staunten, daß er, von Geburt ein Syrer und früher mit der griechischen Beredsamkeit vertraut, später sich auch als ausgezeichneter lateinischer Redner erwiesen hatte und in allem, was zum Studium der Weltweisheit gehört, außerordentlich bewandert war. Er wurde gepriesen und sogar in seiner Abwesenheit verehrt. Kommt aber erst diese Liebe von dem Munde dessen, der ihn lobt, in des Hörers Herz? O nein, denn nur von der Liebe des einen entbrennt auch die des ändern. Gelobt wird der Gelobte erst, wenn die Überzeugung vorhanden ist, daß derjenige, welcher ihn preist, nicht mit einem Herzen voll Trug ihn lobt, sondern mit wahrer Liebe im Herzen.

So liebte auch ich damals die Menschen nach dem Urteil der Menschen und nicht nach dem deinigen, mein Gott, darin niemand Täuschung erfährt. Warum jedoch wurde er nicht gepriesen wie ein Wagenlenker oder ein Tierkämpfer, weit und breit im Volke bekannt, sondern ganz anders und bedeutender ward er gelobt; und so wollte auch ich gelobt werden. Nicht wie ein Schauspieler wollte ich gepriesen und geliebt werden, obgleich ich selbst diese lobte und ihnen Anerkennung zollte. Lieber wollte ich unbekannt bleiben, als so bekannt sein; lieber wollte ich gehaßt sein, als so gebebt zu werden. Woher aber stammen diese verschiedenen Maße für verschiedene Arten der Liebe in ein und derselben Seele? Wie kommt es doch, daß ich an einem andern etwas liebe, was ich, wenn ich es nicht schon haßte, an mir selbst verabscheuen und verwerfen würde, da wir doch beide Menschen sind? Wenn einer ein gutes Pferd liebt, ohne daß er selbst es sein möchte, auch wenn es wirklich möglich wäre, so läßt sich doch dasselbe nicht von dem Schauspieler sagen, da er unser Mitmensch ist. Liebe ich also an einem Menschen, was ich zu sein verabscheue, obgleich ich auch Mensch bin? Eine dunkle, rätselhafte Tiefe ist der Mensch, dessen Haare auf dem Haupt du, Herr, gezählt hast, die sich ohne deinen Willen nicht vermindern, und doch sind seine Haare leichter zu zählen als seine Leidenschaften und seines Herzens Regungen.

Dieser Redner Hierius aber war von der Art, daß ich ihm gleichen wollte, da ich ihn so verehrte; in meinem Hochmute irrte ich und ließ mich von dem Winde umhertreiben und wurde doch wunderbar von dir geleitet. Woher aber weiß ich und woher bekenne ich dir mit Gewißheit, ich jenen wegen der Liebe derer, die ihn priesen, mehr liebte als wegen der Dinge selbst, um derentwillen sie ihn priesen? Weil ich, wenn man ihn nicht gelobt, sondern getadelt und dann ganz dasselbe von ihnen, aber mit einem Anflug von Tadel und Verachtung erzählt hätte, ich mich nicht für ihn begeistert und erwärmt haben würde. Und doch wäre weder der Sachverhalt noch der Mann selbst ein anderer gewesen sondern nur die Gesinnung des Erzählers. Siehe, wie liegt doch die Seele so schwach darnieder, solange sie nicht haftet an der Säule der Wahrheit Wenn der unstete Wind die Meinungen aus der Brust derer weht, die sie ausdenken, so wird sie hier umhergetrieben im Wirbeltanz also wird ihr Licht verdunkelt und die Wahrheit nicht erkannt, und siehe, doch ist sie vor uns. Ein Großes dünkte es mir zu sein, wenn meine Schrift und mein Studium jenem Manne bekannt würden. Hätte er es gebilligt, so hätte mich um so mehr Begeisterung für ihn ergriffen, wenn er sie gemißbilligt hätte, so wäre mein eitles Herz, das noch keinen Halt an dir hatte, verwundet worden. Und doch habe ich meine Abhandlung »Über das Schöne und Schickliche«, die ich dein Hierius widmete, gern im Geiste durchdacht und durchsonnen und habe Sie bewundert, obwohl niemand da war, der sie mit mir gepriesen hätte

 

Viertes Buch – Fünfzehntes Kapitel

Aber noch erkannte ich nicht das Wesentliche dieses großen Gegenstandes in deiner Schöpferkunst, o Allmächtiger der du allen Bewunderungswürdiges schaffst, und mein Geist durchforschte die einzelnen körperlichen Formen, und ich versuchte zu bestimmen, zu unterscheiden Lind mir Beispielen zu belegen, was schön an sich Lind was durch Harmonie mit anderm schicklich sei. Hierauf wandte ich mich zur Erforschung des Wesens der Seele, über meine falsche Ansicht über das Geistige ließ mich die Wahrheit nicht sehen. Die Kraft der Wahrheit trat mir vor das Angesicht, ich aber wandte den schwankenden Verstand von dein Wesenlosen auf die Umrisse, Farben und schwellende Größen. Und weil ich im Geiste solcherlei nicht sehen konnte, so glaubte ich meinen Geist überhaupt nicht sehen zu können. Da ich aber in der Tugend den Frieden liebte, im Laster aber den Zwiespalt haßte, so gab ich für jene die Einheit, für dieses den Zwiespalt als charakteristisches Merkmal an. In jener Einheit schien mir der Geist der Vernunft, das Wesen der Wahrheit und des höchsten Gutes zu liegen; in diesem Zwiespalte des vernunftlosen Lebens wähnte ich Elender, liege irgendwelche Substanz und Wesen des höchsten Bösen, das nicht bloß Substanz, sondern auch Leben in sich enthalte, jedoch nicht von dir erschaffen sei, o mein Gott, von dem doch alles ist. Und doch nannte ich jenes eine Monade, in welchem noch kein Geschlecht sich für sich geltend machte, diese aber eine Dyade, den Haß bei den Verbrechern, die Lust am Laster; ich wußte nicht, was ich redete. Ich hatte noch nicht erkannt, daß das Böse kein selbständiges Wesen noch unser Geist das höchste unwandelbare Gut sei.

Denn so wie Gewalttaten entstehen, wenn die Geistesbewegung sündlich ist, in welcher ein heftiger Trieb und diese Bewegung sich anmaßend und wüst gebärdet, Schandtaten aber, wenn die Leidenschaft der Seele maßlos ist, welche fleischliche Lüste gierig genießt, so beflecken Irrtümer und falsche Meinungen das Leben, wenn die Vernunft selbst verderbt ist. So war die meinige, da ich nicht wußte, daß sie durch ein anderes Licht erleuchtet werden müßte, um an der Wahrheit teilzuhaben, weil sie nicht die wesentliche Wahrheit selbst ist. Denn du erleuchtest meine Leuchte, Herr, der Herr mein Gott macht meiner Finsternis Licht, und aus deiner Fülle haben wir alle genommen; du bist das wahrhafte Licht, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen, denn bei dir ist keine Veränderung noch Wechsel des Lichts und der Finsternis. Zu dir strebte ich empor und ward hinweggestoßen von dir, auf daß ich den Tod kostete, weil du den Hoffärtigen widerstehest. Und was gibt es Hoffärtigeres, als in unfaßlicher Torheit zu behaupten, an Wesen dir gleich zu sein? Denn da ich wandelbar war und, wie dies schon daraus hervorgeht, daß ich weise zu werden wünschte, um besser zu werden, so wollte ich doch lieber dich für wandelbar halten als glauben, daß ich nicht sei, was du bist. So ward ich zurückgestoßen, und du widerstandest meinem stolzen Nacken, und ich träumte von körperlichen Gestalten und klagte, selbst Fleisch, das Fleisch an – ein Wind, der dahinfährt und kam nicht wieder zu dir. Und ich ging in der Irre und irrte in dem, das nicht ist, weder in dir, noch in mir, noch in den Körpern, noch in dem von deiner Wahrheit ins Leben Gerufenen, sondern das von meiner eitlen Spekulation nach Eindrücken der Körper gebildet wurde. Und ich sprach zu den Kleinen, deinen Gläubigen, meinen Mitbürgern, von welchen ich in meiner Unwissenheit hinweggeirrt war in albernem Geschwätz: »Warum irrt die Seele, die Gott schuf?« Aber ich wollte nicht, daß man mir darauf sagte: »Warum irrt also Gott? » ich behauptete deshalb lieber, dein unwandelbares Wesen wäre gezwungen, ehe ich bekannte, daß mein wandelbares Wesen freiwillig abgewichen sei und nun zur Strafe irre.

Sechs- oder siebenundzwanzig Jahre war ich ungefähr alt, als ich jene Schrift verfaßte und mich mit jenen sündlichen Trugvorstellungen beschäftigte, die meines Herzens Ohr betäubten; wollte ich, o süße Wahrheit, auf deine innere Melodie horchen, nachsinnend über das Schöne und Schickliche, begehrte ich festzustehen und dich zu hören und mich zu freuen hoch über des Bräutigams Stimme, da vermochte ich es nicht; durch die Stimmen meines Irrtums ward ich fortgerissen in die Außenwelt und durch das Gericht meines Stolzes fiel ich in den Abgrund. Du ließest mich nicht hören Freude und Wonne, daß die Gebeine fröhlich wurden, die noch nicht zerschlagen waren.

 

Viertes Buch – Sechzehntes Kapitel

Welchen Gewinn brachte es mir, als ich, ungefähr zwanzig Jahre alt, eine aristotelische Schrift, »Die zehn Kategorien« betitelt, Unter die Hände bekam – nach ihnen lechzte ich förmlich, als ob sie Göttliches und Wunderbares enthielten, hatten sie mir doch meine Lehrer in der Rhetorik zu Karthago und andere, die in dem Ruf der Gelehrsamkeit standen, mit vollen Backen, die, ich möchte sagen, voll Hochmut geschwollen waren, angepriesen, ich sie allein las und ich verstand? Ich besprach sie mit denen, welche bekannten, daß sie dieselben kaum unter der Anleitung der gelehrtesten Lehrer verstanden hätten, obgleich diese nicht nur durch mündlichen Vortrag, sondern auch durch viele Zeichnungen verstanden zu werden suchten – auch sie konnten mir nichts anderes sagen, als was ich allein für mich herausgelesen und verstanden hatte. Deutlich genug schienen sie mir zu sprechen von dem Wesen der Dinge sowie dem Wesen der Menschen und seines Wesens Eigenschaften, wie z. B. von der Gestalt des Menschen, voll seiner Natur, voll der Anzahl seiner Füße, von seinen Blutsverwandten, von seinem Wohnorte, der Zeit seiner Geburt, ob er sitze oder stehe, ob er beschuht, ob er gewappnet sei, von seinem Tun und Leiden und sollst noch in diesen zehn Kategorien enthalten ist, voll dem ich einzelne Beispiele anführte, oder in der Kategorie »Substanz« selbst Unzähliges sich findet.

Welchen Nutzen mir das, da es mir doch nur schadete? Denn auch dich, o mein Gott, den wunderbar Einen und Unveränderlichen, wollte ich, von dem Glauben befangen, daß jene zehn Kategorien das All umfaßten, so auffassen, als wärest du deiner Größe und Schönheit unterworfen und sie wären an dir gleichsam Eigenschaften als eines Subjektes, wie am Körper, der du doch selbst die Größe und Schönheit bist. Ein Körper könnte, auch ohne groß und schön zu sein, ein Körper sein. Falsch wir es, was ich von dir dachte, nicht Wahrheit, ein Trugbild meines Elends, kein festes, auf dich gegründetes Bild deiner Seligkeit. Nach deinem Befehl geschah es an mir: Dornen und Disteln sollte der Acker mir tragen und im Schweiße meines Angesichts sollte ich mein Brot essen.

Was half es mir, daß ich alle Bücher der sogenannten freien Künste las, soweit ich sie erlangen konnte, ein schändlicher Sklave böser Leidenschaften, daß ich sie für mich las und sie verstand? Ich erfreute mich all ihnen und wußte nicht, woher das stamme, was etwa wahr und zuverlässig an ihnen war. Ich wandte dem Licht den Rücken und das Angesicht dem Erleuchteten zu, daher mein Angesicht, damit ich das Erleuchtete sah, nicht erleuchtet wurde. Was ich in der Kunst der Beredsamkeit und der Kunst des Vortrags über Maß, Musik und Zahlen ohne große Mühe und Anleitung von seiten anderer verstand, du weißt es, o Herr mein Gott, weil die schnelle Auffassungskraft meines Geistes und sein Scharfblick dein Geschenk ist; aber ich dankte dir nicht dafür. Deshalb gereichen sie mir auch nicht zum Heile, sondern vielmehr zum Verderben, weil ich nur darauf bedacht war, einen solch guten Teil meines Vermögens in meiner Gewalt zu haben, und ich berührte meine Kraft nicht zu deiner Ehre, sondern ich zog von dir in ein fernes Land, daß ich sie in buhlerischen Lüsten vergeudete. Was aber half mir so mein Vermögen, da ich es nicht gut verwandte, denn ich bemerkte nicht, daß jene Künste selbst von Fleißigen und Geistreichen nur mit großer Anstrengung erlernt wurden, wenn ich ihnen dieselben nicht erklärte, und das war unter ihnen der Trefflichste, welcher meiner Auslegung nicht gar zu langsam zu folgen vermochte.

Welchen Gewinn aber brachte mir das, da ich glaubte, daß du, o Herr mein Gott, der du die Wahrheit bist, seiest ein unermeßlich großer leuchtender Körper, und ich wäre ein Teilchen davon? Welch große Verkehrtheit! Ich erröte nicht, dir deine Barmherzigkeit an mir zu bekennen und dich anzurufen, ich, der ich damals nicht errötete, meine Lästerungen vor den Menschen auszukramen und wider dich zu bellen. Was nützte mir damals mein Geist, der spielend jene Lehren bewältigte und ohne menschliche Lehrer jene vielfach verknoteten Schriften auflöste, während ich die Lehre deiner heiligen Liebe entstellte und in gotteslästerlicher Schande umherirrte? Oder schadete deinen Kindern der langsame Geist, da sie von dir sich nicht weit entfernten, um im Nest deiner Kirche flügge zu werden und um die Fittiche der Liebe durch die Nahrung des gesunden Glaubens erstarken zu lassen? O Herr, mein Gott, unter dem Schatten deiner Flügel rühme ich mich! Schirme und trage uns. Du willst uns tragen im Mutterschoß und willst uns tragen, bis daß wir grau werden. Denn unsere Kraft ist nur deine Kraft, wenn du sie bist; ist sie unser, so ist sie Unkraft. Bei dir lebt immer unser Gut; weil wir von ihm uns abkehrten, sind wir verkehret worden. Wiederkehren wollen wir nun, o Herr, damit wir nicht verkehret werden, weil bei dir unser Gut lebt ohne alle Gefährde, denn du bist es selbst. Und wir fürchten nicht, daß wir einst nicht haben, dahin wir zurückkehren können, weil wir von dort abfielen, denn uns, auch wenn wir fern sind, stürzt nicht ein unser Haus – deine Ewigkeit.

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