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Die Bauern

Honoré de Balzac: Die Bauern - Kapitel 23
Quellenangabe
pfad/balzac/bauern/bauern.xml
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Bauern
publisherGeorg Müller
seriesMenschliche Komödie
volumeSzenen aus dem Landleben
year1925
translatorPaul Hansmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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IX

Die Katastrophe

Eines Samstagabends saßen Courte-Cuisse, Bonnébault, Godain, Tonsard, seine Töchter, seine Frau, Vater Fourchon, Vaudoyer und mehrere Tagelöhner beim Abendbrot in der Schenke; der Mond schien und es herrschte Frost, so daß der Boden festgefroren war. Der erste Schnee war weggetaut; daher ließen die Schritte eines Mannes auf dem Felde keine jener Spuren zurück, mittels welcher man in ernsten Fällen schließlich Indizien von Verbrechen herausbekommt.

Sie aßen ein Ragout, das aus Hasen hergestellt worden war, die man mit Schlingen gefangen hatte. Man lachte, man trank; es war der Tag nach der Hochzeit der Godain, die man in ihr Heim bringen mußte. Ihr Haus war nicht weit von dem Courte-Cuisses entfernt. Wenn Rigou einen Arpent Land verkaufte, lag es stets isoliert und in der Nähe des Waldes. Courte-Cuisse und Vaudoyer hatten ihre Büchsen bei sich, um die Neuvermählten heimzugeleiten. Das ganze Land war eingeschlafen, nicht ein Licht zu sehen. Nichts war wach als diese Hochzeit, auf der man nach bestem Können Lärm machte. Da trat die alte Bonnébault ein: alles blickte sie an.

»Die Frau,« sagte sie Tonsard und ihrem Sohn ins Ohr, »will, scheints, niederkommen. Er hat eben sein Pferd gesattelt und will den Doktor Gourdon aus Soulanges holen.«

»Setzt Euch, Mutter,« sagte Tonsard zu ihr, räumte ihr seinen Platz am Tisch ein und legte sich auf eine Bank schlafen.

In dem Moment hörte man den Hufschlag eines galoppierenden Pferdes, das auf der Straße hinjagte. Tonsard, Courte-Cuisse und Vaudoyer eilten schnell hinaus und sahen Michaud durchs Dorf reiten.

»Wie er seine Sache versteht!« sagte Courte-Cuisse, »er ist längs des Perrons heruntergekommen und reitet über Blangy, das ist der sicherste Weg . . .«

»Ja, aber er wird Monsieur Gourdon bei sich haben,« sagte Tonsard.

»Er wird ihn vielleicht nicht antreffen,« warf Courte-Cuisse ein, »man erwartete ihn in Conches der Postmeisterin wegen, die zu dieser Stunde alles auf den Kopf stellt!«

»Dann wird er aber die Hauptstraße von Soulanges nach Conches nehmen, das ist der kürzeste Weg.«

»Das ist für uns der sicherste,« sagte Courte-Cuisse, »in diesem Augenblick scheint der Mond hübsch hell; auf der Hauptstraße gibt's keine Wächter wie in den Wäldern. Man hört weit; und da wo die Pavillons hinter den Hecken an den kleinen Wald stoßen, könnte man auf einen Menschen von hinten, wie auf einen Hasen, auf fünfhundert Schritte zielen . . .«

»Es wird halb zwölf sein, wenn er dort vorbeikommt,« sagte Tonsard; »er wird 'ne halbe Stunde brauchen, um nach Soulanges zu kommen, und eben so viel zur Rückkehr . . . Ei, meine Kinder, wenn Monsieur Gourdon unterwegs wäre . . .«

»Mach dir doch keine Sorge,« sagte Courte-Cuisse, »ich werde zehn Minuten von dir entfernt stehen, auf dem direkten Wege von Blangy nach Soulanges, Vaudoyer wird zehn Minuten von dir nach Conches zu stehen, und wenn jemand kommt, ein Postwagen, die Briefpost, die Gendarmen, kurz, wer's sein möge, geben wir einen Schuß in die Erde ab, einen gedämpften Schuß!«

»Und wenn ich ihn verfehle? . . .«

»Er hat recht,« sagte Courte-Cuisse. – »Ich bin ein besserer Schütze als du. Vaudoyer soll mit dir gehen. Bonnébault wird mich ersetzen, wird einen Schrei ausstoßen, der läßt sich besser vernehmen und ist weniger verdächtig.«

Alle drei gingen wieder hinein; die Hochzeit wurde weiter gefeiert. Nur um elf Uhr gingen Vaudoyer, Courte-Cuisse, Tonsard und Bonnébault mit ihren Flinten hinaus, ohne daß eines der Weiber acht darauf gab. Sie kamen übrigens dreiviertel Stunden später wieder zurück und beschäftigten sich bis ein Uhr morgens mit Trinken. Tonsards beide Töchter, ihre Mutter und die Bonnébault hatten den Müller, die Tagelöhner und die beiden Bauern wie Fourchon so lange trinken lassen, bis sie sich auf den Fußboden langgelegt hatten und, als die vier Gäste aufbrachen, schnarchten. Bei ihrer Rückkehr schüttelten sie die Schläfer, die sie jeden an seinem Platze fanden.

Während diese Orgie ihren Lauf nahm, war Michauds Haus in tödlichster Aufregung. Olympe hatte falsche Wehen gehabt und ihr Gatte war in der Meinung, daß sie niederkäme, auf der Stelle und in aller Hast fortgeritten, um den Arzt zu holen. Die Schmerzen der armen Frau ließen aber nach, sowie Michaud draußen war; denn ihr Geist beschäftigte sich so sehr mit den Gefahren, die ihr Ehemann zu dieser vorgerückten Stunde in einem feindlichen Lande voll entschlossener Taugenichtse laufen konnte, daß die Seelenangst mächtig genug war, ihre physischen Schmerzen für den Augenblick abzuschwächen und zu beherrschen. Ihre Magd hatte gut wiederholen, daß ihre Aengste eingebildet seien; es sah nicht so aus, als ob sie sie verstände. Sie blieb in ihrem Zimmer im Ofenwinkel und lieh allen Geräuschen draußen ihr Ohr. In ihrem von Sekunde zu Sekunde wachsenden Schrecken hatte sie den Knecht in der Absicht aufstehen lassen, ihm einen Befehl zu geben, den sie dann nicht erteilte. Die arme Frau fiel von einer fieberhaften Aufregung in die andere. Sie schaute durch die Fenster, öffnete sie trotz der Kälte, ging hinunter, machte die Hoftür auf, spähte in die Weite, lauschte . . .

»Nichts . . . immer nichts!« sagte sie. Verzweifelt kam sie wieder herauf. Ein Viertel nach Mitternacht ungefähr schrie sie:

»Er ist da; ich höre sein Pferd! . . .«

Vom Knechte gefolgt, ging sie hinunter, der Knecht schickte sich an, das Tor zu öffnen.

»Es ist seltsam,« sagte sie, »er kommt durch die Wälder von Conches zurück!«

Dann blieb sie wie von Entsetzen geschlagen, unbeweglich, ohne Stimme.

Der Knecht teilte ihr Entsetzen; denn der wütende Galopp des Pferdes und das Zusammenschlagen der leeren Steigbügel war etwas Unheimliches. Dazu kam das bedeutsame Wiehern, das Pferde ausstoßen, wenn sie allein sind. Bald, nur zu bald für die unglückliche Frau erschien das Pferd schnaubend und schweißbedeckt am Gitter, doch allein. Es hatte seine Zügel, in die es sich wahrscheinlich verwickelt hatte, zerrissen.

Mit verstörter Miene sah Olympe den Knecht das Gatter öffnen; sie erblickte das Pferd, und ohne ein Wort zu sagen, begann sie wie eine Wahnsinnige nach dem Schlosse zu laufen. Dort angelangt, fiel sie unter des Generals Fenster zu Boden und schrie:

»Gnädiger Herr, sie haben ihn ermordet!«

Dieser Schrei war so schrecklich, daß er den Grafen aufweckte. Er läutete, brachte das ganze Haus auf die Beine, und Madame Michauds Seufzer, die, auf der Erde liegend, ein totes Kind zur Welt brachte, zogen den General und seine Leute herbei. Man hob die arme sterbende Frau auf; sie hauchte ihr Leben aus, indem sie zu dem General sagte:

»Sie haben ihn getötet!«

»Joseph,« schrie der Graf seinem Kammerdiener zu, »holen Sie schnell den Arzt! Vielleicht ist noch Rettung möglich . . . Nein, bitten Sie vielmehr den Herrn Pfarrer zu kommen; denn die arme Frau ist wohl tot und ihr Kind auch . . . Mein Gott! Mein Gott! Welch ein Glück, daß meine Frau nicht da ist! . . . Und Sie,« sagte er zum Gärtner, »sehen Sie nach, was geschehen ist!«

»Es ist geschehen,« erwiderte der Knecht aus dem Pavillon, »daß Monsieur Michauds Pferd ganz allein zurückgekommen ist, mit zerrissenen Zügeln, blutigen Beinen . . . Eine Blutspur ist auch auf dem Sattel zu sehen, wie von einer strömenden Wunde.«

»Was läßt sich in der Nacht tun?« fragte der Graf. »Weckt Groison auf, sucht die Wächter, sattelt die Pferde, wir wollen die Gegend absuchen! . . .«

Mit dämmerndem Tage durchforschten acht Personen, der Graf, Groison, die drei Wächter und zwei Gendarmen, die mit dem Unteroffizier aus Soulanges gekommen waren, das Land. Um Mittag fand man schließlich des Hauptwächters Leichnam in einem Gehölz zwischen der Hauptstraße und dem Wege nach Ville-aux-Fayes, am Rande des Parks von Les Aigues, fünfhundert Schritte von dem Conchestor.

Die beiden Gendarmen ritten fort, einer nach Ville-aux-Fayes, um den Staatsanwalt zu holen, der andere nach Soulanges zum Friedensrichter. Unterdessen nahm der General mit Hilfe des Unteroffiziers ein Protokoll auf. Man fand auf der Straße in der Höhe des zweiten Pavillons den Hufeindruck eines sich aufbäumenden und die kräftigen Spuren eines erschreckten, galoppierenden Pferdes, die bis zum ersten Waldpfade unterhalb der Hecke führten. Als das Pferd führerlos war, hatte es diesen Weg eingeschlagen. Michauds Hut wurde auf diesem Pfade gefunden. Um in seinen Stall zurückzukommen, hatte das Pferd den kürzesten Weg genommen. Michaud hatte eine Kugel im Rücken sitzen, die Wirbelsäule war zertrümmert.

Groison und der Unteroffizier studierten mit bemerkenswertem Scharfsinn das Terrain um den Hufeindruck herum, den »Schauplatz des Verbrechens«, wie man im Gerichtsstil sagt, konnten aber keine Indizien entdecken. Die Erde war zu hart gefroren, als daß man die Fußspur dessen, der Michaud getötet hatte, hätte finden können; nur die Papierhülse einer Patrone fanden sie. Als der Staatsanwalt, der Untersuchungsrichter und Monsieur Gourdon ankamen, um die Leiche aufzuheben und die Leichenschau vorzunehmen, wurde festgestellt, daß die Kugel, die mit den Ueberresten der Patrone übereinstimmte, eine aus einem Kommißgewehr abgeschossene Kommißkugel war, und in der Gemeinde Blangy gab es nicht ein einziges Kommißgewehr. Der Untersuchungsrichter und Monsieur Soudry, der Staatsanwalt, waren am Abend im Schlosse der Meinung, man sollte die wesentlichen Bestandteile der Untersuchung zusammentragen und dann abwarten. Das war auch die Meinung des Kavallerie-Unteroffiziers und des Leutnants der Gendarmerie von Ville-aux-Fayes.

»Ganz gewiß ist's eine zwischen den Bauern abgekartete Sache,« sagte der Kavallerieunteroffizier; »doch gibt's zwei Gemeinden, Conches und Blangy, und in jeder gibt es fünf oder sechs Leute, welche die Tat begangen haben könnten. Der, auf den ich den stärksten Verdacht habe, Tonsard, hat die Nacht durchgezecht; aber Ihr Adjunkt, Herr General, war ja bei der Hochzeit: Langlumé, Ihr Müller, er hat sie nicht verlassen. Sie waren so betrunken, daß sie sich nicht auf den Beinen halten konnten; die junge Frau haben sie um halb zwei heimgeleitet, und des Pferdes Ankunft zeigt an, daß Michaud zwischen elf und zwölf Uhr nachts getötet wurde.

Um zehneinhalb hat Groison die ganze Hochzeitsgesellschaft um den Tisch herum sitzen sehen und Monsieur Michaud ist auf dem Wege nach Soulanges, wo er um elf Uhr angekommen ist, dort vorbeigeritten. Sein Pferd hat zwischen den Pavillons an der Straße gescheut, er kann aber auch den Schuß vor Blangy empfangen haben und sich noch einige Zeit auf dem Pferde gehalten haben. Man muß Gerichtsbeschlüsse gegen zwanzig Personen wenigstens erlassen und alle Verdächtigen festnehmen. Doch die Herren kennen die Bauern nicht, wie ich sie kenne: Sie würden sie ein Jahr über im Gefängnis halten und nichts dadurch erreichen als Ableugnungen. Was wollen Sie mit allen denen machen, die bei Tonsard waren?«

Man ließ Langlumé kommen, den Müller und Adjunkten des Generals von Montcornet, und er erzählte, wie er den Abend verbracht. Alle waren sie in der Schenke, nur für einige Augenblicke war man auf den Hof hinausgetreten . . . Er war gegen elf Uhr mit Tonsard dorthin gegangen, sie hatten vom Mond und vom Wetter gesprochen und nichts gehört. Er nannte alle Gäste; keiner von ihnen hatte die Schenke verlassen. Gegen zwei Uhr hatten sie alle die Jungverheirateten nach Hause geleitet.

Der General kam mit dem Kavallerieunteroffizier, dem Gendarmerieleutnant und dem Staatsanwalt überein, von Paris aus einen geschickten Agenten der Sicherheitspolizei zu schicken, der als Arbeiter ins Schloß kommen und sich so schlecht aufführen sollte, daß man ihn fortschicken müsse. Er sollte im »Grand-I-Vert« zechen, dort Stammgast werden und, mit dem General unzufrieden, im Lande bleiben. Das war der beste Plan, den man befolgen konnte, um eine Indiskretion aufzufangen und sie schnell aufzugreifen.

»Und wenn ich zwanzigtausend Franken ausgeben müßte, schließlich werde ich den Mörder meines armen Michaud herauskriegen,« wiederholte der General von Montcornet unermüdlich.

Mit diesem Gedanken reiste er ab und kehrte im Januar aus Paris zurück mit einem der gewiegtesten Gehilfen des Chefs der Sicherheitspolizei, der sich in Les Aigues einrichtete, um angeblich die Arbeiten im Innern des Schlosses zu leiten. Er verübte Wilddiebereien. Man zeigte ihn an, der General setzte ihn vor die Tür und kam im Februar nach Paris zurück.

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