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Gutenberg > George Gordon Noël Byron >

Die beiden Foscari

George Gordon Noël Byron: Die beiden Foscari - Kapitel 5
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typedrama
authorGeorge Byron
titleDie beiden Foscari
publisherVerlag von Phillip Reclam jun.
seriesLord Byrons sämtliche Werke
volumeDritter Band
translatorAdolf Seubert
correctorreuters@abc.de
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Dritter Act.

Erster Auftritt.

Gefängniß des Jacopo Foscari.

Jacopo Foscari (allein). Kein Licht! nichts als der schwache Schein, der mir,
Die Mauer zeigt, die von dem Echoruf
Der Klagen nur getönt, von Seufzern nur
Der langen Haft, vom Tritt von Füßen, dran
Die Kette klirrte, von des Todes Röcheln
Und der Verzweiflung Fluch! Und deshalb doch
Bin nach Venedig ich zurückgekehrt;
Mit einer schwachen Hoffnung freilich, daß
Die Zeit, die ja den Marmor ausspült, auch
Den Haß gespült aus diesen harten Herzen.
Ich kannte aber diese Leute nicht
Und muß mein eigen Herz hier nun verzehren,
Das für Venedig mit der Sehnsucht schlug,
Wie sie die Taube spürt fürs ferne Nest,
Wenn heimwärts kehrend sie die Luft durchmißt,
Die nackten Jungen zu begrüßen. (Nähert sich der Wand.) Was
Für Zeichen sind hier in die harte Wand
Gekritzelt? Werd' bei dem Dämmerschein ich sie
Entziffern können? – Ha! Die Namen sind's
Der Armen all', die vor mir hier geseufzt,
Die Jahrszahl ihres Kummers, ihrer Wuth,
Die kurzen Worte eines Grams, der für
Die Meisten war zu schwer! Ihr Leben nun
Enthält wie eine Grabschrift dieser Stein.
Des armen Eingekerkerten Geschichte
Ist in die Mauer seines Kerkers ein-
Gekerbt wie die Erinn'rungszeichen von
Verliebtem Volk in eines Baumes Rinde,
Die Ihren theuern Namen zeigt und Seinen.
Ach ich entziff're ein'ge Namen, die
Mir wohl bekannt und auch gebranntmarkt sind
Wie meiner jetzt, den ich hinzu will fügen.
Er eignet gut für solche Chronik sich,
Die nur das Unglück schreiben, lesen kann. (Er gräbt seinen Namen ein.)

Ein Diener der Zehen tritt auf.

Diener. Ich bringe Euch zu essen.

Jacopo Foscari. Bitte, setzt
Es hin! Ich bin nicht hungrig, doch die Lippe
Ist mir versengt. Gebt Wasser!

Diener. Da!

Jacopo Foscari (nachdem er getrunken). Ich dank'.
Es ist mir besser jetzt.

Diener. Ich soll Euch melden,
Daß Euer nächst Verhör verschoben sei.

Jacopo Foscari. Bis wann?

Diener. Das weiß ich nicht. – Auch hab' ich den
Befehl, daß Eure hohe Frau Euch darf
Besuchen.

Jacopo Foscari. Ah! sie werden weich! Ich hatte
Zu hoffen aufgehört; 's war hohe Zeit.

Marina tritt ein.

Marina. Geliebter Mann!

Jacopo Foscari (umarmt sie). Mein theures Weib! Welch Glück!
Mein einz'ger Freund!

Marina. Wir scheiden nimmermehr!

Jacopo Foscari. Wie? willst du meinen Kerker theilen?

Marina. Ja,
Die Folter und das Grab und jedes Ding
Mit dir, jedoch das Grab zuletzt, denn dort
Empfinden wir einander nicht; doch will
Ich theilen auch noch das, und Alles lieber
Als neue Trennung ja. Zu viel war's schon,
Die erste überlebt zu haben. – Wie
Ist dir? Was machen deine armen Glieder?
Was frag' ich nur! Ach diese Blässe!

Jacopo Foscari. Nein!
Die Freude dich so bald, so unverhofft
Zu sehn hat mir das Blut ins Herz zurück
Gejagt und meine Wange deiner gleich
Gemacht, denn du auch bist ja blaß, Marina!

Marina. Es ist das Düster dieser ew'gen Keller,
Die niemals einen Sonnenstrahl gekannt,
Der bleiche Schein von jenes Dieners Fackel,
Die mehr der Finsterniß verwandt scheint als
Dem Licht und die des Kerkers trübem Dunst
Noch beigesellet ihren Schwefeldampf,
Der Alles, was ich schau, dein Auge selbst
Umwölkt. Doch nein! Dein Auge nicht! – Das glänzt!
Wie hell es glänzt!

Jacopo Foscari. Und deins! Doch blendet mich
Der Fackel Schein.

Marina. Wie ohne ihn ich blind
Gewesen wär'. Konnt'st du hier sehn?

Jacopo Foscari. Zuerst
Nicht recht, doch Zeit, Gewohnheit haben mich
Vertraut mit dieser Finsterniß gemacht;
Und jenes Flimmern, jenes graue Licht,
Das durch die Spalten kommt, die hier der Wind
Erschließt, that meinem Auge wohler als
Nie volle Sonnenpracht, wenn alle Thürme
Sie mir vergoldet, nur Venedigs nicht.
Noch eben eh' du kamst, war ich daran
Zu schreiben.

Marina. Was?

Jacopo Foscari. Hier meinen Namen, sieh!
Da steht er unter Dessen Namen, der
Woran mir ging, wenn Kerkerszahlen wahr.

Marina. Und was geschah mit ihm?

Jacopo Foscari. Es schweigt die Wand
Vom End' des Menschen hier; doch scheint sie's uns
Mit ziemlicher Gewißheit anzudeuten.
So finstre Mauern wölbten jeder Zeit
Nur über Todten sich, und solchen, die
Es werden bald. Du fragst mich, was mit ihm
Geschehn? – Ach! was mit mir geschehn, wird bald
Man fragen wol, und gleiche Antwort haben:
Ein zweifelhaft, ein schreckliches Vermuthen,
Wofern nicht du erzählst, was mir geschehn!

Marina. Ich sprechen über dich?

Jacopo Foscari. Warum denn nicht?
Es werden dann ja Alle von mir sprechen;
Des Schweigens Tyrannei hält niemals an,
Und wie man auch Ereignisse verberg',
Des Edeln Seufzer geht durchs Leichentuch,
Selbst Deß, der lebend ist verscharrt. Mir ist
Mein Ruf nicht zweifelhaft, mein Leben nur;
Doch ist um beide mir nicht bang.

Marina. Dein Leben
Ist sicher dir.

Jacopo Foscari. Die Freiheit auch?

Marina. Es kann
Der Geist sich seine eig'ne schaffen.

Jacopo Foscari. Ja,
Das klingt recht schön; doch klingt es eben nur,
Wie rührende Musik, die schnell vergeht.
Der Geist ist viel, doch ist er lang' nicht Alles.
Er stählte mich, die Aussicht auf den Tod
Und wirklich Foltern schlimmer als der Tod
(Wenn Tod ein tiefer Schlaf nur ist) zu tragen,
Und nicht zu heulen, und nur so zu schrein,
Daß meinen Richtern es mehr Schande war
Als mir. Doch Alles ist dies nicht, es gibt
Noch Dinge hier, die schmerzensvoller sind,
Zum Beispiel dieses Kerkerloch, wo ich
Viel Jahre athmen mag.

Marina. Ach dieser Kerker
Ist Alles, was von jenem großen Reich,
Deß Fürst dein Vater ist, dem Sohn gehört.

Jacopo Foscari. Ich trag's nicht leichter, wenn ich deß gedenke.
Mein Schicksal ist nicht ungemein, denn Viele
Umschließt ein Kerker ja, doch keiner gähnt
So nah dem väterlichen Hans wie meiner.
Doch manchmal geht mein Herz gar hoch, und Hoffnung
Strömt dann aus diesen staubdurchwebten Strahlen,
Die einzig unser Tageslicht hier bilden;
Denn außer meines Kerkermeisters Fackel
Und einer wundersamen Feuerfliege,
Die in dem ries'gen Spinngewebe dort
In letzter Nacht sich fing, sah ich hier nichts,
Was einem Strahle glich. – Nur zu wohl weiß
Ich, ach! wie weit der Geist uns halten kann.
Mein Geist ist stark, ich hab' es schon bewiesen.
Doch wenn man einsam lebt, dann läßt er nach;
Gesellig ist das Herz.

Marina. Ich werde bei
Dir sein.

Jacopo Foscari. Ach wär' es so! Doch haben sie
Das nie gewährt und werden's nicht gewähren.
Ich werde einsam sein, ohn' Mensch und Buch,
Dies Lügenabbild jener Lügenbrut.
Ich bat um solche menschlichen Gemälde,
Die man Annalen und Geschichte nennt
Und Mancher als ein Portrait uns vermacht;
Sie wurden mir versagt. So ward die Wand
Mein einzig Studium; ein treuer Bild
Entwarf sie von Venedigs Machtgeschichte
Mit allen ihren schwarzen Blättern mir
Als jene Halle, die nicht weit von hier
Mit Hunderten von Dogenbildern prangt,
Mit ihren Thaten, ihren großen Tagen.

Marina. Ich komme dir zu künden, was zuletzt
Im Rath sie über dich beschlossen haben.

Jacopo Foscari. Ich kenn' es schon. Sieh her! (Deutet auf seine gebrochenen Glieder.)

Marina. Nichts mehr davon!
Sie selbst stehn ab von dieser Scheußlichkeit.

Jacopo Foscari. Nun? und –?

Marina. Du sollst nach Candia zurück.

Jacopo Foscari. Dann ist auch meine letzte Hoffnung hin.
Ich konnte meines Kerkers Elend tragen;
Hier war Venedig doch! Die Folter konnt'
Ich tragen selbst, denn in der Heimatluft
Lag Etwas noch, was meinen Geist erhob.
Wie auf dem Meer das sturmgepeitschte Schiff
Noch stolz die hohen Wogen übersteigt
Und seinen Curs hält. Aber dort, so fern,
Auf der verwünschten Insel, die von Sklaven,
Ungläub'gen und Gefang'nen voll, wie ein
Gestrandet Wreck, war mir, als ob die Seel'
Im Busen mir verwelkte. Glied für Glied.
Werd' ich dort untergehn, wenn man dahin
Zurück mich schickt.

Marina. Und hier?

Jacopo Foscari. Sterb' ich auf ein
Mal doch, auf bessere, weil kürz're Art.
Hier könnten sie mir doch, der Väter Grab
Nicht weigern, wie mein Heim sie mir versagt.

Marina. O mein Gemahl! ich habe drum gebeten,
Begleiten dich an jenen Ort zu dürfen,
Und bin nicht ohne Hoffnung, daß sie's dulden.
Dein Hang für diesen undankbaren Boden
Der Tyrannei ist Leidenschaft, nicht Lieb'
Zum Vaterland. Was mich betrifft, wenn ich
Beruhigt dich und in der süßen Freiheit
Der Luft und Erde wieder schauen könnt',
Wollt' ich an Land nicht oder Klima kritteln.
Der Wust von Kerkern und Palästen hier
Dünkt mir kein Paradies; sein Dasein dankt's
Unglücklichen Verbannten ja.

Jacopo Foscari. Ich weiß,
Wie unglückselig der Verbannte ist.

Marina. Doch siehst du, wie, trotzdem vor dem Tartaren
Sie nach den salz'gen Inseln hier geflohn,
Die alte Geisteskraft, das ganze Erb'
Von Rom, das ihnen blieb, hier nach und nach
Ein Meeres-Rom Auch in Lady Morgans trefflichem Werke kommt der Ausdruck »Rom des Oceans« in der Anwendung auf Venedig vor. Mein Verleger kann bezeugen, daß meine Tragödie geschrieben und nach England versandt war, ehe ich das Werk der Lady Morgan gesehen hatte, das ich erst am 16. August erhielt. Ich beeile mich jedoch, dieses Zusammentreffen der Gedanken zu constatiren und die Originalität des Ausdrucks Derjenigen zu überlassen, die ihn zuerst vor das Publikum brachte. Ich bin in dieser Sache um so ängstlicher, als man mir mitgetheilt hat (denn selbst hab' ich nur zufällig etwas der Art gelesen), daß man mich in der letzten Zeit des Plagiarismus beschuldige. erschuf. Wenn Uebel so
Zum Guten führen kann, darf dich es drücken?

Jacopo Foscari. Wär' ich aus meinem Vaterland gezogen,
Den Patriarchen gleich, und hätte mir
Mit Hab' und Heerd' ein ander Land gesucht;
Wär' ich vertrieben worden wie die Juden
Aus Zion einst, wie unsre Väter dann
Von Attila aus den ital'schen Au'n,
Aus üpp'gem Land nach jener Inseln Oede,
Hätt' meiner Heimat ich zwar ein'ge Thränen,
Und viel Gedanken lange noch geweiht,
Doch dann mit denen, die mit mir gekommen,
Ein neues Heim, ein neues Reich erbaut.
Vielleicht, daß Solches ich ertrug – doch bin
Ich dessen nicht gewiß.

Marina. Warum denn nicht?
Es war das Schicksal von Millionen schon
Und wird das Loos von Myriaden sein.

Jacopo Foscari. Jawol! Doch hören wir nur von dem Schaffen
Der Ueberlebenden im neuen Land,
Von ihrem Wachsthum, ihrem Weitergang;
Wer aber zählt die Herzen, die beim Scheiden
In Schweigen brachen, oder nach der Hand,
An jener Krankheit, die dem Fieberblick
Des armen Exilirten grüne Felder,
Der Heimat Flur, vorzaubert aus dem Meer
Mit solcher Deutlichkeit, daß man den Armen
Sie zu betreten kaum verhindern kann;
An jener Stimmung, die aus Melodien
So reiche Nahrung ziehet für den Gram
Und für die Sehnsucht der Gebirgsbewohner,
Wenn fern sie sind von ihren Schneegefilden,
Von Fels und Wolken, daß das süße Gift
Der Heimatträume sie allmählich frißt.
Ihr nennt dies Schwäche; Stärke, sag' ich euch,
Ist dies, die Mutter jedes Hochgefühls.
Der, der nicht seine Heimat liebt, liebt nichts.

Marina. Gehorch' ihr denn; sie ist's, die dich verstößt.

Jacopo Foscari. Da steckt's! Es fällt wie einer Mutter Fluch
Auf meine Seel', ein Cainszeichen steht
Auf meiner Stirn'. Die Exilirten, die
Du nanntest, zogen völkerweise fort,
Sie hielten unterwegs sich an der Hand,
Sie schlugen ihre Zelte bei einander,
Ich bin allein!

Marina. Du wirst es nicht mehr sein,
Ich geh' mit dir.

Jacopo Foscari. O theuerste Marina!
Und unsre Kinder?

Marina. Sie? – Ich fürchte sehr,
Das Vorurtheil der schnöden Politik
Des Staats, die Fäden nur in jedem Band
Erblickt, die nach Belieben man zerreißt,
Wird nicht gestatten, daß sie mit uns gehn.

Jacopo Foscari. Und kannst du sie verlassen?

Marina. Ja. Mit Schmerz,
Doch kann ich sie, die Kind noch sind, verlassen,
Um dich zu lehren, wen'ger Kind zu sein.
O lerne dran, auch dein Gefühl bezwingen,
Wenn es die höh're Pflicht von dir verlangt!
Und tragen ist ja erste Pflicht hienieden.

Jacopo Foscari. Und hab' ich etwa nichts ertragen?

Marina. Viel!
Zu viel von ungerechter Tyrannei,
Und auch genug, jetzt nicht zurückzuschrecken
Vor einem Loos, das im Vergleich zu dem,
Was du ertragen in der letzten Zeit,
Noch Gnade ist.

Jacopo Foscari. – Ach du warst niemals noch
Weit von Venedig weg, sahst niemals noch
Die schönen Thürme nach und nach versinken,
Daß jede Furche, die der Schiffskiel zog,
Tief in dein Herz zu pflügen schien; sahst nie
Den Abend sinken hinter jenen Kuppeln
In seiner Glorie ruh'gem Goldesglanz,
Erwachtest nie nach wildem Traumgesicht
Vom Heimatland, und fandst es dann nicht mehr!

Marina. Dies Alles theil' ich jetzt mit dir. Doch nun
Laß an die Abfahrt von der theuren Stadt
(Denn wie es scheint, mußt du sie eben lieben)
Und von dem Prunkgemach, das dir ihr Dank
Hier zugeschieden, denken. Für die Kinder
Wird schon der Doge und mein Oheim sorgen.
Wir müssen segeln, eh' die Nacht anbricht.

Jacopo Foscari. Das ist sehr bald. Darf ich den Vater sehn?

Marina. Du darfst.

Jacopo Foscari. Und wo?

Marina. Hier oder im Gemach
Des Dogen selbst. Er sagte mir nicht wo.
Ich wollt', du trügest dein Exil, wie er
Es trägt.

Jacopo Foscari. Tadl' ihn nicht drum! Ich murre hie
Und da, jedoch er könnt' nicht anders thun.
Hätt' irgend welches Mitgefühl er mir
Gezeigt, so hätt' es den Verdacht der Zehn
Nur auf sein greises Haupt herabgerufen
Und meine Nöthen noch vermehrt.

Marina. Vermehrt?
Mit welcher Qual verschonten sie dich denn?

Jacopo Foscari. Mit der, Venedig zu verlassen, ohn'
Ihn oder dich zu sehn, was man mir leicht
Versagen könnt' wie jenes erste Mal.

Marina. Ja, das ist wahr! In so weit bin auch ich
Des Staates Schuldnerin, und werd' noch mehr
Es sein, wenn ich uns beide erst hinweg
Auf freier Woge schwimmen seh', – hinweg!
Hinweg! sei's bis an End' der Welt, von dieser
Verhaßten, ungerechten –

Jacopo Foscari. Fluch ihr nicht!
Wer darf beschuldigen die Vaterstadt,
Wenn ich hier schweig'?

Marina. Die Menschen und die Engel!
Das Blut der Tausende, das schon zum Himmel
Geraucht; das Stöhnen Derer, die in Ketten,
In Kerkern schrei'n; die Mütter, Weiber, Söhne,
Die Väter und die Unterthanen all',
Die diese zehn verwelkten Köpfe knechten,
Vor Allem aber dies dein Schweigen selbst.
Könntst Etwas du zu ihren Gunsten sagen,
Wer würde preisen diese Stadt wie du?

Jacopo Foscari. So wollen wir uns denn zur Abfahrt rüsten,
Da es so sein muß. Wer kommt da?

Loredano tritt mit zwei Dienern ein.

Loredano (zu den Dienern). Zieht euch
Zurück! Doch laßt die Fackel hier. (Die beiden Diener ab.)

Jacopo Foscari. Willkommen,
Sehr edler Herr! Ich hätte nicht geglaubt,
Daß dieser trübe Ort so hohen Gast
Anziehen könnt'.

Loredano. 'S ist nicht das erste Mal,
Daß diese Orte ich besucht.

Marina. Es würde
Das letzte auch nicht sein, fänd' jed' Verdienst
Hienieden seinen Lohn. – Kommt Ihr, uns noch
Zu schmähn? als Späher hier zu bleiben, oder
Als Geisel gar für uns?

Loredano. Von alle Dem
Ist nichts mein Amt, sehr edle Frau. Ich bin
Vielmehr hierher gesandt, um Eurem Gatten
Der Zehn Entschließung amtlich mitzutheilen.

Marina. Dies Liebeswerk ist schon gethan: er weiß.

Loredano. Wie das?

Marina. Ich hab's ihm mitgetheilt, nicht so
Gelind vielleicht wie Euer fein Gefühl,
Die Nachsicht Eurer Amtsgenossen wünschte;
Jedoch er weiß es nun. Kommt Ihr, den Dank
Zu holen? Nehmt ihn hin und geht! Die Nacht
Des Kerkers ist auch ohne Euch noch tief,
Und Schlangen gibt's, nicht wen'ger ekelhaft,
Ob ehrlicher ihr Stich gleich ist.

Jacopo Foscari. Ich bitte,
Beruh'ge dich. Was nützen solche Worte?

Marina. Sie sagen ihm, daß wir ihn völlig kennen.

Loredano. Bewahren mög' die schöne Dame nur
Das Vorrecht des Geschlechts.

Marina. Ich habe Söhne,
Die eines Tags Euch besser danken werden.

Loredano. Ihr thuet wohl, sie weise zu erziehn. –
Ihr, Foscari, kennt somit Euern Spruch?

Jacopo Foscari. Rückkehr nach Candia?

Loredano. So ist's! und zwar
Auf Lebenszeit.

Jacopo Foscari. Das ist nicht lang'.

Loredano. Ich sagt':
Auf Lebenszeit.

Jacopo Foscari. Ich wiederhol's, das ist
Nicht lang'.

Loredano. Ein Jahr lang Haft in Canea,
Dann Freiheit auf der ganzen Insel.

Jacopo Foscari. Beides
Ist gleich für mich: die Freiheit nachher wie
Vorher die Haft. – Ist's wahr, daß mich mein Weib
Begleiten darf?

Loredano. Ja, wenn sie will.

Marina. Wer hat
Dies Recht mir ausgewirkt?

Loredano. Ein Mann, der nicht
Mit Weibern kämpft.

Marina. Doch Männer niederdrückt.
Gleichviel, ich dank' ihm für das einz'ge Gut,
Das ich erbeten und genommen hätt'
Von ihm und Leuten seiner Art.

Loredano. Er nimmt
Den Dank, wie er geboten wird, entgegen.

Marina. Mög' er ihm wohl gedeihn! – Genug davon!

Jacopo Foscari. Ist Euer ganzer Auftrag dies, Signor?
Da wenig Zeit zur Vorbereitung bleibt
Und Eure Gegenwart die Dame hier
Nur reizt, die aus so hohem Haus wie Ihr –

Marina. Aus höherem!

Loredano. Wie? höherem?

Marina. Ja, weil
Es edler ist. Wir sagen »edles Roß«.
Um seines Blutes Reinheit auszudrücken.
So viel hab' ich, die Venezianerin,
Die nicht viel Rosse, außer bronz'ne, sieht,
Von jenen Venezianern doch gelernt,
Die an Aegyptens und den Nachbarufern
Arabiens fuhren. Und warum nun nicht
Auch sagen: »edles Haus«? Hat Rasse Werth,
So muß er aus den Eigenschaften, mehr
Als Jahren zu entnehmen sein; und meine,
Die gleich viel Jahre wie die Eure hat,
Ist besser in der Production. – Schaut nicht
So finster drein, geht in der Zeit zurück,
Betrachtet Eures Stammbaums grünstes Blatt
Und reifste Frucht, und dann erröthet, wenn
Ihr Ahnen findet, die erröthen würden
Ob solchem Sohn – du kalter, starrer Hasser!

Jacopo Foscari. Schon wieder so, Marina!

Marina. Ja! schon wieder!
Seht Ihr denn nicht, daß er hierher nur kam,
Um seinem Haß durch einen letzten Blick
Auf unser Elend gütlich noch zu thun.
Er soll es theilen drum.

Jacopo Foscari. Das wäre schwer!

Marina. Nichts leichter, und er theilt es auch. Jawol!
Mag unter einer Marmorstirne er
Die Pein, und unter höhn'scher Lippe bergen,
Er theilt sie doch! Schon ein paar Worte Wahrheit
Beschämen ja des Teufels Diener wie
Den selbst. Ich habe einen Augenblick
Die Seele ihm geglüht, wie bald für immer
Das ew'ge Feuer sie behandeln wird.
Sieh', wie von mir zurück er bebt, trotzdem
Er Tod, Exil und Haft zu Händen hat,
Die nach Gelüst auf uns er schleudern kann!
Sie sind ihm Waffen, aber Harnisch nicht;
Denn bis ins Inn're seiner kalten Brust
Hab' ich gebohrt! Sein Zorn erschreckt mich nicht!
Wir können sterben nur, doch er muß leben,
Für ihn das schlimmste Loos! Denn jeder Tag
Macht sich'rer ihn zum Eigenthum des Teufels.

Jacopo Foscari. Das ist der reinste Wahnsinn.

Marina. Mag es sein,
Wer hat wahnsinnig uns gemacht?

Loredano. Laßt sie,
Es macht mir nichts.

Marina. Ihr lügt! Ihr kamt hierher,
Um herzlos über uns zu triumphiren,
Mit kaltem Blick zu schauen unser Leid,
Um uns vergeblich zu Euch flehn zu lassen,
Um Euch zu weiden an der Thränen Strom,
Um unsre Seufzer hämisch einzuheimsen,
Den todten Rumpf zu schaun, zu dem nur Ihr
Den Sohn des Fürsten, meinen Mann, gemacht,
Auf dem Gefallenen herumzutreten,–
Ein Thun, wovon der Henker ab sich kehrt,
Wie Jedermann von ihm. Wie ist es nun?
Wir sind so elend jetzt, als Eure Ränke
Uns machen nur, als Rache wünschen konnte,
Und wie ist's Euch zu Muth?

Loredano. Wie einem Felsen.

Marina. Ja, den ein Blitzstrahl traf: er fühlt es nicht
Und splittert doch. – Komm, Foscari! laß uns
Jetzt gehn und diesen Menschen hier allein
In einer Zelle lassen, die zu oft
Er schon bevölkert hat, doch nie so passend,
Als wenn er selbst dereinst hier brüten wird.

Der Doge tritt auf.

Jacopo Foscari. Mein Vater!

Doge (umarmt ihn). Jacopo! mein Sohn – mein Sohn!

Jacopo Foscari. Mein Vater noch! Wie lang' ist's her, daß ich
Dich meinen – unsern Namen nennen hörte!

Doge. Mein Sohn! O wüßtest du –

Jacopo Foscari. Ich hab' nicht oft
Gemurrt.

Doge. Ich fühl's zu gut, daß du's nicht hast.

Marina. Schau hierher, Doge! (Deutet auf Loredano.)

Doge. Nun, ich seh' den Mann,
Was willst du damit sagen?

Marina. Vorsicht, Doge!

Loredano. Da dies die Tugend ist, die diese Dame
Am meisten pflegt, so thut sie wohl daran,
Sie zu empfehlen.

Marina. Schlechter Mensch! nicht Tugend,
Nur Politik muß sie von Allen sein,
Die in Verkehr mit Schlechten treten müssen.
Als solche nur empfehl' ich sie, wie ich
Den warnen würde, der auf Nattern tritt.

Doge. Ein überflüssig Warnen, Tochter! Längst
Hab' Loredano ich gekannt.

Loredano. Ihr mögt
Ihn besser kennen lernen.

Marina. Ja! denn schlechter
Wär's denkbar nicht.

Jacopo Foscari. Mein Vater, laß uns nicht
Des Abschieds Stunde damit noch verlieren,
Daß wir in Schelten uns ergehn, das doch
Zu gar nichts führt. – Ist es – ist's wirklich denn
Das letzte Mal, daß wir uns schaun?

Doge. Du siehst
Mein weißes Haar.

Jacopo Foscari. Ich seh's, und fühle wohl,
Daß nie so weiß das meine werden wird.
Umarme mich, mein Vater! immer liebt'
Ich dich, doch niemals mehr als jetzt. Hab' Acht
Auf meine – deines letzten Kindes – Kinder,
Laß sie dir sein, was ich dir eh'dem war,
Und niemals werden, was ich jetzt dir bin.
Kann nicht auch sie ich sehn?

Marina. Nicht hier.

Jacopo Foscari. Sie könnten
An jedem Ort doch ihren Vater sehn.

Marina. Ich möchte lieber, daß sie ihren Vater
An einem Orte sähn, wo in die Lieb'
Nicht Furcht sich mischte und ihr junges Blut
Zu Eis geränn'. Sie nährten sich mit Lust,
Sie schliefen süß und wußten nichts davon,
Daß ein Geächteter ihr Vater sei.
Wol weiß ich, daß sein traurig Schicksal auch
Ihr Erbe einst kann sein, doch sei es erst
Ihr Erb', nicht schon ihr gegenwärtig Theil.
Für Liebe zwar empfänglich ist ihr Herz,
Doch auch für Schreck, und dieser böse Dunst,
Und jene Wellenschicht', die oberhalb
Dem Orte fließt, wo wir jetzt stehn; die Zelle,
So tief noch unterm Spiegel der Lagune,
Die ihre Pest durch jede Spalte sendet,
Könnt' sie entsetzen. Solche Atmosphäre
Ist nicht für sie, wenn du auch gleich – und du –
Am würdigsten, Ihr edler Loredano,
Sie ohne weitern Nachtheil athmen mögt.

Jacopo Foscari. Das hab' ich nicht bedacht, doch geb' ich's zu.
So muß ich reisen, ohne sie zu sehn?

Doge. Das nicht! sie warten dein auf meinem Zimmer.

Jacopo Foscari. Und muß ich sie denn lassen alle, alle?

Loredano. Ihr müßt.

Jacopo Foscari. Nicht eins darf mit?

Loredano. Sie sind des Staats.

Marina. Ich dächte doch, sie wären mein.

Loredano. Gewiß!
In allen Dingen, die der Mutter sind.

Marina. Das heißt in allen, die mir wehe thun:
Wenn krank sie sind, werd' ich sie warten dürfen,
Und sterben sie, dann darf ich sie begraben,
Betrauern auch; doch leben sie, so müssen
Sie Krieger sein und Senatoren, Sklaven,
Auch wol Verbannte – wie Ihr wollt, und wenn
Es Mädchen sind und reich, dann »Bräute«, wol
Auch »Preise« für die Edeln. Wie der Staat
Doch trefflich sorgt für seine Söhn' und Mütter!

Loredano. Die Stunde naht, der Wind ist günstig jetzt.

Jacopo Foscari. Wie könnt' Ihr hier das wissen, wo der Wind
Doch nie in seiner muntern Freiheit bläst?

Loredano. Es war so, da ich kam; und die Galeere
Schwimmt einen Bogenschuß nur von der Riva
Degli Schiavoni.

Jacopo Foscari. Bitte, Vater! geht
Voraus, bereitet meine Kinder vor,
Den Vater noch zu sehn.

Doge. Sei stark, mein Sohn!

Jacopo Foscari. Ich werde mich bemühn.

Marina. So lebe denn
Zum wenigstens der schnöde Kerker wohl
Und jener Mann, deß gutem Dienst zum Theil
Du die vergangene Haft verdankst.

Loredano. Und auch
Die jetzige Erlösung.

Doge. Er spricht wahr.

Jacopo Foscari. Ich zweifle nicht; doch ist's nur Tausch von Ketten
Um schwerere, was ich ihm danken kann.
Er weis dies wohl, sonst hätte er den Tausch
Nicht durchgesetzt. Doch soll's kein Vorwurf sein.

Loredano. Es drängt die Zeit.

Jacopo Foscari. Wer hätt' gedacht, daß ich
So zögernd nur den Ort verlassen würd'!
Wenn ich bedenk' jedoch, daß jeder Schritt
Den ich nun thu', selbst aus dem Kerker hier,
Auch aus Venedig führt, so schau' ich selbst
Auf diese feuchte Wand zurück mit Pein
Und –

Doge. Keine Thränen, Sohn!

Marina. Laßt sie nur fließen.
Er weinte auf der Folter nicht, wo es
Ihm Schande hätt' gebracht, jetzt können sie
Ihm keine Schande machen. Nein! sie werden
Sein Herz erleichtern nur, das allzu weich;
Ich aber werde eine Stunde finden,
Wo ich ihm trock'ne diese Thränen oder
Hinzu die meinen füg'. Ich könnt' jetzt weinen,
Doch möcht' ich keine Freude Dem da machen.
Wir wollen weiter. – Doge! geht voran.

Loredano (zum Diener). Die Fackeln her!

Marina. Ja, leucht' uns nur, als wär's
Ein Leichenzug und Loredano schritt'
Gleich einem Erben trauernd hinterher.

Doge. Mein Sohn, du bist noch schwach, nimm diese Hand.

Jacopo Foscari. Ach muß die Jugend sich aufs Alter stützen!
Ich sollte ja die Stütze sein von Euch.

Loredano. Nehmt meinen Arm.

Marina. Thu's nicht, mein Foscari!
Er sticht. – Steht ab, Signor! seid überzeugt,
Daß, wenn ein Griff von Euch uns aus dem Schlund,
In den man uns gestoßen, heben könnt',
Sich keine Hand von uns darnach würd' strecken. –
Komm, Foscari! nimm diese Hand, die dir
Der Altar gab; sie konnte dich nicht retten,
Doch Stütze wird sie immerdar dir sein. (Alle ab.)

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