Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Aurelius Augustinus >

Die Bekenntnisse des heiligen Augustinus

Aurelius Augustinus: Die Bekenntnisse des heiligen Augustinus - Kapitel 14
Quellenangabe
typeessay
authorAurelius Augustinus
titleDie Bekenntnisse des heiligen Augustinus
translatorOtto F. Lachmann
publisherReclam
year1888
seriesReclams Universal-Bibliothek
volume2791/94a
created20010524
senderhille@abc.de
correctorreuters@abc.de
corrected20120905
Schließen

Navigation:

Dreizehntes Buch

 

Erstes Kapitel

Ich rufe dich an, mein Gott, mein Erbarmer, der du mich geschaffen hast und der du den, der dich vergaß, nicht vergessen hast. Ich rufe dich in meine Seele, die du bereitest, daß sie dich empfange, durch das Verlangen, das du ihr einflößest. Verlaß jetzt nicht den, der dich anruft, der du, ehe ich dich anrief, mir schon zuvorkamst und mich unaufhörlich in aller Weise drängtest, daß ich dich in der Ferne hören, zurückkehren und dich, der du mich riefst, anrufen möchte. Denn du, Herr, tilgest alle meine Schuld, damit du meinen Händen nicht vergeltest, durch deren Werke ich von dir abfiel; und du kamest allen meinen guten Werken zuvor, daß du mir mit deinen Händen, mit denen du mich gemacht hast, vergeltest; denn bevor ich war, watest du; und ich war nichts, dem du hättest das Dasein verleihen können, und doch bin ich durch deine Güte, die dem Ganzen, wozu du mich machtest und woraus du mich machtest, zuvorkam. Denn du bedurftest meiner nicht noch ist alles Gute in mir derart, daß es dir, mein Herr und Gott, Nutzen brächte noch daß ich dir also diente, damit du in deinem Wirken gleichsam nicht ermüdetest oder damit deine Macht meines Gehorsams entbehrend nicht geringer sei; noch daß ich dich also verehrte wie ein irdisches Gebilde, so daß du unverehrt wärest, wenn ich dich nicht ehre; sondern daß ich dir diene und dich ehre, damit es mir wohl werde durch dich, von dem ich gemacht bin als ein Wesen, dem wohl sein kann.

 

Dreizehntes Buch – Zweites Kapitel

Aus der Fülle deiner Güte ist deine Schöpfung hervorgegangen, damit das Gute, obwohl es dir keinen Nutzen gewährt und obgleich es von dir ist, dir doch nicht gleich sein konnte, dennoch, da es nur aus dir werden konnte, nicht fehle. Denn welches Verdienst haben um dich Himmel und Erde, die du im Anfang geschaffen hast? Mögen die geistigen und körperlichen Geschöpfe, die du in deiner Weisheit schufest, sagen, wie sie verdient haben, daß das Angefangene und Ungestaltete, jedes in seiner Art, geistig oder körperlich, dennoch von ihr abhängt; welches zur Unordnung und zur höchsten Unähnlichkeit mit dir strebt, das geistige Ungestaltete vorzüglicher, als wenn es ein sinnlich Gestaltetes wäre; das sinnlich Ungestaltete vorzüglicher, als wenn es ganz und gar nichts wäre; und so wäre es, wie es zuerst in deinem Worte bezeichnet ist, ungestaltet geblieben, wenn es nicht durch dein Wort zu der Einheit mit dir berufen und gebildet wäre, auf daß alles durch dich, das einzige und höchste Gut, sehr gut würde. Wie aber hat es dies um dich verdient, auch nur gestaltlos. zu sein, da auch dies nicht wäre, wenn nicht durch dich?

Wie hat es eine körperliche Materie um dich verdient, daß sie wenigstens wüst und leer war? Sie wäre auch dieses nicht, wenn du sie nicht geschaffen; und deshalb konnte sie, weil sie nicht war, es auch nicht um dich verdienen, daß sie war. Oder, wie verdiente es um dich der Anfang der geistigen Schöpfung, daß sie auch nur als eine finstere, der Tiefe ähnliche, dir unähnliche, umhertrieb, wenn sie nicht durch dasselbe Wort zu dem gerichtet worden, von welchem sie geschaffen ist und, von ihm erleuchtet, ein Licht geworden, wenn auch nicht deinem Ebenbilde gleich, doch ihm ähnlich? Denn wie es für einen Körper nicht dasselbe ist, daß er ist und daß er schön ist, sonst könnte es ja keine Ungestalt geben, so ist es auch bei einem geschaffenen Geist nicht dasselbe, zu leben und weise zu leben, sonst würde er unveränderlich weise sein. Für ihn ist es gut, stets dir anzuhängen, damit er das, was er durch die Umkehr gewonnen, nicht wieder durch Abkehr verliere und nicht wieder in ein Leben des finsteren Abgrundes zurückfalle. Denn auch wir, die wir durch die Seele eine geistige Schöpfung sind, von dir, unserem Lichte abgewandt, waren wir weiland Finsternis in diesem Leben und wir leiden noch an den Überbleibseln unserer Finsternis, bis wir in deinem Eingeborenen deine Gerechtigkeit werden, wie Berge Gottes; denn wir waren der Gegenstand deines Gerichts, tief wie der Abgrund.

 

Dreizehntes Buch – Drittes Kapitel

Was du aber beim Anfange der Schöpfung sagtest, es werde Licht und es ward Licht, verstehe ich wohl mit Recht von der geistigen Schöpfung, die bereits im Leben, wie es auch sein mochte, vorhanden war, so daß du erleuchten konntest, so hatte sie kein Verdienst, wenn sie auch das Dasein hatte, daß sie von dir erleuchtet würde. Dir hätte ihre Gestaltlosigkeit nicht gefallen, wenn sie nicht Licht wurde, nicht durch die Kraft ihres eigenen Daseins, sondern durch das Anschauen des erleuchtenden Lichtes und durch die Gemeinschaft mit Ihm, so daß sie ganz allein deiner Gnade verdankt, sowohl, daß sie lebt, als auch, daß sie glücklich lebt, weil sie sich durch eine Umwandelung zum Bessern zu dem hingewandt hat, der sich weder zum Bessern noch zum Schlechtern verändert, was du allein bist, daß du allein wahrhaft bist, für welchen leben und glückselig leben eins ist, da du deine Seligkeit selbst bist.

 

Dreizehntes Buch – Viertes Kapitel

Was könnte dir also an der Seligkeit, die du dir selbst bist, mangeln, auch wenn jene Wesen nicht wären oder wenn sie auch in ihrer Unvollkommenheit geblieben wären, die du nicht, weil du ihrer bedurft hättest, gemacht hast, sondern aus der Fülle deiner Güte, die du ordnetest und gestaltetest, aber nicht damit durch sie gleichsam deine Freude vollkommen würde? Gewiß mißfällt dir ihre Unvollkommenheit. Denn dein guter Geist schwebte auf den Wassern; er wurde nicht etwa von denselben getragen, um auf ihnen gleichsam zu ruhen. Denn von welchen es heißt, ein guter Geist ruhe auf ihnen, die läßt er in sich ruhen. Aber dein unvergänglicher und unveränderlicher Wille, der sich selbst in sich genügt, schwebte über dem Leben, das du erschaffen hattest, denn leben und selig leben nicht dasselbe ist, weil es auch in seiner Finsternis umhertreibend lebt; es muß zu dem zurückkehren, von dem es geschaffen ist und immer mehr aus der Quelle des Lebens leben und das Licht in Seinem Lichte schauen und darin seine Vollkommenheit, seine Herrlichkeit und Seligkeit finden.

 

Dreizehntes Buch – Fünftes Kapitel

Siehe, wie in einem Rätsel erscheint mir die Dreieinigkeit, die du, mein Gott, bist; denn du, Vater, hast im Anfange unserer Weisheit, die deine von dir geborene Weisheit ist, dir gleich und mit dir gleich ewig, das heißt, in deinem Sohne hast du Himmel und Erde geschaffen. Wir haben vieles von dem Himmel des Himmels gesprochen, von der wüsten und leeren Erde und von der finstern Tiefe, das heißt, von den Irrsalen und Mängeln der Gestaltlosigkeit der geistigen Wesen, worin sie immer geblieben wären, wenn sie nicht zu dem zurückgeführt worden wären, der ihnen dies unvollkommene Leben gab, und wenn dies nicht kraft der Erleuchtung herrlich und ein Himmel des Himmels geworden wäre, der dann zwischen das Wasser und das Wasser gesetzt wurde; ich erkannte schon in dem Namen Gottes den Vater, der dies schuf; in dem Worte Anfang, in dem er es schuf, den Sohn; und da ich annahm, daß mein Gott dreieinig sei, wie ich ihn glaubte, forschte ich in seinen heiligen Aussprüchen und siehe, dein Geist schwebte über dem Wasser. Das ist die Dreieinigkeit, mein Gott! Der Vater, der Sohn und der heilige Geist, der Schöpfer der ganzen Schöpfung.

 

Dreizehntes Buch – Sechstes Kapitel

Was aber war die Ursache, o Licht, du Quell der Wahrheit (laß mein Herz sich dir nahen, damit es mich nicht zum Irrtume verleite, zerstreue seine Finsternis und sage mir), ich bitte dich bei der Liebe, der Quelle alles Heiles, sage mir, welches war die Ursache, daß erst nach der Erwähnung des Himmels, nach Erwähnung der wüsten und leeren Erde und der Finsternis auf der Tiefe die Schrift deines Geistes erwähnt? Etwa darum, weil es nötig war, Ihn so zu bezeichnen, ihn über etwas schweben zu lassen, und konnte dieses nicht geschehen, wenn nicht zuvor erwähnt war, worüber der Geist schwebte. Nicht über dem Vater, nicht über dem Sohne schwebte Er; und es ließe sich nicht mit Recht sagen, Er schwebte über etwas, wenn Er nicht wirklich über etwas schwebte. Zuvor mußte also gesagt werden, worüber er schwebte, dann konnte dessen erwähnt werden, welcher nicht anders als schwebend bezeichnet werden sollte. Warum aber sollte von Ihm nicht anders als schwebend gesprochen werden?

 

Dreizehntes Buch – Siebentes Kapitel

Von hier aus folge, wer es vermag, mit seinen Gedanken deinem Apostel, wenn er sagte: Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den heiligen Geist, welcher uns gegeben ist, wenn er sagt: Strebet nach den besten Gaben. Und ich will euch einen köstlicheren Weg zeigen; und weiter: Ich beuge meine Knie gegen den Vater unseres Herrn Jesu Christi, auf daß ihr erkennen möchtet, daß Christum heb haben viel besser ist denn alles Wissen, auf daß ihr erfüllet werdet mit allerlei Geistesfülle. Deshalb schwebte er im Anfange über dem Wasser. Zu wem soll ich sprechen? Wie soll ich reden von dem Hinabziehen der Leidenschaft in den tiefen Abgrund und von der Erhebung der Liebe durch den Geist, der über dem Wasser schwebte? Zu wem soll ich sprechen? Wie soll ich es aussprechen? Es ist kein Ort, wo wir sinken und emporsteigen. Was ist ähnlicher? Was ist unähnlicher? Es sind unsere Leidenschaften, es sind die Regungen unserer Liebe; die Unreinheit unseres Geistes zieht uns durch die Liebe zu irdischen Sorgen in diesen Abgrund hinab und die Heiligkeit hebt uns empor durch das Verlangen der Gewißheit, so daß sich unsere Herzen zu dir emporrichten, wo dein Geist über dem Wasser schwebt, und wir zu der Ruhe gelangen, die über alles hinaus wohnt, wenn unsere Seele durch die Wasser hindurchgegangen ist, die ohne Wesen sind.

 

Dreizehntes Buch – Achtes Kapitel

Der Engel sank hinab, die Seele des Menschen sank hinab, und beide wiesen dadurch auf den Abgrund aller geistigen Geschöpfe in der Tiefe der Finsternis hin, wenn du nicht gleich im Anfange gesagt hättest: Es werde Licht, und wenn es nicht Licht geworden wäre und alle geistigen Wesen deiner himmlischen Stadt sich nicht durch den Gehorsam mit dir vereinigten, um Ruhe zu finden in deinem Geiste, der unveränderlich über allem Wandelbaren schwebt. Sonst würde selbst der Himmel des Himmels in sich nur ein finsterer Abgrund sein; nun aber seid ihr ein Licht in dem Herrn. Denn auch in der unseligen Unruhe der zurücksinkenden Geister, die nach der Entkleidung von deinem Lichtgewande nur den Anblick ihrer Finsternis darbieten, zeigst du uns = Genüge die Größe der vernunftbegabten Geschöpfe, denen nichts zu ihrer seligen Ruhe genügt, was geringer ist als du, und deswegen kann sie auch sich selbst nicht genügen. Denn du, unser Gott, erleuchtest unsere Finsternis –, aus dir kommt unsere Kleidung, und die Nacht leuchtet wie der Tag und die Finsternis wie das Licht. Gib mir dich, mein Gott, gib dich meinem Herzen zurück, denn ich liebe dich und ist es auch noch wenig, ich will dich immer lieben. Ich kann nicht ermessen, daß ich weiß, wieviel der Liebe mir noch fehle, bis es hinreicht, daß mein Leben sich zu deiner Anschauung erhebe und nichts es von dir entferne, bis es sich in dem Geheimnisse deines Angesichts verliert. Nur eins weiß ich, daß ich ohne dich elend bin, nicht bloß außer mir, sondern auch in mir selbst; daß jeder Reichtum, der nicht mein Gott ist, für mich nur Armut ist.

 

Dreizehntes Buch – Neuntes Kapitel

Schwebte nicht auch der Vater oder der Sohn über den Wassern? Wenn dies wäre gleich wie ein Körper über dem Raume, dann schwebte auch nicht der heilige Geist darüber; wenn diese Worte aber die Erhabenheit der unwandelbaren Gottheit über allem Wandelbaren anzeigen, so schwebte der Vater und der Sohn und der heilige Geist über dem Wasser. Warum also ist dies nur von dem heiligen Geist gesagt? Gleichsam als wenn er dort räumlich wäre, der doch nicht räumlich ist, sondern von welchem gesagt ist, daß er deine Gabe sei. In deiner Gabe wollen wir ruhen, dort deiner genießen. Dort ist unsere Ruhe, unsere Stätte. Dorthin erhebt uns die Liebe und dein guter Geist erhöhet unsere Niedrigkeit über die Pforten des Todes. Im guten Willen ist Friede für uns. Ein Körper strebt durch eigenes Gewicht zu seinem Mittelpunkt. Dies Gewicht zieht ihn nicht nur nach unten, sondern zu seinem Orte. Das Feuer steigt aufwärts, der Stein fällt abwärts. Von ihrem Gewichte getrieben, streben beide ihrem Mittelpunkte zu. Das Öl, auf welches man Wasser schüttet, erhebt sich über das Wasser; Wasser aber über Öl gegossen, sinkt unter das Öl hinab; von ihrem Gewichte getrieben, streben beide ihrem Mittelpunkte zu. Weniger geordnet, sind sie unruhig; wenn sie geordnet sind, ruhen sie. Mein Gewicht ist meine Liebe; durch sie werde ich getrieben, wohin ich immer getrieben werde. Durch deine Gabe werden wir entzündet und emporgehoben. Wir entbrennen und wir gehen. Wir steigen auf durch das Entzücken unseres Herzens und singen das Lied der Stufen. Durch dein Feuer, durch dein heiliges Feuer erglühen wir und wandeln wir; wir gehen hinauf zum Frieden Jerusalems, wie freue ich mich des, das mir geredet ist, daß wir werden in das Haus des Herrn gehen. Dorthin versetzt uns der gute Wille, der in uns keinen andern Wunsch aufkommen läßt, als dort zu bleiben in Ewigkeit.

 

Dreizehntes Buch – Zehntes Kapitel

Selig das Geschöpf, das nichts anderes kennte, obgleich es selbst ein anderes wäre, wenn es nicht durch deine Gabe, die über allem Wandelbaren schwebt, gleich nach seiner Schöpfung ohne irgendeinen Zeitraum durch jenes Wort, es werde Licht und es ward Licht, emporgehoben wäre. Denn bei uns unterscheidet man in der Zeit, daß wir Finsternis waren und wir Licht wurden; bei jenen Geschöpfen aber ist gesagt, was sie wären, wenn sie nicht erleuchtet worden wären, und demzufolge wurde gesagt, wie sie früher unstät und finster gewesen, um die Ursache zu offenbaren, die es bewirkte, daß es anders geworden sei, das heißt, daß sie hingewandt zum unversiegbaren Lichte Licht wurden. Verstehe dieses, wer kann, und er bitte dich um sein Verständnis! Wozu ist er auch mir lästig, wie wenn ich das Licht wäre, das jeden Menschen erleuchten solle, der in diese Welt kommt?

 

Dreizehntes Buch – Elftes Kapitel

Wer begreift die allmächtige Dreieinigkeit? Und wer spricht nicht von ihr als etwas ganz Gewöhnlichem, wenn er anders von ihr spricht? Selten ist der Geist, der, wenn er von ihr spricht, weiß, was er sagt. Man streitet und kämpft und doch schaut niemand ohne den Frieden und die Ruhe der Seele dieses Geheimnis. Ich wünschte, die Menschen bedächten bei sich drei Dinge. Freilich sind diese drei Dinge etwas ganz anderes als jene Dreieinigkeit; doch gebe ich sie ihnen auf, damit sie sich üben und erfahren, wie weit sie davon entfernt sind. Diese drei Dinge sind: Sein, Wissen und Wollen. Ich bin, ich weiß, ich will, ich bin, der weiß und der will; und ich weiß, daß ich bin und daß ich will; ich will sein und will wissen. Wie sehr von diesen Dingen das Leben unzertrennlich ist, und zwar ein Leben, ein Geist, eine Wesenheit und welch ein unzertrennlicher Unterschied und doch Unterschied, das begreife, dem es möglich ist. Dies liegt vor jedem; er betrachte sich, er sehe, und er antworte mir. Wenn er aber in diesem einen Aufschluß findet und es mir sagt, so glaube er nicht, daß er schon das Wesen erkannt habe, was über dieses Wandelbare erhaben ist, was unwandelbar ist, was unwandelbar weiß, was unwandelbar will; und ob dieser drei Dinge wegen auch dort die Dreieinigkeit ist oder ob alle drei in jedem einzelnen, so daß alle drei in jeder Person sind, oder ob beides auf wunderbare Weise einfach und dennoch auf vielfältige Weise in ihr stattfindet, die sich selbst ihr Ziel ist, sich kennt und unwandelbar in jener überaus großen Einheit sich selbst genügt; wer vermag dieses zu begreifen? Wer vermag es je zu sagen? Wer ist vermessen genug, es auf irgendeine Weise aussprechen zu wollen.

 

Dreizehntes Buch – Zwölftes Kapitel

Fahre fort, mein Glaube, in deinem Bekenntnisse; sage dem Herrn deinem Gott: Heilig, heilig, heilig, mein Herr und Gott, auf deinen Namen sind wir getauft, Vater, Sohn und heiliger Geist; auf deinen Namen taufen wir, Vater, Sohn und heiliger Geist; denn auch bei uns schuf Gott in Christo, seinem Sohne, Himmel und Erde, die geistlichen und fleischlichen Menschen seiner Kirche; und bevor unsere Erde ihre Gestalt durch die Lehre des Wortes empfing, war sie wüst und leer und bedeckte uns die Finsternis der Unwissenheit, weil du den Menschen gezüchtigt hast um der Sünde willen und weil deine Gerichte wie die Tiefen des Abgrundes sind. Da aber dein Geist über dem Wasser schwebte, verließ deine Erbarmung unser Elend nicht und du sagtest: Es werde Licht. Tut Buße, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Tut Buße, es werde Licht. Und weil meine Seele betrübt in mir ist, darum denke ich an dich, Herr, im Lande am Jordan und auf dem Berge, der gleich groß ist wie du, aber klein um unseretwillen, und es mißfiel uns unsere Finsternis, als wir zu dir zurückkehrten, und es wurde Licht. Und siehe, die wir weiland Finsternis waren, nun sind wir ein Licht in dem Herrn.

 

Dreizehntes Buch – Dreizehntes Kapitel

Doch sind wir dies nur erst im Glauben, nicht schon im Schauen. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung. Noch rauschen deine Fluten daher, daß hier eine Tiefe und da eine Tiefe brauset; und alle deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich, aber die Tiefe ruft doch bereits mit der Stimme deiner Fluten. Auch jener, welcher spricht, ich konnte nicht mit euch reden als mit Geistlichen, sondern als mit Fleischlichen, schätzt sich selbst noch nicht, daß er es begriffen habe; ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich zu dem, was da vorne ist; er seufzet unter der Last, die ihn niederdrückt, er dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott, wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, und sagt, wann werde ich dahin kommen, daß ich Gottes Angesicht schaue? Wir sehnen uns nach unserer Behausung, die vom Himmel ist, und uns verlanget, daß wir damit überkleidet werden, und er ruft dem untern Abgrunde zu, da er spricht: Stellet euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch Erneuerung eures Sinnes; und, werdet nicht Kinder an dem Verständnis, sondern vor der Bosheit seid Kinder, an dem Verständnis aber seid vollkommen; und, o ihr unverständigen Galater, wer hat euch bezaubert? Aber schon läßt sich nicht mehr seine Stimme, sondern deine Stimme selbst vernehmen, der du vom Himmel herab deinen Geist gesandt hast durch den, welcher zum Himmel aufgefahren ist und die unerschöpfliche Quelle deiner Gnade öffnete, um Ströme von Freude über deine heilige Stadt auszugießen. Nach ihr sehnt sich der Freund des Bräutigams, der schon die Erstlinge des Geistes empfangen hat, seufzt aber auch bei sich selbst nach der Kindschaft und wartet auf des Leibes Erlösung; nach ihr seufzt er (aber auch bei sich selbst), denn er ist ein Glied der Kirche, der Braut; für sie eifert er, denn er ist ein Freund des Bräutigams; für ihn eifert er, nicht für sich, weil er durch die Stimme deiner Wasserfluten, nicht mit seiner eigenen Stimme den andern Abgrund anruft; im Eifer für diesen befürchtet er, daß nicht, wie die Schlange Eva verführte mit ihrer Schalkheit, also auch eure Sinne verrückt werden von der Einfältigkeit in Christo, unserm Bräutigam, deinem Eingeborenen. Wie wird das Licht seines Angesichts leuchten, wenn wir ihn sehen werden, wie er ist, und wenn die Tränen vorüber sein werden, die Tag und Nacht meine Speise sind, weil man täglich zu mir sagt – Wo ist nun dein Gott?

 

Dreizehntes Buch – Vierzehntes Kapitel

Auch ich spreche: Wo bist du, mein Gott? Ach, wo bist du? ich atme in dir etwas auf, wenn ich mein Herz herausschütte bei mir selbst mit Frohlocken und Danken, unter dem Haufen derer, die da eifern. Doch ist meine Seele noch traurig, weil sie bald wieder herabsinkt und ein Abgrund wird, oder vielmehr, weil sie fühlt, daß sie noch ein Abgrund ist. Da spricht zu ihr mein Glaube, den du in der Nacht angezündet hast: Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. Hoffe und harre, bis die Nacht, die Mutter der Gottlosen, vorübergeht, bis der Zorn des Herrn vorübergehe, dessen Kinder auch wir einst waren, aber wir noch Finsternis waren, deren Überbleibsel noch dieser durch die Sünde sterbende Leib an sich trägt, bis der Tag kühl werde und die Schatten abnehmen. Harre auf den Herrn; frühe will ich mich zu dir schicken und darauf merken und will immerdar dein Lob verkündigen. Frühe will ich mich zu dir schicken und werde das Heil meines Angesichtes sehen, meinen Gott, der auch unsere sterblichen Leiber lebendig macht um deswillen, dessen Geist in uns wohnt, und der erbarmend über unserem finsteren und flutenden Innern schwebt. Durch ihn haben wir auf der Pilgerfahrt dieses Lebens das Unterpfand empfangen, daß wir bereits Licht sind, während wir schon in Hoffnung selig sind, Kinder des Lichtes und Kinder des Tages, nicht Kinder der Nacht noch der Finsternis, die wir einst waren. Zwischen diesen und uns unterscheidest, bei der Ungewißheit menschlicher Erkenntnis, allein du, der du unsere Herzen prüfst und das Licht Tag und die Finsternis Nacht nennst, wer kann uns unterscheiden als du? Was haben wir aber, was wir nicht empfangen haben, sind wir nicht alle von derselben Erde genommen, um Gefäße der Ehre oder Gefäße der Unehre zu sein?

 

Dreizehntes Buch – Fünfzehntes Kapitel

Oder wer, wenn nicht du, unser Gott, hat die Veste der Autorität über uns in deiner göttlichen Schrift geschaffen? Denn der Himmel wird wie ein Buch aufgerollt werden und ist jetzt wie ein Kleid über uns ausgespannt. Das Ansehen deiner heiligen Schrift ist um so erhabener, seitdem jene Sterblichen, die du zu ihren Werkzeugen erwählt hast, durch den Tod bereits von hier geschieden sind. Du weißt, Herr, du weißt, wie du die Menschen mit Fellen bekleidetest, als sie durch die Sünde sterblich wurden. Deshalb hast du die Veste deiner Schrift wie ein Kleid über uns ausgebreitet, die völlig übereinstimmenden Worte, die du durch Vermittlung sterblicher Menschen über uns erhoben hast. Denn durch ihren Tod wird die Befestigung des Ansehens deiner von ihnen mitgeteilten Worte hoch über alles, was darunter ist, ausgebreitet, die, solange sie noch herniederwallten, nicht so erhöhet und verbreitet war. Du hattest noch nicht den Himmel wie ein Kleid über uns ausgebreitet noch nicht ihres Todes Ruf überallhin getragen.

Laß uns, Herr, die Himmel, die Werke deiner Hände schauen; zerstreue die Wolken, die sie unseren Augen verhüllen! Dort ist dein Zeugnis, das den Kleinen Weisheit gewährt. Bereite dir, mein Gott, dein Lob aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge. Wir kennen keine andern Bücher, die so sehr zunichte machen den Stolz, so sehr zunichte machen den Feind, der widerstrebend deiner Versöhnung seine Sünde verteidigt. Ich kenne, Herr, o Herr, ich kenne keine keuscheren Worte, die mich so zum Bekenntnis bewegten und meinen Nacken unter dein Joch so beugten' dir aus Liebe zu dienen. Möchte ich sie, gütiger Vater, verstehen; verleihe dieses mir, der sich ihnen unterwirft, da du sie für die gegründet, die sich ihnen unterwerfen.

Andere Gewässer gibt es über dieser Veste, ich glaube, unsterbliche, bewahrt vor dem irdischen Verderben. Mögen deinen Namen loben, mögen dich loben die übersinnlichen Völker deiner Engel, die nicht nötig haben, zu dieser Veste aufzublicken und dein Wort durch Lesen zu erkennen. Denn sie sehen allezeit dein Angesicht und lesen dort ohne Silben der Zeit, was dein ewiger Wille will. Sie lesen, sie wählen, sie lieben sie; sie lesen immerdar und nie vergeht, was sie lesen. Sie lesen selbst die Unwandelbarkeit deines Ratschlusses, sie wählen und lieben sie. Für sie schließt sich dies Buch nicht; ihr Buch rollt sich auf, denn du selbst bist ihr Buch und bist es ewig; denn du hast sie über diese Veste gestellt, die du über der Schwachheit der niederen Völker begründet hast, daß sie hinaufblicken und deine Barmherzigkeit erkennen, die dich ihnen zeitlich verkünden soll, der du die Zeiten geschaffen hast. Denn im Himmel, Herr, wohnt deine Barmherzigkeit und deine Wahrheit, soweit die Wolken geben. Die Wolken vergehen, der Himmel aber bleibt. Die Verkündiger deines Wortes gehen vorüber, gehen aus diesem Leben in ein anderes; deine Schrift aber breitet sich über die Völker aus bis an das Ende der Tage. Aber auch Himmel und Erde werden vergehen, aber dein Wort wird nicht vergehen. Denn auch das Kleid des Himmels wird zusammengelegt werden, und das Gras, über welches er ausgespannt war, wird mit all seiner Herrlichkeit verschwinden; dein Wort aber bleibt in Ewigkeit; jetzt erscheint es uns nur wie ein Rätsel in eine Wolke gehüllt; und wie durch den Spiegel des Himmels, nicht aber wie es ist; denn obwohl wir die Geliebten deines Sohnes sind, ist doch noch nicht erschienen, was wir sein werden. Er blickt durch die Hülle des Fleisches, hat uns mit Liebkosungen überhäuft und mit seiner Liebe entflammt, und wir laufen seinem Wohlgeruche nach. Wenn er aber erschienen sein wird, werden wir ihm gleich sein, denn wir werden ihn sehen, wie er ist; ihn zu sehen, wie er ist, Herr, das ist uns doch nicht vergönnt.

 

Dreizehntes Buch – Sechzehntes Kapitel

Denn ganz, wie du bist, das weißt du allein, der du unwandelbar bist in deinem Sein; unwandelbar in dem, was du weißt; und unwandelbar in dem, was du willst. Dein Wesen weiß und will unwandelbar; dein Wissen ist und will unwandelbar, und dein Wille ist und weiß unwandelbar. Es scheint vor dir nicht gerecht zu sein, daß, wie das unwandelbare Licht sich selbst erkennt, daß es so auch von dem erleuchteten Wandelbaren erkannt werde. Deshalb dürstet meine Seele nach dir wie ein dürres Land, denn wie sie sich aus sich selbst nicht erleuchten kann, vermag sie auch nicht aus sich selbst ihr Verlangen zu stillen. So ist bei dir, bei dir die lebendige Quelle und in deinem Lichte sehen wir das Licht.

 

Dreizehntes Buch – Siebzehntes Kapitel

Wer sammelte die bittern Wasser an einen einzigen Ort? Sie haben dasselbe Ziel zeitlichen und irdischen Glückes, dessentwegen sie alles tun, obwohl sie von unzähligen Sorgen hin- und herschwanken. Wer, Herr, als du, der du gesagt hast: Es sammele sich das Wasser an besondere Örter, damit man das Trockene sehe, das nach dir dürstet? Denn auch das Meer ist dein und du hast es gemacht und deine Hände haben das Trockene bereitet; denn nicht die Bitterkeit der Willen, sondern die Sammlung der Gewässer wird Meer genannt. Denn du hältst auch die unordentlichen Neigungen der Seele zusammen und steckst Grenzen, die sie nicht überschreiten dürfen und zwingst so die Wogen, sich an sich selbst zu brechen, und gestaltest dies Meer nach der Ordnung deiner Herrschaft über alles.

Doch die Seelen, die nach dir dürsten und stets vor deinem Angesichte sind, die du in anderer Absicht von der Gemeinschaft des Meeres getrennt hast, benetze du sie im verborgenen mit dem süßen Quell, damit auch die Erde ihre Frucht trage; es trägt unsere Seele Frucht und auf Geheiß unseres Herrn und Gottes läßt sie aufgehen Werke der Barmherzigkeit nach ihrer Art; sie liebt ihren Nächsten und hilft ihm in den Nöten des Lebens und trägt in sich den Samen zu Ähnlichem, denn, eingedenk unserer Schwachheit, fühlen wir Mitleid, dem Dürftigen beizustehen, wie auch wir wünschen würden, daß uns geholfen würde, wenn gleiche Not uns drängte; nicht nur in geringen Dingen, die dem Grase gleichen, das von selbst aus der Erde wächst, sondern auch in der kräftigen Gewährung von Schutz und Hilfe, gleich einem fruchtbaren Baume, das heißt, durch die Wohltat, den, der Unrecht leidet, aus der Hand der Gewalt zu reißen und ihm eine Zufluchtsstätte durch die Kraft eines gerechten Urteils zu gewähren.

 

Dreizehntes Buch – Achtzehntes Kapitel

Ich bitte dich, Herr, laß also, wie du gewohnt bist, uns Freudigkeit und Kraft zu geben, Wahrheit aus der Erde sprossen, und deine Gerechtigkeit uns vom Himmel herabsehen und Lichter an der Veste des Himmels werden. Laßt uns dem Hungrigen unser Brot brechen und die, so im Elend irren, ins Haus führen; laßt uns, so wir einen nackend sehen, ihn kleiden und uns nicht unserem Fleische entziehen. Wenn die Erde unserer Herzen diese Früchte hervorbringt, dann siehe herab, daß es gut ist, und laß unser zeitliches Licht hervorbrechen und uns, von dieser niedrigen Frucht unseres Handelns zu der Wonne des Anschauens durch das Wort des höheren Lebens erhoben, scheinen wie die Lichter in der Welt und mit der Veste deiner Schrift innig vereint sein. Denn dort wirst du uns lehren, daß wir das Geistige vom Sinnlichen unterscheiden wie den Tag von der Nacht, oder die geistigen Seelen von den sinnlichen, so daß du nicht mehr allein in der Verborgenheit deines Gerichtes, wie vor der Entstehung der Veste des Himmels, das Licht von der Finsternis scheidest, sondern auch, daß die von dem Geiste Erfüllten, die du an die Veste des Himmels gesetzt und geordnet hast, nach der Offenbarung deiner Gnade über den Erdkreis leuchten, den Tag von der Nacht scheiden und die Zeiten bezeichnen; denn das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden; unser Heil ist näher, als wir es glaubten, weil die Nacht vorausgegangen ist, und der Tag nahet; weil du krönst das Jahr mit deinem Gut und Arbeiter in deine Ernte sendest, die andere Arbeiter fruchtbar gemacht haben, und sie auf eine andere Aussaat sendest, deren Ernte erst am Ende der Welt ist. So erfüllest du unsere Wünsche und segnest die Jahre des Gerechten; du aber bist immer derselbe, und deine Jahre, die nicht vergehen, sind die Schatzkammer, wo du unsere Jahre, die vergehen, aufbewahrst. Denn nach ewigem Ratschluß spendest du der Erde die himmlischen Gaben zu ihrer Zeit.

Dem einen gibst du durch deinen Geist, zu reden von der Weisheit gleich einem größeren Lichte, um derer willen, die sich an dem reinen Lichte der Wahrheit wie an der Morgenröte erfreuen; dem anderen wird gegeben, zu reden von deiner Erkenntnis nach demselben Geiste gleich einem geringeren Lichte; einem anderen der Glaube; einem anderen die Gabel gesund zu machen, in demselben Geiste; einem anderen, wunder zu tun; einem anderen Weissagung; einem anderen, Geister zu unterscheiden; einem anderen, mancherlei Sprachen; und alle diese Gaben gleichen den Sternen. Dies alles aber wirket derselbe einige Geist und teilt einem jeglichen seines zu, nachdem er will, und läßt die Sterne zum Heile erscheinen und leuchten. Aber was ist die Gabe der Erkenntnis, die alle Geheimnisse in sich faßt, die je nach der Zeit ihr Licht wechseln wie der Mond, und was sind die übrigen Gaben des Geistes, die darnach gleich wie Sterne erwähnt wurden, neben jener Herrlichkeit der Weisheit, deren sich der verheißene Tag erfreuet, anders als die Dämmerung einer finsteren Nacht. Aber für solche sind sie notwendig, mit denen dein weiser Diener nicht reden konnte als mit Geistlichen, sondern als mit Fleischlichen, er, der mit den Vollkommenen Weisheit redet. Aber der natürliche Mensch, nur ein Kind in Christo, das sich mit Milch nährt, bis es für kräftige Speise erstarke und sein Auge für den Anblick der Sonne kräftige, soll die Nacht seiner Finsternis nicht für verlassen halten, sondern sich mit dem Lichte des Mondes und der Sterne begnügen. Dies lehrst du uns, mein Gott, du höchste Weisheit, in deinem Buche, deiner Veste, auf daß wir in wunderbarer Betrachtung alles unterscheiden, obwohl nur erst in Zeichen, in Zeiten, in Tagen, in Jahren.

 

Dreizehntes Buch – Neunzehntes Kapitel

Aber zuvor waschet euch, reinigt euch; tut euer böses Wesen von meinen Augen und lasset ab von Übeltat, damit die trockene Erde erscheine. Lernet Gutes tun, schaffet den Waisen Recht und führt der Witwen Sache, damit die Erde nährendes Gras und fruchtbare Bäume hervorbringe; so kommt denn und laßt uns miteinander rechten, spricht der Herr, damit sie leuchtende Gestirne an der Veste des Himmels werden und ihr Licht über die Erde ergießen. jener Reiche fragte den guten Meister – was er tun solle, um das ewige Leben zu haben, und es spricht zu ihm der gute Meister – den er für einen Menschen hielt und für weiter nichts; gut ist er nur, weil er Gott ist – zu ihm spricht er, willst du zum Leben eingehen, so halte die Gebote; er solle von sich die Bitterkeit der Bosheit und der Ungerechtigkeit entfernen; er solle nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht falsches Zeugnis geben, damit die trockene Erde erscheine und Verehrung des Vaters und der Mutter und Liebe gegen den Nächsten hervorbringe. Da sprach er, das habe ich alles gehalten. Woher so viele Disteln und Domen, wenn die Erde fruchtbar ist? Gehe und reiße das dichte Dorngebüsch des Geizes aus; verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach, wenn du vollkommen sein und dich zu denen gesellen willst, unter denen der Weisheit redet, der den Tag von der Nacht zu unterscheiden weiß, damit auch du es weißt, damit auch dir an der Veste des Himmels Sterne aufgehen, was nicht geschehen wird, wenn nicht dein Herz dort ist; und ebensowenig, wenn nicht dein Schatz dort ist: wie du es von dem guten Meister gehört hast. Aber die unfruchtbare Erde ward betrübt und die Domen erstickten das Wort.

Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, ihr, die Schwachen in der Welt, die ihr alles verlassen habt, um dem Herrn nachzufolgen; gehet ihm nach und beschämet die Mächtigen der Welt; folget ihm nach, ihr lieblichen Füße, und leuchtet an der Veste des Himmels, damit die Himmel Seine Ehre erzählen, und unterscheiden das Licht der Vollkommenen, die jedoch noch nicht den Engeln gleich sind, von der Finsternis der Kleinen, doch deshalb nicht Verachteten; leuchtet über die ganze Erde hin; und der Tag, leuchtend vom Glanze der Sonne, rufe dem Tage das Wort der Weisheit zu, und die Nacht, erhellt von dem Lichte des Mondes, verkündige der Nacht das Wort des Erkennens. Mond und Sterne leuchten der Nacht; aber die Nacht verdunkelt sie nicht; sie erhellen sie nicht; sie erhellen dieselbe nach ihrem Maße. Siehe, gleichsam als spräche Gott: Es werden Lichter an der Veste des Himmels, geschah schnell ein Brausen vom Himmel als eines gewaltigen Windes, und man sah an ihnen die Zungen zerteilet, als wären sie feurig; und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen; und sie wurden Lichter an der Veste des Himmels, die das Wort des Lebens haben. Geht über die ganze Erde hin, heilige Flammen, herrliche Flammen! Denn ihr seid das Licht der Welt, bleibet nicht hinter dem Scheffel! Der ist erhöhet, dem ihr anhinget, und Er hat euch erhöhet. Gebet hin und werdet kund allen Völkern!

 

Dreizehntes Buch – Zwanzigstes Kapitel

Auch das Meer empfange und gebäre eure Werke und es errege sich das Wasser mit webenden, lebendigen Tieren. Denn ihr unterscheidet Kostbares von Gemeinem und seid der Mund Gottes geworden, durch die er sprach. Es errege sich das Wasser nicht mit der lebendigen Seele, welche die Erde hervorbringt, sondern mit webenden, lebendigen Tieren und mit Gevögel, die auf Erden unter der Veste des Himmels fliegen. Denn deine Geheimnisse, mein Gott, gehen durch die Werke deiner Heiligen mitten unter den Fluten der Versuchungen der Welt hindurch, um die Völker in deinem Namen, in deiner Taufe zu weihen. Und es geschehen wunderbare Taten, wie große Ungeheuer, und die Stimme deiner Boten flog über die Erde unter der Veste deines Wortes, das ihnen zum höchsten Ansehen gesetzt war, unter dem sie hineilten, wohin sie immer gingen. Denn es ist keine Sprache noch Rede, da man nicht ihre Stimme höre, als ihr Ruf in alle Länder ausging und ihre Rede an der Welt Ende; denn du, Herr, hast dies segnend vermehrt.

Irre ich etwa und vermenge und unterscheide ich nicht die helle Erkenntnis dieser Dinge an der Veste des Himmels von den körperlichen Werken im flutenden Meere und unter dem Firmamente des Himmels? Die Erkenntnis der Dinge ist klar und gewiß und begrenzt ohne Zuwachs von Geschlecht zu Geschlecht, gleich den Lichtern der Weisheit und der Erkenntnis; die körperlichen Wirkungen derselben Dinge sind viel und mannigfaltig und werden unaufhörlich vermehrt, indem eins aus dem andern erwächst unter deinem Segen, mein Gott, der du den Überdruß der sterblichen Sinne dadurch tröstest, daß in der Erkenntnis des Geistes eine Sache sich in der körperlichen Bewegung auf vielfache Weise darstellt und offenbart. Die Wasser haben dies erzeugt, aber in deinem Worte. Die Bedürfnisse der der Ewigkeit deiner Wahrheit entfremdeten Völker haben dies hervorgebracht, aber in deinem Evangelium; denn die Wasser selbst werfen dasjenige aus, deren Bitterkeit und Erschlaffung die Ursache war, daß in deinem Worte solches hervorging.

Alles ist schön, wenn du es machst, du aber, der du alles gemacht hast, bist unaussprechlich schöner; wäre Adam nicht gefallen, so hätte sich nicht aus seinem Schoße das salzige Meer ergossen, das übermäßig vorwitzige, stürmisch schwülstige und unstät wogende Menschengeschlecht; und ebenso wäre es nicht nötig gewesen, daß mitten in diesen unermeßlichen Gewässern aller Völker die gläubigen Werkzeuge deines Willens so viele sinnliche und körperliche Zeichen anwendeten und zu so vielen geheimnisvollen Worten und Handlungen ihre Zuflucht nahmen. So traten mir nun die kriechenden Tiere und die Vögel entgegen, in deren vorbildliche Bedeutung eingeweiht, die Menschen, sinnlichen Symbolen unterworfen, nicht weiter gelangt sein würden, wenn nicht geistig die Seele auf einer anderen Stufe lebte und nach dem Worte des Anfanges auf die Vollendung blickte.

 

Dreizehntes Buch – Einundzwanzigstes Kapitel

Deshalb bringt in deinem Worte nicht des Meeres Tiefe, sondern die von der Bitterkeit des Gewässers gesonderte Erde nicht belebte kriechende Tiere, sondern eine lebendige Seele hervor. Denn sie bedarf nicht mehr der Taufe, welche die Heiden nötig haben, so wie sie ihrer bedurfte, als sie noch von den Wassern bedeckt wurde. Denn man kann nicht anders in das Reich Gottes kommen, seitdem du angeordnet hast, daß man nur so hineinkomme. Sie verlangt auch nicht mehr wunderbare Taten, um Glauben zu erwecken; denn nicht mehr glaubt sie nicht, wenn sie nicht Zeichen und Wunder sieht, da die gläubige Erde schon von den durch ihren Unglauben bitteren Gewässern des Meeres geschieden ist; und die Zungen sind zum Zeichen nicht den Gläubigen, sondern den Ungläubigen. jener Art Gevögel, welche das Meer auf dein Wort hervorbrachte, bedarf die Erde, die du über den Wassern gründetest, nicht mehr. Sende auf sie durch deine Boten dein Wort herab. Denn wir erzählen ihre Werke, aber du bist es, der in ihnen wirkt, daß sie eine lebendige Seele hervorbringen. Die Erde bringt sie hervor, weil die Erde die Ursache ist, daß sie dies auf ihr wirken; wie das Meer die Ursache war, daß sie belebte, kriechende Tiere und Gevögel unter dem Firmamente hervorbrächten, deren die Erde nicht mehr bedarf; obgleich sie sich mit dem aus der Tiefe emporgehobenen Fische nährt an dem Tische, den du im Angesicht der Gläubigen bereitet hast; denn deshalb wurde er aus der Tiefe emporgehoben, daß diese Speise die Erde nähre. Und die Vögel, obwohl aus dem Meere geboren, mehren sich auf der Erde. Denn die Ursache der ersten Verkündigung des Evangeliums war der Unglaube des Menschen: aber auch die Gläubigen empfangen von ihnen vielfältig Ermahnung und Segen immer wieder. Aber die lebendige Seele hat von der Erde ihren Ursprung, daß es jetzt nur den Gläubigen nützt, sich der Liebe dieser Welt zu enthalten, daß ihre Seele dir lebt, die tot war, als sie noch in Wollüsten, in todbringenden Wollüsten, Herr, lebte; denn du bist die Lebenswonne des reinen Herzens.

Laß daher jetzt deine Diener auf Erden wirken, nicht wie in den Wassern des Unglaubens durch Verkündigung in Wundern, Geheimnissen und mystischen Worten, auf welche die Unwissenheit, die Mutter der Bewunderung, in der Furcht vor verborgenen Zeichen gerichtet ist. Denn das ist der Weg, der die Kinder Adams zum Glauben führt, die deiner vergessen haben, sich vor deinem Angesichte verbergen und ein Abgrund werden. Laß sie vielmehr wirken wie auf trockener Erde, die gesondert ist von den Fluten des Abgrundes, und laß deine Gläubigen in ihrem Wandel ihnen ein Vorbild zur Nachahmung sein. Denn so vernehmen sie nicht bloß zum Hören, sondern auch zum Befolgen: Suchet den Herrn und eure Seele wird das Leben haben, daß das Land eine lebendige Seele hervorbringe. Stellet euch nicht dieser Welt gleich; enthaltet euch derselben. Wenn die Seele sie fliehet, lebt sie; wenn sie dieselbe sucht, stirbt sie. Enthaltet euch der unmenschlichen Roheit des Stolzes, der Weichlichkeit der Wollust und des Truges der Erkenntnis, damit die wilden Tiere zahm, die Haustiere sanft und die Schlangen unschädlich sind. Denn das sind sinnbildlich die leidenschaftlichen Regungen der Seele; aber der Hochmut des Stolzes, der Genuß der Sinnenlust und das Gift des Vorwitzes sind Regungen einer toten Seele, die zwar tot ist, aber nicht so, daß sie aller Regung entbehre, indem sie insofern stirbt, daß sie sich von der Quelle des Lebens entfernt und so von der vorübergehenden Welt hingenommen und ihr gleich wird.

Dein Wort aber, mein Gott, ist die Quelle des ewigen Lebens und vergeht nicht; deshalb wird in deinem Worte diese Entfremdung untersagt, wenn zu uns gesprochen wird: Stellet euch nicht dieser Welt gleich; damit das Land des Herzens durch die Quelle des Lebens eine lebendige Seele in uns erzeuge, in deinem Worte durch dessen Verkündiger eine keusche Seele, durch die Nachahmung der Nachfolger deines Gesalbten. Dies ist ein jedes in seiner Art; weil der Mann gerne das Vorbild des Freundes nachahmt. Seid doch wie ich, sagt er; denn ich bin wie ihr. So werden in der lebendigen Seele durch die Sanftmut ihres Wandels gute Tiere wohnen. Das hast du befohlen, wenn du sprichst: Vollbringe deine Werke mit Sanftmut, so wirst du von allen gelebt werden; auch die Haustiere werden gut sein, und wenn sie essen, keinen Überfluß haben, noch Mangel, wenn sie nicht essen. Und die Schlangen werden gut sein, nicht mehr schädlich zum Verderben, sondern klug zur Vorsicht; und sie erforschen nur insoweit die zeitliche Schöpfung, als es genügt, daß an der Schöpfung der Welt die ewige Kraft erkannt und ersehen wird. Denn auch diese Tiere dienen der Vernunft, wenn sie von der todbringenden Entfremdung von Gott zurückgehalten leben und gut sind.

 

Dreizehntes Buch – Zweiundzwanzigstes Kapitel

Siehe, unser Herr und Gott, unser Schöpfer, wenn unsere Neigungen von der Liebe zur Welt abgewandt sind, worin wir durch ein gutes Leben lebendig zu werden beginnen und dein Wort erfüllt sein wird, stellet euch nicht dieser Welt gleich, dann wird auch erfüllt, was du durch deinen Apostel gesagt hast, sondern verwandelt euch durch die Verneuerung eures Sinnes, nicht mehr je nach seiner Art, indem wir dem Beispiele des Nächsten folgen und unser Leben nach dem Vorbilde eines besseren Menschen gestalten. Denn du hast nicht gesagt, »es werde der Mensch nach seiner Art«, sondern laßt uns Menschen machen, in unserem Bilde, nach unserem Gleichnis, auf daß wir prüfen mögen, was dein Wille sei. Deshalb spricht jeder Spender deines Wortes, damit die Kinder, die er durch das Evangelium zeugt, nicht immer Kinder bleiben, die er mit Milch nährt und wie eine Amme pflegen muß, verwandelt euch durch die Erneuerung eures Sinnes, auf daß ihr prüfen möget, welches da sei der gute, der wohlgefällige und der vollkommene Gotteswille. Daher sagst du auch nicht, es werde der Mensch, sondern, laßt uns Menschen machen. Du sagest nicht, nach seiner Art, sondern, in unserem Bilde nach unserem Gleichnis. Nämlich, der im Geiste erneuert, die Wahrheit weiß und keines Menschen mehr bedarf zur Unterweisung, um seiner Art nachzuahmen; sondern durch deine Erleuchtung möge er selbst prüfen, welches da sei der gute, der wohlgefällige und der vollkommene Gotteswille; und du lehrst ihn, der dessen fähig ist, die Dreieinigkeit in der Einheit und die Einheit in der Dreieinigkeit erkennen. Deshalb fügst du deinen Worten in der Mehrzahl, laßt uns den Menschen machen, in der Einzahl hinzu, und Gott schuf den Menschen; und den Worten in der Mehrzahl, nach unserem Bilde, in der Einzahl hinzu, nach dem Bilde Gottes. So wird der Mensch erneuert zur Erkenntnis nach dem Ebenbilde dessen, der ihn geschaffen hat, und geistlich geworden richtet er alles, was überhaupt gerichtet werden kann; er selbst aber wird von niemand gerichtet.

 

Dreizehntes Buch – Dreiundzwanzigstes Kapitel

Daß er aber alles richtet, das heißt, er hat macht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle zahmen und wilden Tiere und über die ganze Erde und über alle kriechenden Tiere, die sich auf der Erde bewegen. Dies lehrt ihn die Erkenntnis des Geistes, durch den er vernimmt, was des Geistes Gottes ist. Ohne diesen erkennt der Mensch, der sich in solcher Würde befindet, nicht; sondern ist gleich dem Vieh, das vertilget wird. Daher gibt es, unser Gott, in deiner Kirche kraft der Gnade, die du ihr verliehen hast und weil wir dein Werk sind, geschaffen zu guten Werken, nicht bloß als solche, die nach deinem Geiste vorstehen, sondern auch die nach deinem Geiste denen untergeordnet sind, die da vorstehen. Denn du schufest den Menschen als Mann und Weib in derselben Weise in deiner geistlichen Gnade, wo nach dem leiblichen Geschlechte kein Mann noch Weib, kein Jude noch Grieche, kein Knecht noch Freier ist. Geistlich gesinnt also, urteilen sie geistlich, seien sie übergeordnet oder untergeordnet; nicht aber über die geistigen Kenntnisse, die am Firmamente leuchten, – denn es ist nicht nötig, über so erhabene Dinge urteilen zu wollen; – ebenso auch nicht über deine Schrift selbst, wenn auch dort etwas dunkel wäre; denn wir unterwerfen ihr unsern Verstand und haben die Gewißheit, daß auch das, was unserem Auge darin verschlossen ist, recht und wahr gesagt ist. So muß der Mensch, obgleich geistlich und erneuert in der Erkenntnis Gottes, nach dem Bilde dessen, der ihn geschaffen hat, doch muß er ein Täter des Gesetzes sein, nicht ein Richter. Er urteilt auch nicht über jene Unterscheidung der geistlichen und fleischlichen Menschen, die deinem Auge, unser Gott, bekannt sind, uns aber noch durch keine Werke bekannt geworden sind, daß wir sie an ihren Früchten erkennen könnten, aber du, Herr, kennst sie bereits, hast sie abgesondert und im verborgenen berufen, noch ehe du das Firmament schufest. Ebensowenig urteilt er, obgleich geistlich, über die unruhigen Völker dieser Welt. Denn was gehen ihn die draußen an, sie zu richten, da er nicht weiß, wer von ihnen zur Süßigkeit der Gnade gelangen wird und wer dagegen in steter Bitterkeit der Gottlosen beharren wird?

Daher empfing der Mensch, den du nach deinem Bilde geschaffen hast, nicht die Macht über die Lichter des Himmels noch über den verborgenen Himmel selbst noch über Tag und Nacht, die du vor der Schöpfung des Himmels beriefest noch über die Sammlung der Wasser, die das Meer sind; wohl aber wurde ihm die Macht gegeben über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über alle Tiere, über die ganze Erde und über alle kriechenden Tiere, die auf Erden sind. Er urteilt und billigt; er mißbilligt und verwirft; sowohl in der Feier der Geheimnisse. worin diejenigen eingeweihet worden, die dein Erbarmen aus den vielen Wassern hervorzieht, als auch in der Feier, wo jener Fisch, der aus der Tiefe emporgehoben, der gläubigen Erde als Speise dargereicht wird, wie auch über die Worte und Reden, die dem Ansehen deiner Schrift unterworfen sind und die gleichsam unter dem Firmamente umherfliegen, durch Erklärung, Auslegung, Erörterung, Untersuchung, Segnung und Anrufung deiner aus dem Munde hervorbrechen und erschallen, daß das Volk antwortete: Amen. Die Ursache, daß alle diese Worte in solcher Weise gesprochen werden mußten, ist der Abgrund der Welt, die Blindheit des Fleisches, die unser Auge für die Erkenntnis des Gedachten verdunkelt, so daß es der Stimme für das Ohr bedarf; so sehr sich also das Gevögel auf der Erde vermehrt, so hat es doch seinen Ursprung in Wassern. Auch urteilt und billigt der geistliche Mensch, was er für recht hält, und mißbilligt, was er als unrecht erkennt an den Werken und Sitten der Gläubigen, an den Almosen, die gleichsam die Früchte der fruchtbaren Erde sind, und über die lebendige Seele, deren Regungen in Keuschheit, in Fasten und frommen Betrachtungen gezähmt sind, über alles das, was mit den leiblichen Sinnen wahrgenommen wird. Wir dürfen urteilen über das, worin wir die Macht haben, zu bessern.

 

Dreizehntes Buch – Vierundzwanzigstes Kapitel

Aber was ist dies und welch ein Geheimnis ist es? Siehe, Herr, du segnest die Menschen, daß sie fruchtbar sind und sich mehren und die Erde füllen. Gibst du uns hier nicht eine Andeutung, um etwas anderes zu erkennen? Warum segnetest du nicht die Veste des Himmels noch die Lichter noch die Gestirne noch die Erde noch das Meer? Ich würde sagen, unser Herr und Gott, der du uns nach deinem Bilde geschaffen hast, ich würde sagen, du hättest diese Gaben des Segens dem Menschen eigentümlich schenken wollen, wenn du nicht in derselben Weise die Fische und Walfische gesegnet hättest, daß sie wüchsen und sich mehrten und die Wasser des Meeres füllten, und die Vögel, daß sie sich mehrten auf Erden. Ebenso würde ich sagen, diese Segnung erstrecke sich über alle Dinge, die sich durch Fortpflanzung aus sich selbst vermehren; wenn ich dieselbe auch bei den Bäumen, Pflanzen und Tieren der Erde fände. Nun ist aber weder zu Kräutern noch zu Bäumen noch zu den Tieren und Schlangen gesagt worden, wachset und mehret euch, obgleich auch alles dieses, wie die Fische, Vögel und Menschen, durch Fortpflanzung sich vermehrt und seine Art erhält.

Was soll ich also sagen, mein Licht und meine Wahrheit? »Etwa, es habe keinen Sinn, es sei ohne Absicht gesagt?« Gewiß nicht, Vater der Gottlosigkeit, fern sei es, daß dieses der Diener deines Wortes sage. Wenn ich auch nicht bekenne, was du mit diesem Worte bezeichnen willst, so werden es Bessere, das heißt Erleuchtetere, als ich bin, besser verstehen, je nach dem Maße der Weisheit, die du, mein Gott, jedem verliehen hast. Möge dir aber mein Bekenntnis vor deinem Angesichte gefallen, worin ich dir, Herr, bekenne, daß ich glaube, du hast nicht ohne Grund so gesprochen, und ich will dir nicht verschweigen, welcher Gedanke beim Lesen deines Wortes in mir aufstieg. Es ist wahr und ich sehe nicht ein, was mich abhalten sollte, die bildliche Sprache deiner Schrift so zu verstehen. ich weiß, daß auf vielfache Weise sinnlich ausgedrückt wird, was geistig einfach ist; und daß dagegen der Geist auf vielfache Weise erkennt, was sinnlich einfach ausgedrückt wird. Wie einfach ist die Liebe Gottes und des Nächsten, und durch wie viele Bilder und unzählige Sprachen und durch. wie unzählige Ausdrücke in jeder Sprache wird sie sinnlich dargestellt? Also wachsen und mehren sich die Geburten der Wasser. Beachte jeder, wer dies liest: siehe, was die Schrift nur auf eine Weise vorbringt und die Stimme zu uns spricht: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, wird das nicht vielfach verstanden, nicht durch Täuschung des Irrtums, sondern durch die mögliche Mannigfaltigkeit mehrerer wahrer Ansichten? So wachsen und mehren sich die Geburten der Menschen.

Wenn wir uns die Natur der Dinge nicht bildlich, sondern eigentlich denken, so passen die Worte, wachset und mehret euch, auf alles, was aus Samen gezeugt wird. Nehmen wir sie dagegen bildlich, wie es mir die Schrift vielmehr zu wollen scheint, die gewiß nicht ohne Absicht jenen Segen auf die Wassertiere und Menschen beschränkt; so finden wir freilich mannigfaltige Verschiedenheiten bei den geistigen und sinnlichen Geschöpfen, wie im Himmel und auf Erden, bei den gerechten und ungerechten Seelen, wie bei dem Licht und der Finsternis; bei den heiligen Schriftstellern, durch die uns dein Gesetz gegeben ist, wie bei der Veste des Himmels, die zwischen den Wassern gegründet wurde; in der Gesellschaft der verbitterten Völker, wie im Meere, bei den Neigungen heiliger Seelen, wie bei dem Trockenen; und bei Werken der Barmherzigkeit im gegenwärtigen Leben, wie bei den sonnenreichen Pflanzen und fruchttragenden Bäumen; bei den zum Nutzen gespendeten Geistesgaben, wie bei den großen Lichtern des Himmels; bei den Regungen des Gemütes zur Mäßigkeit, wie bei der lebendigen Seele, bei allem diesem finden wir Vielheiten, Fruchtbarkeit und Wachstum; aber daß dieses Wachsen und Sich-Vermehren von der Art ist, daß ein und dieselbe Sache sich auf verschiedene Weise ausdrücken lasse und daß ein einziger Ausdruck in verschiedener Weise verstanden werden kann, das finden wir nur bei den sinnlich ausgedrückten Bildern und bei den mit dem Verstande ausgelegten Dingen. Unter sinnlichen Bildern verstehen wir die Erzeugungen, die aus den Gewässern hervorgingen, da die Tiefe des fleischlichen Abgrundes sie notwendig machte; unter den mit dem Verstande ausgedachten Dingen die menschlichen Erzeugungen, weil sie die Früchte der Fruchtbarkeit der Vernunft sind. Deshalb ist nach unserer Meinung zu jeder dieser beiden Arten von dir, Herr, gesagt worden, wachset und mehret euch. Durch diesen Segensspruch nehme ich an, daß du uns die Macht und die Kraft verliehen hast, sowohl auf verschiedene Weise auszudrücken, was wir auf eine Weise verständen, als auch auf verschiedene Weise zu verstehen, was wir dunkel finden, obgleich es nur auf eine Weise ausgedrückt ist. So füllen sich die Wasser des Meeres unserer Gedanken, die nur durch die verschiedenen Bedeutungen bewegt werden; und so füllt sich auch die Erde mit menschlichen Geburten, deren Trockene im Forschen nach Wahrheit zutage tritt und welche die Vernunft beherrscht.

 

Dreizehntes Buch – Fünfundzwanzigstes Kapitel

Ich will auch aussprechen, Herr mein Gott, woran mich die folgenden Worte deiner Schrift mahnen; ich will es ohne Furcht sagen. Denn ich werde nur Wahres sagen, wenn du mir eingibst, was ich nach deinem Willen über diese Worte sagen sollte. Denn ich glaube, daß ich nur Wahres reden kann, wenn du es mir eingibst, da du die Wahrheit bist und alle Menschen falsch sind. Wer daher die Lügen redet, der redet von seinem Eigenen. Damit ich also Wahrheit rede, will ich von dem Deinen reden. Siehe, du gabest uns allerlei Kraut, das sich besamet, auf der ganzen Erde, und allerlei Bäume, daran Baumfrüchte sind, die sich besamen zur Speise. Und nicht bloß uns hast du sie gegeben, sondern auch allen Vögeln des Himmels und allem Tier der Erde und allem, was auf der Erde kreucht; den Fischen aber und den großen Ungeheuern hast du es nicht gegeben. Wir sagten bereits, daß durch die Früchte der Erde bildlich die Werke der Barmherzigkeit bezeichnet werden, die in den Nöten des Lebens von der fruchtbaren Erde dargeboten werden. Ein solches Land war der fromme Onesiphorus, dessen Hause du Barmherzigkeit gabest; denn er hat deinen Apostel oft erquickt und er hat sich seiner Ketten nicht geschämt. Dies taten auch die Brüder und brachten solche Früchte hervor, die aus Macedonien kamen und seinen Mangel erstatteten. Wie schmerzlich beklagt er aber Bäume, die ihm die schuldige Frucht verweigerten, wenn er sagt. In meiner ersten Verantwortung stand niemand bei mir, sondern sie verließen mich alle. Es sei ihnen nicht zugerechnet. Sind wir dies nicht denjenigen schuldig, die uns die vernünftige Lehre durch das Verständnis der göttlichen Geheimnisse verkündigen? Wir sind es ihnen schuldig, weil sie Menschen sind. Wir sind es ihnen aber auch schuldig, weil sie lebendige Seelen sind, die uns als Vorbilder in der Enthaltsamkeit vorangehen. Ebenso sind wir es ihnen als Vögel des Himmels schuldig, wegen der Segnungen, die sich über die Erde verbreiten, weil ihre Stimme ausgehet in alle Lande.

 

Dreizehntes Buch – Sechsundzwanzigstes Kapitel

Genährt werden aber nur diejenigen von diesen Früchten, die Freude daran haben; aber es freuen sich ihrer nicht die, deren Gott der Bauch ist. Denn auch bei denen, die solches geben, ist das, was sie geben, nicht die Frucht, sondern der Geist ist es, mit dem sie geben. Daher erkenne ich ganz klar, weshalb sich jener, der Gott diente und nicht seinem Bauche, freuet; ich erkenne es und wünsche ihm Glück. Er hatte empfangen, was ihm die Philipper durch Epaphroditus geschickt hatten; aber ich erkenne den Grund, weshalb er sich freuet. Aber worüber er sich freuet, daran nährt er sich, indem er Wahrheit spricht, ich bin höchlich erfreut in dem Herrn, daß ihr wieder wacker geworden seid für mich und sorget; wiewohl ihr allewege gesorgt habt, aber die Zeit hat es nicht wollen leiden. jene waren also durch langwierige Bedrängnis kraftlos geworden und gleichsam dürre Zweige geworden, die nicht mehr die Früchte der guten Werke tragen; er freuet sich aber über sie, weil sie wieder wacker geworden sind, nicht weil sie seinem Mangel abgeholfen haben. Deshalb fügt er hinzu: Nicht sage ich das des Mangels halber; denn ich habe gelernt, bei welchen ich bin, mir genügen zu lassen. Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; ich bin in allen Dingen und bei allen geschickt, beides, satt sein und hungern, beides, übrig haben und Mangel leiden. Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus.

Worüber freust du dich, großer Mann? Worüber freust du dich, wovon nährst du dich, du Mann, der erneuert ist zu der Erkenntnis nach dem Ebenbilde dessen, der dich geschaffen hat, und eine lebendige Seele von so großer Enthaltsamkeit, und eine geflügelte Zunge, welche die Geheimnisse verkündigt? Solchen Wesen gebührt diese Speise. Was ist es, was dich nährt? Die Freude. Hören wir, was folgt: Doch ihr habt wohlgetan, daß ihr euch meiner Trübsal angenommen habt. Darüber freut er sich, damit nährt er sich, daß sie wohlgetan haben, nicht, daß dessen Trübsal erleichtert wird, der zu dir spricht, in meiner Angst hast du mich getröstet. Den Mangel weiß er ebensogut zu ertragen wie den Überfluß. Ihr aber von Philippi wisset, daß von Anfang das Evangelium, da ich auszog aus Macedonien, keine Gemeinde mit mir geteilet hat nach der Rechnung der Ausgabe und Einnahme, denn ihr allein. Denn gen Thessalonich sandtet ihr zu meiner Notdurft einmal und darnach aber einmal. Er freut sich nun, daß sie zu diesen guten Werken zurückgekehrt sind, und ist erfreut, daß sie wieder wacker geworden sind wie ein Land, dessen Fruchtbarkeit immer wieder aufgrünt.

Ist es etwa wegen seiner Notdurft, weil er einmal sagte, ihr sandtet einmal zu meiner Notdurft? Freut er sich etwa darüber? Gewiß nicht. Und woher wissen wir dies? Weil er also fortfährt, nicht daß ich das Geschenk suche, sondern ich suche die Frucht. Von dir, mein Gott, hat er gelernt, das Geschenk von der Frucht zu unterscheiden. Das Geschenk ist die Sache selbst, dir gibt, welcher die Bedürfnisse darreicht, wie Geld, Speise, Trank, Kleidung, Obdach oder irgendeine Hilfe. Die Frucht aber ist der gute und rechte Wille des Gebers. Denn nicht sagt bloß der gute Meister, wer einen Propheten aufnimmt, sondern er fügt hinzu, in eines Propheten Namen; nicht sagt er nur, wer einen Gerechten aufnimmt, sondern fügt hinzu, in eines Gerechten Namen. Der wird nämlich eines Propheten Lohn empfangen, der wird eines Gerechten Lohn empfangen. Nicht bloß sagt er, wer dieser Geringsten einen nur mit einem Becher kalten Wassers tränket, sondern er fügt hinzu, in eines Jüngers Namen, wahrlich, ich sage euch, es wird ihm nicht unbelohnt bleiben. Das Geschenk ist, einen Propheten aufnehmen, einen Gerechten aufnehmen, mit einem Becher kalten Wassers einen jünger; die Frucht aber, in eines Propheten Namen, in eines Gerechten Namen, in eines Jüngers Namen dieses tun. Mit solcher Frucht nährte die Witwe den Elias, die ihn als einen Mann Gottes kannte und ihn deshalb nährte. Von dem Raben wurde er durch das Geschenk ernährt. Elias wurde nicht dem innern Menschen nach, sondern dem äußeren nach genährt, wie denn auch bloß dieser äußere Mensch hätte aus Mangel an Speise verderben können.

 

Dreizehntes Buch – Siebenundzwanzigstes Kapitel

Ich will also, was vor dir wahr ist, Herr, aussprechen: Wenn unwissende und ungläubige Menschen, die nur durch die ersten Geheimnisse und große Wundertaten, die wir unter dem Namen der Fische und Walfische bezeichnet glauben, gewonnen und eingeführt werden können, deine Diener aufnehmen, um sie leiblich zu erquicken, oder um deine Kinder in irgendeinem Bedürfnisse des gegenwärtigen Lebens zu unterstützen, ohne zu wissen, weshalb sie dies tun sollen: so nähren sie dieselben nicht noch empfangen jene von ihnen Nahrung, weil weder jene dieses mit einem rechten und heiligen Willen verrichten noch auch erfreuen sie sich über die Gaben derselben, weil sie noch keine Frucht sahen. Denn die Seele nährt sich mit dem, worüber sie sich freuet. Deshalb nähren sich die Fische und Walfische nicht von den Speisen, die nur auf der bereits von den Meeresfluten befreiten und gereinigten Erde gedeihen.

 

Dreizehntes Buch – Achtundzwanzigstes Kapitel

Und du, mein Gott, sahest alles, was du schufest, und siehe da, es war sehr gut. Auch wir sehen es, und siehe, alles ist sehr gut. Nachdem du die einzelnen Arten der Dinge hattest entstehen lassen und ins Leben gerufen, sahest du dieses und jenes, daß es gut ist. Siebenmal lese ich in deiner Schrift, daß du sagst, daß es gut ist, was du gemacht hast; und das erstemal sahest du alles, was du gemacht hast, und siehe, es war nicht bloß gut, sondern sehr gut war alles zugleich. Das einzelne war nur gut; zusammen aber war alles gut, und zwar sehr gut. Dies zeigt auch jeder schöne Körper; denn der Körper ist weit schöner, der aus lauter schönen Gliedern besteht, als die einzelnen Glieder insbesondere, durch deren vollkommenes Ebenmaß das Ganze in sich übereinstimmt, obgleich auch die Glieder einzeln schön sind.

 

Dreizehntes Buch – Neunundzwanzigstes Kapitel

und ich forschte, daß ich fände, ob du sieben- oder achtmal gefunden hast, daß deine Werke gut sind, da sie dir wohl gefielen; und ich fand in deinem Sehen keine Zeitabschnitte, worin ich hätte erkennen können, daß du so oft gesehen, als du schufest, und ich sprach: »O Herr, ist nicht diese deine Schrift wahr, da du sie eingegeben hast, du der Wahrhaftige und die Wahrheit selber? Warum also sagst du mir, in deinem Sehen seien keine Zeitabschnitte; und diese deine Schrift sagt mir doch, bei allem, was du schufest, habest du Tag für Tag gesehen, daß es gut sei? Und wenn ich es zählte fand ich, wie oft.« Hierauf antwortetest du mir, mein Gott, und sagtest mit mächtiger Stimme deinem Knechte in das innere Ohr meiner Seele, zerreißest die Taubheit meines Ohres und rufst: »O Mensch, was meine Schrift dir sagt, das sage ich dir. » Sie sagt es dir freilich in der Zeit, bei meinem Worte aber gibt es keine Zeit, da es mit mir in gleicher Ewigkeit besteht. So sehe ich auch die Dinge, die ihr durch meinen Geist sehet. Und wenn er sie in der Zeit sicher, sehe ich sie nicht in der Zeit, wie auch ich nicht das in der Zeit rede, was ihr in der Zeit redet.

 

Dreizehntes Buch – Dreißigstes Kapitel

Ich hörte, mein Gott und Herr, und genoß aus deiner Wahrheit den Tau der Wonne, der sich über meine Seele ergoß, und erkannte, daß es Menschen gibt, denen deine Werke mißfallen und die da sagen, vieles hättest du gezwungen geschaffen, wie den Bau des Himmels und die Ordnung der Gestirne; du hättest sie nicht aus einer von dir geschaffenen Materie gebildet, sondern sie seien bereits anderswo und anderswoher geschaffen, die du nur sammeltest, ordnetest und verbandest, als du nach Besiegung der Feinde das Gebäude der Welt erbauetest, damit sie, durch diesen Bau gezwungen, sich nicht wieder gegen dich empören könnten. Andere Dinge hättest du gar nicht gemacht und sogar nicht einmal zusammengefügt wie alles Fleisch und die Tiere der niedrigsten Art und alles, was mit Wurzeln im Boden haftet; sondern ein feindlicher Geist und ein anderes Wesen, das nicht von dir geschaffen und mit dir im Kampfe sei, erzeuge und bilde dieses in den unteren Teilen der Welt. Unsinnige sprechen dieses, weil sie deine Werke nicht durch deinen Geist sehen und dich in ihnen nicht erkennen.

 

Dreizehntes Buch – Einunddreißigstes Kapitel

Was aber die betrifft, die durch deinen Geist erkennen, so erkennst du in ihnen. Wenn sie also sehen, daß sie gut sind, so siehst du, daß sie gut sind; und was immer ihnen um deinetwillen gefällt: du gefällst in demselben; und was durch deinen heiligen Geist uns gefällt: dir gefällt es in uns. Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, ohne den Geist des Menschen, der in ihm ist? Also auch weiß niemand, was in Gott ist, ohne den Geist Gottes. Wir aber, sagt er, haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, daß wir wissen können, was uns von Gott gegeben ist. Ich fühle mich gedrungen, zu sagen: »Gewiß, niemand weiß, was in Gott ist, ohne den Geist Gottes. Wie wissen wir also selbst, was uns von Gott verliehen worden ist?« Man antwortet mir, was wir durch seinen Geist wissen, weiß so niemand ohne den Geist Gottes. Denn wie mit Recht denen, die im Geiste Gottes reden, gesagt werden kann, ihr seid es nicht, die da reden, so wird mit Recht zu denen, die im Geiste Gottes wissen, gesagt: »Ihr seid nicht, die da wissen.« Dessenungeachtet wird mit Recht zu denen gesagt, die in Gottes Geist sehen: »Ihr seid es nicht, die da sehen.« Was immer sie also im Geiste Gottes sehen, daß es gut ist, das sehen sie nicht selbst, sondern Gott sieht, daß alles gut ist. Etwas anderes ist es, wenn irgend jemand meint, etwas sei böse, was gut ist, wie die oben Gemeinten; anders ist es, wenn ein Mensch das, was gut ist, als gut erkennt; – wie vielen deine Schöpfung wohlgefällt, weil sie gut ist, denen du aber in ihr nicht gefällst, weshalb sie auch mehr diese als dich genießen wollen; – anders ist es aber, wenn der Mensch etwas sieht, daß es gut ist, und Gott in ihm sieht, daß es gut ist, auf daß er selbst nämlich in dem, was er gemacht hat, geliebt wird, der nur durch den heiligen Geist, den er verlieh, geliebt werden kann, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen –in unser Herz durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist, durch den wir sehen, daß gut ist, was irgendwie ist; denn von ihm ist alles, der nicht auf irgendeine Weise ist, sondern der das Wesen selbst ist.

 

Dreizehntes Buch – Zweiunddreißigstes Kapitel

Dank sei dir, Herr. Wir sehen den Himmel und die Erde, entweder den sinnlichen oberen oder unteren Teil oder die geistige sinnliche Schöpfung; und in der wunderbaren Ordnung dieser Teile, aus denen das ganze Weltgebäude oder überhaupt das Ganze der Schöpfung besteht, sehen wir das Licht, das du geschaffen, von der Finsternis geschieden. Wir sehen die Veste des Himmels, jenen ersten Körper des Weltgebäudes, die zwischen den geistig höheren und den sinnlich niederen Gewässern begründet ist, oder auch jenen Luftraum, da auch er Himmel genannt wird, durch den die Vögel fliegen, zwischen den Wassern, die als Dünste über jenen schweben und die bei heiteren Nächten tauen, und den Wassern, die schwerer auf der Erde dahinfließen. Wir sehen die Schönheit der in den weiten Räumen des Meeres versammelten Wasser und die trockne Erde, nackt oder gebildet, damit sie sichtbar und geordnet wäre, auch den Stoff der Kräuter und Bäume. Wir sehen die Lichter darüber glänzen, die Sonne dem Tage genügen, den Mond und die Sterne die Nacht trösten und durch dieses alles die Zeiten bezeichnet und ausgedrückt. Wir sehen eine überall befruchtete Natur, fruchtbar an Fischen, Tieren und Vögeln, weil die dichte Luft, die den Flug der Vögel trägt, durch die Ausdünstung der Gewässer sich verdichtet. Wir sehen, wie die Oberfläche der Erde mit Tieren geschmückt ist und wie der Mensch, nach deinem Bilde und Gleichnisse geschaffen, allen vernunftlosen Tieren durch dein Ebenbild und Gleichnis, d. h. kraft der Vernunft und des Verstandes, vorgesetzt ist. Und wie in seiner Seele etwas ist, das durch Urteil und Überlegung herrscht, ein anderes, das sich unterwirft, um zu gehorchen, so sehen wir auch in der sinnlichen Welt das Weib dem Manne unterworfen, das zwar geistlich dieselbe Beschaffenheit der vernünftigen Erkenntnis besäße, aber durch das leibliche Geschlecht dem männlichen Geschlechte in derselben Weise unterworfen sein sollte, wie der Trieb zum Handeln sich unterwirft, um von der Vernunft des Geistes die Erkenntnis des richtigen Handelns zu empfangen. Wir sehen dieses und sehen, daß jedes Einzelne gut ist und daß das Ganze sehr gut ist.

 

Dreizehntes Buch – Dreiunddreißigstes Kapitel

Deine Werke mögen dich preisen, damit wir dich heben; und wir wollen dich lieben, auf daß deine Werke dich preisen, ihren Anfang und ihr Ende, ihren Aufgang und ihren Untergang, ihre Zunahme und Abnahme ihre Schönheit und ihren Mangel in der Zeit haben. Denn aus Nichts sind sie von dir, aber nicht aus dir gemacht, nicht aus irgendeiner Materie, die nicht dein war oder die schon vorher war, sondern aus einer mitgeschaffenen, d. h. von dir zugleich geschaffenen Materie, da du ihre Gestaltlosigkeit ohne irgendeinen Zwischenraum der Zeit gestaltetest. Denn wenn ein Unterschied ist zwischen der Materie des Himmels und der Erde, zwischen der Schönheit dieser und der Schönheit jenes, so hast du zwar den Stoff aus nichts, die Gestalt der Erde aber aus einer gestaltlosen Materie, beides jedoch zugleich gemacht, so daß mit der Schönheit des Stoffs auch ohne allen Zwischenraum die Schöpfung der Gestalt zugleich stattfand.

 

Dreizehntes Buch – Vierunddreißigstes Kapitel

Wir haben auch untersucht, was du uns vorbilden wolltest, als du dies in solcher Ordnung werden und in solcher Ordnung aufzeichnen ließest, und wir sahen, daß jedes einzelne gut war und alles zusammen sehr gut war, und alles zusammen sehr gut in deine. Worte, in deinem Eingeborenen; Himmel und Erde, das Haupt und der Leib der Kirche, in der Vorherbestimmung vor allen Zeiten, ohne Morgen und Abend. Als du aber begannest, in der Zeit zu erfüllen, was du vor aller Zeit verordnet hattest, daß du das Verborgene offenbartest und unser Untergeordnetes ordnetest; weil unsere Sünde auf uns lag und wir fern von dir in den finsteren Abgrund geraten waren; da schwebte dein Geist über uns, um uns zur gelegenen Zeit zu helfen; da rechtfertigtest du die Gottlosen und schiedest sie von den Ungerechten; da gründetest du das Ansehen deines Wortes bei den Leitern, die von dir belehrt werden, und den Untergebenen, die ihnen folgen sollten; da versammeltest du die Menge der Ungläubigen zu einer Verschwörung, damit der Eifer der Gläubigen an den Tag trete und Werke der Barmherzigkeit hervorbrächte, indem sie auch den Dürftigen ihr irdisches Vermögen darreichten, um einen Schatz im Himmel zu erwerben. Und dann zündetest du gewisse Lichter an der Veste des Himmels an, deine Heiligen, die das Wort des Lebens haben und mit geistlichen Gaben begnadigt in erhabenem Ansehen glänzen; und um die ungläubigen Völker zu dir zu führen, hast du dann Sakramente und sichtbare Wunder und verkündigende Stimmen des Wortes nach dem Firmamente des Wortes, durch die auch über die Gläubigen deine Segnungen ausgegossen wurden, aus einer körperlichen Materie gebildet; und endlich hast du der Gläubigen lebendige Seele durch die von der Kraft der Enthaltsamkeit geheiligten Regungen des Herzens gebildet; und dann erneuertest du nach deinem Bilde und Gleichnisse den Geist, der, nur dir allein ergeben, keines menschlichen Ansehens zur Nachahmung bedürfte, der du der bewährten Erkenntnis die Handlungen der Vernunft unterwarfest, wie das Weib dem Manne; und du wolltest, daß allen deinen Dienern, die du zur Förderung der Gläubigen in diesem Leben bestellt hast, von allen diesen deinen Kindern zu ihrem zeitlichen Bedürfnisse Werke dargereicht werden, die Früchte für die Ewigkeit. Dieses alles sehen wir, und es ist sehr gut, weil du es in uns siehst, der du uns den Geist verliehen hast, um es durch ihn zu sehen, und in ihnen dich zu lieben.

 

Dreizehntes Buch – Fünfunddreißigstes Kapitel

Mein Herr und Gott, verleihe uns den Frieden – du gabest uns ja alles –; den Frieden der Ruhe, den Frieden des Sabbats, der keinen Abend hat. Alle diese wunderbare Ordnung der Dinge, die du sehr gut fandest, wird, wenn sie ihre Zeit gedauert, vergehen; sie werden einen Abend haben, wie sie einen Morgen hatten.

 

Dreizehntes Buch – Sechsunddreißigstes Kapitel

Der siebente Tag aber hat keinen Abend und kein Ende, weil du ihn geheiligt hast, damit er immerdar bleibe; wenn du nach der Erschaffung deiner Werke, die du sehr gut fandest, am siebenten Tage, obgleich du, ohne aus der Ruhe zu kommen, schufest, ruhtest, so verkündet uns die Stimme deines Wortes, daß auch wir, wenn unsere Werke vollendet sind, die nur gut sind, weil du sie uns verliehest, am Sabbat des ewigen Lebens ruhen sollen in dir.

 

Dreizehntes Buch – Siebenunddreißigstes Kapitel

Dann wirst auch du in uns ruhen, wie du jetzt in uns wirkest; und so wird jene deine Ruhe in uns sein, wie unsere Werke hienieden deine Werke in uns sind. Du, Herr, wirkst immerdar, du ruhest immerdar. Du siehst nicht in der Zeit, du bewegst dich nicht in der Zeit und du ruhest nicht in der Zeit; und doch schaffst du das Sehen in der Zeit, ja die Zeit selbst und die Ruhe von der Zeit.

 

Dreizehntes Buch – Achtunddreißigstes Kapitel

Wir sehen daher alle Dinge, die du gemacht hast, weil sie sind; aber weil du sie siehest, sind sie. Und weil sie sind, sehen wir sie äußerlich, und weil sie gut sind, innerlich; du aber sahest sie dort als bereits gemacht, als sie noch nicht waren und gemacht werden sollten. Zu anderer Zeit waren wir geneigt, das Gute zu tun, nachdem es dein Geist in unsern Herzen erzeugt hatte; aber es war eine Zeit, wo wir dich flohen und nur zum Bösen geneigt waren. Du aber, einziger und gütiger Gott, hörtest nie auf, Gutes zu tun. Und wenn einige unserer Werke durch die Gabe deiner Gnade gut sind, sie sind doch nicht ewig; sie lassen uns hoffen, einst in deiner unaussprechlichen Heiligung zu ruhen. Du aber, du Gut, das keines Gutes bedarf, ruhest immer, weil deine Ruhe du selbst bist. Welcher Mensch aber wird dem Geiste des Menschen das Verständnis dieser Wahrheit geben, welcher Engel sie dem Engel offenbaren, welcher Engel dem Menschen? Von dir muß sie erbeten sein, bei dir will gesucht sein, bei dir muß man anklopfen – so, so werden wir empfangen, so werden wir finden, so wird uns aufgetan. Amen.

 << Kapitel 13 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.