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Die Bauern

Honoré de Balzac: Die Bauern - Kapitel 24
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Bauern
publisherGeorg Müller
seriesMenschliche Komödie
volumeSzenen aus dem Landleben
year1925
translatorPaul Hansmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Der Triumph der Besiegten

Im Mai, als die schöne Jahreszeit gekommen war und die Pariser in Les Aigues eingetroffen waren, spielten Monsieur de Troisville, der seine Tochter hergebracht hatte, Blondet, der Abbé Brossette, der General und der Unterpräfekt von Ville-aux-Fayes, der zu Besuch im Schlosse war, die einen Whist, die anderen Schach. Es war elfeinhalb Uhr. Da kam Joseph und sagte seinem Herrn, der schlechte, fortgejagte Arbeiter wolle mit ihm sprechen; er behaupte, daß der General ihm seiner Rechnung nach noch Geld schulde. Er sei, behauptete der Kammerdiener, gänzlich betrunken.

»Es ist gut, ich gehe.«

Und der General begab sich zu dem Rasenplatz einige Schritte vom Schlosse.

»Herr Graf,« sagte der Polizeiagent, »aus den Leuten hier wird man nie etwas herauskriegen; alles, was ich herausgebracht habe, ist, daß man, wenn Sie weiterhin im Lande bleiben und die Bewohner zum Verzicht auf die Gewohnheiten bringen wollten, die Mademoiselle Laguerre unter ihnen hat einreißen lassen, auch Sie mit einigen Flintenkugeln bedenken wird . . . Uebrigens kann ich hier nichts mehr tun, sie mißtrauen mir mehr als Ihren Wächtern.«

Der Graf entlohnte den Spion, er fuhr fort und seine Abreise rechtfertigte den Argwohn der an Michauds Tode Beteiligten.

Als der General zu seiner Familie und seinen Gästen zurück in den Salon kam, sah man auf seinem Gesichte Spuren einer so lebhaften und so tiefen Erregung, daß seine beunruhigte Frau ihn fragte, was er eben gehört habe.

»Liebe Freundin, ich möchte dich nicht erschrecken, und doch ist es gut, wenn du folgendes erfährst: Michauds Ermordung ist ein indirekter Rat, den man uns gibt, das Land zu verlassen! . . .«

»Nie,« sagte Monsieur de Troisville, »würd' ich's verlassen. Solche Schwierigkeiten, doch in anderer Form, hab' ich in der Normandie auch gehabt; ich bin fest geblieben, jetzt geht alles gut.«

»Herr Marquis,« sagte der Unterpräfekt, »die Normandie und Burgund sind zwei sehr verschiedene Länder. Die Früchte des Weinbergs machen das Blut heißer als die des Apfelbaums. Wir kennen die Gesetze und das Prozeßverfahren nicht so gut, und sind rings von Wäldern eingeschlossen; die Industrie hat uns noch nicht gewonnen; wir sind wild . . . Wenn ich dem Herrn Grafen einen Rat zu geben hätte, so wäre es der, seine Besitzung zu verkaufen und in Renten anzulegen; er wird seine Einkünfte verdoppeln und nicht die mindeste Sorge haben. Wenn er das Landleben liebt, mag er in der Umgebung von Paris ein ebenso schönes Schloß wie Les Aigues mit einem mauerumgebenen Park kaufen, den niemand betreten kann, und wird nur Höfe besitzen, die an Leute verpachtet sind, welche im Wagen kommen und ihn mit Banknoten bezahlen. Er wird uns nicht ein einziges Protokoll im Jahre aufnehmen lassen . . . in drei oder vier Stunden kann er kommen und gehen . . . Und Monsieur Blondet und der Herr Marquis werden uns nicht so oft fehlen, Frau Gräfin . . .«

»Ich vor den Bauern zurückweichen, der ich nicht einmal vor der Donau zurückgewichen bin?«

»Ja, aber wo sind Ihre Kürassiere?« fragte Blondet.

»Eine so schöne Besitzung! . . .«

»Sie wird Ihnen heute mehr als zwei Millionen einbringen!«

»Das Schloß allein muß soviel gekostet haben.«

»Eine der schönsten Besitzungen, die es auf zwanzig Meilen in die Runde gibt,« sagte der Unterpräfekt; »doch in der Nachbarschaft von Paris werden Sie etwas Besseres finden!«

»Wieviel Rente hat man mit zwei Millionen?« fragte die Gräfin.

»Heute etwa achtzigtausend Franken,« antwortete Blondet.

»Alles in allem bringt Les Aigues nicht mehr als dreißigtausend Franken ein,« sagte die Gräfin. »Noch dazu haben Sie in diesen Jahren ungeheure Ausgaben gehabt, Sie haben die Wälder mit Gräben umgeben . . .«

»Man bekommt heute,« sagte Blondet, »in der Umgebung von Paris für viermalhunderttausend Franken ein königliches Schloß. Man kauft die Lusthäuser anderer.«

»Ich glaubte, Sie hingen an Les Aigues?« fragte der Graf seine Frau.

»Fühlen Sie denn nicht, daß ich tausendmal mehr an Ihrem Leben hänge?« erwiderte sie. »Im übrigen ist mir seit dem Tode meiner armen Olympe und seit Michauds Ermordung das Land hier verhaßt geworden. Alle Gesichter, denen ich begegne, scheinen mir einen finsteren oder drohenden Ausdruck zu tragen.«

Am folgenden Abend wurde der Unterpräfekt in Monsieur Gaubertins Salon in Ville-aux-Fayes mit folgenden Worten empfangen, die der Bürgermeister zu ihm sagte:

»Nun, Monsieur des Lupeaulx, Sie kommen von Les Aigues?«

»Ja,« antwortete der Unterpräfekt mit leisem Triumph in den Mienen und Mademoiselle Elise einen zärtlichen Blick zuwerfend, »ich fürchte sehr, daß wir den General verlieren werden; er will seine Besitzung verkaufen . . .«

»Monsieur Gaubertin, ich lege Ihnen meinen Pavillon ans Herz . . . ich halte es nicht mehr aus in diesem Lärm und diesem Staub in Ville-aux-Fayes. Wie ein armer Vogel im Käfig wittere ich die Feldluft und den Waldduft von ferne,« sagte Madame Isaure mit ihrer schmachtenden Stimme und mit halb geschlossenen Augen. Dabei legte sie den Kopf auf ihre linke Schulter und drehte nachlässig die langen Ringellocken ihrer blonden Frisur.

»Seien Sie doch vorsichtig, Madame!« erwiderte ihr Gaubertin mit leiser Stimme, »mit Ihren Indiskretionen werd' ich den Pavillon nicht kaufen.«

Dann, sich an den Unterpräfekten wendend: »Man kann also noch immer nicht die Urheber des an der Person des Wächters begangenen Mordes entdecken?«

»Wie es scheint, nein,« antwortete der Unterpräfekt.

»Das wird dem Verkaufe von Les Aigues recht schaden,« erklärte Gaubertin vor allen Leuten.

»Das weiß ich genau, ich würde die Besitzung nicht kaufen. Die Bauern der Gegend sind zu schlecht; selbst zu Mademoiselle Laguerres Zeit stritt ich mich mit ihnen herum, und doch ließ sie sie weiß Gott schalten und walten!«

Gegen Ende Mai deutete nichts darauf hin, daß der General Les Aigues dem Verkaufe zu unterstellen beabsichtige; er war unentschlossen. Eines Abends gegen zehn Uhr kam er auf einer der sechs Alleen, die zum Jagdpavillon führten, aus dem Walde zurück; er hatte seinen Wächter fortgeschickt, als er sich ziemlich nahe beim Schlosse wußte. An der Alleebiegung trat ein mit einer Flinte bewaffneter Mann aus dem Gebüsch.

»General,« sagte er, »es ist nun das dritte Mal, daß Sie vor meiner Büchsenmündung stehen; und zum dritten Male schenke ich Ihnen das Leben . . .«

»Und warum willst du mich töten, Bonnébault,« fragte der Graf, ohne die mindeste Aufregung zu zeigen.

»Meiner Treu! wenn's nicht durch mich geschähe, würd' es durch einen andern sein; und ich, wissen Sie, liebe die Leute, die dem Kaiser gedient haben. Ich kann mich nicht entschließen, Sie wie ein Rebhuhn abzuschießen . . . Fragen Sie mich nicht, ich will nichts sagen . . . Aber Sie haben Feinde, die mächtiger und verschlagener sind als Sie, und die Sie schließlich erdrücken werden. Tausend Taler krieg ich, wenn ich Sie töte, und werde dann Marie Tonsard heiraten.

Nun wohl, schenken Sie mir einige elende Arpents Land und eine schlechte Hütte. Ich werde weiterhin erklären, ich hätte keine Gelegenheit gefunden . . . Sie werden Zeit haben, dies Besitztum zu verkaufen und davon zu gehen . . . Doch beeilen Sie sich. Noch bin ich ein braver Bursche, ein so übles Subjekt ich auch sonst bin; ein anderer könnte Ihnen was Böses tun . . .«

»Und wenn ich dir gebe, worum du mich bittest, wirst du mir dann sagen, wer dir dreitausend Franken versprochen hat?« fragte der General.

»Ich weiß es nicht; und die Person, die mich dazu treibt, liebe ich zu sehr, um sie Ihnen zu nennen. . . . Und dann, wenn Sie auch wüßten, daß es Marie Tonsard ist, so würde Sie das nicht viel weiter bringen. Marie Tonsard wird stumm wie ein Grab sein, und ich, ich würde leugnen, Ihnen was gesagt zu haben . . .«

»Komm morgen zu mir!« sagte der General.

»Das genügt,« erklärte Bonnébault; »wenn man mich ungeschickt finden sollte, würd' ich Sie benachrichtigen.«

Acht Tage nach dieser seltsamen Unterhaltung waren im ganzen Bezirk, im ganzen Kreise und in Paris große Anschläge angeklebt, die den parzellenweisen Verkauf von Les Aigues im Bureau von Meister Corbineau, dem Notar von Soulanges, anzeigten. Alle Parzellen wurden Rigou zugeschlagen und beliefen sich auf die Gesamtsumme von zwei Millionen einmalhundertfünfzigtausend Franken. Anderen Tags ließ Rigou die Namen ändern: Monsieur Gaubertin bekam die Wälder und Rigou und Soudry hatten die Weinberge und die anderen Parzellen. Schloß und Park wurden an die schwarze BandeEine Gesellschaft von ausbeutenden Spekulanten, vergl. Balzacs »Dorfpfarrer«. weiterverkauft, mit Ausnahme des Pavillons und seiner Nebengebäude, die Monsieur Gaubertin sich vorbehielt, um sie seiner sentimentalen und poetischen Lebensgefährtin als Angebinde zu geben.

*

Viele Jahre nach diesen Ereignissen, während des Winters 1837, geriet einer der bemerkenswertesten politischen Schriftsteller dieser Zeit, Émile Blondet, ins äußerste Elend, das er bis dahin unter der Außenseite eines glänzenden und eleganten Lebens verborgen hatte. Er zauderte, einen verzweifelten Entschluß zu fassen, als er sah, daß seine Arbeiten, sein Geist, sein Wissen und seine politischen Kenntnisse ihn zu nichts geführt hatten, als zum Vorteil anderer wie eine Maschine zu arbeiten; als er sah, daß alle Stellen besetzt waren, als er sich am Beginn des reifen Alters angelangt fühlte, ohne Ansehen, ohne Vermögen zu besitzen, und Dummköpfe von der Bourgeoisie an die Stelle der Hofleute und der unfähigen Köpfe der Restauration getreten, und die Regierung sich wieder konstituieren sah, wie sie vor 1830 war. Eines Abends, als er dem Selbstmord, mit dem er so oft gespielt hatte, nahe war und einen letzten Blick auf seine klägliche Existenz warf, die verleumdet, und sehr viel mehr mit Arbeiten als mit jenen Orgien, die man ihm zum Vorwurf machte, überlastet war, sah er im Geiste eine edle und schöne Frauengestalt, wie man eine unversehrt gebliebene, reine Statue inmitten trostlosester Ruinen sieht. Sein Portier überreichte ihm einen schwarzversiegelten Brief, worin ihm die Gräfin von Montcornet den Tod des Generals anzeigte, der wieder in den Dienst zurückgekehrt war und eine Division kommandiert hatte.

Sie war seine Erbin und hatte keine Kinder. Der wiewohl würdige Brief kündigte Blondet an, daß die vierzigjährige Frau, die er, als sie jung war, geliebt hatte, ihm schwesterlich die Hand und ein beträchtliches Vermögen anbot. Vor einigen Tagen hat die Heirat der Gräfin von Montcornet mit dem zum Präfekten ernannten Monsieur Blondet stattgefunden. Um sich in seine Präfektur zu begeben, fuhr er auf der Straße, wo ehemals Les Aigues gestanden hatte, und ließ an der Stelle halten, wo einst die beiden Pavillons waren, da er die Gemeinde Blangy besuchen wollte, die für die beiden Reisenden mit so süßen Erinnerungen verknüpft war. Das Land war nicht wieder zu erkennen. Die geheimnisvollen Wälder, die Parkalleen, alles war niedergelegt worden; das Land glich der Musterkarte eines Schneiders. Als Sieger und Eroberer hatte der Bauer Besitz von dem Gute ergriffen. Es war bereits in mehr als tausend Parzellen geteilt und die Bevölkerung zwischen Blangy und Conches hatte sich verdreifacht. Die Umwandlung des schönen, so gepflegten, einst so wonnevollen Parks in Kulturland hatte den Jagdpavillon, der die Villa, das »Buen-Retiro« der Dame Isaure Gaubertin geworden war, freigelegt. Es war das einzige stehengebliebene Gebäude, das die Landschaft, oder, besser gesagt, die die Landschaft ersetzende Kleinkultur beherrschte. Der Bau glich einem Schlosse, so elend waren die im Umkreise – wie eben Bauern bauen – aufgeführten Häuserchen.

»Das ist der Fortschritt!« rief Émile. »Das ist eine Seite aus Jean-Jacques ›Gesellschaftsvertrag‹! Und ich bin vor die soziale Maschine gespannt, die auf diese Weise funktioniert! . . . Mein Gott! Was wird binnen kurzem aus den Königen werden, was wird bei einer solchen Lage der Dinge in fünfzig Jahren aus den Völkern selber?«

»Du liebst mich, du bist an meiner Seite, ich finde die Gegenwart sehr schön und kümmere mich nicht sehr um eine so ferne Zukunft,« antwortete ihm seine Frau.

»Es lebe die Gegenwart an deiner Seite!« sagte fröhlich der verliebte Blondet, »und zum Teufel mit der Zukunft! . . .«

Dann gab er dem Kutscher ein Zeichen zum Weiterfahren, und während die Pferde sich im Galopp entfernten, nahmen die Jungvermählten den Lauf ihrer Flitterwochen wieder auf.

 

1845

 

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