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Gutenberg > George Gordon Noël Byron >

Die beiden Foscari

George Gordon Noël Byron: Die beiden Foscari - Kapitel 7
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typedrama
authorGeorge Byron
titleDie beiden Foscari
publisherVerlag von Phillip Reclam jun.
seriesLord Byrons sämtliche Werke
volumeDritter Band
translatorAdolf Seubert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfter Act.

Erster Auftritt

Gemach des Dogen.

Der Doge und ein Diener.

Diener. Hoheit! des Rathes Abgesandte harren;
Doch sagen sie, wenn Euch 'ne andre Stunde
Genehmer wär', sei Euer Wille ihrer.

Doge. Für mich sind alle Stunden gleich. Laßt sie
Herein. (Der Diener ab.)

Officier. Mein Fürst! ich that, was Ihr befahlt.

Doge.. Wie war doch der Befehl?

Officier. Ein trauriger.
Ich sollte das Geleite des –

Doge. Ja so!
Ja, ja! Ich bitte um Entschuldigung.
Es scheint, die Fassungskraft will mich verlassen.
Ich werde alt – so alt fast, wie ich bin.
Bis jetzt wußt' ich die Jahre zu bezwingen,
Doch nun gewinnen sie die Oberhand.

Die Deputation tritt ein. Sie besteht aus sechs Mitgliedern des großen Rathes und dem Präsidenten der Zehen.

Doge. Was steht zu eurem Dienste, edle Herren?

Präsident. In erster Linie drückt der Rath dem Dogen
Sein Mitgefühl mit dessen letztem Leid –

Doge. Genug! – genug davon!

Präsident. Nimmt diesen Ausdruck
Der Hochachtung des Dogen Herz nicht an?

Doge. Ich nehm' ihn an, wie er gegeben. – Weiter!

Präsident. Nachdem die Zehn mit einer vom Senat
Gewählten Kommission von fünfundzwanzig
Der ersten Nobili die ernste Lage
Des Staates in Betracht gezogen hat,
Wie auch die schweren Sorgen, die Euch jetzt
Zweifach bedrücken müssen bei den Jahren,
Die Ihr so lange Eurem Land geweiht,
So haben sie für passend es erachtet,
Mit aller Ehrfurcht Eure Weisheit (die,
Erwägt sie's recht, uns Beifall geben muß)
Nun zu ersuchen, auf den Dogenring,
Den Ihr so lang und ehrenvoll getragen,
Verzicht zu leisten. Zum Beweis, daß sie
Nicht undankbar noch kalt für Eure Dienste
Und Alter sind, gewähren sie Euch noch
Zweihundert Golddukaten Ruhgehalt,
Damit so glänzend. Euer Rücktritt sei,
Als wenn ein Fürst zur Ruhe sich begibt.

Doge. Hab' ich euch recht gehört?

Präsident. Muß ich es noch-
Mals sagen?

Doge. Nein. – Seid Ihr zu Ende?

Präsident. Ja.
Wir lassen vierundzwanzig Stunden Euch,
Die Antwort draus zu geben.

Doge. Kaum so viel'
Sekunden braucht's.

Präsident. Wir ziehn uns jetzt zurück.

Doge. Bleibt nur! denn vierundzwanzig Stunden werden
An dem, was ich zu sagen hab', nichts ändern.

Präsident. So sprecht!

Doge. Als zwei Mal früher ich den Wunsch
Euch kund gethan, mich von dem Dienst zurückzuziehn,
ward mir's versagt; ja nicht nur dies:
Ihr nahmt mir damals einen Eid selbst ab,
Daß ich die Bitte nie erneuern woll'.
Ich hab' geschworen, in dem Vollbetrieb
Des Amts, wozu mein Land mich rief, zu sterben,
Auf meine Ehre und auf mein Gewissen.
Ich kann nicht brechen meinen Eid.

Präsident. Wollt nicht
Uns zwingen, zu befehlen Euch, statt daß
Ihr unsern Wunsch erfüllt.

Doge. Die Vorsehung
Verlängert meine Tage, mich zu prüfen,
Zu züchtigen. Doch Ihr habt nicht das Recht,
Mir dieser Tage Länge vorzuwerfen,
Da jede Stund' dem Land gewidmet war.
Ich bin bereit, mein Leben ihm zu geben,
Wie ich's mit Theurerem bereits gethan.
Doch meine Dogenwürde hab' ich von
Der ganzen Republik. Wenn sich der Wille
Des ganzen Volks mir offenbart, dann werd'
Ich euch entsprechen ganz.

Präsident. Es thut uns leid,
Daß eine bess're Antwort Ihr nicht habt.
Allein es hilft Euch nichts.

Doge. Ich unterwerfe
Mich jedem Ding; doch thu' ich keinen Schritt
Von selbst; nein – nie! Was ihr befehlen wollt.
– Befehlt's!

Präsident. So müssen wir mit dem Bescheid
Zu denen, die uns hergesandt, zurück?

Doge. Ihr hörtet mich.

Präsident. Mit aller Ehrfurcht ziehn
Wir uns zurück. (Die Deputation geht ab.)

Ein Diener tritt auf.

Diener. Hoheit! die edle Frau
Marina bittet um Gehör.

Doge. Ich steh'
Zu Dienst.

Marina tritt auf.

Marina. Hoheit! wenn ich Euch stör' – vielleicht
Ihr wäret gern allein.

Doge. Allein?! Allein
Bin immer ich, und käm' die ganze Welt
Zu mir. Doch wollen wir's ertragen.

Marina. Ja!
Wir wollen's, und um Derer willen, die
Noch sind, uns Mühe geben – ach! mein Gatte!

Doge. Schick dich darein! Ich kann nicht trösten dich.

Marina. Er hätte doch – so' liebend, so geliebt
So wie gemacht für das Familienleben –
Gebar ein ander Land ihn, leben können!
Wer wäre so beglückt gewesen, so
Beglückend als mein Foscari? Nichts fehlte
Zu seinem, meinem Glück, als daß er nicht
Ein Venezianer war.

Doge. Noch Fürstensohn.

Marina. Ja, Alles was die Menschen sonst beglückt
Und hohem Ehrgeiz selbst Befried'gung gibt,
Ward tödtlich ihm durch seltsames Geschick:
Das Land und Volk, das er geliebt, der Fürst.
Deß Erstgeborener er war, und der –

Doge. Zum längsten nun ein Fürst gewesen ist.

Marina. Wie das?

Doge. Sie nahmen mir den Sohn. Nun gilt's
Dem allzulang getrag'nen Diadem
Und Ring. Sie mögen nur das Spielzeug nehmen.

Marina. O die Tyrannen! und in solcher Stunde!

Doge. Das ist die rechte Zeit; nur eine Stunde
Zuvor hätt' ich's gefühlt.

Marina. Und werdet Ihr's
Eintränken nicht den Buben? O nur Rache!
Doch Er, der selbst gehörig nur geschützt,
Jetzt wieder Schutz Euch geben könnt', er kann
Dem Vater nicht mehr helfen.

Doge. Und er dürft's
Auch nicht entgegen seinem Vaterland,
Und hätt' er tausend Leben statt des einen –

Marina. Das sie ihm todt gefoltert! Gut! dies mag
Der reinste Patriotismus sein, doch ich
Bin Weib: mein Gatte, meine Kinder, waren
Mir Vaterland und Heim; ihn liebte ich,
Wie liebt' ich ihn! Ich sah, wie er bestand
Ein Martyrthum, wovor zurückgebebt;
Die alten Märtyrer. Er ist dahin!
Und ich, die gern mein Blut für ihn gegeben,
Dürft' ihm nur Thränen weihn. O könnt' ich nur
Heimgeben einst, was er erdulden mußte!
Nun, nun! ich habe Söhne, die einst Männer –

Doge. Der Schmerz verwirrt dich ganz!

Marina. Ich glaubt', ich trüg's,
Als ich durch solchen Druck gebeugt ihn sah;
Ich glaubt', ich könnte eher todt ihn sehn,
Als in so langer Haft. Ich bin gestraft
Für den Gedanken nun! Ich wollt', ich läg'
Im Grab bei ihm!

Doge. Ich muß ihn nochmals sehn.

Marina. Kommt mit.

Doge. Ist er –

Marina.. Ach unser Hochzeitbett
Ist seine Bahre nun!

Doge. Und Jacopo
Liegt in dem Leichentuch!

Marina. Kommt, alter Mann! (Der Doge und Marina ab.)

Barbarigo und Loredano treten auf.

Barbarigo (zu einem Diener). Wo ist der Doge?

Diener. Eben hat er sich
Mit der erlauchten Wittwe seines Sohns
Von hier entfernt.

Loredano. Wohin?

Diener. Nach dem Gemach,
Wo dessen Leichnam ruht.

Barbarigo. So gehn wir wieder.

Loredano. Ihr dürft das nicht, bedenkt: wir haben den
Ausdrücklichen Befehl der Giunta, sie
Hier zu erwarten, und bei der Verhandlung
Zu ihr zu stehn. Sie werden gleich nach uns
Erscheinen hier.

Barbarigo. Und werden sie den Dogen
Zu solcher Antwort zwingen, wie sie wünschen?

Loredano. Er wollte selbst, daß Alles rasch geschehe,
Er gab die Antwort rasch; man muß jetzt ihm
Das Gleiche thun. Die Würde bleibt ihm ja,
Für sein Bedürfniß ist gesorgt; was will
Er mehr?

Barbarigo. In seinem Herzogsmantel sterben!
Er hätte nicht mehr lang' gelebt. Ich that,
Was ich gekonnt, die Ehren ihm zu retten,
Und widersetzte mich dem Plan bis ganz
Zuletzt, jedoch umsonst. Warum hat man
Mich auserwählt, mit Euch hierherzugehn?

Loredano. Weil man's für passend hielt, daß Einer, der
'Ne andre Ansicht aussprach, Zeuge sei,
Damit nicht böse Zungen flüstern könnten,
Die harte Mehrheit fürchte ihre That
Vor Andrer Blick zu thun.

Barbarigo. Und dann zugleich
– Zu glauben hab' ich's Grund – um mich zu strafen
Für meinen eiteln Widerstand. Ihr seid
Erfind'risch, Loredano, in der Art,
Wie Ihr Euch rächt, ja wahrhaft dichterisch,
Und in der »Kunst zu hassen« ein Ovid.
So dank' ich's Euch – (obschon das eine Sache
Von mindrem Werth; doch Haß hat scharfe Augen) –
Daß man als Folie für die Eifrigern
Dem Auftrag Eurer Giunta mich gesellt,
So wenig ich's gewünscht.

Loredano. Wie? Meiner Giunta?

Barbarigo. Ja, Eurer, denn sie spricht nur Eure Sprache,
Harrt Eures Winkes, stimmt Euern Plänen zu
Und thut, was Ihr verlangt. Ist sie nicht Eure?

Loredano. Ihr redet unbedacht! Es wäre gut,
Sie hörten Solches nicht von Euch.

Barbarigo. Sie werden's
Von lautern Stimmen einst als meiner hören.
Schon sind sie über's Uebermaß der Macht
Hinaus. Wo aber dies geschieht, erhebt
Sich auch im schlechtesten, gemeinsten Staat
Die tief verletzte Menschlichkeit, – und hemmt.

Loredano. Ihr redet in den Tag hinein. Die Zeit
Wird's lehren schon. – Da kommen unsre Leute.

Die obige Deputation tritt ein.

Präsident. Hat man's dem Dogen angesagt, daß wir
Ihn sprechen wollen?

Diener. Gleich soll er's erfahren. (Diener ab.)

Barbarigo. Der Doge ist bei seinem Sohn.

Präsident. Wenn dies
Der Fall, so kann man ihn damit verschonen,
Bis erst vorüber diese Trauerfeier.
Wir kehren heim. Es ist noch morgen Zeit.

Loredano (bei Seite zu Barbarigo). Des reichen Mannes Höllenfeuer fall'
Euch auf die Zung', unlöschbar! ungelöscht!
Ich möchte sie aus ihren Wurzeln reißen,
Daß nichts Ihr drüber brächtet mehr als nur
Noch blut'ge Seufzer, für dies Fluchgeschwätz.
(Laut zu den Andern.) Ihr weise Herr'n, ich bitt', seid nicht zu schnell.

Barbarigo. Seid menschlich nur!

Loredano. Da kommt der Doge, seht!

Der Doge tritt auf.

Doge. Ich folge eurem Ruf.

Präsident. Wir kommen noch
Einmal, zu wiederholen unser erst
Gesuch.

Doge. Und ich, euch Antwort drauf zu geben.

Präsident. Die ist – ?

Doge. Die einz'ge, die es gibt; ihr habt
Sie schon gehört.

Präsident. So hört auch Ihr den letzten
Unwiderruflich stehenden Beschluß.

Doge. Zur Sache denn, zur Sache denn! ich kenne
Von Alters her des Dienstes Form, die süße
Vorrede zu dem bittern Akt. – Macht fort!

Präsident. Ihr seid nicht Doge mehr; entledigt seid
Des herzoglichen Herrschereides ihr;
Ablegen sollt Ihr Euer Dogenkleid.
Doch Eurer Dienste halb bewilligt Euch
Der Staat den früher schon vermeldeten
Gehalt. Drei Tage sind zum Auszug Euch
Von hier gewährt, bei Strafe, daß man Euch
All' Eure Habe confiscirt.

Doge. Dies letzte,
Ich sag's mit Stolz, vermehrte nicht den Schatz.

Präsident. Antwort, Herr Doge!

Loredano. Antwort, Foscari!

Doge. Wenn ich vorausgesehen, daß mein Alter
Dem Staate Nachtheil bringen könnt', so hätte
Das Haupt der Republik gewiß sich nicht
So undankbar gezeigt, um seine Würde
Voranzustellen seinem Vaterland.
Doch da dies Leben ihm so viele Jahre
Nicht nutzlos war, so hätt' ich gerne ihm
Die letzten Augenblicke noch geweiht.
Doch da einmal gefaßt ist der Beschluß,
So folge ich.

Präsident. Wenn Ihr es wünscht, daß man
Verläng're Euch die fraglichen drei Tage,
So wollen wir zum Zeichen unsrer Achtung
Auf acht sie gern' erstrecken.

Doge. Nein, Signor!
Nicht auf acht Stunden, nicht auf acht Minuten!
Hier ist der Herzogsring (nimmt Ring und Mütze ab), das Diadem,
So mag die Adria mit einem Andern
Vermählen sich!

Präsident. Geht nicht so rasch voran!

Doge. Ich bin ja alt, Signor, und muß, um nur
Langsam voranzukommen, bald mich regen.
Mich dünkt, ich seh' ein Antlitz unter euch,
Das ich nicht kenn'. – Senator! Euer Name,
Der Ihr der Amtstracht nach ein Haupt der Vierzig?

Memmo. Ich bin der Sohn von Marco Memmo, Herr.

Doge. Ach Euer Vater war mein Freund; doch Söhn'
Und Väter sind – – ja, ja! – Heda, Ihr Diener!

Diener. Mein Fürst!

Doge. Nicht Fürst! das sind des Fürsten Fürsten.
(Deutet auf die Deputation der Zehen.)
Trefft Anstalt, unverweilt hier auszuziehen.

Präsident. Weshalb so schnell? Das gäbe Aergerniß.

Doge (zu den Zehen). Dafür habt ihr nur einzustehn, ihr habt's
Gewollt. (Zu den Dienern.) Ihr, rührt euch! Es ist eine Last
Noch hier, die ihr mit Sorgfalt tragen wollt,
Obschon sie jedes Harms enthoben ist.
Doch selbst will ich besorgt drum sein.

Barbarigo. Er meint
Die Leiche seines Sohns.

Doge. Und ruft Marina,
Mein Kind!

Marina tritt auf.

Doge. Mach dich bereit, wir sollen trauern
An andrem Ort.

Marina. An jedem Ort.

Doge. So ist's!
Jedoch in Freiheit, ohne jene Späher,
Die eifersüchtig um die Großen lungern. –
Entlassen seid ihr Herrn. Was wollt ihr mehr?
Wir gehen; fürchtet ihr etwa, daß wir
Mitnehmen den Palast? Die alten Mauern,
Zehnmal so alt wie ich – und ich bin alt –
Sie dienten euch wie ich; und ich und sie
Wir könnten was der Welt davon erzählen.
Doch ruf' ich sie nicht an, auf euch zu stürzen,
Sonst würden sie's, wie einst die Marmorsäulen
Von Dago's Tempeldach auf Simson fielen
Und seine Feinde, die Philisterfürsten.
Denn solche Macht, glaub' ich, möcht' einem Fluch
Wie meiner wär', wol inne wohnen, wenn
Von Solchen er herausgefordert wird
Wie ihr. Doch fluch' ich nicht. Lebt wohl, ihr Herren!
Mög' euer nächster Doge besser sein
Als euer jetz'ger ist.

Loredano. Der jetzige
Heißt Paschal Malipiero.

Doge. Erst wenn ich
Die Schwelle überschreite dieser Thür.

Loredano. San Marco's große Glocke wird sogleich
Zu seinem Eingang läuten.

Doge. Erd' und Himmel!
Ihr werdet widerhallen diesen Klang,
Erleben muß ich das! Der erste Doge,
Der solchen Schall für seinen Nachmann hört!
Da war mein schlimmer Vormann glücklicher,
Der finstere Faliero! Diese Schmach
Blieb wenigstens dem Mann erspart.

Loredano. Wie? Ihr
Bedauert den Verräther?

Doge. Ich beneid'
Den Todten nur.

Präsident. Hoheit! wenn Ihr durchaus
Erpicht drauf seid, so übereilt zu räumen
Den staatlichen Palast, so zieht Euch doch
Zum wenigsten auf der geheimen Treppe,
Die nach dem Landungsplatze führt, zurück.

Doge. Das nicht! Ich steig' vielmehr die gleichen Stufen
Hinab, die ich zur Herrschaft einst herauf
Gestiegen bin – die Riesentreppe, wo
Als Doge damals ich ward eingesetzt.
Mich führte mein Verdienst herauf die Stufen,
Der Feinde Bosheit treibt mich jetzt hinab.
Hier ward vor fünf und dreißig Jahren ich
Gekrönt und schritt durch dieses Haus, von dem
Ich niemals dachte, wieder gehn zu müssen,
Denn als ein Todter! – todt vielleicht, indem
Ich dafür, stritt – doch nicht hinausgestoßen
Von meinen Bürgern selbst. Doch kommt! Mein Sohn
Und ich gehn heute ja zugleich, er in
Sein Grab, und ich um meines zu erflehn.

Präsident. Wie, Herr? so öffentlich?

Doge. Ja, öffentlich
Ward ich erwählt; so will ich abgesetzt
Auch sein. – Marina, bist du fertig?

Marina. Hier,
Mein Arm!

Doge. Und hier mein Stab; und so gestützt
Zieh' ich hinaus.

Präsident. Das darf nicht sein. Das Volk
Wird's sehn!

Doge. Das Volk! Es gibt kein Volk; das wißt
Ihr wohl. Sonst würdet ihr es niemals wagen,
Mit ihm und mir so umzugehn. Es gibt
Nur Pöbel hier, deß Blicke euch vielleicht
Mißliebig sind; doch der es nimmer wagt,
Euch anders als im Herzen zu verfluchen.

Präsident. Ihr sprecht in Leidenschaft, sonst –

Doge. Ihr habt Recht.
Ich sprach weit mehr, als ich gewöhnlich thu'.
'S ist eine Schwäche, die ich nicht gekannt,
Und sie entschuldigt euch, denn sie beweist,
Daß ich dem kind'schen Greisenalter nah';
Was eure That rechtfert'gen mag, wenn sie
Auch nicht gesetzlich ist. Lebt wohl, ihr Herrn

Barbarigo. Ihr sollt nicht scheiden, ohne ein Geleit
Wie's Eurem frühern und dem jetz'gen Rang
Gebührt. Wir wollen unsern Dogen noch
Mit schuld'ger Ehrerbietung bis zu seinem
Privatpalast geleiten. Nicht wahr, Brüder,
Das thun wir?

Mehrere Stimmen. Ja – ja – ja!

Doge. Das sollt ihr nicht,
In meinem Zuge nicht. Ich trat als Herr
Hier ein, als Bürger zieh' ich aus, zwar aus
Dem gleichen Thor, jedoch als Bürger nur.
All solches eitles Schaugepränge wär'
Mir schwere Kränkung nur, die um so mehr
Dem Herzen wehe thät, weil so ein Gift
Als Gegengift erschien'. Der Pomp gebührt
Den Fürsten; ich bin Keiner mehr, das heißt,
Ich bin's, doch nur bis an dies Thor. – Ha!

(Die große Glocke von San Marco läutet.)

Loredano. Horch!

Barbarigo. Die Glocke –

Präsident. Von San Marco, die die Wahl
Herrn Malipiero's kündet.

Doge. Wohl erkenn'
Ich diesen Klang! Ich hört' ihn schon ein Mal,
Das ist nun fünf und dreißig Jahre her,
Auch damals war ich schon nicht Jüngling mehr.

Barbarigo. Setzt Euch! Ihr zittert, gnäd'ger Herr!

Doge. Es ist
Die Todtenglocke meines armen Sohns.
Mein Herz thut bitter weh!

Barbarigo. Ich bitt' Euch, setzt
Euch.

Doge. Nein! – Mein Sitz hier war bisher ein Thron.
Marina, komm!

Marina. Sehr gern.

Doge (geht einige Schritte und bleibt dann stehen). Mich dürstet sehr.
Will Niemand mir ein Glas frisch Wasser bringen?

Barbarigo. Ich –

Marina. Ich –

Loredano. Und ich.

(Der Doge nimmt einen Pokal aus Loredano's Hand.)

Doge. Ich nehm' es, Loredano,
Aus Eurer Hand, die wol die passendste
Für diese Stunde ist.

Loredano. Wie das?

Doge. Man sagt,
Daß unser venezianisch Glas dem Gift
So antipathisch sei, daß es zerspringe,
Wenn etwas Gift'ges es berühr'. Ihr brachtet
Den Humpen mir und er sprang nicht.

Loredano. Nun denn?

Vogt. 'S ist also unwahr, oder Ihr seid wahr.
Ich meines Theils trau' allen beiden nicht,
'S ist eine eitle Mähr'.

Marina. Ihr sprecht so kraus!
Ihr thätet besser wol, Ihr setztet Euch
Und ginget noch nicht fort. – O Gott! nun seht
Ihr aus, wie es mein Gatte that.

Barbarigo. Er sinkt!
Herbei! – rasch! – einen Stuhl! – kommt ihm zu Hilfe!

Doge. Die Glocke läutet – kommt – mein Hirn ist Feuer!

Barbarigo. Ich bitt' Euch, stützet Euch auf mich!

Doge. Nein, nein!
Ein Fürst soll stehend sterben. – Armer Sohn!
Die Arme weg! – O diese Glocke!
(Der Doge sinkt um und stirbt.)

Marina. Gott!
Mein Gott!

Barbarigo (zu Loredano). Seht Euer Werk vollbracht.

Präsident. Ist nicht
Zu helfen mehr? Ruft nach dem Arzt!

Diener. Es ist
Vorbei.

Präsident. Wenn so, soll seine Leichenfeier
So sein, wie's seinem Namen, seinem Haus,
Dem Rang und seiner Hingebung gebührt
An jede Pflicht des Staats, so lang' sein Alter
Es ihm vergönnte, ihr gerecht zu werden.
Sagt, Brüder, soll's nicht also sein?

Barbarigo. Er hat
Das Unglück noch nicht durchgemacht, da, wo
Er einst geherrscht, als Unterthan zu sterben,
Drum sei sein Leichenfest das eines Fürsten.

Präsident. Seid ihr mit einverstanden?

Alle (außer Loredano). Ja.

Präsident. So sei
Des Himmels Friede nun mit ihm.

Marina. Verzeiht,

Ihr Herrn, das dünkt mir Hohn. Kein Gaukelspiel
Mehr mit dem armen Leib, den eben erst,
Da eine Seele noch in ihm gelebt
(Und eine Seel', die euer Reich vermehrt
Und eure Macht so herrlich hat gemacht,
Wie sein Ruhm strahlt) aus dem Palaste hier
Verbannt, und mit erbarmungsloser Härte
Von seinem Stuhl herabgerissen habt.
Nun, da er diese Ehr' nicht mehr erkennt,
Noch wenn er könnte, sie verstattete,
Nun wollt ihr Herrn mit überflüß'gem Prunk
Aus dem ein Schaustück machen, was ihr kaum
Zertratet noch? Ein fürstlich Leichenfest
Wär' Vorwurf nur für euch, und keine Ehr'
Für ihn!

Präsident. Wir nehmen nicht so schnell zurück,
Was wir bestimmt, Signora.

Marina. Ja, das weiß ich,
Wenn es das Foltern Lebender betrifft.
Doch, dächte ich, die Todten wären euch
Entrückt, wenn Manche ohne Zweifel auch
Gewalten überliefert sind, die denen,
Die ihr auf Erden ausübt, höllisch gleichen.
Laßt ihn jetzt mir; ihr hättet mir ja auch
Den Bodensatz des Lebens, das ihr ihm
So freundlich heute abgekürzt, gelassen.
Es ist ja meine letzte Pflicht und mag
Mir traur'gen Trost in meinem Jammer geben.
Der Gram ist grillenhaft und liebt die Todten
Und Grabesputz.

Präsident. Und ihr besteht darauf?

Marina. So thu ich, Herr! Wenn all sein Hab' und Gut
Auch aufgebraucht ward in des Staates Dienst,
So hab' ich doch mein Wittthum noch, das ich
An seine Leichenfeier rücken will
Und sie – (sie stockt erregt.)

Präsident. Ihr thätet besser dran, wenn Ihr
Für Eure Kinder Euer Gut bewahrtet.

Marina. Ja, sie sind vaterlos, ich dank' es euch.

Präsident. Wir können Euch die Bitte nicht gewähren.
Es sollen seine Reste mit gewohnter Pracht
Erst ausgestellt, dann, von dem neuen Dogen,
Doch nicht als Doge eingekleidet, als
Senator nur, zur Ruh' geleitet werden.

Marina. Ich hab' von Mördern sagen hören, daß
Sie ihre Opfer eingescharrt, doch nie
Bis jetzt, daß so viel heuchlerischen Glanz
An die Erschlag'nen sie gerückt. Die Venezianer scheinen ein besonderes Geschick besessen zu haben, ihren Dogen das Herz zu brechen. Ein zweites Beispiel in dieser Richtung bietet die Geschichte des Dogen Marco Barbarigo. Sein Nachfolger war sein Bruder Agostino Barbarigo, dessen Hauptverdienst sich aus folgenden Worten Darn's ergibt. – »Der Doge (Marco Barbarigo), verletzt, in seinem Bruder ständig einen Opponenten und so bittern Gegner zu finden, sagte eines Tags vor dem ganzen Rathe zu ihm: Messire Agostino, Ihr thut was Ihr nur könnt, um meinen Tod zu beschleunigen. Ihr schmeichelt Euch, mein Nachfolger zu werden' wenn die Andern Euch aber so gut kennen, wie ich Euch kenne, werden sie sich wohl hüten Euch zu wählen. – Hierauf erhob er sich voll Zorn und begab sich in sein Kabinet; wenige Tage später starb er. Dieser Bruder, gegen den er so in Zorn gerathen war, wurde gerade sein Nachfolger. Es war ein Verdienst, das man hoch anschlug, besonders bei Verwandten, wenn man sich in Opposition mit dem Haupt der Republik setzte.« Daru, Gesch. v. Venedig, Bd. 2. S. 533. Ich hörte
Von Wittwenthränen – und auch ich vergoß
Ja deren, Dank auch dafür euch! – ich hörte
Von Erben auch in Trauertracht, ihr habt
Dem Todten keine mehr gelassen; nun
Wollt ihr der Erben Rolle spielen? Gut!
Geschehe euer Wille denn, ihr Herrn,
Wie einst, ich hoff's, des Himmels Will' geschieht.

Präsident. Wißt Ihr, Signora, wem Ihr Solches sagt
Und kennt Ihr die Gefahr von solchen Reden?

Marina. Ich weiß das Erst're besser als ihr selbst,
Das Letztere so gut wie ihr nur selbst,
Und biete Beidem Trotz; wollt ihr noch mehr
Begräbnisse?

Barbarigo. Hört nicht ihr heftig Wort,
Ihr Schicksal mög' entschuld'gen ihr Benehmen.

Präsident. Wir wollen's nicht beachten.

Barbarigo (zu Loredano, der in sein Taschenbuch schreibt). Ei was schreibst
Du mit so ernster Stirne in dein Buch?

Loredano (deutet auf den Leichnam am Boden). Daß er bezahlt mich hat. L'ha pagata. Geschichtlich. Siehe Geschichte Venedigs von P. Daru Bd. 2, S. 411. – Hier endet das Originalmanuscript. Die zwei weiteren Linien hat Gifford beigefügt. – Auf den Rand schrieb Lord Byron: »Wenn die zwei letzten Zeilen denen dunkel erscheinen sollten, die sich der historischen Tatsache im 1. Act, wo Loredanos Eintrag in sein Buch erwähnt ist, nicht erinnern, so kann man etwa noch folgende Zeilen als Schluß beifügen:

Präsident. Wofür bezahlt' Er dich?

Loredano. Für meines Vaters Tod, und Ohms Durch seines Sohnes und den eig'nen Tod. – Fragen Sie Gifford deshalb.«

Präsident. Für welche Schuld?

Loredano. Für eine alte, bei Natur und mir.

(Der Vorhang fällt.)

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