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Gutenberg > George Gordon Noël Byron >

Die beiden Foscari

George Gordon Noël Byron: Die beiden Foscari - Kapitel 3
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typedrama
authorGeorge Byron
titleDie beiden Foscari
publisherVerlag von Phillip Reclam jun.
seriesLord Byrons sämtliche Werke
volumeDritter Band
translatorAdolf Seubert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erster Act.

Erster Auftritt

Saal im Dogenpalast.

Loredano und Barbarigo treten von verschiedenen Seiten herein.

Loredano Wie ist's mit dem Gefangenen?

Barbarigo. Er ruht
Vom Foltern aus.

Loredano. Die Stunde ist vorüber,
Die gestern wurde festgesetzt für des
Verhörs Erneuerung. Wir wollen in
Den Rath und auf den Wiedervorruf drängen.

Bardarigo. Nein! Laßt ihm einige Minuten noch,
Daß die verrenkten Glieder er erhole.
Er wurde durch die Folter gestern zu
Sehr angestrengt und kann uns bleiben, wenn
Man jetzt schon wieder mit beginnt.

Loredano. Und dann?

Bardarigo. Ich gebe Euch nicht nach an Liebe zur
Gerechtigkeit, noch auch an Haß auf diese
Ehrgeiz'gen Foscaris, den Vater wie
Den Sohn und ihre ganze böse Rasse;
Doch hat der arme Schelm schon mehr gelitten,
Als auch die härteste Natur erträgt.

Loredano. Und sein Verbrechen dennoch nicht gestanden.

Barbarigo. Vielleicht auch keins verübt. Jedoch gestand
Den Brief er zu, an Mailands Herzog, und
Was er erlitt, sühnt diese Schwachheit halb.

Loredano. Wir wollen sehn.

Barbarigo. Ihr, Loredano, treibt
Den anererbten Haß denn doch zu weit.

Loredano. Wie so, zu weit?

Barbarigo. Bis zur Vernichtung, mein' ich.

Loredano. Wenn sie vernichtet sind, mögt Ihr so sprechen.
Wir wollen in den Rath.

Barbarigo. So wartet doch!
Der Amtsgenossen Zahl ist noch nicht voll;
Noch fehlen zwei, bis wir beginnen können.

Loredano. Wol auch der Doge, der den Vorsitz führt?

Barbarigo. Nein! Der ist stets mit mehr als Römerstärke
Der Erste im Kollegium des Processes,
Der seinen letzten, einz'gen Sohn betrifft.

Loredano. Des letzten, ja!

Barbarigo. Und rührt Euch nichts?

Loredano. Meint Ihr,
Er fühl's?

Barbarigo. Er zeigt es nicht.

Loredano. Das hab' ich wohl
Bemerkt – der alte Hund!

Barbarigo. Doch hörte ich,
Daß gestern er, als er zurückgekehrt
Nach seiner Wohnung, auf der Schwelle noch
In Ohnmacht sank, der arme, alte Mann!

Loredano. So fängt es doch zu wirken an?

Barbarigo. Das Werk
Ist Eures halb.

Loredano. Und sollte ganz es sein.
Mein Vater und mein Oheim sind nicht mehr.

Barbarigo. Ich las ihr Epitaph, das sagt, daß sie,
Gestorben sei'n an Gift.

Loredano. Der Doge sprach's
Einst aus: er werde nie als Herrscher hier
Gedeihn, bis todt sei Peter Loredano.
Da wurden beide Brüder plötzlich krank,
Und Herrscher ist er nun.

Barbarigo. Ein unglücksel'ger!

Loredano. Was soll Der sein, der uns zu Waisen macht?

Barbarigo. Doch that der Doge wirklich dies?

Loredano. Er that's.

Barbarigo. Wo ist der sichere Beweis?

Loredano. Wenn ins
Geheim ein Fürst Etwas betreiben will,
Wird uns Beweis und Klage schwer gemacht,
Doch hab' ich von dem ersteren so viel,
Daß ich der zweiten nicht bedarf.

Barbarigo. Jedoch
Ihr werdet es gesetzlich thun?

Loredano. Mit all
Dem Reste von Gesetz, den er uns ließ.

Barbarigo. Doch derart ist in unsrem Staate das
Gesetz, daß die Genugthuung hier leichter
Als irgendwo errungen wird. – Ist's wahr,
Daß Ihr in Euer Handelsbuch – denn hier
Treibt ja der höchste Adel selbst Geschäfte –
Geschrieben habt: »Der Doge Foscari
Ist mit dem Tod von Vater und von Ohm,
Von Marco und Pietro Loredan
Bei mir in Schuld?«

Loredano. So schrieb ich, ja!

Barbarigo. Und wann
Löscht Ihr die Schuld?

Loredano. Wenn sie bezahlt.

Barbarigo. Und wie?

(Zwei Senatoren gehen über die Bühne nach dem Saal des Raths der Zehen.)

Loredano. Ihr seht, die Zahl ist voll. So folgt mir jetzt. ( Loredano ab.)

Barbarigo ( allein). Dir folgen? Deinem Schreckenspfad bin ich
Schon lang gefolgt, wie eine Woge der,
Die vor ihr hinfegt, folgt und gleich gefräßig
Daß Wreck verschlingt, das kracht im Sturm, wie auch
Die Aermsten, die in dem geborst'nen Rumpf,
Durch dessen Rippen Wellen stürzen, schrein
Doch ach! das Schicksal dieses Sohns und Vaters
Könnt' selbst den Elementen Einhalt thun.
Ich aber muß drauf los wie sie. Ich wollt',
Ich könnt' es so erbarmungslos und blind
Wie sie! – Da kommt er ja! – Schweig' still, mein Herz!
Er ist dein Feind und muß dein Opfer werden.
Willst du für Leute klopfen, die dich fast
Zermalmt?

(Wachen treten mit dem gefangenen Fozcari herein.)

Trabant. Laßt ihn hier ruhn! – Herr! nehmt Euch Zeit.

Jacopo Foscari. Ich dank' dir, Freund. Ich bin sehr schwach.
Doch ziehst
Du Zank dir zu.

Trabant. Ich will's riskiren, Herr!

Jacopo Foscari. Du bist recht gut. Ich fand wol Mitleid schon,
Doch nicht Barmherzigkeit. Dies ist die erste.

Trabant. Und könnte leicht die letzte sein, wenn die,
Die uns regieren, sähn –

Barbarigo ( tritt gegen die Wache vor). Hier sieht es Einer.
Doch fürchte nichts. Ich werde dir nicht Richter
Noch Kläger sein. Zwar ist die Stunde aus,
Doch wart' nur auf den letzten Schlag. Auch ich
Bin von den Zehn, und da ich selbst hier harr'
Des Glockenschlags, rechtfertige ich euch
Durch meine Gegenwart. Sobald der Ruf
Erschallt, gehn wir zusammen hin. – Gebt mir
Auf den Gefangenen wohl Acht.

Jacopo Foscari. Weß Stimme
Ist dies? – Ha, Barbarigo! unser Feind
Und einer meiner Richter!

Barbarigo. Diesen Feind,
– Wenn ich es bin – dir auszugleichen sitzt
Dein Vater unter deinen Richtern.

Jacopo Foscari. Ja,
Er richtet mich.

Barbarigo. Drum halte ein Gesetz
Nicht für zu hart, das solche Nachsicht übt
Und einem Vater eine Stimme gibt
In so gewicht'ger Sache wie das Heil
Des Staats.

Jacopo Foscari. Und seines Sohns. – Es ist mir schwach.
Ich bitt' Euch, laßt mich einen Augenblick
Ans Fenster gehn, das nach dem Wasser sieht,
Um etwas Luft zu schöpfen.

(Ein Officier tritt ein, der Barbarino etwas zuflüstert.)

Barbarigo ( zu der Wache). Laßt ihn hin!
Nicht weiter darf ich mich mit ihm verplaudern;
Ich hab' schon durch das kurze Zwiegespräch
Die Pflicht verletzt, und muß es wieder gut
In dem Gerichtssaal machen. (Barbarino ab.)

(Die Wachen führen Iacopo Foscari an das Fenster.)

Trabant. Hier ist's offen.
Wie ist es Euch?

Jacopo Foscari. Wie einem Knaben. – O
Venedig!

Trabant. Und die Glieder?

Jacopo Foscari. Glieder? Ach
Wie trugen oft sie über diese Flut,
Die blaue, mich, wenn in der Gondel ich
Kanal entlang in kind'scher Wettfahrt flog,
Und wenn maskirt als junger Gondolier
Ich mitten unter heitern Streitgenossen,
Die edel waren wie ich selbst, nun in
Die Wette fuhr im Stolze meiner Kraft,
Indeß der Schönen Menge, adlige
Wie aus dem Volk, mit holdem Lächeln uns,
Mit lautem Wunsch und Wehn des Taschentuchs
Und Händeklatschen bis zum Ziel gespornt!
Wie hab' ich oft mit froh'rem Arme noch
Und kühnrer Brust zertheilt die rauhe Woge,
Mit Schwimmers Schlag die Wellen treibend weg
Von nassen Haar, und das verweg'ne Salz
Von meinen Lippen lachend, die's geküßt,
Wie man ein Weinglas küßt, und auf die Flut
Gehoben mich, wenn sie sich hob, und stolzer
Je höher sie mich hob, und oft wie toll
Mich in des Abgrunds gläsern Grün gestürzt,
Zu Muscheln und zu Seetang tief hinab,
Von denen ungesehn, die oben waren,
Und die drob Furcht ergriff. Dann kehrte ich
Mit einer Handvoll Zeichen als Beweis,
Daß ich die Tiefe abgesucht, zurück,
Und triumphirend that ich einen Schlag,
Der weithin klatschte, holte tief den Athem,
Den ich so lang verhalten, theilte dann
Den Schaum, der um mich schwamm, und schoß dahin
Wie Meeresvögel leicht! – Da war ich Knabe!

Trabant. Seid nun ein Mann. Nie war noch nöthiger
Des Mannes Kraft.

Jacopo Foscari ( aus dem Gitter schauend). Mein schönes, einziges
Venedig! – Das heißt Athmen! Deine Luft,
Die Seeluft deiner Adria, wie fächelt
Mein Antlitz sie! Dein Wind fühlt wie verwandt
Mit meinen Adern sich und kühlet sie
Zur Ruh'. Wie anders war der heiße Wind
Der schrecklichen Cycladensee, der dort
In Candia um meinen Kerker blies
Und mir das Herz so krank gemacht.

Trabant. Ich seh'
Die Farben wieder kehren Eurer Wange.
Der Himmel geb' Euch Stärke, zu ertragen,
Was man noch mehr Euch auferlegen mag.
Ich mag nicht denken dran!

Jacopo Foscart. Sie werden doch
Nicht wieder mich verdammen? Nein! Sie mögen
Mich weiter schrauben! Kräftig bin ich noch.

Trabant. Gesteht, so bleibt die Folter Euch erspart.

Jacopo Foscari. Ach einmal – zweimal früher schon gestand
Ich ja, und sie verbannten mich.

Trabant. Sie werden
Dies dritte Mal Euch tödten.

Jacopo Foscari. Mögen sie's!
So werd' ich in der Heimat doch begraben.
Weit besser, Asche hier als anderswo
Ein lebend Ding.

Trabant. Könnt Ihr so sehr den Boden,
Der Euch doch hasset, lieben?

Jacopo Foscari. Wie? Der Boden?
Nein, 's ist des Bodens Saat, die mich verfolgt.
Doch meine Heimat nimmt mich einst
In ihren Schooß, wie eine Mutter thut.
Mehr will ich nicht als in Venedig hier
Ein Grab, ein Kerkerloch, gleichviel, nur sei
Es hier.

Ein Officier tritt ein.

Officier. Bringt den Gefangenen herein.

Trabant. Ihr hört die Ordre, Herr.

Jacopo Foscari. Ja, ja! Ich bin
An solche Ladungen gewöhnt: es ist
Das dritte Mal, daß sie gefoltert mich.
Leih' mir den Arm. ( Zu dem Trabanten.)

Officier. Nehmt meinen, Herr! Es ist
Ja meine Pflicht, stets nahe Euch zu sein.

Jacopo Foscari. Ihr – Ihr seid Der, der über meine Marter
Die Aufsicht gestern führte – Fort! – Ich geh'
Allein!

Officier. Wie's Euch beliebt, Signor. Ich habe
Das Urtheil nicht gemacht; doch durfte ich
Dem Rath nicht ungehorsam sein, als er.–

Jacopo Foscari. Dich hieß, auf ihre Mordbank mich zu spannen.
Ich bitte dich, berühr' mich nicht – das heißt,
Jetzt nicht! Die Zeit wird kommen, wo sie den
Befehl erneu'n; bis dahin bleibe mir
Vom Leib. Wenn ich auf deine Hände schau',
Gerinnt das Blut mir, meine Glieder zittern
Im Vorgefühl des Renkens; kalte Tropfen
Schwitzt meine Stirn', als ob – – doch weiter nur!
Ich hab's ertragen – kann's noch weiter tragen.
– Wie sieht mein Vater aus?

Officier. Wie jeder Zeit.

Jacapo Foscari. So thut die Erde, thut des Himmels Plan,
Das Blau des Oceans, der Glanz, der Stadt
Und ihrer Dome Pracht, der Lärm des Markts.
Selbst hierher dringt der Leute frohes Summen
Bis in die Säle jener Unbekannten.
Die herrschen hier, bis zu den Unbekannten,
Unzähligen, die man hier still verdammt,
Vertilgt. – Ja, Alles sieht so aus wie sonst,
Mein Vater selbst! Mit Foscari fühlt Niemand,
Selbst nicht ein Foscari. – Ich folge Euch.

(Jacopo Foscari, Officier und Wachen ab.)

Memmo und ein anderer Senator treten auf.

Memmo. Er ist schon fort, so kamen wir zu spät.
Glaubt Ihr, die Zehen sitzen heute lang?

Senator. Sie sagen, der Gefangene sei sehr
Verstockt und bleibe fest bei dem, was er
Zuerst gestand. Mehr weiß ich nicht.

Memmo. Das ist
Schon viel. Man birgt ja die Geheimnisse
Des Schreckensaals so gut vor uns, die doch
Die ersten Nobili des Staats, wie vor
Dem Volk.

Senator. Wir hören die Gerüchte nur,
Wie Geistersagen, die man mit Ruinen
Verknüpft, und die man niemals recht beweist
Und doch, auch nie ganz Lügen straft. Man weiß
So wenig davon, was im Staat geschieht,
Als von des Grabes unenthüllten Tiefen.

Memmo. Doch mit der Zeit gewinnen einen Schritt
Im Wissen wir, und ich erwarte einst
Auch Einer von den Zehn zu sein.

Senator. Wo nicht
Gar Doge?

Memmo. Nein! Wenn ich's vermeiden kann.

Senator. Doch ist's des Staates erster Rang, und kann
Gesetzlich wol erstrebt, gesetzlich auch
Erreicht von Edeln werden, die drum werben.

Memmo. Und solchen überlaß ich's gern. Wenn auch
Geborner Edler bleibt mein Ehrgeiz doch
Beschränkt. Ich möchte lieber nur ein Theil
Des festen, königlichen Zehners sein
Als jener Einer, wenn er auch von Gold.
– Wer kommt denn da? – Die Frau des Foscari!

Marina mit weiblicher Begleitung tritt auf.

Marina. Wie? Keiner hier? – Doch nein! Da sind noch Zwei.
Doch sind es Senatoren.

Memmo. Edle Dame,
Gebietet über uns.

Marina. Gebieten? ich?
Mein ganzes Leben war nur eine Bitte,
Und eine – die vergeblich war!

Memmo. Verstehn
Kann ich Euch wohl, doch Euch nicht Antwort geben.

Marina ( heftig). Ja, Niemand darf hier Antwort geben als
Gefolterte, und Niemand fragen als
Die –

Memmo ( unterbricht sie). Hochgeborne Frau! Bedenke, wo
Du bist.

Marina. Wo bin ich denn? In dem Palast
Des Vaters meines Manns.

Memmo. Im Schloß des Dogen.

Marina. Und Kerker seines Sohns! O ich vergaß
Es nicht! Und wenn nicht frische, bittere
Erinn'rung mich gemahnt, wär' dankbar dem
Erlauchten Memmo ich, daß auf die Wonnen
Des Orts er mich verwies.

Memmo. Beruhigt Euch!

Marina ( sieht zum Himmel). Ich thu's. Doch du – o ew'ger Gott! – kannst du
Noch dulden solche Welt?

Memmo. Dein Gatte kann
Noch freigesprochen werden.

Marina. Ja im Himmel,
Da ist er's schon! – Ich bitt' Euch, Herr Senator,
Sprecht nicht davon. Ihr seid ein Mann des Amts,
Der Doge auch. Ihm steht der Sohn jetzt auf
Dem Spiel, der Gatte mir – wenn er noch lebt!
Da drinnen sehn sie oder sahen sich
Vor einer Stunde erst noch Aug' in Aug'
Als Richter und als Angeklagter. – Wird
Er ihn verdammen? Sprecht!

Memmo. Ich glaube nicht.

Marina. Doch wenn er's nicht thut, gibt es Leute hier,
Die Beide richten werden.

Memmo. Ja, sie können's.

Marina. Und Macht und Wille ist bei ihnen gleich
An Schlechtigkeit. – Mein Gatte ist verloren!

Memmo. Noch nicht. Recht richtet in Venedig nur.

Marina. Wär's so, bestand' Venedig nicht. Doch mag's
Bestehn, wofern der Gute dann erst stirbt,
Wenn ihm die Stund' schlägt der Natur; doch schneller
Schlägt die der Zehn und ihr zu folgen ist
Uns Pflicht. – O weh'! Ein Schmerzenslaut!

(Ein schwacher Schrei innen.)

Senator. Horch!

Memmo. 'S war
Ein Schrei!

Marina. Nein, nein! von meinem Gatten nicht!
Nicht Foscari's!

Memmo. Die Stimme kam mir –

Marina. Nein!
Er war es nicht! Er schrein! Sein Vater müßt'
Das thun! nicht er! nicht er! – Stumm wird er sterben.

(Wiederholtes schwaches Stöhnen innen.)

Memmo. Schon wieder –

Marina. Seine Stimme? – Ja, so scheint's,
Doch glaub' ich's nicht. Und sollt' er schaudern auch,
So kann ich doch zu lieben ihn nicht lassen.
Doch nein! – es muß ein fürchterlicher Schmerz
Gewesen sein, der einen Seufzer ihm
Entriß.

Senator. Da du für den Gemahl so fühlst,
Warum willst du, daß übermenschlich Weh
Er schweigend trag'?

Marina. Wir haben unsre Qual
Zu tragen all'. Ich ließ das große Haus
Der Foscari nicht menschenleer und öd,
Vernichten sie auch gleich den Dogen jetzt
Und seinen Sohn. Und minder litt ich nicht,
Da Denen ich, die aus sie folgen werden,
Das Leben gab, als sie, wenn sie's verlassen.
Zwar freudig war mein Schmerz, doch packte er
So heftig mich, daß ich hätt schreien mögen,
Doch that ich's nicht, denn meine Hoffnung war,
Daß Helden ich gebär', und wollte nicht
Mit Thränen grüßen sie.

Memmo. Horch! Alles ist
Jetzt still.

Marina. Vielleicht ist Alles nun vorbei.
Doch will ich es nicht glauben; nein! er hat
Sich aufgerafft und trotzt dem Rath.

Ein Officier tritt hastig ein.

Memmo. Was gibt's?
Was sucht Ihr, Freund?

Officier. 'Nen Arzt! In Ohnmacht sank
Der Angeklagte hin. (Officier ab.)

Memmo. Signora! 's wird
Doch besser sein, Ihr ziehet Euch zurück.

Senator ( bietet ihr seinen Beistand an). Ich bitt' Euch, thut's.

Marina. Hinweg! ich will zu ihm!

Memmo. Bedenkt, Signora! Niemand als die Zehn
Und ihre Diener dürfen in den Saal.

Marina. Wohl weiß ich, daß, wer ihn betritt, nicht so
Wie er dort eintrat – Mancher nie mehr – kehrt,
Doch sollen sie den Eintritt mir nicht wehren.

Memmo. Ach, hohe Frau, damit erreicht Ihr nur,
Daß grausam man zurück Euch weist und länger
In Ungewißheit läßt.

Marina. Wer kann mich hemmen?

Memmo. Die, deren Pflicht es ist.

Marina. Ist's ihre Pflicht,
Zu treten auf jed' menschliches Gefühl
Und jedes Band, das Mensch an Menschen kettet.
Dem Teufel selbst es gleich zu thun, der einst
Durch tausend Foltern es vergelten wird.
Ich gehe doch!

Memmo. Unmöglich ist's.

Marina. Das wird
Sich zeigen gleich. Verzweiflung trotzet selbst
Der Tyrannei; es ist etwas in meiner Brust,
Das einen Weg durch einen Wald von Speeren
Mir bahnen könnt'; und glaubt Ihr, ein paar Schergen
Versperrten mir den Pfad? Weg! Laßt mich ein!
Dies ist des Dogen sein Palast; ich bin
Das Weib des Dogensohns, des Dogensohns,
Der schuldlos ist. Das sollen sie jetzt hören!

Memmo. Das wird die Richter mir noch mehr erbittern.

Marina. Was wären das für Richter, wenn sie je
Dem Zorn gefolgt? Wer so thut, ist ein Mörder.
Laßt mich hinein! (Marina ab.)

Senator. Die arme Frau!

Memmo. 'S ist der
Verzweiflung Wahn! Sie lassen sie nicht 'rein.

Senator. Und thun sie's auch, sie rettet nicht den Gatten.

(Der Officier eilt mit einem Arzt über die Bühne.)

Memmo. Ich dachte kaum, daß so viel Mitleid bei
Den Zehn noch sei, daß sie ihm Hilfe holten.

Senator. Mitleid? Ist's Mitleid denn, wenn sie den Armen
Ins Leben wieder rufen, da's ein Glück
Für ihn doch war', wenn in der Ohnmacht, die
Sich sein erbarmt – als letztes Mittel, das
Dem armen Leib noch gegen die Gewalt
Der Schmerzen blieb – zum Tode er entflöh'?

Memmo. Es wundert mich, daß sie nicht gleich ihn richten.

Senator. Das wäre gegen ihre Politik!
Sie wollen, daß er leb', weil er den Tod
Nicht scheut, und ihn verbannen, weil sie wissen,
Daß jedes Land, wo nicht die Heimat ist,
Ihm als ein groß Gefängniß nur, ja selbst
Ein jeder Athemzug in fremder Luft
Als langsam Gift erscheint, das an ihm nagt,
Doch ihn nicht tilgt.

Memmo. Der Schein bestätigt die
Vergehn, doch er gesteht sie nicht.

Senator. Nichts als
Den Brief, den, wie er sagt, an Mailands Herzog
Mit Fleiß er richtete, weil er gewußt,
Er wird' in des Senates Hände fallen
Und nach Venedig wieder dann er selbst
Geführt.

Memmo. Doch als ein Schuldiger.

Senator. Jawol!
Doch nach der Heimat; und das war, wie er
Gesteht, ja Alles, was er wollt'.

Memmo. Man hat
Ihn der Bestechung angeklagt, und das
Ward ihm bewiesen.

Senator. Nicht ganz klar. Auch die
Beschuldigung des Mords fiel durch die Beichte
Des Nicola Erizzo. eh' er starb,
Der eingestand, daß er den letztverstorb'nen
Präses der Zehn erschlug.

Memmo. Warum dann spricht
Man ihn nicht frei?

Senator. Darüber mögen sie
Gott Rechenschaft einst geben! Wohlbekannt
Ist's ja, daß Almoro Donato, wie
Gesagt, aus Rache von Erizzo ward
Erdolcht.

Memmo. Dann muß in diesem seltsamen
Prozeß mehr stecken, als die scheinbaren
Verbrechen des Beklagten uns enthüllen.
Da kommen Zwei der Zehn, gehn wir bei Seite.

(Memmo und der Senator ab.)

Loredano und Barbarigo treten auf.

Barbarigo. Das war zu viel! Glaubt mir, es war nicht recht,
Daß das Verhör gleichwol ward fortgesetzt.

Loredano. So sollte denn die Sitzung aufgehoben
Und die Gerechtigkeit in ihrem Gang
Verhalten werden, weil ein Weib herein
In unsere Berathung brach?

Barbarigo. Nein, nein!
Ihr wißt es wohl, das mein' ich nicht. Ihr saht,
Wie dem Gefang'nen war.

Loredano. Und hatte er
Sich nicht erholt?

Barbarigo. Um bei der leisesten
Erneuerung von Neuem hinzusinken.

Laredano. Man hat es nicht versucht.

Barbarigo. Ihr murrt umsonst.
Des Rathes Mehrheit stimmte gegen Euch.

Loredano. Das dank' ich Euch und diesem kind'schen Dogen.
Durch eure würd'gen Stimmen im Verein
Ward meine todt gemacht.

Bardarigo. Ich bin ein Richter.
Doch muß ich Euch gestehn, daß jener Theil
Den unsrer ernsten Pflicht, der vorschreibt, daß
Gefoltert werde und daß wir das Ding
Mit ansehn sollen, mir den Wunsch erregt –

Loredano. Nun was?

Barbarigo. Daß Ihr zuweilen fühlen möchtet,
Was ich stets fühle.

Loredano. Geht! Ihr seid ein Kind:
Schwach in Empfindung wie auch im Entschluß,
Von jedem Windhauch hin- und herbewegt,
Erschüttert, wenn ein Seufzer trifft das Ohr,
Von einer Thräne gar erweicht, zerschmolzen!
Ein saub'rer Richter für Venedigs Staat,
Ein Staatsmann, würdig der Genoß zu sein
Von meiner Politik!

Barbariga. Er weinte nicht.

Loredano. Er schrie doch zwei Mal laut.

Barbarigo. Ein Heiliger
Hätt' das gethan, selbst mit dem Glorienschein
Vor sich, wenn solch ein Marterwerkzeug ward
An ihm versucht, wie man an jenem that.
Doch flehte er nicht um Barmherzigkeit,
Kein Wort, kein Winseln kam von ihm, nicht um
Zu bitten schrie er zwei Mal so, nein! nur
Aus Schmerz; es folgte drauf kein Flehn.

Laredano. Doch oft
Hat zwischen seinen Zähnen er gemurmelt,
Nur unverständlich blieb's.

Barbarigo. Das hört' ich nicht.
Ihr standet näher bei.

Loredano. Das that ich, ja.

Barbarigo. Zu meinem Staunen auch bedünkte mich,
Als ob gerührt Ihr wäret und zuerst
Nach Hilfe rieft, da er in Ohnmacht sank.

Loredano. Ich glaubte, diese Ohnmacht sei sein letztes.

Barbarigo. Und hast du mir nicht oft gesagt, daß sein
Und seines Vaters Tod dein höchster Wunsch?

Loredano. Doch wenn er schuldlos stürb', das heißt, eh' er
Bekannt die Schuld, würd' man ihn ja bedauern.

Barbarigo. Wie? möchtest du selbst sein Gedächtniß kränken?

Loredano. Und möchtest du, daß sein Vermögen an
Die Kinder falle, wie es muß, wenn er
Unüberwiesen stirbt?

Barbarigo. Krieg auch mit ihnen?

Loredano. Mit seinem ganzen Haus, bis nicht mehr ist
Seins oder meins!

Barbarigo. Und seines bleichen Weibs
Gewalt'ger Schmerz und seines alten Vaters
Zurückgedrängter Jammer, der zwar selten
Durch leises Schaudern nur erkennbar wird,
Durch ein Paar zähe Tropfen, die er bald
Wegwischt in ernster Ruh' – dies rührt Euch nicht? (Loredano ab.)
Wie Foscari in seinem Schmerz ist er:
In seinem Hasse stumm. Der arme Junge
Hat mehr durch dieses Schweigen mich bewegt,
Als ein Geschrei, das noch so laut, gethan.
Erschütternd war der grause Augenblick,
Als sein verstörtes Weib bis in den Saal
Der Sitzung drang und sah, was wir, die wir
Schon lang gewöhnt an solche Scenen sind,
Kaum anzusehn vermocht. Nicht denken darf
Ich dran, sonst streicht dies Mitgefühl
Für unsern Feind sein früher Unrecht aus
Und ich verlier' den Sinn für eine Rache,
Die Loredano sich und mir ersann.
Doch meiner Rachgier wär' ein minder Maß,
Als er erstrebt, genug; drum möchte ich
Zu mild'rer Ansicht seinen Haß bestimmen.
Zwar für den Augenblick hat Foscari
Ein kurzes Stündchen Frist, das auf Ersuchen
Der altern Herrn im Rath ihm ward gewährt,
Die ohne Zweifel seines Weibs Erscheinen
Und seiner Leiden Unmaß so geführt. –
Da kommen sie! Wie schwach und hin! – Ich kann
Nicht schaun dies Jammerbild. Fort, fort! – Vielleicht
Läßt Loredano dennoch sich erbitten. (Barbarigo ab.)

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