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Gutenberg > George Gordon Noël Byron >

Die beiden Foscari

George Gordon Noël Byron: Die beiden Foscari - Kapitel 4
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typedrama
authorGeorge Byron
titleDie beiden Foscari
publisherVerlag von Phillip Reclam jun.
seriesLord Byrons sämtliche Werke
volumeDritter Band
translatorAdolf Seubert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweiter Act.

Erster Auftritt.

Saal im Dogenpalast.

Der Doge und ein Senator.

Senator. Beliebt's Euch jetzt zu unterzeichnen oder
Wollt den Vertrag Ihr lieber morgen schließen?

Doge. Nein, jetzt! Ich übersah es gestern; 's braucht
Nur meine Unterschrift. Die Feder, bitte!
(Der Doge setzt sich und unterzeichnet.)
Hier, Herr!

Senator (sieht auf das Papier). Ihr habt vergessen, Hoheit! 'S ist
Nicht unterzeichnet.

Doge. Nicht? Ach ja! Ich seh's.
Das Alter macht die Augen schwächer nur.
Ich sah nicht, daß die Feder ich nicht rief
Genug ins Faß getaucht.

Senator (taucht die Feder ein und legt das Papier vor den Dogen).
Auch zittert Euch
Die Hand. Erlaubet, Hoheit, daß –

Doge. Jetzt ist's
Gethan. Ich danke Euch.

Senator. Der so von Euch
Und von den Zehn genehmigte Vertrag
Verleiht Venedig Frieden.

Doge. Lange hat's
Sich seiner nicht erfreut; gleich lange mög'
Es anstehn jetzt, bis zu den Waffen es
Von Neuem greift.

Senator. Fast vierunddreißig Jahr'
Hat's unaufhörlich mit dem Türken oder
Den italien'schen Mächten sich verkämpft.
Der Staat bedarf jetzt ein'ger Ruh'.

Doge. Gewiß!
Ich fand die Republik als Königin
Des Meers, und lasse als die Herrin sie
Der Lombardei. Es ist ein Trost für mich,
Daß ihrem Diademe ich die Perlen
Von Brescia und Ravenna beigefügt.
Crema und Bergamo sind ebenfalls
Ihr zugesellt. So wuchs ihr Reich zu Land,
So lang ich die Regierung führte, stets,
Indessen sie zur See nicht schwacher ward.

Senator. Sehr wahr! Ihr habt des Landes vollen Dank
Verdient.

Doge. Vielleicht.

Senator. Den man bethät'gen sollt'.

Doge. Herr! Ich hab' nicht geklagt.

Senator. Hoheit, verzeiht!

Doge. Weshalb?

Senator. Mir blutet's Herz für Euch.

Doge. Für mich,
Signor?

Senator. Und auch für Euern –

Doge. Still!

Senator. Es muß
Heraus, Hoheit! Zu viel Verpflichtungen
Hab ich für Euch und Euer ganzes Haus
Ob alter und ob neuer Freundlichkeit,
Um jetzt nicht tief für Euern Sohn zu fühlen.

Doge. War Euer Auftrag dies?

Senator. Wie so, Hoheit?

Doge. Ihr schwatzt von Dingen, die Ihr nicht versteht.
Doch der Vertrag ist unterzeichnet. Kehrt
Mit ihm zu Dem zurück, der Euch geschickt.

Senator. Wie Ihr befehlt! – Ich hatt' den Auftrag noch
Vom Rath, Euch zu ersuchen, daß die Stund',
Wo er von Neuem sich vereinen soll,
Ihr anberaumen mögt.

Doge. Sagt ihnen: wann sie wollen!
Gleich jetzt, in diesem Augenblick, wofern
Es ihnen recht. Ich bin des Staates Diener.,

Senator. Sie möchten Zeit zur Ruhe Euch vergönnen.

Doge. Ich brauch' nicht Ruh', das heißt, nicht solche Ruh',
Die einer Stunde Zeit dem Staate nimmt.
Sie mögen sich versammeln, wann sie wollen.
Wo ich auch bin und was, man wird mich finden. (Senator ab.)

(Der Doge bleibt in Gedanken versunken sitzen.)

Ein Diener tritt auf.

Diener. Hoheit!

Doge. Was gibt's?

Diener. Es bittet um Gehör
Die edle Dame Foscari.

Doge. Bitt' sie
Herein! – Unglückliche Marina! Aermste! (Diener ab.)

(Der Doge sitzt schweigend wie zuvor.) Marina tritt ein.

Marina. Ich habe kühn in Eure Heimlichkeit,
Mein Vater, mich gedrängt.

Doge. Ich habe keine
Für dich, mein Kind! Befiehl nur über mich,
So oft der Staat mich nicht in Anspruch nimmt.
Marina. Ich möcht' von Ihm Euch unterhalten, Vater.

Doge. Von Eurem – Eh'gemahl?

Marina. Und Eurem Sohn.

Doge. Fahr fort, mein Kind.

Marina. Die Zehen hatten die
Erlaubniß mir ertheilt, daß ich den Gatten
Für eine Anzahl Stunden pflegen dürf'.

Doge. Die hattet Ihr.

Marina. Sie ist zurückgenommen.

Doge. Von wem?

Marina. Den Zehn! – Als wir die Seufzerbrücke
Erreicht und eben ich mit Foscari
Passiren wollt', trug, einzulassen mich,
Der finstre Wächter dieses Gangs Bedenken.
Man schickte einen Boten zu den Zehn,
Doch da die Sitzung aufgehoben war
Und ich kein schriftlich Document besaß,
Ward mit dem Beisatz ich zurückgewiesen,
Daß insolang' das hohe Tribunal
Nicht neu versammelt sich, des Kerkers Wand
Uns trennen müsst'.

Doge. So ist's. Die Form ward in
Der Eil', womit die Sitzung man vertagt,
Ganz übersehn, und ungewiß ist, wann
Sie wieder aufgenommen wird.

Marina. Wann wieder
Sie aufgenommen wird! Und wenn es dann
Geschieht, so werden sie ihn wieder foltern;
Und mit Erneuerung der Folter muß
Ihr Wiedersehen Mann und Weib erkaufen,
Das heiligste der Bande unterm Himmel!
O Gott! Kannst du das dulden?!

Doge. Kind!

Marina (herb). Nennt mich
Nicht Kind! Bald habt Ihr keine Kinder mehr
Und Ihr verdient auch keine! Ihr, die Ihr
So ruhig sprechen könnt' von einem Sohn,
Deß Schicksal blut'ge Thränen Spartern selbst
Entriß! Wenn diese, ihre Söhne nicht
Beweint, die in der Schlacht gefallen waren,
Wo steht geschrieben, daß sie stückweis sie
Zu Grunde gehen sahn, und ihnen nicht
Zur Rettung eine Hand gereicht?

Doge. Ihr seht,
Ich kann nicht weinen. Ach ich wollt', ich könnt's!
Doch wenn jed' weißes Haar auf diesem Haupt
Ein junges Leben wär', mein Herzogshut
Das Diadem der Welt, und dieser Ring,
Wodurch ich mit dem Meere mich vermählt,
Ein Talisman, den Ocean zu zähmen,
Ich gäbe Alles hin für ihn –

Marina. Er könnt'
Mit weniger gewiß gerettet werden.

Doge. Die Antwort zeigt mir nur, wie wenig Ihr
Venedig kennt. Woher auch solltet Ihr
Es kennen? Ach! Sein innerstes Geheimniß
Kennt es ja selber nicht. – Hört mich jetzt an!
Die, die auf Jacopo sich stürzen, haben's
Auf seinen Vater gleichfalls abgesehn.
Doch rettete des Vaters Untergang,
Glaubt mir, noch nicht den Sohn. Sie streben auf
Verschiednem Weg dem gleichen Ziele zu,
Und dieses Ziel – doch haben sie's noch nicht
Erreicht.

Marina. Doch Euch zermalmt.

Doge. Auch das noch nicht,
So lang' ich leb'.

Marina. Und Euer Sohn? Wie lang'
Wird er noch leben?

Doge. Er? – Trotz Allem, was
Geschehn, hoff' ich, so viele Jahre noch
Wie ich, sein Vater, that, und glücklicher.
Der Unbesonnene! voll Ungeduld
Und weib'scher Sehnsucht, wieder heimzukehren,
Hat durch den Brief er Alles sich verderbt:
Ein Hauptverbrechen, das der Vater nicht,
Der Doge nicht abschwächen, läugnen kann!
Hätt' nur ein wenig, wenig länger er
Sein candiotisches Exil ertragen,
So hätt' ich Hoffnung; doch er hat sie selbst
Zerstört. Jetzt muß er doch zurück. –

Marina. In das
Exil?

Doge. So sagte ich.

Marina. Und darf ich jetzt
Nicht mit ihm gehn?

Doge. Ihr wisset wohl, daß Euch
Der Rath der Zehn die Bitte zwei Mal schon
Versagt. Dies dritte Mal wird schwerlich sie
Gewährt, da neue Fehler Eures Mannes
Die strengen. Herren strenger noch gemacht.

Marina. Streng? Sagt barbarisch! Diese alten Teufel
In Menschenform, mit einem Fuß im Grab,
Mit trübem Aug', das nur die Thräne kennt
Des ekeln Greisenthums, mit spärlichem,
Ergrautem Haar, mit Händen, die schon zittern,
Mit stumpfem Kopfe und mit hartem Herzen
Berathen, spinnen Ränke, löschen Leben,
Als ob das Leben mehr nicht wär', denn ihr
Längst in verfluchter Brust erloschenes
Gefühl –

Doge. Ihr wißt nicht –

Marina. O ich weiß, ich weiß!
Und Ihr auch solltet, wie mich dünkt, es wissen,
Daß Teufel sie! Wie könnten Menschen denn,
Die von dem Weib geboren und gesäugt,
Die einst geliebt, von Liebe doch geschwatzt,
Die zu geweihtem Band die Hand gereicht,
Die ihre Kleinen auf dem Schooß gewiegt,
Vielleicht in Schmerzen, in Gefahr und Tod
Sich über sie gehärmt, die Menschen sind,
Die's scheinen wenigstens, so thun wie an
Den Euern sie gethan, und Ihr, Ihr selbst,
Ihr, der Ihr sie noch treibt –

Doge. Ich kann Euch das
Verzeihn: Ihr wißt nicht, was Ihr sagt.

Marina. Ihr wißt
Es wohl, und fühlt doch nichts.

Doge. Ich hab' so viel
Erlebt, daß mich ein Wort nicht mehr berührt.

Marina. Wer zweifelt dran? Ihr saht ja, wie das Blut
Von Eurem Sohne floß und Euer Fleisch
Hat nicht gezuckt. Was ist nach solchem Stück
Noch eines Weibes Wort? Euch greift es mehr
Nicht an, als Weiberthränen könnten!

Doge. Weib!
Ich sage dir, dein schreiend lauter Schmerz
Heißt nichts, wenn in die Wage ich ihn leg'
Mit dem – doch ich bedaure dich, du Arme!

Marina. Bedaure meinen Gatten! ich brauch's nicht.
Bedaure deinen Sohn! – Wie? du bedauern?
Dies Wort ist deinem Herzen fremd, wie kam's
Auf deiner Lippen Rand?

Doge. Ich muß, so sehr
Mir Unrecht dieser Vorwurf thut, ihn tragen.
Doch läsest du –

Marina. Doch nicht auf deiner Stirne?
In deinem Aug', in deiner That? Wo soll,
Wo werd' dies Mitgefühl ich lesen?

Doge (deutet abwärts). Hier.

Marina. Wie? in der Erd'?

Doge. In die mich's zieht. Wenn sie
Auf diesem Herzen liegt und leichter liegt,
Läg' selbst ein Marmor drauf, als das, was jetzt
Es drückt, wirst besser du mich kennen lernen.

Marina. Bist meines Mitleids wirklich du so werth?

Doge. Des Mitleids? Keiner brauche je dies Wort,
Das schändliche, womit die Menschen nur
Der Seele üppigen Triumph bemänteln,
Um meinem Namen frech es anzupassen!
Der Name, soll, insoweit ich ihn trug,
Auch so verbleiben, wie ich ihn empfing.

Marina. Wenn nicht die armen Kinder Dessen wären,
Den du nicht retten kannst, vielleicht nicht willst,
Wärst du der letzte, der ihn trägt.

Doge. Ich wollt',
Es wäre so! Ihm wäre besser, wenn
Er nie geboren war', auch mir wär' besser.
Ich sah mein Haus entehrt.

Marina. Das ist nicht wahr!
Ein wahrer, edler, zuverläss'ger Herz,
Das mehr für Lieb' empfand und Treu', schlug nie
In einer Menschenbrust! Ich möchte den
Verbannten und verstümmelten Gemahl,
Der unterdrückt zwar, doch entehrt nicht ist,
Den arg zertretenen, lebendig oder todt,
Nicht gegen irgend welchen Herrn und Ritter
Der Fabel tauschen oder der Geschichte
Und kämpfte eine Welt für seine Sache.
Entehrt? – Er und entehrt! Ich sag' dir, Doge,
Venedig ist entehrt! Sein Name wird
Venedigs schlimmster Vorwurf sein, doch nicht
Ob seines Thuns, o nein! ob seines Leidens.
Ihr seid Tyrannen, seid Verräther! Ihr!
Wenn Euer Land Ihr liebtet, wie dies Opfer,
Das lieber zur Tortur in Ketten schwankt,
Das lieber Alles wagt, als im Exil
Zu sein, Ihr würfet Euch vor ihm zu Boden
Und bätet ihn für Eure große Schuld
Um Gnad'.

Doge. Ja, wahrlich, Alles war er, was
Ihr sagt; und leichter selbst ertrug den Tod
Von zweien Söhnen ich, die Gott mir nahm,
Als Jacop's Schimpf.

Marina. Schon wieder dieses Wort!

Doge. Ward er denn nicht verdammt?

Marina. Und wird nur Schuld
Verdammt?

Doge. Die Zeit mag sein Gedächtniß säubern
Von jedem Makel, hoffen möcht' ich es!
Er war mein Stolz, – doch das ist jetzt umsonst.
Kein Mann der Thränen war ich je, doch weinte
Vor Glück ich damals, als er ward geboren.
Von böser Vorbedeutung war dies Naß.

Marina. Unschuldig ist er, sag' ich Euch! Und wär'
Er es auch nicht, darf unser Blut und Haus
In solchen bösen Augenblicken von
Sich selbst zurück sich ziehn?

Doge. Ich zieh' mich nicht
Von ihm zurück; doch Hab' ich andre Pflichten
Als die des Vaters noch. Der Staat hat mich
Entheben dieser Pflichten nicht gewollt;
Zwei Mal bat ich darum, doch ward es mir
Versagt. So muß ich sie erfüllen denn!
Ein Diener tritt auf.

Diener. Botschaft vom Rath der Zehn.

Doge. Wer ist der Bringer?

Diener. Der edle Loredano.

Doge. Er?! – Doch laß
Ihn ein. (Diener ab.)

Marina. Soll ich zurück mich ziehn?,

Doge. Vielleicht
Nicht nöthig ist's, wenn's Euern Mann betrifft,
Wo aber, so – (Loredano tritt ein.)
Nun Euer Wunsch, Signor?

Loredano. Ich bringe den der Zehn.

Doge. Sie haben den
Gesandten gut gewählt.

Loredano. 'S ist ihre Wahl,
Die mich hieher geführt.

Doge. Sie macht der Weisheit
Der Räthe alle Ehr', nicht minder auch
Der Artigkeit. – Macht fort!

Loredano. Wir haben jetzt
Beschlossen –

Doge. Wir?

Loredano. Der Rath der Zehen.

Doge. Wie?
Sie haben wieder sich versammelt, ohn'
Es mir nur kund zu thun?

Loredano. Weil Euer Herz
Sie schonen wollten, Hoheit! Euer Alter.

Doge. Das ist mir neu! Wann schonten beide sie?
Doch danke gleichwol ihnen ich dafür.

Loredano. Ihr wißt es wohl, sie haben ja das Recht,
Beliebig vorzugehn, ob nun der Doge
Anwesend ist, ob nicht.

Doge. Es ist schon lang',
Daß ich das weiß, lang' eh' ich Doge ward,
Ja, eh' ich nur von solcher Ehre trimmte.
Ihr braucht mich drum nicht zu belehren, Herr!
Als Ihr noch Jüngling wart, saß ich bereits
In diesem Rath.

Loredano. Zu meines Vaters Zeit,
Jawol! Ich hörte ihn und seinen Bruder,
Den Admiral, gar oft das Gleiche sagen.
Ihr werdet ihrer Euch erinnern, Hoheit?
Sie starben beide schnell.

Doge. Und wenn's so war,
War's besser schnell zu sterben, als in Qual
So hin zu leben.

Loredano. Wohl! Doch ist den Meisten
Ihr Leben auszuleben lieber noch.

Doge. Und thaten sie es nicht?

Loredano. Das weiß das Grab.
Sie starben plötzlich, wie gesagt.

Doge. Ist das
So seltsam, daß das Wort mit Pathos Ihr
Mir wiederholt?

Loredano. So wenig seltsam, daß
Nach meiner Ansicht nie natürlicher
Ein Tod als ihrer war. Meint Ihr nicht auch?

Doge. Was soll von eines Menschen Tod ich denken?

Loredano. Daß einen Todfeind er vielleicht gehabt.

Doge. O ich versteh' Euch! Euer Vater war
Der meinige, und Ihr habt ihn beerbt.

Loredano. Ihr wißt am besten, ob ich Grund dazu
Gehabt.

Doge. Ich weiß es: Eure Ahnen waren
Mir feind; ich hörte häßliche Gerüchte,
Auch las ich ihre Grabschrift, die ihr Sterben
Dem Gift zuschreibt. Dies ist vielleicht so wahr
Wie Epitaphe meistens sind und drum
Auch grad' so fabelhaft.

Loredano. Wer wagt dies zu
Behaupten?

Doge. Ich! – Wol waren Eure Ahnen
So bittre Feinde mir, als nur ihr Sohn
Sein kann, und ich war ihnen gleichfalls Feind.
Doch war ich's offen stets und habe nie
Im Rathe still gewühlt, noch Ränke in
Der Republik gesponnen, noch geheim
Durch Stahl und Tränklein je bedroht ein Leben.
Beweis davon ist Eure Existenz.

Loredano. Ich fürchte nichts.

Doge. Ihr habt auch keinen Grund
Bei einem Mann wie mir; doch wär' ich Der,
Für den Ihr haltet mich, Ihr wäret längst
Enthoben dem Gefühl der Furcht. Haßt nur
So fort, mich kümmert's nicht.

Loredano. Ich wußte nicht.
Daß eines Edeln Leben in Venedig
Des Dogen Zorn zu fürchten hat, das heißt,
Auf offnem Weg.

Doge. Mein lieber Herr, ich bin –
War wenigstens – mehr als ein bloser Doge
Nach Blut, nach Geist und Macht. Das wissen Die
Recht wohl, die mich zu wählen einst gebangt
Und die seitdem mit allem Fleiß gestrebt
Zu Boden mich zu ziehn. Glaubt mir, wenn vor –
Wenn seit – der Zeit ich Euch so hoch geschätzt,
Daß mir an Eurer Abfahrt viel gelegen,
So hätt' ein Wort von mir dienstbare Geister
Genug in Gang gebracht, um Euch hinweg
Zu wehn. Jedoch in allen Dingen hab'
Die strengste Rücksicht ich gehegt; nicht nur
Der Satzung halb, denn die habt ihr (und ich
Verstehe unter »ihr« die Vielen, die
Ihr mir vor Augen ruft) nicht wenig über
Das Ziel hinausgedehnt, das ich, wenn ich
Geneigt zum Hadern wär', als mein Gebiet
In Anspruch nehmen könnt'. Doch wie gesagt,
Mit Ehrerbietung, wie der Priester sie
Entgegen seinem Hochaltare trägt,
Hab' ich auf Kosten meines Blutes selbst
Und meiner Ruh' und Sicherheit und Alles,
Nur meiner Ehre nicht, die Satzungen,
Das Wohl, den Stolz, das Heil des Staats gewahrt. –
Und nun zu Eurem Auftrag, Herr!

Loredano. Es ward
Beschlossen, daß nicht fortgefahren mehr
Mit Foltern werde, noch mit dem Verhör,
Das nur beweist, wie sehr verstockt die Schuld
(Die Zehn sehn ab vom strengeren Gesetz,
Das Folter vorschreibt, bis daß Alles ist
Bekannt, da eingestanden ja zum Theil
Der Schuld'ge sein Vergehn und nicht geläugnet,
Daß er den Brief an Mailands Herzog schrieb),
Daß Jacob Foscari vielmehr in das Exil
Und in der nämlichen Galeere zwar,
Die ihn hierher getragen, kehren soll.

Marina. Nun Gott sei Dank! So wird er doch nicht mehr
Vor jenes schreckliche Gericht gestellt.
Ich wollt', er dächte so wie ich: daß es
Der beste Spruch, den nicht nur er, nein! Jeder,
Der hier zu Hause, wünschen könnte, – sei,
Aus solchem Lande eilig fortzukommen.

Doge. Das heiß' ich nicht als Venezianerin
Gedacht, mein Kind.

Marina. Nein, weil's zu menschlich ist.
Darf sein Exil ich theilen?

Loredano. Davon sagten
Die Zehn mir nichts.

Marina. Das dachte ich mir wohl,
Zu menschlich auch wär' das. Doch auch verboten
Ward's nicht?

Loredano. Es war die Rede nicht davon.

Marina. Dann, Vater, könnt gewiß Ihr diese Gunst
Für mich erlangen oder selbst gewähren.
(Zu Loredano). Ihr aber, Herr, wollt meiner Bitte nicht
Entgegen sein, daß meinen Gatten ich
Begleiten darf.

Doge. Versuchen will ich's wol.

Marina. Und Ihr, Signor?

Loredano. Signora, vorzugreifen
Des Raths Vergnügen ziemt sich nicht für mich.

Marina. Wie? Dem Vergnügen? Solch ein Wort für die
Beschlüsse dieser –

Doge. Tochter! weißt du wol,
In wessen Gegenwart du Solches sagst?

Marina. In meines Herrn und seines Unterthans.

Loredano. Was? Unterthans!

Marina. Oho! das ärgert Euch?
Ihr haltet Euch für seines Gleichen wol?
Allein, das seid Ihr nicht, und wärt es nicht,
Wenn er ein Bauer wär'. Nun gut, auch Ihr
Seid Fürst, ein fürstengleicher Edelmann,
Signor! Was bin dann ich?

Loredano. Der Sprößling ebenfalls
Von einem edeln Haus.

Marina. Und anvermählt.
Gleich edlem Herrn. Weß Gegenwart somit
Verböte mir, mich frei hier auszusprechen?

Loredano. Die Gegenwart des Richters Eures Gatten.

Doge. So wie die Rücksicht, die Ihr schuldig seid
Auch dem geringsten Wort, das aus dem Mund
Der Männer kommt, die in Venedig herrschen.

Marina. Spart diese Lehre nur für eure Hasen,
Die Handwerksleute, Krämer, Dalmatiner,
Die Griechensklaven, die Tribut euch zahlen,
Die stumpfen Bürger und maskirten Edeln,
Für die Spione und Galeerensklaven,
In deren Augen das Verschwindenlassen
Um Mitternacht, und die Ertränkungen,
Die finstern Kerker neben Glanzpalästen,
Ja unterm stummen Wasserspiegel selbst,
Die heimlichen Beratungen, die Sprüche,
Die Niemand kennt, die schnellen Hinrichtungen,
Die Seufzerbrücke, die Erdross'lungszimmer
Und euer Folterzeug zu Wesen euch
Aus einer andern schlechtern Welt gemacht.
Spart sie für diese! Denn ich fürcht' euch nicht.
Ich kenne euch, hab' euer Schlimmstes ja
In diesem mehr als höllischen Prozeß,
Den meinem armen Mann ihr angehängt,
Erkannt, erprobt! Verfahrt mit mir, wie ihr
Mit ihm verfahren seid; ihr thatet's schon,
Indem ihr ihn mißhandeltet. Was hab'
Zu fürchten ich von euch, selbst wenn ich wär'
Von ängstlicher Natur, was, wie ich glaub',
Ich doch nicht bin?!

Doge. Ihr hört's: sie spricht verwirrt.

Marina. Nicht klug, doch nicht verwirrt.

Loredano. Signora! Worte,
Die innerhalb der Wände fallen, trag'
Ich weiter nicht als bis zu jener Schwelle;
Die ausgenommen, die im Dienst des Staats
Des Dogen Hoheit tauschet hier mit mir.
Habt eine Antwort Ihr für mich, Herr Doge?

Doge. Der Doge ja, vielleicht der Vater auch.

Loredano. Nur an den Dogen lautet mein Geschäft.

Doge. Dann sagt: der Doge werde seinen Sendling
Sich selbst aussuchen oder in Person
Dem Rath eröffnen, was ihm ziemlich schein'.
Und was den Vater an –

Loredano. Ich denk' des meinen!
Lebt wohl! Ich küsse der erlauchten Frau
Die Hand und neige vor dem Dogen mich. (Loredano ab.)

Marina. Seid Ihr zufrieden nun?

Doge. Ich bin, wie Ihr
Mich seht.

Marina. Und das ist ein Mysterium.

Doge. Und das sind ja dem Menschen alle Dinge!
Wer liest in ihnen, außer Der sie schuf?
Die wen'gen Geister, jene hochbegabten,
Die es verstehn, und die das ekle Buch,
Den Menschen, lang studirt, und durchgespäht
Die schwarzen blut'gen Blätter: Herz und Hirn,
Sie lernen eine Zaubersprache nur,
Die auf den Weisen, der sie ausgespürt,
Rückwirkend fällt; denn jeden Fehl, den wir
An Andern finden, haben wir ja selbst
Und unser ganzer Vorzug ist nur Sache
Des Glücks: Glückssache ist Geburt und Reichthum,
Gesundheit, Leibesreiz. Drum sollten wir,
Wenn wir auf unser Schicksal schmähn, bedenken,
Daß uns das Schicksal nichts kann nehmen als
Was es uns gab, das Uebrige war Blöße
Und böse Lust und Gier und Eitelkeit,
Das allgemeine Erbtheil nur, womit
So gut es geht, wir uns verkämpfen müssen,
Und das in niedrem Stand am wenigsten
Uns drückt, wo Hunger jeden Trieb verschlingt
Und an dies schmähliche Bedürfniß bindet,
Und wo das uranfängliche Gebot:
»Im Schweiße deines Angesichts sollst du
Dein Brod verzehren« jede Leidenschaft
Fern hält und nur die Furcht vor Hunger kennt.
Gemein und falsch und hohl ist Alles doch
Vom ersten bis zum letzten Staub: die Urne
Des Fürsten wie des Töpfers schwächst Gefäß.
Auf Menschenhauch beruht auch unser Ruf,
Auf weniger als Hauch noch, unser Leben,
Nach Tagen zählet seine Dauer nur,
Die Tage selbst nach kurzen Augenblicken;
Auf Etwas gründet unser ganzes Sein,
Das wir nicht sind. So sind wir Sklaven nur,
Die Höchsten sind es wie die Niedrigsten,
Und nichts bestimmt nach unsrem Willen sich:
Ein Strohhalm bald und bald ein Sturm regiert
Den Willen selbst. Und wenn wir eitel wähnen,
Wir führen Andre, werden wir geführt
Und stets zum Tod, der ebenso wie die
Geburt ganz ohne unsre Stimme kommt
Und Wahl, so daß es ist, als ob wir schon
In einer andern frühern Welt gefehlt
Und dies die Hölle sei. Das Beste ist,
Daß sie nicht ewig währt.

Marina. Es sind dies Dinge,
Die wir auf Erden nicht beurtheln können.

Doge. Wie sollen wir einander dann beurtheln,
Die wir von Erde Alle sind? und ich,
Der ich berufen bin, den Sohn zu urtheiln!!
Ich hab' mein Land getreu, ja ruhmreich selbst
Regiert, ich weise auf die Probe hin:
Die Karte dessen, was es war und ist;
Ich habe unter meinem Regiment
Das Reich verdoppelt, und zum Lohn dafür
Hat nun Venedigs Dank mich isolirt.

Marina. Und Foscari? Mir ist dies Alles gleich,
Wenn nur bei Ihm ich bleiben darf.

Doge. Ihr sollt's.
Das werden sie mir doch nicht weigern können.

Marina. Und wenn sie's thun, so flieh' ich weg mit ihm.

Doge. Das darf nicht sein! Wohin auch wollt'st du fliehn?

Marina. Das weiß ich nicht; es kümmert mich auch nicht:
Nach Syrien, Aegypten, zu den Türken!
Kurz irgend hin, wo frei wir athmen können,
Wo wir nicht leben unter Späheraugen
Und dieser Staatsinquisition entgehn.

Doge. Du möchtest einen Renegaten zum
Gemahl, und zum Verräther ihn verwandeln?

Marina. Er ist es nicht! Der Staat ist der Verräther,
Der seine Besten, Treuesten aus sich
Verstößt; und Tyrannei ist gründlichster
Verrath. Glaubst du etwa, ein Unterthan
Nur sei Rebell? Der Fürst, der seine Pflicht
Versäumt, der sie verletzt, dünkt schlechter mir
Als selbst ein Räuberchef.

Doge. Ich könnte nicht
Auf mich solch einen Treubruch nehmen.

Marina. Nein,
Du dienst, gehorchst Gesetzen, gegen die
Des Drako selbst ein Gnadenstrafbuch sind.

Doge. Ich fand sie vor, ich machte sie nicht erst.
Wär' ich ein Unterthan, ich fände wol
Noch Theile aus, die der Verbess'rung fähig.
Doch als ein Fürst möcht' meinem Haus zu Lieb'
Ich niemals ändern, was von unsern Vätern
Auf uns gekommen als Statut.

Marina. War dies
Zu ihrer Kinder Elend denn gemacht?

Doge. Mit solcher Satzung hob Venedig sich
Zu dem, was jetzt es ist, zu einem Staat,
Der an Betrieb, an Dauer und an Macht,
Ja selbst an Ruhm (denn Römergeister selbst
Erzeugten wir!) mit Allem buhlen kann,
Was die Geschichte uns von Rom und von
Carthago's bester Zeit bewahrt, als noch
Ihr Volk geleitet wurde von Senaten.

Marina. Sagt lieber: seufzte unter Oligarchen.

Doge. Vielleicht! Doch unterjochten sie die Welt!
In solchem Staate muß der Einzelne,
Sei ihm der höchste Rang auch zuerkannt,
Sei er der Niedrigste, ganz ohne Namen,
Gleichmäßig nichts sein, wenn die Politik,
Die rücksichtslos nach Einem Ziele strebt,
Erhalten werden soll in Kraft.

Marina. Das heißt,
Daß Ihr mehr Doge stets als Vater wart.

Doge. Das heißt, daß ich mehr Bürger bin als Beides;
Und hätten wir nicht seit Jahrhunderten
Von solchen Bürgern Tausende gehabt,
Wie wir, ich hoff's, auch künftig haben werden,
So wär' Venedig keine Weltstadt worden.

Marina. Verflucht sei solche Weltstadt, deren Satzung
Die der Natur zertritt!

Doge. Und hätt' ich so
Viel Söhne als ich Jahre hab', ich hätte
Sie alle dargebracht, nicht ohne es
Zu fühlen, doch ich hätt' sie dargebracht
Dem Dienst des Staats, um dessen Wunsch zur See,
Im Feld zu kommen nach, ja wenn's sein müßt',
Wie leider es gewesen, gäb' ich sie,
Auch dem Exil, den Ketten – Schlimm'rem hin,
Sobald's der Staat erheischt.

Marina. Und solches Thun
Wär' Lieb' zum Vaterland? Mir scheint es nur
Die ärgste Barbarei. Besuchen will
Ich meinen Gatten nun. Die weisen Zehn
Befehden wol trotz aller Eifersucht
Ein schwaches Weib nicht so, um 'nen Moment
In seinen Kerker mich nicht einzulassen.

Doge. Ich will es auf mich nehmen zu befehlen,
Daß man Euch einläßt.

Marina. Was soll Foscari
Von seinem Vater aus ich sagen?

Doge. Sagt,
Daß er gehorche dem Gesetz.

Marina. Sonst nichts?
Wollt Ihr ihn nicht mehr sehen, eh' er geht?
Es könnte leicht zum letzten Male sein.

Doge. Zum letzten Mal! – Mein Sohn! Zum letzten Mal
Noch schaun mein letztes Kind! Sag' ihm, ich komme. (Beide ab.)

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